
HENRIETTE OBERMÜLLER-VENEDEY
Abb.: Porträtaufnahme, Privatbesitz Familie Venedey. Fotografie aus der Bildersammlung Birgit Bublies-Godau (auch in: Birgit Bublies-Godau (Hrsg.): "Dass die Frauen bessere Democraten, geborene Democraten seyen..." Henriette Obermüller-Venedey - Tagebücher und Lebenserinnerungen 1817-1871 (Forschungen und Quellen zur Stadtgeschichte, Schriftenreihe des Stadtarchivs Karlsruhe, Bd. 7), Karlsruhe: Badenia Verlag 1999, S. 268).
Henriette Obermüller-Venedey war zeit ihres Lebens eine überzeugte Demokratin und gehörte zu den bedeutendsten badischen Revolutionärinnen und politischen Protagonistinnen von 1848/49. Die bekennende Republikanerin vertrat ihre Anschauungen während der Revolution in Baden in aller Öffentlichkeit, und zwar als Anhängerin von Friedrich Hecker, Rednerin auf Volksversammlungen genauso wie als Unterstützerin der demokratischen Bewegung und Vereinspräsidentin. Dabei setzte sich die „Heckerin“ für die Errichtung einer einigen Republik, eines gesamtdeutschen Parlaments, einer demokratischen, sozial gerechten Staats- und Gesellschaftsordnung sowie für die politische Partizipation und rechtliche Gleichstellung von Frauen ein. Nach der Niederschlagung der Revolution, einer Anklage wegen Hochverrats und zweijähriger Polizeiaufsicht wurde sie in den 1850ern wieder aktiv. In der Zwischenzeit hatte sie den Demokraten und ehemaligen Abgeordneten der Nationalversammlung, Jakob Venedey, geheiratet, war Mutter geworden und hatte sich 1860 eine neue Existenz als Pensionswirtin aufgebaut. Obwohl ihre Lebensgeschichte als Akteurin und Chronistin der Revolution von 1848/49 mittlerweile wiederentdeckt wurde, ist sie außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses nur Wenigen bekannt.
Als Kind eines Finanzbeamten am 5. April 1817 in der Residenzstadt Karlsruhe geboren, verlebt Henriette Obermüller eine behütete Kindheit und Jugend. Zusätzlich zum Besuch einer normalen Mädchenschule erhält sie vom Vater Unterricht. Wegen der Arbeit im elterlichen Haushalt muss sie jedoch auf eine höhere Schulbildung verzichten, was sie ein Leben lang bedauert.
Beeinflusst durch ihren freisinnigen Vater, befürwortet auch Henriette Obermüller die Ziele der demokratischen Freiheitsbewegung im Anschluss an die französische Julirevolution. Nicht zuletzt deshalb gerät sie bei Ermittlungen zum Frankfurter Wachensturm erstmals ins Visier der Behörden.
Nach der Heirat ziehen Henriette und ihr Mann Gustav Obermüller nach Frankreich. Während des dortigen Aufenthalts lernt sie das Land zur Zeit des Julikönigtums intensiv kennen, tauscht sich mit Einheimischen und Flüchtlingen aus und bereist u. a. die Normandie, die Île de France und das Elsass.
Nach ihrer Rückkehr leben die Eheleute in Durlach. Gemeinsam verfolgen sie die Sitzungen im badischen Landtag; auch Frauen sind mittlerweile als Zuschauerinnen im Parlament zugelassen.
Im ersten Revolutionsjahr gehören die Obermüllers zu den Organisatoren der Bürgerwehr und treffen sich regelmäßig mit anderen Revolutionären zu Sitzungen. Zudem engagiert sich Henriette bei Volksversammlungen und beim Süddeutschen Demokratentag.
Nach der Mairevolution nimmt Henriette an Festessen der Demokraten teil. Als Präsidentin eines Frauenvereins übergibt sie bei einer Fahnenweihe Mitte Juni eine politisch symbolträchtige Fahne.
Vor den preußischen Truppen fliehen die Eheleute ins Elsass. Dort erhalten sie Nachricht von ihrer Anklage, worauf sie sich den Behörden stellen und inhaftiert werden. Während Henriette 1850 entlassen und unter Hausarrest gestellt wird, wird ihr Mann zu einer Zuchthausstrafe verurteilt.
Durch Vermittlung erfährt Jakob Venedey von Henriettes Witwenschaft. Bei Treffen entdecken sie ihre Gefühle füreinander und heiraten am 8. Juni 1854. Schon vor der Ehe ist Venedey an der Universität Zürich habilitiert worden und hält nun Vorlesungen zur Geschichte. Die Hoffnungen auf eine Professur erfüllen sich nicht, so dass das Ehepaar 1855 ins Großherzogtum Baden zurückkehrt.
Die Eheleute ziehen 1858 schließlich nach Oberweiler, wo sie das „Rast- und Pflegehaus Venedey“ aufbauen und es 1860 eröffnen. In der Zwischenzeit sind sie Eltern zweier Söhne geworden, des künftigen Arztes Michael Hermann Gustav und des Landtagsabgeordneten Martin Georg Christoph Venedey. Mit dem „Rasthaus“ legt Henriette die Grundlage für eine gesicherte Existenz der Familie und zugleich den Grundstein für ihr Leben als Unternehmerin.
Ab der Neuen Ära nimmt Henriette Venedey wieder am öffentlichen Leben teil und will u.a. Schriften veröffentlichen. Politisch lehnt sie die preußisch dominierte Einigungspolitik ab und fordert eine vom Volk getragene Nationalstaatsbildung. Darüber hinaus tritt sie für frauenemanzipatorische Ziele ein.
Nach Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges wird das Rasthaus zum Lazarett für verletzte Soldaten, Henriette arbeitet seitdem als Krankenpflegerin. Nach den ersten deutschen Siegen setzt sie sich mit ihrem Mann für eine Versöhnung und den Frieden mit Frankreich ein, worauf das Paar in die Schusslinie nationalistischer Kreise in Deutschland gerät.
Im Februar 1871 verliert Henriette Venedey mit ihrem Mann einen politisch Gleichgesinnten und geliebten Lebenspartner, schließlich haben die Venedeys eine gleichberechtigte Beziehung geführt. Nach längerer Trauerphase konzentriert sie sich auf die Kindererziehung und die Leitung des „Rasthauses“, die sie bis zu ihrem Tod am 20. Mai 1893 innehat.
Birgit Bublies-Godau
Henriette Obermüller wurde als drittes Kind eines Oberrevisors im Justizministerium am 5. April 1817 in Karlsruhe in eine gutbürgerliche Familie geboren. Während ihrer Schulzeit erhielt sie durch ihren freidenkenden Vater zusätzlich Unterricht in naturwissenschaftlichen und altphilologischen Fächern. Zusammen mit ihren Brüdern und Vettern wuchs sie in einem politischen Klima auf, das die Zustimmung zum Hambacher Fest 1832 und Frankfurter Wachensturm 1833 miteinschloss; die Namen der führenden Köpfe der oppositionellen Bewegungen wurden in der Familie „mit dem größten Respect“ genannt. Im Zuge der Untersuchung gegen ihren Cousin Wilhelm Obermüller wurde Anfang März 1837 erstmals auch gegen Henriette wegen angeblicher Fluchthilfe ermittelt. Doch konnte ihr trotz mehrerer Verhöre, der Durchsuchung ihres Elternhauses und der Beschlagnahme von Papieren kein Kontakt zu dem Flüchtigen nachgewiesen werden, so dass das badische Innenministerium am 13. März das Verfahren gegen sie einstellte. Weiterlesen
Nachdem sie im November 1837 einen anderen Vetter, Gustav August Obermüller, geheiratet hatte und mit ihm nach Frankreich gegangen war, konnte sie ihren Bildungshorizont bei Aufenthalten in der Metropole Paris und der Handels- und Hafenstadt Le Havre, wo ihr Mann als Geschäftsführer bei einer Auswanderungsagentur arbeitete, umfassend erweitern. Dies tat sie durch den Austausch mit Handelsleuten und Intellektuellen, die Lektüre der französische Presse und Literatur, Theater- und Opernbesuche und durch Reisen in verschiedene Regionen. So gewann sie Einblicke in sozialistische und revolutionäre Ideen und eignete sich Kenntnisse über das Wirtschafts- und Kulturleben im Nachbarland an. Es waren diese Auslandserfahrungen, die sie schon im Vormärz als weltoffene, gebildete Kaufmannsgattin gegenüber anderen Frauen des deutschen Bürgertums auszeichneten.
Nach acht Jahren Aufenthalt „im Havre“ kehrten die Eheleute 1845 nach Durlach zurück, wo sie einen profitablen Weinhandel aufbauten. Von der allgemeinen Politisierung für die „Rechte des Volks“ erfasst, besuchten sie von 1846 bis Frühjahr 1848 die Sitzungen der Zweiten Kammer des badischen Landtags in Karlsruhe und verfolgten die Rededuelle zwischen Regierung und Opposition. Bei Ausbruch der Revolution im Februar und März 1848 nahmen sie Kontakt zu demokratisch-republikanischen Kreisen in Durlach auf. Henriette Obermüller setzte ihre Hoffnungen zunächst auf die deutsche Nationalversammlung in Frankfurt am Main und auf eine von jener zu stiftende Reichsverfassung. Aus ihrer Sicht konnte nur der Durchbruch einer demokratischen Staats- und Gesellschaftsordnung, in der die Freiheit und Gleichheit aller Menschen verfassungsrechtlich garantiert wurde, auch zu einer besseren Stellung der Frau führen. Seit Sommer 1848 engagierte sie sich in der Revolutionsbewegung Badens: Sie setzte sich für den Aufbau des demokratischen Vereinswesens ein, trat mit ihrem Mann als Mitglied des Durlacher Bürgervereins wie auch des lokalen Frauen- und Jungfrauenvereins auf, hielt öffentliche Reden für die Republik und besuchte den badisch-pfälzischen Kongress der demokratischen Vereine am 16. Juli in Ettlingen. Sie und ihr Mann galten bei den Behörden als „rothe Republicaner“ und „Hauptwühler“.
Parallel zu ihrem Einsatz in der Demokratiebewegung pflegte Henriette Obermüller noch lange Zeit den Kontakt zu politisch Andersdenkenden, ehe es Ende 1848, nach der Erschießung Robert Blums in Wien und dem Verfassungsoktroi durch die preußische Regierung in Berlin, zum Bruch kam, als sie sich auf die Seite der badischen Revolutionäre stellte. Bei einer Kaffeekranz-Runde mit Damen der höheren Gesellschaft lobte sie die Demokratie und erklärte die Republik als die für Deutschland einzig angemessene Staatsform. Viele der anwesenden Frauen stimmten mit ihr überein. Als es dann aber um die Großherzogin und die Aufhebung der Standesvorrechte ging, kippte die Stimmung, und die Damen wandten sich gegen sie.
Im zweiten Revolutionsjahr intensivierte Henriette Obermüller ihre Aktivitäten, verfolgte ab März 1849 die Schlussverhandlungen der Schwurgerichtsprozesse gegen die Teilnehmer der April- und September-Aufstände und besuchte nach deren Ende mit dem freigesprochenen Herausgeber der „Seeblätter“, Joseph Fickler, ein Festessen. Nach Ausbruch der Mairevolution, der Ausrufung der Republik und der Übernahme der Regierungsgewalt durch die provisorische Regierung nahm sie an weiteren Festessen der Demokraten teil, etwa im Pariser Hof in Karlsruhe, bei dem sie Lorenz Brentano zu einem Gedankenaustausch traf und „den Ehrenplatz neben ihm“ erhielt. Diese Auszeichnungen durch ihre politischen Weggefährten spiegelten ihr Renommee als geachtete Republikanerin wider. Das Auseinanderfallen der Nationalversammlung Ende Mai und der Einmarsch der Bundestruppen in Baden im Juni ließen sie jedoch am positiven Ausgang der Revolution zweifeln. Ihre Zweifel beschrieb sie Jahrzehnte später in ihren Erinnerungen, in denen sie die Ursachen und Chancen einer republikanischen Erhebung in Deutschland im ersten Revolutionsjahr und die Gründe für den Fehlschlag aller drei Aufstände in Baden zu klären suchte.
Zu ihren letzten revolutionären Aktionen zählte die Unterstützung eines Freiwilligen-Bataillons der Turner für das Gefecht um Durlach. Bei einer „politischen Frauenversammlung“ Mitte März 1849 im Rathaus der Stadt kam es zu heftigen Kontroversen um das Programm für die Weihe und die symbolträchtige Farbe der Bürgerwehrfahne, an deren Ende die Mehrheit der Frauen den Beschluss fasste, eine weiße Fahne als Bekenntnis zur konstitutionellen Monarchie herzustellen. Im Gegensatz dazu übergab Henriette Obermüller als Präsidentin des „Vereins der Demokratinnen Durlach’s“ bei der am 16. Juni stattfindenden Fahnenweihe dem Bataillon eine rote Fahne mit schwarzen und goldenen Bändern, die für die demokratische Republik stand und in deren Mitte ein Eichenkranz platziert war, in den sie die Jakobinerlosung „Siegen oder Tod“ gestickt hatte. Während ihr die Republikaner für diesen Einsatz mehrere Gedichte widmeten, „haßten“ sie die konservativen Bürger dafür. Denn ihr entschiedenes politisches Bekenntnis und öffentliches Auftreten machten sie unter den Anhängern der Revolution zu einer Ausnahmeerscheinung und ließen sie unter den Demokraten Durlachs eine „überragende Rolle“ einnehmen. Zugleich wurde sie für die gegenüber dem Großherzog loyalen Bürger zur Zielscheibe reaktionärer Gegenwehr.
Eigenen Aussagen zufolge floh sie am 25. Juni aus Durlach und ging zuerst nach Ettlingen, ehe sie, mittlerweile steckbrieflich gesucht, ihrem Mann ohne Pass ins französische Lauterbourg folgte. Dort erhielten die Eheleute am 23. August 1849 die Nachricht von den Vorwürfen gegen sie wegen „Beteiligung am Hochverrat“ und der bereits im Juli erfolgten Beschlagnahmung ihres Vermögens. Ihr Haus in Durlach war zuvor schon durch preußische Truppen geplündert und der Wein für ihren Handel vernichtet worden. Um ihr restliches Vermögen zu retten, stellte sich das Paar den Strafbehörden. In der Folge saß Henriette Obermüller, wie ihr Mann, im November und Dezember 1849 im Alten Amtsgefängnis Durlach in Haft. Das Verzeichnis der Verhafteten im Oberamt Durlach vom 15. Dezember nennt sie als einzige Frau unter den „Hauptteilnehmern der Mai-Revolution“. Gegen sie wurde tatsächlich Anklage wegen „Hochverraths“ erhoben. Nachdem ihr Anwalt sich Ende 1849 beim Hofgericht Bruchsal für ihre Freilassung eingesetzt hatte, wurde sie im Januar 1850 gegen Kaution aus der Haft entlassen und ihr Verfahren Mitte Februar ausgesetzt. Von Durlach nach Karlsruhe ausgewiesen, stand sie für zwei Jahre unter Polizeiaufsicht und Hausarrest. Nachdem sie die Generalstaatskasse abgefunden hatte, konnte sie für ihren Mann ein Gnadengesuch erwirken. Anfang September 1851 wurde er aus dem Zuchthaus Bruchsal entlassen, jedoch starb er kurze Zeit später im Januar 1853 an einer Lungentuberkulose.
Unablässig für ein geeintes, demokratisches Deutschland und die Rechte der Frauen
Ende 1853 hatte der ehemalige Abgeordnete der deutschen Nationalversammlung Jakob Venedey erfahren, dass Henriette Obermüller, die er 1838 in Le Havre kennengelernt und 1842 noch einmal gesehen hatte, Witwe geworden war. Beide sahen sich nach zwölf Jahren wieder, verliebten sich ineinander und heirateten am 8. Juni 1854 in Baden-Baden, worauf Henriette die „die Aller, Aller Glücklichste Frau Venedey“ war. Wie viele Achtundvierziger litt das Paar in der Reaktionsära unter polizeilicher Verfolgung, gesellschaftlicher Ausgrenzung und finanziellen Problemen. Im August 1858 zogen die Venedeys ins Markgräflerland, wo sie ein Bauernhaus mit Garten kauften, renovieren und zu einer Pension für Kurgäste ausbauen ließen. Mit dem „Rast- und Pflegehaus Venedey“, das im August 1860 eröffnet wurde, baute sich Henriette eine neue Existenz auf. Wie die Geschäftsbücher zeigen, führte sie als selbständige Hotelière das Rasthaus für bis zu 40 Gäste, steuerte damit einen wichtigen Anteil zum Familieneinkommen bei und hielt ihrem Mann den Rücken für seine wissenschaftlich-literarischen Studien und politischen Aktivitäten frei; zudem entwickelte sich das Haus zum wichtigen Treffpunkt der Demokraten in der Reichsgründungszeit.
