
GEORG FORSTER
Johann Georg Adam Forster (geb. am 27. November 1754 in Nassenhuben, Polnisch-Preußen, gest. 10. Januar 1794 in Paris) gehört zu einer Gruppe von deutschen revolutionären Demokraten, mit der sich seine Zeitgenossen, aber auch die deutschsprachige Geschichtsschreibung lange Zeit schwergetan hat: die Mainzer Jakobiner. 1792/93 errichteten sie nach der Besetzung von Kurmainz durch französische Revolutionstruppen die Mainzer Republik – das erste demokratisch-republikanische Gemeinwesen in Deutschland. Als Mitglied des Mainzer Jakobinerklubs war Georg Forster nicht nur an der Beseitigung des Ancien régime im Kurfürstentum Mainz beteiligt, sondern auch Teil einer Delegation, die 1793 in Paris den Anschluss der Mainzer Republik an die erste französische Republik erbat. Aus Sicht seiner Zeitgenossen war das Hochverrat, Georg Forster ein Vaterlandsverräter. Sein universalistisches Verständnis von Republik und Demokratie, seine Haltung, in der Terreur ein notwendiges Übel des revolutionären Prozesses zu sehen, machten ihn und andere deutsche Jakobiner nicht nur zu Parteigängern des französischen „Erzfeindes“. Historiker wie Leopold von Ranke (1795-1886), Heinrich von Treitschke (1834-1896) oder Heinrich von Sybel (1817-1895) brandmarkten Forster und andere deutsche Jakobiner als „undeutsch“.
Georg Forsters Erbe ist jedoch nicht nur für die politische Geschichte Europas relevant. Seine Teilnahme, zusammen mit seinem Vater Reinhold Forster, an der zweiten Weltumseglung von James Cook in den Jahren 1772 bis 1775, seine Tätigkeit als Naturforscher, Übersetzer, Verfasser von Reiseberichten, seine Beiträge zur Anthropologie seiner Zeit, kurzum seine Bedeutung für unterschiedlichste Aspekte der Zeit der Aufklärung und der Revolutionen machen ihn und sein Erbe zu einem wichtigen Vertreter der Spätaufklärung und zu einem Forschungsgegenstand für zahlreiche Disziplinen.
Johann Georg Adam Forster wurde am 27. November 1754 in Nassenhuben (in der Nähe von Danzig) geboren.
Forster übersetzte Reiseberichte und Fachliteratur aus dem Russischen, Niederländischen, Schwedischen, Englischen und Französischen.
Forster nahm an der Weltumseglung James Cooks als Ethnograph, Botaniker, Zoologe und Zeichner teil.
Veröffentlichung des Reiseberichts „A voyage round the world“. Aufgrund seiner Verdienste wurde er unter anderem in die Royal Society in London und die königlichen Akademien von Berlin, Madrid und Göttingen aufgenommen.
Anstellung als Professor für Naturkunde am Collegium Carolinum in Kassel. Er stand im Austausch mit zahlreichen bekannten Persönlichkeiten der Zeit wie Goethe, Herder, Kant, Wieland oder Lessing.
Professur an der polnischen Universität Wilna und 1785 Heirat mit der Tochter des Göttinger Philologen Christian Gottlob Heyne, Therese Heyne.
Forster wurde mit einer Arbeit über essbare Südseepflanzen promoviert.
Annahme der Stelle des Bibliothekars an der Kurfürstlichen Universität zu Mainz.
Georg Forster reiste zusammen mit Alexander von Humboldt den Rhein hinunter nach Belgien, England und Frankreich. In Paris wurde er Zeuge der Auswirkungen der Französischen Revolution.
Forster wurde Mitglied des Mainzer Jakobinerklubs und stieg dort zu einem der führenden Köpfe auf.
Im März 1793 wurde Georg Forster zum Vizepräsidenten des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents gewählt. Kurz darauf reiste er nach Paris, um den Antrag des Konvents auf Anschluss der Mainzer Republik an die Französische Republik zu stellen. Dies kam jedoch zu spät, Mainz wurde bereits von den preußischen Truppen zurückerobert.
Tod am 10. Januar 1794 im Pariser Exil.
Susanne Lachenicht
Der Ausbruch der Französischen Revolution im Juli 1789 führte auch in Deutschland zu wahren Begeisterungsstürmen. Zu den Freiheitsfreunden, wie die deutschen Anhänger der frühen Französischen Revolution genannt wurden, zählte auch Georg Forster, der seit 1787/88 in Mainz als Bibliothekar der Universität tätig war und sich mit anderen Aufklärern regelmäßig zur kritischen Diskussion der Verhältnisse in „Teutschland“ traf und in seinen Briefen die Ereignisse in Frankreich kommentierte.
Die im Sommer 1789 immer wieder beschworene Einheit von König, Nationalversammlung und Nation erwies sich jedoch als trügerisch. Dass die Revolution „konsolidiert sei“, wie Forster nach einer Reise nach Paris im Sommer 1790 an Christian Conrad von Dohm schreibt, erweist sich als falsch (Brief Forsters an von Dohm vom Sommer 1790, in: Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, 1985, S. 651). Ludwig XVI. blockiert zunehmend mit seinem Veto notwendige Reformen. Spätestens mit der misslungenen Flucht der königlichen Familie im Juni 1791 wird die im Entstehen begriffene konstitutionelle Monarchie zu einer Totgeburt. Die erste französische Verfassung, wie sie im September 1791 erlassen wurde, ist längst hinfällig, da sich der König durch seine Flucht als Verräter an der Revolution und damit an der Verbesserung der Verhältnisse in Frankreich entlarvt hat. Das politische Lager der Brissotins fordert die Anklage und Verurteilung des Königs und die Abschaffung der Monarchie.
Weiterlesen
In Mainz verfolgt Forster minutiös die Ereignisse in Frankreich. Doch er bleibt zunächst distanziert. Er will kein „enragé“ sein, ergreift aber ab 1791 dann doch Partei für die französischen Jakobiner (Brief Forsters an Heyne vom 12. Juli 1791 und vom 21. Februar 1792, in: Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 652-657). Diese „Klubbisten“ seien Garanten der Revolution: „Ohne sie wäre die Gegenrevolution in Paris schon ausgebrochen und mit dieser die unbedingte Zurückbringung des Zustandes von 1789.“ (Brief Forsters an Heyne vom5. Juni 1792, in: Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 658-662) Die Revolution ist für ihn „Bestimmung vom Vorhergehenden“ und notwendiger Garant für die Gestaltung einer freiheitlichen Zukunft – zunächst allerdings nur für Frankreich selbst (Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 661; siehe auch Brief an Therese Forster, vom 11. Mai 1793, ibidem, S. 703).
Zwischen Juni 1791 und April 1792 wächst in Europa die Angst vor dem Gespenst der Revolution: „allein der deutsche Adel ist ganz blind vor Wut, und statt den Zeitpunkt wahrzunehmen, um durch vernünftige Entsagungen alles zum Vergleich zu ebenen, hetzt er die Fürsten an zum Kriege gegen Frankreich, zur Ausübung willkürlicher Gewalt gegen die Untertanen“, wie Forster an Heyne schreibt (Brief Forsters an Heyne vom 9. Juli 1791, in: Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 652). Geschürt nicht zuletzt auch durch die Émigrés, französische Revolutionsgegner, die Frankreich in größeren Zahlen verlassen, drohen die Koalitionsmächte am 27. August 1791 in der Erklärung von Pillnitz dem revolutionären Frankreich mit Krieg, sollte es nicht die alte Ordnung, das Ancien régime, restaurieren. Frankreich reagiert seinerseits am 20. April 1792 mit der Kriegserklärung an Österreich. Nach anfänglichen Niederlagen der französischen Revolutionsarmee wendet sich im September 1792 das Blatt mit der Kanonade von Valmy. Infolge ihrer militärischen Erfolge marschieren französische Truppen im Westen des Heiligen Römischen Reiches über die Grenze, erobern und besetzen Teile des Rheinlandes, nicht zuletzt auch das Kurfürstentum Mainz.
Bis zum Oktober 1792 bleibt Forster skeptisch, was einen möglichen Export der Revolution nach Deutschland angeht. Er hält einen Umsturz in Deutschland für „ein großes Unglück“ (Brief Forsters an Heyne vom 12. Juli 1791 und vom 21. Februar 1792, in: Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 652-657) und hofft, dass die „Gärung“ nicht zu früh in Deutschland um sich greift, weil er meint, „daß die moralische Bildung unserer Nation, wenn sie mit der des Kopfes Schritt hält, uns wie von selbst frei machen muß.“ (Brief Forsters an Voß vom 2. Oktober 1792, in: Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 667) Nach der Eroberung von Mainz durch die französischen Truppen unter Custine gehört Forster dann aber doch zu den Jakobinern, die die Eroberung und Besetzung von Mainz durch französische Truppen zu nutzen versuchen, um ein demokratisch-republikanisches Gemeinwesen nach französischem Vorbild zu errichten. „Preuße“ zu bleiben, sei, wie er in einem Brief an Voß am 21. November 1792 schreibt, mit seiner „Freiheitsliebe“ nicht vereinbar, ebenso wenig mit seinem Kosmopolitismus. Deshalb sei es seine Pflicht, sich der neuen, französischen und revolutionären Verwaltung von Mainz anzuschließen (Brief Forsters an Voß vom 21. November 1792, in: Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 681ff). Forster wird folglich Mitglied der Gesellschaft der Konstitutionsfreunde, das heißt des Mainzer Jakobinerklubs. Als Publizist hofft er, in der Mainzer Zeitung seine Mitbürger von Revolution, Republik und demokratischem Gemeinwesen im von Frankreich besetzten Rheinland überzeugen zu können. Der Export der Revolution auf den Spitzen der französischen Bajonette wird willkommen geheißen, um das „Joch der Tyrannei“, den Despotismus der Fürsten des Ancien régime, abzuschütteln. Im März 1793 wird Forster in das erste demokratisch gewählte Parlament, den Rheinisch-Deutschen Nationalkonvent gewählt, der ihn im März nach Paris schickt, um die „Einverleibung der von den Franzosen besetzten Rheingegend in die Frankenrepublik“ zu beantragen, wie er an seine Frau Therese schreibt (Brief Forsters an Therese Forster vom 31. März 1791, in: Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 685). Es ist Forsters Rede im Mainzer Konvent, die die Abgeordneten überzeugt, diesen Schritt zu gehen. Ab dem 14. April 1793 wird Mainz jedoch durch Truppen Österreichs, Preußens, Sachsens, Bayerns und Hessens belagert; am 23. Juli kapitulieren die französischen Truppen. Die Mainzer Republik findet ein jähes Ende. Forster ist nun nicht mehr nur im Exil, sondern in der Verbannung. Er kann nicht mehr ins Reich zurückkehren, ohne sein Leben zu riskieren.
Während Forster in seinen Reden in der Gesellschaft der Konstitutionsfreunde und im Mainzer Nationalkonvent die Chance, die der Export der Revolution Deutschland biete, beschwört (Forster: Ueber das Verhälnis der Mainzer gegen die Franken, in: Gesammelte Schriften, Band 6, S. 413-429), bleibt er in seinen privaten Briefen skeptisch, eine Haltung, die sich auch in seiner 1794 in Paris verfassten Darstellung der Revolution in Mainz widerspiegelt. Eigentlich sieht Forster Evolution und Reformen als den richtigen Weg für Deutschland an, sich von der „Tyrannei“ und dem „Despotismus“ der Fürsten zu befreien. Die Befreiung von oben, durch die Franzosen, sei problematisch, nicht zuletzt, da die Franzosen selbst durch ihre Besatzungspolitik, das Erpressen von Reparationen und die Zurücknahme des Selbstbestimmungsrechtes der von ihnen „befreiten Völker“ Freiheit und Revolution pervertiert hätten (Forster: Darstellung der Revolution in Mainz, in: Gesammelte Schriften, Band 6, S. 404-407). Aus der Perspektive des Exils heraus und mit der Erfahrung des Falls der Mainzer Republik im Rücken sieht Forster die Mainzer Jakobiner (und damit sich selbst) als „Revolutionsanfänger“, als „tölpisch und unbeholfen“, die aber dennoch „Hoffnung in der Brust des Menschenfreundes“ erweckten. „Freiheit, dieses höchste Ziel, dem der Mensch in sittlicher und bürgerlicher Beziehung entgegenreisen kann, wird ohne wiederholtes Ausgleiten und Irregehen nicht errungen”, schreibt Forster in seiner Darstellung der Revolution in Mainz (Forster: Darstellung der Revolution in Mainz, in: Gesammelte Schriften, Band 6, S. 404-408).
Georg Forsters ambivalentes Verhältnis zur Gewalt der Revolution drückt sich nicht zuletzt in seinen beiden in Paris verfassten Schriften Über die Beziehung der Staatskunst auf das Glück der Menschheit und den Parisischen Umrissen aus, die als sein politisches Testament gewertet werden (Zur Interpretation der beiden Schriften vgl. Ludwig Uhlig, Georg Forster. Einheit und Mannigfaltigkeit in seiner geistigen Welt, Tübingen 1965; Marita Gilli, Forster und Frankreich, Frankreich und Forster, in: Claus-Volker Klenke, Jörn Garber und Dieter Heintze (Hrsg.), Georg Forster in interdisziplinärer Perspektive, Berlin 1994, S. 255-272; Manuela Ribeiro Sanches, Vernunft und Revolution. Zum Verhältnis von Forsters Über die Beziehung der Staatskunst auf das Glück der Menschheit und Parisische Umrisse, in: Jörn Garber (Hrsg.), Wahrnehmung - Konstruktion – Text. Bilder des Wirklichen im Werk Georg Forsters, Tübingen 2000, S. 143-161). Aus dem Pariser Exil heraus formuliert er abermals seine Kritik am Absolutismus, der selbst in seiner aufgeklärten Form der Vervollkommnung des Menschen im Weg stehe. Da Aufklärung und Reformen dem Menschen nicht seine ursprüngliche Freiheit zurückgegeben hätten, hätte es der Revolution bedurft, um diese Freiheit zurückzugewinnen. Letztere, so Forster, sei wiederum Voraussetzung für Selbsterziehung und Bildung, aus denen jeder einzelne Mensch seine sittliche Vervollkommnung heranbilden könne (Forster: Über die Beziehung der Staatskunst..., in: Roedel (Hrsg.): Georg Forster, 1966, S. 142ff, 152, 165). Doch welcher Mittel darf sich die Revolution bedienen? Braucht es Leidenschaft, braucht es Gewalt, um das Joch der Tyrannei abzuschütteln?
