
MARIE NORDEN
Friederike Marie Ernestine Wolfhagen wurde 1812 in Tönning geboren. Unter dem Pseudonym Marie Norden veröffentlichte sie ab 1836 historische Romane, Erzählungen und Novellen, in denen sie sich häufig mit nationalen Unabhängigkeits- und Freiheitsbewegungen, konfessionellen Konflikten, Verfassungsfragen oder Reformbestrebungen befasste. Da sich historische Romane im 19. Jahrhundert größter Beliebtheit erfreuten, konnte Marie Norden hiervon gut ihren Lebensunterhalt bestreiten. Nach dem Tod des Vaters zog sie nach Dresden, wo sie 1849 den Dresdner Maiaufstand als Augenzeugin miterlebte. Ihre Beobachtungen hielt sie in ihrem dreibändigen Werk „Dresdens Maitage“ fest. Marie Norden thematisierte immer wieder soziale Fragen, porträtierte Elend und Verelendungsprozesse in der deutschen Gesellschaft und trat entschieden für die Rechte von Frauen ein. Auch zur Schleswig-Holstein-Frage positionierte sie sich deutlich und vertrat ihre patriotische Einstellung teilweise offen dänenfeindlich. Ob Marie Norden auch aktiv an der demokratischen Revolution von 1848/49 teilnahm, ist nicht bekannt. In jedem Fall engagierte sie sich zeitlebens für die Emanzipation der Frau, soziale Gleichheit und Freiheit. Im Juli 1878 starb Marie Norden unverheiratet in Dresden.
Friederike Marie Ernestine Wolfhagen, heute bekannt unter ihrem Pseudonym Marie Norden, wird am 13. November 1812 in Tönning/Schleswig geboren. Sie wächst in einer wohlhabenden bürgerlichen Familie auf. Ihr Vater ist zunächst Advokat, dann Stadtsekretär und schließlich Bürgermeister von Tönning.
Umzug nach Dresden, wo sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester lebt und mit verschiedenen Persönlichkeiten aus Literatur und Kunst zusammentrifft.
Marie Norden wird Zeugin des Dresdner Maiaufstands.
Veröffentlichung von „Dresdens Maitage. Ein Zeitbild“ (3 Bände).
Nach dem Jahr 1867 veröffentlicht Marie Norden keine Werke mehr. Sie hatte von ihrem Arzt ein „Schreibverbot“ wegen ihrer chronischen Kopfschmerzen und ihres Gelenkrheumatismus auferlegt bekommen.
Marie Norden stirbt am 3. Juli 1878 in Dresden.
Die welterschütternden Ereignisse, welche im Frühlinge Tausende und aber Tausende wie mit elektrischen Funken durchzitterten, welche die schönsten Hoffnungsfunken in so vielen deutschen Herzen erweckten, die erst auf dem dornigen Pfad der Wirklichkeit ihren Prüfstein finden sollten, waren auch auf ihn mit überwältigender Kraft eingedrungen. […] Allein warum, musste so viel Blut fließen, so viel Schrecknis sichtbar werden, warum musste so viel Grässliches sich vollenden? – Warum wurde nicht die Hand des allgewaltigen Rächers sichtbar auf Erden, um die Schwachen zu trösten, die Guten zu beschirmen und die Bösen niederzuschmettern? – Warum musste der brausende Gährungsprozess einer Welt nur trüben, grauen Schaum auf die Oberfläche treiben? – Und es lautete die schaurige Antwort seines verdüsterten Gemüts: Weil der Mensch ewig dem Ziel der Vollkommenheit fern bleibt, so geht er unter in der selbstverschuldeten Torheit und tritt die edelsten Bestrebungen, das blütereiche Feld der herrlichsten Hoffnungen mit den eigenen, frevelnden Füßen nieder. […]
Oft hatte er in diesen Tagen an den Weg gedacht, den Tausende seiner Landsleute einschlugen, jenseits im fernen Weltteile ein neue, glückliche Heimat zu suchen. […] Wäre es nicht auch ihm geraten, ein neues Deutschland jenseits der Wasser zu suchen, wo nicht die Brandfackel der Verwüstung durch die Wut der Menschen auf die grünende Erde geschleudert wurde? Aber war nicht das teure Vaterland, die Erde, die ihn geboren, seine Ernährerin und Pflegerin, und sollte er nun sie lassen, da sie alt geworden unter schweren Sorgen und Schicksalsnöten? Die fröhlichen Tage hatten ihm auf ihr gefallen; sollte er sie jetzt in den Zeiten der Trübsal verlassen?
Das festliche Gewand der blütereichen Jahreszeit war von der reifenden Glut des Sommers verdrängt worden und es breitete sich sein grüner Sammetteppich gleich einem buntgeschmückten Hoffnungsboten über der lachenden Erde. Und mit ihm goss aus seinem goldnen Füllhorn über die freudereiche Natur der holde Friede seine Segnungen, welcher als ein Gesandter des Himmels unter der fröhlichen Menschheit seine Palme schwang. Seit Langem schon war einem dämmernden Morgenschimmer gleich des blutigrot erglänzende Meteor der Julitage an der Nacht des politischen Horizontes aufgestiegen und wieder in die Dunkelheit des schwarzen Gewölkes versunken, welches grau in grau getürmt sich über die Völkerklage breitete. Nicht mehr begraben konnte der Geist des mündigen Menschengeschlechtes werden unter der veralteten Form, aber er wurde durch die Gewalten der Erde, durch List und Gold, gefesselt gehalten, bis er nach langen Jahren endlich siegreich, Alles überwältigend, auferstand und das Licht herbeirief, als seine schönste Verkündigung den Wunsch des Friedens, der Allianz der Völker, dem horchenden Menschengeschlechte aussprechend. Noch aber waren nicht die Donner der Februartage von der Seinestadt hin in die angrenzenden Länder bis über die Ufer des alten Vater Rhein gedrungen, der in der Verwunderung über eine so rasche, ungeheure, welthistorische Tat sein moosbedecktes, ruinenumgebenes Haupt schüttelte, den rebenbekränzten Knotenstock erhob und nach der Lutetia deutend, zweifelnd fragte: „Kann denn so Unerhörtes, so Unglaubliches, dass kein Märchen aller der sagenreichen Gedenkzeichen, die mein Gebiet bedecken, eine gleiche Kunde bietet – kann denn eine solche Wundersage jetzt zur Wahrheit werden unter dem mäkelnden, golddurstigen Menschengewürm?“ –
Noch war nicht zum dritten Male das Sturmgeläute der Zeit an dem uralten Turm von Notre Dame erschollen, noch drangen nicht seine wilden, markerschütternden Klänge durch die Gauen Deutschlands und hallten wider, nicht nur in ungeheurem Echo an den zahllosen Türmen und Türmchen seiner stolzen Hauptstädte und seiner demütigen Dörfer, sondern auch in den Herzen seiner Kinder. Noch schlummerte in diesen jener hehre Begriff, welcher nach einer langen Weile wieder mit glühendem Herzpochen zum lauten Bewusstsein erwachte und sich über den wankenden Thronen und fallenden Dynastien, über den einstürzenden Trümmern des Feudaltums, über den Ruinen der Freuden und Bekümmernisse, über dem Schalle der Klage und über dem Jauchzen des Jubels, über Blut und Tränen, hoch erhob: – „das Vaterland!“