Politisch blieb sich Henriette Venedey nach 1849 treu. Sie begann ab Mitte der 1850er Jahre mit der Ausarbeitung ihrer „Tagebücher und Lebenserinnerungen“ und wollte wieder in der Öffentlichkeit meinungsbildend tätig werden. Im Zuge der deutschen Einigungsbestrebungen schaltete sie sich in die Politik ein und agierte an zwei Fronten: Zum einen lehnte sie eine Hegemonie Preußens in Deutschland ab, trat der monarchisch-militaristischen Einigungspolitik unter preußischer Führung entgegen und stritt für eine demokratische Grundordnung und eine vom Volk getragene Nationalstaatsbildung. In dieser Richtung bezog sie auch Stellung in der aktuellen Tagespolitik, zum Beispiel gegen den preußisch-österreichischen Krieg 1866. Zum anderen wandte sie sich frauenemanzipatorischen Bewegungen zu. Sie wirkte als Mitglied der „Association Internationale des Femmes“, die unter dem Vorsitz ihrer Freundin Jeanne-Marie Goegg-Pouchoulin, Schweizer Frauenrechtlerin und Ehefrau des früheren Revolutionärs Amand Goegg, stand, verfasste Artikel für das Vereinsorgan „Journal des Femmes“ und übernahm dessen Vertrieb in Baden. Der Briefwechsel der Frauen von 1868/69 spiegelt nicht nur ihre Überlegungen über „nos droits“ und „des intérêts de la femme“ und die Weiterentwicklung der Association wider; vielmehr stimmte Henriette Venedey auch mit dem „feministisch-emanzipatorische[n] Programm“ des Vereins, das für die Gleichheit der Frau „in Bezug auf Lohn, Bildung, Familie und Gesetz“ eintrat, überein.
Im Oktober 1869 ging sie nach Berlin, wo ihr Mann als Parlamentskorrespondent über den Reichstag berichtete. Hier war sie in der intellektuellen Szene verankert und traf unter anderem mit Franz Duncker, Karl Gutzkow und Fanny Lewald zusammen. Nach Ausbruch des deutsch-französischen Krieges kehrte Henriette Venedey im August 1870 nach Oberweiler zurück, bot den Behörden das „Rasthaus“ als Lazarett für verletzte Soldaten an und warb dafür, weitere Verwundete im Ort aufzunehmen. Für das Anliegen gewann sie 25 Mitstreiterinnen und erzielte bei der einheimischen Bevölkerung ein hohes Maß an Zustimmung. Die letzten Einträge ihrer „Tagebücher“ offenbaren Ende 1870 ihre Erschütterung angesichts der „schrecklichen Tage des Kriegs gegen Frankreich“, aber auch ihre demokratischen Überzeugungen. Zusammen mit ihrem Mann trat sie nach den deutschen Siegen für eine Versöhnung mit Frankreich ein, worauf beide von nationalistischen Kreisen angegriffen und bedroht wurden. Unbeeindruckt davon demonstrierten die Eheleute auch weiterhin ihre politische Haltung.
Das Fazit: Eine Pionierin der deutschen Demokratiegeschichte
Das hier präsentierte Lebensbild stellt Henriette Obermüller-Venedey als eine Frau vor, die ihrer Zeit weit voraus war, da sie für den familiären Unterhalt mitverantwortlich sorgte, dabei um einen eigenständigen Lebensentwurf zwischen Familie, Geschäftsleben, Politik und persönlichen Freiräumen rang und trotz allem ein selbstbestimmtes Leben zwischen politisch-rechtlichen Emanzipationsbestrebungen, erweiterten Partizipationsmöglichkeiten und konservativen Weiblichkeitsidealen führte. Überdies hatte sie sich als politische Vordenkerin und Akteurin in Baden, besonders durch ihr Engagement als entschiedene Republikanerin und Achtundvierzigerin, später als Publizistin und Frauenrechtlerin schon zu Lebzeiten einen hervorragenden Ruf bei ihren Weggefährten erarbeitet. Sie steht – nicht zuletzt wegen ihrer öffentlichen Auftritte und der von ihr eingesetzten Aktionsformen von spontaner und elementarer Politikgestaltung – exemplarisch für jene Frauen in Deutschland, die bereits im 19. Jahrhundert, gerade in der Revolution, für Demokratie und Freiheit, für eine Republik, ein deutsches Parlament und eine sozial gerechte Gesellschaft, aber auch für die Gleichstellung der Frau kämpften.
Mein lieber Herr Venedey!
Ihren kleinen, kurzen Brief habe ich erhalten, mich aber sehr darüber, daß Sie mich noch so kindisch behandeln, geärgert. Ich bin 30 Jahre alt und gar keine so kleine Frau, bekümmere mich sehr um Politik und hab‘ mein Vaterland recht lieb.
Sie Böser schimpfen meinen lieben Hecker, der doch nur das Beste wollte, der so entsetzlich betrogen […] und verrathen wurde von den Soldaten selbst; genug ist mir, daß Sie im Parlament am rechten Fleck sitzen […]. Weiterlesen
Heute höre ich, daß Erzherzog Johann gewählt wurde und zugleich, wie sehr die Linke unzufrieden mit dieser Wahl sey. Du armes Parlament – Alles aber tritt in [den] Hintergrund bei den entsetzlichen Gräueln von Paris. Das Haar sträubt sich [mir], die Volksschmeichler haben größeres Verbrechen zu büßen als die Fürstenschmeichler. Die Republique, durch die Arbeiter gemacht, hätte sollen für die Arbeiter sorgen, aber [diese] nicht mit unsinnigen Versprechungen hinhalten. Die Nationalversammlung in Paris aber besteht aus vielen, die gerne das System von Louis Philipp behielten. Das wissen die Arbeiter recht wohl, während dem Andere sie aufhetzen, ihnen Versprechungen, Lobeserhebungen machen, die ihnen nicht gebühren. Freilich gibt es nichts Schöneres als Communismus, wie ich ihn verstehe: Das heißt, man sorge zuerst für seinen Nebenmenschen, dann esse man, erst dann ruhe man, dann erst sey man glücklich; wie schön wäre es, wenn wir Alle arbeiteten und Alle zu essen hätten. Louis Blanc hat so himmlisch schöne Projekte darüber entworfen, daß ich oft meyne, Alle Menschen müßten dies ernstlich wollen. Über die neue Revolution in Paris höre ich die verschiedensten Urtheile, daß ich gerne auch Ihre Meynung darüber hören möchte. Sie können mir sicher mit Gewißheit sagen, welchen Grund die neue Revolution hervorgebracht.
Gustav ist ganz auf der Seite der Arbeiter, sagt, es sey an der Zeit, daß die Reichen aufhören, zusammen zu scharren, den Armen zu rauben. Ich glaube fast, daß man den Arbeitern, wie gesagt, zu viel gehuldigt, theils aus Angst, theils aus Interesse, glaube aber nicht, wie so Viele, daß irgend ein Prinz im Hinterhalt lauerte, – auffallend ist aber, daß Louis Blanc zum Minister ernannt wurde.– Mit unserer Reise nach Frankfurt sieht‘s bös aus, Gustav will gar nicht mehr sparen, und da haben wir auch kein überflüssiges Geld. Sie haben aber gewiß einmal so viel Zeit, um uns zu besuchen. […] – Ihren Brief habe ich recht oft lesen müssen, um mich zu überzeugen, daß Sie mich nicht auslachen. Sind Sie am Ende auch Einer von Denen, die nicht haben wollen, daß die Frauen sich um Politik kümmern? Während dem ich die Frauen anklage, deren Herz nur an Mann, Kind und Küche hängt. Ich kann nicht Anders und meyne, so lange nicht den Armen besser geholfen wird, dürfen die Reichern nicht ruhig und glücklich ihr den Armen Geraubtes verzehren. Alle Menschen sind Brüder, Alle sollen sich lieb haben, Alle Alles hergeben zum Besten Aller! Wenn wir ein Parlament hätten, das dieses verwirklichen könnte, wollte. Oh, dann stünde es Anders um uns. Seit 1848 Jahren predigen die Pfarrer, man solle den Armen zu Hülfe kommen, und jeden Tag gibt‘s mehr und werden die Reichen hartherziger. Ich glaube für bestimmt, daß es lange nicht mehr so hält. Jetzt sollen wir noch [einen] Erzherzog, sage Erzfürst zu unsern 34 bekommen, und was fängt dann das Parlament mit Denen an – und zu all‘ dem hängen die Karlsruher Heute die schwarz-roth-goldene Fahne heraus. […]
Schreiben Sie mir doch recht bald wieder und mehr, erzählen Sie mir etwas von Ihnen, dem Parlament.
Ihre […] Freundin H. Obermüller.
Auszüge aus: Die autobiographischen Schriften der Henriette Obermüller-Venedey. Teil II: Die Lebenserinnerungen.
Hoch lebe ein einiges, freies Deutschland!
Gegenüberstehende Beschreibung meines Lebens habe ich während der schrecklichen [Tage] des Kriegs gegen Frankreich, während des Bombardements von Straßburg, während der Schlacht und Gefangennahme des Napoleon bei Sedan angefangen. Um die Gegenwart ertragen zu können, flüchte ich mich zur Vergangenheit.
Oberweiler d. 6. Sept. 1870.
Henriette Venedey.
[…]
Indessen bereitete sich die Revolution von 1848 vor. Gustav, Republicaner, ich, Heckerin, so hießen alle Anhängerinnen von Friedrich Hecker, bad[ischer] Abgeordneter, gingen oft und viel nach Karlsruhe in die Kammer. Wir hörten dem Advokaten Hecker, der den Minister Beck so niederdonnerte, mit klopfendem Herzen zu. Wir wurden nicht müde, er sprach so begeistert für Volkswohl, er half […] die Rechte des Volks vertheidigen. Wir Badener waren zwar in freiheitlicher Beziehung den anderen Staaten voraus, wir wollten aber den Bundestag nicht länger dulden, wir wollten keine 33 Fürsten, wir wollten keinen Leopold von Baden auf dem Thron, […]. Es war im Winter von 47 + 48, Gustav und ich waren die Helden des Tags, ich schön, jung, fröhlich, Gustav liebenswürdig, geistreich, galant, lehnte sich Alles an uns an. […] Weiterlesen
1848, als in Frankreich die Republik ausgerufen wurde, waren wir Badener so weit, daß wir hätten mitmachen können, Alles war vorbereitet. Mein lieber Vater, der so glücklich gewesen wäre, wenn er den Sturz des Louis Phillippe erlebt, starb ein paar Tage vor der Revolution 1848, 14. Januar. D. 23. Febr. war die Revolution. Hunderte stunden an der Eisenbahn, warteten mit Begierde auf die Gewißheit und freuten sich, daß endlich die Franzosen den falschen, feilen König abgeschüttelt, die Republik erklärt haben. Volksversammlungen über Volksversammlungen wurden abgehalten, Gustav ging mit mir überall hin. Die Bürgerwehr wurde organisiert, Gustav wurde zum Hauptmann ernannt. […] Der Ruf nach einem Parlament für ganz Deutschland wurde immer lebendiger. Gustav ließ eine ungeheure Fahne machen, schwarz, roth, gold, darauf stund: Deutsches Parlament!
In Paris sammelten sich die Deutschen, organisierten sich, um Deutschland zu Hülfe zu kommen, Jakob Venedey, die langjährigen Flüchtlinge kehrten heim, überall in Deutschland erhob sich das Volk. In Berlin war Straßenkampf, in Dresden, in Elberfeld, besonders aber in Baden, Friedrich Hecker an der Spitze. Indessen wählte das deutsche Volk seine Vertreter zu einem deutschen Parlament. Die Fürsten, eingedenk ihrer am Volke begangenen Sünden, zitterten, die Throne wankten. In Baden wurde das Volk immer lebendiger, […]. In Durlach thaten unsere […] begeisterten Democraten ihr Möglichstes. Durlach, ehemalige Residenz, war lange schon im Widerspruch mit den Karlsruhern, […]. Die Durlacher, ein fleißiges, rühriges, keckes Völkchen [konnten] auch, ohne eine Residenz zu sein, leben, aber der Haß, die Rache glimmte gegenseitig. Das ganze Städtchen von 3.000 Einwohnern stund zu den Demokraten, […].
Das Vorparlament, der s.g. 50er Ausschuß, wurde nach Frankfurt gewählt. Jakob Venedey war einer der hervorragendsten davon. Hecker wollte die Republik constituieren, und als es nicht nach seinem Kopfe ging, lief er fort, kam nach Offenburg, schrieb eine Volksversammlung aus, die außerordentlich stark besucht war. Er hielt eine feurige Freiheitsrede, am Schlusse forderte er alle seine Anhänger auf, mit ihm nach Konstanz zu ziehen, dort die Republik zu proklamieren, von dort aus durchs ganze Land in immer vermehrtem Anhang gegen Karlsruhe zu ziehen, dort die Republik zu verwirklichen. Viele jauchzten ihm zu, viele schüttelten bedenklich die Köpfe, Hecker aber ging nach Konstanz. […] Er rief das Volk zu den Waffen, […] in blauen Blusen mit grauen s.g. Freischaaren-Hüten, mit Hahnenfedern verziert, zogen die ersten Deutschen Republikaner von Konstanz aus gegen Freiburg zu. Die Frauen feyerten ihre Männer und Söhne, und in mehreren Städten des Oberlandes wurde die Republik proklamiert. In 6 Tagen wollte man in Karlsruhe sein, da beschloß der Fünfziger-Ausschuß, […] Commissaire ins Lager zu Hecker zu schicken und ihm volle Amnestie zu garantieren, wenn sie sich sogleich auflösten, da ein solcher unglücklicher Putsch der deutschen Sache nur Schaden bringen und dem sich eben constituierenden deutschen Parlament hinderlich werden könne. Man sagte Hecker, daß Truppen gegen ihn in Bereitschaft stünden etc. – Hecker hat darauf erklärt, daß er seinen Plan nicht aufgeben werde, daß er der Amnestie nicht bedürfe, daß Er Amnestieren werde. –
In [wenigen] Tagen wurde Hecker mit seinem Heere von ungefähr 2.000 Mann total geschlagen von württembergischen Truppen. Viele wurden gefangen, viele flohen, darunter Hecker selbst. Mein Bruder Christoph war auch mit Hecker, da man es aber nicht wußte, geschah ihm kein Leid bei seiner Rückkunft. Die Republicaner wurden zwar bezwungen, aber keineswegs entmuthigt. Wir setzten all‘ unsere Hoffnung auf das Parlament. Unter der Zeit kamen wir täglich mit den ersten Männern der Revolution in Berührung, […].
