
HEINRICH HEINE
Abb.: Deutsches Historisches Museum
Heinrich Heine, neben Goethe wohl der bedeutendste deutsche Dichter des 19. Jahrhunderts, wurde 1797 in Düsseldorf geboren. Seine Jugend war geprägt von der französischen Herrschaft im Rheinland, die für die Ausbreitung freiheitlicher Ideen in der Stadt sorgte. Wohl auch wegen seiner sehr liberalen Einstellung scheiterten Heines Versuche, nach dem Jurastudium einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen, und er wandte sich vollständig dem Schreiben und Dichten zu. Als begeisterter Anhänger der Pariser Julirevolution siedelte Heine im Mai 1831 in die französische Hauptstadt über. Hier setzte er sich als politischer Publizist vor allem für die gegenseitige Aufklärung der „Erbfeinde“ Deutschland und Frankreich ein. Durch seine kritischen Schriften erregte Heine jedoch die Aufmerksamkeit der Autoritäten in Deutschland, die ihn einer strikten Zensur unterwarfen. Nach kurzzeitiger Zurückhaltung veröffentlichte er ab etwa 1840 wieder Werke mit stärkerer politischer Ausrichtung. Dies gipfelte 1844 in „Deutschland. Ein Wintermärchen“, worin Heine offene und scharfe Kritik an den deutschen Zuständen übte. Auch seine Gedichte wiesen häufig eindeutige politische Zielsetzungen auf. Nach langer Krankheit starb Heinrich Heine am 17. Februar 1856 in Paris.
Heinrich Heine wird am 13. Dezember 1797 als Harry Heine in Düsseldorf geboren.
Beginn des juristischen Studiums in Bonn, später in Göttingen und Berlin. Während dieser Zeit belegt er Vorlesungen über altdeutsche Literatur und Geschichte und wird Mitglied einer Burschenschaft.
Heine legt sein juristisches Examen ab und lässt sich protestantisch taufen, um Nachteile aufgrund seiner jüdischen Herkunft zu vermeiden.
Umzug nach Paris.
Veröffentlichung der „Französischen Zustände“, einer Sammlung von Artikeln, die Heinrich Heine für die „Allgemeine Zeitung“ geschrieben hatte.
Publikation der Abhandlung „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“, in welcher Heine Deutschland eine baldige politische Revolution voraussagt.
Verbot bzw. strenge Zensur der Schriften Heinrich Heines durch den Deutschen Bundestag in Frankfurt (Beschluss vom 10. Dezember 1835).
Veröffentlichung des Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“.
Heinrich Heine erkrankt schwer und bleibt bis zu seinem Tod an sein Krankenbett gefesselt. Dennoch veröffentlicht er weiterhin literarische Werke, so unter anderem den Gedichtband „Romanzero“ im Jahr 1851.
Tod am 17. Februar 1856 in Paris.
In der Tat, wir sind die Besiegten, und seit die heroische Überlistung auch offizielle beurkundet worden, seit der Promulgation der deplorabelen Bundestagsbeschlüsse vom 28. Junius¹, erkrankt uns das Herz in der Brust vor Kummer und Zorn.
Armes, unglückliches Vaterland! welche Schande steht dir bevor, wenn du sie erträgst, diese Schmach! welche Schmerzen, wenn du sie nicht erträgst!
Nie ist ein Volk von seinen Machthabern grausamer verhöhnt worden. Nicht bloß, dass jene Bundestagsordonnanzen voraussetzen, wir ließen uns alles gefallen: man möchte uns dabei noch einreden, es geschehe uns ja eigentlich gar kein Leid oder Unrecht. Wenn ihr aber auch mit Zuversicht auf knechtliche Unterwürfigkeit rechnen durftet, so hattet ihr doch kein Recht, uns für Dummköpfe zu halten. Eine Handvoll Junker, die nichts gelernt haben als ein bisschen Rosstäuscherei, Volteschlagen, Becherspiel oder sonstig plumpe Schelmenkünste, womit man höchstens nur Bauern auf Jahrmärkten übertölpeln kann: diese wähnen damit ein ganzes Volk betören zu können, und zwar ein Volk, welches das Pulver erfunden hat und die Buchdruckerei und die „Kritik der reinen Vernunft“. Diese unverdiente Beleidigung, dass ihr uns für noch dümmer gehalten, als ihr selber seid, und euch einbildet, uns täuschen zu können, das ist die schlimmere Beleidigung, die ihr uns zugefügt in Gegenwart der umstehenden Völker. […] Weiterlesen
1 Mit den sog. „Sechs Artikeln“ vom 28. Juni 1832 wurden die Rechte der Volksvertretungen in den konstitutionellen Staaten als Reaktion auf das Hambacher Fest stark eingeschränkt.
Armes Volk der Deutschen! Damals, während ihr euch ausruhet von dem Kampfe für eure Fürsten und die Brüder begrubet, die in diesem Kampfe gefallen, und euch einander die treuen Wunden verbandet und lächelnd euer Blut noch rinnen saht aus der vollen Brust, die so voll Freude und Vertrauen war, so voll Freude wegen der Rettung der geliebten Fürsten, so voll Vertrauen auf die menschlich heiligsten Gefühle der Dankbarkeit: damals, dort unten zu Wien, in den alten Werkstätten der Aristokratie, schmiedete man die Bundesakte!