„Es ist die Bestimmung des Weibes, die Gefährtin des Mannes, die Vorsteherin des Hauswesens, die Mutter ihrer Kinder zu sein, und nur, wenn sie sich diesen Pflichten ganz und ausschließlich widmet, nimmt sie würdig diese Stelle ein, die ihr in der menschlichen Gesellschaft angewiesen ist.“ – Diese These hören wir oft – unumstößlich hingestellt, gleich den ewigen Gesetzen der Natur – aus dem Munde auch begabter Männer und Frauen sich wiederholen. Allerdings lässt sich diese Regel auf die Uranfänge des Werdens, in den Überlieferungen aller Volksstämme und aller Religionen, zurückführen. […] Wenn wir aber bedenken, wie weit uns die Fortschritte der Civilisation mit ihren Mängeln und Vorzügen von dem einfachen Naturzustande entfernt haben, in welchem unsere ersten Eltern lebten […], wenn wir die unendliche Verschiedenheit des Urzustandes des Menschen und seine Verhältnisse in der Umgebung einer auf die Spitze getriebenen Kultur betrachten – so müssen wir zugeben, dass auch in den Beziehungen des Weibes zum ganzen menschlichen Treiben eine vielfältige Veränderung eingetreten ist. Weiterlesen
Dass es mit oder ohne Talent sich in einer oder der andern Kunst vervollkommne, wenn dies zum Glänzen in einem geselligen Kreise, oder auch zur Erheiterung und Verschönerungen des häuslichen Lebens dienen kann, wird ihm gewöhnlich nicht verargt. Es verfolgt im Gegenteil die moderne Erziehung unserer weiblichen Jugend diesen Punkt oft angelegentlicher, als die ernstere Bildung des Geistes und die noch wichtigere des Herzens. Unsere jungen Mädchen lernen Tanzen, Deklamieren, Malen, Musik, Sprachen u. s. w. – suchen dadurch zu gefallen und zu heiraten, und beschäftigen sich alsdann oft wenig mehr mit den erlernten Fertigkeiten, da sie den Zweck erreicht haben, weswegen sie sich so viele Mühe des Lernens und Übens gegeben. Beschäftigen sie sich dagegen anhaltend mit einer dieser Künste, drängt sie das innewohnende Talent gebieterisch, zu versuchen, seine höheren Stufen zu erklimmen und unendlichen Fleiß und namenlose Anstrengung nicht zu scheuen, um endlich dem fernen Ziele der vollkommenen Ausbildung näher zu kommen – wollen sie eine dieser Beschäftigung zu ihrem Lebensberufe machen – (ohne durch ein bitteres Muss dazu getrieben zu werden), so scheint ein bedenkliches Kopfschütteln bei vielen Redlichdenkenden, und der Inhalt der vielsagenden Miene ist abermals die allgemeine Regel: „Ein Mädchen muss die Haushaltung verstehen, muss kochen und nähen und alles Andere nur als Nebensache betreiben; höchstens dem Manne zu gefallen muss sie ein Stück spielen und singen können oder ihm zum Geburtstag ein kleines Bildchen malen, das sich hübsch ausnimmt, wenn es im Zimmer aufgehängt wird, aber weiter darf sie es nicht treiben.“
Mehr aber noch als gegen die anhaltende Beschäftigung mit einer Kunst, erklärt sich das althergebrachte Vorurteil gegen das Schreiben, gegen das sogenannte „Schriftstellern“ der Frauen, und ganz besonders eifern Diejenigen des eigenen Geschlechts dagegen, die vermöge ihrer innern Ausstattung vielleicht am wenigsten sich zu ähnlicher Beschäftigung befähigt fühlen. Mit einer Art von innerlicher Freude, citieren sie die Aussprüche mancher Männer, die jedes Hinaustreten der Frauenzimmer in die Öffentlichkeit als unweiblich verdammen, die in ihnen nur die Werkzeuge der Unterhaltung oder die Dienerinnen der Bequemlichkeit des stärkeren Geschlechtes sehen. Keinem weiblichen Character werden mehr Lächerlichkeiten oder Abgeschmacktheiten angedichtet, als demjenigen einer Schriftstellerin […]
Die Frage, ob die Frauen sich geistig hoch ausbilden und dadurch die Befähigung zum Schreiben in Prosa oder Poesie erlangen dürfen und sollen, ist von Alters her vielfältig aufgeworfen, mündlich und schriftlich besprochen, aber noch immer bis auf unsere Tage nicht entschieden worden, d.h.: wenn nämlich nicht die schreibenden Frauen selbst diese Sache nach ihrem Dafürhalten durch die Tat entschieden hätten. […]
Weit entfernt aber, sich durch manche Verdammungsurteile abschrecken zu lassen, hat sich die Zahl der schreibenden Frauen nach und nach immer vermehrt, ein redendes Zeichen, dass der Geist der Fessel spottet, die das einseitige Vorurteil um ihn legen will.
Jetzt, wo die Lage unseres großen Vaterlandes trüber ist, denn jemals früher, wo sich die Wolken am Horizonte der Zukunft grau in grau gigantisch türmen, wo der gordische Knoten des gesellschaftlichen Zustandes sich immer enger und verworrener schürzt – jetzt predigen uns alle diese Folgerungen die ernste Lehre, dass auch das weibliche Geschlecht den Gedanken an eine vermehrte Selbstständigkeit aufrufen und verfolgen muss. Es ergibt sich von selbst, dass die Zahl der Unverheirateten aus beiden Geschlechtern sich mehr und mehr vergrößern muss, denn andere Interessen bewegen die Gemüter vieler Menschen, als das Verlangen, eine Seele in Liebe zu gewinnen oder einen häuslichen Herd zu gründen. […] Sind indessen diese ehelichen Bande geknüpft, ist das Weib Gattin und Mutter, so versteht es sich ganz von selbst, dass diese mit dem Eintritt in den Ehestand von ihr übernommenen Pflichten für ihre Kinder oder für das Wohlsein des Mannes oder für die regelmäßige Einrichtung und Verwaltung ihres Hauswesens, durch welche dies bedingt wird, stets ihre ersten und heiligsten bleiben müssen. Weiterlesen
Wenn aber das Weib unverheiratet auf der Erde steht, oder wenn der Gattin keine Kinder geworden, oder wenn ihr diese wieder entrissen sind, wenn den Gatten seine Berufspflichten viel zu lange fern halten, wenn sie Witwe ist, wenn sie mit einem Worte den größten Teil ihrer Zeit nicht ausgefüllt hat – würde es ihr alsdann zu verdenken sein, wenn sie sich Beschäftigungen hingäbe, die ihr ebensowohl Nutzen als Vergnügen gewähren? – Wodurch entspringt so vieles Unglück im Leben des Weibes, lebe sie allein oder vermählt, welches ist der Grund so vieler Torheiten, welche die entsetzlichsten und schmachvollsten Früchte reifen lassen? – Das Unbeschäftigtsein vieler Frauen. […]
Man wird mir einwerfen, dass ein großer Unterschied noch besteht zwischen dem Niederschreiben und dem Druckenlassen der Gedanken. Ist es denn nicht recht und billig, dass auch den Frauen das Recht gestattet ist, welches die Männer täglich und stündlich für sich in Anspruch nehmen, wenn eine innere Stimme sie dazu treibt, auch zu den Entfernteren ihres Geschlechts – oder Gesinnungsverwandten zu sprechen, ihnen ihre Ideen und Gefühle auch im weiteren Kreise mitzuteilen, und gibt es hierzu einen anderen Weg, als das geschriebene Wort drucken, also in die Welt gehen zu lassen? –
Demnach scheint es mir, dass bei den vielfältigen Erörterungen für und gegen das „Schriftstellern der Frauen“ ein Hauptpunkt fast immer zu wenig Beachtung findet, gewöhnlich ganz in den Hintergrund gestellt wird. Es ist jener schmähliche, aufdringliche, unverschämte, gemeine Punkt des Geldbedarfs, der sich unentrinnbar gleich unserem Schatten an unsere Sohle heftet […] Ich habe die Überzeugung, dass von allen schreibenden Frauen höchstens ein Zehnteil seine Geistesprodukte bloß des Ruhmes oder der schriftstellerischen Eitelkeit wegen in die Welt schickt. Neun Zehnteile dagegen schreiben, um – für sich selbst oder für Andere – zu erwerben.