Dennoch war ich noch mit den Aristocraten des Landes im Verkehr, wir hatten selbst noch den Kaffeekranz zusammen. Eines Nachmitags war der Kranz bei mir, ich war durch die Nachrichten von Wien, Berlin etc. sehr aufgeregt. Ich lobte die Democratie, behauptete, daß die Frauen bessere Democraten, geborene Demokraten seyen, da sie die Liebe, die Menschlichkeit eigentlich verkörpern sollen. Ich vertheidigte die Republicanische Staatsform als die einzig Menschenwürdige etc. Viele waren mit mir einverstanden, aber daß die Frau Großherzogin nicht mehr Großherzogin sein sollte, das war zu stark.– Ich lachte sie aus, ich scherzte so lange als möglich. Als aber Eine der Damen behauptete, die Freyschaaren hätten überall gestohlen und kämen nur, um zu stehlen, stellte ich mich auf die Seite der Freyschaaren, vertheidigte diese, und zwar so heftig, so energisch, daß wir uns förmlich zankten. Ich stund auf, ging auf mein Zimmer. […]. Als ich zurück kam, waren sie alle fort, im größten Unwillen, von da ab ging‘s über mich los ohne Schranken! – […]
Wir [erwarteten] eine Katastrophe von Stunde zu Stunde, es mußte Anders werden, Alles war im höchsten Grade gespannt. […] Da fing in Karlsruhe eine wahre Völkerwanderung an. Alles, was aristocratisches Blut in den Adern zu haben fürchtete, flüchtete als Bürgerliche verkleidet aus Karlsruhe nach Mainz, nach Stuttgart. –
[…] Unter den ungünstigsten Verhältnissen wurde die Republik in Baden factisch begründet. Der Großherzog hatte ungefähr gegeben, was wir verlangten, als die Soldaten-Meuterei uns die Zügel in die Hand zwang. Ein Jahr vorher, wo noch Alles in Gärung gewesen, wäre die Chance ungleich größer gewesen. Hessen, Württemberg, vielleicht Preußen, Wien hätten sich angeschlossen. Sie Alle waren geschlagen, überall fing die Reaction an, sich geltend zu machen. Das Parlament war abgesetzt, in Auflösung begriffen. So konnte auch bei uns die Revolution nicht gedeihen. D. 13., 14. Mai waren wohl die schönsten Tage, wenigstens für uns ehrliche Vaterlandsfreunde. Der Augenblick, wo den Soldaten die Schuppen von den Augen fielen, wo sie uns gehörten, wo sie jubelnd mit den Bürgern Arm in Arm durch die Straßen zogen, war einer der erhebendsten während der Revolution. Aber er sollte für uns sehr verhängnisvoll sein. Die Soldaten zogen Heim, Officiere waren nicht mehr da, die Disziplin war verschwunden. Unsere Bauernsöhne kehrten heim, fest entschlossen, nicht wieder Soldat zu werden. – […]
In wenigen Tagen rückten die Preußen, die Hessen voran ins Badische. Ein rechter Sieg und viele Regimenter waren entschlossen, über zu treten, wir aber hatten keine Soldaten. Diese kehrten nur ungern wieder zu uns und [in den Kampf zurück], sie hatten sich schon mit dem Gedanken vertraut gemacht: Keine Soldaten mehr! Unsere Freyschaaren, Elitencorps, die Besten, die Edelsten an der Spitze waren eben keine Soldaten.
Wie und wann diese auch gekämpft, so wußten sie doch selbst, daß es nur der Ehre, sich zu vertheidigen, galt. Sie wurden bekämpft, besiegt, […] nach der verlorenen Schlacht bei Waghäusel rafften wir die letzten Kräfte zusammen, es war ein Kampf der Verzweiflung. Die Turner traten zusammen, bildeten ein Bataillon. Ich, die Durlacher Mädchen schenkten ihnen eine Fahne. Da schenkten schnell die Aristocraten der Durlacher Bürgerwehr auch Eine Fahne. […]. –
In 2-3 Tagen nach der Schlacht von Waghäusel kam die […] geschlagene Armee über Durlach nach Rastatt etc. Wir erfrischten sie mit Wein, mit Brod, mit Eiern, eben was man hatte. Schlafen, Ausruhen, das war das größte Bedürfnis. Wir räumten Alle Räume zu Schlafstätten ein, da lagen sie unsere Hoffnung, unser Stolz! Zerrissen, schmutzig, arm, krank, todesmüde. – Mir war Aller Muth geschwunden. Daß diese Menschen sich nicht mehr schlagen würden, das sah jeder. […]
Augenblicklich zog ich mich an, nahm einen Wagen, fuhr nach Durlach, ich kam gegen 2 Uhr vor dem Amtshaus, d. 16. Nov. 1849, dort an. Es war unser 12ter Hochzeitstag. Ich ließ mich beim Amtmann melden, ich hatte einen schwarzen Samthuth mit schwarzer Feder auf, ein schwarz Atlas Kleid, hoch am Halse zu mit weißem Spitzenkrägelchen, eine goldene Tasche, einen sehr reichen Schal und feine Stiefelchen an, ich war damals noch jung. […] ich trat ins Amts Zimmer, Herr Amts Richter Galura, der den Eid der provisorischen Regierung geschworen, frug mich nach Namen, Stand, Alter etc., klingelte, ein Herr brachte ihm meine Acten:
„Sie sind des Hochverraths angeklagt. Sie sollen Soldaten zum Treubruch verleitet haben. Sie sollen eine rothe Fahne gestickt, darauf Sieg oder Todt gestickt haben. Sie sollen eine goldene Guillotine an der Uhrenkette getragen haben. Sie sollen gegen die Preußen gekämpft haben. Sie sollen Freischaaren in das Haus des Herrn Renz geschickt haben, um dort zu plündern. Sie sollen die Bauernfrauen aufgestiftet haben gegen die Großherzogin. Sie sollen zerstoßenes Glas in die Charpie für die pr[eußischen] Verwundeten gethan haben.“ –
Stehenden Fußes las man mir das Sünden Register vor, ich hörte kaum, mir klopfte das Herz über die Freude, welche ich nun gleich Gustav bereiten würde, wenn ich nun gleich zu ihm eingesperrt werden würde. Eine gute Stunde stund ich da, als Galura dem Amtsdiener klingelte: „Führen Sie Madame O. in das Gefängnis ab.“ […] Aus vielen Häusern kamen die Leute mir weinend und Händeringend entgegen. Ich lachte und tröstete sie, so kamen wir vor dem Gefängnis an. Der Gefangenenwärter ging ehrerbietig auf mich zu, bewillkommnete mich als die Frau Ob., die gewiß ihren Mann besuchen wolle, da heute der Hochzeitstag sich jähre. „Haben Sie eine Erlaubnis Karte?“ „Nein, ich bin selbst Gefangene.“ Er las die Schrift des Amtmannes, […] ich kam weit, weit weg von ihm [Gustav] in eine kalte Zelle, die außer einem kalten Ofen gar kein Stück Meuble, weder Tisch noch Bett, noch Stuhl besaß. Es war ungefähr 2 ½ Uhr und sehr kalt. Ich war ziemlich leicht gekleidet, hatte dünne Stiefelchen an, fror entsetzlich, hatte nichts gegessen seit früh 7 Uhr. –
[…] ich war Allein, der Gefangenenwärter trat ein, er frug mich, ob ich Feuer wolle. Ja, freilich! Ob ich Käse wolle? Ja, freilich, aber ich hatte weder Tisch noch Bank. –
Warm wurde zwar die Zelle, aber der Boden war so kalt, so eisig kalt. Ich sprang umher, um warm zu werden, Oben war eine Hitze, Unten war‘s kalt! – Abends gegen 7 Uhr bekam ich erst Licht, obgleich es um 4 Uhr schon dunkel war. –
Da kam […] mein ehemaliges Dienst-Mädchen zu mir in die Zelle mit dem Gefangenenwärter. Sie brachte mir einen Blumenstrauß, hatte die Erlaubnis heraus gebettelt, mir meine eigenen Meubles herbei schaffen zu dürfen. Sie brachte mir meinen schönen Nähtisch, mein Bett, meinen Sessel, meinen langen Ankleidespiegel, kurz in einer Stunde war meine Zelle umgewandelt. – Licht aber sollte ich nicht haben, das war schrecklich für mich, die Abende ohne Buch, ohne Arbeit, ohne Licht, Allein. –
Ich wurde um 9 Uhr vom Gefangenenwärter ins Verhör abgeholt. Unten im Gefängnis war ein Saal, da saßen der Amtsrichter und ein Schreiber, ich trat herein. Man schrie mich an, man fragte. Eine Frau […] hatte einen Eid geschworen, daß ich einen Freyschaaren-Officier in verschiedene Häuser geschickt, um dort die Leute gefangen zu nehmen, da sie den Freyschaaren nichts zu essen gegeben hätten. Das war gelogen. – Man hatte sie schwören lassen, ganz unverantwortlich, sie schwur, daß der Officier es ihr gesagt, […].
Ich schrieb an den Amtmann, man möchte mich neben Gustav lassen. Nachdem dessen Verhör geschlossen, wurde es mir erlaubt. Ich ließ eine Kiste Cigarren kommen, ich legte Jedem Gefangenen des Morgens eine Cigarre in die Zelle zum Fenster hinein, ich ließ Lichter kommen, ich schenkte den Gefangenen Lichter. Ein pr[eußischer] Soldat that und besorgte Alles (ums Geld), ein anderer Alles aus Sympathie für die Gefangenen. Viele nach und nach boten sich an, mir Briefe etc. zu besorgen, wollten gefällig gegen mich sein. Gustav schrieb mir wohl 10 Mal des Tags. Endlich bekam ich Feder und Papier, endlich Bücher, endlich Arbeit. […] Alle hatten großes Mitleiden mit mir, Alle wollten mir die Gefangenschaft erleichtern, Alle mir Freude machen. –
So kam mein zweites, mein letztes Verhör, die Acten gingen ans Hofgericht. Es war vor Neujahr. Weihnachten brachten wir im Gefängnis zu, ich hatte Allen eine kleine Arbeit gemacht, Allen den Meinen, selbst den Gefangenen. Meine gute Mutter besuchte mich, mein Advokat. Man bot Caution für mich 1.000 Gulden, ich war aber so glücklich hier, wo ich jede Minute Gutes thun konnte mit so wenig Mitteln, hier ein [freundliches] Wort, dort ein bißchen Licht, hier ein Papier mit Bleistift, dort eine Cigarre, hier ein Apfel. Ich hatte neben der Ofenthüre den Mörtel weggekratzt, daß ein Brief herein geschoben werden konnte. Dadurch schoben Alle Gefangenen die Briefe, ich gab sie einem mir ergebenen Unterofficier, der sie zur Post besorgte. So wurde mir das Leben im Gefängnis immer lieber, […].
Da öffnete sich die Zelle, Herr O[ber] Amtmann […] trat herein, frug mich um etwaige Beschwerden, und als ich sitzend, ohne ihn anzusehen, Nichts sagte, verließ er meine Zelle wieder. Der Gefangenenwärter hatte ihn zu mir eingeschlossen, es galt beherzt zu sein, ich war es! Den andern Morgen wurde das s.g. Krätze-Zimmer neben mich verlegt. Ich sollte mich beklagen, ich that es nicht. Unterdessen kam meine Entlassung, ich durfte nach Hause. Ach Gott, ja wo war meine Heymath?!
Veröffentlicht in der Zeitung „Der Verkündiger für Karlsruhe und Umgegend“, No. 141 (Sonntag, 17. Juni 1849), S. 4.
Des Vaterlandes kampfgeübten Söhnen,
Die gleich zum Siege, wie zum Tod bereit,
Hast Du mit anderen freigesinnten Schönen
Die Fahne, die sie führen soll, geweiht.
Aus einem Herzen, welches längst entschieden
Und hochvollkommen für die Freiheit schlägt,
Kam diese Fahne, gleich den Purpurblüten,
Die in dem Lenz der Stock der Rose trägt.
Seht ihr sie in des Himmels Lüften weh‘n?
Sie hat die Farbe von dem Morgenroth
Und schau‘, in einem grünen Kranze steh’n
Der Losung Worte „Siegen oder Tod!“
Seht ihr sie in des Himmels Lüften weh‘n?
Ihr seht der Freiheit Morgenröthe schon,
Und werdet ihr nur fest im Kampfe steh‘n
Sieg oder Tod! Ihr tragt den Kampf davon.
Für‘s Höchste seid ihr in den Streit gegangen,
Und werdet alle, lebend oder tot,
Dann von der Hand den grünen Kranz empfangen,
Den euch so hold die Purpurfahne bot.
Wer soll den Dank euch Schönen überbringen,
Für diese Gabe eurer freien Huld?
Die Muse kommt, um ihn euch froh zu singen,
Und zahlt mit ihrer Götterhand die Schuld.
Dem Edlen hold sind nur der Musen Zungen,
Und preisen es mit hocherfreutem Sinn,
Gemeines wird von ihnen nie besungen,
Hörst du das Wort, o edle Bürgerin?
Aus: Jakob Venedy: Meinem Kinde. Erstes Buch. Vom 8t. October 1856 bis 10. April 1869 / Meinen Kindern. Zweites Buch. Vom 10. April 1860 bis Ende 1864.
An Deinem Geburtstage zählte ich 51 Jahre, Deine Mutter 39; so daß wir zusammen neunzig herausbrachten. Siehe Junge, das ist die Ursache, warum ich das Büchlein angelegt. Wollen hoffen, daß wir Dir noch lange zur Seite stehen können; wir haben beide Hoffnung dazu, denn wir sind beide gesund, u. ich stark u. rüstig. […] Deswegen durfte ich wagen, mit 49 Jahren noch zu heirathen, u. deswegen freue ich mich in Dir, eines kräftigen u. so Gott will, gesunden Kindes. Das möge eine der ersten Lehren sein, die Dein Vater Dir mit auf die Lebensreise gibt. Deine Mutter hat mir so viel schönes, reines Liebesglück geschenkt, wie gewiß selten, […]. Mit 50 Jahren sind die meisten Menschen fertig, ich durfte in ein neues, schönes, genuß- u. glückreiches Leben in diesem Alter anfangen. – Möge Dir Dein Stern ein gleiches Geschick vorzeichnen.
[…] Ich habe in der letzten Zeit mit Freuden ein paar größere Arbeiten gemacht, die mir vielleicht gar Nichts einbringen werden. Ein Werkchen über „Friedrich II. u. Voltaire“, u. ein größeres Gedicht: „Der Demant“. Für beide habe ich vergebens einen Verleger gesucht u. dabei manches Wort geschrieben, das mir schwer angekommen, manchen Schritt gethan, der mir sauer geworden. „Das hast Du davon, daß Du nicht schreibst wie Andere, daß Du nicht dem Geschmacke des Augenblickes huldigst“, so könnte Dein Mütterle sagen, so würden hundert Frauen sagen, wenn sie sehen, daß ihr Vermögen nach u. nach zugesetzt wird. Aber Dein Mütterle denkt u. spricht anders; sie versteht, daß ich nur so schreiben kann u. darf, u. ist getrost, u. vertraut auf Gott u. das Geschick. […] daß ich ein Fraule gefunden habe, die mir in böser Zeit getrost ihr Alles schenkt; die ohne Rückgedanke ihr Letztes, Leib u. Gut für uns opfern würde – das danke ich eben doch wieder der Art, wie ich gelebt, gedacht, gehandelt, geschrieben habe. Wir danken ihr noch mehr; wir danken ihr das feste Vertrauen, daß selbst wenn wir Dir gar Nichts hinterlassen, sich gute Menschen finden werden, die Dir um des guten Namens willen, den Du trägst, unter die Arme greifen. Das ist ein Erbe, das wieder nicht vom Blitze getroffen werden, nicht in Feuer oder Wasser untergehen kann. Deswegen sehen wir leichten Herzens, nicht aber leichtsinnig, der Zukunft entgegen.
Das waren für mich, d.h. für meine Person, für meinen Leib herrliche Tage der Ruhe. Lange hatte ich das entbehrt, gesucht, aber mein Herz war zu sehr bekümmert, ich hatte mein Haus verlassen. Täglich mehrte sich die Angst, die Franzosen stünden am Rhein, die Preußen packten nicht an, die Württemberger Soldaten marschierten. Es war ein Lärm, eine Schwüle herrschte, man war voller Furcht und Hoffnung, was der nächste Tag bringen werde. Da erfaßte mich die Sorge um unser Eigenthum, ich packte auf und reiste d. 8. August zurück mit den Buben. Unterwegs in Waldshut mußten wir übernachten, dort hörten wir von Truppen, welche nach Lörrach kommen sollten, weil dort ein Lager errichtet würde. Man bestürmte mich mit Fragen, [wollte mir Angst machen], ich werde doch nicht nach Müllheim wollen? Den nächsten Morgen in Basel angekommen, sagte mir ein Herr, nicht um 1.000 Gulden ginge er nach Müllheim. Bei Hüningen schössen die Soldaten herüber, während von dort ganze Wagen voll nach Basel geflüchtet [wären]. Ginge ich dahin, das sey Unsinn, ich solle umkehren etc. Da stund ich auf der Eisenbahn mit den zwei Knaben und wußte nicht, was anfangen. Da frug ich die Kinder. Michel sagte: „Mutter wir müssen Heim, es mag gehen, wie es will.“ Der Kleine sagte: „Nein, wir bleiben hier.“
Da hieß es „Einsteigen“, und wir stiegen ein, kamen glücklich hier an, und das Rasthaus, das liebe Rasthaus stund noch. Mir war Alles wie neu geschenkt, ich lebte neu auf, […]. Weiterlesen
1 „Scharpie“ oder „Charpie“ = Verbandsstoff aus Leinen, den Frauen schon während der badischen Revolution von 1848/49 für die verwundeten Freischärler und Soldaten „gezupft“ bzw. angefertigt hatten. Mit Hilfe dieser angesehenen, dem Vaterland dienenden Tätigkeit konnten Frauen zur Revolutions- wie auch zur Reichsgründungszeit ihre Unterstützung für die Freiheitskämpfer und später die Soldaten und deren jeweiligen Ziele signalisieren und gleichzeitig selbst politisch aktiv werden, ohne die ihnen von der Gesellschaft zugewiesenen weiblichen Verhaltensmaßregeln aufgeben zu müssen. Für die Ausübung dieser anerkannten geschlechtsspezifischen Form der politischen Artikulation wurde Henriette Obermüller-Venedey von ihren Gegnern sowohl 1848/49 als auch 1870/71 angefeindet.