Sonderbar! Eben der Fürst, der seinem Volke am meisten Dank schuldig war, der deshalb seinem Volke eine repräsentative Verfassung, eine volkstümliche Konstitution, wie andere freie Völker sie besitzen, in jener Zeit der Not versprochen hat, schwarz auf weiß versprochen und mit den bestimmtesten Worten versprochen hat: dieser Fürst hat jetzt jene anderen deutschen Fürsten, die sich verpflichtet gehalten, ihren Untertanen eine freie Verfassung zu erteilen, ebenfalls zu Wortbruch und Treulosigkeit zu verführen gewusst, und er stützt sich jetzt auf die Wiener Bundesakte, um die kaum emporgeblühten deutschen Konstitutionen zu vernichten, er, welcher, ohne zu erröten, das Wort „Konstitution“ nicht einmal aussprechen dürfte!
Ich rede von Sr. Majestät Friedrich Wilhelm, dritten des Namens, König von Preußen.
[…]
Ihr braucht euch nicht zu fürchten², denn ihr seid mächtig und weise. Ihr habt Gold und Flinten, und was feil ist, könnt ihr kaufen, und was sterblich ist, könnt ihr töten. Eurer Weisheit kann man ebensowenig widerstehen. Jeder von euch ist ein Salomo, und es ist schade, dass die Königin von Saba, die schöne Frau, nicht mehr lebt; ihr hättet sie bis aufs Hemd enträtselt. Dann habt ihr auch eiserne Töpfe, worin ihr diejenigen einsperren könnt, die euch etwas zu raten aufgeben, wovon ihr nichts wissen wollt, und ihr könnt sie versiegeln und ins Meer der Vergessenheit versenken; alles wie König Salomo. Gleich diesem versteht ihr auch die Sprache der Vögel. Ihr wisst alles, was im Lande gezwitschert und gepfiffen wird, und missfällt euch der Gesang eines Vogels, so habt ihr eine große Schere, womit ihr ihm den Schnabel zurecht schneidet, und wie ich höre, wollt ihr euch eine noch größere Schere anschaffen für die, welche über zwanzig Bogen singen³.
2 Heinrich Heine meint hier König Friedrich Wilhelm III.
3 Zu diesem Zeitpunkt waren Bücher mit einem Umfang von mehr als 20 Bogen noch zensurfrei.
2 Heinrich Heine meint hier König Friedrich Wilhelm III.
3 Zu diesem Zeitpunkt waren Bücher mit einem Umfang von mehr als 20 Bogen noch zensurfrei.
Noch immer, wenn ich meine deutschen Republikaner betrachte, reibe ich mir die Augen und sage zu mir selber: träumst du etwa? Lese ich gar die „Deutsche Tribüne“ und ähnliche Blätter, so frage ich mich: wer ist denn der große Dichter, der dies alles erfindet? […]
Ist es wirklich wahr, dass das stille Traumland in lebendige Bewegung geraten? Wer hätte das vor dem Julius 1830 denken können! Goethe mit seinem Eiapopeia, die Pietisten mit ihrem langweiligen Gebetbücherton, die Mystiker mit ihrem Magnetismus hatten Deutschland völlig eingeschläfert, und weit und breit, regungslos, lag alles und schlief. […]
Seitdem, geweckt von den Kanonen der großen Woche, ist Deutschland erwacht, und jeder, der bisher geschwiegen, will das Versäumte schnell wieder einholen, und das ist ein redseliger Lärm und ein Gepolter, und dabei wird Tabak geraucht, und aus den dunklen Dampfwolken droht ein schreckliches Gewitter. […]
Es ist leicht vorauszusehen, dass die Idee einer Republik, wie sie jetzt viele deutsche Geister erfasst, keineswegs eine vorübergehende Grille ist. Den Doktor Wirth und den Siebenpfeifer und Herrn Scharpf und Georg Fein aus Braunschweig und Grosse und Schüler und Savoye, man kann sie festsetzen, und man wird sie festsetzen; aber ihre Gedanken bleiben frei und schweben frei wie Vögel in den Lüften. Wie Vögel nisten sie in den Wipfeln deutscher Eichen, und vielleicht ein halb Jahrhundert lang sieht man und hört man nichts von ihnen, bis sie eines schönen Sommermorgens auf dem öffentlichen Markte zum Vorschein kommen, großgewachsen, gleich dem Adler des obersten Gottes, und mit Blitzen in den Krallen. Was ist denn ein halb oder gar ein ganzes Jahrhundert? Die Völker haben Zeit genug, sie sind ewig; nur die Könige sind sterblich.
Ich glaube nicht so bald an eine deutsche Revolution und noch viel weniger an eine deutsche Republik; letztere erlebe ich auf keinen Fall; aber ich bin überzeugt, wenn wir längst ruhig in unseren Gräbern vermodert sind, kämpft man in Deutschland mit Wort und Schwert für die Republik. Denn die Republik ist eine Idee, und noch nie haben die Deutschen eine Idee aufgegeben, ohne sie bis in allen ihren Konsequenzen durchgefochten zu haben.
Aber ich weiß, die Frage der Pressfreiheit, die jetzt in Deutschland zu heftig diskutiert wird, knüpft sich bedeutungsvoll an die obigen Betrachtungen, und ich glaube, ihre Lösung ist nicht schwer, wenn man bedenkt, dass die Pressfreiheit nichts anderes ist als die Konsequenz der Denkfreiheit und folglich ein protestantisches Recht. Für Rechte dieser Art hat der Deutsche schon sein bestes Blut gegeben, und er dürfte wohl dahin gebracht werden, noch einmal in die Schranken zu treten.
