ARNOLD RUGE
Abb.: Antiquariat für Musik und Deutsche Literatur
Als politischer Philosoph und leidenschaftlicher Publizist war Arnold Ruge einer der führenden Köpfe der Demokratiebewegung. Pressefreiheit und Volkssouveränität waren für den Gründer und Herausgeber mehrerer oppositioneller Zeitschriften – er gab u. a. gemeinsam mit Karl Marx die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“ heraus – unbedingte Voraussetzungen für einen der Freiheit und Humanität verpflichteten Staat. 1848 in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt, gehörte er der entschieden demokratischen Fraktion an. Mit dem Kommunismus und Marx – der heftig gegen Ruge polemisierte – hatte er da längst gebrochen. Seine Schriften und seine Redebeiträge im Parlament sind noch heute von überraschender Aktualität. Von der auf Ausgleich mit den Fürsten bedachten Abgeordneten-Mehrheit wurde er, obzwar hochgeachtet, als „Deutschenhasser“ geschmäht, weil er sein Eintreten für eine deutsche Nation mit der Forderung nach einem europäischen Völkerverbund verknüpfte. Ein früher „Europäer“! Denn, so sein Credo: „Die Freiheit ist nicht national.“
Am 13. September wird Arnold Ruge als erstgeborener Sohn des Ehepaares Christoph Arnold und Sophia Katharina Ruge in Bergen auf der Insel Rügen geboren. Der Vater hatte es als Pächter des Gutes eines schwedischen Ministers zu einigem Wohlstand gebracht.
Durch den Vater intensiv zum Lernen motiviert, besteht Ruge die Aufnahmeprüfung zum Stralsunder Gymnasium und macht dort drei Jahre später seinen Abschluss.
Nach ersten „Schnupperstudien“ in Berlin, u. a. bei Friedrich Schleiermacher, nimmt Arnold Ruge ein Studium der Philosophie in Halle auf. Hier kommt er schnell in Kontakt mit den dortigen Burschenschaften, die eine „Erneuerung des Reiches“, d.h. die Einheit und Freiheit Deutschlands anstreben.
Inzwischen an die Universität Heidelberg gewechselt und dort der Burschenschaft „Jünglingsbund“ beigetreten, wird Ruge im Frühjahr 1824 als „Mitglied einer geheimen verbotenen Verbindung“ verhaftet und zu 15 Jahren Festungsstrafe verurteilt. Die Haft in der Festung Kolberg nutzt er zu Studien.
Nachdem Ruge im Januar 1830 aufgrund eines königlichen Erlasses begnadigt wurde, promoviert er nur ein Jahr später an der Universität Halle und legt dort 1832 seine Habilitation über die „Platonische Ästhetik“ vor. Es folgen intensive Hegel-Studien. Hegels Philosophie, so Ruge, müsse zu einer „Philosophie der Tat“ werden.
Im Januar 1838 gründet Ruge die „Hallischen Jahrbücher für deutsche Wissenschaft und Kunst“, die schon bald zu einem angesehenen Zentrum des „Junghegelianismus“ und der demokratischen Opposition werden.
Die „Hallischen Jahrbücher“ werden in Preußen verboten, Ruge weicht nach Dresden aus und nennt die Jahrbücher in „Deutsche Jahrbücher“ um. Zwei Jahre später wird auch diese Zeitschrift von der sächsischen Zensur verboten.
Gemeinsam mit Karl Marx, dessen „Rheinische Zeitung“ ebenfalls verboten wurde, realisiert Ruge die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“, deren erste und einzige Ausgabe im Februar 1844 erscheint. Es kommt zum Streit zwischen Marx und Ruge, der keiner „Klasse“, auch nicht dem Proletariat, irgendein Vorrecht einräumen will.
Nachdem sich Ruge zunächst in die Schweiz zurückgezogen hatte, kehrt er 1847 nach Deutschland zurück, er lässt sich in Leipzig als Buchhändler nieder, bleibt aber politisch-publizistisch aktiv.
Nach Ausbruch der Märzrevolution wird Ruge für Breslau in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt, wo er sich der äußersten linken, demokratischen Fraktion anschließt. Er gründet eine neue Zeitschrift „Die Reform“, die schnell zum Sprachrohr der deutschen Demokratie wird.
Nach Niederschlagung der Revolution und dem Verbot der Zeitschrift wird Ruge zur Fahndung ausgeschrieben. Er flüchtet mit seiner Familie über Belgien nach Brighton, wo er sich einer Gruppe um Guiseppe Mazzini, „Comitato Europeo“, anschließt, die eine gesamteuropäische Republik zum Ziel hat.
Am 31. Dezember 1880 verstirbt Arnold Ruge in Brighton, wo er auch bestattet wird.
Herfried Münkler
Arnold Ruges politisches Leben gleicht einer Kreisbewegung: Zunächst ist Ruge, auf der Insel Rügen am 13 September 1802 als preußischer Staatsbürger geboren, durch eine starke Affinität zu Preußen geprägt, geht in den 1840er Jahren dann auf politische Distanz, um sich unter dem Eindruck der Politik Bismarcks, wie eine ganze Reihe der „1848er“, schließlich Preußen wieder anzunähern. Im Vormärz ist Preußen für ihn zunächst der Staat der Stein-Hardenbergschen Reformen, wie er von Hegel in der Rechtsphilosophie als Inbegriff der politischen Vernunft beschrieben worden ist. Dass das realexistierende Preußen in vieler Hinsicht unterhalb des von Hegel vorgegebenen Vernunftniveaus blieb, hat der Junghegelianer1 Ruge durchaus gesehen; aber als einem Staat der institutionalisierten Reformfähigkeit aus protestantischem Geist vertraute er auf die preußische Fähigkeit, sich von innen heraus immer wieder zu reformieren und sich auf diese Weise der Hegelschen Beschreibung anzunähern. Weiterlesen
Arnold Ruge
Wesen und Zweck des Staates ist der Mensch
Erschienen am 05.10.2023
Taschenbuch mit Klappen, 176 Seiten
€ (D) 14,– / € (A) 14,40
ISBN 978-3-462-50009-7
Das Antriebsmoment dieser permanenten Selbst-Reformierung war in Ruges Vorstellung die kritische Publizistik, als deren Vertreter und Organisator er bis zur Revolution von 1848/49 agiert hat. Dass der Geist der Aufklärung als die sich selbst reflektierende Vernunft in Preußen einen angestammten Platz hatte, war für Ruge durch zweierlei verbürgt: durch den Protestantismus als eine prinzipiell antidogmatische Denkart und durch die Praxis der politischen Reformen in der Zeit der Befreiungskriege, die für Ruge das Gegenstück zur Französischen Revolution und deren verheerende Folgen in der Phase des terreur unter Robespierre war. Es kam also nicht von ungefähr, dass Ruge 1848 unter dem Eindruck der revolutionären Zuspitzung in Deutschland eine Zeitschrift unter dem Namen Die Reform gründete. Der protestantische Geist und eine Politik der Reformen gehörten für ihn zusammen, und beider Element und Lebenselexier waren eine offene Debatte und freie Diskussion. Solange die preußische Administration die Junghegelianer mit Ruge als deren politischem Kopf gegen die denunziatorischen Verfolgungsaufforderungen des konservativen Hallenser Historikers Heinrich Leo schützte – Leo hatte die Junghegelianer als eine „revolutionäre Rotte“ bezeichnet –, vertraute Ruge auf den preußischen Staat. Doch als sich die Eingriffe der Zensur in die redaktionelle Arbeit der von Ruge herausgegebenen Hallischen Jahrbücher mehrten und diese schließlich mit Publikationsverbot belegt wurden, ging er auf Distanz zu Preußen: Es entsprach nicht mehr dem Bilde, das er sich unter dem Einfluss Hegels von ihm gemacht hatte.
Ruge hat die Politik unter König Friedrich Wilhelm IV., den man auch als den „Romantiker auf dem Königsthron“ bezeichnete und der die Monarchie auf einer in romantischem Geist erneuerten Religion begründet wissen wollte, als Verrat am preußischen Wesen, den Abfall Preußens von sich selbst, als Absage an den protestantischen Geist, an die Aufklärung als Inbegriff der politischen Vernunft und die Politik des permanenten Reformierens begriffen. Er hat dies als ein Überlaufen zum Katholizismus und zur Romantik bezeichnet und ist in seinen streitbaren Essays gegen beides zu Felde gezogen. Hatte er zuvor publizistisch an der Herausbildung einer demokratisch grundierten politischen Urteilsfähigkeit des deutschen Bürgertums gearbeitet, wobei er die Leser in langen Abhandlungen und Rezensionen mit den in linkshegelianischen Kreisen geführten Diskussionen vertraut machen wollte – von der Leben-Jesu-Forschung und der historisch-philologischen Kritik des Christentums bei David Friedrich Strauß und Bruno Bauer bis zur materialistischen Grundlegung einer neuen Philosophie durch Ludwig Feuerbach –, so polemisierte er nun gegen die „Philister“ und „Spießbürger“, die das Bürgertum in Deutschland dominierten und deren selbstzufriedene Bequemlichkeit jeden Reformdruck aus der Politik herausgenommen habe. Ruges Distanzierung von Preußen fällt insofern mit einer Kritik am deutschen Bürgertum zusammen. Der zuvor politisch-pädagogische Duktus seiner Schriften wurde durch eine invektive Polemik abgelöst, wie sie sich in einigen der hier abgedruckten Artikel Ruges findet.
Es war dies die Zeit von Ruges größter Annäherung an Karl Marx, mit dem er in Paris die Deutsch-Französischen Jahrbücher herausgab (von denen freilich nur ein Band erschien, und von dem fanden nur wenige der in der Schweiz gedruckten Exemplare den Weg nach Deutschland, da sie von den Behörden grenznah konfisziert wurden). Ruge und Marx kannten sich aus den Kreisen der Berliner Junghegelianer, hatten beide als Publizisten beziehungsweise Journalisten auf die politisch-aufklärerische Wirkung des Zeitungs- und Zeitschriftenwesens gesetzt (Marx als Redakteur der Rheinischen Zeitung, die dem liberalen Kölner Bürgertum nahestand) und dabei auf die Kraft des besseren Arguments vertraut. Die gegen die Hallischen Jahrbücher wie die Rheinische Zeitung erlassenen Publikationsverbote ließen sich als eine Bestätigung ihres Vertrauens auf die Wirksamkeit der öffentlichen Aufklärung begreifen. Aber was half dies, wenn ihnen mit den Publikationsorganen die Möglichkeit zum Eingreifen in die öffentliche Debatte genommen wurde? Also entzogen sie sich dem preußischen Zugriff, indem sie den Redaktionsstandort nach Paris verlegten und die Deutsch-Französischen Jahrbücher in der Schweiz drucken ließen. Durch die Konfiszierung der meisten Exemplare bei deren Einschmuggeln nach Deutschland blieb ihre publizistische Wirkung jedoch beschränkt.
Aber auch ohne diese logistischen Probleme währte die Zusammenarbeit zwischen Marx und Ruge nicht lange, da beide recht unterschiedliche Vorstellungen von der weiteren politischen Entwicklung in Deutschland und insbesondere in Preußen hatten: Ruge setzte auf kontinuierliche Reformen, weil er die politischen und sozialen „Kosten“, wie sie die Revolution in Frankreich verursacht hatte, vermeiden wollte und die publizistische Beeinflussung der öffentlichen Meinung als Alternative zum revolutionären Umsturz ansah, während Marx die publizistische Tätigkeit eher als eine Vorbereitung der Revolution begriff und dementsprechend seine Texte schrieb. Der Dissens zwischen beiden kann paradigmatisch als der zwischen einer konsequent demokratischen und einer revolutionären Position im Vormärz begriffen werden. Während Ruge auf einen demokratischen, reformoffenen Staat setzte, war Marx vom allmählichen Absterben des Staates überzeugt, in dem er wesentlich ein Herrschaftsinstrument sah.
Unbeschadet dieser gegensätzlichen politischen Perspektiven ging es beiden darum, den politischen Elan der Franzosen und die gründliche philosophische Reflexion gesellschaftlicher Entwicklungen bei den Deutschen zusammenzubringen und im Sinne einer Hegelschen Synthese miteinander zu vermitteln. Das war die Grundidee der Deutsch-Französischen Jahrbücher. Aber während es Marx dabei um eine neue Grundlegung der revolutionären Entwicklung ging, in deren Verlauf die voluntative und damit kontingente Dimension des französischen Revolutionarismus durch eine geschichtsphilosophische Entwicklungstheorie unterbaut wurde, interessierte sich Ruge sehr viel stärker für eine Völkerverständigung zwischen Deutschen und Franzosen, die unabhängig von einer politischen und sozialen Revolution in beiden Ländern wirksam werden sollte.
Ruge hatte dabei die Feindschaftsvorstellungen im Auge, wie sie nach den napoleonischen Eroberungen sowie den antinapoleonischen Befreiungskriegen von 1813/14 in beiden Ländern, vor allem in Deutschland, entstanden waren. Er bezog damit gegen die Deutschtümelei Stellung, die zumal von Ernst Moritz Arndt, dem Dichter der antinapoleonischen Kriege, und dem „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn gepflegt wurde, und die für ihn wie übrigens auch für Marx, eine zentrale Ingredienz des deutschen Spießertums war. Die Deutschtümelei war in Ruges Augen obendrein ein Bollwerk gegen die Aufklärung und den politischen Fortschritt, das der politischen Verständigung und Pazifizierung Europas entgegenstand. Vor allem aber hatte der affirmative Bezug auf die Befreiungskriege dazu geführt, dass sich in Preußen eine politisch enge Bindung an Russland und den Zaren entwickelt hatte, die Preußen dem Westen Europas entfremdet und in ein Bündnis mit den in Ruges Augen reaktionären Mächten Russland und Österreich gebracht hatte. Demgemäß war seine politische Publizistik zeitweise vor allem gegen die Deutschtümler gerichtet.
Ruges Eintreten für eine europäische Abrüstung in Verbindung mit einem großen Friedenskongress der europäischen Völker in der Nationalversammlung von 1848 in der Frankfurter Paulskirche ist nicht nur als ein Beitrag zur internationalen Ordnung West- und Mitteleuropas zu verstehen, sondern sollte auch der demokratischen Entwicklung im Innern der Staaten zugutekommen. Ruges Resolutionsvorschlag und seine ihn begründende Rede mit der Forderung nach Freiheit für Italiener und Polen war eine antiimperiale Intervention, die auf die Errichtung einer Friedensordnung der Nationalstaaten in Europa abzielte: auf den Rückzug der Habsburger Monarchie aus Nord- und Oberitalien, auf die Revision der Aufteilung Polens zwischen Russland, Österreich und Preußen mitsamt der Wiedererrichtung eines polnischen Staates und nicht zuletzt auf das Aufgehen Preußens in einen deutschen Nationalstaat als politischen Raum der Freiheit und Demokratie.
Man kann darin Ruges Gegenentwurf zur Umgestaltung der politischen Landkarte Europas durchaus als eine sozialistische Revolution ansehen, wie sie Marx und seine Anhänger anstrebte. Dabei trat Ruge sehr wohl auch für eine nachhaltige soziale Ausgestaltung der Staaten ein, wollte dies aber im Nachgang zur nationalstaatlichen Umgestaltung der politischen Landkarte und in Abhängigkeit von der jeweiligen inneren Entwicklung dieser Staaten verstanden wissen. Auch darin trennte sich sein Weg von dem des Karl Marx und dessen Anhängerschaft. Auch wenn beide nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49 als politische Emigranten in England lebten, hatten sie keinen Kontakt mehr zueinander, sondern markierten, wenn sie sich aufeinander bezogen, ihren politischen Dissens.
Es waren Ruges Vorstellungen von der europäischen Ordnung, die ihn im Exil mit dem Italiener Giuseppe Mazzini, dem Franzosen Alexandre Auguste Ledru-Rollin und dem Ungarn Lajos Kossuth im „Europäischen Demokratischen Komitee“ zusammenarbeiten ließ, aus dem sich aber Ruge mehr und mehr zurückzog, als dessen politische Einflusslosigkeit deutlich wurde. Seit 1866, dem preußisch-österreichischen Krieg, und dem Erkennbarwerden von Bismarcks Reichseinigungspolitik, näherte sich Ruge wieder zunehmend Preußen an. Für eine „kleindeutsche Lösung“ unter Ausschluss der Habsburger und deren Vielvölkerstaat war er von Anfang an eingetreten, und Bismarcks Politik erschien ihm nunmehr als eine praktische Umsetzung seiner eigenen Ideen über die politischen Neuordnung Europas. In einigen publizistischen Beiträgen unterstützte Ruge diese Entwicklung, wofür ihm Bismarck ab 1877 einen „Ehrensold“ von 3.000 Reichsmark im Jahr auszahlen ließ. Auch bei Marx hatte Bismarck versucht, ihn an Preußen heranzuführen, dabei aber auf Granit gebissen. Am 31. Dezember 1880 ist Arnold Ruge in Brighton gestorben.
1 Die Gruppe der Junghegelianer hatte sich in der zweiten Hälfte der 1830er Jahre formiert. Der Begriff stammt von David Friedrich Strauß, der ihn als Parteibezeichnung für diejenigen prägte, die an Hegels Dialektik festhielten, aber den Systemgedanken verwarfen und obendrein eine religionskritische Position vertraten. Insgesamt repräsentieren die Junghegelianer eine gesellschafts- und politikkritische Sichtweise, während die Althegelianer konservativen Positionen anhingen.