2 „Chassepot“ = Chassepotgewehr, Hinterladergewehr, das im Deutsch-Französischen Krieg von den Armeen Frankreichs eingesetzt wurde. Dessen Erfinder war der Franzose Antoine Chassepot (1833-1905).
Meine liebe Frau Venedey!
Ich kann Ihnen gut die Stimmung in Ihrem Briefe nachempfinden, bin aber froh, da ich weiß, daß Sie ebenso rasch wieder zuversichtlich u. heiter werden. Für diese Gottesgabe können Sie am Meisten dankbar sein, Sie kennen gar nicht das bittere Gefühl, welches Einen beherrscht, wenn man ebenso wie Sie fühlen u. diese Stimmung nicht wieder los werden kann u. in‘s Leben überträgt. Es wäre vielleicht besser, wenn wir mit unseren Männern 50 oder 100 Jahre später gelebt hätten. –
Die Originalbriefe von Jeanne-Marie Goegg-Pouchoulin an Henriette Obermüller-Venedey sind ursprünglich in Französisch verfasst worden und wurden für diesen Beitrag von Birgit Bublies-Godau ins Deutsche übersetzt.
Sehr geehrte und liebe Freundin! Sie haben sich sicherlich gewundert, dass Sie nach Ihrem freundlichen Brief vom letzten Monat nicht schneller eine Antwort von mir erhalten haben, aber ich hoffe, Sie haben mir verziehen, als Sie die Vereinigten Staaten von Europa gelesen und gesehen haben, dass ich für unsere gemeinsame Sache gearbeitet habe. Es stimmt, dass diese kleine Rede in der öffentlichen Sitzung in Genf nicht bedeutend genug war, um mich lange zu beschäftigen, aber daneben habe ich immer noch viele Briefe zu schreiben, die unsere Vereinigung betreffen; schließlich spreche ich mit einer Hausfrau, einer Mutter, die alle Pflichten und Aufgaben einer Frau und Mutter genau kennt, und ich wage zu glauben, liebe Frau, dass Sie mir meine scheinbare Nachlässigkeit bereits verziehen haben. Weiterlesen
Ich nehme den Titel der Freundschaft, den Sie mir geben, mit großer Freude an und versichere Ihnen, dass Sie darin immer eine treue Freundin finden werden. Außerdem freue ich mich für unseren Verein, dass er in Süddeutschland ein so intelligentes und engagiertes Mitglied hat, wie Sie es zweifellos sein werden. Wir haben viele Mitglieder in Norddeutschland, aber nur sehr wenige im Großherzogtum Baden. Ich denke, das liegt daran, dass der katholische Geist dem Fortschritt eher ablehnend gegenübersteht und die Zeitungen unser Rundschreiben daher weniger oft abgedruckt haben. Wie dem auch sei, […]. Ich weiß wohl, dass nicht jede Frau die Zeit und die Mittel hat, so aktiv Propaganda zu betreiben […], aber viele kleine Bäche bilden einen großen Fluss, und wenn jede Anhängerin nach ihren Kräften arbeitet, wird sich unsere Idee schließlich durchsetzen. Da Sie mich fragen, wie Sie zu diesem Werk beitragen können, bitte ich Sie, liebe Freundin, unsere Rundschreiben an alle Ihre Bekannten weiterzugeben und ihnen gleichzeitig unser Ziel zu erklären. Ich werde Ihnen weitere Rundschreiben und Reden zusenden. In einigen Tagen werde ich Ihnen 99 französische Exemplare der letzten Rede in Genf schicken. Wenn Sie sich an Ihre Freundinnen und Bekannten wenden, wäre es gut, ihnen meine Adresse zu geben, damit sie zwischen uns beiden wählen können, denn das hängt von den Ideen ab. Mehrere Freundinnen […] haben […] ihren Beitrag und ihre Mitgliedschaft direkt geschickt, während andere hingegen den Wunsch geäußert haben, mit unserem Verein in Kontakt zu treten.
Anbei finden Sie die Quittung für Ihren Jahresbeitrag; diese Quittung ist gleichzeitig der materielle Nachweis für Ihre Aufnahme in den Verein. Jedes Mitglied erhält eine solche Quittung nach Überweisung seines Beitrags, und ich bin überzeugt, dass diese Quittungen in drei oder vier Jahren als Ehrenurkunden gelten werden, da sie Zeugnis vom moralischen Mut der Frauen ablegen, die sie besitzen. Ich sende Ihnen die Quittung im Voraus, weil ich mir Ihrer Regelmäßigkeit bei der Überweisung des Betrags sicher bin und weil ich, teils aus Sparsamkeit, teils weil ich davon ausgehe, dass ich Ihnen dieses Jahr nicht schreiben kann, lieber alles in Ordnung bringen möchte.
Und nun, liebe Freundin, versichern Sie sich und Herrn Venedey meiner herzlichsten Grüße.
Marie Goegg.
P.S.: Meine neue Adresse lautet: No. 25, rue du Mont-Blanc, Genf.
Selbstverständlich wird die Vereinigung Ihnen die Ausgaben, die Ihnen entstehen, gutschreiben. Sie können sogar die ersten Ausgaben […] von Ihrem Jahresbeitrag abziehen.
Liebe Freundin!
Bitte entschuldigen Sie, dass dieser Brief nur wenige Zeilen umfasst, aber mir fehlt wirklich die Zeit. Unser Komitee ist sehr beschäftigt mit dem Projekt einer Mädchenschule, die auf soliden Grundlagen basiert und sich von den derzeitigen Schulen unterscheidet, und ich persönlich bin noch immer mit der bevorstehenden Veröffentlichung des „Journal des femmes” beschäftigt, für das ich mit Unterstützung einiger Schriftsteller und Schriftstellerinnen aus Paris die volle Verantwortung übernehme und alle aufgeklärten Federn um Hilfe bitte, die uns bei diesem mühsamen und schwierigen Werk unterstützen möchten. Die Zeitschrift wird alle zwei Wochen erscheinen und am 15. Februar ihr Debüt geben. Wenn Sie mir bis dahin eine Liste mit einigen Abonnentinnen schicken könnten, würden Sie der Sache unserer „Vereinigung” einen großen Dienst erweisen. Was die Unterlagen betrifft, die Sie erwarten, habe ich bereits im Oktober Folgendes verschickt: unsere Rundschreiben und meine Reden. Wenn Sie mehr davon wünschen, bin ich bereit, Ihnen diese zuzusenden. Ich werde sie Ihnen morgen zusenden.
Mein Mann war sehr gerührt von Ihrer freundlichen Erinnerung; […] und er behält sich vor, die Bekanntschaft zu vertiefen und Sie zu besuchen, wenn er Gelegenheit hat, ins Großherzogtum Baden zurückzukehren. Ich würde ihn sehr gerne begleiten und Ihnen die Hand schütteln.
Bitte, sehr geehrte Frau, richten Sie Herrn Venedey meine Grüße aus und seien Sie meiner herzlichen Verbundenheit versichert.
Marie Goegg.
Freitag-Morgen.
Meine liebe, liebe Freundin!
Ihr Brief regte mich sehr auf, u. verstehe ich Sie vollkommen u. fühle aus eigener Erfahrung, wie bitter es ist, immer verkannt zu sein und fast allein zu stehen mit seinen Gesinnungen. Uns geht es gerade wie Ihnen, wahrscheinlich noch viel ärger, nur daß es noch versteckter u. heimlicher geschieht, u. da ist mir fast der rohe Mensch noch lieber, der offen seine Meinung ausspricht. Namenlos verächtlich u. erbärmlich ist mir die Mehrzahl der Menschen. – Wir regen uns nicht mehr auf, u. so [versuchen wir,] unsere Pflicht zu thun. Mein Mann leistet sehr viel, er kommt keine Nacht vor 1 oder 2 Uhr von seinen armen Kranken u. ist Morgens 7 Uhr schon wieder am Platz; er hat eine Baracke mit 33 Verwundeten, zum Theil sehr schwer, u. sind alle seine Kräfte dort in Anspruch genommen. Von Politik in Zeitungen erfährt er kaum etwas, u. ist mir‘s in vieler Beziehung recht, nur fürchte ich, daß er es nicht lange so durchstehen kann, u. ist es mir sehr gräulich, daß seine Finger so aufschmerzen durch das viele Arbeiten in Blut u. Eiter. Die Verwundeten empfinden seine große Menschenliebe u. Gewissenhaftigkeit sehr dankbar u. sprechen es offen gegen Jeden aus, daß sie in so gute Hände gekommen, – ich bin oft jeden dritten Tag dort.
Hätte ich nicht grade Dienst gehabt, hätte ich Ihnen auch früher geschrieben, aber alle persönlichen Interessen schwinden in dieser gräßlichen Zeit des Elends, oh wie bange, wie bange ist einem um‘s Herz!
[…] Grüßen Sie Mann u. Kinder, u. liebe Frau Venedey, fassen Sie guten Muth, richten Sie Ihren Mann auf u. danken Sie Gott, daß Sie Ihre Kinder noch behüten können. – Wird man die junge Republik jetzt tödten?
[…] Unsere armen Straßburger Verwandten die nur in weitestem Sinne Freundschaft für uns hatten, sind sie erschossen, verbrannt? – Könnte man doch alles Denken verbannen. –
Es freut mich jetzt doppelt von den Freunden zu hören, darum lassen Sie mich nicht gar zu lange warten, bis ich wieder von Ihnen höre.
Von meinem Mann herzliche Grüße.
Ihre treue Wilhelmine.
Tagebücher und Lebenserinnerungen 1817-1871, in: Bublies-Godau, Birgit (Hrsg.): „Dass die Frauen bessere Democraten, geborene Democraten seyen...“ (Forschungen und Quellen zur Stadtgeschichte, Schriftenreihe des Stadtarchivs Karlsruhe, Bd. 7), Karlsruhe 1999.
Verschiedene Haushalts-, Geschäfts- und Gästebücher. Mit Haushaltsaufzeichnungen, Kochrezepten und Heilmitteln, Geschäftsabrechnungen und Gästetabellen, Heidelberg / Oberweiler 1855-1888.
Asche, Susanne: „Freigesinnte Schöne“ – Die Rolle der Frauen in der badischen Revolution 1848/49, in: Die Ortenau. Veröffentlichungen des Historischen Vereins für Mittelbaden, Sonderdruck, 1998, S. 579-591.
Asche, Susanne: Rot oder weiß? Die erste politische Frauenversammlung in Durlach im März 1849, in: Blick in die Geschichte. Karlsruher stadthistorische Beiträge, Nr. 143 (21.6.2024), S. 2 f.
Bleyer, Alexandra: 1848. Erfolgsgeschichte einer gescheiterten Revolution, Ditzingen: Reclam 2022.
Bublies-Godau, Birgit: Jakob Venedey – Henriette Obermüller-Venedey: Der Held des Parlaments und die Heckerin, in: Sabine Freitag (Hrsg.): Die Achtundvierziger. Lebensbilder aus der deutschen Revolution 1848/49, München: C. H. Beck 1998, S. 237-248.
Bublies-Godau, Birgit: Henriette Obermüller-Venedey (1817-1893). Der Weg einer „fanatischen Demokratin“ und frühen Frauenrechtlerin zwischen Französischer Julirevolution und Deutscher Reichsgründung, in: Walter Schmidt / Helmut Bleiber / Susanne Schötz (Hg.): Akteure eines Umbruchs. Männer und Frauen der Revolution von 1848/49. Bd. 2, Berlin: Fides 2007, S. 473-518.
Bublies-Godau, Birgit: Venedey, Juristen, Politiker, Publizisten, Schriftsteller, Historiker, darunter Henriette Venedey geb. Obermüller, in: Neue Deutsche Biographie. Bd. 26, Berlin: Duncker & Humblot 2016, S. 746-753, hier S. 749-751.
Bublies-Godau, Birgit: Venedey, Henriette. Pensionswirtin, Publizistin, Frauenrechtlerin, in: Fred Ludwig Sepaintner (Hrsg.): Baden-Württembergische Biographien. Bd. VII, Stuttgart: W. Kohlhammer 2019, S. 537-541.
Bublies-Godau, Birgit: Paulskirche und Frauenverein, Parlamentsarbeit und Fahnenweihe. Jakob Venedey, Henriette Obermüller und die biographischen Wege zur 1848er Revolution und zur liberalen Demokratie, in: Jahrbuch zur Liberalismus-Forschung 36 (2024), Baden-Baden: Nomos, S. 221-246.
Bublies-Godau, Birgit: Henriette Obermüller-Venedey (1817-1893). Eine überzeugte, „fanatische“ Demokratin und unbeirrbare Revolutionärin, in: Elisabeth Thalhofer / Andrej Bartuschka (Hg.): Es lebe die Freiheit! Menschen in der Revolution 1848/49. Biografiegeschichtliche Porträts (Schriften des Bundesarchivs, Bd. 84), Berlin: Gebr. Mann 2025, S. 22-36.
Finkele, Diana: Die Verfolgung – Vier Einzelschicksale. Sträfling Nr. 146 – Gustav Obermüller, in: Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hrsg.): 1848/49 – Revolution der deutschen Demokraten in Baden. Landesausstellung. Katalog, Baden-Baden: Nomos 1998, S. 420-422 .
Jansen, Christian: Jakob Venedey (1805-1871) und Henriette Obermüller-Venedey (1817-1893): Im Kampf für einen demokratischen Nationalstaat, in: Frank-Walter Steinmeier (Hrsg.): Wegbereiter der deutschen Demokratie. 30 mutige Frauen und Männer 1789-1918, München: C. H. Beck 2021, S. 237-250
Mohr, Alexander: Artikel: Obermüller, Christoph; Obermüller, Gustav; Obermüller, Henriette, alle in: Heinrich Raab: Revolutionäre in Baden 1848/49. Biographisches Inventar für die Quellen im Generallandesarchiv Karlsruhe und im Staatsarchiv Freiburg, bearb. von Alexander Mohr (Veröffentlichungen der staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg, Bd. 48), Stuttgart: W. Kohlhammer 1998, S. 683-685.
Mührenberg, Anke: Henriette Obermüller-Venedey. Demokratin, Revolutionärin, Gastwirtin, in: Stadtlexikon Karlsruhe. Personen. Erstellt 2012, bearbeitet 2025.
Raab, Heinrich: Die „revolutionären Umtriebe“ der Familie Obermüller von Karlsruhe während der Zeit von 1832 bis 1849, in: Badische Heimat. Zeitschrift für Landes- und Volkskunde 73 (1993), H. 3, S. 481-489.
Ruhkopf, Jan: Auf den Barrikaden und im Parlament zum demokratischen Staat: Henriette Obermüller-Venedey und Jakob Venedey, in: Ders. (Hrsg.): 100 Köpfe der Demokratie. Starke Stimmen für ein Leben in Freiheit. Illustriert von Simon Schwartz, München: Carl Hanser 2025, S. 178-179.