In seinem politischen Testament hadert Forster mit der Gewalt der Revolution und sieht sie gleichzeitig als notwendig an. Der revolutionäre Prozess sei ein „Naturereignis“, das sich ebenso wie Vulkanausbrüche oder andere Naturkatastrophen seine Bahn breche, das die notwendigen Umwälzungen mit sich bringe und der sittlichen Vervollkommnung des Menschen und damit seinem Glück diene: „Die Lava der Revolution fließt majestätisch und schont nichts mehr. Wer vermag sie abzugraben?“ (Brief von Forster an Therese Forster, in Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 751). Dort wo der „Volkswille“, die „Öffentliche Meinung“, die Gewalt der Revolution rechtfertige, dort sei sie auch legitim, schreibt Forster an einer Stelle (Riberio Sanches: Vernunft, S. 160). Und auch wenn die „Erscheinungen“ der Revolution „dem Joch des Despotismus“ der Fürsten zuweilen ähnelten, so sei die Revolution in ihrer „Fühllosigkeit und Grausamkeit“ gerechtfertigt, da sie „dem Gesetz der Notwendigkeit“ entspreche und von der „öffentlichen Volksmeinung“ gebilligt werde (Forster: Parisische Umrisse, in: Roedel (Hrsg.): Georg Forster, S. 89). Während Forster an etlichen Stellen seines politischen Testamentes Revolutionen als notwendig ansieht, um die Grundbedingungen für Gleichheit, Freiheit und Glückseligkeit herzustellen, und gleichzeitig immer wieder Zweifel an der Gewalt der Revolution formuliert, steht er kritisch denjenigen Revolutionären gegenüber, die die Revolution wiederum für die Unterdrückung von Menschen und ihren Freiheiten (und damit auch ihrem Glück) missbrauchen (Sanches: Vernunft, S. 147; siehe auch: Brief von Forster an Therese Forster vom 4. und 14. Juni 1793, wo er das Vorgehen der Montagne gegen die Girondisten als „feige“, „Mißbrauch“ und „zügellos“ verurteilt, in Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 717). Die Entgleisung der Revolution ist in Forsters Denken also nicht unbedingt der gewaltsame Prozess selbst, sondern der Missbrauch der Revolution im Sinne der egoistischen Interessen des Einzelnen. Sein Hadern drückt sich vor allem in den Briefen an Therese Forster aus, an die er am 6. September 1793, mitten in der Terreur, Folgendes schreibt: „Die Maxime: laßt uns Böses tun, auf daß Gutes daraus folge, ist abscheulich! Aber wenn das Böse nun geschehen ist, liegt das Gute glücklicherweise einmal in den Fügungen des Schicksals, sonst müßte das Menschengeschlecht schon lange vertilgt worden sein. Diese Hoffnung habe ich noch.“ (Brief von Forster an Therese Forster vom 6. September 1793, in: Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 733)
Forster beschäftigt sich damit auch mit einem anderen Dilemma: In welchem Verhältnis stehen volonté générale und individuelle Freiheit? Braucht es für das „Glück der Menschheit“ Republikanismus (die Durchsetzung des Willen des Volkes) oder Liberalismus (die Freiheiten und Rechte des Einzelnen)? Sie stehen bei Forster wie bei so vielen anderen Vertretern einer demokratisch-republikanischen politischen Theorie und Praxis in einem dialektischen Verhältnis und ringen miteinander im Prozess der Vervollkommnung des Menschengeschlechtes (Forster: Parisische Umrissse, S. 89). Im Dezember und Januar 1793/94 ringt Georg Forster dann mit sich selbst. Seine kränkelnde Gesundheit, seine selbst diagnostizierte „skorbutische Gicht“ verursacht „unsäglichen Schmerz, Schlaflosigkeit, Schwächung des ganzen Körpers“. Er behandelt sich selbst und zieht weitere Ärzte hinzu. Am 10. Januar 1794 stirbt er einsam im Pariser Exil (Brief von Forster an Therese Forster vom 27. und 28. Dezember 1793, in: Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 770f).
Als deutscher, als Mainzer Jakobiner steht Georg Forster damit für einen anderen, durchaus auch problematischen demokratisch-republikanischen Weg, anders als der romantisch-nationalistisch-chauvinistische, der autoritäre Weg, den Deutschland nach 1848 beschreiten sollte. Forsters Denken war kein deutsch-nationales, auch kein französisch-nationales, sondern ein universelles, ein kosmopolitisches. Seine Vorstellungen für die Zukunft Deutschlands orientierten sich trotz negativer Besatzungserfahrungen am revolutionär-republikanischem Frankreich, an der demokratischen Verfassung von 1793. Auch wenn er sich einen anderen, einen evolutionären Weg der Reformen zu Freiheit, Demokratie und Republik für Deutschland gewünscht hatte, unterstützte Forster den revolutionären Weg, den Weg von Eroberung, Besatzung und Gewalt, mit Schaudern und mit Kritik an missbräuchlichen Praktiken einzelner Revolutionäre. Die Frage nach der Legitimität des Handelns Einzelner und der Mittel zur Durchsetzung von Freiheit und Demokratie aber bleibt.
Quellen
Briefe von Georg Forster finden sich in: Horst Günther (Hrsg.), Die Französische Revolution. Berichte und Deutungen deutscher Schriftsteller und Historiker, Bd. 2 Georg Forster und die deutschen Publizisten, Frankfurt/Main 1985.
Georg Forster, Über das Verhältnis der Mainzer gegen die Franken. Gesprochen in der Gesellschaft der Volksfreunde am 15. November 1792.
Georg Forster, Darstellung der Revolution in Mainz.
Georg Forster, Über die Beziehung der Staatskunst und das Glück der Menschheit.
Georg Forster, Parisische Umrisse.
Literatur
Marita Gilli, Forster und Frankreich, Frankreich und Forster, in: Claus-Volker Klenke, Jörn Garber und Dieter Heintze (Hrsg.), Georg Forster in interdisziplinärer Perspektive, Berlin 1994.
Manuela Ribeiro Sanches, Vernunft und Revolution. Zum Verhältnis von Forsters Über die Beziehung der Staatskunst auf das Glück der Menschheit und Parisische Umrisse, in: Jörn Garber (Hrsg.), Wahrnehmung - Konstruktion – Text. Bilder des Wirklichen im Werk Georg Forsters, Tübingen 2000.
Wolfgang Rödel (Hrsg.), Georg Forster. Über die Beziehung der Staatskunst auf das Glück der Menschheit und andere Schriften, Frankfurt/Main 1966.
Ludwig Uhlig, Georg Forster. Einheit und Mannigfaltigkeit in seiner geistigen Welt, Tübingen 1965.
Schön ist es aber zu sehen, was die Philosophie in den Köpfen gereift und dann im Staate zustande gebracht hat. […] Also ist es doch der sicherste Weg, die Menschen über ihre Rechte aufzuklären; dann gibt sich das übrige wie von selbst.
Es wäre ein erhabenes, anziehendes Schauspiel, lieber Freund, wenn die stolzesten menschlichen Künste, die Regierungskunst und die Politik, einst vor den Richterstuhl der Vernunft gefordert würden, um von ihren Wirkungen Rechenschaft abzulegen und sich gegen die Anklage der Tugend und gegen das Zeugnis der Erfahrung zu rechtfertigen. Ihre Verteidigung müsste zu Entdeckungen führen, die das Menschengeschlecht für die Zukunft gegen Missbräuche und Unterdrückungen, wo nicht sicherstellen, doch wenigstens misstrauischer machen würden, als es bisher im ganzen gewesen ist.
Ich bin so wenig vom Charakter der Franzosen erbaut als ihre Feinde und Verächter, aber ich erkenne neben ihren Mängeln und Fehlern auch das Gute, das sie haben und sehe keine Nation einzeln als Ideal an. Alle zusammen machen die Masse der Gattung aus, und die Franzosen sind nun einmal, vielleicht har zur Strafe, bestimmt, die Märtyrer für das Wohl, welches künftig die Revolution hervorbringen wird, abgeben zu müssen.
Über die Unbeständigkeit der Verfassungen nachzudenken, ist wohl nirgends natürlicher, als in Aachen, wo die Reichsinsignien den Fremden an die tausendjährige Dauer des deutschen Reiches, das jedoch in diesem Zeitraum so wesentliche Veränderungen erlitten hat, recht lebhaft erinnern. Ich habe die Kathedralkirche besucht. Sie ist mit kleinlichen Zierraten überladen, mit denen die Säulen von Marmor, Granit und Porphyr sonderbar genug kontrastieren. Der Stuhl, worauf seit Karls des Großen Zeit so mancher deutsche Kaiser gekrönt worden ist, besteht aus schlechtem weißem Marmor, und hat eine so unzierliche Gestalt, dass man ihn für eine Satire auf alle Throne der Welt halten möchte. So sehr uns der Vorzeiger bat, uns darauf zu setzen, spürte ich doch nicht die geringste Versuchung dazu, und wünschte nur manchem deutschen Fürsten das Gefühl, womit ich da vor dem Stuhle stand. Weiterlesen
Die Geschichte der letzten Jahrhunderte war so eben vor meinem Gedächtnisse vorübergegangen. Was man in Wien, in Regensburg und in Wezlar für ganz verschiedene Vorstellungen von den wesentlichen Bestandteilen der Reichsverfassung hegt; wie allmählich die Kaiserwürde durch alle Metamorphosen bis zu ihrer jetzigen Form, wo ihr nur der Schatten ehemaliger Herrschermacht geblieben ist, sich hat einschränken lassen; wie die zahlreichen, freien Stände, jetzt unter der unwiderstehlichen Übermacht von wenigen Allesvermögenden aus ihrer Mitte, nur noch am Namen der Freiheit sich begnügen, und den gesetzgebenden Willen dieser Wenigen gutheißen müssen: dies Alles erfüllte mich mit der niedergeschlagenen Überzeugung, wie wenig Willkürliches in den Schicksalen der Völker, wie wenig der Würde denkender Wesen Angemessenes, sich im großen Ganze der Weltbegebenheiten zeigt, und wie das Glück und die Wohlfahrt der Millionen, die auf dem Erdenrund umherkriechen, von toten Buchstaben, von eigensinnigem Bekleiben an bedeutungsleer gewordenen Ceremonien, von Nichtswürdigkeiten welche leeren Köpfen Importanz geben, stets abhängig bleibt, und keinesweges in ihrer eigenen Kraft und Tat besteht!
[…]
Die wichtigen Fragen, worüber wir hier deraisonnieren hörten, kann zwar ein Köhler oder ein Schwerdtfeger nicht entscheiden; allein unter allen Menschen, denen diese Fragen zu Ohren gekommen sind – wie viele gibt es, deren Vernunft für kompetent zur Entscheidung gelten kann? Und werden diese kompetenten Richter unter sich einig sein? Wahrhaftig! wenn niemand sich unterstehen dürfte, über Dinge zu sprechen, oder vielmehr seine Verstandeskräfte an Dingen zu üben, die er nicht rein bis auf die letzten Gründe sich entwickeln kann; so gehörte die große Masse der fürstlichen Automaten, des ungebildeten und ausgearteten Adels, der juristischen Tröpfe, der Theologen, die ihre Dogmatik nur auswendig wissen, zu den ersten, denen man Stillschweigen gebieten müsste, indes nur wahre Weise sprechen, und – was mehr ist – regieren dürften. Neben so vielen Rechten, welche die Menschen veräußern und übertragen konnten, um den Vorteil der Vereinigung zu einem Staate zu genießen, gibt es auch andere, welche ihrer Natur nach unveräußerlich sind; unter diesen stehet das Recht, ihre Geistesfähigkeiten durch Entwicklung, Übung und Ausbildung zu vervollkommnen, oben an. Wenn ein Vertrag die Sklaverei gut heißen, und den unumschränkten Willen eines Tyrannen für rechtmäßig erklären könnte, so darf doch selbst das Leibeigentum, welches jemand besitzt, ihm nicht zum Vorwande dienen, seine Sklaven an der Erreichung ihrer Bestimmung als Menschen zu verhindern. Oder geht die Anmaßung der Tyrannei so weit, dass sie ihren Opfern auch diese Bestimmung abspricht? Darf sie im Ernste der Natur so schrecklich spotten, und ohne Hehl den Sklaven zum Tier herabwürdigen wollen? Darf sie sich das Recht zusprechen, einem Menschen Vernunft und Menschheit auszuziehen? Dann rege sich Alles, was noch Menschheit im Busen fühlt, gegen das Ungeheuer, das seine Größe nur auf Zerstörung bauet!
Vor einigen Tagen haben unsere Jakobiner schon den Versuch gemacht, auch außerhalb den Mauern ihres Versammlungsorts die Aufmerksamkeit ihrer Mitbürger zu erregen, zur Begründung der Freiheit die Macht sinnlicher Vorstellungen ins Spiel zu rufen und selbst die abergläubigen Erdichtungen der Vorzeit zu benutzen, um die Furcht vor der Zuchtrute des Herrschers zu verscheuchen und die neue Epoche der Mainzischen Erlösung und Wiedergeburt zu bezeichnen. Ein Kurfürst, dem es gelungen war, nachdem ihn die Einwohner aus ihren Mauern vertrieben hatten, sich der Stadt von neuem zu bemeistern, sollte laut einer unverbürgten Volkssage, zum Gedächtnis seines Sieges auf öffentlichem Markt eine Masse von Eisen haben anschmieden lassen, die dort bis auf die gegenwärtige Zeit zu sehen war. Da er sichs bei dieser Gelegenheit erlaubt hatte, der Stadt und ihrem Magistrat, gleichsam zur Strafe der Empörung, ihre kostbarsten Privilegien und Freiheiten zu entziehen, soll er zugleich mit bitterm Spotte verkündigt haben, dass sie wieder zum Genuss derselben gelangen würden, sobald jene Masse an der Sonne zerschmölze. Weiterlesen
Hier fand unsere Volksgesellschaft den schicklichen Stoff zu einem politischen Drama; ihr war es aufbehalten, den gordischen Knoten zu zerhauen, an welchen das Schicksal von Mainz und seine Befreiung gleichsam magisch geknüpft zu sein schien. Mit Vorwissen und Erlaubnis des fränkischen Generals, zogen die neuen Republikaner, geführt von ihrem Präsidenten, in Begleitung der Feldmusik des Heeres, - den Freiheitsbaum mit dreifarbigen Bändern und roter Mütze tragend, und Freiheitshymnen anstimmend, - unter dem Zulauf eines unzählbaren Volks auf den Markt; mit einem heiligen Feuereifer zersprengten sie in wenig Augenblicken die Klammern, welche das Denkmal des Übermuts ihrer Tyrannen und der Erniedrigung ihrer Mitbürger so lange Zeit emporgehalten hatten, und pflanzten den mit den Insignien der Unabhängigkeit geschmückten Baum an seine Stelle. „Es lebe die Freiheit! Es lebe das Volk! Es lebe die Republik!“ erscholl ein unaufhörliches Jubelgeschrei, bis der Zug wieder in den Saal der Gesellschaft zurückgekehrt war. Hier trug man darauf an, das Eisen einschmelzen und Schaumünzen daraus prägen zu lassen, die mit der Inschrift: „die Sonne der Wahrheit hat es geschmolzen,“ die Lösung jenes erzbischöflichen Zaubers bezeugen sollten. Allein man entdeckte noch zu rechter Zeit, dass die Masse nicht Eisen, sondern Stein, und nur mit eisernen Platten überlegt war, auf deren einer sich das alte Mainzische Längenmaß eingegraben befand. Dies bewog die Gesellschaft, das Denkmal für die Geschichte des Altertums aufzubewahren, und es bei der ersten Übereilung bewenden zu lassen.