Freiheit ist die zweite Welt, welche die Menschheit in der natürlichen Welt hervorbringt. Sie ist dies ihr eigenes Produkt. Wie befreit sich der Mensch? Hegel sagt, „indem er sich aus der rohen Natur befreit und seine wahre Natur erreicht“. Und wie erreicht er diese? Indem er sich in die Arbeit der Gesellschaft wirft. Hier kultiviert er die rohe Natur außer sich und in sich. Selbst den Erwerb des eigenen Leibes, des gereinigten aus dem Fell und Schmutz der Natur befreiten, des gehorchenden, des kultivierten, des schönen Leibes, er verdankt ihn der Gesellschaft und ihrer Bewegung der Arbeit. Die Arbeit des Menschen in jeder Hinsicht ist die Produzierung des Menschen durch die Produzierung aller seiner Bedingungen, sie ist unter diesem, dem einzig wahren Gesichtspunkt die Befreiung. Eine Freilassung aus der Befreiung – die Fiktion des Privatmenschen, der sich auf seine ihm garantierte Privatsache stützt – ist die Schöpfung der Sklaverei. Von der Bewegung der Menschenwelt befreit zu sein, ist Privatleben, Beraubung des höchsten Gutes, Verbannung aus dem Leben in den Tod. Diese Bewegung im Gegenteil ist der einzige Genuss und das höchste Interesse. Ihre Ordnung die Freiheit, die Vereinigung zu dieser Ordnung der Staat. Die Theorien, welche die Menschen mit oder ohne Besitz, mit oder ohne garantierte Sachen, sich selbst überlassen und die Ordnung der Freiheit nicht als durchgreifende Ordnung für alle und über alles verstehen, führen zur Verwahrlosung und Sklaverei. Die Einzelnen, die vorteilhafter gestellt sind (…), werden die Herren der Massen. Nur wenigen sind die nötigen oder gar überflüssige Sachen garantiert, nur zufällig, wie sie einer gerade hat oder erlangt, während der wahre Sinn der Freilassung der wäre: jedem genug zu garantieren und ihn alsdann gewähren zu lassen. Das ganze Verhältnis ist gleich dem natürlichen freigelassenen Leben der Tiere, es ist vom Bewusstsein über die ganz andere Natur des Reichs der Freiheit vollständig entblößt. Das Reich der Freiheit fordert eine gesellige Ordnung, entworfen aus dem Gesichtspunkt, jeden Einzelnen wirklich zu befreien oder zu seiner Selbstbefreiung anzuleiten. Weiterlesen
Offenbar ist ohne Vereinigung, ohne Einheit des Bewusstseins, ohne Gemeinwillen keine Gesellschaftsordnung zu erreichen. Vor dem Staat gibt es keine Gesellschaft. Jede Gesellschaft, die sich vollkommen auf sich stützt und nach eigenem Willen bewegt, jede souveräne Gesellschaft ist Staat. Die souveränen Gesellschaften sind Privatgesellschaften gegeneinander.
Der Begriff der Souveränität hat denselben Ursprung wie die Unabhängigkeit des freigelassenen Privaten, den garantierten Besitz, die ausgesonderte Sache, den festgesetzten Willen, Gesetz und Vertrag.
Was ist das Gesetz? Ist es nur der fixierte Wille? Der Wille im Ganzen ist die Aktivität der geselligen Vernunft und deren konstante Formen die Sitte. Denn Sitte ist die Form, in der sich die gesellige Bewegung und Arbeit wiederholt. Was ist in dieser Bewegung das Gesetz? Es ist der Ausdruck der Sitte, der geselligen Ordnung. Die Gesetze der menschlichen Gesellschaft sind die allgemeinen Formen ihrer vernünftigen Erscheinung. Die wahre Erscheinung ist das Gesetz, wie der wahre Mensch das Wesen des Menschen. Von der wahren Erscheinung abzuweichen, ist ungesittet, dem wesentlichen Ausdruck eines vernünftigen Verhältnisses in der Sozietät nicht entsprechende Handlungen treten unter die Zensur der Gesellschaft: die Konvenienz. Die Gesetze der Freiheit sind keine Dekrete, sondern Lebensformen. Anders die Gesetze des Despoten. Sie sind seine Einfälle und haben die Befriedigung seiner Launen, Pläne, Wünsche zum Zweck. Seine Befehle sind die Gesetze der Untertanen. Die einzige Form, die sie nötig haben, ist, dass sie publiziert werden. Die Gesetze des beherrschten Menschen sind die bekanntgemachten Befehle ihrer Herren. Die Bekanntmachung bindet die Willkür. Sie sagt laut und bestimmt, was sie jetzt will. Morgen will sie es vielleicht nicht mehr, und es ist verdrießlich, dass die Leute wissen, was gestern gewollt wurde. (…)
Ist die wahre Erscheinung des Menschen erreicht, so ist ihre gesellschaftliche Existenz das Gesetz, das Gesetz wird Mensch, die gute Gesellschaft stellt dies dar. Das Gesetz realisieren, heißt es personifizieren. Dieselbe Bewandtnis hat es mit dem Eigentum. Der Zweck des Eigentums ist, den Menschen zu befreien. Durch die bloße Unabhängigkeit wird dieser Zweck nicht erreicht. Das Eigentum wird also eine Eigenschaft des Arbeiters oder „des Menschen der bürgerlichen Gesellschaft“, wie Hegel sich ausdrückt, werden müssen, um befreiend zu wirken, d. h. das Eigentum wird personifiziert und in Wirksamkeit gesetzt.
Das Eigentum als Eigenschaft des Arbeiters in einem bestimmten Material und auf eine ihm und seinesgleichen eigene Art, erzeugt den Stand. Was ist der Stand? Spezifische Arbeit. Wodurch spezifiziert sich die Arbeit? Durch Neigung und Geschick, durch Schicksal trotz der Abneigung, indem die Not den Einzelnen ergreift und ihn an einem Punkt fesselt, wo er zufällig zu wirken vermag. Dies letztere ist gegen das Wesen des freien Standes, der die Wahl seiner Arbeit einschließt. Was ist die Wahrheit des Standes? Die Realisierung seines wahren Zwecks. Sein wahrer Zweck ist, durch die spezifische Neigung der verschiedenen Menschen alle Arbeiten der Gesellschaft zu leisten. Das Auge und die Aufmerksamkeit des Menschen richten sich auf eine bestimmte partikulare Sache. Man braucht diese Sache. Zugleich bestimmen sich Menschen dazu, sie hervorzubringen. Die Hervorbringung ist für den Menschen, nicht wider ihn. Es kommt darauf an, dass die Gesellschaft als solche überall die Unternehmerin sei und jeden Arbeiter in seinem Werk auch seine eigene Freiheit erhalten und finden lasse. Jedes Werk ist gleich nötig und gleich ehrenvoll, sobald es ein Bedürfnis der Menschen ist die Staatsgesellschaft unternimmt es für das Bedürfnis Komma die Einzelnen vollenden es in der Gewissheit, einem Freiheitsbedürfnis zu entsprechen. Der Stand wird frei, wenn jeder unmittelbar für das Staatsunternehmen arbeitet, dem seine Kräfte entsprechen. Wer auf diese Weise eine bestimmte Arbeit ausführt, weiß, dass für sie das Bedürfnis vorhanden ist, so wie er umgekehrt der Sorge für seine eigenen Bedürfnisse durch die entsprechende Arbeit eines anderen Standes sicher ist. Sein Stand entreißt ihn dem Zufall und der Not. Der Stand ist daher eine höhere Form des Eigentums, nicht bloß Loslassung des einzelnen, sondern Sicherung seiner Tätigkeit, d. h. seiner Person und Freiheit im allgemeinen Vermögen. Er hat durch seine bestimmte Produktion sein Schicksal im System der Bedürfnisse gesichert. Aber er wäre dem Zufall überlassen, wenn seine Kräfte nicht vom Staat herbeigezogen, sondern von Privatmenschen ausgebeutet würden. Industrie und Ausbeutung der Arbeit zu Privatzwecken. Die Arbeit ist der Mensch, seine Betätigung, seine Verwirklichung; Die Ausbeutung des Menschen zu einem Zweck, der nicht sein eigener ist, bringt die Sklaverei hervor.
Die freie Arbeit der ganzen vereinigten Gesellschaft ist dagegen die Geschichte, und der höchste Genuss jedes Individuums ist die direkte Teilnahme an dieser Arbeit. Jedes Geschäft ist fähig, direkt für die Gesellschaft zu wirken. Die Geschichte hat die verschiedenen Staatsgesellschaften erzeugt, sie erreichen aber erst ihren Zweck, wenn jede Staatsgesellschaft in bewusster Ordnung die gesamte Arbeit durchdringt und jedem einzelnen die Teilnahme an der Geschichte, d. h. der allgemeinen Betätigung der Menschheit zu ihrem Zweck der Selbstbefreiung sichert.
Was wollen die verschiedenen Staaten erreichen? Den Reichtum der Menschheit, den Menschen und seine mannigfaltige, reiche Welt. Die verschiedenen Staaten haben nur einen Zweck, die Befreiung des Menschen unter den verschiedenen Verhältnissen seines Daseins, den Menschen als Produkt der Weltgeschichte. Der Mensch macht sich, indem er die Geschichte macht, und er macht Geschichte, indem er alle Völker der Erde humanisiert und befreit. Da zu diesem Zweck jedes Geschäft nötig ist, so ist jeder ein Befreier und ein zu Befreiender.
Folgende Sätze brauchte man nicht aufzustellen, wenn sie nicht noch bestritten würden.
1. Es gibt keine Sklaven in einer menschlichen Gesellschaft. Einzelne Menschen und menschliche Gesellschaften oder Staaten können nicht besessen, sondern nur nach dem Recht Aller regiert werden. Weiterlesen
2. Die freie Person ist die Quelle alles Rechtes, alle Personen sind also gleichberechtigt, d. h. jeder Einzelne mit seinem wahren Interesse ist der Zweck der Staatsgesellschaft. Die Person eignet sich die Außenwelt an, dabei steht sie anderen Personen gegenüber; und breitet ihren geistigen Einfluss aus, damit dringt sie in das Innere der anderen Personen ein; sie erwirbt Eigentum und Ansehen. Das Ansehen erwirbt ihr öffentliche Funktionen.
Die Ungleichheit des Besitzes, des Ansehens und der Funktionen entsteht durch die verschiedenen Kräfte und Fähigkeiten, nicht durch die verschiedenen Rechte der Personen. Weil die Personen körperlich und geistig verschieden sind, so müssen sich überall notwendig diese äußerlichen Ungleichheiten erzeugen, dies darf aber nur geschehen soweit sie der wesentlichen Gleichheit, d. h. der persönlichen Freiheit der Menschen nicht gefährlich werden. Alle Funktionen und Besitzstände, welche das ewige unveräußerliche Recht der freien Person gefährden oder aufheben, werden von allen Völkern, die Verstand genug haben, um Freiheit von Sklaverei zu unterscheiden, nach diesem Prinzip immer neu reguliert. Güter, an welche sich im Laufe der Zeit Leibeigenschaft der Arbeiter geknüpft hat, verlieren eine solche Usurpation im Laufe der Bildung. Sklavenbesitz ist kein Recht, sondern ein absolutes Unrecht, Zustände, welche die Sklaverei bedingen, sind es ebenfalls. Da alles positive Recht nur aus der freien Person her fließen kann, so kann kein Recht poniert werden, das sie aufhebt oder gefährdet.
3. Die Gesellschaft freier Personen, der Staat, bestellt aus sich einen Ausschuss zur Besorgung seiner Geschäfte, die Regierung. Sie repräsentiert immer die Mehrheit der Staatsbürger. Wo sie es nicht tut, entstehen Revolutionen.
4. Die Opposition ist ein Ausschuss der Staatsgesellschaft zur Kontrolle der Regierung. Sie repräsentiert eine Minderheit, welche Mehrheit zu werden sucht.
5. Die Unterdrückung der Opposition und der Organe der Minderheit durch die Mehrheit ist Unterdrückung der Freiheit und des Rechts. Freie Personen werden dadurch verhindert, ihre Ansicht von dem wesentlichen Zweck eines Jeden zur Staatsansicht zu erheben. Sie werden geistige Sklaven und in ihrem Recht, ihr Ansehen bei ihren Mitbürgern zu erhöhen, gekränkt. Das geistige Recht der „freien Person“, ihren Einfluss auszubreiten, ist nicht minder wichtig, es ist wesentlicher als das äußerliche Recht, Eigentum zu erwerben.
Die Sicherung der freien Person und des Eigentums schließt das gesicherte Recht der Opposition und ihrer Organe in sich. Die Majorität kann ihre Beschlüsse zu Gesetzen erheben, aber sie kann das Recht der freien Person in keiner Form antasten, ohne die Gesellschaft aus der Freiheit in die Sklaverei, aus dem Rechtszustand in den der Gewalt zu stürzen.
6. Die Presse in den Journalen ist die permanente Debatte zwischen Regierung und Opposition, zwischen Mehrheit und Minderheit. Eine Debatte ist nur denkbar unter Gleichberechtigten und Freien. Die Regierung hat den Vorteil der gewohnten und eingelebten Einrichtung, die Opposition den der Kritik und des Ideals, dem das Bestehende zugeführt werden muss.
7. Wenn die Opposition die Mehrheit im Volk und bei den Deputierten gewinnt, so wird sie Regierung. Wo dies nicht der Fall ist, da herrscht noch kein Staatsleben. Das Rechtsgefühl ist dort noch nicht so weit entwickelt, dass es die Gesellschaft in friedlichen Krisen durch Ministerwechsel zu neuen Maximen und Prinzipien treibt.
8. Die Presse kann kein Verbrechen begehen (s. den „Brief an die Deutschen“). Das Schlechte und Unvernünftige lässt sich öffentlich nicht durchsetzen, wohl aber die Aufhebung des Unvernünftigen, und diese ist immer eine Wohltat.
9. Ein Volk ohne Pressefreiheit lebt in Sklaverei. Es lässt sich den Mund zuhalten und findet darin weder eine Beschimpfung noch eine Gewalttat.
10. Die Person, das Recht, das Eigentum sind nicht eher unverletzlich und heilig, als bis es keine Ausnahmen gegen irgendeine Person, irgendein Recht, irgendein Eigentum mehr gibt.
11. Die Jury ist die einzige Bürgschaft der Gerechtigkeit. Nur das öffentliche Gericht nach dem Gewissen des Volks, nicht ein heimliches Verfahren nach dem toten Mechanismus der Techniker, ist fähig ein sittliches Gewicht auszuüben und dem Gemeingefühl des verletzten Rechts eine Bürgschaft, dem persönlichen Recht des Angeklagten eine Vertretung zu geben.
12. Der öffentliche Unterricht verdient den Aufwand, den das Militär nicht verdient. Dieser Aufwand ist imstande, das Militär zu ersetzen, die Verbrechen zu vermindern und die Lehrer zu der ehrenvollen und angenehmen Stellung zu erheben, welche sie im Staate verdienen und bis jetzt noch nicht genießen. Wir verstehen unter Lehrern nicht nur die wissenschaftlichen, sondern auch die künstlerischen, technischen und militärischen.
13. Die Probleme des Sozialismus sind alle in dem einen Prinzip enthalten, dass die freie Person und die Befreiung jedes Einzelnen der Zweck und die Aufgabe des Staats und des Staatsmitgliedes sind. In dem Trieb zu dieser Befreiung ist die Religion, in der Befriedigung dieses Triebes durch die Tat ist die Religionsübung unserer Zeit enthalten.
Die Kritik auf allen Gebieten, auf dem der Kunst, der Wissenschaft, überhaupt der geistigen Wirklichkeit – die Begleitung der werdenden Geschichte mit der Teilnahme des Praktikers und mit der Kritik des Philosophen, diese Aufgabe des Journals ging weiter als die Tragweite der gelehrten und politischen Zeitungen unserer Vorzeit, um von dem jetzigen Zustande zu schweigen. Zugleich war es hier nicht bloß auf die Kritik der Theologie und Schulphilosophie abgesehen. Die Jahrbücher, welche von 1838-43 erschienen und im Jahr 1843 (ebenso wie die Rheinische Zeitung) durch eine polizeiliche Maßregel unterdrückt wurden, machten von Anfang an die Entwicklung zum Prinzip. Sie wollen die Geschichte mitleben und mitmachen, sie stellen daher an sich selbst die Zeit dar. Ebenso angeregt als fortreißend werden sie die bewusste Praxis der historischen Dialektik, eine bis dahin unerhörte Erscheinung. Immer hatte der Lokalgeist irgendeiner Universität, immer eine fertige Farbe die gelehrten Zeitungen beherrscht, nie war weder eine Redaktion noch ein Kreis von Mitarbeitern kühn genug, die Kritik der prüfenden Zeit selbst ans Ruder zu stellen. Dies ist der Vorzug der Jahrbücher. Ihre Geschichte ist ein Stück Zeitgeschichte. Weiterlesen
Es war zuerst die grobe Reaktion, mit der die Jahrbücher in Kampf gerieten. Gegen die katholischen und protestantischen Jesuiten ergriffen sie die Fahne der „protestantischen oder philosophischen Freiheit“. Die deutschen Jesuiten hatten damals in Berlin unter ganz besonderer Protektion ein Reaktionsjournal, „Das politische Wochenblatt“ gestiftet. Die katholischen Ultras (…) und die protestantischen Restaurateure (…) und andere Obskuranten in Berlin verteidigten Don Karlos, die Kirche und den Adel. Daneben wirkte die reine Priesterpartei in „Hengstenbergs evangelischer Kirchenzeitung“. Dieser Richtung waren die Jahrbücher sogleich verdächtig, schon darum, „weil sie nicht tot wären, wie die althegelsche Literatur, sondern im Gegenteil eine sehr gefährliche Lebenskraft des philosophischen Geistes in Deutschland verrieten“. Der schamloseste Schreier für allen Unsinn der deutschen Vorzeit war der hallische Professor Leo, ein verbissener, unflätiger Skribent, aber lebhaft, keck und rasch mit der Feder. Seine Schriften sind philosophisch und künstlerisch roh, aber sie hatten ihm, vorzüglich unter den Katholiken, einen Ruf erworben und die Protestanten wenigstens betroffen gemacht durch Paradorieen, wie (…) die Polemik gegen die Reformation und die Kapuzinaden gegen die Revolution. Mit diesem Vorkämpfer der gröbsten politischen und religiösen Reaktion geriet das Journal gleich bei seiner Eröffnung in eine Fehde, die unter dem Namen „der neohegelsche Streit“ ein sehr ausgebreitetes Interesse erregte. Die unmittelbare Folge davon war eine Aufklärung der Jugend und eine Sammlung der besten Köpfe gegen die Reaktion. Leo aber kam dabei gelegentlich um den Ruf seiner Schriftstellerei, ja, sogar seiner Gelehrsamkeit und existiert jetzt nur noch als psalmodische Ruine in den heiligen Hallen des Pietismus. (…)
Dieser Kampf hatte eine förmliche Charakteristik des Pietismus zur Folge. Feuerbach sagte bei dieser Gelegenheit, das Christentum sei immer gegen die Wissenschaft gewesen. Sein Aufsatz wurde von der Zensur gestrichen und erschien später selbstständig unter dem Titel: „Philosophie und Christentum“.