Allerdings wird mancher Federzug getan, den ein sehr edles Streben diktiert hat. Auch von manchen Frauen wird das lebendige Wort in die Welt gesendet, weil sie hoffen, auf die Veredlung der auf niederer geistiger Stufe Stehenden ihres Geschlechts zu wirken, weil sie wünschen, ihr bescheidenes Scherflein nach ihren schwächeren oder stärkeren Kräften beizutragen, um nach bestem Ermessen zu arbeiten im Reiche der Geister, weil sie hoffen, dass das üppige oder dürftige Samenkorn sich früher oder später zur belohnenden Frucht entfalte. Sie versuchen es, ihre Mitschwestern aufzuklären über ihre wahren Bedürfnisse, dem einseitigen Vorurteil seine lähmende Kraft zu nehmen, sie mit deutlichen und fasslichen Worten aufmerksam zu machen auf das Eine, das Not tut; ihnen, unbeirrt durch geifernden Tadel, durch gallsüchtigen Spott, durch klägliche Beschränktheit, voranzugehen auf der Bahn des geistigen Fortschritts. […] Vielleicht grinst das fürchterliche Gespenst der Not in unentrinnbarer Nähe, vielleicht treibt das unerbittliche Muss ein weibliches Wesen, den Bedarf seiner eigenen oder einer fremden Existenz zu verdienen – würde es alsdann getadelt werden können, wenn es die Feder zur Hand nähme und mit dieser mehr gewänne, als es mit der Nadel der Fall sein könnte. Oder wenn auch dies nicht ist, wenn das Notwendige nicht erworben zu werden braucht, wenn aber die edleren Genüsse des Lebens in ihren vielfältigen Gestaltungen vor unser Auge treten, wenn lebendig der Wunsch sich regt über die enge Sphäre der allernächsten Häuslichkeit hinauszugehen; wenn wir andere Menschen, andere Sitten, andere Länder sehen und kennen möchten, um unseren Blick über die Verhältnisse des Lebens und unsere Kenntnis der Menschen und Zustände zu erweitern – so müssen wir Geld haben und ausgeben, Geld bei jedem Schritte, den wir in der Nähe und Ferne tun. […] Und wenn der Götterfunke des Mitleids unser Herz bewegt; […] ist es alsdann zu tadeln, wenn wir zu der liebsten Gefährtin unserer einsamen Stunden, zur Feder, greifen, wenn wir durch das niedergeschriebene Wort selbst oder durch den Ertrag, den es bringen kann, zu nützen, zu trösten und zu lindern suchen? –
Wenn wir daher die so oft erörterte Frage noch einmal aufwerfen: „Ist es mit der Bestimmung der Frauen vereinbar, wenn sie als Künstlerinnen oder Schriftstellerinnen öffentlich auftreten?“ so haben wir dafür die Erwiderung: „Ja, wenn sie dazu befähigt sind und wenn sie nach ihrer individuellen Lebensstellung keine näher liegende Pflicht darüber versäumen!“
Die dick anschwellende Ader auf der Stirn des Herrn Peter Fleischhaupt, so wie seine zuckenden Lippen verrieten einen nahen Zornausbruch. Ehe indessen dieser erfolgen konnte, öffnete sich die Tür des Comptoirs und mehrere Menschen, dem Anschein nach Fabrikarbeiter, traten herein. Mit ihnen zugleich erschien ein Mann, der Luitpold ein flüchtiges Nicken des Hauptes als Begrüßung zuwarf und der laut und aufgeregt sogleich das Wort nahm:
„Alle Tage etwas Neues – da sind der Weber Paul Halter, der Spinner Jakob Ehrenreich und der Bleicher Christoph Bange mich angegangen mit allerlei Beschwerden und Forderungen, auf die ich ihnen nicht antworten wollte. Da aber des Plagens kein Ende ist, so habe ich sie an Dich gewiesen, Peter, Du wirst ihnen den rechten Bescheid geben!“ Weiterlesen
„Wir haben Herrn Lukas Fleischhaupt gebeten“, nahm in demütigem Tone der Spinner Ehrenreich das Wort, eine bleiche, verkümmerte Gestalt, dessen Schultern von der Gewohnheit beständigen Vornübersitzens gekrümmt, so wie sein Kopf gebeugt war, und der jetzt hinter seinen Gefährten hervortrat, „um eine kleine Zulage für das Spinnlohn. […]“
„Es ist uns nicht möglich“, sprach der Bleicher Christoph Bange, dessen Äußeres gleichfalls alle Spuren der bittersten Armut trug, „von dem geringen Bleicherlohn die Pottasche zu so hohem Preise anzunehmen, wie Herr Lukas sie uns angerechnet hat. Hunger und Kummer nagt an unserm Gebein – es wolle sich der Herr erbarmen und auch uns einen Groschen auf das Stück zulegen und den Preis der Pottasche ein Weniges herabsetzen.“
Der Fabrikherr Peter Fleischhaupt besaß außer seinen Fabriken und Einrichtungen zum Handel mit Leinen- und Baumwollenzeug auch noch bedeutende Niederlagen von Colonialwaren. Es wurde genau berechnet, wie viel Zucker, Kaffee, Pottasche oder sonstige Bedürfnisse jede Haushaltung der Arbeiter, die in seinem Lohne standen, verbrauchen konnte, worüber, so wie über manche andere Zweige des weitläufigen Geschäftsbetriebes, Lukas Fleischhaupt, der Bruder und Associé Peters, genaue Rechnung führte. Aber die Preise der genannten Notwendigkeiten wurden erhöht nach dem Gutdünken der allgewaltigen Verkäufer, allgewaltig, da der Hebel jedes irdischen Nahrungsbetriebes, das Geld, in ihren Händen war und die darbenden Weber wurden durch ihren despotischen Willen genötigt, die karge Löhnung nicht in klingender Münze, sondern in allzu hoch berechneten Colonialwaren anzunehmen.
Die Neigung zu zorniger Aufwallung, welche schon durch die Worte Luitpolds bei seinem Onkel so besonders erregt war, war durch das bescheidene, mit der Miene des tiefsten Kummers vorgebrachte Anliegen der Arbeiter nicht vermindert worden. Sie machte sich jetzt in einem wilden Ausbruche Luft.