Diese frühzeitigen Regungen des Freiheitsgeistes, und insbesondere die Hoffnung, auf deutschem Boden die fränkischen Grundsätze der Volksregierungen fortzupflanzen, schienen in manchem Betracht nicht nur voreilig, sondern auch sogar der Begründung eines Systems, welches dem wahren Interesse der Menschheit angemessen wäre, hinderlich zu sein. Deutschlands Lage, der Charakter seiner Einwohner, der Grad und die Eigentümlichkeit ihrer Bildung, die Mischung der Verfassungen und Gesetzgebungen, kurz seine physischen, sittlichen und politischen Verhältnisse, haben ihm eine langsame, stufenweise Vervollkommung und Reife vorbehalten; es soll durch die Fehler und Leiden seiner Nachbaren klug werden und vielleicht von oben herab eine Freiheit allmälig nachgelassen bekommen, die Andere von unten gewaltsam und auf einmal an sich reißen müssen. Die Übereilungen der Reformatoren können diesen ruhigen Gang hemmen, die der Regenten ihn beschleunigen; Beides gegen ihre bestimmteste Absicht. Die Letzteren haben in der Tat schon durch ihre Einmischung in die fränkischen Angelegenheiten die Ruhe von Deutschland aufs Spiel gesetzt; allein im gegenwärtigen Augenblick rechtfertigen ungeschickte Freiheitsapostel, selbst in den Augen des Volks, dem sie Freiheit aufdringen wollen, die Strenge der Maßregeln, womit einige Fürsten sich der Verbreitung aller Neuerungen widersetzen. Dem Hass aller willkürlichen und unrechtmäßigen Herrschaft reifen wir entgegen; aber noch ist er uns viel zu überspannt, und ein Blick auf unsere Kräfte belehrt uns, dass er, wie jede Leidenschaft, die ihren Zweck nicht erreichen kann, uns selbst nur innerlich verzehren würde.
Jenen Grundsätzen der fränkischen Verfassung gemäß, die den Begriff von Eroberung mit dem von Freiheit für unvereinbarlich erklären, redete Custine einige Tage nach der Einnahme von Mainz den Magistrat und alle Einwohner mit der Versicherung an, dass die Republik ihnen vollkommene Freiheit lasse, entweder eine neue Verfassung zu entwerfen, oder bei ihrer alten zu bleiben, wiewohl er ihnen das letztere, als vernünftiger Menschen unwürdig, nicht zumuten wolle, und eigentlich auch nur einer freien Verfassung den Schutz der Franken verheißen könne. Bei diesen Äußerungen hätte man es bewenden lassen, und nun die sehr entschiedene Stimmung der Bürgerschaft für eine Abschaffung der Missbräuche, Ungerechtigkeiten und Zwangsmittel der alten Regierung geschickt benutzen können, um allmälig eine Annäherung zur fränkischen Verfassung zu bewirken. Allein die Kurzsichtigkeit eines der Stifter der Volksgesellschaft und der ihm beistimmenden Mehrheit ihrer Mitglieder verfiel auf eine Erfindung, die Gesinnungen der Einwohner zu erforschen, die Jedermann empört und eher für die allegorisierende Einbildungskraft orientalischer Völker, als für den kalten deutschen Sinn gemacht zu sein scheint. Man beschloss, zwei Bücher zu öffnen; das eine, rot eingebunden, mit dreifarbigem Schnitt, für die Namen derer, die sich zur Freiheit und Gleichheit bekennen wollten; das andere schwarz, mit Ketten umwunden, für diejenigen, die sich aus eigener Wahl dem alten Joch unterwerfen, vor aller Welt als Sclaven auftreten und wie der unpolitische Zusatz lautete, als solche behandelt sein wollten. Der größte Teil des Publikums hält diese Maßregel mit Recht für den härtesten Zwang, den man ihm auferlegen konnte. Bleibt dort noch eine Wahl, wo Schande und Misshandlung desjenigen wartet, der nicht zum roten Buche geht. Ein so treffender Einwurf wird gleichwohl von dem Erfinder dieser symbolischen Bücher nicht gefühlt. Wirklich hätte es nur eines entschiedenen Sinnes bedurft, womit irgend ein Anhänger der alten Regierung aufgetreten wäre und sich, jener Drohungen zum Trotz, ins schwarze Buch eingeschrieben hätte, um durch ein redendes Beispiel zu zeigen, was Freiheit und Unabhängigkeit des Willens sei. Zur Schande der deutschen Aristokratie fand sich kein Einziger, der diese kleine Kühnheit gezeigt hätte; oder soll ich lieber sagen, zur Schande des Mainzischen Despotismus, zu dem sich in der Tat kein Mensch mit Ehren bekennen konnte?
[…]
Wenn wir nun gleich in politischer Hinsicht über die Revolutionsanfänger in Deutschland ein strenges Urteil fällen, so gibt es doch einen andern Gesichtspunkt, der uns wieder mit ihnen aussöhnt. Die ersten Versuche des Menschen, der jetzt eben den Fesseln der Sclaverei entrinnt, und für sich allein seinen Weg durchs Leben zu wandeln anfängt, mögen noch so tölpisch und unbeholfen scheinen, dennoch erwecken sie eine Hoffnung in der Brust des Menschenfreundes, die ihn an der weisen Lenkung der Schicksale seiner Gattung und an ihrer moralischen Causalität nicht verzweifeln lässt. Das absichtlose Zappeln des Säuglings, und die mit öfterm Fallen begleiteten Versuche zum Gehen des jährigen Kindes erfreuen das väterliche Herz, das in ihnen die Kraft des künftigen Jünglings und Mannes schon wahrnimmt. Freiheit, dieses höchste Ziel, dem der Mensch in sittlicher und bürgerlicher Beziehung entgegenreifen kann, wird ohne wiederholtes Ausgleiten und Irregehen nicht errungen; aber ist sie es nicht wert, so teuer, ja teurer noch erkauft zu werden?
Mitbürger!
Die Ränke und heimlichen Intriguen der Übelgesinnten scheinen es mit jedem Tage dem guten Bürger dringender ans Herz zu legen, dass er ihnen gesunde Vernunft und offenherzigen, lauten Widerspruch entgegensetze. Dieser Gegenstand ist insbesondere bei unserer, der Belehrung bestimmten Gesellschaft immerfort an der Tagesordnung, und ich bitte daher mit Vertrauen auf Eure brüderliche Zuneigung, um Eure Aufmerksamkeit, indem ich willens bin, Euch von unserm Verhältnis zu den Franken zu unterhalten, und wo möglich, einige der schwachen Einwendungen zu widerlegen, welche die Feinde des gemeinen Wohls sorgfältig unter das Volk ausstreuen, welche manche vielleicht Gutmeinende, aber Irregeführte, ihnen nachbeten, welche endlich die Absicht haben, zwischen uns und der Frankenrepublik allerlei Dämme und Scheidemauern zu errichten, im Grunde aber nur durch ihre Menge und durch die heimliche Art ihrer Fortpflanzung, als Werke der Finsternis wichtig sind. Weiterlesen
Bisher war es eine schlaue Politik der Fürsten, die Völker sorgfältig von einander abzusondern, sie an Sitten, Charakter, Gesetzen, Denkungsart und Empfindung gänzlich von einander verschieden zu erhalten, Hass, Neid, Spott, Geringschätzung einer Nation gegen die andere zu nähren und dadurch ihre eigne Oberherrschaft desto sicherer zu stellen. Umsonst behauptete die reinste Sittenlehre, dass alle Menschen Brüder sind; dieselbe Innung, die einen besondern Beruf zu haben vorgab, dass zu lehren, hetzte diese Brüder gegen einander auf; denn ihr verderbtes und versteinertes Herz erkannte keinen Bruder. Die Befriedigung ihrer oft niedrigen, oft bitteren Leidenschaften, ihr stolzes Ich ging ihnen über Alles und ließ kein Mitgefühl in ihnen emporkommen. Herrschen war ihre erste und letzte Glückseligkeit und um ihre Herrschaft zu erweitern, gab es kein zuverlässigeres Mittel, als diejenigen, die sich schon unter ihrem Joch befanden, zu blenden, zu täuschen, und sodann – zu plündern.
Unter den tausenderlei Erfindungen, womit sie ihre Untergebenen zu hintergehen wussten, gehört auch diese, dass sie sichs sorgfältig angelegen sein ließen, den Glauben an erbliche Unterschiede unter den Menschen allgemein zu verbreiten, durch Gesetze zu erzwingen, und durch gedungene Apostel predigen zu lassen. Einige Menschen, hieß es, sind zum Befehlen und Regieren, andere zum Besitz von Pfründen und Ämtern geboren; der große Haufe ist zum Gehorchen gemacht; der Neger ist seiner schwarzen Haut und seiner platten Nase wegen schon zum Sclaven des Weißen von der Natur bestimmt; und was dergleichen Lästerungen der heiligen gesunden Vernunft noch mehr waren.
Aber sie sind verschwunden von unserm gereinigten, der Freiheit und Gleichheit geweihten Boden, sie sind auf ewig in das Meer der Vergessenheit geworfen, diese Denkmäler der Bosheit der Wenigen und der Schwachheit und Verfinsterung der Menge. Frei sein und gleich sein, der Sinnspruch vernünftiger und moralischer Menschen, ist nunmehr auch der unsrige geworden.
[…]
Dies, Mitbürger, ist die Sprache der Vernunft, die so lange verkannt und erstickt worden ist. Dass wir sie hier laut reden dürfen, hier, wo sie nie ertönte, so lange nicht den Auswurf des Menschengeschlechts, nämlich ausgeartete, schwachsinnige Privilegierte, hier ihre besseren, nicht privilegierten Brüder verdrängten, - dass wir diese Sprache reden, wem Andern verdanken wir es als den freien, den gleichen, den tapferen Franken?
Es ist wahr, man hat dem Deutschen von Jugend auf eine Abneigung gegen seinen französischen Nachbarn eingeflößt; es ist wahr, ihre Sitten, ihre Sprache, ihre Temperamente sind verschieden; es ist wahr, als die grausamsten Ungeheuer noch in Frankreich herrschten, da rauchte unser Deutschland auf ihr Geheiß, da ließ ein Marquis de Louvois, dessen Namen die Geschichte aufbewahrt, damit die Völker ihm fluchen mögen, die Pfalz in Brand stecken, und Ludwig XIV., ein elender Despot, lieh seinen Namen zu diesem verhassten Befehl.
Lasst Euch aber nicht irre führen, Mitbürger, durch die Begebenheiten der Vorzeit; erst vier Jahre alt ist die Freiheit der Franken, und seht, schon sind sie ein neues, umgeschaffenes Volk; sie, die Überwinder unsrer Tyrannen, fallen als Brüder in unsre Arme, sie schützen uns, sie geben uns den rührendsten Beweis von Brüdertreue, indem sie ihre so teuer erkaufte Freiheit mit uns teilen wollen – und dies ist das erste Jahr der Republik! So kann die Freiheit im Herzen der Menschen wirken, so heiligt sie sich selbst den Tempel, den sie bewohnt!
Meine Grundsätze sind (dann) mein einziges Gesetz, und alle Seitenblicke, alle ängstlichen Rücksichten fallen weg. Um diese Unabhängigkeit vollkommner noch zu behaupten, habe ich Frau und Kinder nach Strasburg geschickt und handle hier jetzt streng nach dem Inhalt meines Briefes an Müller, wovon ich Ihnen Abschrift beigeschlossen habe. Wenn man hätte können die Mainzer überlisten, auf eine hinterlistige Art zu einer Freiheitserklärung bringen wollen, oder wenn man überhaupt unerlaubte Überredungsmittel bei diesem schwachen, und wie ich täglich mit mehr Bedauern sehe, gar zu tief durch seine Seelsorger herabgewürdigten Volke hätte anwenden wollen, so wäre es nach den Savoyern das erste gewesen, wie es jetzt das letzte, aber darum nicht das schlechteste sein wird. Der Zeitpunkt ist jetzt gerade der ungünstigste; die preußische Armee hat durch die Einnahme von Frankfurt einige Besorgnisse bei den Einwohnern dieser Gegend rege gemacht; schon ihre Nähe ist ihnen ängstlich und die Einschränkung des Frankenheeres aus das diesseitige Rheinufer zwingt zu drückenden Maßregeln, die alle dem armen Landmann zur Last fallen. Weiterlesen
Dessen ungeachtet glaube ich, dass man gerade in diesem Zeitpunkt der freiwilligen Äußerung für die Annahme der Frankenfreiheit beinahe einstimmig entgegen zu sehen hat. Die Beamten auf dem Lande, die noch alle kurfürstlich gesinnt sind, und nun zwei Monate Zeit gehabt haben, die Bauern zu beschwatzen und durch tausend nur ihnen zu Gebote stehende Mittel gegen die neue Verfassung einzunehmen, richten doch nichts aus, und ich glaube nun, es wird in Kurzem entschieden sein, dass wir Franken werden wollen. Ich bleibe dabei, dass Deutschland zu keiner Revolution reif ist, und dass es schrecklich, grässlich sein wird, sie durch das halsstarrige Bestehen auf die Fortsetzung des unglückseligsten aller Kriege unfehlbar vor der Zeit herbeizuführen. Ich möchte bittend vor allen Fürsten Deutschlands stehen und sie um ihres eigenen Lebens und um des Glücks ihrer Völker willen bitten, es bei dem, was geschehen ist, bewenden zu lassen, nicht Alles aufs Spiel zu setzen, wo es unfehlbar verloren gehen muss, und zwar wie verloren gehen? Unser rohes, armes, ungebildetes Volk kann nur wüten, aber nicht sich constituieren, das blinde Gemetzel allein, die Verheerung aller Besitzungen, die hernach Niemandem zu Gute kommen, müssen jedem Vernünftigen als die unvermeidlichen Wirkungen des widernatürlichen Streites vor Augen schweben. Von oben herab ließe sich jetzt in Deutschland so schön eine Verbesserung friedlich und sanft verbreiten und ausführen, man könnte so schön, so glücklich von den Vorgängen in Frankreich Vorteil ziehen, ohne das Gute so teuer erkaufen zu müssen. Der Vulkan Frankreichs könnte Deutschland vor dem Erdbeben sichern. Gibt es kein Mittel, die wenigen Intriganten zu entfernen, die den unglücklichen K. misslenkten? Das wäre doch wahrlich ein Verdienst um die Menschheit, in diesem Zeitpunkt, wie noch keiner war, und wie sanft könnte der ruhen, der das Bewusstsein, der Retter Deutschlands gewesen zu sein, bei sich im Busen trüge! Ich sehe dieses Alles um so eher, so anschaulicher vor Augen, ich weiß so überzeugend, was wir zu gewärtigen haben, ich erkenne mit schrecklicher Gewissheit die ganze Stärke der Gewitterwolke und möchte sie so gerne ableiten und zerteilen!
Mitbürger!