Für den Augenblick wurde hier die Kritik der religiösen Welt abgebrochen. Dagegen eröffnete das Journal eine Übersicht und Beurteilung der literarischen Romantik unter dem Titel: „Protestantismus und Romantik“, welche die letzten fünfzig Jahre der deutschen Geistesentwickelung unter diesem Gesichtspunkt, d.h. dem des Rückfalls von der Aufklärung fasste. Die deutsche Romantik ist Restauration des Christentums unter den Formen der Bildung, Aufklärung, Genialität, Poesie und selbst der Philosophie. Sie ist Kombination zweier unverträglicher Elemente, die wir in ihrer reinsten und schroffsten Gestalt am Hegelschen System weiter oben nachgewiesen haben. Die Kritik in den Jahrbüchern zeigte sich damals aber noch zu sehr in der Hegelschen Philosophie befangen, um diese einfache Lösung auszusprechen. Indessen war es gerade die philosophische Umhüllung, welche die Veröffentlichung der Kritik möglich machte. Ihre Wirkung auf die gebildete Welt in Deutschland wurde aber nur bedeutender und fühlbarer durch den Zeitgeist, den sie zu brechen hatte. Jeder griff in seinen Busen und erkannte, dass er ein Romantiker war. Die romantische oder christliche Geistesverdunkelung beherrschte damals bei uns, wie jetzt in Frankreich, alles, selbst die Philosophie, selbst noch diese Kritik der Romantik, welche die Jahrbücher unternahmen. Diese Kritik war aber zum Bedürfnis der Zeit geworden. Die „Tiefen“, die „Überschwänglichen“, die „Unergründlichen“, die Jacobi, Hamann, Jean Paul, Schlegel, Tieck und vor allen Novalis und Schelling mussten ans Licht gezogen und in ihrer Blöße dargestellt werden. Die Aufsätze gegen die Romantik wurden in einer wesentlich politischen Absicht geschrieben. Es kam darauf an, das Abendrot des philosophischen Preußens zu benutzen und mit ihm das romantische oder reaktionäre System, noch ehe es förmlich die Zügel des ersten deutschen Staats ergriffen, zu beleuchten, um einer noch unbefangenen Zeit das Prinzip ihrer offiziellen Zukunft (Schelling und Tieck sind jetzt in Berlin) klarzumachen. Direkt politische Kritik war noch verfänglicher als direkt religiöse, musste daher Anfangs vermieden werden, auch zeigte sich die schriftstellerische Welt noch nicht dazu aufgelegt und gerüstet. Indessen gelang es, in einem Aufsatz über das „Preußentum“ das Prinzip der Regierung, wenn auch wieder nur verhüllt, auszusprechen. Wir nannten Preußen „katholisch“, das freie Prinzip dagegen, von dem es abfiele, den „Protestantismus“. Seitdem hat Preußen die Aufgabe der Jesuiten, Wiederherstellung des Christentums und des Mittelalters, unverhohlen zu der seinigen gemacht, und es ist umsonst gewesen, mit der einfachen Forderung aufzutreten, Preußen, der protestantische Staat, müsse vielmehr die ungehemmte Entwicklung der Wissenschaft und des Lebens beabsichtigen und befördern. Warum diese Forderung nicht durchdrang, ist jetzt bereits aller Welt klar. Durch die Aufklärung über Religion und Staat, sodann durch die französische Revolution, die Verwirklichung dieser Aufklärung, findet sich der Protestantismus mit dem Katholizismus auf eine Linie des Widerstandes zurückgeworfen. Der Priester beider Konfessionen, ja, wenn man will, jeder Christ verfolgt jetzt die Aufgabe der Jesuiten. Die Wissenschaft hebt die Religion, die Freiheit jede Domäne, jede Herrschaft auf. Die Religion kann die Untersuchung, der Herr die Emanzipation nicht gewähren lassen, noch viel weniger befördern.
Solche Gegensätze sprach man damals in Deutschland noch nicht aus, und wenn man es tat, so verhüllte man sie in die vornehmsten metaphysischen Formeln. Wir versuchten es. Aber schon die eingehüllte Form, in welcher das Journal diese Fragen
erörterte, hatte ein allgemeines Alarm-Geschrei der Reaktion zur Folge. Die Augsburger Allgemeine Zeitung stellte die Jahrbücher geradezu der preußischen Regierung gegenüber, als Macht gegen Macht, und erzeugte dadurch den höchsten Gred des Unwillens, dessen der beleidigte Hochmuth eines Jahrhunderte lang unbestrittenen Despotismus fähig ist. Kurz nach der Thronbesteigung des jetzigen Königs von Preußen erschien ein Kabinettsbefehl an die Redaktion, den Druck der Zeitschrift von Leipzig nach Preußen zu verlegen. Das hieß, sie unter die Zensur ihrer erbittertsten Gegner stellen, eine Forderung, welche die Redaktion zur Auswanderung nach Sachsen zwang.
In Sachsen hat es die Selbstverleugnung der Gelehrten nicht so weit gebracht, dass die Zensur eine Wahrheit wäre, wie in Preußen. Aus den „Hallischen“ wurden die „Deutschen Jahrbücher“. Sie erschienen vom Juli 1841 noch anderthalb Jahr und den ersten Monat des Jahres 1843.
Sie begannen damit, auf „Feuerbachs Wesen des Christentums“ aufmerksam zu machen, und setzten die kritische Begleitung der Zeitgeschichte in allen Gebieten fort. Aber „der König Artarerres[1] hat einen langen Arm“, und die Dresdner werden nie antworten, wie die Athener. – Das System der neuen „preußischen Regierung“, möglichst zur „guten alten Zeit“ zurückzukehren, den Adel durch Bildung neuer Majorate, die Pfaffen durch Herstellung kirchlicher Gesetze und aller Sitten, wie der strengen Sonntagsfeier, zu heben, dagegen den philosophischen Geist und die Sympathien für politische Freiheit zu unterdrücken, wurde in kurzer Zeit ins Werk gerichtet. Das prosaische Königtum Friedrich Wilhelms III. war nicht genug, es folgte ihm das romantische, das christliche, das völlig persönliche, und dieses fand noch genug revolutionäre Überreste in den Gesetzen und in der Wissenschaft auszurotten. Vornehmlich wurde nun die faktische Pressefreiheit, welche bis dahin Gelehrte, Dichter und Philosophen in Deutschland genossen hatten, bedenklich. Denn das System der Regierung, einmal mit dem Zeitgeist in Widerspruch, lief Gefahr, in der Diskussion überwältigt zu werden.
Wie verhielten sich nun zu diesem Konflikt des Gehorsams und der Diskussion die kleinen konstitutionellen Staaten? Man hätte vermuten sollen, sie würden sich auf die Seite der Befreier neigen, da in ihnen die Opposition gesetzlich ist; allein sie schlugen sich mehr oder weniger auf die entgegengesetzte. In ihnen ist weniger die konstitutionelle Dialektik als das Prinzip der persönlichen und ausschließlichen Souveränität aller deutschen „Landesherrn“ eine Wahrheit. Und dies erklärt sich ganz einfach aus unserm Charakter. Die gelehrte Erklärung unserer Privatpolitik aus besonderen Gesetzen, aus dem Einfluss Österreichs und Preußens beim Bund oder aus den geheimen Wiener Konferenzbeschlüssen vom 12. Juni 1834 ist überflüssig. Schon im Tacitus sind die Deutschen, wie noch jetzt im 19. Jahrhundert, ohne allen Zweifel Royalisten. Germaniam a principio reges habnere. So war denn der endliche Fall eines Journals vorherzusehen, welches sich ohne Umschweife eine geistige Souveränität usurpierte und trotz des rohsten Zensurdrucks zur wirklichen Befreiung von alten übelbegründeten Autoritäten so viel gewirkt hat.
Die Jahrbücher hatten den Zorn, der über sie ausbrach, reichlich verdient. Es war nicht bei dem Ausklopfen der alten Universitätsperücken, nicht bei der Erschütterung des Glaubens an ihre stille Weisheit, nicht bei den Kritiken des Pietismus, der Romantik und der Reaktion geblieben; eine Beurteilung der preußischen Geschichte, welche die notwendige Entwicklung dieses Staates zur Demokratie und die Lebensgefahr nachwies, in die bisher noch jeder Verrat des herrschenden Zeitgeistes Preußen gestürzt hatte, wiederholte Kritiken der christlichen Religion und des christlichen Staates, deren Auflösung in menschliche Bildung und Freiheit existiere und bevorstehe, endlich eine „Selbstkritik des Liberalismus“, der theoretischen Freiheitsliebe, und die Forderung, ihn in Demokratismus zu verwandeln, in die wirkliche Lösung der praktischen Probleme unserer Zeit, die Aufhebung der Kirche in die Schule und des Pöbels durch Nationalerziehung – diese Dinge schienen dem altdeutschen (jetzt neupreußischen) System der Religion und Politik unerträglich – wie sie es denn auch sind – und führten im Januar 1843 zur Unterdrückung des Journals durch die sächsische Regierung.
Das Januarheft wurde weggenommen und der Weiterdruck verboten, eine Maßregel, die weder das Imprimatur des Zensors, mit dem das Heft erschienen war, noch das Eigentum des Redakteurs und Verlegers anerkannte. Eine fünfjährige Arbeit hatte den Ruf des Journals begründet; man fällte den Baum, als er anfing, Früchte zu tragen und ein großes Publicum zu gewinnen. Die sächsische Kammer der Abgeordneten nahm sich dieses idealen Eigentums nicht an und erklärte, die Regierung sei vollkommen in ihrem Recht. Die Kammer hatte im Allgemeinen für Pressefreiheit gestimmt; aber im bestimmten Fall sanktionierte sie die Zensurordonanzen und zugleich die Maßregel, welche auch die Zensur noch für eine unerträgliche Freiheit erklärte und die zensierten Blätter wegzunehmen befahl, ja, den ferneren Druck des Journals, selbst unter Zensur, verbot. Natürlich. Die Willkür, der jedesmalige Entschluss der Regierungen, ist das Gesetz Deutschlands, vornehmlich im Gebiet der Presse. Die Presse enthält alle Macht, denn sie enthält die Gedanken des Volks, die alten und die neuen; die Willkür der Presse gegenüber enthält nur den Willen und den Wunsch, dass die neuen unter diesen Gedanken nicht existieren, und wenn ja existieren, nicht allgemein und öffentlich existieren möchten. Dass dieser Wille durchgesetzt wird, ist die Macht der Autorität. Sie beruht auf den noch vorherrschenden Gedanken der Vorzeit, diese erheben die Willkür zur Macht. Sobald diese Gedanken erblassen, gleichviel ob im Stillen oder in er Öffentlichkeit, verwandelt sich die Macht der Autorität in die Ohnmacht der Willkür.
Der Wille der Autorität ist sehr einfach, sie will existieren. Sobald die Gedanken der Freiheit oder der werdenden Welt ebenso einfach werden, verwandeln sie sich ihrerseits in den Willen einer neuen Autorität. Für den Augenblick existiert die Zensur, weil es die deutsche Welt noch nicht zu dem einfachen Gedanken gebracht hat, dass die formulierte Willkür der Regierenden noch kein Gesetz der Freiheit, sondern nur die gesetzliche Sklaverei ist. Erst der förmlich regulierte Sturz des alten Systems durch die Opposition des neuen ist ein Gesetz der Freiheit, weil die organisierte Befreiung. Aber das Denken ist eine Funktion, die sich so oder so vollzieht, es ist der Verdauungsprozess des Kopfes, dem keine Autorität, sobald sie in ihn verwickelt ist, widersteht. Es war daher der gröbste Missgriff, mit der Willkür der Autorität in das innerste Getriebe dieses Prozesses einzugreifen. Was habt ihr erreicht? Habt ihr die neuen Gedanken vertilgt? O nein. Ihr habt nur die neuen Prinzipien geächtet und der Welt keinen Zweifel über eure eigenen übriggelassen. Während früher Gelehrsamkeit und Philosophie, Geist und Kunft von der Autorität als ihr wertvolles Instrument angesehen, als ihr Ruhm gepflegt wurde, ist jetzt die Ächtung des freien Gedankens, der sich neue Bahnen bricht und noch entschiedener die Verfolgung seiner kunstgemäßen und populären Form proklamiert worden. – Ihr wollt es so, ihr befehlt es. Aber wie könnt ihr hoffen, dem Denken und dem Leben zu widerstehen, ihr, die ihr selbst nur sein Produkt, nur eine alte Formel seiner Funktion seid?
Das Verhältnis der Autorität und des emanzipierten Denkens der literarischen Opposition beweist nur die Schwäche der ersteren und die Macht der letzteren. „Wie, Zeus, du greifst nach deinem Blitz? Du hast also Unrecht!“ Und als Zeus einmal anfing Unrecht zu haben, hatte er auch schon keinen Blitz mehr.
1 Artarerres (Artaxerxes), Name mehrerer persischen Könige.
Ruge an Marx
Paris, im August 1843
Es ist wahr; Polen ist untergegangen, aber noch ist Polen nicht verloren, so klingt es fortdauernd aus den Ruinen hervor (…). „Neue Lehre, neues Leben.“ Ja! Wie Polen der katholische Glaube und die adelige Freiheit nicht rettet, so konnte uns die theologische Philosophie und die vornehme Wissenschaft nicht befreien. Wir können unsere Vergangenheit nicht anders fortführen als durch den entschiedensten Bruch mit ihr. Die Jahrbücher sind untergegangen, die hegelsche Philosophie hört der Vergangenheit an. Wir wollen hier in Paris ein Organ gründen, in dem wir uns selbst und ganz Deutschland völlig frei und mit unerbittlicher Aufrichtigkeit beurteilen. Nur das ist eine wirkliche Verjüngung, es ist ein neues Prinzip, eine neue Stellung, eine Befreiung von dem engherzigen Wesen des Nationalismus und ein scharfer Gegenstoß gegen die brutale Reaktion der wüsten Volksungetüme, welche mit dem Tyrannen Napoleon auch den Humanismus der Revolution verschlangen. Philosophie und nationale Beschränktheit, wie war es möglich auch nur im Namen und im Titel eines Journals beide zusammenzubringen? Noch einmal, der deutsche Bund hat die Wiederherstellung der deutschen Jahrbücher mit Recht verboten, er ruft uns zu: Keine Restauration! Wie vernünftig! Wir müssen etwas Neues unternehmen, wenn wir überhaupt etwas tun wollen. Ich bemühe mich um das Merkantilische bei der Sache. Wir zählen auf sie. Schreiben Sie mir über den Plan der neuen Zeitschrift1, den ich Ihnen beilege. Weiterlesen
Marx an Ruge
Kreuznach, im September 1843
Es freut mich, dass Sie entschlossen sind und von den Rückblicken auf das Vergangene Ihre Gedanken zu einem neuen Unternehmen vorwärts wenden. Also in Paris, der alten Hochschule der Philosophie und der neuen Hauptstadt der neuen Welt. Was notwendig ist, das fügt sich. Ich zweifle daher nicht, dass sich alle Hindernisse, deren Gewicht ich nicht verkenne, beseitigen lassen.
Das Unternehmen mag aber zustande kommen oder nicht; jedenfalls werde ich Ende dieses Monats in Paris sein, da die hiesige Luft leibeigen macht und ich in Deutschland durchaus keinen Spielraum für eine freie Tätigkeit sehe.
In Deutschland wird Alles gewaltsam unterdrückt, eine wahre Anarchie des Geistes, das Regiment der Dummheit selbst ist hereingebrochen, und Zürich gehorcht den Befehlen aus Berlin; es wird daher immer klarer, dass ein neuer Sammelpunkt für die wirklich denkenden und unabhängigen Köpfe gesucht werden muss. Ich bin überzeugt, durch unseren Plan würde einem wirklichen Bedürfnis entsprochen werden, und die wirklichen Bedürfnisse müssen sich doch auch wirklich erfüllen lassen. Ich zweifle also nicht an dem Unternehmen, sobald Ernst damit gemacht wird.
Größer noch als die äußeren Hindernisse, scheinen beinahe die inneren Schwierigkeiten zu sein. Denn wenn auch kein Zweifel über das „Woher“, so herrscht desto mehr Konfusion über das „Wohin“. Nicht nur, dass eine allgemeine Anarchie unter den Reformern ausgebrochen ist, so wird jeder sich selbst gestehen müssen, dass er keine exakte Anschauung von dem hat, was werden soll. Indessen ist das gerade wieder der Vorzug der neuen Richtung, dass wir nicht dogmatisch die Welt antizipieren, sondern erst aus der Kritik der alten Welt die neue finden wollen. Bisher hatten die Philosophen die Auflösung aller Rätsel in ihrem Pult liegen, und die dumme exoterische Welt hatte nur das Maul aufzusperren, damit ihr die gebratenen Tauben der absoluten Wissenschaft in den Mund flogen. Die Philosophie hat sich verweltlicht, und der schlagendste Beweis dafür ist, dass das philosophische Bewusstsein selbst in die Qual des Kampfes nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich hineingezogen ist. Ist die Konstruktion der Zukunft (…) nicht unsere Sache, so ist desto gewisser, was wir gegenwärtig zu vollbringen haben, ich meine die rücksichtslose Kritik alles Bestehenden, rücksichtslos sowohl in dem Sinne, dass die Kritik sich nicht vor ihren Resultaten fürchtet und ebenso wenig vor dem Konflikt mit den vorhandenen Mächten.
Ich bin daher nicht dafür, dass wir eine dogmatische Fahne aufpflanzen, im Gegenteil. Wir müssen den Dogmatikern nachzuhelfen suchen, dass sie ihre Sätze sich klar machen. So ist namentlich der Kommunismus eine dogmatische Abstraktion, wobei ich aber nicht irgendeinen eingebildeten und möglichen, sondern den wirklich existierenden Kommunismus, wie ihn Cabet, Dezamy, Weitling etc., lehren, im Sinn habe. Dieser Kommunismus ist selbst nur eine aparte von seinem Gegensatz, dem Privatwesen, infizierte Erscheinung des humanistischen Prinzips. Aufhebung des Privateigentums und Kommunismus sind daher keineswegs identisch, und der Kommunismus hat andere sozialistische Lehren wie die von Fourier, Proudhon etc., nicht zufällig, sondern notwendig sich gegenüber entstehen sehen, weil er selbst nur eine besondere, einseitige Verwirklichung des sozialistischen Prinzips ist.
Und das ganze sozialistische Prinzip ist wieder nur die eine Seite, welche die Realität des wahren menschlichen Wesens betrifft. Wir haben uns eben sowohl um die andere Seite, um die theoretische Existenz des Menschen zu kümmern, also Religion, Wissenschaft etc. zum Gegenstande unserer Kritik zu machen. Außerdem wollen wir auf unsere Zeitgenossen wirken, und zwar auf unsere deutschen Zeitgenossen. Es fragt sich, wie ist das anzustellen? Zweierlei Facta lassen sich nicht ableugnen. Einmal die Religion, dann die Politik sind Gegenstände, welche das Hauptinteresse des jetzigen Deutschlands bilden. An diese, wie sie auch sind, ist anzuknüpfen, nicht irgendein System wie etwa die Voyage en Icarie2ihnen fertig entgegenzusetzen.
Die Vernunft hat immer existiert, nur nicht immer in der vernünftigen Form. Der Kritiker kann also an jede Form des theoretischen und praktischen Bewusstseins anknüpfen und aus den eigenen Formen der existierenden Wirklichkeit die wahre Wirklichkeit als ihr Sollen und ihren Endzweck entwickeln. Was nun das wirkliche Leben betrifft, so enthält grade der politische Staat, auch wo er von den sozialistischen Forderungen noch nicht bewusster Weise erfüllt ist, in allen seinen modernen Formen die Forderungen der Vernunft. Und er bleibt dabei nicht stehen. Er unterstellt überall die Vernunft als realisiert. Er gerät aber ebenso überall in den Widerspruch seiner ideellen Bestimmung mit seinen realen Voraussetzungen.