Venedey, Hermann: Henriette Venedey. Ein Lebensbild. Aus alten Papieren (Gute Schriften, Nr. 193), Basel 1937
Wedel, Gudrun (Hrsg.): Autobiographien von Frauen. Ein Lexikon, Köln: Böhlau 2010, S. 619
HENRIETTE OBERMÜLLER-VENEDEY

Abb.: Porträtaufnahme, Privatbesitz Familie Venedey. Fotografie aus der Bildersammlung Birgit Bublies-Godau (auch in: Birgit Bublies-Godau (Hrsg.): "Dass die Frauen bessere Democraten, geborene Democraten seyen..." Henriette Obermüller-Venedey - Tagebücher und Lebenserinnerungen 1817-1871 (Forschungen und Quellen zur Stadtgeschichte, Schriftenreihe des Stadtarchivs Karlsruhe, Bd. 7), Karlsruhe: Badenia Verlag 1999, S. 268).
Henriette Obermüller-Venedey war zeit ihres Lebens eine überzeugte Demokratin und gehörte zu den bedeutendsten badischen Revolutionärinnen und politischen Protagonistinnen von 1848/49. Die bekennende Republikanerin vertrat ihre Anschauungen während der Revolution in Baden in aller Öffentlichkeit, und zwar als Anhängerin von Friedrich Hecker, Rednerin auf Volksversammlungen genauso wie als Unterstützerin der demokratischen Bewegung und Vereinspräsidentin. Dabei setzte sich die „Heckerin“ für die Errichtung einer einigen Republik, eines gesamtdeutschen Parlaments, einer demokratischen, sozial gerechten Staats- und Gesellschaftsordnung sowie für die politische Partizipation und rechtliche Gleichstellung von Frauen ein. Nach der Niederschlagung der Revolution, einer Anklage wegen Hochverrats und zweijähriger Polizeiaufsicht wurde sie in den 1850ern wieder aktiv. In der Zwischenzeit hatte sie den Demokraten und ehemaligen Abgeordneten der Nationalversammlung, Jakob Venedey, geheiratet, war Mutter geworden und hatte sich 1860 eine neue Existenz als Pensionswirtin aufgebaut. Obwohl ihre Lebensgeschichte als Akteurin und Chronistin der Revolution von 1848/49 mittlerweile wiederentdeckt wurde, ist sie außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses nur Wenigen bekannt.
Als Kind eines Finanzbeamten am 5. April 1817 in der Residenzstadt Karlsruhe geboren, verlebt Henriette Obermüller eine behütete Kindheit und Jugend. Zusätzlich zum Besuch einer normalen Mädchenschule erhält sie vom Vater Unterricht. Wegen der Arbeit im elterlichen Haushalt muss sie jedoch auf eine höhere Schulbildung verzichten, was sie ein Leben lang bedauert.
Beeinflusst durch ihren freisinnigen Vater, befürwortet auch Henriette Obermüller die Ziele der demokratischen Freiheitsbewegung im Anschluss an die französische Julirevolution. Nicht zuletzt deshalb gerät sie bei Ermittlungen zum Frankfurter Wachensturm erstmals ins Visier der Behörden.
Nach der Heirat ziehen Henriette und ihr Mann Gustav Obermüller nach Frankreich. Während des dortigen Aufenthalts lernt sie das Land zur Zeit des Julikönigtums intensiv kennen, tauscht sich mit Einheimischen und Flüchtlingen aus und bereist u. a. die Normandie, die Île de France und das Elsass.
Nach ihrer Rückkehr leben die Eheleute in Durlach. Gemeinsam verfolgen sie die Sitzungen im badischen Landtag; auch Frauen sind mittlerweile als Zuschauerinnen im Parlament zugelassen.
Im ersten Revolutionsjahr gehören die Obermüllers zu den Organisatoren der Bürgerwehr und treffen sich regelmäßig mit anderen Revolutionären zu Sitzungen. Zudem engagiert sich Henriette bei Volksversammlungen und beim Süddeutschen Demokratentag.
Nach der Mairevolution nimmt Henriette an Festessen der Demokraten teil. Als Präsidentin eines Frauenvereins übergibt sie bei einer Fahnenweihe Mitte Juni eine politisch symbolträchtige Fahne.
Vor den preußischen Truppen fliehen die Eheleute ins Elsass. Dort erhalten sie Nachricht von ihrer Anklage, worauf sie sich den Behörden stellen und inhaftiert werden. Während Henriette 1850 entlassen und unter Hausarrest gestellt wird, wird ihr Mann zu einer Zuchthausstrafe verurteilt.
Durch Vermittlung erfährt Jakob Venedey von Henriettes Witwenschaft. Bei Treffen entdecken sie ihre Gefühle füreinander und heiraten am 8. Juni 1854. Schon vor der Ehe ist Venedey an der Universität Zürich habilitiert worden und hält nun Vorlesungen zur Geschichte. Die Hoffnungen auf eine Professur erfüllen sich nicht, so dass das Ehepaar 1855 ins Großherzogtum Baden zurückkehrt.
Die Eheleute ziehen 1858 schließlich nach Oberweiler, wo sie das „Rast- und Pflegehaus Venedey“ aufbauen und es 1860 eröffnen. In der Zwischenzeit sind sie Eltern zweier Söhne geworden, des künftigen Arztes Michael Hermann Gustav und des Landtagsabgeordneten Martin Georg Christoph Venedey. Mit dem „Rasthaus“ legt Henriette die Grundlage für eine gesicherte Existenz der Familie und zugleich den Grundstein für ihr Leben als Unternehmerin.
Ab der Neuen Ära nimmt Henriette Venedey wieder am öffentlichen Leben teil und will u.a. Schriften veröffentlichen. Politisch lehnt sie die preußisch dominierte Einigungspolitik ab und fordert eine vom Volk getragene Nationalstaatsbildung. Darüber hinaus tritt sie für frauenemanzipatorische Ziele ein.
Nach Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges wird das Rasthaus zum Lazarett für verletzte Soldaten, Henriette arbeitet seitdem als Krankenpflegerin. Nach den ersten deutschen Siegen setzt sie sich mit ihrem Mann für eine Versöhnung und den Frieden mit Frankreich ein, worauf das Paar in die Schusslinie nationalistischer Kreise in Deutschland gerät.
Im Februar 1871 verliert Henriette Venedey mit ihrem Mann einen politisch Gleichgesinnten und geliebten Lebenspartner, schließlich haben die Venedeys eine gleichberechtigte Beziehung geführt. Nach längerer Trauerphase konzentriert sie sich auf die Kindererziehung und die Leitung des „Rasthauses“, die sie bis zu ihrem Tod am 20. Mai 1893 innehat.
Birgit Bublies-Godau
Henriette Obermüller wurde als drittes Kind eines Oberrevisors im Justizministerium am 5. April 1817 in Karlsruhe in eine gutbürgerliche Familie geboren. Während ihrer Schulzeit erhielt sie durch ihren freidenkenden Vater zusätzlich Unterricht in naturwissenschaftlichen und altphilologischen Fächern. Zusammen mit ihren Brüdern und Vettern wuchs sie in einem politischen Klima auf, das die Zustimmung zum Hambacher Fest 1832 und Frankfurter Wachensturm 1833 miteinschloss; die Namen der führenden Köpfe der oppositionellen Bewegungen wurden in der Familie „mit dem größten Respect“ genannt. Im Zuge der Untersuchung gegen ihren Cousin Wilhelm Obermüller wurde Anfang März 1837 erstmals auch gegen Henriette wegen angeblicher Fluchthilfe ermittelt. Doch konnte ihr trotz mehrerer Verhöre, der Durchsuchung ihres Elternhauses und der Beschlagnahme von Papieren kein Kontakt zu dem Flüchtigen nachgewiesen werden, so dass das badische Innenministerium am 13. März das Verfahren gegen sie einstellte. Weiterlesen
Nachdem sie im November 1837 einen anderen Vetter, Gustav August Obermüller, geheiratet hatte und mit ihm nach Frankreich gegangen war, konnte sie ihren Bildungshorizont bei Aufenthalten in der Metropole Paris und der Handels- und Hafenstadt Le Havre, wo ihr Mann als Geschäftsführer bei einer Auswanderungsagentur arbeitete, umfassend erweitern. Dies tat sie durch den Austausch mit Handelsleuten und Intellektuellen, die Lektüre der französische Presse und Literatur, Theater- und Opernbesuche und durch Reisen in verschiedene Regionen. So gewann sie Einblicke in sozialistische und revolutionäre Ideen und eignete sich Kenntnisse über das Wirtschafts- und Kulturleben im Nachbarland an. Es waren diese Auslandserfahrungen, die sie schon im Vormärz als weltoffene, gebildete Kaufmannsgattin gegenüber anderen Frauen des deutschen Bürgertums auszeichneten.
Nach acht Jahren Aufenthalt „im Havre“ kehrten die Eheleute 1845 nach Durlach zurück, wo sie einen profitablen Weinhandel aufbauten. Von der allgemeinen Politisierung für die „Rechte des Volks“ erfasst, besuchten sie von 1846 bis Frühjahr 1848 die Sitzungen der Zweiten Kammer des badischen Landtags in Karlsruhe und verfolgten die Rededuelle zwischen Regierung und Opposition. Bei Ausbruch der Revolution im Februar und März 1848 nahmen sie Kontakt zu demokratisch-republikanischen Kreisen in Durlach auf. Henriette Obermüller setzte ihre Hoffnungen zunächst auf die deutsche Nationalversammlung in Frankfurt am Main und auf eine von jener zu stiftende Reichsverfassung. Aus ihrer Sicht konnte nur der Durchbruch einer demokratischen Staats- und Gesellschaftsordnung, in der die Freiheit und Gleichheit aller Menschen verfassungsrechtlich garantiert wurde, auch zu einer besseren Stellung der Frau führen. Seit Sommer 1848 engagierte sie sich in der Revolutionsbewegung Badens: Sie setzte sich für den Aufbau des demokratischen Vereinswesens ein, trat mit ihrem Mann als Mitglied des Durlacher Bürgervereins wie auch des lokalen Frauen- und Jungfrauenvereins auf, hielt öffentliche Reden für die Republik und besuchte den badisch-pfälzischen Kongress der demokratischen Vereine am 16. Juli in Ettlingen. Sie und ihr Mann galten bei den Behörden als „rothe Republicaner“ und „Hauptwühler“.
Parallel zu ihrem Einsatz in der Demokratiebewegung pflegte Henriette Obermüller noch lange Zeit den Kontakt zu politisch Andersdenkenden, ehe es Ende 1848, nach der Erschießung Robert Blums in Wien und dem Verfassungsoktroi durch die preußische Regierung in Berlin, zum Bruch kam, als sie sich auf die Seite der badischen Revolutionäre stellte. Bei einer Kaffeekranz-Runde mit Damen der höheren Gesellschaft lobte sie die Demokratie und erklärte die Republik als die für Deutschland einzig angemessene Staatsform. Viele der anwesenden Frauen stimmten mit ihr überein. Als es dann aber um die Großherzogin und die Aufhebung der Standesvorrechte ging, kippte die Stimmung, und die Damen wandten sich gegen sie.
Im zweiten Revolutionsjahr intensivierte Henriette Obermüller ihre Aktivitäten, verfolgte ab März 1849 die Schlussverhandlungen der Schwurgerichtsprozesse gegen die Teilnehmer der April- und September-Aufstände und besuchte nach deren Ende mit dem freigesprochenen Herausgeber der „Seeblätter“, Joseph Fickler, ein Festessen. Nach Ausbruch der Mairevolution, der Ausrufung der Republik und der Übernahme der Regierungsgewalt durch die provisorische Regierung nahm sie an weiteren Festessen der Demokraten teil, etwa im Pariser Hof in Karlsruhe, bei dem sie Lorenz Brentano zu einem Gedankenaustausch traf und „den Ehrenplatz neben ihm“ erhielt. Diese Auszeichnungen durch ihre politischen Weggefährten spiegelten ihr Renommee als geachtete Republikanerin wider. Das Auseinanderfallen der Nationalversammlung Ende Mai und der Einmarsch der Bundestruppen in Baden im Juni ließen sie jedoch am positiven Ausgang der Revolution zweifeln. Ihre Zweifel beschrieb sie Jahrzehnte später in ihren Erinnerungen, in denen sie die Ursachen und Chancen einer republikanischen Erhebung in Deutschland im ersten Revolutionsjahr und die Gründe für den Fehlschlag aller drei Aufstände in Baden zu klären suchte.
Zu ihren letzten revolutionären Aktionen zählte die Unterstützung eines Freiwilligen-Bataillons der Turner für das Gefecht um Durlach. Bei einer „politischen Frauenversammlung“ Mitte März 1849 im Rathaus der Stadt kam es zu heftigen Kontroversen um das Programm für die Weihe und die symbolträchtige Farbe der Bürgerwehrfahne, an deren Ende die Mehrheit der Frauen den Beschluss fasste, eine weiße Fahne als Bekenntnis zur konstitutionellen Monarchie herzustellen. Im Gegensatz dazu übergab Henriette Obermüller als Präsidentin des „Vereins der Demokratinnen Durlach’s“ bei der am 16. Juni stattfindenden Fahnenweihe dem Bataillon eine rote Fahne mit schwarzen und goldenen Bändern, die für die demokratische Republik stand und in deren Mitte ein Eichenkranz platziert war, in den sie die Jakobinerlosung „Siegen oder Tod“ gestickt hatte. Während ihr die Republikaner für diesen Einsatz mehrere Gedichte widmeten, „haßten“ sie die konservativen Bürger dafür. Denn ihr entschiedenes politisches Bekenntnis und öffentliches Auftreten machten sie unter den Anhängern der Revolution zu einer Ausnahmeerscheinung und ließen sie unter den Demokraten Durlachs eine „überragende Rolle“ einnehmen. Zugleich wurde sie für die gegenüber dem Großherzog loyalen Bürger zur Zielscheibe reaktionärer Gegenwehr.
Eigenen Aussagen zufolge floh sie am 25. Juni aus Durlach und ging zuerst nach Ettlingen, ehe sie, mittlerweile steckbrieflich gesucht, ihrem Mann ohne Pass ins französische Lauterbourg folgte. Dort erhielten die Eheleute am 23. August 1849 die Nachricht von den Vorwürfen gegen sie wegen „Beteiligung am Hochverrat“ und der bereits im Juli erfolgten Beschlagnahmung ihres Vermögens. Ihr Haus in Durlach war zuvor schon durch preußische Truppen geplündert und der Wein für ihren Handel vernichtet worden. Um ihr restliches Vermögen zu retten, stellte sich das Paar den Strafbehörden. In der Folge saß Henriette Obermüller, wie ihr Mann, im November und Dezember 1849 im Alten Amtsgefängnis Durlach in Haft. Das Verzeichnis der Verhafteten im Oberamt Durlach vom 15. Dezember nennt sie als einzige Frau unter den „Hauptteilnehmern der Mai-Revolution“. Gegen sie wurde tatsächlich Anklage wegen „Hochverraths“ erhoben. Nachdem ihr Anwalt sich Ende 1849 beim Hofgericht Bruchsal für ihre Freilassung eingesetzt hatte, wurde sie im Januar 1850 gegen Kaution aus der Haft entlassen und ihr Verfahren Mitte Februar ausgesetzt. Von Durlach nach Karlsruhe ausgewiesen, stand sie für zwei Jahre unter Polizeiaufsicht und Hausarrest. Nachdem sie die Generalstaatskasse abgefunden hatte, konnte sie für ihren Mann ein Gnadengesuch erwirken. Anfang September 1851 wurde er aus dem Zuchthaus Bruchsal entlassen, jedoch starb er kurze Zeit später im Januar 1853 an einer Lungentuberkulose.
Unablässig für ein geeintes, demokratisches Deutschland und die Rechte der Frauen
Ende 1853 hatte der ehemalige Abgeordnete der deutschen Nationalversammlung Jakob Venedey erfahren, dass Henriette Obermüller, die er 1838 in Le Havre kennengelernt und 1842 noch einmal gesehen hatte, Witwe geworden war. Beide sahen sich nach zwölf Jahren wieder, verliebten sich ineinander und heirateten am 8. Juni 1854 in Baden-Baden, worauf Henriette die „die Aller, Aller Glücklichste Frau Venedey“ war. Wie viele Achtundvierziger litt das Paar in der Reaktionsära unter polizeilicher Verfolgung, gesellschaftlicher Ausgrenzung und finanziellen Problemen. Im August 1858 zogen die Venedeys ins Markgräflerland, wo sie ein Bauernhaus mit Garten kauften, renovieren und zu einer Pension für Kurgäste ausbauen ließen. Mit dem „Rast- und Pflegehaus Venedey“, das im August 1860 eröffnet wurde, baute sich Henriette eine neue Existenz auf. Wie die Geschäftsbücher zeigen, führte sie als selbständige Hotelière das Rasthaus für bis zu 40 Gäste, steuerte damit einen wichtigen Anteil zum Familieneinkommen bei und hielt ihrem Mann den Rücken für seine wissenschaftlich-literarischen Studien und politischen Aktivitäten frei; zudem entwickelte sich das Haus zum wichtigen Treffpunkt der Demokraten in der Reichsgründungszeit.