Dasselbe ist anwendbar auf die Frage von der akademischen Freiheit, die jetzt so leidenschaftlich die Gemüter in Deutschland bewegt. Seit man entdeckt zu haben glaubt, dass auf den Universitäten am meisten politische Aufregung, nämlich Freiheitsliebe, herrscht, seitdem wird den Souveränen von allen Seiten insinuiert, dass man diese Institute unterdrücken oder doch wenigstens in gewöhnliche Unterrichtsanstalten verwandeln müsse. Da werden nun Pläne geschmiedet und das pro und contra diskutiert. Die öffentlichen Gegner der Universitäten, ebensowenig wie die öffentlichen Verteidiger, die wir bisher vernommen, scheinen aber die letzten Gründe der Frage nicht zu verstehen. Jene begreifen nicht, dass die Jugend überall und unter allen Disziplinen für die Interessen der Freiheit begeistert sein wird, und dass, wenn man die Universitäten unterdrückt, jene begeisterte Jugend anderswo, und vielleicht in Verbindung mit der Jugend des Handelsstandes und der Gewerbe, sich desto tatkräftiger aussprechen wird.
Lessing starb zu Braunschweig, im Jahre 1781, verkannt, gehasst und verschrien. In demselben Jahre erschien zu Königsberg die Kritik der reinen Vernunft von Immanuel Kant. Mit diesem Buche, welches durch sonderbare Verzögerung erst am Ende der achtziger Jahre allgemein bekannt wurde, beginnt eine geistige Revolution in Deutschland, die mit der materiellen Revolution in Frankreich die sonderbarsten Analogien bietet, und dem tieferen Denker ebenso wichtig dünken muss wie jene. Sie entwickelt sich mit denselben Phasen, und zwischen beiden herrscht der merkwürdigste Parallelismus. Auf beiden Seiten des Rheines sehen wir denselben Bruch mit der Vergangenheit, der Tradition wird alle Ehrfurcht aufgekündigt; wie hier in Frankreich jedes Recht, so muss dort in Deutschland jeder Gedanke sich justifizieren, und wie hier das Königtum, der Schlussstein der alten sozialen Ordnung, so stürzt dort der Deismus, der Schlussstein des geistigen alten Regimes.
Mich dünkt, ein methodisches Volk, wie wir, musste mit der Reformation beginnen, konnte erst hierauf sich mit der Philosophie beschäftigen, und durfte nur nach deren Vollendung zur politischen Revolution übergehen. Diese Ordnung finde ich ganz vernünftig. Die Köpfe, welche die Philosophie zum Nachdenken benutzt hat, kann die Revolution nachher zu beliebigen Zwecken abschlagen. Die Philosophie hätte aber nimmermehr die Köpfe gebrauchen können, die von der Revolution, wenn diese ihr vorherging, abgeschlagen worden wären. Lasst euch aber nicht bange sein, ihr deutschen Republikaner; die deutsche Revolution wird darum nicht milder und sanfter ausfallen, weil ihr die Kantsche Kritik, der Fichtesche Transzendentalismus und gar die Naturphilosophie vorausging. Durch diese Doktrinen haben sich revolutionäre Kräfte entwickelt, die nur des Tages harren, wo sie hervorbrechen und die Welt mit Entsetzen und Bewunderung erfüllen können. Es werden Kantianer zum Vorschein kommen, die auch in der Erscheinungswelt von keiner Pietät etwas wissen wollen, und erbarmungslos mit Schwert und Beil den Boden unseres europäischen Lebens durchwühlen, um auch die letzten Wurzeln der Vergangenheit auszurotten. […]
Der Gedanke geht der Tat voraus, wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig, und kommt langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wisst: der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. Bei diesem Geräusche werden die Adler aus der Luft tot niederfallen, und die Löwen in der fernsten Wüste Afrikas werden die Schwänze einkneifen und sich in ihren königlichen Höhlen verkriechen. Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte. Jetzt ist es freilich ziemlich still; und gebärdet sich auch dort der eine oder der andere etwas lebhaft, so glaubt nur nicht, diese würden einst als wirkliche Akteure auftreten. Es sind nur die kleinen Hunde, die in der leeren Arena herumlaufen und einander anbellen und beißen, ehe die Stunde erscheint, wo dort die Schar der Gladiatoren anlangt, die auf Tod und Leben kämpfen sollen.
Und die Stunde wird kommen. Wie auf den Stufen eines Amphitheaters werden die Völker sich um Deutschland herumgruppieren, um die großen Kampfspiele zu betrachten.
Solang’ ich den deutschen Michel gekannt,
War er ein Bärenhäuter;
Ich dachte im März, er hat sich ermannt
Und handelt fürder gescheuter.
Wie stolz erhob er das blonde Haupt
Vor seinen Landesvätern!
Wie sprach er – was doch unerlaubt –
Von hohen Landesverrätern.
Das klang so süß zu meinem Ohr
Wie märchenhafte Sagen,
Ich fühlte, wie ein junger Thor,
Das Herz mir wieder schlagen.
Doch als die schwarz-rot-goldne Fahn’,
Der altgermanische Plunder,
Aufs neu’ erschien, da schwand mein Wahn
Und die süßen Märchenwunder.
Ich kannte die Farben in diesem Panier
Und ihre Vorbedeutung:
Von deutscher Freiheit brachten sie mir
Die schlimmste Hiobszeitung.
Schon sah ich den Arndt, den Vater Jahn –
Die Helden aus andern Zeiten
Aus ihren Gräbern wieder nahn
Und für den Kaiser streiten.
Die Burschenschaftler allesamt
Aus meinen Jünglingsjahren,
Die für den Kaiser sich entflammt,
Wenn sie betrunken waren.
Ich sah das sündenergraute Geschlecht
Der Diplomaten und Pfaffen,
Die alten Knappen vom römischen Recht,
Am Einheitstempel schaffen –
Derweil der Michel geduldig und gut
Begann zu schlafen und schnarchen,
Und wieder erwachte unter der Hut
Von vierunddreißig Monarchen.