Aus diesem Konflikt des politischen Staates mit sich selbst lässt sich daher überall die soziale Wahrheit entwickeln. Wie die Religion das Inhaltsverzeichnis von den theoretischen Kämpfen der Menschheit, so ist es der politische Staat von ihren praktischen. Der politische Staat drückt also innerhalb seiner Form alle sozialen Kämpfe, Bedürfnisse, Wahrheiten aus. Es ist also durchaus nicht unter der hauteur des principes3 die speziellste politische Frage – etwa den Unterschied von ständischem und repräsentativem System – zum Gegenstand der Kritik zu machen. Denn diese Frage drückt nur auf politische Weise den Unterschied von der Herrschaft des Menschen und der Herrschaft des Privateigentums aus. Der Kritiker kann also nicht nur, er muss in diese politischen Fragen (die nach der Ansicht der krassen Sozialisten unter aller Würde sind) eingehen. Indem er den Vorzug des repräsentativen Systems vor dem ständischen entwickelt, interessiert er praktisch eine große Partei. Indem er das repräsentative System aus seiner politischen Form zu der allgemeinen Form erhebt und die wahre Bedeutung, die ihm zu Grunde liegt, geltend macht, zwingt er zugleich diese Partei, über sich selbst hinauszugehen, denn ihr Sieg ist zugleich ihr Verlust.
Es hindert uns also nichts, unsre Kritik an die Kritik der Politik, an die Parteinahme in der Politik, also an wirkliche Kämpfe anzuknüpfen und mit ihnen zu identifizieren. Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien. Wir sagen ihr nicht: Lass ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschreien. Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft, und das Bewusstsein ist eine Sache, die sie sich aneignen muss, wenn sie auch nicht will.
Die Reform des Bewusstseins besteht nur darin, dass man die Welt ihr Bewusstsein inne werden lässt, dass man sie aus dem Traum über sich selbst aufweckt, dass man ihre eigenen Aktionen ihr erklärt. Unser ganzer Zweck kann in nichts anderem bestehen, wie dies auch bei Feuerbachs Kritik der Religion der Fall ist, als dass die religiösen und politischen Fragen in die selbstbewusste menschliche Form gebracht werden.
Unser Wahlspruch muss also sein: Reform des Bewusstseins nicht durch Dogmen, sondern durch Analysierung des mystischen sich selbst unklaren Bewusstseins, trete es nun religiös oder politisch auf. Es wird sich dann zeigen, dass die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von dem sie nur das Bewusstsein besitzen muss, um sie wirklich zu besitzen. Es wird sich zeigen, dass es sich nicht um einen großen Gedankenstrich zwischen Vergangenheit und Zukunft handelt, sondern um die Vollziehung der Gedanken der Vergangenheit. Es wird sich endlich zeigen, dass die Menschheit keine neue Arbeit beginnt, sondern mit Bewusstsein ihre alte Arbeit zustande bringt.
Wir können also die Tendenz unseres Blattes in ein Wort fassen:
Selbstverständigung (kritische Philosophie) der Zeit über ihre Kämpfe und Wünsche. Dies ist eine Arbeit für die Welt und für uns. Sie kann nur das Werk vereinter Kräfte sein. Es handelt sich um eine Beichte, um weiter nichts. Um sich ihre Sünden vergeben zu lassen, braucht die Menschheit sie nur für das zu erklären, was sie sind.
1 Gemeint sind die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“, eine von Arnold Ruge und Karl Marx gemeinsam herausgegebene oppositionelle Zeitschrift, deren einzige Ausgabe (als Doppelheft) im Februar 1844 in Paris erschien.
2 Reise nach Ikarien, utopischer Roman des frz. Sozialisten Étienne Cabet.
3 Höhe der Prinzipien.
Das demokratische Prinzip ist die bewusste Selbstbestimmung, welche die ganze Gesellschaft durchdringt und bewegt. Die Anwendung des demokratischen Prinzips auf Eigentum, Arbeit und Verkehr ist die Lösung der sozialen Frage, die Durchführung des demokratischen Prinzips in der ökonomischen, der politischen und der freien Gemeinde, oder in der sozialen, politischen und idealen Welt ist die Gründung des sozialdemokratischen Freistaates.
Der Grundpfeiler des sozialdemokratischen Freistaates ist die Einsicht, welche jede (auch die ökonomische) Sklaverei in ihrer Quelle entdeckt und sofort den Willen und die Macht erzeugt, sie zu entfernen, sei es aus dem eigenen Gemüt, sei es aus der Gesellschaft. Dieser Reinigungsprozess der sittlichen und der Gedankenwelt (der Ideen und des Willens, des theoretischen Geistes und der Praxis) hört nie auf; er beginnt in unserer Zeit mit dem Grundsatze: Es gibt keine Autorität in der Gedankenwelt und keinen Dienst, weder in der politischen noch in der sozialen Welt. Es ist darum schwer, die Staatsform zu erreichen, welche auf der bewussten Selbstbestimmung beruht. Die Menschen sind geneigt, fünf gerade sein zu lassen, ihre Gedanken von Anderen zu nehmen und ihren eigenen Willen einem fremden leichtsinnig zu unterwerfen. Im freien Volksstaat darf aber niemand je die Prüfung alles dessen, was geschieht, unterlassen und keiner blind einem Führer oder Unternehmer folgen; das erste Erfordernis der Freiheit ist, jeder urteile und handele selbst. Das Gemeinwesen ist seiner Freiheit erst sicher, wenn das Urteil und der Wille aller soweit gereift sind, dass die Mehrheit nie Beschlüsse fasst, welche die Selbstbestimmung der geistigen, der politischen und der sozialen Menschheit wieder aufheben und Einzelnen die Sorge für alle zu denken und zu wollen übertragen. Die Gründe, aus denen die Menschen ihre Freiheit verlieren, sind immer ihr Mangel an eigenem Urteil und eigenem Willen. Wie im politischen Gemeinwesen, so in der Gewerbs- und Handelssozietät. Weiterlesen
Aber so schwer es deshalb ist, die wahre Staatsform und die Sozietät freier Teilnehmer zu gründen und festzuhalten, so gewinnt doch im Verlauf der Fortbildung des Menschengeschlechts die Demokratie in der Geistesbildung, in der Politik und im Sozialismus notwendig das Übergewicht, weil es zuletzt im Interesse aller liegt, an der Stelle des Betrugs die Wahrheit, an der Stelle des Hässlichen das Schöne, an der Stelle des Unrechtes das Recht, an der Stelle der Ausbeutung gegenseitige freie Leistung, an der Stelle des Elends gesicherte menschliche Zustände zu erblicken. Nicht, dass es dem Menschen gegeben wäre, jede Abweichung vom Recht, von schönen Formen, von der Wahrheit und von der menschlichen Lage der Menschheit unmöglich zu machen; aber er vermag in seiner Staats- und Gemeindeordnung das Recht, die Schönheit, die Wissenschaft und die Humanität zur Herrschaft zu bringen, und was die schwierigste, die noch nie erreichte Voraussetzung von alledem ist, er vermag die Sozietät freier Teilnehmer zu gründen.
Die Aufgabe des sozialdemokratischen Freistaates ist, die wahre Humanität in dem idealen Gebiet (Wissenschaft, Kunst, Religion), im politischen Gebiet (in Staats- und Völkergemeinschaft) und im sozialen Gebiet (in der Sozietät freier und gleicher Teilnehmer) zu konstituieren. Die Einrichtungen der menschlichen Gesellschaft in allen drei Gebieten sollen darauf angelegt sein, den wahren Menschen hervorzubringen.
2. Der Demokrat
Die menschliche Gesellschaft soll so eingerichtet sein, dass sie den wahren Menschen hervorbringt.
Noch hat es kein Staat der Erde erreicht, dass er in allen Dingen auf die Hervorbringung und Sicherung der Menschenwürde in jedem Menschen angelegt ist und hinarbeitet. Freistaaten, welche geistige und industrielle, ja, welche wirkliche Sklaverei dulden, wechseln auf der bewohnten Erde mit Despotien, welche die Ungerechtigkeit in Gesetz und Sitte, die Entwürdigung der Menschen durch ihre Einrichtungen geflissentlich festhalten. Die einen wollen zwar die Würde des Menschen, können sie aber in Gesetz, Institutionen und Sitten nicht überall erreichen; die anderen hingegen gründen sich geradezu auf die Entwürdigung aller, denn selbst ein unverantwortlicher Dalai-Lama ist ein entwürdigter Mensch.
Wir können daher nicht sagen, die Welt ist so weit gekommen, dass die Einrichtungen der menschlichen Gesellschaft den wahren Menschen mit einiger Sicherheit hervorbringen; im Gegenteil, es kostet jeden noch immer einen harten Kampf mit den Verhältnissen, wenn er aus eigener Kraft zu dem sich emporarbeitet, was der Mensch sein soll. Der Kampf mit sich, mit anderen Menschen und mit der Natur wird keinem je erlassen; aber die Verhältnisse des Staates, der Gemeinde, der Familie können so geordnet sein, dass sie die Ausbildung des wahren Menschen nicht hindern, sondern unterstützen.
Der Demokrat will diese öffentlichen Einrichtungen und Sitten, er will also vor allen Dingen die Jugend der Demokratie sichern, sie urteilsfähig und willenskräftig, arbeitsfähig und geschäftskundig machen und sie vor Verderbnis und Entwürdigung bewahren.
Die unbefangene Jugend ist demokratisch. Die Gleichheit ist in ihren Sitten, die Freiheit ist ihre Sehnsucht und ihre Leidenschaft, die Schönheit ist sie selbst und der Wahrheit setzt nur sie kein Vorurteil entgegen, die Jugend allein weiß die Wahrheit zu schätzen und für sie zu erglühen und zu dulden. Die Jugend ist die natürliche Demokratie, die Jugend frei organisieren, heißt die Menschheit retten, diese Organisation der Jugend allgemein machen, heißt die Demokratie gründen.
Der Demokrat ist der Jüngling, den das frei organisierte Jugendleben hervorbringt. Sein Stolz ist die Gleichheit, seine Leidenschaft die Freiheit, seine Liebe die Schönheit und seine Gedanken sind keiner Autorität und keiner blinden Überlieferung untertan; er prüft und entscheidet von sich aus. Der Demokrat verliert nie den Aufschwung der Jugend, ihr Rechtsgefühl und ihren Idealismus, noch in seinem höchsten Alter ist die Jugend seine Pythia, ihrem Gefühl traut er mehr als seiner Weisheit. Er verliert nie Rezeptivität gegen die allgemeine Geistesbewegung. Aber er lässt sich von dem Gefühl nie zum blinden Vertrauen gegen hervorragende Männer hinreißen, welche die Strömung des Geistes leiten. Er findet es der Gleichheit nicht entgegen, dass ein denkender Mann in der Volksgemeinde den Ausschlag gibt, aber er ist unbedingt für den Ostrazismus gegen die Götzen der Menge. Der wahre Ostrazismus aber ist ihm die Bildung des Volks; der Demokrat weiß, dass ein ungebildetes Volk immer in die Hände von Gauklern, Pfaffen und Verführern fällt, und dass nur die allgemein verarbeiteten Prinzipien der Freiheit und nur die edelste Geistesverfassung des Volkes den wahren Staat und den wahren Menschen hervorbringen können. Er ist darum ein Gegner der rohen Natur und sucht die Demokratie nicht in der Plumpheit, in der wüsten Gestalt und in dem Hass der Kunst, vielmehr denkt er die Schönheit seines Volkes gymnastisch und künstlerisch und seine eigene körperlich und geistig hervorzubringen. Er sieht in den Feinden der Philosophie und der Kunst, wenn sie keine Dummköpfe sind, die gefährlichsten Feinde der Demokratie. Er kann nur die Humanität zum Grundsatz, zum Gesetz und zur Sitte erheben wollen; er hasst und verfolgt die Rohheit, die Grausamkeit, die Liederlichkeit und die Frivolität. Nur die edle Leidenschaft, nur die sittliche Entrüstung hat eine weltverjüngende Macht, nie hat der wilde Frevel und das Gelüst der Gemeinheit eine Revolution gemacht; dieser Wahnsinn ist der ärgste Gegner aller wahren Volkserhebung. Der Demokrat wird im gerechten Zorn die Feinde der Menschheit vertilgen, er sieht in dem Schrecken vor der sittlichen Entrüstung des Volks und vor der Rache der Unterdrückten einen tragischen Akt der Weltgeschichte – dieser Schrecken ist das Gewissen der Verruchten, die bis dahin gewissenlos waren –, aber er wird nie der Ansicht huldigen, die Freiheit durch organisierte Tyrannei zu gründen und durch Blutgerichte zu verteidigen. Die Autokraten und Müßiggänger des alten Systems wird er nicht töten, sondern durch Kolonisierung für die Menschheit wieder zu gewinnen suchen, wenn eine große Maßregel über das Schicksal des Volks und seiner Feinde entscheiden muss. (…)
Der Sieg der Demokratie wird ihre Gegner sehr erschrecken, denn es ist der Boden unter ihren Füßen, den er hinwegnimmt. Sie gingen, wie die Göttin des Frevels beim Homer, mit weichen Füßen auf den Köpfen der Menschen einher; plötzlich regt und schüttelt sich dieser Boden tausend und millionenfältig; entsetzt finden sie sich auf der rauen Erde gleich wie die anderen Menschenkinder. (…)
Ich habe gesagt, was der Demokrat ist, und wie er hervorgebracht wird. Ich hätte nicht hinzugefügt, was er nicht ist, wenn nicht die Leidenschaft der Rache, welche nach den Gräueln der letzten Zeit das Volk bis ins Innerste ergriffen hat, jetzt von vielen für die einzige Politik der Demokratie ausgegeben würde. Es kann vielen begegnen, dass sie in dieser Leidenschaft der Rache auf- und untergehen, nur die Leidenschaft führt zum Sieg; aber die Demokratie muss den Tag der Rache überleben und am ersten Tage des Sieges das Reich der Vernunft und Humanität nicht nur proklamieren, sondern auch in den Maßregeln betätigen. So lag der Fehler der provisorischen Regierung der Republik nicht in den Grundsätzen des Friedens, die sie proklamierte, sondern darin, dass sie den Schein des Sieges für den wirklichen Sieg nahm und der Leidenschaft mitten im Kampf die Spitze abbrach. Die Revolution ist dadurch nur um so blutiger geworden, man hat den Kampf, den man beendigen wollte, nur verlängert. (…)
Die veränderte Stellung der Frauen haben wir nur mit Einem Worte erwähnt, als wir sie gleichberechtigte Teilnehmer am Geschäft der Gesellschaft nannten. In der Landgemeinde, wo sie überall wesentlich mitwirken, wird man nicht daran denken, sie zurückzusetzen; in der städtischen Gemeinde hingegen hat das Lohnverhältnis sie so weit entwürdigt, dass ein Teil von ihnen sogar ein Gewerbe daraus macht, für Lohn sich preiszugeben; die selbstständigen Geschäfte, welche ihnen hier übrig bleiben, sind fast alle nicht einträglich; als Dienerinnen haben sie eine wenig geachtete Stellung; als Töchter in der vornehmen Familie arbeiten sie nicht mit; und als wohlhabende Hausfrauen sind sie die weibliche Herrschaft, die ebenfalls nicht mitarbeitet. Hiervon machen nur die Hausfrauen der Kleinbürger eine Ausnahme, welche die Eigenschaft der Magd und der Hausfrau in sich vereinigen. Die Rolle der Frauen in der Gesellschaft, zuerst die Verjüngung der ganzen Gesellschaft durch die Kinder, die sie zur Welt bringen, und die Pflege der ersten Jugend, dann die Pflege der Schönheit und der Liebe, endlich die Geschäfte des Hauses und der Privatökonomie, – alles dies ist über die gewöhnliche Schätzung erhaben, weil genau genommen, nicht irgend ein Produkt für die Gesellschaft, sondern die ganze Gesellschaft selbst in ihrer Verjüngung und Idealisierung das Produkt der weiblichen Tätigkeit ist. Ökonomisch werden die Frauen deshalb zu niedrig gestellt. Sie verdienen eine gesellige Bevorzugung und eine ökonomische Gleichstellung, weil ihre Produktivität und ihr wesentliches Geschäft über alle Schätzung erhaben ist. Sie aber vor allen müssen dem Lohnverhältnis, worin der Mensch seine Tätigkeit einem fremden Willen preisgibt, entzogen werden, damit sie nicht in Versuchung geraten, sich selbst, die Liebe und die Schönheit zu verkaufen. Nichts veredelt ein Volk mehr als die Achtung vor dem weiblichen Geschlecht; nichts befreit es sicherer als die gesellschaftliche, d. h. die ökonomische Emanzipation der Frauen.
Keine Dienerinnen, keine Prostitution; keine Herrin, keine Überhebung. Die schöne Humanität beginnt erst mit der Aufnahme der Frauen in die Sozietät unter der Anerkennung, dass sie kein Beiwerk und kein untergeordneter Teil der produktiven Gesellschaft, sondern die Schöpfer ihrer Existenz, ihres Gedeihens und ihrer Veredlung sind. (…)
Deutsch-Französische Jahrbücher, Paris 1844.
Zwei Jahre in Paris. Studien und Erinnerungen, Leipzig 1846 (2 Bände).
Die Akademie. Philosophisches Taschenbuch, Leipzig 1848 (2 Bände).
Gesammelte Schriften (10 Bände), Mannheim 1846-1848 (Verlag J.P. Grohe).
Die Gründung der Demokratie in Deutschland, Leipzig 1849.
Reden in der Frankfurter Nationalversammlung, in: Stenographischer Bericht über die Verhandlungen der deutschen konstituierenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main, hrsg. von F. Wiegard.
Stefan Walter: Demokratisches Denken zwischen Hegel und Marx: Die politische Philosophie Arnold Ruges. Eine Studie zur Geschichte der Demokratie in Deutschland, Düsseldorf 1995.
Lars Lambrecht (Hrsg.): Arnold Ruge (1802–1880). Beiträge zum 200. Geburtstag, Frankfurt am Main 2002.
Wolfgang Ruge: Arnold Ruge 1802–1880, Fragmente eines Lebensbildes, hrsg. von Friedrich-Martin Balzer, Bonn 2004.
Helmuth Reinalter (Hrsg.): Die Junghegelianer: Aufklärung, Literatur, Religionskritik und politisches Denken, Frankfurt am Main 2010.
Martin Hundt (Hrsg.): Der Redaktionsbriefwechsel der Hallischen, Deutschen und der Deutsch-Französischen Jahrbücher (1837–1844). 3 Bde., Berlin 2010.
Helmut Reinalter: Arnold Ruge (1802–1880). Junghegelianer, politischer Philosoph und bürgerlicher Demokrat, Würzburg 2020.