„Ihr nichtsnutziges Bettelvolk!“, rief er erbittert, während er sich von seinem Platze erhob und mit der geballten Faust auf den Tisch schlug, „glaubt Ihr, ich habe meine Groschen gestohlen, dass ich so ohne Weiteres Euch für Eure schlechte Arbeit doppeltes Lohn geben kann? Täglich macht Ihr sie weniger gut und doch kommt Ihr frech und fordert mehr, als nach Recht und Billigkeit Euch zukommen kann! […]“
[…]
Der dritte der hereingetretenen Arbeiter, der als der Weber Paul Halter bezeichnet worden, war bis jetzt schweigend neben der Tür des Arbeitszimmers stehen geblieben. Augenfällig unterschied sich seine ganze Erscheinung von dem elenden, gedrückten Aussehen, welches seine Gefährten charakterisierte. […]
„Meine Herren Fleischhaupt“, sprach er jetzt, indem er dicht vor die beiden Brüder trat, die sich durch die stattgehabten Bitten der Arbeiter in gleich heftige Gemütsbewegung versetzt fühlten, „erbarmen Sie sich einer jammervollen unterdrückten Menschenclasse, die Gott in schwere, drückende Abhängigkeit von Ihnen gesetzt hat, jetzt, da es noch an der Zeit ist, sie vom Hungertode zu erretten. Mühsam und fleißig nährten sie sich seit Jahren von dem armseligen Ertrage ihrer Betriebsamkeit; sie haben geschwiegen lange, leidenvolle Jahrzehnte hindurch – aber das Maß auch der langmütigsten Geduld erschöpft sich, wenn das Elend alle seine Grenzen überschreitet – die Kraft des Körpers ist gesunken durch die unerhörte Anstrengung, Mut und Hoffnung auf eine bessere Zukunft sind dahin. Aber das Alleräußerste kann eintreten – die grimme Pein des Hungers treibt das Raubtier zur Todesverachtung, der innewohnende Lebenstrieb stachelt sie zu wilder Gier – erbarmen Sie sich dieser Menschen, ehe ihre verkümmerten Gestalten sich erheben mit jener Riesenkraft, die nur die Verzweiflung gibt – jene Verzweiflung, die zur Eigenhilfe greift im wahnsinnigen Todeskampfe, und ihr Recht gewaltsam ergreift, wenn Barmherzigkeit, Mitleid und Gerechtigkeit es ihr hartnäckig verweigern!“
Die starke Stimme des Redenden hatte anfangs gemäßigt, fast sanft geklungen, aber im Fortgange wuchs sie zu einer drohenden Beschwörung und seine erhobene Hand, sein dunkelglühendes Auge gaben Zeichen, wie lebhaft er von dem Inhalte der geäußerten Worte durchdrungen sein musste. Nie hatte noch einer ihrer Arbeiter so mit den Brüdern gesprochen.
Mittlerweile aber hatte jene ewig glorreiche Stunde geschlagen, welche die Auferstehung Deutschlands verkündete, und Ereignisse, staunenswerter, ungeheurer als die kühnste Phantasie sie hatte träumen können, folgten sich mit vielfachem, weithin schallendem Echo. Hoch auf loderte das so lange unterdrückte, nur in der innersten Herzenskammer treu gepflegte Gefühl der Vaterlandsliebe in der deutschen Brust. Von nah und fern zog es nach Frankfurt, um das große, teure Heimatland von der jahrhundertelangen Schmach der ohnmächtigen Zerrissenheit zu erretten. Weiterlesen
Rund umher erhoben sich die Völker und sandten ihre Vertreter, als das Werk der blutigen „Errungenschaften“ vollbracht war, nach der alten Reichstadt, auf dass sie die lange, schwere Schuld der Regierungen tilgen und feste Steine zu dem erhabenen Bauwerk legen sollten, dessen Grundsäulen die Freiheit und das unveräußerliche Menschenrecht bilden sollten, damit es herrlich und groß, ein neu verjüngter Phönix, aus der Asche der morsch unter gewaltigem Flügelschlage zerfallenden Trümmer einer trostlosen Vergangenheit sich erhöbe! – […]
Ihr [gemeint sind die „Ultradänen“] erster und hauptsächlicher Grundsatz seit 1830 war: „Die Einverleibung Schleswigs in Dänemark […]“ – Da nach der Dänemark verheißenen Verfassung das im März ernannte Ministerium zum ersten Male ein verantwortliches ist, so hängt sein Bestehen natürlich von der Durchführung dieses seines ausgesprochenen Programms ab. Würde ein Friede geschlossen werden, welcher die Selbstständigkeit Schleswig-Holsteins garantierte, die Aufnahme Schleswigs in den deutschen Bund, die Anerkennung der provisorischen Landesregierung, die Gestattung des eignen Heerwesens der Herzogtümer, welches zu ihrem Schutze gewaffnet im Felde bleiben müsse, bestätigte, so würde das verantwortliche Ministerium Orla Lehmann¹, in diesem Falle seine Grundsätze verleugnend, abtreten und der gemäßigten Partei das Feld räumen müssen. Um aber diesen äußersten Schritt des gezwungenen Nachgebens zu vermeiden, um dies so hartnäckig und mühsam erstrebte Feld des Ehrgeizes zu behaupten, soll der Krieg von dänischer Seite auch gegen alle Wahrscheinlichkeit eines glücklichen Erfolges fortgeführt werden. Wie allen Feinden Deutschlands ist die sich gestaltende Einheit des großen, germanischen Staatenbundes auch den Dänen ein Gräuel und Ärger, da sie mit Recht das Übergewicht dieser – wenn sie einig ist – größten und mächtigsten Nation Europas fürchten. Man hofft daher im dänischen Kabinette noch immer auf die alten und mächtigsten Verbündeten der Gegner des deutschen Reichs, auf die Zerstückelung und innere Zerwürfnis des herrlichen Landes und lauert im Hinterhalte, um im Trüben zu fischen. Die dänischen Blätter machen sich täglich mit frechem Spott über das große, so glücklich begonnene Werk der Einheit und des Ruhmes unseres Vaterlandes lustig; den Gemäßigten entgegen die Ultradänen: es sei ein Volksaufstand zu fürchten, wenn man den Frieden auf die vom General Wrangel im Namen Deutschlands gestellten Forderungen bewilligen wolle!
1 Orla Lehmann (1810-1870) war ein dänischer Jurist und Politiker. Er gehörte zur Gruppierung der „Nationalliberalen“ und spielte während der Märzrevolution 1848 in Dänemark eine zentrale Rolle bei der Abschaffung der absoluten und der Einführung einer konstitutionellen Monarchie. Lehmann war Minister im sog. „Märzministerium“ und vertrat die Auffassung, dass Schleswig dem dänischen Staat einverleibt werden sollte.
Dresdens Maitage. Ein Zeitbild. Erster Band, Leipzig 1850.
Die Bestimmung der Frauen, in: Frauen-Zeitung, Nr. 24, 30. September 1849, S. 1–3.
Die Bestimmung der Frauen, in: Frauen-Zeitung, Nr. 23, 23. September 1849, S. 1-2.
Paris und Berlin. Roman aus der neuesten Zeit. Erster Teil, Leipzig 1849.
Die Friedensfrage in Schleswig-Holstein, in: Europa. Chronik der gebildeten Welt, Nr. 43, 19. August 1848, S. 169–171.
Der Weber von Langenbielau, in: Marie Norden: Feldblumen. Zweiter Teil, Leipzig 1847, S. 3–115.
Brümmer, Franz: Wolfhagen, Friederike, in: Allgemeine Deutsche Biografie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 44 (1898), S. 126–127.
Freund, Marion (2024): Marie Norden, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv, https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/marie-norden.
Freund, Marion: Für und wider die weibliche Bestimmung. Die Schriftstellerin Marie Norden und die Frauenemanzipation, in: Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. Leipzig (Hrsg.): Frauenbildung/Bildungsfrauen. Wie wurde begonnen, was wurde gewonnen?, LOUISEum 16, Leipzig 2002, S. 41–56.