Je unbeschränkter die Vollmacht ist, womit wir hier die Stelle unserer Brüder vertreten, um so wichtiger und ernsthafter ist unsere Pflicht. Die Schicksale dieses ganzen Landstrichs sind uns anvertraut und von den Beschlüssen, die wir hier fassen, hängt das Glück vieler tausend Menschen ab, die ihre besten Hoffnungen voll Vertrauen in unsere Hände legten. „Geht hin”, sagten sie uns, „und entscheidet in unserm Namen, was künftighin Gesetz in unsern Dörfern und Städten heißen soll; Euch wählen wir, weil unser Herz uns sagt, daß Ihr unsere Erwartungen nicht täuschen werdet; Euer Gewissen wird Euch den Weg vorzeichnen, den Ihr wandeln müßt. Wir können Euch nur eine Bedingniß zur Richtschnur vorlegen, nur den heiligen unverletzlichen Schwur, dem Volk und seiner Freiheit treu zu sein. Alles was dieser Eid in sich fasst, alles was sich auf die ewige, unerschütterliche Grundfeste der Gleichheit für uns und unsere Kinder Glückbringendes bauen lässt, überlassen wir Eurer Einsicht und Eurer Redlichkeit. Segen über Euch, Brüder und Väter des Volks! wenn Ihr sein wahres, dauerndes Glück begründet und ihm eine Verfassung schaft, unter deren wohltätigen Einfluss die Menschheit sich in ihrer gottähnlichen Größe zeigen und zur moralischen und vernünftigen Vollkommenheit entwickeln kann; aber auch bitterer, zur Hölle hinunter schleudernder Fluch der gegenwärtigen und der künftigen Geschlechter, wenn Ihr eurer heiligen Pflichten uneingedenk, Verräter an Euren Brüdern werdet und den großen Augenblick verkennt oder versäumt, in dessen unbegreiflichen Verhängnissen das Heil der Völker beschlossen liegt.” Weiterlesen
So redet der Geist des deutschen Volks, das uns hierher gesandt hat, mit uns, mit seinen Stellvertretern. Ha! vernahmen wir wohl das große, erschütternde Wort: Stellvertreter des freien deutschen Volks? – Im Namen einer unendlich gekränkten, um ihre Rechte betrogenen Völkerschaft stehen wir da! Durch zwölf Jahrhunderte und länger banden uns unwürdige Ketten, und jedes neue Geschlecht unserer Tirannen vermehrte ihre drückende Last, zog sie fester an um unsere Glieder, presste mehr Blut aus dem verwundeten Körper, und beugte tief zur Erde das Ebenbild Gottes zur entehrten Sklavengestalt. Frei waren unsere Vorältern; das Altertum erkannte in ihnen das freiste Volk unter der Sonne, und der Ruf ihrer Freiheit ist unversehrt geblieben im Gedächtnis des Menschengeschlechts. Wie das Wild in ihrem Walde kämpften sie mit Löwenkühnheit für Unabhängigkeit und heiliges Recht der Menschennatur; die Legionen der Weltbezwinger sanken vor ihrem unüberwindlichen Arm in den Staub; denn Deutschlands Söhne waren freier als Varus und seine Römer. Allein Übermuth der Kräfte und Üppigkeit des Genusses verwandelten die Helden in Räuber, die Räuber in gewaltige Fürsten und Herrscher; besiegte Stämme fröhnten dem wilden Menschenjäger und bauten in friedlicher Unterwürfigkeit seinen Acker; schlaue Wollüstlinge benutzten die Gewalt, welche die neue Religion über die Gemüter gewann, sie benutzten die Religion, welche Gehorsam, Geduld, unkriegerische Ergebung und Aufopferung des Gegenwärtigen für eine durch unbegreifliche Verheißungen beglaubigte Hoffnung des Zukünftigen predigte, um Herrschaft und Eigentum an sich zu reißen. So ward die Menge unterjocht von wenigen; so gelang es dem Starken, die Rechte seines Mitmenschen an sich zu reißen; so hielt der Priester seine unwissenden leichtgläubigen Brüder gefangen in den Irrgängen des Vorurteils.
Ewiger Richter des Menschengeschlechts! gerechte Vorsehung! mußte denn so lange das Volk die Sünden seiner Widersacher büßen? War es nicht möglich, zwölfhundertjährige Knechtschaft um einige Menschenalter abzukürzen? Stumpf und mutlos mußte die Last des immerwährenden Drucks die Völker machen, der göttliche Funke des innern selbsttätigen Strebens mußte schier verglimmen in der Pestlust der Tirannei. Wer begreife des Schicksals eherne Gesetze? Bürger und Brüder! ja, ich ahnde, daß der Missbrauch der Gewalt den höchsten Gipfel erreichen mußte, damit er sammt der Wurzel ausgerottet würde. Immer frischer und immer üppiger grüne der Baum hervor, dem man die kleinen Zweige beschneidet, und immer stolzer hob die Tirannei das Haupt, bei jedem schwachen Versuch, ihr kleine Auswüchse der Macht zu benehmen. Umsonst kehrten unsere betrogenen Vorältern nach manchem blutigen Kampf unter der Fahne der Schwärmerei, aus den Ebenen Ägyptens, aus den Wüsteneien von Palästina, von manchem Irrwahn geheilt, ins Vaterland zurück; umsonst warfen die Schweizer das Joch des Habsburgers ab; umsonst erschütterte ein Mönch den Stuhl der geistlichen Tirannen; umsonst erfanden deutsche Rheinbewohner die unsterbliche Buchdruckerkunst; umsonst fuhr der Schwede Gustav Adolph, wie ein leuchtender Blitz durch diese verfinsterte Gegend: der Trotz der Wüthriche, die Heimtücke der Heuchler, die Ränke der Volksbedrücker gewannen neue Stärke durch jeden Widerstand, und sie bedienten sich der Fortschritte selbst des menschlichen Verstandes, um uns in immer schwerere Ketten einzuschmieden. Zugleich mit äußerlicher Freiheit raubten diese Seelenmörder unseren Vätern und uns die innere Freiheit, und mit ihr den Zweck und die ganze Bestimmung unseres irdischen Daseins. Sie raubten uns das köstlichste Geschenk der Natur; die Fähigkeit uns selbst nach Gründen der Vernunft zu bestimmen; diesen heiligen Funken, unseres göttlichen Abstamms unverwerflichen Beweis, suchten sie in uns zu ersticken; lebendiges Gefühl der Wahrheit, Schönheit und Güte sollte nicht aufkommen in der Seele des Sklaven, sollte nicht zu eigenem Wirken des freien Willens Entscheidungen lenken; sie hemmten die Hauptfeder aller moralischen Bewegung und verwandelten das Meisterstück der Schöpfung, den vernünftigen, durch sich selbst wirkenden Menschen, in ein blindes lebloses Werkzeug ihrer Launen und Lüste. Das ist die Schuld, welche sich auf allen Despoten, auf allen Herrschern und ihren kleinen Mitgehülfen durch jenen langen Zeitraum häufte. Millionen Menschen verfehlten ihre Bestimmung, weil sie das Joch der Knechtschaft tragen mussten. Rache! Rache! schreien seit zwölf Jahrhunderten alle deutsche Geschlechter; Rache über die Mörder unserer Seelen, Rache über die Todfeinde der menschlichen Vervollkommnung!
Mitbürger! der schreckliche Tag des Gerichts ist gekommen; die letzte Stunde der Tirannei hat geschlagen; Verstockung, blinde Wut und ohnmächtige Überspannung ihrer letzten Kräfte sind die Zeichen des scheußlichen Todeskrampfes, in welchem sich jetzt das sterbende Ungeheuer zu unseren Füßen windet. Ja! gerecht ist Gott! der Sieg der Vernunft ist vollkommen; die beleidigte Menschheit tritt in den vollen Besitz ihrer Rechte; kein Vertrag, keine Ausgleichung findet mehr statt zwischen dem langgepeinigten Volk und seinen mit Schuld belasteten Mördern!
Erkennet, Freunde, den Unterschied zwischen den menschlichen Gerichten und göttlicher Vergeltung. Nicht gegen einzelne Despoten flammt die aufgehobene Rechte des Herrn; das Maas der Ungerechtigkeit ist voll; darum wird auch die Schale des göttlichen Zorns ausgegossen über die ganze Erde und schwemmt bis auf die letzte Spur der Tirannei hinunter in den Abgrund des Verderbens und ewiger Vergessenheit. Nicht, weil im gegenwärtigen Zeitpunkt gerade der verächtlichste oder der verabscheuungswürdigste Abschaum und Auswurf des Menschengeschlechts die Thronen der Erde füllte, sondern weil die Axt schon längst am giftigen Stamme der Herrschergewalt gelegen hatte, soll ihr allgemeiner Sturz der Erde dieses Jahrhunderts auf ewige Zeiten bezeichnen. Erkennet, Freunde, dass ein neuer Abschnitt in der Geschichte unserer Gattung beginnt; erkennet, dass die Epoche der Befreiung des Menschengeschlechts so wichtig ist, als jene, von welcher vor achtzehnhundert Jahren unsere Zeitrechnung anfieng.
Stellvertreter des freien deutschen Volks! Ihr habt der Welt, die Euch beobachtet und die Euch richten wird, bereits einen Beweis gegeben, daß Ihr Euch zur ganzen Würde hinaufzuschwingen wißt. Auch Ihr habt am 18ten März nicht die Tirannen allein, nicht den Urheber des jetzigen Kriegs, den Fackelträger der Zwietracht und der Despotenwuth, Friedrich Carl Joseph, nicht das Haupt der Verschwörung, den Schwächling Franz, nicht die kleinen Peiniger und Blutsauger dieses oder jenes kleinen Ländchens, – nein, Ihr habt die ganze Tirannei im rheinisch deutschen Volk mit einem mächtigen Schlage zu Boden gestreckt, und die Fahne der Volks-Souverainität an dem befreiten Rheinufer aufgepflanzt.
Männer! der erste Schritt ist getan; aber der zweite muss folgen, oder was Ihr tatet, wird die Nachwelt als ein Possenspiel, als ein kindisches Beginnen verachten. Sprecht Ihr die Freiheit Eurer Mitbürger aus; wohlan, so reicht ihnen heute den undurchdringlichen Schild, der ihnen den Genuss der Freiheit unter seinem Schatten sichert. Schaut umher; Eurer jungen Freiheit drohen die Myrmidonen der Despoten; jenseits stehen sie in Eisen geharnischt und diesseits drängen sich ihre Schaaren, durch die Gebirgstäler in Eure fruchtbaren friedlichen Gefilde. Wo ist das Heer, das Ihr dem Feinde entgegenstellt, wo die Schätze, die der Krieg verschlingt, wo der Muth, der alle Hindernisse besiegt, der lieber in gewissen Tod stürzen, als das Grab der Freiheit erleben will? Ist nicht die Menge Eures Volks unbedeutend, hat nicht der lange, entnervende Druck seinen Geist gedämpft, haben seine Fürsten und Fürstenknechte nicht alle seine Habe verprasst?
Ihr zeigt mir die beherzten Schaaren Eurer Befreyer; das edle Volk der Franken steht auf in den Waffen und breitet seine schutzreichen Flügel aus, über die schwächeren, unkriegerischen Völker, die es dem Despotismus abgewann. Ich sehe und staune mit Euch; freie Krieger seh' ich mit beispielloser Großmut ihr Leben opfern für fremder Menschen Glück; Franken erkämpfen den Deutschen die Freiheit. Ich sehe sie stürzen ins Schlachtgewühl; ihre Blitze zerschmettern die Horden der Knechte; sie fällen ihre Bayonette, sie dringen ein; Sieg! und Sieg auf Sieg! Die gedemütigten Feinde flehen um Gnade und Eure Freiheitsfahne weht!
Männer! Vertraute des deutschen Volks! Aufbewahrer seiner besten Hoffnungen! Ich beschwöre Euch, blickt über den gegenwärtigen Augenblick hinweg in die Zukunft. Der Hass und Groll der Tirannen stirbt nur mit ihnen aus. Wenn ihre Wunden geheilt, wenn ihre zerhackten Schwerter neu gewetzt sein werden, seh ich den Augenblick, wo sie noch einen Versuch wagen, die deutsche Freiheit im Aufsprossen niederzutreten. Plötzlich und unerwartet überfallen sie dann Eure ruhigen Wohnorte; Eure Beschützer sind fern; sie morden Euch und Eure schuldlosen Gehülfinnen; die Ungeheuer morden die frohen Geschöpfe Eurer seligsten Augenblicke, die um die Knie Eurer Greise spielen, sie morden die ehrwürdigen Alten; Eure Hütten verzehrt ein allgemeiner Brand; Schutt und Asche bezeichnen den Ort, wo Freiheit, und Unschuld, wo Glück und Liebe mit den Menschen einst wohnten!
Schaudert Ihr zurück vor diesem grausenvollen Bilde? O rettet, rettet schnell, durch einen weisen Entschluss, das Leben, das Glück, die Freiheit, derer die Euch sandten; sichert auf ewig gegen alle Hinterlist und Mordlust der Feinde, ein gutes Volk, das sich nicht selbst beschützen kann. Behaltet Eure Befreier, Eure Beschützer im Lande; schließt Euch fest an sie an, entlasst sie nicht aus Euren Armen, schwört ihnen den ewigen Bruderbund, und empfangt ihn wieder von ihnen; sprecht das große entscheidende Wort; die freien Deutschen und die freien Franken sind hinführo ein unzertrennliches Volk!
Heute, liebe Frau, werde ich, mit zwei andern Deputierten, Potocki und Lux, in Begleitung des Deputierten Hausmann vom Pariser Nationalconvent, nach Paris abreisen, um den Wunsch nach Vereinigung und Einverleibung, und eine Adresse von dem hiesigen Convent an den dortigen zu überbringen. In drei Wochen werde ich vermutlich wieder hier sein. Unsere Reise geht schnell, Tag und Nacht, und den kürzesten Weg. Vielleicht ließe sich auf dem Rückweg eine Zusammenkunft versuchen, aber ich glaube kaum, dass es möglich ist.
Meine Ernennung nach Paris ist fast einstimmig gewesen. Ich habe große Liebe im Convent, zumal unter den Bauern; allein wenn es möglich ist, lasse ich mich hernach zum Deputierten, als Sitz und Stimme habendes Mitglied des Nationalconvents für hiesige Gegend, nachdem sie vereinigt sein wird, ernennen. Das kann aber vor drei, vielleicht sechs Monaten nicht geschehn. So lange müsste ich denn augenscheinlich hier bleiben und die Gefahren der Mainzer teilen, wozu ich auch entschlossen bin.
Die nächsten paar Briefe, die Du mir schreibst, kannst Du an Treuttel einschließen, der sie mit unter des Ministers Lebrun Adresse nach Paris schicken wird, wovon ich ihn benachrichtige.
Ich habe alle Hände voll zu tun, und den Kopf noch voller – darum schließe ich schnell. Gott segne Euch alle.
Georg Forster´s sämtliche Schriften. Herausgegeben von dessen Tochter und begleitet mit einer Charakteristik Forster´s von G. G. Gervinus. In neun Bänden, Leipzig 1843.
Garber, Jörn (Hrsg.): Wahrnehmung - Konstruktion – Text. Bilder des Wirklichen im Werk Georg Forsters, Tübingen 2000.
Garber, Jörn / Heintze, Dieter (Hrsg.): Georg Forster in interdisziplinärer Perspektive, Berlin 1994.
Goldstein, Jürgen: Georg Forster (1754–1794). Weltumsegler und Kopf der Weimarer Republik, in: Frank-Walter Steinmeier (Hrsg.), Wegbereiter der deutschen Demokratie. 30 mutige Frauen und Männer 1789–1918, München 2021, S. 39–51.
Goldstein, Jürgen: Georg Forster. Zwischen Freiheit und Naturgewalt, Berlin 2015.
Uhlig, Ludwig: Georg Forster. Einheit und Mannigfaltigkeit in seiner geistigen Welt, Tübingen, 1965.
Uhlig, Ludwig: Georg Forster: Lebensabenteuer eines gelehrten Weltbürgers, 1754–1794, Göttingen 2004.
Vorpahl, Frank: Der Welterkunder. Auf der Suche nach Georg Forster, Berlin 2018.