ARNOLD RUGE
Abb.: Antiquariat für Musik und Deutsche Literatur
Als politischer Philosoph und leidenschaftlicher Publizist war Arnold Ruge einer der führenden Köpfe der Demokratiebewegung. Pressefreiheit und Volkssouveränität waren für den Gründer und Herausgeber mehrerer oppositioneller Zeitschriften – er gab u. a. gemeinsam mit Karl Marx die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“ heraus – unbedingte Voraussetzungen für einen der Freiheit und Humanität verpflichteten Staat. 1848 in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt, gehörte er der entschieden demokratischen Fraktion an. Mit dem Kommunismus und Marx – der heftig gegen Ruge polemisierte – hatte er da längst gebrochen. Seine Schriften und seine Redebeiträge im Parlament sind noch heute von überraschender Aktualität. Von der auf Ausgleich mit den Fürsten bedachten Abgeordneten-Mehrheit wurde er, obzwar hochgeachtet, als „Deutschenhasser“ geschmäht, weil er sein Eintreten für eine deutsche Nation mit der Forderung nach einem europäischen Völkerverbund verknüpfte. Ein früher „Europäer“! Denn, so sein Credo: „Die Freiheit ist nicht national.“
Am 13. September wird Arnold Ruge als erstgeborener Sohn des Ehepaares Christoph Arnold und Sophia Katharina Ruge in Bergen auf der Insel Rügen geboren. Der Vater hatte es als Pächter des Gutes eines schwedischen Ministers zu einigem Wohlstand gebracht.
Durch den Vater intensiv zum Lernen motiviert, besteht Ruge die Aufnahmeprüfung zum Stralsunder Gymnasium und macht dort drei Jahre später seinen Abschluss.
Nach ersten „Schnupperstudien“ in Berlin, u. a. bei Friedrich Schleiermacher, nimmt Arnold Ruge ein Studium der Philosophie in Halle auf. Hier kommt er schnell in Kontakt mit den dortigen Burschenschaften, die eine „Erneuerung des Reiches“, d.h. die Einheit und Freiheit Deutschlands anstreben.
Inzwischen an die Universität Heidelberg gewechselt und dort der Burschenschaft „Jünglingsbund“ beigetreten, wird Ruge im Frühjahr 1824 als „Mitglied einer geheimen verbotenen Verbindung“ verhaftet und zu 15 Jahren Festungsstrafe verurteilt. Die Haft in der Festung Kolberg nutzt er zu Studien.
Nachdem Ruge im Januar 1830 aufgrund eines königlichen Erlasses begnadigt wurde, promoviert er nur ein Jahr später an der Universität Halle und legt dort 1832 seine Habilitation über die „Platonische Ästhetik“ vor. Es folgen intensive Hegel-Studien. Hegels Philosophie, so Ruge, müsse zu einer „Philosophie der Tat“ werden.
Im Januar 1838 gründet Ruge die „Hallischen Jahrbücher für deutsche Wissenschaft und Kunst“, die schon bald zu einem angesehenen Zentrum des „Junghegelianismus“ und der demokratischen Opposition werden.
Die „Hallischen Jahrbücher“ werden in Preußen verboten, Ruge weicht nach Dresden aus und nennt die Jahrbücher in „Deutsche Jahrbücher“ um. Zwei Jahre später wird auch diese Zeitschrift von der sächsischen Zensur verboten.
Gemeinsam mit Karl Marx, dessen „Rheinische Zeitung“ ebenfalls verboten wurde, realisiert Ruge die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“, deren erste und einzige Ausgabe im Februar 1844 erscheint. Es kommt zum Streit zwischen Marx und Ruge, der keiner „Klasse“, auch nicht dem Proletariat, irgendein Vorrecht einräumen will.
Nachdem sich Ruge zunächst in die Schweiz zurückgezogen hatte, kehrt er 1847 nach Deutschland zurück, er lässt sich in Leipzig als Buchhändler nieder, bleibt aber politisch-publizistisch aktiv.
Nach Ausbruch der Märzrevolution wird Ruge für Breslau in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt, wo er sich der äußersten linken, demokratischen Fraktion anschließt. Er gründet eine neue Zeitschrift „Die Reform“, die schnell zum Sprachrohr der deutschen Demokratie wird.
Nach Niederschlagung der Revolution und dem Verbot der Zeitschrift wird Ruge zur Fahndung ausgeschrieben. Er flüchtet mit seiner Familie über Belgien nach Brighton, wo er sich einer Gruppe um Guiseppe Mazzini, „Comitato Europeo“, anschließt, die eine gesamteuropäische Republik zum Ziel hat.
Am 31. Dezember 1880 verstirbt Arnold Ruge in Brighton, wo er auch bestattet wird.
von Herfried Münkler
Arnold Ruges politisches Leben gleicht einer Kreisbewegung: Zunächst ist Ruge, auf der Insel Rügen am 13 September 1802 als preußischer Staatsbürger geboren, durch eine starke Affinität zu Preußen geprägt, geht in den 1840er Jahren dann auf politische Distanz, um sich unter dem Eindruck der Politik Bismarcks, wie eine ganze Reihe der „1848er“, schließlich Preußen wieder anzunähern. Im Vormärz ist Preußen für ihn zunächst der Staat der Stein-Hardenbergschen Reformen, wie er von Hegel in der Rechtsphilosophie als Inbegriff der politischen Vernunft beschrieben worden ist. Dass das realexistierende Preußen in vieler Hinsicht unterhalb des von Hegel vorgegebenen Vernunftniveaus blieb, hat der Junghegelianer Ruge durchaus gesehen; aber als einem Staat der institutionalisierten Reformfähigkeit aus protestantischem Geist vertraute er auf die preußische Fähigkeit, sich von innen heraus immer wieder zu reformieren und sich auf diese Weise der Hegelschen Beschreibung anzunähern. Weiterlesen
Das Antriebsmoment dieser permanenten Selbst-Reformierung war in Ruges Vorstellung die kritische Publizistik, als deren Vertreter und Organisator er bis zur Revolution von 1848/49 agiert hat. Dass der Geist der Aufklärung als die sich selbst reflektierende Vernunft in Preußen einen angestammten Platz hatte, war für Ruge durch zweierlei verbürgt: durch den Protestantismus als eine prinzipiell antidogmatische Denkart und durch die Praxis der politischen Reformen in der Zeit der Befreiungskriege, die für Ruge das Gegenstück zur Französischen Revolution und deren verheerende Folgen in der Phase des terreur unter Robespierre war. Es kam also nicht von ungefähr, dass Ruge 1848 unter dem Eindruck der revolutionären Zuspitzung in Deutschland eine Zeitschrift unter dem Namen Die Reform gründete. Der protestantische Geist und eine Politik der Reformen gehörten für ihn zusammen, und beider Element und Lebenselexier waren eine offene Debatte und freie Diskussion. Solange die preußische Administration die Junghegelianer mit Ruge als deren politischem Kopf gegen die denunziatorischen Verfolgungsaufforderungen des konservativen Hallenser Historikers Heinrich Leo schützte – Leo hatte die Junghegelianer als eine „revolutionäre Rotte“ bezeichnet –, vertraute Ruge auf den preußischen Staat. Doch als sich die Eingriffe der Zensur in die redaktionelle Arbeit der von Ruge herausgegebenen Hallischen Jahrbücher mehrten und diese schließlich mit Publikationsverbot belegt wurden, ging er auf Distanz zu Preußen: Es entsprach nicht mehr dem Bilde, das er sich unter dem Einfluss Hegels von ihm gemacht hatte.
Ruge hat die Politik unter König Friedrich Wilhelm IV., den man auch als den „Romantiker auf dem Königsthron“ bezeichnete und der die Monarchie auf einer in romantischem Geist erneuerten Religion begründet wissen wollte, als Verrat am preußischen Wesen, den Abfall Preußens von sich selbst, als Absage an den protestantischen Geist, an die Aufklärung als Inbegriff der politischen Vernunft und die Politik des permanenten Reformierens begriffen. Er hat dies als ein Überlaufen zum Katholizismus und zur Romantik bezeichnet und ist in seinen streitbaren Essays gegen beides zu Felde gezogen. Hatte er zuvor publizistisch an der Herausbildung einer demokratisch grundierten politischen Urteilsfähigkeit des deutschen Bürgertums gearbeitet, wobei er die Leser in langen Abhandlungen und Rezensionen mit den in linkshegelianischen Kreisen geführten Diskussionen vertraut machen wollte – von der Leben-Jesu-Forschung und der historisch-philologischen Kritik des Christentums bei David Friedrich Strauß und Bruno Bauer bis zur materialistischen Grundlegung einer neuen Philosophie durch Ludwig Feuerbach –, so polemisierte er nun gegen die „Philister“ und „Spießbürger“, die das Bürgertum in Deutschland dominierten und deren selbstzufriedene Bequemlichkeit jeden Reformdruck aus der Politik herausgenommen habe. Ruges Distanzierung von Preußen fällt insofern mit einer Kritik am deutschen Bürgertum zusammen. Der zuvor politisch-pädagogische Duktus seiner Schriften wurde durch eine invektive Polemik abgelöst, wie sie sich in einigen der hier abgedruckten Artikel Ruges findet.
Es war dies die Zeit von Ruges größter Annäherung an Karl Marx, mit dem er in Paris die Deutsch-Französischen Jahrbücher herausgab (von denen freilich nur ein Band erschien, und von dem fanden nur wenige der in der Schweiz gedruckten Exemplare den Weg nach Deutschland, da sie von den Behörden grenznah konfisziert wurden). Ruge und Marx kannten sich aus den Kreisen der Berliner Junghegelianer, hatten beide als Publizisten beziehungsweise Journalisten auf die politisch-aufklärerische Wirkung des Zeitungs- und Zeitschriftenwesens gesetzt (Marx als Redakteur der Rheinischen Zeitung, die dem liberalen Kölner Bürgertum nahestand) und dabei auf die Kraft des besseren Arguments vertraut. Die gegen die Hallischen Jahrbücher wie die Rheinische Zeitung erlassenen Publikationsverbote ließen sich als eine Bestätigung ihres Vertrauens auf die Wirksamkeit der öffentlichen Aufklärung begreifen. Aber was half dies, wenn ihnen mit den Publikationsorganen die Möglichkeit zum Eingreifen in die öffentliche Debatte genommen wurde? Also entzogen sie sich dem preußischen Zugriff, indem sie den Redaktionsstandort nach Paris verlegten und die Deutsch-Französischen Jahrbücher in der Schweiz drucken ließen. Durch die Konfiszierung der meisten Exemplare bei deren Einschmuggeln nach Deutschland blieb ihre publizistische Wirkung jedoch beschränkt.
Aber auch ohne diese logistischen Probleme währte die Zusammenarbeit zwischen Marx und Ruge nicht lange, da beide recht unterschiedliche Vorstellungen von der weiteren politischen Entwicklung in Deutschland und insbesondere in Preußen hatten: Ruge setzte auf kontinuierliche Reformen, weil er die politischen und sozialen „Kosten“, wie sie die Revolution in Frankreich verursacht hatte, vermeiden wollte und die publizistische Beeinflussung der öffentlichen Meinung als Alternative zum revolutionären Umsturz ansah, während Marx die publizistische Tätigkeit eher als eine Vorbereitung der Revolution begriff und dementsprechend seine Texte schrieb. Der Dissens zwischen beiden kann paradigmatisch als der zwischen einer konsequent demokratischen und einer revolutionären Position im Vormärz begriffen werden. Während Ruge auf einen demokratischen, reformoffenen Staat setzte, war Marx vom allmählichen Absterben des Staates überzeugt, in dem er wesentlich ein Herrschaftsinstrument sah.
Unbeschadet dieser gegensätzlichen politischen Perspektiven ging es beiden darum, den politischen Elan der Franzosen und die gründliche philosophische Reflexion gesellschaftlicher Entwicklungen bei den Deutschen zusammenzubringen und im Sinne einer Hegelschen Synthese miteinander zu vermitteln. Das war die Grundidee der Deutsch-Französischen Jahrbücher. Aber während es Marx dabei um eine neue Grundlegung der revolutionären Entwicklung ging, in deren Verlauf die voluntative und damit kontingente Dimension des französischen Revolutionarismus durch eine geschichtsphilosophische Entwicklungstheorie unterbaut wurde, interessierte sich Ruge sehr viel stärker für eine Völkerverständigung zwischen Deutschen und Franzosen, die unabhängig von einer politischen und sozialen Revolution in beiden Ländern wirksam werden sollte.
Ruge hatte dabei die Feindschaftsvorstellungen im Auge, wie sie nach den napoleonischen Eroberungen sowie den antinapoleonischen Befreiungskriegen von 1813/14 in beiden Ländern, vor allem in Deutschland, entstanden waren. Er bezog damit gegen die Deutschtümelei Stellung, die zumal von Ernst Moritz Arndt, dem Dichter der antinapoleonischen Kriege, und dem „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn gepflegt wurde, und die für ihn wie übrigens auch für Marx, eine zentrale Ingredienz des deutschen Spießertums war. Die Deutschtümelei war in Ruges Augen obendrein ein Bollwerk gegen die Aufklärung und den politischen Fortschritt, das der politischen Verständigung und Pazifizierung Europas entgegenstand. Vor allem aber hatte der affirmative Bezug auf die Befreiungskriege dazu geführt, dass sich in Preußen eine politisch enge Bindung an Russland und den Zaren entwickelt hatte, die Preußen dem Westen Europas entfremdet und in ein Bündnis mit den in Ruges Augen reaktionären Mächten Russland und Österreich gebracht hatte. Demgemäß war seine politische Publizistik zeitweise vor allem gegen die Deutschtümler gerichtet.
Ruges Eintreten für eine europäische Abrüstung in Verbindung mit einem großen Friedenskongress der europäischen Völker in der Nationalversammlung von 1848 in der Frankfurter Paulskirche ist nicht nur als ein Beitrag zur internationalen Ordnung West- und Mitteleuropas zu verstehen, sondern sollte auch der demokratischen Entwicklung im Innern der Staaten zugutekommen. Ruges Resolutionsvorschlag und seine ihn begründende Rede mit der Forderung nach Freiheit für Italiener und Polen war eine antiimperiale Intervention, die auf die Errichtung einer Friedensordnung der Nationalstaaten in Europa abzielte: auf den Rückzug der Habsburger Monarchie aus Nord- und Oberitalien, auf die Revision der Aufteilung Polens zwischen Russland, Österreich und Preußen mitsamt der Wiedererrichtung eines polnischen Staates und nicht zuletzt auf das Aufgehen Preußens in einen deutschen Nationalstaat als politischen Raum der Freiheit und Demokratie.
Man kann darin Ruges Gegenentwurf zur Umgestaltung der politischen Landkarte Europas durchaus als eine sozialistische Revolution ansehen, wie sie Marx und seine Anhänger anstrebte. Dabei trat Ruge sehr wohl auch für eine nachhaltige soziale Ausgestaltung der Staaten ein, wollte dies aber im Nachgang zur nationalstaatlichen Umgestaltung der politischen Landkarte und in Abhängigkeit von der jeweiligen inneren Entwicklung dieser Staaten verstanden wissen. Auch darin trennte sich sein Weg von dem des Karl Marx und dessen Anhängerschaft. Auch wenn beide nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49 als politische Emigranten in England lebten, hatten sie keinen Kontakt mehr zueinander, sondern markierten, wenn sie sich aufeinander bezogen, ihren politischen Dissens.
Es waren Ruges Vorstellungen von der europäischen Ordnung, die ihn im Exil mit dem Italiener Giuseppe Mazzini, dem Franzosen Alexandre Auguste Ledru-Rollin und dem Ungarn Lajos Kossuth im „Europäischen Demokratischen Komitee“ zusammenarbeiten ließ, aus dem sich aber Ruge mehr und mehr zurückzog, als dessen politische Einflusslosigkeit deutlich wurde. Seit 1866, dem preußisch-österreichischen Krieg, und dem Erkennbarwerden von Bismarcks Reichseinigungspolitik, näherte sich Ruge wieder zunehmend Preußen an. Für eine „kleindeutsche Lösung“ unter Ausschluss der Habsburger und deren Vielvölkerstaat war er von Anfang an eingetreten, und Bismarcks Politik erschien ihm nunmehr als eine praktische Umsetzung seiner eigenen Ideen über die politischen Neuordnung Europas. In einigen publizistischen Beiträgen unterstützte Ruge diese Entwicklung, wofür ihm Bismarck ab 1877 einen „Ehrensold“ von 3.000 Reichsmark im Jahr auszahlen ließ. Auch bei Marx hatte Bismarck versucht, ihn an Preußen heranzuführen, dabei aber auf Granit gebissen. Am 31. Dezember 1880 ist Arnold Ruge in Brighton gestorben.
1 Die Gruppe der Junghegelianer hatte sich in der zweiten Hälfte der 1830er Jahre formiert. Der Begriff stammt von David Friedrich Strauß, der ihn als Parteibezeichnung für diejenigen prägte, die an Hegels Dialektik festhielten, aber den Systemgedanken verwarfen und obendrein eine religionskritische Position vertraten. Insgesamt repräsentieren die Junghegelianer eine gesellschafts- und politikkritische Sichtweise, während die Althegelianer konservativen Positionen anhingen.
Arnold Ruge
Wesen und Zweck des Staates ist der Mensch
Erschienen am 05.10.2023
Taschenbuch mit Klappen, 176 Seiten
€ (D) 14,– / € (A) 14,40
ISBN 978-3-462-50009-7
Freiheit ist die zweite Welt, welche die Menschheit in der natürlichen Welt hervorbringt. Sie ist dies ihr eigenes Produkt. Wie befreit sich der Mensch? Hegel sagt, „indem er sich aus der rohen Natur befreit und seine wahre Natur erreicht“. Und wie erreicht er diese? Indem er sich in die Arbeit der Gesellschaft wirft. Hier kultiviert er die rohe Natur außer sich und in sich. Selbst den Erwerb des eigenen Leibes, des gereinigten aus dem Fell und Schmutz der Natur befreiten, des gehorchenden, des kultivierten, des schönen Leibes, er verdankt ihn der Gesellschaft und ihrer Bewegung der Arbeit. Die Arbeit des Menschen in jeder Hinsicht ist die Produzierung des Menschen durch die Produzierung aller seiner Bedingungen, sie ist unter diesem, dem einzig wahren Gesichtspunkt die Befreiung. Eine Freilassung aus der Befreiung – die Fiktion des Privatmenschen, der sich auf seine ihm garantierte Privatsache stützt – ist die Schöpfung der Sklaverei. Von der Bewegung der Menschenwelt befreit zu sein, ist Privatleben, Beraubung des höchsten Gutes, Verbannung aus dem Leben in den Tod. Diese Bewegung im Gegenteil ist der einzige Genuss und das höchste Interesse. Ihre Ordnung die Freiheit, die Vereinigung zu dieser Ordnung der Staat. Die Theorien, welche die Menschen mit oder ohne Besitz, mit oder ohne garantierte Sachen, sich selbst überlassen und die Ordnung der Freiheit nicht als durchgreifende Ordnung für alle und über alles verstehen, führen zur Verwahrlosung und Sklaverei. Die Einzelnen, die vorteilhafter gestellt sind (…), werden die Herren der Massen. Nur wenigen sind die nötigen oder gar überflüssige Sachen garantiert, nur zufällig, wie sie einer gerade hat oder erlangt, während der wahre Sinn der Freilassung der wäre: jedem genug zu garantieren und ihn alsdann gewähren zu lassen. Das ganze Verhältnis ist gleich dem natürlichen freigelassenen Leben der Tiere, es ist vom Bewusstsein über die ganz andere Natur des Reichs der Freiheit vollständig entblößt. Das Reich der Freiheit fordert eine gesellige Ordnung, entworfen aus dem Gesichtspunkt, jeden Einzelnen wirklich zu befreien oder zu seiner Selbstbefreiung anzuleiten. Weiterlesen
Offenbar ist ohne Vereinigung, ohne Einheit des Bewusstseins, ohne Gemeinwillen keine Gesellschaftsordnung zu erreichen. Vor dem Staat gibt es keine Gesellschaft. Jede Gesellschaft, die sich vollkommen auf sich stützt und nach eigenem Willen bewegt, jede souveräne Gesellschaft ist Staat. Die souveränen Gesellschaften sind Privatgesellschaften gegeneinander.