Politisch blieb sich Henriette Venedey nach 1849 treu. Sie begann ab Mitte der 1850er Jahre mit der Ausarbeitung ihrer „Tagebücher und Lebenserinnerungen“ und wollte wieder in der Öffentlichkeit meinungsbildend tätig werden. Im Zuge der deutschen Einigungsbestrebungen schaltete sie sich in die Politik ein und agierte an zwei Fronten: Zum einen lehnte sie eine Hegemonie Preußens in Deutschland ab, trat der monarchisch-militaristischen Einigungspolitik unter preußischer Führung entgegen und stritt für eine demokratische Grundordnung und eine vom Volk getragene Nationalstaatsbildung. In dieser Richtung bezog sie auch Stellung in der aktuellen Tagespolitik, zum Beispiel gegen den preußisch-österreichischen Krieg 1866. Zum anderen wandte sie sich frauenemanzipatorischen Bewegungen zu. Sie wirkte als Mitglied der „Association Internationale des Femmes“, die unter dem Vorsitz ihrer Freundin Jeanne-Marie Goegg-Pouchoulin, Schweizer Frauenrechtlerin und Ehefrau des früheren Revolutionärs Amand Goegg, stand, verfasste Artikel für das Vereinsorgan „Journal des Femmes“ und übernahm dessen Vertrieb in Baden. Der Briefwechsel der Frauen von 1868/69 spiegelt nicht nur ihre Überlegungen über „nos droits“ und „des intérêts de la femme“ und die Weiterentwicklung der Association wider; vielmehr stimmte Henriette Venedey auch mit dem „feministisch-emanzipatorische[n] Programm“ des Vereins, das für die Gleichheit der Frau „in Bezug auf Lohn, Bildung, Familie und Gesetz“ eintrat, überein.
Im Oktober 1869 ging sie nach Berlin, wo ihr Mann als Parlamentskorrespondent über den Reichstag berichtete. Hier war sie in der intellektuellen Szene verankert und traf unter anderem mit Franz Duncker, Karl Gutzkow und Fanny Lewald zusammen. Nach Ausbruch des deutsch-französischen Krieges kehrte Henriette Venedey im August 1870 nach Oberweiler zurück, bot den Behörden das „Rasthaus“ als Lazarett für verletzte Soldaten an und warb dafür, weitere Verwundete im Ort aufzunehmen. Für das Anliegen gewann sie 25 Mitstreiterinnen und erzielte bei der einheimischen Bevölkerung ein hohes Maß an Zustimmung. Die letzten Einträge ihrer „Tagebücher“ offenbaren Ende 1870 ihre Erschütterung angesichts der „schrecklichen Tage des Kriegs gegen Frankreich“, aber auch ihre demokratischen Überzeugungen. Zusammen mit ihrem Mann trat sie nach den deutschen Siegen für eine Versöhnung mit Frankreich ein, worauf beide von nationalistischen Kreisen angegriffen und bedroht wurden. Unbeeindruckt davon demonstrierten die Eheleute auch weiterhin ihre politische Haltung.
Das Fazit: Eine Pionierin der deutschen Demokratiegeschichte
Das hier präsentierte Lebensbild stellt Henriette Obermüller-Venedey als eine Frau vor, die ihrer Zeit weit voraus war, da sie für den familiären Unterhalt mitverantwortlich sorgte, dabei um einen eigenständigen Lebensentwurf zwischen Familie, Geschäftsleben, Politik und persönlichen Freiräumen rang und trotz allem ein selbstbestimmtes Leben zwischen politisch-rechtlichen Emanzipationsbestrebungen, erweiterten Partizipationsmöglichkeiten und konservativen Weiblichkeitsidealen führte. Überdies hatte sie sich als politische Vordenkerin und Akteurin in Baden, besonders durch ihr Engagement als entschiedene Republikanerin und Achtundvierzigerin, später als Publizistin und Frauenrechtlerin schon zu Lebzeiten einen hervorragenden Ruf bei ihren Weggefährten erarbeitet. Sie steht – nicht zuletzt wegen ihrer öffentlichen Auftritte und der von ihr eingesetzten Aktionsformen von spontaner und elementarer Politikgestaltung – exemplarisch für jene Frauen in Deutschland, die bereits im 19. Jahrhundert, gerade in der Revolution, für Demokratie und Freiheit, für eine Republik, ein deutsches Parlament und eine sozial gerechte Gesellschaft, aber auch für die Gleichstellung der Frau kämpften.
Mein lieber Herr Venedey!
Ihren kleinen, kurzen Brief habe ich erhalten, mich aber sehr darüber, daß Sie mich noch so kindisch behandeln, geärgert. Ich bin 30 Jahre alt und gar keine so kleine Frau, bekümmere mich sehr um Politik und hab‘ mein Vaterland recht lieb.
Sie Böser schimpfen meinen lieben Hecker, der doch nur das Beste wollte, der so entsetzlich betrogen […] und verrathen wurde von den Soldaten selbst; genug ist mir, daß Sie im Parlament am rechten Fleck sitzen […]. Weiterlesen
Heute höre ich, daß Erzherzog Johann gewählt wurde und zugleich, wie sehr die Linke unzufrieden mit dieser Wahl sey. Du armes Parlament – Alles aber tritt in [den] Hintergrund bei den entsetzlichen Gräueln von Paris. Das Haar sträubt sich [mir], die Volksschmeichler haben größeres Verbrechen zu büßen als die Fürstenschmeichler. Die Republique, durch die Arbeiter gemacht, hätte sollen für die Arbeiter sorgen, aber [diese] nicht mit unsinnigen Versprechungen hinhalten. Die Nationalversammlung in Paris aber besteht aus vielen, die gerne das System von Louis Philipp behielten. Das wissen die Arbeiter recht wohl, während dem Andere sie aufhetzen, ihnen Versprechungen, Lobeserhebungen machen, die ihnen nicht gebühren. Freilich gibt es nichts Schöneres als Communismus, wie ich ihn verstehe: Das heißt, man sorge zuerst für seinen Nebenmenschen, dann esse man, erst dann ruhe man, dann erst sey man glücklich; wie schön wäre es, wenn wir Alle arbeiteten und Alle zu essen hätten. Louis Blanc hat so himmlisch schöne Projekte darüber entworfen, daß ich oft meyne, Alle Menschen müßten dies ernstlich wollen. Über die neue Revolution in Paris höre ich die verschiedensten Urtheile, daß ich gerne auch Ihre Meynung darüber hören möchte. Sie können mir sicher mit Gewißheit sagen, welchen Grund die neue Revolution hervorgebracht.
Gustav ist ganz auf der Seite der Arbeiter, sagt, es sey an der Zeit, daß die Reichen aufhören, zusammen zu scharren, den Armen zu rauben. Ich glaube fast, daß man den Arbeitern, wie gesagt, zu viel gehuldigt, theils aus Angst, theils aus Interesse, glaube aber nicht, wie so Viele, daß irgend ein Prinz im Hinterhalt lauerte, – auffallend ist aber, daß Louis Blanc zum Minister ernannt wurde.– Mit unserer Reise nach Frankfurt sieht‘s bös aus, Gustav will gar nicht mehr sparen, und da haben wir auch kein überflüssiges Geld. Sie haben aber gewiß einmal so viel Zeit, um uns zu besuchen. […] – Ihren Brief habe ich recht oft lesen müssen, um mich zu überzeugen, daß Sie mich nicht auslachen. Sind Sie am Ende auch Einer von Denen, die nicht haben wollen, daß die Frauen sich um Politik kümmern? Während dem ich die Frauen anklage, deren Herz nur an Mann, Kind und Küche hängt. Ich kann nicht Anders und meyne, so lange nicht den Armen besser geholfen wird, dürfen die Reichern nicht ruhig und glücklich ihr den Armen Geraubtes verzehren. Alle Menschen sind Brüder, Alle sollen sich lieb haben, Alle Alles hergeben zum Besten Aller! Wenn wir ein Parlament hätten, das dieses verwirklichen könnte, wollte. Oh, dann stünde es Anders um uns. Seit 1848 Jahren predigen die Pfarrer, man solle den Armen zu Hülfe kommen, und jeden Tag gibt‘s mehr und werden die Reichen hartherziger. Ich glaube für bestimmt, daß es lange nicht mehr so hält. Jetzt sollen wir noch [einen] Erzherzog, sage Erzfürst zu unsern 34 bekommen, und was fängt dann das Parlament mit Denen an – und zu all‘ dem hängen die Karlsruher Heute die schwarz-roth-goldene Fahne heraus. […]
Schreiben Sie mir doch recht bald wieder und mehr, erzählen Sie mir etwas von Ihnen, dem Parlament.
Ihre […] Freundin H. Obermüller.
Auszüge aus: Die autobiographischen Schriften der Henriette Obermüller-Venedey. Teil II: Die Lebenserinnerungen.
Hoch lebe ein einiges, freies Deutschland!
Gegenüberstehende Beschreibung meines Lebens habe ich während der schrecklichen [Tage] des Kriegs gegen Frankreich, während des Bombardements von Straßburg, während der Schlacht und Gefangennahme des Napoleon bei Sedan angefangen. Um die Gegenwart ertragen zu können, flüchte ich mich zur Vergangenheit.
Oberweiler d. 6. Sept. 1870.
Henriette Venedey.
[…]
Indessen bereitete sich die Revolution von 1848 vor. Gustav, Republicaner, ich, Heckerin, so hießen alle Anhängerinnen von Friedrich Hecker, bad[ischer] Abgeordneter, gingen oft und viel nach Karlsruhe in die Kammer. Wir hörten dem Advokaten Hecker, der den Minister Beck so niederdonnerte, mit klopfendem Herzen zu. Wir wurden nicht müde, er sprach so begeistert für Volkswohl, er half […] die Rechte des Volks vertheidigen. Wir Badener waren zwar in freiheitlicher Beziehung den anderen Staaten voraus, wir wollten aber den Bundestag nicht länger dulden, wir wollten keine 33 Fürsten, wir wollten keinen Leopold von Baden auf dem Thron, […]. Es war im Winter von 47 + 48, Gustav und ich waren die Helden des Tags, ich schön, jung, fröhlich, Gustav liebenswürdig, geistreich, galant, lehnte sich Alles an uns an. […] Weiterlesen
1848, als in Frankreich die Republik ausgerufen wurde, waren wir Badener so weit, daß wir hätten mitmachen können, Alles war vorbereitet. Mein lieber Vater, der so glücklich gewesen wäre, wenn er den Sturz des Louis Phillippe erlebt, starb ein paar Tage vor der Revolution 1848, 14. Januar. D. 23. Febr. war die Revolution. Hunderte stunden an der Eisenbahn, warteten mit Begierde auf die Gewißheit und freuten sich, daß endlich die Franzosen den falschen, feilen König abgeschüttelt, die Republik erklärt haben. Volksversammlungen über Volksversammlungen wurden abgehalten, Gustav ging mit mir überall hin. Die Bürgerwehr wurde organisiert, Gustav wurde zum Hauptmann ernannt. […] Der Ruf nach einem Parlament für ganz Deutschland wurde immer lebendiger. Gustav ließ eine ungeheure Fahne machen, schwarz, roth, gold, darauf stund: Deutsches Parlament!
In Paris sammelten sich die Deutschen, organisierten sich, um Deutschland zu Hülfe zu kommen, Jakob Venedey, die langjährigen Flüchtlinge kehrten heim, überall in Deutschland erhob sich das Volk. In Berlin war Straßenkampf, in Dresden, in Elberfeld, besonders aber in Baden, Friedrich Hecker an der Spitze. Indessen wählte das deutsche Volk seine Vertreter zu einem deutschen Parlament. Die Fürsten, eingedenk ihrer am Volke begangenen Sünden, zitterten, die Throne wankten. In Baden wurde das Volk immer lebendiger, […]. In Durlach thaten unsere […] begeisterten Democraten ihr Möglichstes. Durlach, ehemalige Residenz, war lange schon im Widerspruch mit den Karlsruhern, […]. Die Durlacher, ein fleißiges, rühriges, keckes Völkchen [konnten] auch, ohne eine Residenz zu sein, leben, aber der Haß, die Rache glimmte gegenseitig. Das ganze Städtchen von 3.000 Einwohnern stund zu den Demokraten, […].
Das Vorparlament, der s.g. 50er Ausschuß, wurde nach Frankfurt gewählt. Jakob Venedey war einer der hervorragendsten davon. Hecker wollte die Republik constituieren, und als es nicht nach seinem Kopfe ging, lief er fort, kam nach Offenburg, schrieb eine Volksversammlung aus, die außerordentlich stark besucht war. Er hielt eine feurige Freiheitsrede, am Schlusse forderte er alle seine Anhänger auf, mit ihm nach Konstanz zu ziehen, dort die Republik zu proklamieren, von dort aus durchs ganze Land in immer vermehrtem Anhang gegen Karlsruhe zu ziehen, dort die Republik zu verwirklichen. Viele jauchzten ihm zu, viele schüttelten bedenklich die Köpfe, Hecker aber ging nach Konstanz. […] Er rief das Volk zu den Waffen, […] in blauen Blusen mit grauen s.g. Freischaaren-Hüten, mit Hahnenfedern verziert, zogen die ersten Deutschen Republikaner von Konstanz aus gegen Freiburg zu. Die Frauen feyerten ihre Männer und Söhne, und in mehreren Städten des Oberlandes wurde die Republik proklamiert. In 6 Tagen wollte man in Karlsruhe sein, da beschloß der Fünfziger-Ausschuß, […] Commissaire ins Lager zu Hecker zu schicken und ihm volle Amnestie zu garantieren, wenn sie sich sogleich auflösten, da ein solcher unglücklicher Putsch der deutschen Sache nur Schaden bringen und dem sich eben constituierenden deutschen Parlament hinderlich werden könne. Man sagte Hecker, daß Truppen gegen ihn in Bereitschaft stünden etc. – Hecker hat darauf erklärt, daß er seinen Plan nicht aufgeben werde, daß er der Amnestie nicht bedürfe, daß Er Amnestieren werde. –
In [wenigen] Tagen wurde Hecker mit seinem Heere von ungefähr 2.000 Mann total geschlagen von württembergischen Truppen. Viele wurden gefangen, viele flohen, darunter Hecker selbst. Mein Bruder Christoph war auch mit Hecker, da man es aber nicht wußte, geschah ihm kein Leid bei seiner Rückkunft. Die Republicaner wurden zwar bezwungen, aber keineswegs entmuthigt. Wir setzten all‘ unsere Hoffnung auf das Parlament. Unter der Zeit kamen wir täglich mit den ersten Männern der Revolution in Berührung, […].