GEORG FORSTER

Johann Georg Adam Forster (geb. am 27. November 1754 in Nassenhuben, Polnisch-Preußen, gest. 10. Januar 1794 in Paris) gehört zu einer Gruppe von deutschen revolutionären Demokraten, mit der sich seine Zeitgenossen, aber auch die deutschsprachige Geschichtsschreibung lange Zeit schwergetan hat: die Mainzer Jakobiner. 1792/93 errichteten sie nach der Besetzung von Kurmainz durch französische Revolutionstruppen die Mainzer Republik – das erste demokratisch-republikanische Gemeinwesen in Deutschland. Als Mitglied des Mainzer Jakobinerklubs war Georg Forster nicht nur an der Beseitigung des Ancien régime im Kurfürstentum Mainz beteiligt, sondern auch Teil einer Delegation, die 1793 in Paris den Anschluss der Mainzer Republik an die erste französische Republik erbat. Aus Sicht seiner Zeitgenossen war das Hochverrat, Georg Forster ein Vaterlandsverräter. Sein universalistisches Verständnis von Republik und Demokratie, seine Haltung, in der Terreur ein notwendiges Übel des revolutionären Prozesses zu sehen, machten ihn und andere deutsche Jakobiner nicht nur zu Parteigängern des französischen „Erzfeindes“. Historiker wie Leopold von Ranke (1795-1886), Heinrich von Treitschke (1834-1896) oder Heinrich von Sybel (1817-1895) brandmarkten Forster und andere deutsche Jakobiner als „undeutsch“.
Georg Forsters Erbe ist jedoch nicht nur für die politische Geschichte Europas relevant. Seine Teilnahme, zusammen mit seinem Vater Reinhold Forster, an der zweiten Weltumseglung von James Cook in den Jahren 1772 bis 1775, seine Tätigkeit als Naturforscher, Übersetzer, Verfasser von Reiseberichten, seine Beiträge zur Anthropologie seiner Zeit, kurzum seine Bedeutung für unterschiedlichste Aspekte der Zeit der Aufklärung und der Revolutionen machen ihn und sein Erbe zu einem wichtigen Vertreter der Spätaufklärung und zu einem Forschungsgegenstand für zahlreiche Disziplinen.
Johann Georg Adam Forster wurde am 27. November 1754 in Nassenhuben (in der Nähe von Danzig) geboren.
Forster übersetzte Reiseberichte und Fachliteratur aus dem Russischen, Niederländischen, Schwedischen, Englischen und Französischen.
Forster nahm an der Weltumseglung James Cooks als Ethnograph, Botaniker, Zoologe und Zeichner teil.
Veröffentlichung des Reiseberichts „A voyage round the world“. Aufgrund seiner Verdienste wurde er unter anderem in die Royal Society in London und die königlichen Akademien von Berlin, Madrid und Göttingen aufgenommen.
Anstellung als Professor für Naturkunde am Collegium Carolinum in Kassel. Er stand im Austausch mit zahlreichen bekannten Persönlichkeiten der Zeit wie Goethe, Herder, Kant, Wieland oder Lessing.
Professur an der polnischen Universität Wilna und 1785 Heirat mit der Tochter des Göttinger Philologen Christian Gottlob Heyne, Therese Heyne.
Forster wurde mit einer Arbeit über essbare Südseepflanzen promoviert.
Annahme der Stelle des Bibliothekars an der Kurfürstlichen Universität zu Mainz.
Georg Forster reiste zusammen mit Alexander von Humboldt den Rhein hinunter nach Belgien, England und Frankreich. In Paris wurde er Zeuge der Auswirkungen der Französischen Revolution.
Forster wurde Mitglied des Mainzer Jakobinerklubs und stieg dort zu einem der führenden Köpfe auf.
Im März 1793 wurde Georg Forster zum Vizepräsidenten des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents gewählt. Kurz darauf reiste er nach Paris, um den Antrag des Konvents auf Anschluss der Mainzer Republik an die Französische Republik zu stellen. Dies kam jedoch zu spät, Mainz wurde bereits von den preußischen Truppen zurückerobert.
Tod am 10. Januar 1794 im Pariser Exil.
Susanne Lachenicht
Der Ausbruch der Französischen Revolution im Juli 1789 führte auch in Deutschland zu wahren Begeisterungsstürmen. Zu den Freiheitsfreunden, wie die deutschen Anhänger der frühen Französischen Revolution genannt wurden, zählte auch Georg Forster, der seit 1787/88 in Mainz als Bibliothekar der Universität tätig war und sich mit anderen Aufklärern regelmäßig zur kritischen Diskussion der Verhältnisse in „Teutschland“ traf und in seinen Briefen die Ereignisse in Frankreich kommentierte.
Die im Sommer 1789 immer wieder beschworene Einheit von König, Nationalversammlung und Nation erwies sich jedoch als trügerisch. Dass die Revolution „konsolidiert sei“, wie Forster nach einer Reise nach Paris im Sommer 1790 an Christian Conrad von Dohm schreibt, erweist sich als falsch (Brief Forsters an von Dohm vom Sommer 1790, in: Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, 1985, S. 651). Ludwig XVI. blockiert zunehmend mit seinem Veto notwendige Reformen. Spätestens mit der misslungenen Flucht der königlichen Familie im Juni 1791 wird die im Entstehen begriffene konstitutionelle Monarchie zu einer Totgeburt. Die erste französische Verfassung, wie sie im September 1791 erlassen wurde, ist längst hinfällig, da sich der König durch seine Flucht als Verräter an der Revolution und damit an der Verbesserung der Verhältnisse in Frankreich entlarvt hat. Das politische Lager der Brissotins fordert die Anklage und Verurteilung des Königs und die Abschaffung der Monarchie.
Weiterlesen
In Mainz verfolgt Forster minutiös die Ereignisse in Frankreich. Doch er bleibt zunächst distanziert. Er will kein „enragé“ sein, ergreift aber ab 1791 dann doch Partei für die französischen Jakobiner (Brief Forsters an Heyne vom 12. Juli 1791 und vom 21. Februar 1792, in: Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 652-657). Diese „Klubbisten“ seien Garanten der Revolution: „Ohne sie wäre die Gegenrevolution in Paris schon ausgebrochen und mit dieser die unbedingte Zurückbringung des Zustandes von 1789.“ (Brief Forsters an Heyne vom5. Juni 1792, in: Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 658-662) Die Revolution ist für ihn „Bestimmung vom Vorhergehenden“ und notwendiger Garant für die Gestaltung einer freiheitlichen Zukunft – zunächst allerdings nur für Frankreich selbst (Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 661; siehe auch Brief an Therese Forster, vom 11. Mai 1793, ibidem, S. 703).
Zwischen Juni 1791 und April 1792 wächst in Europa die Angst vor dem Gespenst der Revolution: „allein der deutsche Adel ist ganz blind vor Wut, und statt den Zeitpunkt wahrzunehmen, um durch vernünftige Entsagungen alles zum Vergleich zu ebenen, hetzt er die Fürsten an zum Kriege gegen Frankreich, zur Ausübung willkürlicher Gewalt gegen die Untertanen“, wie Forster an Heyne schreibt (Brief Forsters an Heyne vom 9. Juli 1791, in: Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 652). Geschürt nicht zuletzt auch durch die Émigrés, französische Revolutionsgegner, die Frankreich in größeren Zahlen verlassen, drohen die Koalitionsmächte am 27. August 1791 in der Erklärung von Pillnitz dem revolutionären Frankreich mit Krieg, sollte es nicht die alte Ordnung, das Ancien régime, restaurieren. Frankreich reagiert seinerseits am 20. April 1792 mit der Kriegserklärung an Österreich. Nach anfänglichen Niederlagen der französischen Revolutionsarmee wendet sich im September 1792 das Blatt mit der Kanonade von Valmy. Infolge ihrer militärischen Erfolge marschieren französische Truppen im Westen des Heiligen Römischen Reiches über die Grenze, erobern und besetzen Teile des Rheinlandes, nicht zuletzt auch das Kurfürstentum Mainz.
Bis zum Oktober 1792 bleibt Forster skeptisch, was einen möglichen Export der Revolution nach Deutschland angeht. Er hält einen Umsturz in Deutschland für „ein großes Unglück“ (Brief Forsters an Heyne vom 12. Juli 1791 und vom 21. Februar 1792, in: Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 652-657) und hofft, dass die „Gärung“ nicht zu früh in Deutschland um sich greift, weil er meint, „daß die moralische Bildung unserer Nation, wenn sie mit der des Kopfes Schritt hält, uns wie von selbst frei machen muß.“ (Brief Forsters an Voß vom 2. Oktober 1792, in: Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 667) Nach der Eroberung von Mainz durch die französischen Truppen unter Custine gehört Forster dann aber doch zu den Jakobinern, die die Eroberung und Besetzung von Mainz durch französische Truppen zu nutzen versuchen, um ein demokratisch-republikanisches Gemeinwesen nach französischem Vorbild zu errichten. „Preuße“ zu bleiben, sei, wie er in einem Brief an Voß am 21. November 1792 schreibt, mit seiner „Freiheitsliebe“ nicht vereinbar, ebenso wenig mit seinem Kosmopolitismus. Deshalb sei es seine Pflicht, sich der neuen, französischen und revolutionären Verwaltung von Mainz anzuschließen (Brief Forsters an Voß vom 21. November 1792, in: Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 681ff). Forster wird folglich Mitglied der Gesellschaft der Konstitutionsfreunde, das heißt des Mainzer Jakobinerklubs. Als Publizist hofft er, in der Mainzer Zeitung seine Mitbürger von Revolution, Republik und demokratischem Gemeinwesen im von Frankreich besetzten Rheinland überzeugen zu können. Der Export der Revolution auf den Spitzen der französischen Bajonette wird willkommen geheißen, um das „Joch der Tyrannei“, den Despotismus der Fürsten des Ancien régime, abzuschütteln. Im März 1793 wird Forster in das erste demokratisch gewählte Parlament, den Rheinisch-Deutschen Nationalkonvent gewählt, der ihn im März nach Paris schickt, um die „Einverleibung der von den Franzosen besetzten Rheingegend in die Frankenrepublik“ zu beantragen, wie er an seine Frau Therese schreibt (Brief Forsters an Therese Forster vom 31. März 1791, in: Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 685). Es ist Forsters Rede im Mainzer Konvent, die die Abgeordneten überzeugt, diesen Schritt zu gehen. Ab dem 14. April 1793 wird Mainz jedoch durch Truppen Österreichs, Preußens, Sachsens, Bayerns und Hessens belagert; am 23. Juli kapitulieren die französischen Truppen. Die Mainzer Republik findet ein jähes Ende. Forster ist nun nicht mehr nur im Exil, sondern in der Verbannung. Er kann nicht mehr ins Reich zurückkehren, ohne sein Leben zu riskieren.
Während Forster in seinen Reden in der Gesellschaft der Konstitutionsfreunde und im Mainzer Nationalkonvent die Chance, die der Export der Revolution Deutschland biete, beschwört (Forster: Ueber das Verhälnis der Mainzer gegen die Franken, in: Gesammelte Schriften, Band 6, S. 413-429), bleibt er in seinen privaten Briefen skeptisch, eine Haltung, die sich auch in seiner 1794 in Paris verfassten Darstellung der Revolution in Mainz widerspiegelt. Eigentlich sieht Forster Evolution und Reformen als den richtigen Weg für Deutschland an, sich von der „Tyrannei“ und dem „Despotismus“ der Fürsten zu befreien. Die Befreiung von oben, durch die Franzosen, sei problematisch, nicht zuletzt, da die Franzosen selbst durch ihre Besatzungspolitik, das Erpressen von Reparationen und die Zurücknahme des Selbstbestimmungsrechtes der von ihnen „befreiten Völker“ Freiheit und Revolution pervertiert hätten (Forster: Darstellung der Revolution in Mainz, in: Gesammelte Schriften, Band 6, S. 404-407). Aus der Perspektive des Exils heraus und mit der Erfahrung des Falls der Mainzer Republik im Rücken sieht Forster die Mainzer Jakobiner (und damit sich selbst) als „Revolutionsanfänger“, als „tölpisch und unbeholfen“, die aber dennoch „Hoffnung in der Brust des Menschenfreundes“ erweckten. „Freiheit, dieses höchste Ziel, dem der Mensch in sittlicher und bürgerlicher Beziehung entgegenreisen kann, wird ohne wiederholtes Ausgleiten und Irregehen nicht errungen”, schreibt Forster in seiner Darstellung der Revolution in Mainz (Forster: Darstellung der Revolution in Mainz, in: Gesammelte Schriften, Band 6, S. 404-408).
Georg Forsters ambivalentes Verhältnis zur Gewalt der Revolution drückt sich nicht zuletzt in seinen beiden in Paris verfassten Schriften Über die Beziehung der Staatskunst auf das Glück der Menschheit und den Parisischen Umrissen aus, die als sein politisches Testament gewertet werden (Zur Interpretation der beiden Schriften vgl. Ludwig Uhlig, Georg Forster. Einheit und Mannigfaltigkeit in seiner geistigen Welt, Tübingen 1965; Marita Gilli, Forster und Frankreich, Frankreich und Forster, in: Claus-Volker Klenke, Jörn Garber und Dieter Heintze (Hrsg.), Georg Forster in interdisziplinärer Perspektive, Berlin 1994, S. 255-272; Manuela Ribeiro Sanches, Vernunft und Revolution. Zum Verhältnis von Forsters Über die Beziehung der Staatskunst auf das Glück der Menschheit und Parisische Umrisse, in: Jörn Garber (Hrsg.), Wahrnehmung - Konstruktion – Text. Bilder des Wirklichen im Werk Georg Forsters, Tübingen 2000, S. 143-161). Aus dem Pariser Exil heraus formuliert er abermals seine Kritik am Absolutismus, der selbst in seiner aufgeklärten Form der Vervollkommnung des Menschen im Weg stehe. Da Aufklärung und Reformen dem Menschen nicht seine ursprüngliche Freiheit zurückgegeben hätten, hätte es der Revolution bedurft, um diese Freiheit zurückzugewinnen. Letztere, so Forster, sei wiederum Voraussetzung für Selbsterziehung und Bildung, aus denen jeder einzelne Mensch seine sittliche Vervollkommnung heranbilden könne (Forster: Über die Beziehung der Staatskunst..., in: Roedel (Hrsg.): Georg Forster, 1966, S. 142ff, 152, 165). Doch welcher Mittel darf sich die Revolution bedienen? Braucht es Leidenschaft, braucht es Gewalt, um das Joch der Tyrannei abzuschütteln?