Der Begriff der Souveränität hat denselben Ursprung wie die Unabhängigkeit des freigelassenen Privaten, den garantierten Besitz, die ausgesonderte Sache, den festgesetzten Willen, Gesetz und Vertrag.
Was ist das Gesetz? Ist es nur der fixierte Wille? Der Wille im Ganzen ist die Aktivität der geselligen Vernunft und deren konstante Formen die Sitte. Denn Sitte ist die Form, in der sich die gesellige Bewegung und Arbeit wiederholt. Was ist in dieser Bewegung das Gesetz? Es ist der Ausdruck der Sitte, der geselligen Ordnung. Die Gesetze der menschlichen Gesellschaft sind die allgemeinen Formen ihrer vernünftigen Erscheinung. Die wahre Erscheinung ist das Gesetz, wie der wahre Mensch das Wesen des Menschen. Von der wahren Erscheinung abzuweichen, ist ungesittet, dem wesentlichen Ausdruck eines vernünftigen Verhältnisses in der Sozietät nicht entsprechende Handlungen treten unter die Zensur der Gesellschaft: die Konvenienz. Die Gesetze der Freiheit sind keine Dekrete, sondern Lebensformen. Anders die Gesetze des Despoten. Sie sind seine Einfälle und haben die Befriedigung seiner Launen, Pläne, Wünsche zum Zweck. Seine Befehle sind die Gesetze der Untertanen. Die einzige Form, die sie nötig haben, ist, dass sie publiziert werden. Die Gesetze des beherrschten Menschen sind die bekanntgemachten Befehle ihrer Herren. Die Bekanntmachung bindet die Willkür. Sie sagt laut und bestimmt, was sie jetzt will. Morgen will sie es vielleicht nicht mehr, und es ist verdrießlich, dass die Leute wissen, was gestern gewollt wurde. (…)
Ist die wahre Erscheinung des Menschen erreicht, so ist ihre gesellschaftliche Existenz das Gesetz, das Gesetz wird Mensch, die gute Gesellschaft stellt dies dar. Das Gesetz realisieren, heißt es personifizieren. Dieselbe Bewandtnis hat es mit dem Eigentum. Der Zweck des Eigentums ist, den Menschen zu befreien. Durch die bloße Unabhängigkeit wird dieser Zweck nicht erreicht. Das Eigentum wird also eine Eigenschaft des Arbeiters oder „des Menschen der bürgerlichen Gesellschaft“, wie Hegel sich ausdrückt, werden müssen, um befreiend zu wirken, d. h. das Eigentum wird personifiziert und in Wirksamkeit gesetzt.
Das Eigentum als Eigenschaft des Arbeiters in einem bestimmten Material und auf eine ihm und seinesgleichen eigene Art, erzeugt den Stand. Was ist der Stand? Spezifische Arbeit. Wodurch spezifiziert sich die Arbeit? Durch Neigung und Geschick, durch Schicksal trotz der Abneigung, indem die Not den Einzelnen ergreift und ihn an einem Punkt fesselt, wo er zufällig zu wirken vermag. Dies letztere ist gegen das Wesen des freien Standes, der die Wahl seiner Arbeit einschließt. Was ist die Wahrheit des Standes? Die Realisierung seines wahren Zwecks. Sein wahrer Zweck ist, durch die spezifische Neigung der verschiedenen Menschen alle Arbeiten der Gesellschaft zu leisten. Das Auge und die Aufmerksamkeit des Menschen richten sich auf eine bestimmte partikulare Sache. Man braucht diese Sache. Zugleich bestimmen sich Menschen dazu, sie hervorzubringen. Die Hervorbringung ist für den Menschen, nicht wider ihn. Es kommt darauf an, dass die Gesellschaft als solche überall die Unternehmerin sei und jeden Arbeiter in seinem Werk auch seine eigene Freiheit erhalten und finden lasse. Jedes Werk ist gleich nötig und gleich ehrenvoll, sobald es ein Bedürfnis der Menschen ist die Staatsgesellschaft unternimmt es für das Bedürfnis Komma die Einzelnen vollenden es in der Gewissheit, einem Freiheitsbedürfnis zu entsprechen. Der Stand wird frei, wenn jeder unmittelbar für das Staatsunternehmen arbeitet, dem seine Kräfte entsprechen. Wer auf diese Weise eine bestimmte Arbeit ausführt, weiß, dass für sie das Bedürfnis vorhanden ist, so wie er umgekehrt der Sorge für seine eigenen Bedürfnisse durch die entsprechende Arbeit eines anderen Standes sicher ist. Sein Stand entreißt ihn dem Zufall und der Not. Der Stand ist daher eine höhere Form des Eigentums, nicht bloß Loslassung des einzelnen, sondern Sicherung seiner Tätigkeit, d. h. seiner Person und Freiheit im allgemeinen Vermögen. Er hat durch seine bestimmte Produktion sein Schicksal im System der Bedürfnisse gesichert. Aber er wäre dem Zufall überlassen, wenn seine Kräfte nicht vom Staat herbeigezogen, sondern von Privatmenschen ausgebeutet würden. Industrie und Ausbeutung der Arbeit zu Privatzwecken. Die Arbeit ist der Mensch, seine Betätigung, seine Verwirklichung; Die Ausbeutung des Menschen zu einem Zweck, der nicht sein eigener ist, bringt die Sklaverei hervor.
Die freie Arbeit der ganzen vereinigten Gesellschaft ist dagegen die Geschichte, und der höchste Genuss jedes Individuums ist die direkte Teilnahme an dieser Arbeit. Jedes Geschäft ist fähig, direkt für die Gesellschaft zu wirken. Die Geschichte hat die verschiedenen Staatsgesellschaften erzeugt, sie erreichen aber erst ihren Zweck, wenn jede Staatsgesellschaft in bewusster Ordnung die gesamte Arbeit durchdringt und jedem einzelnen die Teilnahme an der Geschichte, d. h. der allgemeinen Betätigung der Menschheit zu ihrem Zweck der Selbstbefreiung sichert.
Was wollen die verschiedenen Staaten erreichen? Den Reichtum der Menschheit, den Menschen und seine mannigfaltige, reiche Welt. Die verschiedenen Staaten haben nur einen Zweck, die Befreiung des Menschen unter den verschiedenen Verhältnissen seines Daseins, den Menschen als Produkt der Weltgeschichte. Der Mensch macht sich, indem er die Geschichte macht, und er macht Geschichte, indem er alle Völker der Erde humanisiert und befreit. Da zu diesem Zweck jedes Geschäft nötig ist, so ist jeder ein Befreier und ein zu Befreiender.
Folgende Sätze brauchte man nicht aufzustellen, wenn sie nicht noch bestritten würden.
1. Es gibt keine Sklaven in einer menschlichen Gesellschaft. Einzelne Menschen und menschliche Gesellschaften oder Staaten können nicht besessen, sondern nur nach dem Recht Aller regiert werden. Weiterlesen
2. Die freie Person ist die Quelle alles Rechtes, alle Personen sind also gleichberechtigt, d. h. jeder Einzelne mit seinem wahren Interesse ist der Zweck der Staatsgesellschaft. Die Person eignet sich die Außenwelt an, dabei steht sie anderen Personen gegenüber; und breitet ihren geistigen Einfluss aus, damit dringt sie in das Innere der anderen Personen ein; sie erwirbt Eigentum und Ansehen. Das Ansehen erwirbt ihr öffentliche Funktionen.
Die Ungleichheit des Besitzes, des Ansehens und der Funktionen entsteht durch die verschiedenen Kräfte und Fähigkeiten, nicht durch die verschiedenen Rechte der Personen. Weil die Personen körperlich und geistig verschieden sind, so müssen sich überall notwendig diese äußerlichen Ungleichheiten erzeugen, dies darf aber nur geschehen soweit sie der wesentlichen Gleichheit, d. h. der persönlichen Freiheit der Menschen nicht gefährlich werden. Alle Funktionen und Besitzstände, welche das ewige unveräußerliche Recht der freien Person gefährden oder aufheben, werden von allen Völkern, die Verstand genug haben, um Freiheit von Sklaverei zu unterscheiden, nach diesem Prinzip immer neu reguliert. Güter, an welche sich im Laufe der Zeit Leibeigenschaft der Arbeiter geknüpft hat, verlieren eine solche Usurpation im Laufe der Bildung. Sklavenbesitz ist kein Recht, sondern ein absolutes Unrecht, Zustände, welche die Sklaverei bedingen, sind es ebenfalls. Da alles positive Recht nur aus der freien Person her fließen kann, so kann kein Recht poniert werden, das sie aufhebt oder gefährdet.
3. Die Gesellschaft freier Personen, der Staat, bestellt aus sich einen Ausschuss zur Besorgung seiner Geschäfte, die Regierung. Sie repräsentiert immer die Mehrheit der Staatsbürger. Wo sie es nicht tut, entstehen Revolutionen.
4. Die Opposition ist ein Ausschuss der Staatsgesellschaft zur Kontrolle der Regierung. Sie repräsentiert eine Minderheit, welche Mehrheit zu werden sucht.
5. Die Unterdrückung der Opposition und der Organe der Minderheit durch die Mehrheit ist Unterdrückung der Freiheit und des Rechts. Freie Personen werden dadurch verhindert, ihre Ansicht von dem wesentlichen Zweck eines Jeden zur Staatsansicht zu erheben. Sie werden geistige Sklaven und in ihrem Recht, ihr Ansehen bei ihren Mitbürgern zu erhöhen, gekränkt. Das geistige Recht der „freien Person“, ihren Einfluss auszubreiten, ist nicht minder wichtig, es ist wesentlicher als das äußerliche Recht, Eigentum zu erwerben.
Die Sicherung der freien Person und des Eigentums schließt das gesicherte Recht der Opposition und ihrer Organe in sich. Die Majorität kann ihre Beschlüsse zu Gesetzen erheben, aber sie kann das Recht der freien Person in keiner Form antasten, ohne die Gesellschaft aus der Freiheit in die Sklaverei, aus dem Rechtszustand in den der Gewalt zu stürzen.
6. Die Presse in den Journalen ist die permanente Debatte zwischen Regierung und Opposition, zwischen Mehrheit und Minderheit. Eine Debatte ist nur denkbar unter Gleichberechtigten und Freien. Die Regierung hat den Vorteil der gewohnten und eingelebten Einrichtung, die Opposition den der Kritik und des Ideals, dem das Bestehende zugeführt werden muss.
7. Wenn die Opposition die Mehrheit im Volk und bei den Deputierten gewinnt, so wird sie Regierung. Wo dies nicht der Fall ist, da herrscht noch kein Staatsleben. Das Rechtsgefühl ist dort noch nicht so weit entwickelt, dass es die Gesellschaft in friedlichen Krisen durch Ministerwechsel zu neuen Maximen und Prinzipien treibt.
8. Die Presse kann kein Verbrechen begehen (s. den „Brief an die Deutschen“). Das Schlechte und Unvernünftige lässt sich öffentlich nicht durchsetzen, wohl aber die Aufhebung des Unvernünftigen, und diese ist immer eine Wohltat.
9. Ein Volk ohne Pressefreiheit lebt in Sklaverei. Es lässt sich den Mund zuhalten und findet darin weder eine Beschimpfung noch eine Gewalttat.
10. Die Person, das Recht, das Eigentum sind nicht eher unverletzlich und heilig, als bis es keine Ausnahmen gegen irgendeine Person, irgendein Recht, irgendein Eigentum mehr gibt.
11. Die Jury ist die einzige Bürgschaft der Gerechtigkeit. Nur das öffentliche Gericht nach dem Gewissen des Volks, nicht ein heimliches Verfahren nach dem toten Mechanismus der Techniker, ist fähig ein sittliches Gewicht auszuüben und dem Gemeingefühl des verletzten Rechts eine Bürgschaft, dem persönlichen Recht des Angeklagten eine Vertretung zu geben.
12. Der öffentliche Unterricht verdient den Aufwand, den das Militär nicht verdient. Dieser Aufwand ist imstande, das Militär zu ersetzen, die Verbrechen zu vermindern und die Lehrer zu der ehrenvollen und angenehmen Stellung zu erheben, welche sie im Staate verdienen und bis jetzt noch nicht genießen. Wir verstehen unter Lehrern nicht nur die wissenschaftlichen, sondern auch die künstlerischen, technischen und militärischen.
13. Die Probleme des Sozialismus sind alle in dem einen Prinzip enthalten, dass die freie Person und die Befreiung jedes Einzelnen der Zweck und die Aufgabe des Staats und des Staatsmitgliedes sind. In dem Trieb zu dieser Befreiung ist die Religion, in der Befriedigung dieses Triebes durch die Tat ist die Religionsübung unserer Zeit enthalten.
Die Kritik auf allen Gebieten, auf dem der Kunst, der Wissenschaft, überhaupt der geistigen Wirklichkeit – die Begleitung der werdenden Geschichte mit der Teilnahme des Praktikers und mit der Kritik des Philosophen, diese Aufgabe des Journals ging weiter als die Tragweite der gelehrten und politischen Zeitungen unserer Vorzeit, um von dem jetzigen Zustande zu schweigen. Zugleich war es hier nicht bloß auf die Kritik der Theologie und Schulphilosophie abgesehen. Die Jahrbücher, welche von 1838-43 erschienen und im Jahr 1843 (ebenso wie die Rheinische Zeitung) durch eine polizeiliche Maßregel unterdrückt wurden, machten von Anfang an die Entwicklung zum Prinzip. Sie wollen die Geschichte mitleben und mitmachen, sie stellen daher an sich selbst die Zeit dar. Ebenso angeregt als fortreißend werden sie die bewusste Praxis der historischen Dialektik, eine bis dahin unerhörte Erscheinung. Immer hatte der Lokalgeist irgendeiner Universität, immer eine fertige Farbe die gelehrten Zeitungen beherrscht, nie war weder eine Redaktion noch ein Kreis von Mitarbeitern kühn genug, die Kritik der prüfenden Zeit selbst ans Ruder zu stellen. Dies ist der Vorzug der Jahrbücher. Ihre Geschichte ist ein Stück Zeitgeschichte. Weiterlesen
Es war zuerst die grobe Reaktion, mit der die Jahrbücher in Kampf gerieten. Gegen die katholischen und protestantischen Jesuiten ergriffen sie die Fahne der „protestantischen oder philosophischen Freiheit“. Die deutschen Jesuiten hatten damals in Berlin unter ganz besonderer Protektion ein Reaktionsjournal, „Das politische Wochenblatt“ gestiftet. Die katholischen Ultras (…) und die protestantischen Restaurateure (…) und andere Obskuranten in Berlin verteidigten Don Karlos, die Kirche und den Adel. Daneben wirkte die reine Priesterpartei in „Hengstenbergs evangelischer Kirchenzeitung“. Dieser Richtung waren die Jahrbücher sogleich verdächtig, schon darum, „weil sie nicht tot wären, wie die althegelsche Literatur, sondern im Gegenteil eine sehr gefährliche Lebenskraft des philosophischen Geistes in Deutschland verrieten“. Der schamloseste Schreier für allen Unsinn der deutschen Vorzeit war der hallische Professor Leo, ein verbissener, unflätiger Skribent, aber lebhaft, keck und rasch mit der Feder. Seine Schriften sind philosophisch und künstlerisch roh, aber sie hatten ihm, vorzüglich unter den Katholiken, einen Ruf erworben und die Protestanten wenigstens betroffen gemacht durch Paradorieen, wie (…) die Polemik gegen die Reformation und die Kapuzinaden gegen die Revolution. Mit diesem Vorkämpfer der gröbsten politischen und religiösen Reaktion geriet das Journal gleich bei seiner Eröffnung in eine Fehde, die unter dem Namen „der neohegelsche Streit“ ein sehr ausgebreitetes Interesse erregte. Die unmittelbare Folge davon war eine Aufklärung der Jugend und eine Sammlung der besten Köpfe gegen die Reaktion. Leo aber kam dabei gelegentlich um den Ruf seiner Schriftstellerei, ja, sogar seiner Gelehrsamkeit und existiert jetzt nur noch als psalmodische Ruine in den heiligen Hallen des Pietismus. (…)
Dieser Kampf hatte eine förmliche Charakteristik des Pietismus zur Folge. Feuerbach sagte bei dieser Gelegenheit, das Christentum sei immer gegen die Wissenschaft gewesen. Sein Aufsatz wurde von der Zensur gestrichen und erschien später selbstständig unter dem Titel: „Philosophie und Christentum“.