Dennoch war ich noch mit den Aristocraten des Landes im Verkehr, wir hatten selbst noch den Kaffeekranz zusammen. Eines Nachmitags war der Kranz bei mir, ich war durch die Nachrichten von Wien, Berlin etc. sehr aufgeregt. Ich lobte die Democratie, behauptete, daß die Frauen bessere Democraten, geborene Demokraten seyen, da sie die Liebe, die Menschlichkeit eigentlich verkörpern sollen. Ich vertheidigte die Republicanische Staatsform als die einzig Menschenwürdige etc. Viele waren mit mir einverstanden, aber daß die Frau Großherzogin nicht mehr Großherzogin sein sollte, das war zu stark.– Ich lachte sie aus, ich scherzte so lange als möglich. Als aber Eine der Damen behauptete, die Freyschaaren hätten überall gestohlen und kämen nur, um zu stehlen, stellte ich mich auf die Seite der Freyschaaren, vertheidigte diese, und zwar so heftig, so energisch, daß wir uns förmlich zankten. Ich stund auf, ging auf mein Zimmer. […]. Als ich zurück kam, waren sie alle fort, im größten Unwillen, von da ab ging‘s über mich los ohne Schranken! – […]
Wir [erwarteten] eine Katastrophe von Stunde zu Stunde, es mußte Anders werden, Alles war im höchsten Grade gespannt. […] Da fing in Karlsruhe eine wahre Völkerwanderung an. Alles, was aristocratisches Blut in den Adern zu haben fürchtete, flüchtete als Bürgerliche verkleidet aus Karlsruhe nach Mainz, nach Stuttgart. –
[…] Unter den ungünstigsten Verhältnissen wurde die Republik in Baden factisch begründet. Der Großherzog hatte ungefähr gegeben, was wir verlangten, als die Soldaten-Meuterei uns die Zügel in die Hand zwang. Ein Jahr vorher, wo noch Alles in Gärung gewesen, wäre die Chance ungleich größer gewesen. Hessen, Württemberg, vielleicht Preußen, Wien hätten sich angeschlossen. Sie Alle waren geschlagen, überall fing die Reaction an, sich geltend zu machen. Das Parlament war abgesetzt, in Auflösung begriffen. So konnte auch bei uns die Revolution nicht gedeihen. D. 13., 14. Mai waren wohl die schönsten Tage, wenigstens für uns ehrliche Vaterlandsfreunde. Der Augenblick, wo den Soldaten die Schuppen von den Augen fielen, wo sie uns gehörten, wo sie jubelnd mit den Bürgern Arm in Arm durch die Straßen zogen, war einer der erhebendsten während der Revolution. Aber er sollte für uns sehr verhängnisvoll sein. Die Soldaten zogen Heim, Officiere waren nicht mehr da, die Disziplin war verschwunden. Unsere Bauernsöhne kehrten heim, fest entschlossen, nicht wieder Soldat zu werden. – […]
In wenigen Tagen rückten die Preußen, die Hessen voran ins Badische. Ein rechter Sieg und viele Regimenter waren entschlossen, über zu treten, wir aber hatten keine Soldaten. Diese kehrten nur ungern wieder zu uns und [in den Kampf zurück], sie hatten sich schon mit dem Gedanken vertraut gemacht: Keine Soldaten mehr! Unsere Freyschaaren, Elitencorps, die Besten, die Edelsten an der Spitze waren eben keine Soldaten.
Wie und wann diese auch gekämpft, so wußten sie doch selbst, daß es nur der Ehre, sich zu vertheidigen, galt. Sie wurden bekämpft, besiegt, […] nach der verlorenen Schlacht bei Waghäusel rafften wir die letzten Kräfte zusammen, es war ein Kampf der Verzweiflung. Die Turner traten zusammen, bildeten ein Bataillon. Ich, die Durlacher Mädchen schenkten ihnen eine Fahne. Da schenkten schnell die Aristocraten der Durlacher Bürgerwehr auch Eine Fahne. […]. –
In 2-3 Tagen nach der Schlacht von Waghäusel kam die […] geschlagene Armee über Durlach nach Rastatt etc. Wir erfrischten sie mit Wein, mit Brod, mit Eiern, eben was man hatte. Schlafen, Ausruhen, das war das größte Bedürfnis. Wir räumten Alle Räume zu Schlafstätten ein, da lagen sie unsere Hoffnung, unser Stolz! Zerrissen, schmutzig, arm, krank, todesmüde. – Mir war Aller Muth geschwunden. Daß diese Menschen sich nicht mehr schlagen würden, das sah jeder. […]
Augenblicklich zog ich mich an, nahm einen Wagen, fuhr nach Durlach, ich kam gegen 2 Uhr vor dem Amtshaus, d. 16. Nov. 1849, dort an. Es war unser 12ter Hochzeitstag. Ich ließ mich beim Amtmann melden, ich hatte einen schwarzen Samthuth mit schwarzer Feder auf, ein schwarz Atlas Kleid, hoch am Halse zu mit weißem Spitzenkrägelchen, eine goldene Tasche, einen sehr reichen Schal und feine Stiefelchen an, ich war damals noch jung. […] ich trat ins Amts Zimmer, Herr Amts Richter Galura, der den Eid der provisorischen Regierung geschworen, frug mich nach Namen, Stand, Alter etc., klingelte, ein Herr brachte ihm meine Acten:
„Sie sind des Hochverraths angeklagt. Sie sollen Soldaten zum Treubruch verleitet haben. Sie sollen eine rothe Fahne gestickt, darauf Sieg oder Todt gestickt haben. Sie sollen eine goldene Guillotine an der Uhrenkette getragen haben. Sie sollen gegen die Preußen gekämpft haben. Sie sollen Freischaaren in das Haus des Herrn Renz geschickt haben, um dort zu plündern. Sie sollen die Bauernfrauen aufgestiftet haben gegen die Großherzogin. Sie sollen zerstoßenes Glas in die Charpie für die pr[eußischen] Verwundeten gethan haben.“ –
Stehenden Fußes las man mir das Sünden Register vor, ich hörte kaum, mir klopfte das Herz über die Freude, welche ich nun gleich Gustav bereiten würde, wenn ich nun gleich zu ihm eingesperrt werden würde. Eine gute Stunde stund ich da, als Galura dem Amtsdiener klingelte: „Führen Sie Madame O. in das Gefängnis ab.“ […] Aus vielen Häusern kamen die Leute mir weinend und Händeringend entgegen. Ich lachte und tröstete sie, so kamen wir vor dem Gefängnis an. Der Gefangenenwärter ging ehrerbietig auf mich zu, bewillkommnete mich als die Frau Ob., die gewiß ihren Mann besuchen wolle, da heute der Hochzeitstag sich jähre. „Haben Sie eine Erlaubnis Karte?“ „Nein, ich bin selbst Gefangene.“ Er las die Schrift des Amtmannes, […] ich kam weit, weit weg von ihm [Gustav] in eine kalte Zelle, die außer einem kalten Ofen gar kein Stück Meuble, weder Tisch noch Bett, noch Stuhl besaß. Es war ungefähr 2 ½ Uhr und sehr kalt. Ich war ziemlich leicht gekleidet, hatte dünne Stiefelchen an, fror entsetzlich, hatte nichts gegessen seit früh 7 Uhr. –
[…] ich war Allein, der Gefangenenwärter trat ein, er frug mich, ob ich Feuer wolle. Ja, freilich! Ob ich Käse wolle? Ja, freilich, aber ich hatte weder Tisch noch Bank. –
Warm wurde zwar die Zelle, aber der Boden war so kalt, so eisig kalt. Ich sprang umher, um warm zu werden, Oben war eine Hitze, Unten war‘s kalt! – Abends gegen 7 Uhr bekam ich erst Licht, obgleich es um 4 Uhr schon dunkel war. –
Da kam […] mein ehemaliges Dienst-Mädchen zu mir in die Zelle mit dem Gefangenenwärter. Sie brachte mir einen Blumenstrauß, hatte die Erlaubnis heraus gebettelt, mir meine eigenen Meubles herbei schaffen zu dürfen. Sie brachte mir meinen schönen Nähtisch, mein Bett, meinen Sessel, meinen langen Ankleidespiegel, kurz in einer Stunde war meine Zelle umgewandelt. – Licht aber sollte ich nicht haben, das war schrecklich für mich, die Abende ohne Buch, ohne Arbeit, ohne Licht, Allein. –
Ich wurde um 9 Uhr vom Gefangenenwärter ins Verhör abgeholt. Unten im Gefängnis war ein Saal, da saßen der Amtsrichter und ein Schreiber, ich trat herein. Man schrie mich an, man fragte. Eine Frau […] hatte einen Eid geschworen, daß ich einen Freyschaaren-Officier in verschiedene Häuser geschickt, um dort die Leute gefangen zu nehmen, da sie den Freyschaaren nichts zu essen gegeben hätten. Das war gelogen. – Man hatte sie schwören lassen, ganz unverantwortlich, sie schwur, daß der Officier es ihr gesagt, […].
Ich schrieb an den Amtmann, man möchte mich neben Gustav lassen. Nachdem dessen Verhör geschlossen, wurde es mir erlaubt. Ich ließ eine Kiste Cigarren kommen, ich legte Jedem Gefangenen des Morgens eine Cigarre in die Zelle zum Fenster hinein, ich ließ Lichter kommen, ich schenkte den Gefangenen Lichter. Ein pr[eußischer] Soldat that und besorgte Alles (ums Geld), ein anderer Alles aus Sympathie für die Gefangenen. Viele nach und nach boten sich an, mir Briefe etc. zu besorgen, wollten gefällig gegen mich sein. Gustav schrieb mir wohl 10 Mal des Tags. Endlich bekam ich Feder und Papier, endlich Bücher, endlich Arbeit. […] Alle hatten großes Mitleiden mit mir, Alle wollten mir die Gefangenschaft erleichtern, Alle mir Freude machen. –
So kam mein zweites, mein letztes Verhör, die Acten gingen ans Hofgericht. Es war vor Neujahr. Weihnachten brachten wir im Gefängnis zu, ich hatte Allen eine kleine Arbeit gemacht, Allen den Meinen, selbst den Gefangenen. Meine gute Mutter besuchte mich, mein Advokat. Man bot Caution für mich 1.000 Gulden, ich war aber so glücklich hier, wo ich jede Minute Gutes thun konnte mit so wenig Mitteln, hier ein [freundliches] Wort, dort ein bißchen Licht, hier ein Papier mit Bleistift, dort eine Cigarre, hier ein Apfel. Ich hatte neben der Ofenthüre den Mörtel weggekratzt, daß ein Brief herein geschoben werden konnte. Dadurch schoben Alle Gefangenen die Briefe, ich gab sie einem mir ergebenen Unterofficier, der sie zur Post besorgte. So wurde mir das Leben im Gefängnis immer lieber, […].
Da öffnete sich die Zelle, Herr O[ber] Amtmann […] trat herein, frug mich um etwaige Beschwerden, und als ich sitzend, ohne ihn anzusehen, Nichts sagte, verließ er meine Zelle wieder. Der Gefangenenwärter hatte ihn zu mir eingeschlossen, es galt beherzt zu sein, ich war es! Den andern Morgen wurde das s.g. Krätze-Zimmer neben mich verlegt. Ich sollte mich beklagen, ich that es nicht. Unterdessen kam meine Entlassung, ich durfte nach Hause. Ach Gott, ja wo war meine Heymath?!
Veröffentlicht in der Zeitung „Der Verkündiger für Karlsruhe und Umgegend“, No. 141 (Sonntag, 17. Juni 1849), S. 4.
Des Vaterlandes kampfgeübten Söhnen,
Die gleich zum Siege, wie zum Tod bereit,
Hast Du mit anderen freigesinnten Schönen
Die Fahne, die sie führen soll, geweiht.
Aus einem Herzen, welches längst entschieden
Und hochvollkommen für die Freiheit schlägt,
Kam diese Fahne, gleich den Purpurblüten,
Die in dem Lenz der Stock der Rose trägt.
Seht ihr sie in des Himmels Lüften weh‘n?
Sie hat die Farbe von dem Morgenroth
Und schau‘, in einem grünen Kranze steh’n
Der Losung Worte „Siegen oder Tod!“
Seht ihr sie in des Himmels Lüften weh‘n?
Ihr seht der Freiheit Morgenröthe schon,
Und werdet ihr nur fest im Kampfe steh‘n
Sieg oder Tod! Ihr tragt den Kampf davon.
Für‘s Höchste seid ihr in den Streit gegangen,
Und werdet alle, lebend oder tot,
Dann von der Hand den grünen Kranz empfangen,
Den euch so hold die Purpurfahne bot.
Wer soll den Dank euch Schönen überbringen,
Für diese Gabe eurer freien Huld?
Die Muse kommt, um ihn euch froh zu singen,
Und zahlt mit ihrer Götterhand die Schuld.
Dem Edlen hold sind nur der Musen Zungen,
Und preisen es mit hocherfreutem Sinn,
Gemeines wird von ihnen nie besungen,
Hörst du das Wort, o edle Bürgerin?
Aus: Jakob Venedy: Meinem Kinde. Erstes Buch. Vom 8t. October 1856 bis 10. April 1869 / Meinen Kindern. Zweites Buch. Vom 10. April 1860 bis Ende 1864.
An Deinem Geburtstage zählte ich 51 Jahre, Deine Mutter 39; so daß wir zusammen neunzig herausbrachten. Siehe Junge, das ist die Ursache, warum ich das Büchlein angelegt. Wollen hoffen, daß wir Dir noch lange zur Seite stehen können; wir haben beide Hoffnung dazu, denn wir sind beide gesund, u. ich stark u. rüstig. […] Deswegen durfte ich wagen, mit 49 Jahren noch zu heirathen, u. deswegen freue ich mich in Dir, eines kräftigen u. so Gott will, gesunden Kindes. Das möge eine der ersten Lehren sein, die Dein Vater Dir mit auf die Lebensreise gibt. Deine Mutter hat mir so viel schönes, reines Liebesglück geschenkt, wie gewiß selten, […]. Mit 50 Jahren sind die meisten Menschen fertig, ich durfte in ein neues, schönes, genuß- u. glückreiches Leben in diesem Alter anfangen. – Möge Dir Dein Stern ein gleiches Geschick vorzeichnen.
[…] Ich habe in der letzten Zeit mit Freuden ein paar größere Arbeiten gemacht, die mir vielleicht gar Nichts einbringen werden. Ein Werkchen über „Friedrich II. u. Voltaire“, u. ein größeres Gedicht: „Der Demant“. Für beide habe ich vergebens einen Verleger gesucht u. dabei manches Wort geschrieben, das mir schwer angekommen, manchen Schritt gethan, der mir sauer geworden. „Das hast Du davon, daß Du nicht schreibst wie Andere, daß Du nicht dem Geschmacke des Augenblickes huldigst“, so könnte Dein Mütterle sagen, so würden hundert Frauen sagen, wenn sie sehen, daß ihr Vermögen nach u. nach zugesetzt wird. Aber Dein Mütterle denkt u. spricht anders; sie versteht, daß ich nur so schreiben kann u. darf, u. ist getrost, u. vertraut auf Gott u. das Geschick. […] daß ich ein Fraule gefunden habe, die mir in böser Zeit getrost ihr Alles schenkt; die ohne Rückgedanke ihr Letztes, Leib u. Gut für uns opfern würde – das danke ich eben doch wieder der Art, wie ich gelebt, gedacht, gehandelt, geschrieben habe. Wir danken ihr noch mehr; wir danken ihr das feste Vertrauen, daß selbst wenn wir Dir gar Nichts hinterlassen, sich gute Menschen finden werden, die Dir um des guten Namens willen, den Du trägst, unter die Arme greifen. Das ist ein Erbe, das wieder nicht vom Blitze getroffen werden, nicht in Feuer oder Wasser untergehen kann. Deswegen sehen wir leichten Herzens, nicht aber leichtsinnig, der Zukunft entgegen.
Das waren für mich, d.h. für meine Person, für meinen Leib herrliche Tage der Ruhe. Lange hatte ich das entbehrt, gesucht, aber mein Herz war zu sehr bekümmert, ich hatte mein Haus verlassen. Täglich mehrte sich die Angst, die Franzosen stünden am Rhein, die Preußen packten nicht an, die Württemberger Soldaten marschierten. Es war ein Lärm, eine Schwüle herrschte, man war voller Furcht und Hoffnung, was der nächste Tag bringen werde. Da erfaßte mich die Sorge um unser Eigenthum, ich packte auf und reiste d. 8. August zurück mit den Buben. Unterwegs in Waldshut mußten wir übernachten, dort hörten wir von Truppen, welche nach Lörrach kommen sollten, weil dort ein Lager errichtet würde. Man bestürmte mich mit Fragen, [wollte mir Angst machen], ich werde doch nicht nach Müllheim wollen? Den nächsten Morgen in Basel angekommen, sagte mir ein Herr, nicht um 1.000 Gulden ginge er nach Müllheim. Bei Hüningen schössen die Soldaten herüber, während von dort ganze Wagen voll nach Basel geflüchtet [wären]. Ginge ich dahin, das sey Unsinn, ich solle umkehren etc. Da stund ich auf der Eisenbahn mit den zwei Knaben und wußte nicht, was anfangen. Da frug ich die Kinder. Michel sagte: „Mutter wir müssen Heim, es mag gehen, wie es will.“ Der Kleine sagte: „Nein, wir bleiben hier.“
Da hieß es „Einsteigen“, und wir stiegen ein, kamen glücklich hier an, und das Rasthaus, das liebe Rasthaus stund noch. Mir war Alles wie neu geschenkt, ich lebte neu auf, […]. Weiterlesen
1 „Scharpie“ oder „Charpie“ = Verbandsstoff aus Leinen, den Frauen schon während der badischen Revolution von 1848/49 für die verwundeten Freischärler und Soldaten „gezupft“ bzw. angefertigt hatten. Mit Hilfe dieser angesehenen, dem Vaterland dienenden Tätigkeit konnten Frauen zur Revolutions- wie auch zur Reichsgründungszeit ihre Unterstützung für die Freiheitskämpfer und später die Soldaten und deren jeweiligen Ziele signalisieren und gleichzeitig selbst politisch aktiv werden, ohne die ihnen von der Gesellschaft zugewiesenen weiblichen Verhaltensmaßregeln aufgeben zu müssen. Für die Ausübung dieser anerkannten geschlechtsspezifischen Form der politischen Artikulation wurde Henriette Obermüller-Venedey von ihren Gegnern sowohl 1848/49 als auch 1870/71 angefeindet.