In seinem politischen Testament hadert Forster mit der Gewalt der Revolution und sieht sie gleichzeitig als notwendig an. Der revolutionäre Prozess sei ein „Naturereignis“, das sich ebenso wie Vulkanausbrüche oder andere Naturkatastrophen seine Bahn breche, das die notwendigen Umwälzungen mit sich bringe und der sittlichen Vervollkommnung des Menschen und damit seinem Glück diene: „Die Lava der Revolution fließt majestätisch und schont nichts mehr. Wer vermag sie abzugraben?“ (Brief von Forster an Therese Forster, in Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 751). Dort wo der „Volkswille“, die „Öffentliche Meinung“, die Gewalt der Revolution rechtfertige, dort sei sie auch legitim, schreibt Forster an einer Stelle (Riberio Sanches: Vernunft, S. 160). Und auch wenn die „Erscheinungen“ der Revolution „dem Joch des Despotismus“ der Fürsten zuweilen ähnelten, so sei die Revolution in ihrer „Fühllosigkeit und Grausamkeit“ gerechtfertigt, da sie „dem Gesetz der Notwendigkeit“ entspreche und von der „öffentlichen Volksmeinung“ gebilligt werde (Forster: Parisische Umrisse, in: Roedel (Hrsg.): Georg Forster, S. 89). Während Forster an etlichen Stellen seines politischen Testamentes Revolutionen als notwendig ansieht, um die Grundbedingungen für Gleichheit, Freiheit und Glückseligkeit herzustellen, und gleichzeitig immer wieder Zweifel an der Gewalt der Revolution formuliert, steht er kritisch denjenigen Revolutionären gegenüber, die die Revolution wiederum für die Unterdrückung von Menschen und ihren Freiheiten (und damit auch ihrem Glück) missbrauchen (Sanches: Vernunft, S. 147; siehe auch: Brief von Forster an Therese Forster vom 4. und 14. Juni 1793, wo er das Vorgehen der Montagne gegen die Girondisten als „feige“, „Mißbrauch“ und „zügellos“ verurteilt, in Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 717). Die Entgleisung der Revolution ist in Forsters Denken also nicht unbedingt der gewaltsame Prozess selbst, sondern der Missbrauch der Revolution im Sinne der egoistischen Interessen des Einzelnen. Sein Hadern drückt sich vor allem in den Briefen an Therese Forster aus, an die er am 6. September 1793, mitten in der Terreur, Folgendes schreibt: „Die Maxime: laßt uns Böses tun, auf daß Gutes daraus folge, ist abscheulich! Aber wenn das Böse nun geschehen ist, liegt das Gute glücklicherweise einmal in den Fügungen des Schicksals, sonst müßte das Menschengeschlecht schon lange vertilgt worden sein. Diese Hoffnung habe ich noch.“ (Brief von Forster an Therese Forster vom 6. September 1793, in: Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 733)
Forster beschäftigt sich damit auch mit einem anderen Dilemma: In welchem Verhältnis stehen volonté générale und individuelle Freiheit? Braucht es für das „Glück der Menschheit“ Republikanismus (die Durchsetzung des Willen des Volkes) oder Liberalismus (die Freiheiten und Rechte des Einzelnen)? Sie stehen bei Forster wie bei so vielen anderen Vertretern einer demokratisch-republikanischen politischen Theorie und Praxis in einem dialektischen Verhältnis und ringen miteinander im Prozess der Vervollkommnung des Menschengeschlechtes (Forster: Parisische Umrissse, S. 89). Im Dezember und Januar 1793/94 ringt Georg Forster dann mit sich selbst. Seine kränkelnde Gesundheit, seine selbst diagnostizierte „skorbutische Gicht“ verursacht „unsäglichen Schmerz, Schlaflosigkeit, Schwächung des ganzen Körpers“. Er behandelt sich selbst und zieht weitere Ärzte hinzu. Am 10. Januar 1794 stirbt er einsam im Pariser Exil (Brief von Forster an Therese Forster vom 27. und 28. Dezember 1793, in: Günther (Hrsg.): Die Französische Revolution, S. 770f).
Als deutscher, als Mainzer Jakobiner steht Georg Forster damit für einen anderen, durchaus auch problematischen demokratisch-republikanischen Weg, anders als der romantisch-nationalistisch-chauvinistische, der autoritäre Weg, den Deutschland nach 1848 beschreiten sollte. Forsters Denken war kein deutsch-nationales, auch kein französisch-nationales, sondern ein universelles, ein kosmopolitisches. Seine Vorstellungen für die Zukunft Deutschlands orientierten sich trotz negativer Besatzungserfahrungen am revolutionär-republikanischem Frankreich, an der demokratischen Verfassung von 1793. Auch wenn er sich einen anderen, einen evolutionären Weg der Reformen zu Freiheit, Demokratie und Republik für Deutschland gewünscht hatte, unterstützte Forster den revolutionären Weg, den Weg von Eroberung, Besatzung und Gewalt, mit Schaudern und mit Kritik an missbräuchlichen Praktiken einzelner Revolutionäre. Die Frage nach der Legitimität des Handelns Einzelner und der Mittel zur Durchsetzung von Freiheit und Demokratie aber bleibt.
Quellen
Briefe von Georg Forster finden sich in: Horst Günther (Hrsg.), Die Französische Revolution. Berichte und Deutungen deutscher Schriftsteller und Historiker, Bd. 2 Georg Forster und die deutschen Publizisten, Frankfurt/Main 1985.
Georg Forster, Über das Verhältnis der Mainzer gegen die Franken. Gesprochen in der Gesellschaft der Volksfreunde am 15. November 1792.
Georg Forster, Darstellung der Revolution in Mainz.
Georg Forster, Über die Beziehung der Staatskunst und das Glück der Menschheit.
Georg Forster, Parisische Umrisse.
Literatur
Marita Gilli, Forster und Frankreich, Frankreich und Forster, in: Claus-Volker Klenke, Jörn Garber und Dieter Heintze (Hrsg.), Georg Forster in interdisziplinärer Perspektive, Berlin 1994.
Manuela Ribeiro Sanches, Vernunft und Revolution. Zum Verhältnis von Forsters Über die Beziehung der Staatskunst auf das Glück der Menschheit und Parisische Umrisse, in: Jörn Garber (Hrsg.), Wahrnehmung - Konstruktion – Text. Bilder des Wirklichen im Werk Georg Forsters, Tübingen 2000.
Wolfgang Rödel (Hrsg.), Georg Forster. Über die Beziehung der Staatskunst auf das Glück der Menschheit und andere Schriften, Frankfurt/Main 1966.
Ludwig Uhlig, Georg Forster. Einheit und Mannigfaltigkeit in seiner geistigen Welt, Tübingen 1965.
Schön ist es aber zu sehen, was die Philosophie in den Köpfen gereift und dann im Staate zustande gebracht hat. […] Also ist es doch der sicherste Weg, die Menschen über ihre Rechte aufzuklären; dann gibt sich das übrige wie von selbst.
Es wäre ein erhabenes, anziehendes Schauspiel, lieber Freund, wenn die stolzesten menschlichen Künste, die Regierungskunst und die Politik, einst vor den Richterstuhl der Vernunft gefordert würden, um von ihren Wirkungen Rechenschaft abzulegen und sich gegen die Anklage der Tugend und gegen das Zeugnis der Erfahrung zu rechtfertigen. Ihre Verteidigung müsste zu Entdeckungen führen, die das Menschengeschlecht für die Zukunft gegen Missbräuche und Unterdrückungen, wo nicht sicherstellen, doch wenigstens misstrauischer machen würden, als es bisher im ganzen gewesen ist.
Ich bin so wenig vom Charakter der Franzosen erbaut als ihre Feinde und Verächter, aber ich erkenne neben ihren Mängeln und Fehlern auch das Gute, das sie haben und sehe keine Nation einzeln als Ideal an. Alle zusammen machen die Masse der Gattung aus, und die Franzosen sind nun einmal, vielleicht har zur Strafe, bestimmt, die Märtyrer für das Wohl, welches künftig die Revolution hervorbringen wird, abgeben zu müssen.
Über die Unbeständigkeit der Verfassungen nachzudenken, ist wohl nirgends natürlicher, als in Aachen, wo die Reichsinsignien den Fremden an die tausendjährige Dauer des deutschen Reiches, das jedoch in diesem Zeitraum so wesentliche Veränderungen erlitten hat, recht lebhaft erinnern. Ich habe die Kathedralkirche besucht. Sie ist mit kleinlichen Zierraten überladen, mit denen die Säulen von Marmor, Granit und Porphyr sonderbar genug kontrastieren. Der Stuhl, worauf seit Karls des Großen Zeit so mancher deutsche Kaiser gekrönt worden ist, besteht aus schlechtem weißem Marmor, und hat eine so unzierliche Gestalt, dass man ihn für eine Satire auf alle Throne der Welt halten möchte. So sehr uns der Vorzeiger bat, uns darauf zu setzen, spürte ich doch nicht die geringste Versuchung dazu, und wünschte nur manchem deutschen Fürsten das Gefühl, womit ich da vor dem Stuhle stand. Weiterlesen
Die Geschichte der letzten Jahrhunderte war so eben vor meinem Gedächtnisse vorübergegangen. Was man in Wien, in Regensburg und in Wezlar für ganz verschiedene Vorstellungen von den wesentlichen Bestandteilen der Reichsverfassung hegt; wie allmählich die Kaiserwürde durch alle Metamorphosen bis zu ihrer jetzigen Form, wo ihr nur der Schatten ehemaliger Herrschermacht geblieben ist, sich hat einschränken lassen; wie die zahlreichen, freien Stände, jetzt unter der unwiderstehlichen Übermacht von wenigen Allesvermögenden aus ihrer Mitte, nur noch am Namen der Freiheit sich begnügen, und den gesetzgebenden Willen dieser Wenigen gutheißen müssen: dies Alles erfüllte mich mit der niedergeschlagenen Überzeugung, wie wenig Willkürliches in den Schicksalen der Völker, wie wenig der Würde denkender Wesen Angemessenes, sich im großen Ganze der Weltbegebenheiten zeigt, und wie das Glück und die Wohlfahrt der Millionen, die auf dem Erdenrund umherkriechen, von toten Buchstaben, von eigensinnigem Bekleiben an bedeutungsleer gewordenen Ceremonien, von Nichtswürdigkeiten welche leeren Köpfen Importanz geben, stets abhängig bleibt, und keinesweges in ihrer eigenen Kraft und Tat besteht!
[…]
Die wichtigen Fragen, worüber wir hier deraisonnieren hörten, kann zwar ein Köhler oder ein Schwerdtfeger nicht entscheiden; allein unter allen Menschen, denen diese Fragen zu Ohren gekommen sind – wie viele gibt es, deren Vernunft für kompetent zur Entscheidung gelten kann? Und werden diese kompetenten Richter unter sich einig sein? Wahrhaftig! wenn niemand sich unterstehen dürfte, über Dinge zu sprechen, oder vielmehr seine Verstandeskräfte an Dingen zu üben, die er nicht rein bis auf die letzten Gründe sich entwickeln kann; so gehörte die große Masse der fürstlichen Automaten, des ungebildeten und ausgearteten Adels, der juristischen Tröpfe, der Theologen, die ihre Dogmatik nur auswendig wissen, zu den ersten, denen man Stillschweigen gebieten müsste, indes nur wahre Weise sprechen, und – was mehr ist – regieren dürften. Neben so vielen Rechten, welche die Menschen veräußern und übertragen konnten, um den Vorteil der Vereinigung zu einem Staate zu genießen, gibt es auch andere, welche ihrer Natur nach unveräußerlich sind; unter diesen stehet das Recht, ihre Geistesfähigkeiten durch Entwicklung, Übung und Ausbildung zu vervollkommnen, oben an. Wenn ein Vertrag die Sklaverei gut heißen, und den unumschränkten Willen eines Tyrannen für rechtmäßig erklären könnte, so darf doch selbst das Leibeigentum, welches jemand besitzt, ihm nicht zum Vorwande dienen, seine Sklaven an der Erreichung ihrer Bestimmung als Menschen zu verhindern. Oder geht die Anmaßung der Tyrannei so weit, dass sie ihren Opfern auch diese Bestimmung abspricht? Darf sie im Ernste der Natur so schrecklich spotten, und ohne Hehl den Sklaven zum Tier herabwürdigen wollen? Darf sie sich das Recht zusprechen, einem Menschen Vernunft und Menschheit auszuziehen? Dann rege sich Alles, was noch Menschheit im Busen fühlt, gegen das Ungeheuer, das seine Größe nur auf Zerstörung bauet!
Vor einigen Tagen haben unsere Jakobiner schon den Versuch gemacht, auch außerhalb den Mauern ihres Versammlungsorts die Aufmerksamkeit ihrer Mitbürger zu erregen, zur Begründung der Freiheit die Macht sinnlicher Vorstellungen ins Spiel zu rufen und selbst die abergläubigen Erdichtungen der Vorzeit zu benutzen, um die Furcht vor der Zuchtrute des Herrschers zu verscheuchen und die neue Epoche der Mainzischen Erlösung und Wiedergeburt zu bezeichnen. Ein Kurfürst, dem es gelungen war, nachdem ihn die Einwohner aus ihren Mauern vertrieben hatten, sich der Stadt von neuem zu bemeistern, sollte laut einer unverbürgten Volkssage, zum Gedächtnis seines Sieges auf öffentlichem Markt eine Masse von Eisen haben anschmieden lassen, die dort bis auf die gegenwärtige Zeit zu sehen war. Da er sichs bei dieser Gelegenheit erlaubt hatte, der Stadt und ihrem Magistrat, gleichsam zur Strafe der Empörung, ihre kostbarsten Privilegien und Freiheiten zu entziehen, soll er zugleich mit bitterm Spotte verkündigt haben, dass sie wieder zum Genuss derselben gelangen würden, sobald jene Masse an der Sonne zerschmölze. Weiterlesen
Hier fand unsere Volksgesellschaft den schicklichen Stoff zu einem politischen Drama; ihr war es aufbehalten, den gordischen Knoten zu zerhauen, an welchen das Schicksal von Mainz und seine Befreiung gleichsam magisch geknüpft zu sein schien. Mit Vorwissen und Erlaubnis des fränkischen Generals, zogen die neuen Republikaner, geführt von ihrem Präsidenten, in Begleitung der Feldmusik des Heeres, - den Freiheitsbaum mit dreifarbigen Bändern und roter Mütze tragend, und Freiheitshymnen anstimmend, - unter dem Zulauf eines unzählbaren Volks auf den Markt; mit einem heiligen Feuereifer zersprengten sie in wenig Augenblicken die Klammern, welche das Denkmal des Übermuts ihrer Tyrannen und der Erniedrigung ihrer Mitbürger so lange Zeit emporgehalten hatten, und pflanzten den mit den Insignien der Unabhängigkeit geschmückten Baum an seine Stelle. „Es lebe die Freiheit! Es lebe das Volk! Es lebe die Republik!“ erscholl ein unaufhörliches Jubelgeschrei, bis der Zug wieder in den Saal der Gesellschaft zurückgekehrt war. Hier trug man darauf an, das Eisen einschmelzen und Schaumünzen daraus prägen zu lassen, die mit der Inschrift: „die Sonne der Wahrheit hat es geschmolzen,“ die Lösung jenes erzbischöflichen Zaubers bezeugen sollten. Allein man entdeckte noch zu rechter Zeit, dass die Masse nicht Eisen, sondern Stein, und nur mit eisernen Platten überlegt war, auf deren einer sich das alte Mainzische Längenmaß eingegraben befand. Dies bewog die Gesellschaft, das Denkmal für die Geschichte des Altertums aufzubewahren, und es bei der ersten Übereilung bewenden zu lassen.