MARIE NORDEN

Friederike Marie Ernestine Wolfhagen wurde 1812 in Tönning geboren. Unter dem Pseudonym Marie Norden veröffentlichte sie ab 1836 historische Romane, Erzählungen und Novellen, in denen sie sich häufig mit nationalen Unabhängigkeits- und Freiheitsbewegungen, konfessionellen Konflikten, Verfassungsfragen oder Reformbestrebungen befasste. Da sich historische Romane im 19. Jahrhundert größter Beliebtheit erfreuten, konnte Marie Norden hiervon gut ihren Lebensunterhalt bestreiten. Nach dem Tod des Vaters zog sie nach Dresden, wo sie 1849 den Dresdner Maiaufstand als Augenzeugin miterlebte. Ihre Beobachtungen hielt sie in ihrem dreibändigen Werk „Dresdens Maitage“ fest. Marie Norden thematisierte immer wieder soziale Fragen, porträtierte Elend und Verelendungsprozesse in der deutschen Gesellschaft und trat entschieden für die Rechte von Frauen ein. Auch zur Schleswig-Holstein-Frage positionierte sie sich deutlich und vertrat ihre patriotische Einstellung teilweise offen dänenfeindlich. Ob Marie Norden auch aktiv an der demokratischen Revolution von 1848/49 teilnahm, ist nicht bekannt. In jedem Fall engagierte sie sich zeitlebens für die Emanzipation der Frau, soziale Gleichheit und Freiheit. Im Juli 1878 starb Marie Norden unverheiratet in Dresden.
Friederike Marie Ernestine Wolfhagen, heute bekannt unter ihrem Pseudonym Marie Norden, wird am 13. November 1812 in Tönning/Schleswig geboren. Sie wächst in einer wohlhabenden bürgerlichen Familie auf. Ihr Vater ist zunächst Advokat, dann Stadtsekretär und schließlich Bürgermeister von Tönning.
Umzug nach Dresden, wo sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester lebt und mit verschiedenen Persönlichkeiten aus Literatur und Kunst zusammentrifft.
Marie Norden wird Zeugin des Dresdner Maiaufstands.
Veröffentlichung von „Dresdens Maitage. Ein Zeitbild“ (3 Bände).
Nach dem Jahr 1867 veröffentlicht Marie Norden keine Werke mehr. Sie hatte von ihrem Arzt ein „Schreibverbot“ wegen ihrer chronischen Kopfschmerzen und ihres Gelenkrheumatismus auferlegt bekommen.
Marie Norden stirbt am 3. Juli 1878 in Dresden.
Die welterschütternden Ereignisse, welche im Frühlinge Tausende und aber Tausende wie mit elektrischen Funken durchzitterten, welche die schönsten Hoffnungsfunken in so vielen deutschen Herzen erweckten, die erst auf dem dornigen Pfad der Wirklichkeit ihren Prüfstein finden sollten, waren auch auf ihn mit überwältigender Kraft eingedrungen. […] Allein warum, musste so viel Blut fließen, so viel Schrecknis sichtbar werden, warum musste so viel Grässliches sich vollenden? – Warum wurde nicht die Hand des allgewaltigen Rächers sichtbar auf Erden, um die Schwachen zu trösten, die Guten zu beschirmen und die Bösen niederzuschmettern? – Warum musste der brausende Gährungsprozess einer Welt nur trüben, grauen Schaum auf die Oberfläche treiben? – Und es lautete die schaurige Antwort seines verdüsterten Gemüts: Weil der Mensch ewig dem Ziel der Vollkommenheit fern bleibt, so geht er unter in der selbstverschuldeten Torheit und tritt die edelsten Bestrebungen, das blütereiche Feld der herrlichsten Hoffnungen mit den eigenen, frevelnden Füßen nieder. […]
Oft hatte er in diesen Tagen an den Weg gedacht, den Tausende seiner Landsleute einschlugen, jenseits im fernen Weltteile ein neue, glückliche Heimat zu suchen. […] Wäre es nicht auch ihm geraten, ein neues Deutschland jenseits der Wasser zu suchen, wo nicht die Brandfackel der Verwüstung durch die Wut der Menschen auf die grünende Erde geschleudert wurde? Aber war nicht das teure Vaterland, die Erde, die ihn geboren, seine Ernährerin und Pflegerin, und sollte er nun sie lassen, da sie alt geworden unter schweren Sorgen und Schicksalsnöten? Die fröhlichen Tage hatten ihm auf ihr gefallen; sollte er sie jetzt in den Zeiten der Trübsal verlassen?
Das festliche Gewand der blütereichen Jahreszeit war von der reifenden Glut des Sommers verdrängt worden und es breitete sich sein grüner Sammetteppich gleich einem buntgeschmückten Hoffnungsboten über der lachenden Erde. Und mit ihm goss aus seinem goldnen Füllhorn über die freudereiche Natur der holde Friede seine Segnungen, welcher als ein Gesandter des Himmels unter der fröhlichen Menschheit seine Palme schwang. Seit Langem schon war einem dämmernden Morgenschimmer gleich des blutigrot erglänzende Meteor der Julitage an der Nacht des politischen Horizontes aufgestiegen und wieder in die Dunkelheit des schwarzen Gewölkes versunken, welches grau in grau getürmt sich über die Völkerklage breitete. Nicht mehr begraben konnte der Geist des mündigen Menschengeschlechtes werden unter der veralteten Form, aber er wurde durch die Gewalten der Erde, durch List und Gold, gefesselt gehalten, bis er nach langen Jahren endlich siegreich, Alles überwältigend, auferstand und das Licht herbeirief, als seine schönste Verkündigung den Wunsch des Friedens, der Allianz der Völker, dem horchenden Menschengeschlechte aussprechend. Noch aber waren nicht die Donner der Februartage von der Seinestadt hin in die angrenzenden Länder bis über die Ufer des alten Vater Rhein gedrungen, der in der Verwunderung über eine so rasche, ungeheure, welthistorische Tat sein moosbedecktes, ruinenumgebenes Haupt schüttelte, den rebenbekränzten Knotenstock erhob und nach der Lutetia deutend, zweifelnd fragte: „Kann denn so Unerhörtes, so Unglaubliches, dass kein Märchen aller der sagenreichen Gedenkzeichen, die mein Gebiet bedecken, eine gleiche Kunde bietet – kann denn eine solche Wundersage jetzt zur Wahrheit werden unter dem mäkelnden, golddurstigen Menschengewürm?“ –
Noch war nicht zum dritten Male das Sturmgeläute der Zeit an dem uralten Turm von Notre Dame erschollen, noch drangen nicht seine wilden, markerschütternden Klänge durch die Gauen Deutschlands und hallten wider, nicht nur in ungeheurem Echo an den zahllosen Türmen und Türmchen seiner stolzen Hauptstädte und seiner demütigen Dörfer, sondern auch in den Herzen seiner Kinder. Noch schlummerte in diesen jener hehre Begriff, welcher nach einer langen Weile wieder mit glühendem Herzpochen zum lauten Bewusstsein erwachte und sich über den wankenden Thronen und fallenden Dynastien, über den einstürzenden Trümmern des Feudaltums, über den Ruinen der Freuden und Bekümmernisse, über dem Schalle der Klage und über dem Jauchzen des Jubels, über Blut und Tränen, hoch erhob: – „das Vaterland!“