Während die Kleine von Himmelslust
Getrillert und musizieret,
Ward von den preußischen Douaniers
Mein Koffer visitieret.
Beschnüffelten alles, kramten herum
In Hemden, Hosen, Schnupftüchern;
Sie suchten nach Spitzen, nach Bijouterien,
Auch nach verbotenen Büchern.
Ihr Thoren, die ihr im Koffer sucht!
Hier werdet ihr nichts entdecken!
Die Konterbande, die mit mir reist,
Die hab’ ich im Kopfe stecken
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Hier hab’ ich Spitzen, die keiner find
Als die von Brüssel und Mecheln,
Und pack’ ich einst meine Spitzen aus,
Sie werden euch sticheln und hecheln.
Im Kopfe trage ich Bijouterien,
Der Zukunft Krondiamanten,
Die Tempelkleinodien des neuen Gotts,
Des großen Unbekannten.
Und viele Bücher trag’ ich im Kopf!
Ich darf es euch versichern,
Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest
Von konfiszierten Büchern.
Glaubt mir, in Satans Bibliothek
Kann es nicht schlimmere geben;
Sie sind gefährlicher noch, als die
Von Hoffmann von Fallersleben!
Ein Passagier, der neben mir stand,
Bemerkte mir, ich hätte
Jetzt vor mir den preußischen Zollverein,
Die große Douanenkette.
„Der Zollverein“ – bemerkte er –
„Wird unser Volkstum begründen,
Er wird das zersplitterte Vaterland
Zu einem Ganzen verbinden.
„Er gibt die äußere Einheit uns,
Die sogenannt materielle;
Die geistige Einheit gibt uns die Zensur,
Die wahrhaft ideelle –
„Sie gibt die innere Einheit uns,
Die Einheit im Denken und Sinnen;
Ein einiges Deutschland tut uns not,
Einig nach außen und innen
Ich habe mich mit dem Kaiser gezankt
Im Traum, im Traum versteht sich, –
Im wachenden Zustand sprechen wir nicht
Mit Fürsten so widersetzig.
Nur träumend, im idealen Traum,
Wagt ihnen der Deutsche zu sagen
Die deutsche Meinung, die er so tief
Im treuen Herzen getragen.
Minden ist eine feste Burg,
Hat gute Wehr und Waffen!
Mit preußischen Festungen hab’ ich jedoch
Nicht gerne was zu schaffen.
[…]
Verfluchter Quast! der die ganze Nacht
Die liebe Ruhe mir raubte!
Er hing mir, wie des Damokles Schwert,
So drohend über dem Haupte!
Schien manchmal ein Schlangenkopf zu sein,
Und ich hörte ihn heimlich zischen:
„Du bist und bleibst in der Festung jetzt,
Du kannst nicht mehr entwischen!“
„O, dass ich wäre“ – seufzte ich –
„Dass ich zu Hause wäre,
Bei meiner lieben Frau in Paris,
Im Faubourg Poissonière!“
Ich fühlte, wie über die Stirne mir
Auch manchmal etwas gestrichen,
Gleich einer kalten Zensorhand,
Und meine Gedanken wichen –
Gendarmen, in Leichenlaken gehüllt,
Ein weißes Spukgewirre,
Umringte mein Bett, ich hörte auch
Unheimliches Kettengeklirre.
Ach! die Gespenster schleppten mich fort,
Und ich hab’ mich endlich befunden
An einer steilen Felsenwand;
Dort war ich festgebunden.
Der böse, schmutzige Betthimmelquast!
Ich fand ihn gleichfalls wieder,
Doch sah er jetzt wie ein Geier aus,
Mit Krallen und schwarzem Gefieder.
Er glich dem preußischen Adler jetzt,
Und hielt meinen Leib umklammert;
Er fraß mir die Leber aus der Brust,
Ich habe gestöhnt und gejammert.
Ich jammerte lange – da krähte der Hahn,
Und der Fiebertraum erblasste.
Ich lag zu Minden im schwitzenden Bett,
Der Adler ward wieder zum Quaste.
Ich reiste fort mit Extrapost,
Und schöpfte freien Odem
Erst draußen in der freien Natur
Auf bückeburg´schem Boden.
Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Altdeutschland wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch –
Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten,
In Winterkälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft, gefoppt und genarrt –
Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpresst
Und uns wie Hunde erschießen lässt –
Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt –
Wir weben, wir weben!
Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht –
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch –
Wir weben, wir weben!
(Auswahl)
Die schlesischen Weber, in: Windfuhr, Manfred (Hrsg.): Heinrich Heine: Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. Band 2. Neue Gedichte, Hamburg 1983, S. 150.
Deutschland. Ein Wintermärchen, in: Elster, Ernst (Hrsg.): Heinrich Heines sämtliche Werke. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe, Band 2, Leipzig/Wien 1898, S. 423–494.
Michel nach dem März, in: Elster, Ernst (Hrsg.): Heinrich Heines sämtliche Werke. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe, Band 2, 4. Buch, Zeitgedichte, Leipzig/Wien 1898, S. 187–188.
Französische Zustände, in: Elster, Ernst (Hrsg.): Heinrich Heines sämtliche Werke. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe, Band 5, Leipzig/Wien 1898, S. 1–204.
Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, in: Karpeles, Gustav (Hrsg.): Heinrich Heines gesammelte Werke. Kritische Gesamtausgabe. Fünfter Band, Berlin 1893; S. 2–143.
Galley, Eberhard: "Heine, Christian Johann Heinrich (bis 1825 Harry)" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 286-291.