Diese frühzeitigen Regungen des Freiheitsgeistes, und insbesondere die Hoffnung, auf deutschem Boden die fränkischen Grundsätze der Volksregierungen fortzupflanzen, schienen in manchem Betracht nicht nur voreilig, sondern auch sogar der Begründung eines Systems, welches dem wahren Interesse der Menschheit angemessen wäre, hinderlich zu sein. Deutschlands Lage, der Charakter seiner Einwohner, der Grad und die Eigentümlichkeit ihrer Bildung, die Mischung der Verfassungen und Gesetzgebungen, kurz seine physischen, sittlichen und politischen Verhältnisse, haben ihm eine langsame, stufenweise Vervollkommung und Reife vorbehalten; es soll durch die Fehler und Leiden seiner Nachbaren klug werden und vielleicht von oben herab eine Freiheit allmälig nachgelassen bekommen, die Andere von unten gewaltsam und auf einmal an sich reißen müssen. Die Übereilungen der Reformatoren können diesen ruhigen Gang hemmen, die der Regenten ihn beschleunigen; Beides gegen ihre bestimmteste Absicht. Die Letzteren haben in der Tat schon durch ihre Einmischung in die fränkischen Angelegenheiten die Ruhe von Deutschland aufs Spiel gesetzt; allein im gegenwärtigen Augenblick rechtfertigen ungeschickte Freiheitsapostel, selbst in den Augen des Volks, dem sie Freiheit aufdringen wollen, die Strenge der Maßregeln, womit einige Fürsten sich der Verbreitung aller Neuerungen widersetzen. Dem Hass aller willkürlichen und unrechtmäßigen Herrschaft reifen wir entgegen; aber noch ist er uns viel zu überspannt, und ein Blick auf unsere Kräfte belehrt uns, dass er, wie jede Leidenschaft, die ihren Zweck nicht erreichen kann, uns selbst nur innerlich verzehren würde.
Jenen Grundsätzen der fränkischen Verfassung gemäß, die den Begriff von Eroberung mit dem von Freiheit für unvereinbarlich erklären, redete Custine einige Tage nach der Einnahme von Mainz den Magistrat und alle Einwohner mit der Versicherung an, dass die Republik ihnen vollkommene Freiheit lasse, entweder eine neue Verfassung zu entwerfen, oder bei ihrer alten zu bleiben, wiewohl er ihnen das letztere, als vernünftiger Menschen unwürdig, nicht zumuten wolle, und eigentlich auch nur einer freien Verfassung den Schutz der Franken verheißen könne. Bei diesen Äußerungen hätte man es bewenden lassen, und nun die sehr entschiedene Stimmung der Bürgerschaft für eine Abschaffung der Missbräuche, Ungerechtigkeiten und Zwangsmittel der alten Regierung geschickt benutzen können, um allmälig eine Annäherung zur fränkischen Verfassung zu bewirken. Allein die Kurzsichtigkeit eines der Stifter der Volksgesellschaft und der ihm beistimmenden Mehrheit ihrer Mitglieder verfiel auf eine Erfindung, die Gesinnungen der Einwohner zu erforschen, die Jedermann empört und eher für die allegorisierende Einbildungskraft orientalischer Völker, als für den kalten deutschen Sinn gemacht zu sein scheint. Man beschloss, zwei Bücher zu öffnen; das eine, rot eingebunden, mit dreifarbigem Schnitt, für die Namen derer, die sich zur Freiheit und Gleichheit bekennen wollten; das andere schwarz, mit Ketten umwunden, für diejenigen, die sich aus eigener Wahl dem alten Joch unterwerfen, vor aller Welt als Sclaven auftreten und wie der unpolitische Zusatz lautete, als solche behandelt sein wollten. Der größte Teil des Publikums hält diese Maßregel mit Recht für den härtesten Zwang, den man ihm auferlegen konnte. Bleibt dort noch eine Wahl, wo Schande und Misshandlung desjenigen wartet, der nicht zum roten Buche geht. Ein so treffender Einwurf wird gleichwohl von dem Erfinder dieser symbolischen Bücher nicht gefühlt. Wirklich hätte es nur eines entschiedenen Sinnes bedurft, womit irgend ein Anhänger der alten Regierung aufgetreten wäre und sich, jener Drohungen zum Trotz, ins schwarze Buch eingeschrieben hätte, um durch ein redendes Beispiel zu zeigen, was Freiheit und Unabhängigkeit des Willens sei. Zur Schande der deutschen Aristokratie fand sich kein Einziger, der diese kleine Kühnheit gezeigt hätte; oder soll ich lieber sagen, zur Schande des Mainzischen Despotismus, zu dem sich in der Tat kein Mensch mit Ehren bekennen konnte?
[…]
Wenn wir nun gleich in politischer Hinsicht über die Revolutionsanfänger in Deutschland ein strenges Urteil fällen, so gibt es doch einen andern Gesichtspunkt, der uns wieder mit ihnen aussöhnt. Die ersten Versuche des Menschen, der jetzt eben den Fesseln der Sclaverei entrinnt, und für sich allein seinen Weg durchs Leben zu wandeln anfängt, mögen noch so tölpisch und unbeholfen scheinen, dennoch erwecken sie eine Hoffnung in der Brust des Menschenfreundes, die ihn an der weisen Lenkung der Schicksale seiner Gattung und an ihrer moralischen Causalität nicht verzweifeln lässt. Das absichtlose Zappeln des Säuglings, und die mit öfterm Fallen begleiteten Versuche zum Gehen des jährigen Kindes erfreuen das väterliche Herz, das in ihnen die Kraft des künftigen Jünglings und Mannes schon wahrnimmt. Freiheit, dieses höchste Ziel, dem der Mensch in sittlicher und bürgerlicher Beziehung entgegenreifen kann, wird ohne wiederholtes Ausgleiten und Irregehen nicht errungen; aber ist sie es nicht wert, so teuer, ja teurer noch erkauft zu werden?
Mitbürger!
Die Ränke und heimlichen Intriguen der Übelgesinnten scheinen es mit jedem Tage dem guten Bürger dringender ans Herz zu legen, dass er ihnen gesunde Vernunft und offenherzigen, lauten Widerspruch entgegensetze. Dieser Gegenstand ist insbesondere bei unserer, der Belehrung bestimmten Gesellschaft immerfort an der Tagesordnung, und ich bitte daher mit Vertrauen auf Eure brüderliche Zuneigung, um Eure Aufmerksamkeit, indem ich willens bin, Euch von unserm Verhältnis zu den Franken zu unterhalten, und wo möglich, einige der schwachen Einwendungen zu widerlegen, welche die Feinde des gemeinen Wohls sorgfältig unter das Volk ausstreuen, welche manche vielleicht Gutmeinende, aber Irregeführte, ihnen nachbeten, welche endlich die Absicht haben, zwischen uns und der Frankenrepublik allerlei Dämme und Scheidemauern zu errichten, im Grunde aber nur durch ihre Menge und durch die heimliche Art ihrer Fortpflanzung, als Werke der Finsternis wichtig sind. [...] Weiterlesen
Bisher war es eine schlaue Politik der Fürsten, die Völker sorgfältig von einander abzusondern, sie an Sitten, Charakter, Gesetzen, Denkungsart und Empfindung gänzlich von einander verschieden zu erhalten, Hass, Neid, Spott, Geringschätzung einer Nation gegen die andere zu nähren und dadurch ihre eigne Oberherrschaft desto sicherer zu stellen. Umsonst behauptete die reinste Sittenlehre, dass alle Menschen Brüder sind; dieselbe Innung, die einen besondern Beruf zu haben vorgab, dass zu lehren, hetzte diese Brüder gegen einander auf; denn ihr verderbtes und versteinertes Herz erkannte keinen Bruder. Die Befriedigung ihrer oft niedrigen, oft bitteren Leidenschaften, ihr stolzes Ich ging ihnen über Alles und ließ kein Mitgefühl in ihnen emporkommen. Herrschen war ihre erste und letzte Glückseligkeit und um ihre Herrschaft zu erweitern, gab es kein zuverlässigeres Mittel, als diejenigen, die sich schon unter ihrem Joch befanden, zu blenden, zu täuschen, und sodann – zu plündern.
Unter den tausenderlei Erfindungen, womit sie ihre Untergebenen zu hintergehen wussten, gehört auch diese, dass sie sichs sorgfältig angelegen sein ließen, den Glauben an erbliche Unterschiede unter den Menschen allgemein zu verbreiten, durch Gesetze zu erzwingen, und durch gedungene Apostel predigen zu lassen. Einige Menschen, hieß es, sind zum Befehlen und Regieren, andere zum Besitz von Pfründen und Ämtern geboren; der große Haufe ist zum Gehorchen gemacht; der Neger ist seiner schwarzen Haut und seiner platten Nase wegen schon zum Sclaven des Weißen von der Natur bestimmt; und was dergleichen Lästerungen der heiligen gesunden Vernunft noch mehr waren.
Aber sie sind verschwunden von unserm gereinigten, der Freiheit und Gleichheit geweihten Boden, sie sind auf ewig in das Meer der Vergessenheit geworfen, diese Denkmäler der Bosheit der Wenigen und der Schwachheit und Verfinsterung der Menge. Frei sein und gleich sein, der Sinnspruch vernünftiger und moralischer Menschen, ist nunmehr auch der unsrige geworden.
[…]
Dies, Mitbürger, ist die Sprache der Vernunft, die so lange verkannt und erstickt worden ist. Dass wir sie hier laut reden dürfen, hier, wo sie nie ertönte, so lange nicht den Auswurf des Menschengeschlechts, nämlich ausgeartete, schwachsinnige Privilegierte, hier ihre besseren, nicht privilegierten Brüder verdrängten, - dass wir diese Sprache reden, wem Andern verdanken wir es als den freien, den gleichen, den tapferen Franken?
Es ist wahr, man hat dem Deutschen von Jugend auf eine Abneigung gegen seinen französischen Nachbarn eingeflößt; es ist wahr, ihre Sitten, ihre Sprache, ihre Temperamente sind verschieden; es ist wahr, als die grausamsten Ungeheuer noch in Frankreich herrschten, da rauchte unser Deutschland auf ihr Geheiß, da ließ ein Marquis de Louvois, dessen Namen die Geschichte aufbewahrt, damit die Völker ihm fluchen mögen, die Pfalz in Brand stecken, und Ludwig XIV., ein elender Despot, lieh seinen Namen zu diesem verhassten Befehl.
Lasst Euch aber nicht irre führen, Mitbürger, durch die Begebenheiten der Vorzeit; erst vier Jahre alt ist die Freiheit der Franken, und seht, schon sind sie ein neues, umgeschaffenes Volk; sie, die Überwinder unsrer Tyrannen, fallen als Brüder in unsre Arme, sie schützen uns, sie geben uns den rührendsten Beweis von Brüdertreue, indem sie ihre so teuer erkaufte Freiheit mit uns teilen wollen – und dies ist das erste Jahr der Republik! So kann die Freiheit im Herzen der Menschen wirken, so heiligt sie sich selbst den Tempel, den sie bewohnt!
Meine Grundsätze sind (dann) mein einziges Gesetz, und alle Seitenblicke, alle ängstlichen Rücksichten fallen weg. Um diese Unabhängigkeit vollkommner noch zu behaupten, habe ich Frau und Kinder nach Strasburg geschickt und handle hier jetzt streng nach dem Inhalt meines Briefes an Müller, wovon ich Ihnen Abschrift beigeschlossen habe. Wenn man hätte können die Mainzer überlisten, auf eine hinterlistige Art zu einer Freiheitserklärung bringen wollen, oder wenn man überhaupt unerlaubte Überredungsmittel bei diesem schwachen, und wie ich täglich mit mehr Bedauern sehe, gar zu tief durch seine Seelsorger herabgewürdigten Volke hätte anwenden wollen, so wäre es nach den Savoyern das erste gewesen, wie es jetzt das letzte, aber darum nicht das schlechteste sein wird. Der Zeitpunkt ist jetzt gerade der ungünstigste; die preußische Armee hat durch die Einnahme von Frankfurt einige Besorgnisse bei den Einwohnern dieser Gegend rege gemacht; schon ihre Nähe ist ihnen ängstlich und die Einschränkung des Frankenheeres aus das diesseitige Rheinufer zwingt zu drückenden Maßregeln, die alle dem armen Landmann zur Last fallen. Weiterlesen
Dessen ungeachtet glaube ich, dass man gerade in diesem Zeitpunkt der freiwilligen Äußerung für die Annahme der Frankenfreiheit beinahe einstimmig entgegen zu sehen hat. Die Beamten auf dem Lande, die noch alle kurfürstlich gesinnt sind, und nun zwei Monate Zeit gehabt haben, die Bauern zu beschwatzen und durch tausend nur ihnen zu Gebote stehende Mittel gegen die neue Verfassung einzunehmen, richten doch nichts aus, und ich glaube nun, es wird in Kurzem entschieden sein, dass wir Franken werden wollen. Ich bleibe dabei, dass Deutschland zu keiner Revolution reif ist, und dass es schrecklich, grässlich sein wird, sie durch das halsstarrige Bestehen auf die Fortsetzung des unglückseligsten aller Kriege unfehlbar vor der Zeit herbeizuführen. Ich möchte bittend vor allen Fürsten Deutschlands stehen und sie um ihres eigenen Lebens und um des Glücks ihrer Völker willen bitten, es bei dem, was geschehen ist, bewenden zu lassen, nicht Alles aufs Spiel zu setzen, wo es unfehlbar verloren gehen muss, und zwar wie verloren gehen? Unser rohes, armes, ungebildetes Volk kann nur wüten, aber nicht sich constituieren, das blinde Gemetzel allein, die Verheerung aller Besitzungen, die hernach Niemandem zu Gute kommen, müssen jedem Vernünftigen als die unvermeidlichen Wirkungen des widernatürlichen Streites vor Augen schweben. Von oben herab ließe sich jetzt in Deutschland so schön eine Verbesserung friedlich und sanft verbreiten und ausführen, man könnte so schön, so glücklich von den Vorgängen in Frankreich Vorteil ziehen, ohne das Gute so teuer erkaufen zu müssen. Der Vulkan Frankreichs könnte Deutschland vor dem Erdbeben sichern. Gibt es kein Mittel, die wenigen Intriganten zu entfernen, die den unglücklichen K. misslenkten? Das wäre doch wahrlich ein Verdienst um die Menschheit, in diesem Zeitpunkt, wie noch keiner war, und wie sanft könnte der ruhen, der das Bewusstsein, der Retter Deutschlands gewesen zu sein, bei sich im Busen trüge! Ich sehe dieses Alles um so eher, so anschaulicher vor Augen, ich weiß so überzeugend, was wir zu gewärtigen haben, ich erkenne mit schrecklicher Gewissheit die ganze Stärke der Gewitterwolke und möchte sie so gerne ableiten und zerteilen!
Mitbürger!