Für den Augenblick wurde hier die Kritik der religiösen Welt abgebrochen. Dagegen eröffnete das Journal eine Übersicht und Beurteilung der literarischen Romantik unter dem Titel: „Protestantismus und Romantik“, welche die letzten fünfzig Jahre der deutschen Geistesentwickelung unter diesem Gesichtspunkt, d.h. dem des Rückfalls von der Aufklärung fasste. Die deutsche Romantik ist Restauration des Christentums unter den Formen der Bildung, Aufklärung, Genialität, Poesie und selbst der Philosophie. Sie ist Kombination zweier unverträglicher Elemente, die wir in ihrer reinsten und schroffsten Gestalt am Hegelschen System weiter oben nachgewiesen haben. Die Kritik in den Jahrbüchern zeigte sich damals aber noch zu sehr in der Hegelschen Philosophie befangen, um diese einfache Lösung auszusprechen. Indessen war es gerade die philosophische Umhüllung, welche die Veröffentlichung der Kritik möglich machte. Ihre Wirkung auf die gebildete Welt in Deutschland wurde aber nur bedeutender und fühlbarer durch den Zeitgeist, den sie zu brechen hatte. Jeder griff in seinen Busen und erkannte, dass er ein Romantiker war. Die romantische oder christliche Geistesverdunkelung beherrschte damals bei uns, wie jetzt in Frankreich, alles, selbst die Philosophie, selbst noch diese Kritik der Romantik, welche die Jahrbücher unternahmen. Diese Kritik war aber zum Bedürfnis der Zeit geworden. Die „Tiefen“, die „Überschwänglichen“, die „Unergründlichen“, die Jacobi, Hamann, Jean Paul, Schlegel, Tieck und vor allen Novalis und Schelling mussten ans Licht gezogen und in ihrer Blöße dargestellt werden. Die Aufsätze gegen die Romantik wurden in einer wesentlich politischen Absicht geschrieben. Es kam darauf an, das Abendrot des philosophischen Preußens zu benutzen und mit ihm das romantische oder reaktionäre System, noch ehe es förmlich die Zügel des ersten deutschen Staats ergriffen, zu beleuchten, um einer noch unbefangenen Zeit das Prinzip ihrer offiziellen Zukunft (Schelling und Tieck sind jetzt in Berlin) klarzumachen. Direkt politische Kritik war noch verfänglicher als direkt religiöse, musste daher Anfangs vermieden werden, auch zeigte sich die schriftstellerische Welt noch nicht dazu aufgelegt und gerüstet. Indessen gelang es, in einem Aufsatz über das „Preußentum“ das Prinzip der Regierung, wenn auch wieder nur verhüllt, auszusprechen. Wir nannten Preußen „katholisch“, das freie Prinzip dagegen, von dem es abfiele, den „Protestantismus“. Seitdem hat Preußen die Aufgabe der Jesuiten, Wiederherstellung des Christentums und des Mittelalters, unverhohlen zu der seinigen gemacht, und es ist umsonst gewesen, mit der einfachen Forderung aufzutreten, Preußen, der protestantische Staat, müsse vielmehr die ungehemmte Entwicklung der Wissenschaft und des Lebens beabsichtigen und befördern. Warum diese Forderung nicht durchdrang, ist jetzt bereits aller Welt klar. Durch die Aufklärung über Religion und Staat, sodann durch die französische Revolution, die Verwirklichung dieser Aufklärung, findet sich der Protestantismus mit dem Katholizismus auf eine Linie des Widerstandes zurückgeworfen. Der Priester beider Konfessionen, ja, wenn man will, jeder Christ verfolgt jetzt die Aufgabe der Jesuiten. Die Wissenschaft hebt die Religion, die Freiheit jede Domäne, jede Herrschaft auf. Die Religion kann die Untersuchung, der Herr die Emanzipation nicht gewähren lassen, noch viel weniger befördern.
Solche Gegensätze sprach man damals in Deutschland noch nicht aus, und wenn man es tat, so verhüllte man sie in die vornehmsten metaphysischen Formeln. Wir versuchten es. Aber schon die eingehüllte Form, in welcher das Journal diese Fragen
erörterte, hatte ein allgemeines Alarm-Geschrei der Reaktion zur Folge. Die Augsburger Allgemeine Zeitung stellte die Jahrbücher geradezu der preußischen Regierung gegenüber, als Macht gegen Macht, und erzeugte dadurch den höchsten Gred des Unwillens, dessen der beleidigte Hochmuth eines Jahrhunderte lang unbestrittenen Despotismus fähig ist. Kurz nach der Thronbesteigung des jetzigen Königs von Preußen erschien ein Kabinettsbefehl an die Redaktion, den Druck der Zeitschrift von Leipzig nach Preußen zu verlegen. Das hieß, sie unter die Zensur ihrer erbittertsten Gegner stellen, eine Forderung, welche die Redaktion zur Auswanderung nach Sachsen zwang.
In Sachsen hat es die Selbstverleugnung der Gelehrten nicht so weit gebracht, dass die Zensur eine Wahrheit wäre, wie in Preußen. Aus den „Hallischen“ wurden die „Deutschen Jahrbücher“. Sie erschienen vom Juli 1841 noch anderthalb Jahr und den ersten Monat des Jahres 1843.
Sie begannen damit, auf „Feuerbachs Wesen des Christentums“ aufmerksam zu machen, und setzten die kritische Begleitung der Zeitgeschichte in allen Gebieten fort. Aber „der König Artarerres[1] hat einen langen Arm“, und die Dresdner werden nie antworten, wie die Athener. – Das System der neuen „preußischen Regierung“, möglichst zur „guten alten Zeit“ zurückzukehren, den Adel durch Bildung neuer Majorate, die Pfaffen durch Herstellung kirchlicher Gesetze und aller Sitten, wie der strengen Sonntagsfeier, zu heben, dagegen den philosophischen Geist und die Sympathien für politische Freiheit zu unterdrücken, wurde in kurzer Zeit ins Werk gerichtet. Das prosaische Königtum Friedrich Wilhelms III. war nicht genug, es folgte ihm das romantische, das christliche, das völlig persönliche, und dieses fand noch genug revolutionäre Überreste in den Gesetzen und in der Wissenschaft auszurotten. Vornehmlich wurde nun die faktische Pressefreiheit, welche bis dahin Gelehrte, Dichter und Philosophen in Deutschland genossen hatten, bedenklich. Denn das System der Regierung, einmal mit dem Zeitgeist in Widerspruch, lief Gefahr, in der Diskussion überwältigt zu werden.
Wie verhielten sich nun zu diesem Konflikt des Gehorsams und der Diskussion die kleinen konstitutionellen Staaten? Man hätte vermuten sollen, sie würden sich auf die Seite der Befreier neigen, da in ihnen die Opposition gesetzlich ist; allein sie schlugen sich mehr oder weniger auf die entgegengesetzte. In ihnen ist weniger die konstitutionelle Dialektik als das Prinzip der persönlichen und ausschließlichen Souveränität aller deutschen „Landesherrn“ eine Wahrheit. Und dies erklärt sich ganz einfach aus unserm Charakter. Die gelehrte Erklärung unserer Privatpolitik aus besonderen Gesetzen, aus dem Einfluss Österreichs und Preußens beim Bund oder aus den geheimen Wiener Konferenzbeschlüssen vom 12. Juni 1834 ist überflüssig. Schon im Tacitus sind die Deutschen, wie noch jetzt im 19. Jahrhundert, ohne allen Zweifel Royalisten. Germaniam a principio reges habnere. So war denn der endliche Fall eines Journals vorherzusehen, welches sich ohne Umschweife eine geistige Souveränität usurpierte und trotz des rohsten Zensurdrucks zur wirklichen Befreiung von alten übelbegründeten Autoritäten so viel gewirkt hat.
Die Jahrbücher hatten den Zorn, der über sie ausbrach, reichlich verdient. Es war nicht bei dem Ausklopfen der alten Universitätsperücken, nicht bei der Erschütterung des Glaubens an ihre stille Weisheit, nicht bei den Kritiken des Pietismus, der Romantik und der Reaktion geblieben; eine Beurteilung der preußischen Geschichte, welche die notwendige Entwicklung dieses Staates zur Demokratie und die Lebensgefahr nachwies, in die bisher noch jeder Verrat des herrschenden Zeitgeistes Preußen gestürzt hatte, wiederholte Kritiken der christlichen Religion und des christlichen Staates, deren Auflösung in menschliche Bildung und Freiheit existiere und bevorstehe, endlich eine „Selbstkritik des Liberalismus“, der theoretischen Freiheitsliebe, und die Forderung, ihn in Demokratismus zu verwandeln, in die wirkliche Lösung der praktischen Probleme unserer Zeit, die Aufhebung der Kirche in die Schule und des Pöbels durch Nationalerziehung – diese Dinge schienen dem altdeutschen (jetzt neupreußischen) System der Religion und Politik unerträglich – wie sie es denn auch sind – und führten im Januar 1843 zur Unterdrückung des Journals durch die sächsische Regierung.
Das Januarheft wurde weggenommen und der Weiterdruck verboten, eine Maßregel, die weder das Imprimatur des Zensors, mit dem das Heft erschienen war, noch das Eigentum des Redakteurs und Verlegers anerkannte. Eine fünfjährige Arbeit hatte den Ruf des Journals begründet; man fällte den Baum, als er anfing, Früchte zu tragen und ein großes Publicum zu gewinnen. Die sächsische Kammer der Abgeordneten nahm sich dieses idealen Eigentums nicht an und erklärte, die Regierung sei vollkommen in ihrem Recht. Die Kammer hatte im Allgemeinen für Pressefreiheit gestimmt; aber im bestimmten Fall sanktionierte sie die Zensurordonanzen und zugleich die Maßregel, welche auch die Zensur noch für eine unerträgliche Freiheit erklärte und die zensierten Blätter wegzunehmen befahl, ja, den ferneren Druck des Journals, selbst unter Zensur, verbot. Natürlich. Die Willkür, der jedesmalige Entschluss der Regierungen, ist das Gesetz Deutschlands, vornehmlich im Gebiet der Presse. Die Presse enthält alle Macht, denn sie enthält die Gedanken des Volks, die alten und die neuen; die Willkür der Presse gegenüber enthält nur den Willen und den Wunsch, dass die neuen unter diesen Gedanken nicht existieren, und wenn ja existieren, nicht allgemein und öffentlich existieren möchten. Dass dieser Wille durchgesetzt wird, ist die Macht der Autorität. Sie beruht auf den noch vorherrschenden Gedanken der Vorzeit, diese erheben die Willkür zur Macht. Sobald diese Gedanken erblassen, gleichviel ob im Stillen oder in er Öffentlichkeit, verwandelt sich die Macht der Autorität in die Ohnmacht der Willkür.
Der Wille der Autorität ist sehr einfach, sie will existieren. Sobald die Gedanken der Freiheit oder der werdenden Welt ebenso einfach werden, verwandeln sie sich ihrerseits in den Willen einer neuen Autorität. Für den Augenblick existiert die Zensur, weil es die deutsche Welt noch nicht zu dem einfachen Gedanken gebracht hat, dass die formulierte Willkür der Regierenden noch kein Gesetz der Freiheit, sondern nur die gesetzliche Sklaverei ist. Erst der förmlich regulierte Sturz des alten Systems durch die Opposition des neuen ist ein Gesetz der Freiheit, weil die organisierte Befreiung. Aber das Denken ist eine Funktion, die sich so oder so vollzieht, es ist der Verdauungsprozess des Kopfes, dem keine Autorität, sobald sie in ihn verwickelt ist, widersteht. Es war daher der gröbste Missgriff, mit der Willkür der Autorität in das innerste Getriebe dieses Prozesses einzugreifen. Was habt ihr erreicht? Habt ihr die neuen Gedanken vertilgt? O nein. Ihr habt nur die neuen Prinzipien geächtet und der Welt keinen Zweifel über eure eigenen übriggelassen. Während früher Gelehrsamkeit und Philosophie, Geist und Kunft von der Autorität als ihr wertvolles Instrument angesehen, als ihr Ruhm gepflegt wurde, ist jetzt die Ächtung des freien Gedankens, der sich neue Bahnen bricht und noch entschiedener die Verfolgung seiner kunstgemäßen und populären Form proklamiert worden. – Ihr wollt es so, ihr befehlt es. Aber wie könnt ihr hoffen, dem Denken und dem Leben zu widerstehen, ihr, die ihr selbst nur sein Produkt, nur eine alte Formel seiner Funktion seid?
Das Verhältnis der Autorität und des emanzipierten Denkens der literarischen Opposition beweist nur die Schwäche der ersteren und die Macht der letzteren. „Wie, Zeus, du greifst nach deinem Blitz? Du hast also Unrecht!“ Und als Zeus einmal anfing Unrecht zu haben, hatte er auch schon keinen Blitz mehr.
1 Artarerres (Artaxerxes), Name mehrerer persischen Könige.
Ruge an Marx
Paris, im August 1843
Es ist wahr; Polen ist untergegangen, aber noch ist Polen nicht verloren, so klingt es fortdauernd aus den Ruinen hervor (…). „Neue Lehre, neues Leben.“ Ja! Wie Polen der katholische Glaube und die adelige Freiheit nicht rettet, so konnte uns die theologische Philosophie und die vornehme Wissenschaft nicht befreien. Wir können unsere Vergangenheit nicht anders fortführen als durch den entschiedensten Bruch mit ihr. Die Jahrbücher sind untergegangen, die hegelsche Philosophie hört der Vergangenheit an. Wir wollen hier in Paris ein Organ gründen, in dem wir uns selbst und ganz Deutschland völlig frei und mit unerbittlicher Aufrichtigkeit beurteilen. Nur das ist eine wirkliche Verjüngung, es ist ein neues Prinzip, eine neue Stellung, eine Befreiung von dem engherzigen Wesen des Nationalismus und ein scharfer Gegenstoß gegen die brutale Reaktion der wüsten Volksungetüme, welche mit dem Tyrannen Napoleon auch den Humanismus der Revolution verschlangen. Philosophie und nationale Beschränktheit, wie war es möglich auch nur im Namen und im Titel eines Journals beide zusammenzubringen? Noch einmal, der deutsche Bund hat die Wiederherstellung der deutschen Jahrbücher mit Recht verboten, er ruft uns zu: Keine Restauration! Wie vernünftig! Wir müssen etwas Neues unternehmen, wenn wir überhaupt etwas tun wollen. Ich bemühe mich um das Merkantilische bei der Sache. Wir zählen auf sie. Schreiben Sie mir über den Plan der neuen Zeitschrift1, den ich Ihnen beilege. Weiterlesen
Marx an Ruge
Kreuznach, im September 1843
Es freut mich, dass Sie entschlossen sind und von den Rückblicken auf das Vergangene Ihre Gedanken zu einem neuen Unternehmen vorwärts wenden. Also in Paris, der alten Hochschule der Philosophie und der neuen Hauptstadt der neuen Welt. Was notwendig ist, das fügt sich. Ich zweifle daher nicht, dass sich alle Hindernisse, deren Gewicht ich nicht verkenne, beseitigen lassen.
Das Unternehmen mag aber zustande kommen oder nicht; jedenfalls werde ich Ende dieses Monats in Paris sein, da die hiesige Luft leibeigen macht und ich in Deutschland durchaus keinen Spielraum für eine freie Tätigkeit sehe.
In Deutschland wird Alles gewaltsam unterdrückt, eine wahre Anarchie des Geistes, das Regiment der Dummheit selbst ist hereingebrochen, und Zürich gehorcht den Befehlen aus Berlin; es wird daher immer klarer, dass ein neuer Sammelpunkt für die wirklich denkenden und unabhängigen Köpfe gesucht werden muss. Ich bin überzeugt, durch unseren Plan würde einem wirklichen Bedürfnis entsprochen werden, und die wirklichen Bedürfnisse müssen sich doch auch wirklich erfüllen lassen. Ich zweifle also nicht an dem Unternehmen, sobald Ernst damit gemacht wird.
Größer noch als die äußeren Hindernisse, scheinen beinahe die inneren Schwierigkeiten zu sein. Denn wenn auch kein Zweifel über das „Woher“, so herrscht desto mehr Konfusion über das „Wohin“. Nicht nur, dass eine allgemeine Anarchie unter den Reformern ausgebrochen ist, so wird jeder sich selbst gestehen müssen, dass er keine exakte Anschauung von dem hat, was werden soll. Indessen ist das gerade wieder der Vorzug der neuen Richtung, dass wir nicht dogmatisch die Welt antizipieren, sondern erst aus der Kritik der alten Welt die neue finden wollen. Bisher hatten die Philosophen die Auflösung aller Rätsel in ihrem Pult liegen, und die dumme exoterische Welt hatte nur das Maul aufzusperren, damit ihr die gebratenen Tauben der absoluten Wissenschaft in den Mund flogen. Die Philosophie hat sich verweltlicht, und der schlagendste Beweis dafür ist, dass das philosophische Bewusstsein selbst in die Qual des Kampfes nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich hineingezogen ist. Ist die Konstruktion der Zukunft (…) nicht unsere Sache, so ist desto gewisser, was wir gegenwärtig zu vollbringen haben, ich meine die rücksichtslose Kritik alles Bestehenden, rücksichtslos sowohl in dem Sinne, dass die Kritik sich nicht vor ihren Resultaten fürchtet und ebenso wenig vor dem Konflikt mit den vorhandenen Mächten.
Ich bin daher nicht dafür, dass wir eine dogmatische Fahne aufpflanzen, im Gegenteil. Wir müssen den Dogmatikern nachzuhelfen suchen, dass sie ihre Sätze sich klar machen. So ist namentlich der Kommunismus eine dogmatische Abstraktion, wobei ich aber nicht irgendeinen eingebildeten und möglichen, sondern den wirklich existierenden Kommunismus, wie ihn Cabet, Dezamy, Weitling etc., lehren, im Sinn habe. Dieser Kommunismus ist selbst nur eine aparte von seinem Gegensatz, dem Privatwesen, infizierte Erscheinung des humanistischen Prinzips. Aufhebung des Privateigentums und Kommunismus sind daher keineswegs identisch, und der Kommunismus hat andere sozialistische Lehren wie die von Fourier, Proudhon etc., nicht zufällig, sondern notwendig sich gegenüber entstehen sehen, weil er selbst nur eine besondere, einseitige Verwirklichung des sozialistischen Prinzips ist.
Und das ganze sozialistische Prinzip ist wieder nur die eine Seite, welche die Realität des wahren menschlichen Wesens betrifft. Wir haben uns eben sowohl um die andere Seite, um die theoretische Existenz des Menschen zu kümmern, also Religion, Wissenschaft etc. zum Gegenstande unserer Kritik zu machen. Außerdem wollen wir auf unsere Zeitgenossen wirken, und zwar auf unsere deutschen Zeitgenossen. Es fragt sich, wie ist das anzustellen? Zweierlei Facta lassen sich nicht ableugnen. Einmal die Religion, dann die Politik sind Gegenstände, welche das Hauptinteresse des jetzigen Deutschlands bilden. An diese, wie sie auch sind, ist anzuknüpfen, nicht irgendein System wie etwa die Voyage en Icarie2ihnen fertig entgegenzusetzen.
Die Vernunft hat immer existiert, nur nicht immer in der vernünftigen Form. Der Kritiker kann also an jede Form des theoretischen und praktischen Bewusstseins anknüpfen und aus den eigenen Formen der existierenden Wirklichkeit die wahre Wirklichkeit als ihr Sollen und ihren Endzweck entwickeln. Was nun das wirkliche Leben betrifft, so enthält grade der politische Staat, auch wo er von den sozialistischen Forderungen noch nicht bewusster Weise erfüllt ist, in allen seinen modernen Formen die Forderungen der Vernunft. Und er bleibt dabei nicht stehen. Er unterstellt überall die Vernunft als realisiert. Er gerät aber ebenso überall in den Widerspruch seiner ideellen Bestimmung mit seinen realen Voraussetzungen.