Hauschild, Jan-Christoph/Werner, Michael: Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst. Heinrich Heine. Eine Biografie, Köln 1997.
HEINRICH HEINE

Abb.: Deutsches Historisches Museum
Heinrich Heine, neben Goethe wohl der bedeutendste deutsche Dichter des 19. Jahrhunderts, wurde 1797 in Düsseldorf geboren. Seine Jugend war geprägt von der französischen Herrschaft im Rheinland, die für die Ausbreitung freiheitlicher Ideen in der Stadt sorgte. Wohl auch wegen seiner sehr liberalen Einstellung scheiterten Heines Versuche, nach dem Jurastudium einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen, und er wandte sich vollständig dem Schreiben und Dichten zu. Als begeisterter Anhänger der Pariser Julirevolution siedelte Heine im Mai 1831 in die französische Hauptstadt über. Hier setzte er sich als politischer Publizist vor allem für die gegenseitige Aufklärung der „Erbfeinde“ Deutschland und Frankreich ein. Durch seine kritischen Schriften erregte Heine jedoch die Aufmerksamkeit der Autoritäten in Deutschland, die ihn einer strikten Zensur unterwarfen. Nach kurzzeitiger Zurückhaltung veröffentlichte er ab etwa 1840 wieder Werke mit stärkerer politischer Ausrichtung. Dies gipfelte 1844 in „Deutschland. Ein Wintermärchen“, worin Heine offene und scharfe Kritik an den deutschen Zuständen übte. Auch seine Gedichte wiesen häufig eindeutige politische Zielsetzungen auf. Nach langer Krankheit starb Heinrich Heine am 17. Februar 1856 in Paris.
Heinrich Heine wird am 13. Dezember 1797 als Harry Heine in Düsseldorf geboren.
Beginn des juristischen Studiums in Bonn, später in Göttingen und Berlin. Während dieser Zeit belegt er Vorlesungen über altdeutsche Literatur und Geschichte und wird Mitglied einer Burschenschaft.
Heine legt sein juristisches Examen ab und lässt sich protestantisch taufen, um Nachteile aufgrund seiner jüdischen Herkunft zu vermeiden.
Umzug nach Paris.
Veröffentlichung der „Französischen Zustände“, einer Sammlung von Artikeln, die Heinrich Heine für die „Allgemeine Zeitung“ geschrieben hatte.
Publikation der Abhandlung „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“, in welcher Heine Deutschland eine baldige politische Revolution voraussagt.
Verbot bzw. strenge Zensur der Schriften Heinrich Heines durch den Deutschen Bundestag in Frankfurt (Beschluss vom 10. Dezember 1835).
Veröffentlichung des Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“.
Heinrich Heine erkrankt schwer und bleibt bis zu seinem Tod an sein Krankenbett gefesselt. Dennoch veröffentlicht er weiterhin literarische Werke, so unter anderem den Gedichtband „Romanzero“ im Jahr 1851.
Tod am 17. Februar 1856 in Paris.
In der Tat, wir sind die Besiegten, und seit die heroische Überlistung auch offizielle beurkundet worden, seit der Promulgation der deplorabelen Bundestagsbeschlüsse vom 28. Junius¹, erkrankt uns das Herz in der Brust vor Kummer und Zorn.
Armes, unglückliches Vaterland! welche Schande steht dir bevor, wenn du sie erträgst, diese Schmach! welche Schmerzen, wenn du sie nicht erträgst!
Nie ist ein Volk von seinen Machthabern grausamer verhöhnt worden. Nicht bloß, dass jene Bundestagsordonnanzen voraussetzen, wir ließen uns alles gefallen: man möchte uns dabei noch einreden, es geschehe uns ja eigentlich gar kein Leid oder Unrecht. Wenn ihr aber auch mit Zuversicht auf knechtliche Unterwürfigkeit rechnen durftet, so hattet ihr doch kein Recht, uns für Dummköpfe zu halten. Eine Handvoll Junker, die nichts gelernt haben als ein bisschen Rosstäuscherei, Volteschlagen, Becherspiel oder sonstig plumpe Schelmenkünste, womit man höchstens nur Bauern auf Jahrmärkten übertölpeln kann: diese wähnen damit ein ganzes Volk betören zu können, und zwar ein Volk, welches das Pulver erfunden hat und die Buchdruckerei und die „Kritik der reinen Vernunft“. Diese unverdiente Beleidigung, dass ihr uns für noch dümmer gehalten, als ihr selber seid, und euch einbildet, uns täuschen zu können, das ist die schlimmere Beleidigung, die ihr uns zugefügt in Gegenwart der umstehenden Völker. […] Weiterlesen
1 Mit den sog. „Sechs Artikeln“ vom 28. Juni 1832 wurden die Rechte der Volksvertretungen in den konstitutionellen Staaten als Reaktion auf das Hambacher Fest stark eingeschränkt.
Armes Volk der Deutschen! Damals, während ihr euch ausruhet von dem Kampfe für eure Fürsten und die Brüder begrubet, die in diesem Kampfe gefallen, und euch einander die treuen Wunden verbandet und lächelnd euer Blut noch rinnen saht aus der vollen Brust, die so voll Freude und Vertrauen war, so voll Freude wegen der Rettung der geliebten Fürsten, so voll Vertrauen auf die menschlich heiligsten Gefühle der Dankbarkeit: damals, dort unten zu Wien, in den alten Werkstätten der Aristokratie, schmiedete man die Bundesakte!