„Es ist die Bestimmung des Weibes, die Gefährtin des Mannes, die Vorsteherin des Hauswesens, die Mutter ihrer Kinder zu sein, und nur, wenn sie sich diesen Pflichten ganz und ausschließlich widmet, nimmt sie würdig diese Stelle ein, die ihr in der menschlichen Gesellschaft angewiesen ist.“ – Diese These hören wir oft – unumstößlich hingestellt, gleich den ewigen Gesetzen der Natur – aus dem Munde auch begabter Männer und Frauen sich wiederholen. Allerdings lässt sich diese Regel auf die Uranfänge des Werdens, in den Überlieferungen aller Volksstämme und aller Religionen, zurückführen. […] Wenn wir aber bedenken, wie weit uns die Fortschritte der Civilisation mit ihren Mängeln und Vorzügen von dem einfachen Naturzustande entfernt haben, in welchem unsere ersten Eltern lebten […], wenn wir die unendliche Verschiedenheit des Urzustandes des Menschen und seine Verhältnisse in der Umgebung einer auf die Spitze getriebenen Kultur betrachten – so müssen wir zugeben, dass auch in den Beziehungen des Weibes zum ganzen menschlichen Treiben eine vielfältige Veränderung eingetreten ist. Weiterlesen
Dass es mit oder ohne Talent sich in einer oder der andern Kunst vervollkommne, wenn dies zum Glänzen in einem geselligen Kreise, oder auch zur Erheiterung und Verschönerungen des häuslichen Lebens dienen kann, wird ihm gewöhnlich nicht verargt. Es verfolgt im Gegenteil die moderne Erziehung unserer weiblichen Jugend diesen Punkt oft angelegentlicher, als die ernstere Bildung des Geistes und die noch wichtigere des Herzens. Unsere jungen Mädchen lernen Tanzen, Deklamieren, Malen, Musik, Sprachen u. s. w. – suchen dadurch zu gefallen und zu heiraten, und beschäftigen sich alsdann oft wenig mehr mit den erlernten Fertigkeiten, da sie den Zweck erreicht haben, weswegen sie sich so viele Mühe des Lernens und Übens gegeben. Beschäftigen sie sich dagegen anhaltend mit einer dieser Künste, drängt sie das innewohnende Talent gebieterisch, zu versuchen, seine höheren Stufen zu erklimmen und unendlichen Fleiß und namenlose Anstrengung nicht zu scheuen, um endlich dem fernen Ziele der vollkommenen Ausbildung näher zu kommen – wollen sie eine dieser Beschäftigung zu ihrem Lebensberufe machen – (ohne durch ein bitteres Muss dazu getrieben zu werden), so scheint ein bedenkliches Kopfschütteln bei vielen Redlichdenkenden, und der Inhalt der vielsagenden Miene ist abermals die allgemeine Regel: „Ein Mädchen muss die Haushaltung verstehen, muss kochen und nähen und alles Andere nur als Nebensache betreiben; höchstens dem Manne zu gefallen muss sie ein Stück spielen und singen können oder ihm zum Geburtstag ein kleines Bildchen malen, das sich hübsch ausnimmt, wenn es im Zimmer aufgehängt wird, aber weiter darf sie es nicht treiben.“
Mehr aber noch als gegen die anhaltende Beschäftigung mit einer Kunst, erklärt sich das althergebrachte Vorurteil gegen das Schreiben, gegen das sogenannte „Schriftstellern“ der Frauen, und ganz besonders eifern Diejenigen des eigenen Geschlechts dagegen, die vermöge ihrer innern Ausstattung vielleicht am wenigsten sich zu ähnlicher Beschäftigung befähigt fühlen. Mit einer Art von innerlicher Freude, citieren sie die Aussprüche mancher Männer, die jedes Hinaustreten der Frauenzimmer in die Öffentlichkeit als unweiblich verdammen, die in ihnen nur die Werkzeuge der Unterhaltung oder die Dienerinnen der Bequemlichkeit des stärkeren Geschlechtes sehen. Keinem weiblichen Character werden mehr Lächerlichkeiten oder Abgeschmacktheiten angedichtet, als demjenigen einer Schriftstellerin […]
Die Frage, ob die Frauen sich geistig hoch ausbilden und dadurch die Befähigung zum Schreiben in Prosa oder Poesie erlangen dürfen und sollen, ist von Alters her vielfältig aufgeworfen, mündlich und schriftlich besprochen, aber noch immer bis auf unsere Tage nicht entschieden worden, d.h.: wenn nämlich nicht die schreibenden Frauen selbst diese Sache nach ihrem Dafürhalten durch die Tat entschieden hätten. […]
Weit entfernt aber, sich durch manche Verdammungsurteile abschrecken zu lassen, hat sich die Zahl der schreibenden Frauen nach und nach immer vermehrt, ein redendes Zeichen, dass der Geist der Fessel spottet, die das einseitige Vorurteil um ihn legen will.
Jetzt, wo die Lage unseres großen Vaterlandes trüber ist, denn jemals früher, wo sich die Wolken am Horizonte der Zukunft grau in grau gigantisch türmen, wo der gordische Knoten des gesellschaftlichen Zustandes sich immer enger und verworrener schürzt – jetzt predigen uns alle diese Folgerungen die ernste Lehre, dass auch das weibliche Geschlecht den Gedanken an eine vermehrte Selbstständigkeit aufrufen und verfolgen muss. Es ergibt sich von selbst, dass die Zahl der Unverheirateten aus beiden Geschlechtern sich mehr und mehr vergrößern muss, denn andere Interessen bewegen die Gemüter vieler Menschen, als das Verlangen, eine Seele in Liebe zu gewinnen oder einen häuslichen Herd zu gründen. […] Sind indessen diese ehelichen Bande geknüpft, ist das Weib Gattin und Mutter, so versteht es sich ganz von selbst, dass diese mit dem Eintritt in den Ehestand von ihr übernommenen Pflichten für ihre Kinder oder für das Wohlsein des Mannes oder für die regelmäßige Einrichtung und Verwaltung ihres Hauswesens, durch welche dies bedingt wird, stets ihre ersten und heiligsten bleiben müssen. Weiterlesen
Wenn aber das Weib unverheiratet auf der Erde steht, oder wenn der Gattin keine Kinder geworden, oder wenn ihr diese wieder entrissen sind, wenn den Gatten seine Berufspflichten viel zu lange fern halten, wenn sie Witwe ist, wenn sie mit einem Worte den größten Teil ihrer Zeit nicht ausgefüllt hat – würde es ihr alsdann zu verdenken sein, wenn sie sich Beschäftigungen hingäbe, die ihr ebensowohl Nutzen als Vergnügen gewähren? – Wodurch entspringt so vieles Unglück im Leben des Weibes, lebe sie allein oder vermählt, welches ist der Grund so vieler Torheiten, welche die entsetzlichsten und schmachvollsten Früchte reifen lassen? – Das Unbeschäftigtsein vieler Frauen. […]
Man wird mir einwerfen, dass ein großer Unterschied noch besteht zwischen dem Niederschreiben und dem Druckenlassen der Gedanken. Ist es denn nicht recht und billig, dass auch den Frauen das Recht gestattet ist, welches die Männer täglich und stündlich für sich in Anspruch nehmen, wenn eine innere Stimme sie dazu treibt, auch zu den Entfernteren ihres Geschlechts – oder Gesinnungsverwandten zu sprechen, ihnen ihre Ideen und Gefühle auch im weiteren Kreise mitzuteilen, und gibt es hierzu einen anderen Weg, als das geschriebene Wort drucken, also in die Welt gehen zu lassen? –
Demnach scheint es mir, dass bei den vielfältigen Erörterungen für und gegen das „Schriftstellern der Frauen“ ein Hauptpunkt fast immer zu wenig Beachtung findet, gewöhnlich ganz in den Hintergrund gestellt wird. Es ist jener schmähliche, aufdringliche, unverschämte, gemeine Punkt des Geldbedarfs, der sich unentrinnbar gleich unserem Schatten an unsere Sohle heftet […] Ich habe die Überzeugung, dass von allen schreibenden Frauen höchstens ein Zehnteil seine Geistesprodukte bloß des Ruhmes oder der schriftstellerischen Eitelkeit wegen in die Welt schickt. Neun Zehnteile dagegen schreiben, um – für sich selbst oder für Andere – zu erwerben.