Aus diesem Konflikt des politischen Staates mit sich selbst lässt sich daher überall die soziale Wahrheit entwickeln. Wie die Religion das Inhaltsverzeichnis von den theoretischen Kämpfen der Menschheit, so ist es der politische Staat von ihren praktischen. Der politische Staat drückt also innerhalb seiner Form alle sozialen Kämpfe, Bedürfnisse, Wahrheiten aus. Es ist also durchaus nicht unter der hauteur des principes3 die speziellste politische Frage – etwa den Unterschied von ständischem und repräsentativem System – zum Gegenstand der Kritik zu machen. Denn diese Frage drückt nur auf politische Weise den Unterschied von der Herrschaft des Menschen und der Herrschaft des Privateigentums aus. Der Kritiker kann also nicht nur, er muss in diese politischen Fragen (die nach der Ansicht der krassen Sozialisten unter aller Würde sind) eingehen. Indem er den Vorzug des repräsentativen Systems vor dem ständischen entwickelt, interessiert er praktisch eine große Partei. Indem er das repräsentative System aus seiner politischen Form zu der allgemeinen Form erhebt und die wahre Bedeutung, die ihm zu Grunde liegt, geltend macht, zwingt er zugleich diese Partei, über sich selbst hinauszugehen, denn ihr Sieg ist zugleich ihr Verlust.
Es hindert uns also nichts, unsre Kritik an die Kritik der Politik, an die Parteinahme in der Politik, also an wirkliche Kämpfe anzuknüpfen und mit ihnen zu identifizieren. Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien. Wir sagen ihr nicht: Lass ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschreien. Wir zeigen ihr nur, warum sie eigentlich kämpft, und das Bewusstsein ist eine Sache, die sie sich aneignen muss, wenn sie auch nicht will.
Die Reform des Bewusstseins besteht nur darin, dass man die Welt ihr Bewusstsein inne werden lässt, dass man sie aus dem Traum über sich selbst aufweckt, dass man ihre eigenen Aktionen ihr erklärt. Unser ganzer Zweck kann in nichts anderem bestehen, wie dies auch bei Feuerbachs Kritik der Religion der Fall ist, als dass die religiösen und politischen Fragen in die selbstbewusste menschliche Form gebracht werden.
Unser Wahlspruch muss also sein: Reform des Bewusstseins nicht durch Dogmen, sondern durch Analysierung des mystischen sich selbst unklaren Bewusstseins, trete es nun religiös oder politisch auf. Es wird sich dann zeigen, dass die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von dem sie nur das Bewusstsein besitzen muss, um sie wirklich zu besitzen. Es wird sich zeigen, dass es sich nicht um einen großen Gedankenstrich zwischen Vergangenheit und Zukunft handelt, sondern um die Vollziehung der Gedanken der Vergangenheit. Es wird sich endlich zeigen, dass die Menschheit keine neue Arbeit beginnt, sondern mit Bewusstsein ihre alte Arbeit zustande bringt.
Wir können also die Tendenz unseres Blattes in ein Wort fassen:
Selbstverständigung (kritische Philosophie) der Zeit über ihre Kämpfe und Wünsche. Dies ist eine Arbeit für die Welt und für uns. Sie kann nur das Werk vereinter Kräfte sein. Es handelt sich um eine Beichte, um weiter nichts. Um sich ihre Sünden vergeben zu lassen, braucht die Menschheit sie nur für das zu erklären, was sie sind.
1 Gemeint sind die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“, eine von Arnold Ruge und Karl Marx gemeinsam herausgegebene oppositionelle Zeitschrift, deren einzige Ausgabe (als Doppelheft) im Februar 1844 in Paris erschien.
2 Reise nach Ikarien, utopischer Roman des frz. Sozialisten Étienne Cabet.
3 Höhe der Prinzipien.
Das demokratische Prinzip ist die bewusste Selbstbestimmung, welche die ganze Gesellschaft durchdringt und bewegt. Die Anwendung des demokratischen Prinzips auf Eigentum, Arbeit und Verkehr ist die Lösung der sozialen Frage, die Durchführung des demokratischen Prinzips in der ökonomischen, der politischen und der freien Gemeinde, oder in der sozialen, politischen und idealen Welt ist die Gründung des sozialdemokratischen Freistaates.
Der Grundpfeiler des sozialdemokratischen Freistaates ist die Einsicht, welche jede (auch die ökonomische) Sklaverei in ihrer Quelle entdeckt und sofort den Willen und die Macht erzeugt, sie zu entfernen, sei es aus dem eigenen Gemüt, sei es aus der Gesellschaft. Dieser Reinigungsprozess der sittlichen und der Gedankenwelt (der Ideen und des Willens, des theoretischen Geistes und der Praxis) hört nie auf; er beginnt in unserer Zeit mit dem Grundsatze: Es gibt keine Autorität in der Gedankenwelt und keinen Dienst, weder in der politischen noch in der sozialen Welt. Es ist darum schwer, die Staatsform zu erreichen, welche auf der bewussten Selbstbestimmung beruht. Die Menschen sind geneigt, fünf gerade sein zu lassen, ihre Gedanken von Anderen zu nehmen und ihren eigenen Willen einem fremden leichtsinnig zu unterwerfen. Im freien Volksstaat darf aber niemand je die Prüfung alles dessen, was geschieht, unterlassen und keiner blind einem Führer oder Unternehmer folgen; das erste Erfordernis der Freiheit ist, jeder urteile und handele selbst. Das Gemeinwesen ist seiner Freiheit erst sicher, wenn das Urteil und der Wille aller soweit gereift sind, dass die Mehrheit nie Beschlüsse fasst, welche die Selbstbestimmung der geistigen, der politischen und der sozialen Menschheit wieder aufheben und Einzelnen die Sorge für alle zu denken und zu wollen übertragen. Die Gründe, aus denen die Menschen ihre Freiheit verlieren, sind immer ihr Mangel an eigenem Urteil und eigenem Willen. Wie im politischen Gemeinwesen, so in der Gewerbs- und Handelssozietät. Weiterlesen
Aber so schwer es deshalb ist, die wahre Staatsform und die Sozietät freier Teilnehmer zu gründen und festzuhalten, so gewinnt doch im Verlauf der Fortbildung des Menschengeschlechts die Demokratie in der Geistesbildung, in der Politik und im Sozialismus notwendig das Übergewicht, weil es zuletzt im Interesse aller liegt, an der Stelle des Betrugs die Wahrheit, an der Stelle des Hässlichen das Schöne, an der Stelle des Unrechtes das Recht, an der Stelle der Ausbeutung gegenseitige freie Leistung, an der Stelle des Elends gesicherte menschliche Zustände zu erblicken. Nicht, dass es dem Menschen gegeben wäre, jede Abweichung vom Recht, von schönen Formen, von der Wahrheit und von der menschlichen Lage der Menschheit unmöglich zu machen; aber er vermag in seiner Staats- und Gemeindeordnung das Recht, die Schönheit, die Wissenschaft und die Humanität zur Herrschaft zu bringen, und was die schwierigste, die noch nie erreichte Voraussetzung von alledem ist, er vermag die Sozietät freier Teilnehmer zu gründen.
Die Aufgabe des sozialdemokratischen Freistaates ist, die wahre Humanität in dem idealen Gebiet (Wissenschaft, Kunst, Religion), im politischen Gebiet (in Staats- und Völkergemeinschaft) und im sozialen Gebiet (in der Sozietät freier und gleicher Teilnehmer) zu konstituieren. Die Einrichtungen der menschlichen Gesellschaft in allen drei Gebieten sollen darauf angelegt sein, den wahren Menschen hervorzubringen.
2. Der Demokrat
Die menschliche Gesellschaft soll so eingerichtet sein, dass sie den wahren Menschen hervorbringt.
Noch hat es kein Staat der Erde erreicht, dass er in allen Dingen auf die Hervorbringung und Sicherung der Menschenwürde in jedem Menschen angelegt ist und hinarbeitet. Freistaaten, welche geistige und industrielle, ja, welche wirkliche Sklaverei dulden, wechseln auf der bewohnten Erde mit Despotien, welche die Ungerechtigkeit in Gesetz und Sitte, die Entwürdigung der Menschen durch ihre Einrichtungen geflissentlich festhalten. Die einen wollen zwar die Würde des Menschen, können sie aber in Gesetz, Institutionen und Sitten nicht überall erreichen; die anderen hingegen gründen sich geradezu auf die Entwürdigung aller, denn selbst ein unverantwortlicher Dalai-Lama ist ein entwürdigter Mensch.
Wir können daher nicht sagen, die Welt ist so weit gekommen, dass die Einrichtungen der menschlichen Gesellschaft den wahren Menschen mit einiger Sicherheit hervorbringen; im Gegenteil, es kostet jeden noch immer einen harten Kampf mit den Verhältnissen, wenn er aus eigener Kraft zu dem sich emporarbeitet, was der Mensch sein soll. Der Kampf mit sich, mit anderen Menschen und mit der Natur wird keinem je erlassen; aber die Verhältnisse des Staates, der Gemeinde, der Familie können so geordnet sein, dass sie die Ausbildung des wahren Menschen nicht hindern, sondern unterstützen.
Der Demokrat will diese öffentlichen Einrichtungen und Sitten, er will also vor allen Dingen die Jugend der Demokratie sichern, sie urteilsfähig und willenskräftig, arbeitsfähig und geschäftskundig machen und sie vor Verderbnis und Entwürdigung bewahren.
Die unbefangene Jugend ist demokratisch. Die Gleichheit ist in ihren Sitten, die Freiheit ist ihre Sehnsucht und ihre Leidenschaft, die Schönheit ist sie selbst und der Wahrheit setzt nur sie kein Vorurteil entgegen, die Jugend allein weiß die Wahrheit zu schätzen und für sie zu erglühen und zu dulden. Die Jugend ist die natürliche Demokratie, die Jugend frei organisieren, heißt die Menschheit retten, diese Organisation der Jugend allgemein machen, heißt die Demokratie gründen.
Der Demokrat ist der Jüngling, den das frei organisierte Jugendleben hervorbringt. Sein Stolz ist die Gleichheit, seine Leidenschaft die Freiheit, seine Liebe die Schönheit und seine Gedanken sind keiner Autorität und keiner blinden Überlieferung untertan; er prüft und entscheidet von sich aus. Der Demokrat verliert nie den Aufschwung der Jugend, ihr Rechtsgefühl und ihren Idealismus, noch in seinem höchsten Alter ist die Jugend seine Pythia, ihrem Gefühl traut er mehr als seiner Weisheit. Er verliert nie Rezeptivität gegen die allgemeine Geistesbewegung. Aber er lässt sich von dem Gefühl nie zum blinden Vertrauen gegen hervorragende Männer hinreißen, welche die Strömung des Geistes leiten. Er findet es der Gleichheit nicht entgegen, dass ein denkender Mann in der Volksgemeinde den Ausschlag gibt, aber er ist unbedingt für den Ostrazismus gegen die Götzen der Menge. Der wahre Ostrazismus aber ist ihm die Bildung des Volks; der Demokrat weiß, dass ein ungebildetes Volk immer in die Hände von Gauklern, Pfaffen und Verführern fällt, und dass nur die allgemein verarbeiteten Prinzipien der Freiheit und nur die edelste Geistesverfassung des Volkes den wahren Staat und den wahren Menschen hervorbringen können. Er ist darum ein Gegner der rohen Natur und sucht die Demokratie nicht in der Plumpheit, in der wüsten Gestalt und in dem Hass der Kunst, vielmehr denkt er die Schönheit seines Volkes gymnastisch und künstlerisch und seine eigene körperlich und geistig hervorzubringen. Er sieht in den Feinden der Philosophie und der Kunst, wenn sie keine Dummköpfe sind, die gefährlichsten Feinde der Demokratie. Er kann nur die Humanität zum Grundsatz, zum Gesetz und zur Sitte erheben wollen; er hasst und verfolgt die Rohheit, die Grausamkeit, die Liederlichkeit und die Frivolität. Nur die edle Leidenschaft, nur die sittliche Entrüstung hat eine weltverjüngende Macht, nie hat der wilde Frevel und das Gelüst der Gemeinheit eine Revolution gemacht; dieser Wahnsinn ist der ärgste Gegner aller wahren Volkserhebung. Der Demokrat wird im gerechten Zorn die Feinde der Menschheit vertilgen, er sieht in dem Schrecken vor der sittlichen Entrüstung des Volks und vor der Rache der Unterdrückten einen tragischen Akt der Weltgeschichte – dieser Schrecken ist das Gewissen der Verruchten, die bis dahin gewissenlos waren –, aber er wird nie der Ansicht huldigen, die Freiheit durch organisierte Tyrannei zu gründen und durch Blutgerichte zu verteidigen. Die Autokraten und Müßiggänger des alten Systems wird er nicht töten, sondern durch Kolonisierung für die Menschheit wieder zu gewinnen suchen, wenn eine große Maßregel über das Schicksal des Volks und seiner Feinde entscheiden muss. (…)
Der Sieg der Demokratie wird ihre Gegner sehr erschrecken, denn es ist der Boden unter ihren Füßen, den er hinwegnimmt. Sie gingen, wie die Göttin des Frevels beim Homer, mit weichen Füßen auf den Köpfen der Menschen einher; plötzlich regt und schüttelt sich dieser Boden tausend und millionenfältig; entsetzt finden sie sich auf der rauen Erde gleich wie die anderen Menschenkinder. (…)
Ich habe gesagt, was der Demokrat ist, und wie er hervorgebracht wird. Ich hätte nicht hinzugefügt, was er nicht ist, wenn nicht die Leidenschaft der Rache, welche nach den Gräueln der letzten Zeit das Volk bis ins Innerste ergriffen hat, jetzt von vielen für die einzige Politik der Demokratie ausgegeben würde. Es kann vielen begegnen, dass sie in dieser Leidenschaft der Rache auf- und untergehen, nur die Leidenschaft führt zum Sieg; aber die Demokratie muss den Tag der Rache überleben und am ersten Tage des Sieges das Reich der Vernunft und Humanität nicht nur proklamieren, sondern auch in den Maßregeln betätigen. So lag der Fehler der provisorischen Regierung der Republik nicht in den Grundsätzen des Friedens, die sie proklamierte, sondern darin, dass sie den Schein des Sieges für den wirklichen Sieg nahm und der Leidenschaft mitten im Kampf die Spitze abbrach. Die Revolution ist dadurch nur um so blutiger geworden, man hat den Kampf, den man beendigen wollte, nur verlängert. (…)
Die veränderte Stellung der Frauen haben wir nur mit Einem Worte erwähnt, als wir sie gleichberechtigte Teilnehmer am Geschäft der Gesellschaft nannten. In der Landgemeinde, wo sie überall wesentlich mitwirken, wird man nicht daran denken, sie zurückzusetzen; in der städtischen Gemeinde hingegen hat das Lohnverhältnis sie so weit entwürdigt, dass ein Teil von ihnen sogar ein Gewerbe daraus macht, für Lohn sich preiszugeben; die selbstständigen Geschäfte, welche ihnen hier übrig bleiben, sind fast alle nicht einträglich; als Dienerinnen haben sie eine wenig geachtete Stellung; als Töchter in der vornehmen Familie arbeiten sie nicht mit; und als wohlhabende Hausfrauen sind sie die weibliche Herrschaft, die ebenfalls nicht mitarbeitet. Hiervon machen nur die Hausfrauen der Kleinbürger eine Ausnahme, welche die Eigenschaft der Magd und der Hausfrau in sich vereinigen. Die Rolle der Frauen in der Gesellschaft, zuerst die Verjüngung der ganzen Gesellschaft durch die Kinder, die sie zur Welt bringen, und die Pflege der ersten Jugend, dann die Pflege der Schönheit und der Liebe, endlich die Geschäfte des Hauses und der Privatökonomie, – alles dies ist über die gewöhnliche Schätzung erhaben, weil genau genommen, nicht irgend ein Produkt für die Gesellschaft, sondern die ganze Gesellschaft selbst in ihrer Verjüngung und Idealisierung das Produkt der weiblichen Tätigkeit ist. Ökonomisch werden die Frauen deshalb zu niedrig gestellt. Sie verdienen eine gesellige Bevorzugung und eine ökonomische Gleichstellung, weil ihre Produktivität und ihr wesentliches Geschäft über alle Schätzung erhaben ist. Sie aber vor allen müssen dem Lohnverhältnis, worin der Mensch seine Tätigkeit einem fremden Willen preisgibt, entzogen werden, damit sie nicht in Versuchung geraten, sich selbst, die Liebe und die Schönheit zu verkaufen. Nichts veredelt ein Volk mehr als die Achtung vor dem weiblichen Geschlecht; nichts befreit es sicherer als die gesellschaftliche, d. h. die ökonomische Emanzipation der Frauen.
Keine Dienerinnen, keine Prostitution; keine Herrin, keine Überhebung. Die schöne Humanität beginnt erst mit der Aufnahme der Frauen in die Sozietät unter der Anerkennung, dass sie kein Beiwerk und kein untergeordneter Teil der produktiven Gesellschaft, sondern die Schöpfer ihrer Existenz, ihres Gedeihens und ihrer Veredlung sind. (…)
Deutsch-Französische Jahrbücher, Paris 1844.
Zwei Jahre in Paris. Studien und Erinnerungen, Leipzig 1846 (2 Bände).
Die Akademie. Philosophisches Taschenbuch, Leipzig 1848 (2 Bände).
Gesammelte Schriften (10 Bände), Mannheim 1846-1848 (Verlag J.P. Grohe).
Die Gründung der Demokratie in Deutschland, Leipzig 1849.
Reden in der Frankfurter Nationalversammlung, in: Stenographischer Bericht über die Verhandlungen der deutschen konstituierenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main, hrsg. von F. Wiegard.
Stefan Walter: Demokratisches Denken zwischen Hegel und Marx: Die politische Philosophie Arnold Ruges. Eine Studie zur Geschichte der Demokratie in Deutschland, Düsseldorf 1995.
Lars Lambrecht (Hrsg.): Arnold Ruge (1802–1880). Beiträge zum 200. Geburtstag, Frankfurt am Main 2002.
Wolfgang Ruge: Arnold Ruge 1802–1880, Fragmente eines Lebensbildes, hrsg. von Friedrich-Martin Balzer, Bonn 2004.
Helmuth Reinalter (Hrsg.): Die Junghegelianer: Aufklärung, Literatur, Religionskritik und politisches Denken, Frankfurt am Main 2010.
Martin Hundt (Hrsg.): Der Redaktionsbriefwechsel der Hallischen, Deutschen und der Deutsch-Französischen Jahrbücher (1837–1844). 3 Bde., Berlin 2010.
Helmut Reinalter: Arnold Ruge (1802–1880). Junghegelianer, politischer Philosoph und bürgerlicher Demokrat, Würzburg 2020.
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