Sonderbar! Eben der Fürst, der seinem Volke am meisten Dank schuldig war, der deshalb seinem Volke eine repräsentative Verfassung, eine volkstümliche Konstitution, wie andere freie Völker sie besitzen, in jener Zeit der Not versprochen hat, schwarz auf weiß versprochen und mit den bestimmtesten Worten versprochen hat: dieser Fürst hat jetzt jene anderen deutschen Fürsten, die sich verpflichtet gehalten, ihren Untertanen eine freie Verfassung zu erteilen, ebenfalls zu Wortbruch und Treulosigkeit zu verführen gewusst, und er stützt sich jetzt auf die Wiener Bundesakte, um die kaum emporgeblühten deutschen Konstitutionen zu vernichten, er, welcher, ohne zu erröten, das Wort „Konstitution“ nicht einmal aussprechen dürfte!
Ich rede von Sr. Majestät Friedrich Wilhelm, dritten des Namens, König von Preußen.
[…]
Ihr braucht euch nicht zu fürchten², denn ihr seid mächtig und weise. Ihr habt Gold und Flinten, und was feil ist, könnt ihr kaufen, und was sterblich ist, könnt ihr töten. Eurer Weisheit kann man ebensowenig widerstehen. Jeder von euch ist ein Salomo, und es ist schade, dass die Königin von Saba, die schöne Frau, nicht mehr lebt; ihr hättet sie bis aufs Hemd enträtselt. Dann habt ihr auch eiserne Töpfe, worin ihr diejenigen einsperren könnt, die euch etwas zu raten aufgeben, wovon ihr nichts wissen wollt, und ihr könnt sie versiegeln und ins Meer der Vergessenheit versenken; alles wie König Salomo. Gleich diesem versteht ihr auch die Sprache der Vögel. Ihr wisst alles, was im Lande gezwitschert und gepfiffen wird, und missfällt euch der Gesang eines Vogels, so habt ihr eine große Schere, womit ihr ihm den Schnabel zurecht schneidet, und wie ich höre, wollt ihr euch eine noch größere Schere anschaffen für die, welche über zwanzig Bogen singen³.
2 Heinrich Heine meint hier König Friedrich Wilhelm III.
3 Zu diesem Zeitpunkt waren Bücher mit einem Umfang von mehr als 20 Bogen noch zensurfrei.
Noch immer, wenn ich meine deutschen Republikaner betrachte, reibe ich mir die Augen und sage zu mir selber: träumst du etwa? Lese ich gar die „Deutsche Tribüne“ und ähnliche Blätter, so frage ich mich: wer ist denn der große Dichter, der dies alles erfindet? […]
Ist es wirklich wahr, dass das stille Traumland in lebendige Bewegung geraten? Wer hätte das vor dem Julius 1830 denken können! Goethe mit seinem Eiapopeia, die Pietisten mit ihrem langweiligen Gebetbücherton, die Mystiker mit ihrem Magnetismus hatten Deutschland völlig eingeschläfert, und weit und breit, regungslos, lag alles und schlief. […]
Seitdem, geweckt von den Kanonen der großen Woche, ist Deutschland erwacht, und jeder, der bisher geschwiegen, will das Versäumte schnell wieder einholen, und das ist ein redseliger Lärm und ein Gepolter, und dabei wird Tabak geraucht, und aus den dunklen Dampfwolken droht ein schreckliches Gewitter. […]
Es ist leicht vorauszusehen, dass die Idee einer Republik, wie sie jetzt viele deutsche Geister erfasst, keineswegs eine vorübergehende Grille ist. Den Doktor Wirth und den Siebenpfeifer und Herrn Scharpf und Georg Fein aus Braunschweig und Grosse und Schüler und Savoye, man kann sie festsetzen, und man wird sie festsetzen; aber ihre Gedanken bleiben frei und schweben frei wie Vögel in den Lüften. Wie Vögel nisten sie in den Wipfeln deutscher Eichen, und vielleicht ein halb Jahrhundert lang sieht man und hört man nichts von ihnen, bis sie eines schönen Sommermorgens auf dem öffentlichen Markte zum Vorschein kommen, großgewachsen, gleich dem Adler des obersten Gottes, und mit Blitzen in den Krallen. Was ist denn ein halb oder gar ein ganzes Jahrhundert? Die Völker haben Zeit genug, sie sind ewig; nur die Könige sind sterblich.
Ich glaube nicht so bald an eine deutsche Revolution und noch viel weniger an eine deutsche Republik; letztere erlebe ich auf keinen Fall; aber ich bin überzeugt, wenn wir längst ruhig in unseren Gräbern vermodert sind, kämpft man in Deutschland mit Wort und Schwert für die Republik. Denn die Republik ist eine Idee, und noch nie haben die Deutschen eine Idee aufgegeben, ohne sie bis in allen ihren Konsequenzen durchgefochten zu haben.
Aber ich weiß, die Frage der Pressfreiheit, die jetzt in Deutschland zu heftig diskutiert wird, knüpft sich bedeutungsvoll an die obigen Betrachtungen, und ich glaube, ihre Lösung ist nicht schwer, wenn man bedenkt, dass die Pressfreiheit nichts anderes ist als die Konsequenz der Denkfreiheit und folglich ein protestantisches Recht. Für Rechte dieser Art hat der Deutsche schon sein bestes Blut gegeben, und er dürfte wohl dahin gebracht werden, noch einmal in die Schranken zu treten.