2 „Chassepot“ = Chassepotgewehr, Hinterladergewehr, das im Deutsch-Französischen Krieg von den Armeen Frankreichs eingesetzt wurde. Dessen Erfinder war der Franzose Antoine Chassepot (1833-1905).
Meine liebe Frau Venedey!
Ich kann Ihnen gut die Stimmung in Ihrem Briefe nachempfinden, bin aber froh, da ich weiß, daß Sie ebenso rasch wieder zuversichtlich u. heiter werden. Für diese Gottesgabe können Sie am Meisten dankbar sein, Sie kennen gar nicht das bittere Gefühl, welches Einen beherrscht, wenn man ebenso wie Sie fühlen u. diese Stimmung nicht wieder los werden kann u. in‘s Leben überträgt. Es wäre vielleicht besser, wenn wir mit unseren Männern 50 oder 100 Jahre später gelebt hätten. –
Die Originalbriefe von Jeanne-Marie Goegg-Pouchoulin an Henriette Obermüller-Venedey sind ursprünglich in Französisch verfasst worden und wurden für diesen Beitrag von Birgit Bublies-Godau ins Deutsche übersetzt.
Sehr geehrte und liebe Freundin! Sie haben sich sicherlich gewundert, dass Sie nach Ihrem freundlichen Brief vom letzten Monat nicht schneller eine Antwort von mir erhalten haben, aber ich hoffe, Sie haben mir verziehen, als Sie die Vereinigten Staaten von Europa gelesen und gesehen haben, dass ich für unsere gemeinsame Sache gearbeitet habe. Es stimmt, dass diese kleine Rede in der öffentlichen Sitzung in Genf nicht bedeutend genug war, um mich lange zu beschäftigen, aber daneben habe ich immer noch viele Briefe zu schreiben, die unsere Vereinigung betreffen; schließlich spreche ich mit einer Hausfrau, einer Mutter, die alle Pflichten und Aufgaben einer Frau und Mutter genau kennt, und ich wage zu glauben, liebe Frau, dass Sie mir meine scheinbare Nachlässigkeit bereits verziehen haben. Weiterlesen
Ich nehme den Titel der Freundschaft, den Sie mir geben, mit großer Freude an und versichere Ihnen, dass Sie darin immer eine treue Freundin finden werden. Außerdem freue ich mich für unseren Verein, dass er in Süddeutschland ein so intelligentes und engagiertes Mitglied hat, wie Sie es zweifellos sein werden. Wir haben viele Mitglieder in Norddeutschland, aber nur sehr wenige im Großherzogtum Baden. Ich denke, das liegt daran, dass der katholische Geist dem Fortschritt eher ablehnend gegenübersteht und die Zeitungen unser Rundschreiben daher weniger oft abgedruckt haben. Wie dem auch sei, […]. Ich weiß wohl, dass nicht jede Frau die Zeit und die Mittel hat, so aktiv Propaganda zu betreiben […], aber viele kleine Bäche bilden einen großen Fluss, und wenn jede Anhängerin nach ihren Kräften arbeitet, wird sich unsere Idee schließlich durchsetzen. Da Sie mich fragen, wie Sie zu diesem Werk beitragen können, bitte ich Sie, liebe Freundin, unsere Rundschreiben an alle Ihre Bekannten weiterzugeben und ihnen gleichzeitig unser Ziel zu erklären. Ich werde Ihnen weitere Rundschreiben und Reden zusenden. In einigen Tagen werde ich Ihnen 99 französische Exemplare der letzten Rede in Genf schicken. Wenn Sie sich an Ihre Freundinnen und Bekannten wenden, wäre es gut, ihnen meine Adresse zu geben, damit sie zwischen uns beiden wählen können, denn das hängt von den Ideen ab. Mehrere Freundinnen […] haben […] ihren Beitrag und ihre Mitgliedschaft direkt geschickt, während andere hingegen den Wunsch geäußert haben, mit unserem Verein in Kontakt zu treten.
Anbei finden Sie die Quittung für Ihren Jahresbeitrag; diese Quittung ist gleichzeitig der materielle Nachweis für Ihre Aufnahme in den Verein. Jedes Mitglied erhält eine solche Quittung nach Überweisung seines Beitrags, und ich bin überzeugt, dass diese Quittungen in drei oder vier Jahren als Ehrenurkunden gelten werden, da sie Zeugnis vom moralischen Mut der Frauen ablegen, die sie besitzen. Ich sende Ihnen die Quittung im Voraus, weil ich mir Ihrer Regelmäßigkeit bei der Überweisung des Betrags sicher bin und weil ich, teils aus Sparsamkeit, teils weil ich davon ausgehe, dass ich Ihnen dieses Jahr nicht schreiben kann, lieber alles in Ordnung bringen möchte.
Und nun, liebe Freundin, versichern Sie sich und Herrn Venedey meiner herzlichsten Grüße.
Marie Goegg.
P.S.: Meine neue Adresse lautet: No. 25, rue du Mont-Blanc, Genf.
Selbstverständlich wird die Vereinigung Ihnen die Ausgaben, die Ihnen entstehen, gutschreiben. Sie können sogar die ersten Ausgaben […] von Ihrem Jahresbeitrag abziehen.
Liebe Freundin!
Bitte entschuldigen Sie, dass dieser Brief nur wenige Zeilen umfasst, aber mir fehlt wirklich die Zeit. Unser Komitee ist sehr beschäftigt mit dem Projekt einer Mädchenschule, die auf soliden Grundlagen basiert und sich von den derzeitigen Schulen unterscheidet, und ich persönlich bin noch immer mit der bevorstehenden Veröffentlichung des „Journal des femmes” beschäftigt, für das ich mit Unterstützung einiger Schriftsteller und Schriftstellerinnen aus Paris die volle Verantwortung übernehme und alle aufgeklärten Federn um Hilfe bitte, die uns bei diesem mühsamen und schwierigen Werk unterstützen möchten. Die Zeitschrift wird alle zwei Wochen erscheinen und am 15. Februar ihr Debüt geben. Wenn Sie mir bis dahin eine Liste mit einigen Abonnentinnen schicken könnten, würden Sie der Sache unserer „Vereinigung” einen großen Dienst erweisen. Was die Unterlagen betrifft, die Sie erwarten, habe ich bereits im Oktober Folgendes verschickt: unsere Rundschreiben und meine Reden. Wenn Sie mehr davon wünschen, bin ich bereit, Ihnen diese zuzusenden. Ich werde sie Ihnen morgen zusenden.
Mein Mann war sehr gerührt von Ihrer freundlichen Erinnerung; […] und er behält sich vor, die Bekanntschaft zu vertiefen und Sie zu besuchen, wenn er Gelegenheit hat, ins Großherzogtum Baden zurückzukehren. Ich würde ihn sehr gerne begleiten und Ihnen die Hand schütteln.
Bitte, sehr geehrte Frau, richten Sie Herrn Venedey meine Grüße aus und seien Sie meiner herzlichen Verbundenheit versichert.
Marie Goegg.
Freitag-Morgen.
Meine liebe, liebe Freundin!
Ihr Brief regte mich sehr auf, u. verstehe ich Sie vollkommen u. fühle aus eigener Erfahrung, wie bitter es ist, immer verkannt zu sein und fast allein zu stehen mit seinen Gesinnungen. Uns geht es gerade wie Ihnen, wahrscheinlich noch viel ärger, nur daß es noch versteckter u. heimlicher geschieht, u. da ist mir fast der rohe Mensch noch lieber, der offen seine Meinung ausspricht. Namenlos verächtlich u. erbärmlich ist mir die Mehrzahl der Menschen. – Wir regen uns nicht mehr auf, u. so [versuchen wir,] unsere Pflicht zu thun. Mein Mann leistet sehr viel, er kommt keine Nacht vor 1 oder 2 Uhr von seinen armen Kranken u. ist Morgens 7 Uhr schon wieder am Platz; er hat eine Baracke mit 33 Verwundeten, zum Theil sehr schwer, u. sind alle seine Kräfte dort in Anspruch genommen. Von Politik in Zeitungen erfährt er kaum etwas, u. ist mir‘s in vieler Beziehung recht, nur fürchte ich, daß er es nicht lange so durchstehen kann, u. ist es mir sehr gräulich, daß seine Finger so aufschmerzen durch das viele Arbeiten in Blut u. Eiter. Die Verwundeten empfinden seine große Menschenliebe u. Gewissenhaftigkeit sehr dankbar u. sprechen es offen gegen Jeden aus, daß sie in so gute Hände gekommen, – ich bin oft jeden dritten Tag dort.
Hätte ich nicht grade Dienst gehabt, hätte ich Ihnen auch früher geschrieben, aber alle persönlichen Interessen schwinden in dieser gräßlichen Zeit des Elends, oh wie bange, wie bange ist einem um‘s Herz!
[…] Grüßen Sie Mann u. Kinder, u. liebe Frau Venedey, fassen Sie guten Muth, richten Sie Ihren Mann auf u. danken Sie Gott, daß Sie Ihre Kinder noch behüten können. – Wird man die junge Republik jetzt tödten?
[…] Unsere armen Straßburger Verwandten die nur in weitestem Sinne Freundschaft für uns hatten, sind sie erschossen, verbrannt? – Könnte man doch alles Denken verbannen. –
Es freut mich jetzt doppelt von den Freunden zu hören, darum lassen Sie mich nicht gar zu lange warten, bis ich wieder von Ihnen höre.
Von meinem Mann herzliche Grüße.
Ihre treue Wilhelmine.
Tagebücher und Lebenserinnerungen 1817-1871, in: Bublies-Godau, Birgit (Hrsg.): „Dass die Frauen bessere Democraten, geborene Democraten seyen...“ (Forschungen und Quellen zur Stadtgeschichte, Schriftenreihe des Stadtarchivs Karlsruhe, Bd. 7), Karlsruhe 1999.
Verschiedene Haushalts-, Geschäfts- und Gästebücher. Mit Haushaltsaufzeichnungen, Kochrezepten und Heilmitteln, Geschäftsabrechnungen und Gästetabellen, Heidelberg / Oberweiler 1855-1888.
Asche, Susanne: „Freigesinnte Schöne“ – Die Rolle der Frauen in der badischen Revolution 1848/49, in: Die Ortenau. Veröffentlichungen des Historischen Vereins für Mittelbaden, Sonderdruck, 1998, S. 579-591.
Asche, Susanne: Rot oder weiß? Die erste politische Frauenversammlung in Durlach im März 1849, in: Blick in die Geschichte. Karlsruher stadthistorische Beiträge, Nr. 143 (21.6.2024), S. 2 f.
Bleyer, Alexandra: 1848. Erfolgsgeschichte einer gescheiterten Revolution, Ditzingen: Reclam 2022.
Bublies-Godau, Birgit: Jakob Venedey – Henriette Obermüller-Venedey: Der Held des Parlaments und die Heckerin, in: Sabine Freitag (Hrsg.): Die Achtundvierziger. Lebensbilder aus der deutschen Revolution 1848/49, München: C. H. Beck 1998, S. 237-248.
Bublies-Godau, Birgit: Henriette Obermüller-Venedey (1817-1893). Der Weg einer „fanatischen Demokratin“ und frühen Frauenrechtlerin zwischen Französischer Julirevolution und Deutscher Reichsgründung, in: Walter Schmidt / Helmut Bleiber / Susanne Schötz (Hg.): Akteure eines Umbruchs. Männer und Frauen der Revolution von 1848/49. Bd. 2, Berlin: Fides 2007, S. 473-518.
Bublies-Godau, Birgit: Venedey, Juristen, Politiker, Publizisten, Schriftsteller, Historiker, darunter Henriette Venedey geb. Obermüller, in: Neue Deutsche Biographie. Bd. 26, Berlin: Duncker & Humblot 2016, S. 746-753, hier S. 749-751.
Bublies-Godau, Birgit: Venedey, Henriette. Pensionswirtin, Publizistin, Frauenrechtlerin, in: Fred Ludwig Sepaintner (Hrsg.): Baden-Württembergische Biographien. Bd. VII, Stuttgart: W. Kohlhammer 2019, S. 537-541.
Bublies-Godau, Birgit: Paulskirche und Frauenverein, Parlamentsarbeit und Fahnenweihe. Jakob Venedey, Henriette Obermüller und die biographischen Wege zur 1848er Revolution und zur liberalen Demokratie, in: Jahrbuch zur Liberalismus-Forschung 36 (2024), Baden-Baden: Nomos, S. 221-246.
Bublies-Godau, Birgit: Henriette Obermüller-Venedey (1817-1893). Eine überzeugte, „fanatische“ Demokratin und unbeirrbare Revolutionärin, in: Elisabeth Thalhofer / Andrej Bartuschka (Hg.): Es lebe die Freiheit! Menschen in der Revolution 1848/49. Biografiegeschichtliche Porträts (Schriften des Bundesarchivs, Bd. 84), Berlin: Gebr. Mann 2025, S. 22-36.
Finkele, Diana: Die Verfolgung – Vier Einzelschicksale. Sträfling Nr. 146 – Gustav Obermüller, in: Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hrsg.): 1848/49 – Revolution der deutschen Demokraten in Baden. Landesausstellung. Katalog, Baden-Baden: Nomos 1998, S. 420-422 .
Jansen, Christian: Jakob Venedey (1805-1871) und Henriette Obermüller-Venedey (1817-1893): Im Kampf für einen demokratischen Nationalstaat, in: Frank-Walter Steinmeier (Hrsg.): Wegbereiter der deutschen Demokratie. 30 mutige Frauen und Männer 1789-1918, München: C. H. Beck 2021, S. 237-250
Mohr, Alexander: Artikel: Obermüller, Christoph; Obermüller, Gustav; Obermüller, Henriette, alle in: Heinrich Raab: Revolutionäre in Baden 1848/49. Biographisches Inventar für die Quellen im Generallandesarchiv Karlsruhe und im Staatsarchiv Freiburg, bearb. von Alexander Mohr (Veröffentlichungen der staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg, Bd. 48), Stuttgart: W. Kohlhammer 1998, S. 683-685.
Mührenberg, Anke: Henriette Obermüller-Venedey. Demokratin, Revolutionärin, Gastwirtin, in: Stadtlexikon Karlsruhe. Personen. Erstellt 2012, bearbeitet 2025.
Raab, Heinrich: Die „revolutionären Umtriebe“ der Familie Obermüller von Karlsruhe während der Zeit von 1832 bis 1849, in: Badische Heimat. Zeitschrift für Landes- und Volkskunde 73 (1993), H. 3, S. 481-489.
Ruhkopf, Jan: Auf den Barrikaden und im Parlament zum demokratischen Staat: Henriette Obermüller-Venedey und Jakob Venedey, in: Ders. (Hrsg.): 100 Köpfe der Demokratie. Starke Stimmen für ein Leben in Freiheit. Illustriert von Simon Schwartz, München: Carl Hanser 2025, S. 178-179.
Venedey, Hermann: Henriette Venedey. Ein Lebensbild. Aus alten Papieren (Gute Schriften, Nr. 193), Basel 1937
Wedel, Gudrun (Hrsg.): Autobiographien von Frauen. Ein Lexikon, Köln: Böhlau 2010, S. 619
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