Allerdings wird mancher Federzug getan, den ein sehr edles Streben diktiert hat. Auch von manchen Frauen wird das lebendige Wort in die Welt gesendet, weil sie hoffen, auf die Veredlung der auf niederer geistiger Stufe Stehenden ihres Geschlechts zu wirken, weil sie wünschen, ihr bescheidenes Scherflein nach ihren schwächeren oder stärkeren Kräften beizutragen, um nach bestem Ermessen zu arbeiten im Reiche der Geister, weil sie hoffen, dass das üppige oder dürftige Samenkorn sich früher oder später zur belohnenden Frucht entfalte. Sie versuchen es, ihre Mitschwestern aufzuklären über ihre wahren Bedürfnisse, dem einseitigen Vorurteil seine lähmende Kraft zu nehmen, sie mit deutlichen und fasslichen Worten aufmerksam zu machen auf das Eine, das Not tut; ihnen, unbeirrt durch geifernden Tadel, durch gallsüchtigen Spott, durch klägliche Beschränktheit, voranzugehen auf der Bahn des geistigen Fortschritts. […] Vielleicht grinst das fürchterliche Gespenst der Not in unentrinnbarer Nähe, vielleicht treibt das unerbittliche Muss ein weibliches Wesen, den Bedarf seiner eigenen oder einer fremden Existenz zu verdienen – würde es alsdann getadelt werden können, wenn es die Feder zur Hand nähme und mit dieser mehr gewänne, als es mit der Nadel der Fall sein könnte. Oder wenn auch dies nicht ist, wenn das Notwendige nicht erworben zu werden braucht, wenn aber die edleren Genüsse des Lebens in ihren vielfältigen Gestaltungen vor unser Auge treten, wenn lebendig der Wunsch sich regt über die enge Sphäre der allernächsten Häuslichkeit hinauszugehen; wenn wir andere Menschen, andere Sitten, andere Länder sehen und kennen möchten, um unseren Blick über die Verhältnisse des Lebens und unsere Kenntnis der Menschen und Zustände zu erweitern – so müssen wir Geld haben und ausgeben, Geld bei jedem Schritte, den wir in der Nähe und Ferne tun. […] Und wenn der Götterfunke des Mitleids unser Herz bewegt; […] ist es alsdann zu tadeln, wenn wir zu der liebsten Gefährtin unserer einsamen Stunden, zur Feder, greifen, wenn wir durch das niedergeschriebene Wort selbst oder durch den Ertrag, den es bringen kann, zu nützen, zu trösten und zu lindern suchen? –
Wenn wir daher die so oft erörterte Frage noch einmal aufwerfen: „Ist es mit der Bestimmung der Frauen vereinbar, wenn sie als Künstlerinnen oder Schriftstellerinnen öffentlich auftreten?“ so haben wir dafür die Erwiderung: „Ja, wenn sie dazu befähigt sind und wenn sie nach ihrer individuellen Lebensstellung keine näher liegende Pflicht darüber versäumen!“
Die dick anschwellende Ader auf der Stirn des Herrn Peter Fleischhaupt, so wie seine zuckenden Lippen verrieten einen nahen Zornausbruch. Ehe indessen dieser erfolgen konnte, öffnete sich die Tür des Comptoirs und mehrere Menschen, dem Anschein nach Fabrikarbeiter, traten herein. Mit ihnen zugleich erschien ein Mann, der Luitpold ein flüchtiges Nicken des Hauptes als Begrüßung zuwarf und der laut und aufgeregt sogleich das Wort nahm:
„Alle Tage etwas Neues – da sind der Weber Paul Halter, der Spinner Jakob Ehrenreich und der Bleicher Christoph Bange mich angegangen mit allerlei Beschwerden und Forderungen, auf die ich ihnen nicht antworten wollte. Da aber des Plagens kein Ende ist, so habe ich sie an Dich gewiesen, Peter, Du wirst ihnen den rechten Bescheid geben!“ Weiterlesen
„Wir haben Herrn Lukas Fleischhaupt gebeten“, nahm in demütigem Tone der Spinner Ehrenreich das Wort, eine bleiche, verkümmerte Gestalt, dessen Schultern von der Gewohnheit beständigen Vornübersitzens gekrümmt, so wie sein Kopf gebeugt war, und der jetzt hinter seinen Gefährten hervortrat, „um eine kleine Zulage für das Spinnlohn. […]“
„Es ist uns nicht möglich“, sprach der Bleicher Christoph Bange, dessen Äußeres gleichfalls alle Spuren der bittersten Armut trug, „von dem geringen Bleicherlohn die Pottasche zu so hohem Preise anzunehmen, wie Herr Lukas sie uns angerechnet hat. Hunger und Kummer nagt an unserm Gebein – es wolle sich der Herr erbarmen und auch uns einen Groschen auf das Stück zulegen und den Preis der Pottasche ein Weniges herabsetzen.“
Der Fabrikherr Peter Fleischhaupt besaß außer seinen Fabriken und Einrichtungen zum Handel mit Leinen- und Baumwollenzeug auch noch bedeutende Niederlagen von Colonialwaren. Es wurde genau berechnet, wie viel Zucker, Kaffee, Pottasche oder sonstige Bedürfnisse jede Haushaltung der Arbeiter, die in seinem Lohne standen, verbrauchen konnte, worüber, so wie über manche andere Zweige des weitläufigen Geschäftsbetriebes, Lukas Fleischhaupt, der Bruder und Associé Peters, genaue Rechnung führte. Aber die Preise der genannten Notwendigkeiten wurden erhöht nach dem Gutdünken der allgewaltigen Verkäufer, allgewaltig, da der Hebel jedes irdischen Nahrungsbetriebes, das Geld, in ihren Händen war und die darbenden Weber wurden durch ihren despotischen Willen genötigt, die karge Löhnung nicht in klingender Münze, sondern in allzu hoch berechneten Colonialwaren anzunehmen.
Die Neigung zu zorniger Aufwallung, welche schon durch die Worte Luitpolds bei seinem Onkel so besonders erregt war, war durch das bescheidene, mit der Miene des tiefsten Kummers vorgebrachte Anliegen der Arbeiter nicht vermindert worden. Sie machte sich jetzt in einem wilden Ausbruche Luft.