Dasselbe ist anwendbar auf die Frage von der akademischen Freiheit, die jetzt so leidenschaftlich die Gemüter in Deutschland bewegt. Seit man entdeckt zu haben glaubt, dass auf den Universitäten am meisten politische Aufregung, nämlich Freiheitsliebe, herrscht, seitdem wird den Souveränen von allen Seiten insinuiert, dass man diese Institute unterdrücken oder doch wenigstens in gewöhnliche Unterrichtsanstalten verwandeln müsse. Da werden nun Pläne geschmiedet und das pro und contra diskutiert. Die öffentlichen Gegner der Universitäten, ebensowenig wie die öffentlichen Verteidiger, die wir bisher vernommen, scheinen aber die letzten Gründe der Frage nicht zu verstehen. Jene begreifen nicht, dass die Jugend überall und unter allen Disziplinen für die Interessen der Freiheit begeistert sein wird, und dass, wenn man die Universitäten unterdrückt, jene begeisterte Jugend anderswo, und vielleicht in Verbindung mit der Jugend des Handelsstandes und der Gewerbe, sich desto tatkräftiger aussprechen wird.
Lessing starb zu Braunschweig, im Jahre 1781, verkannt, gehasst und verschrien. In demselben Jahre erschien zu Königsberg die Kritik der reinen Vernunft von Immanuel Kant. Mit diesem Buche, welches durch sonderbare Verzögerung erst am Ende der achtziger Jahre allgemein bekannt wurde, beginnt eine geistige Revolution in Deutschland, die mit der materiellen Revolution in Frankreich die sonderbarsten Analogien bietet, und dem tieferen Denker ebenso wichtig dünken muss wie jene. Sie entwickelt sich mit denselben Phasen, und zwischen beiden herrscht der merkwürdigste Parallelismus. Auf beiden Seiten des Rheines sehen wir denselben Bruch mit der Vergangenheit, der Tradition wird alle Ehrfurcht aufgekündigt; wie hier in Frankreich jedes Recht, so muss dort in Deutschland jeder Gedanke sich justifizieren, und wie hier das Königtum, der Schlussstein der alten sozialen Ordnung, so stürzt dort der Deismus, der Schlussstein des geistigen alten Regimes.
Mich dünkt, ein methodisches Volk, wie wir, musste mit der Reformation beginnen, konnte erst hierauf sich mit der Philosophie beschäftigen, und durfte nur nach deren Vollendung zur politischen Revolution übergehen. Diese Ordnung finde ich ganz vernünftig. Die Köpfe, welche die Philosophie zum Nachdenken benutzt hat, kann die Revolution nachher zu beliebigen Zwecken abschlagen. Die Philosophie hätte aber nimmermehr die Köpfe gebrauchen können, die von der Revolution, wenn diese ihr vorherging, abgeschlagen worden wären. Lasst euch aber nicht bange sein, ihr deutschen Republikaner; die deutsche Revolution wird darum nicht milder und sanfter ausfallen, weil ihr die Kantsche Kritik, der Fichtesche Transzendentalismus und gar die Naturphilosophie vorausging. Durch diese Doktrinen haben sich revolutionäre Kräfte entwickelt, die nur des Tages harren, wo sie hervorbrechen und die Welt mit Entsetzen und Bewunderung erfüllen können. Es werden Kantianer zum Vorschein kommen, die auch in der Erscheinungswelt von keiner Pietät etwas wissen wollen, und erbarmungslos mit Schwert und Beil den Boden unseres europäischen Lebens durchwühlen, um auch die letzten Wurzeln der Vergangenheit auszurotten. […]
Der Gedanke geht der Tat voraus, wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig, und kommt langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wisst: der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. Bei diesem Geräusche werden die Adler aus der Luft tot niederfallen, und die Löwen in der fernsten Wüste Afrikas werden die Schwänze einkneifen und sich in ihren königlichen Höhlen verkriechen. Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte. Jetzt ist es freilich ziemlich still; und gebärdet sich auch dort der eine oder der andere etwas lebhaft, so glaubt nur nicht, diese würden einst als wirkliche Akteure auftreten. Es sind nur die kleinen Hunde, die in der leeren Arena herumlaufen und einander anbellen und beißen, ehe die Stunde erscheint, wo dort die Schar der Gladiatoren anlangt, die auf Tod und Leben kämpfen sollen.
Und die Stunde wird kommen. Wie auf den Stufen eines Amphitheaters werden die Völker sich um Deutschland herumgruppieren, um die großen Kampfspiele zu betrachten.
Solang’ ich den deutschen Michel gekannt,
War er ein Bärenhäuter;
Ich dachte im März, er hat sich ermannt
Und handelt fürder gescheuter.
Wie stolz erhob er das blonde Haupt
Vor seinen Landesvätern!
Wie sprach er – was doch unerlaubt –
Von hohen Landesverrätern.
Das klang so süß zu meinem Ohr
Wie märchenhafte Sagen,
Ich fühlte, wie ein junger Thor,
Das Herz mir wieder schlagen.
Doch als die schwarz-rot-goldne Fahn’,
Der altgermanische Plunder,
Aufs neu’ erschien, da schwand mein Wahn
Und die süßen Märchenwunder.
Ich kannte die Farben in diesem Panier
Und ihre Vorbedeutung:
Von deutscher Freiheit brachten sie mir
Die schlimmste Hiobszeitung.
Schon sah ich den Arndt, den Vater Jahn –
Die Helden aus andern Zeiten
Aus ihren Gräbern wieder nahn
Und für den Kaiser streiten.
Die Burschenschaftler allesamt
Aus meinen Jünglingsjahren,
Die für den Kaiser sich entflammt,
Wenn sie betrunken waren.
Ich sah das sündenergraute Geschlecht
Der Diplomaten und Pfaffen,
Die alten Knappen vom römischen Recht,
Am Einheitstempel schaffen –
Derweil der Michel geduldig und gut
Begann zu schlafen und schnarchen,
Und wieder erwachte unter der Hut
Von vierunddreißig Monarchen.