Je unbeschränkter die Vollmacht ist, womit wir hier die Stelle unserer Brüder vertreten, um so wichtiger und ernsthafter ist unsere Pflicht. Die Schicksale dieses ganzen Landstrichs sind uns anvertraut und von den Beschlüssen, die wir hier fassen, hängt das Glück vieler tausend Menschen ab, die ihre besten Hoffnungen voll Vertrauen in unsere Hände legten. „Geht hin”, sagten sie uns, „und entscheidet in unserm Namen, was künftighin Gesetz in unsern Dörfern und Städten heißen soll; Euch wählen wir, weil unser Herz uns sagt, daß Ihr unsere Erwartungen nicht täuschen werdet; Euer Gewissen wird Euch den Weg vorzeichnen, den Ihr wandeln müßt. Wir können Euch nur eine Bedingniß zur Richtschnur vorlegen, nur den heiligen unverletzlichen Schwur, dem Volk und seiner Freiheit treu zu sein. Alles was dieser Eid in sich fasst, alles was sich auf die ewige, unerschütterliche Grundfeste der Gleichheit für uns und unsere Kinder Glückbringendes bauen lässt, überlassen wir Eurer Einsicht und Eurer Redlichkeit. Segen über Euch, Brüder und Väter des Volks! wenn Ihr sein wahres, dauerndes Glück begründet und ihm eine Verfassung schaft, unter deren wohltätigen Einfluss die Menschheit sich in ihrer gottähnlichen Größe zeigen und zur moralischen und vernünftigen Vollkommenheit entwickeln kann; aber auch bitterer, zur Hölle hinunter schleudernder Fluch der gegenwärtigen und der künftigen Geschlechter, wenn Ihr eurer heiligen Pflichten uneingedenk, Verräter an Euren Brüdern werdet und den großen Augenblick verkennt oder versäumt, in dessen unbegreiflichen Verhängnissen das Heil der Völker beschlossen liegt.” Weiterlesen
So redet der Geist des deutschen Volks, das uns hierher gesandt hat, mit uns, mit seinen Stellvertretern. Ha! vernahmen wir wohl das große, erschütternde Wort: Stellvertreter des freien deutschen Volks? – Im Namen einer unendlich gekränkten, um ihre Rechte betrogenen Völkerschaft stehen wir da! Durch zwölf Jahrhunderte und länger banden uns unwürdige Ketten, und jedes neue Geschlecht unserer Tirannen vermehrte ihre drückende Last, zog sie fester an um unsere Glieder, presste mehr Blut aus dem verwundeten Körper, und beugte tief zur Erde das Ebenbild Gottes zur entehrten Sklavengestalt. Frei waren unsere Vorältern; das Altertum erkannte in ihnen das freiste Volk unter der Sonne, und der Ruf ihrer Freiheit ist unversehrt geblieben im Gedächtnis des Menschengeschlechts. Wie das Wild in ihrem Walde kämpften sie mit Löwenkühnheit für Unabhängigkeit und heiliges Recht der Menschennatur; die Legionen der Weltbezwinger sanken vor ihrem unüberwindlichen Arm in den Staub; denn Deutschlands Söhne waren freier als Varus und seine Römer. Allein Übermuth der Kräfte und Üppigkeit des Genusses verwandelten die Helden in Räuber, die Räuber in gewaltige Fürsten und Herrscher; besiegte Stämme fröhnten dem wilden Menschenjäger und bauten in friedlicher Unterwürfigkeit seinen Acker; schlaue Wollüstlinge benutzten die Gewalt, welche die neue Religion über die Gemüter gewann, sie benutzten die Religion, welche Gehorsam, Geduld, unkriegerische Ergebung und Aufopferung des Gegenwärtigen für eine durch unbegreifliche Verheißungen beglaubigte Hoffnung des Zukünftigen predigte, um Herrschaft und Eigentum an sich zu reißen. So ward die Menge unterjocht von wenigen; so gelang es dem Starken, die Rechte seines Mitmenschen an sich zu reißen; so hielt der Priester seine unwissenden leichtgläubigen Brüder gefangen in den Irrgängen des Vorurteils.
Ewiger Richter des Menschengeschlechts! gerechte Vorsehung! mußte denn so lange das Volk die Sünden seiner Widersacher büßen? War es nicht möglich, zwölfhundertjährige Knechtschaft um einige Menschenalter abzukürzen? Stumpf und mutlos mußte die Last des immerwährenden Drucks die Völker machen, der göttliche Funke des innern selbsttätigen Strebens mußte schier verglimmen in der Pestlust der Tirannei. Wer begreife des Schicksals eherne Gesetze? Bürger und Brüder! ja, ich ahnde, daß der Missbrauch der Gewalt den höchsten Gipfel erreichen mußte, damit er sammt der Wurzel ausgerottet würde. Immer frischer und immer üppiger grüne der Baum hervor, dem man die kleinen Zweige beschneidet, und immer stolzer hob die Tirannei das Haupt, bei jedem schwachen Versuch, ihr kleine Auswüchse der Macht zu benehmen. Umsonst kehrten unsere betrogenen Vorältern nach manchem blutigen Kampf unter der Fahne der Schwärmerei, aus den Ebenen Ägyptens, aus den Wüsteneien von Palästina, von manchem Irrwahn geheilt, ins Vaterland zurück; umsonst warfen die Schweizer das Joch des Habsburgers ab; umsonst erschütterte ein Mönch den Stuhl der geistlichen Tirannen; umsonst erfanden deutsche Rheinbewohner die unsterbliche Buchdruckerkunst; umsonst fuhr der Schwede Gustav Adolph, wie ein leuchtender Blitz durch diese verfinsterte Gegend: der Trotz der Wüthriche, die Heimtücke der Heuchler, die Ränke der Volksbedrücker gewannen neue Stärke durch jeden Widerstand, und sie bedienten sich der Fortschritte selbst des menschlichen Verstandes, um uns in immer schwerere Ketten einzuschmieden. Zugleich mit äußerlicher Freiheit raubten diese Seelenmörder unseren Vätern und uns die innere Freiheit, und mit ihr den Zweck und die ganze Bestimmung unseres irdischen Daseins. Sie raubten uns das köstlichste Geschenk der Natur; die Fähigkeit uns selbst nach Gründen der Vernunft zu bestimmen; diesen heiligen Funken, unseres göttlichen Abstamms unverwerflichen Beweis, suchten sie in uns zu ersticken; lebendiges Gefühl der Wahrheit, Schönheit und Güte sollte nicht aufkommen in der Seele des Sklaven, sollte nicht zu eigenem Wirken des freien Willens Entscheidungen lenken; sie hemmten die Hauptfeder aller moralischen Bewegung und verwandelten das Meisterstück der Schöpfung, den vernünftigen, durch sich selbst wirkenden Menschen, in ein blindes lebloses Werkzeug ihrer Launen und Lüste. Das ist die Schuld, welche sich auf allen Despoten, auf allen Herrschern und ihren kleinen Mitgehülfen durch jenen langen Zeitraum häufte. Millionen Menschen verfehlten ihre Bestimmung, weil sie das Joch der Knechtschaft tragen mussten. Rache! Rache! schreien seit zwölf Jahrhunderten alle deutsche Geschlechter; Rache über die Mörder unserer Seelen, Rache über die Todfeinde der menschlichen Vervollkommnung!
Mitbürger! der schreckliche Tag des Gerichts ist gekommen; die letzte Stunde der Tirannei hat geschlagen; Verstockung, blinde Wut und ohnmächtige Überspannung ihrer letzten Kräfte sind die Zeichen des scheußlichen Todeskrampfes, in welchem sich jetzt das sterbende Ungeheuer zu unseren Füßen windet. Ja! gerecht ist Gott! der Sieg der Vernunft ist vollkommen; die beleidigte Menschheit tritt in den vollen Besitz ihrer Rechte; kein Vertrag, keine Ausgleichung findet mehr statt zwischen dem langgepeinigten Volk und seinen mit Schuld belasteten Mördern!
Erkennet, Freunde, den Unterschied zwischen den menschlichen Gerichten und göttlicher Vergeltung. Nicht gegen einzelne Despoten flammt die aufgehobene Rechte des Herrn; das Maas der Ungerechtigkeit ist voll; darum wird auch die Schale des göttlichen Zorns ausgegossen über die ganze Erde und schwemmt bis auf die letzte Spur der Tirannei hinunter in den Abgrund des Verderbens und ewiger Vergessenheit. Nicht, weil im gegenwärtigen Zeitpunkt gerade der verächtlichste oder der verabscheuungswürdigste Abschaum und Auswurf des Menschengeschlechts die Thronen der Erde füllte, sondern weil die Axt schon längst am giftigen Stamme der Herrschergewalt gelegen hatte, soll ihr allgemeiner Sturz der Erde dieses Jahrhunderts auf ewige Zeiten bezeichnen. Erkennet, Freunde, dass ein neuer Abschnitt in der Geschichte unserer Gattung beginnt; erkennet, dass die Epoche der Befreiung des Menschengeschlechts so wichtig ist, als jene, von welcher vor achtzehnhundert Jahren unsere Zeitrechnung anfieng.
Stellvertreter des freien deutschen Volks! Ihr habt der Welt, die Euch beobachtet und die Euch richten wird, bereits einen Beweis gegeben, daß Ihr Euch zur ganzen Würde hinaufzuschwingen wißt. Auch Ihr habt am 18ten März nicht die Tirannen allein, nicht den Urheber des jetzigen Kriegs, den Fackelträger der Zwietracht und der Despotenwuth, Friedrich Carl Joseph, nicht das Haupt der Verschwörung, den Schwächling Franz, nicht die kleinen Peiniger und Blutsauger dieses oder jenes kleinen Ländchens, – nein, Ihr habt die ganze Tirannei im rheinisch deutschen Volk mit einem mächtigen Schlage zu Boden gestreckt, und die Fahne der Volks-Souverainität an dem befreiten Rheinufer aufgepflanzt.
Männer! der erste Schritt ist getan; aber der zweite muss folgen, oder was Ihr tatet, wird die Nachwelt als ein Possenspiel, als ein kindisches Beginnen verachten. Sprecht Ihr die Freiheit Eurer Mitbürger aus; wohlan, so reicht ihnen heute den undurchdringlichen Schild, der ihnen den Genuss der Freiheit unter seinem Schatten sichert. Schaut umher; Eurer jungen Freiheit drohen die Myrmidonen der Despoten; jenseits stehen sie in Eisen geharnischt und diesseits drängen sich ihre Schaaren, durch die Gebirgstäler in Eure fruchtbaren friedlichen Gefilde. Wo ist das Heer, das Ihr dem Feinde entgegenstellt, wo die Schätze, die der Krieg verschlingt, wo der Muth, der alle Hindernisse besiegt, der lieber in gewissen Tod stürzen, als das Grab der Freiheit erleben will? Ist nicht die Menge Eures Volks unbedeutend, hat nicht der lange, entnervende Druck seinen Geist gedämpft, haben seine Fürsten und Fürstenknechte nicht alle seine Habe verprasst?
Ihr zeigt mir die beherzten Schaaren Eurer Befreyer; das edle Volk der Franken steht auf in den Waffen und breitet seine schutzreichen Flügel aus, über die schwächeren, unkriegerischen Völker, die es dem Despotismus abgewann. Ich sehe und staune mit Euch; freie Krieger seh' ich mit beispielloser Großmut ihr Leben opfern für fremder Menschen Glück; Franken erkämpfen den Deutschen die Freiheit. Ich sehe sie stürzen ins Schlachtgewühl; ihre Blitze zerschmettern die Horden der Knechte; sie fällen ihre Bayonette, sie dringen ein; Sieg! und Sieg auf Sieg! Die gedemütigten Feinde flehen um Gnade und Eure Freiheitsfahne weht!
Männer! Vertraute des deutschen Volks! Aufbewahrer seiner besten Hoffnungen! Ich beschwöre Euch, blickt über den gegenwärtigen Augenblick hinweg in die Zukunft. Der Hass und Groll der Tirannen stirbt nur mit ihnen aus. Wenn ihre Wunden geheilt, wenn ihre zerhackten Schwerter neu gewetzt sein werden, seh ich den Augenblick, wo sie noch einen Versuch wagen, die deutsche Freiheit im Aufsprossen niederzutreten. Plötzlich und unerwartet überfallen sie dann Eure ruhigen Wohnorte; Eure Beschützer sind fern; sie morden Euch und Eure schuldlosen Gehülfinnen; die Ungeheuer morden die frohen Geschöpfe Eurer seligsten Augenblicke, die um die Knie Eurer Greise spielen, sie morden die ehrwürdigen Alten; Eure Hütten verzehrt ein allgemeiner Brand; Schutt und Asche bezeichnen den Ort, wo Freiheit, und Unschuld, wo Glück und Liebe mit den Menschen einst wohnten!
Schaudert Ihr zurück vor diesem grausenvollen Bilde? O rettet, rettet schnell, durch einen weisen Entschluss, das Leben, das Glück, die Freiheit, derer die Euch sandten; sichert auf ewig gegen alle Hinterlist und Mordlust der Feinde, ein gutes Volk, das sich nicht selbst beschützen kann. Behaltet Eure Befreier, Eure Beschützer im Lande; schließt Euch fest an sie an, entlasst sie nicht aus Euren Armen, schwört ihnen den ewigen Bruderbund, und empfangt ihn wieder von ihnen; sprecht das große entscheidende Wort; die freien Deutschen und die freien Franken sind hinführo ein unzertrennliches Volk!
Heute, liebe Frau, werde ich, mit zwei andern Deputierten, Potocki und Lux, in Begleitung des Deputierten Hausmann vom Pariser Nationalconvent, nach Paris abreisen, um den Wunsch nach Vereinigung und Einverleibung, und eine Adresse von dem hiesigen Convent an den dortigen zu überbringen. In drei Wochen werde ich vermutlich wieder hier sein. Unsere Reise geht schnell, Tag und Nacht, und den kürzesten Weg. Vielleicht ließe sich auf dem Rückweg eine Zusammenkunft versuchen, aber ich glaube kaum, dass es möglich ist.
Meine Ernennung nach Paris ist fast einstimmig gewesen. Ich habe große Liebe im Convent, zumal unter den Bauern; allein wenn es möglich ist, lasse ich mich hernach zum Deputierten, als Sitz und Stimme habendes Mitglied des Nationalconvents für hiesige Gegend, nachdem sie vereinigt sein wird, ernennen. Das kann aber vor drei, vielleicht sechs Monaten nicht geschehn. So lange müsste ich denn augenscheinlich hier bleiben und die Gefahren der Mainzer teilen, wozu ich auch entschlossen bin.
Die nächsten paar Briefe, die Du mir schreibst, kannst Du an Treuttel einschließen, der sie mit unter des Ministers Lebrun Adresse nach Paris schicken wird, wovon ich ihn benachrichtige.
Ich habe alle Hände voll zu tun, und den Kopf noch voller – darum schließe ich schnell. Gott segne Euch alle.
Georg Forster´s sämtliche Schriften. Herausgegeben von dessen Tochter und begleitet mit einer Charakteristik Forster´s von G. G. Gervinus. In neun Bänden, Leipzig 1843.
Garber, Jörn (Hrsg.): Wahrnehmung - Konstruktion – Text. Bilder des Wirklichen im Werk Georg Forsters, Tübingen 2000.
Garber, Jörn / Heintze, Dieter (Hrsg.): Georg Forster in interdisziplinärer Perspektive, Berlin 1994.
Goldstein, Jürgen: Georg Forster (1754–1794). Weltumsegler und Kopf der Weimarer Republik, in: Frank-Walter Steinmeier (Hrsg.), Wegbereiter der deutschen Demokratie. 30 mutige Frauen und Männer 1789–1918, München 2021, S. 39–51.
Goldstein, Jürgen: Georg Forster. Zwischen Freiheit und Naturgewalt, Berlin 2015.
Uhlig, Ludwig: Georg Forster. Einheit und Mannigfaltigkeit in seiner geistigen Welt, Tübingen, 1965.
Uhlig, Ludwig: Georg Forster: Lebensabenteuer eines gelehrten Weltbürgers, 1754–1794, Göttingen 2004.
Vorpahl, Frank: Der Welterkunder. Auf der Suche nach Georg Forster, Berlin 2018.
Wir nutzen Cookies und ähnliche Technologien, um Geräteinformationen zu speichern und auszuwerten. Mit deiner Zustimmung verarbeiten wir Daten wie Surfverhalten oder eindeutige IDs. Ohne Zustimmung können einige Funktionen eingeschränkt sein.