„Ihr nichtsnutziges Bettelvolk!“, rief er erbittert, während er sich von seinem Platze erhob und mit der geballten Faust auf den Tisch schlug, „glaubt Ihr, ich habe meine Groschen gestohlen, dass ich so ohne Weiteres Euch für Eure schlechte Arbeit doppeltes Lohn geben kann? Täglich macht Ihr sie weniger gut und doch kommt Ihr frech und fordert mehr, als nach Recht und Billigkeit Euch zukommen kann! […]“
[…]
Der dritte der hereingetretenen Arbeiter, der als der Weber Paul Halter bezeichnet worden, war bis jetzt schweigend neben der Tür des Arbeitszimmers stehen geblieben. Augenfällig unterschied sich seine ganze Erscheinung von dem elenden, gedrückten Aussehen, welches seine Gefährten charakterisierte. […]
„Meine Herren Fleischhaupt“, sprach er jetzt, indem er dicht vor die beiden Brüder trat, die sich durch die stattgehabten Bitten der Arbeiter in gleich heftige Gemütsbewegung versetzt fühlten, „erbarmen Sie sich einer jammervollen unterdrückten Menschenclasse, die Gott in schwere, drückende Abhängigkeit von Ihnen gesetzt hat, jetzt, da es noch an der Zeit ist, sie vom Hungertode zu erretten. Mühsam und fleißig nährten sie sich seit Jahren von dem armseligen Ertrage ihrer Betriebsamkeit; sie haben geschwiegen lange, leidenvolle Jahrzehnte hindurch – aber das Maß auch der langmütigsten Geduld erschöpft sich, wenn das Elend alle seine Grenzen überschreitet – die Kraft des Körpers ist gesunken durch die unerhörte Anstrengung, Mut und Hoffnung auf eine bessere Zukunft sind dahin. Aber das Alleräußerste kann eintreten – die grimme Pein des Hungers treibt das Raubtier zur Todesverachtung, der innewohnende Lebenstrieb stachelt sie zu wilder Gier – erbarmen Sie sich dieser Menschen, ehe ihre verkümmerten Gestalten sich erheben mit jener Riesenkraft, die nur die Verzweiflung gibt – jene Verzweiflung, die zur Eigenhilfe greift im wahnsinnigen Todeskampfe, und ihr Recht gewaltsam ergreift, wenn Barmherzigkeit, Mitleid und Gerechtigkeit es ihr hartnäckig verweigern!“
Die starke Stimme des Redenden hatte anfangs gemäßigt, fast sanft geklungen, aber im Fortgange wuchs sie zu einer drohenden Beschwörung und seine erhobene Hand, sein dunkelglühendes Auge gaben Zeichen, wie lebhaft er von dem Inhalte der geäußerten Worte durchdrungen sein musste. Nie hatte noch einer ihrer Arbeiter so mit den Brüdern gesprochen.
Mittlerweile aber hatte jene ewig glorreiche Stunde geschlagen, welche die Auferstehung Deutschlands verkündete, und Ereignisse, staunenswerter, ungeheurer als die kühnste Phantasie sie hatte träumen können, folgten sich mit vielfachem, weithin schallendem Echo. Hoch auf loderte das so lange unterdrückte, nur in der innersten Herzenskammer treu gepflegte Gefühl der Vaterlandsliebe in der deutschen Brust. Von nah und fern zog es nach Frankfurt, um das große, teure Heimatland von der jahrhundertelangen Schmach der ohnmächtigen Zerrissenheit zu erretten. Weiterlesen
Rund umher erhoben sich die Völker und sandten ihre Vertreter, als das Werk der blutigen „Errungenschaften“ vollbracht war, nach der alten Reichstadt, auf dass sie die lange, schwere Schuld der Regierungen tilgen und feste Steine zu dem erhabenen Bauwerk legen sollten, dessen Grundsäulen die Freiheit und das unveräußerliche Menschenrecht bilden sollten, damit es herrlich und groß, ein neu verjüngter Phönix, aus der Asche der morsch unter gewaltigem Flügelschlage zerfallenden Trümmer einer trostlosen Vergangenheit sich erhöbe! – […]
Ihr [gemeint sind die „Ultradänen“] erster und hauptsächlicher Grundsatz seit 1830 war: „Die Einverleibung Schleswigs in Dänemark […]“ – Da nach der Dänemark verheißenen Verfassung das im März ernannte Ministerium zum ersten Male ein verantwortliches ist, so hängt sein Bestehen natürlich von der Durchführung dieses seines ausgesprochenen Programms ab. Würde ein Friede geschlossen werden, welcher die Selbstständigkeit Schleswig-Holsteins garantierte, die Aufnahme Schleswigs in den deutschen Bund, die Anerkennung der provisorischen Landesregierung, die Gestattung des eignen Heerwesens der Herzogtümer, welches zu ihrem Schutze gewaffnet im Felde bleiben müsse, bestätigte, so würde das verantwortliche Ministerium Orla Lehmann¹, in diesem Falle seine Grundsätze verleugnend, abtreten und der gemäßigten Partei das Feld räumen müssen. Um aber diesen äußersten Schritt des gezwungenen Nachgebens zu vermeiden, um dies so hartnäckig und mühsam erstrebte Feld des Ehrgeizes zu behaupten, soll der Krieg von dänischer Seite auch gegen alle Wahrscheinlichkeit eines glücklichen Erfolges fortgeführt werden. Wie allen Feinden Deutschlands ist die sich gestaltende Einheit des großen, germanischen Staatenbundes auch den Dänen ein Gräuel und Ärger, da sie mit Recht das Übergewicht dieser – wenn sie einig ist – größten und mächtigsten Nation Europas fürchten. Man hofft daher im dänischen Kabinette noch immer auf die alten und mächtigsten Verbündeten der Gegner des deutschen Reichs, auf die Zerstückelung und innere Zerwürfnis des herrlichen Landes und lauert im Hinterhalte, um im Trüben zu fischen. Die dänischen Blätter machen sich täglich mit frechem Spott über das große, so glücklich begonnene Werk der Einheit und des Ruhmes unseres Vaterlandes lustig; den Gemäßigten entgegen die Ultradänen: es sei ein Volksaufstand zu fürchten, wenn man den Frieden auf die vom General Wrangel im Namen Deutschlands gestellten Forderungen bewilligen wolle!
1 Orla Lehmann (1810-1870) war ein dänischer Jurist und Politiker. Er gehörte zur Gruppierung der „Nationalliberalen“ und spielte während der Märzrevolution 1848 in Dänemark eine zentrale Rolle bei der Abschaffung der absoluten und der Einführung einer konstitutionellen Monarchie. Lehmann war Minister im sog. „Märzministerium“ und vertrat die Auffassung, dass Schleswig dem dänischen Staat einverleibt werden sollte.
Dresdens Maitage. Ein Zeitbild. Erster Band, Leipzig 1850.
Die Bestimmung der Frauen, in: Frauen-Zeitung, Nr. 24, 30. September 1849, S. 1–3.
Die Bestimmung der Frauen, in: Frauen-Zeitung, Nr. 23, 23. September 1849, S. 1-2.
Paris und Berlin. Roman aus der neuesten Zeit. Erster Teil, Leipzig 1849.
Die Friedensfrage in Schleswig-Holstein, in: Europa. Chronik der gebildeten Welt, Nr. 43, 19. August 1848, S. 169–171.
Der Weber von Langenbielau, in: Marie Norden: Feldblumen. Zweiter Teil, Leipzig 1847, S. 3–115.
Brümmer, Franz: Wolfhagen, Friederike, in: Allgemeine Deutsche Biografie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 44 (1898), S. 126–127.
Freund, Marion (2024): Marie Norden, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv, https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/marie-norden.
Freund, Marion: Für und wider die weibliche Bestimmung. Die Schriftstellerin Marie Norden und die Frauenemanzipation, in: Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. Leipzig (Hrsg.): Frauenbildung/Bildungsfrauen. Wie wurde begonnen, was wurde gewonnen?, LOUISEum 16, Leipzig 2002, S. 41–56.
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