Während die Kleine von Himmelslust
Getrillert und musizieret,
Ward von den preußischen Douaniers
Mein Koffer visitieret.
Beschnüffelten alles, kramten herum
In Hemden, Hosen, Schnupftüchern;
Sie suchten nach Spitzen, nach Bijouterien,
Auch nach verbotenen Büchern.
Ihr Thoren, die ihr im Koffer sucht!
Hier werdet ihr nichts entdecken!
Die Konterbande, die mit mir reist,
Die hab’ ich im Kopfe stecken
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Hier hab’ ich Spitzen, die keiner find
Als die von Brüssel und Mecheln,
Und pack’ ich einst meine Spitzen aus,
Sie werden euch sticheln und hecheln.
Im Kopfe trage ich Bijouterien,
Der Zukunft Krondiamanten,
Die Tempelkleinodien des neuen Gotts,
Des großen Unbekannten.
Und viele Bücher trag’ ich im Kopf!
Ich darf es euch versichern,
Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest
Von konfiszierten Büchern.
Glaubt mir, in Satans Bibliothek
Kann es nicht schlimmere geben;
Sie sind gefährlicher noch, als die
Von Hoffmann von Fallersleben!
Ein Passagier, der neben mir stand,
Bemerkte mir, ich hätte
Jetzt vor mir den preußischen Zollverein,
Die große Douanenkette.
„Der Zollverein“ – bemerkte er –
„Wird unser Volkstum begründen,
Er wird das zersplitterte Vaterland
Zu einem Ganzen verbinden.
„Er gibt die äußere Einheit uns,
Die sogenannt materielle;
Die geistige Einheit gibt uns die Zensur,
Die wahrhaft ideelle –
„Sie gibt die innere Einheit uns,
Die Einheit im Denken und Sinnen;
Ein einiges Deutschland tut uns not,
Einig nach außen und innen
Ich habe mich mit dem Kaiser gezankt
Im Traum, im Traum versteht sich, –
Im wachenden Zustand sprechen wir nicht
Mit Fürsten so widersetzig.
Nur träumend, im idealen Traum,
Wagt ihnen der Deutsche zu sagen
Die deutsche Meinung, die er so tief
Im treuen Herzen getragen.
Minden ist eine feste Burg,
Hat gute Wehr und Waffen!
Mit preußischen Festungen hab’ ich jedoch
Nicht gerne was zu schaffen.
[…]
Verfluchter Quast! der die ganze Nacht
Die liebe Ruhe mir raubte!
Er hing mir, wie des Damokles Schwert,
So drohend über dem Haupte!
Schien manchmal ein Schlangenkopf zu sein,
Und ich hörte ihn heimlich zischen:
„Du bist und bleibst in der Festung jetzt,
Du kannst nicht mehr entwischen!“
„O, dass ich wäre“ – seufzte ich –
„Dass ich zu Hause wäre,
Bei meiner lieben Frau in Paris,
Im Faubourg Poissonière!“
Ich fühlte, wie über die Stirne mir
Auch manchmal etwas gestrichen,
Gleich einer kalten Zensorhand,
Und meine Gedanken wichen –
Gendarmen, in Leichenlaken gehüllt,
Ein weißes Spukgewirre,
Umringte mein Bett, ich hörte auch
Unheimliches Kettengeklirre.
Ach! die Gespenster schleppten mich fort,
Und ich hab’ mich endlich befunden
An einer steilen Felsenwand;
Dort war ich festgebunden.
Der böse, schmutzige Betthimmelquast!
Ich fand ihn gleichfalls wieder,
Doch sah er jetzt wie ein Geier aus,
Mit Krallen und schwarzem Gefieder.
Er glich dem preußischen Adler jetzt,
Und hielt meinen Leib umklammert;
Er fraß mir die Leber aus der Brust,
Ich habe gestöhnt und gejammert.
Ich jammerte lange – da krähte der Hahn,
Und der Fiebertraum erblasste.
Ich lag zu Minden im schwitzenden Bett,
Der Adler ward wieder zum Quaste.
Ich reiste fort mit Extrapost,
Und schöpfte freien Odem
Erst draußen in der freien Natur
Auf bückeburg´schem Boden.
Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Altdeutschland wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch –
Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten,
In Winterkälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft, gefoppt und genarrt –
Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpresst
Und uns wie Hunde erschießen lässt –
Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt –
Wir weben, wir weben!
Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht –
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch –
Wir weben, wir weben!
(Auswahl)
Die schlesischen Weber, in: Windfuhr, Manfred (Hrsg.): Heinrich Heine: Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. Band 2. Neue Gedichte, Hamburg 1983, S. 150.
Deutschland. Ein Wintermärchen, in: Elster, Ernst (Hrsg.): Heinrich Heines sämtliche Werke. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe, Band 2, Leipzig/Wien 1898, S. 423–494.
Michel nach dem März, in: Elster, Ernst (Hrsg.): Heinrich Heines sämtliche Werke. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe, Band 2, 4. Buch, Zeitgedichte, Leipzig/Wien 1898, S. 187–188.
Französische Zustände, in: Elster, Ernst (Hrsg.): Heinrich Heines sämtliche Werke. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe, Band 5, Leipzig/Wien 1898, S. 1–204.
Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, in: Karpeles, Gustav (Hrsg.): Heinrich Heines gesammelte Werke. Kritische Gesamtausgabe. Fünfter Band, Berlin 1893; S. 2–143.
Galley, Eberhard: "Heine, Christian Johann Heinrich (bis 1825 Harry)" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 286-291.
Hauschild, Jan-Christoph/Werner, Michael: Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst. Heinrich Heine. Eine Biografie, Köln 1997.
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