LOUISE ASTON
Abb.: Sammlung Stadtmuseum Berlin
Für ihre männlichen wie auch für viele weiblichen Zeitgenossen war Louise Aston eine Provokation: eine geschiedene Frau und alleinerziehende Mutter, die mit Männern in Gasthäuser geht, dort über Politik und Religion debattiert, in der Öffentlichkeit Zigarren raucht, die Ehe ein Zwangsinstitut nennt und die „freie Liebe“ propagiert. Wo sie auftritt, sorgt sie für Aufsehen. „Ehrsame“ Bürger beschweren sich über sie – bis die Behörden schließlich eingreifen und sie, wegen „Unsittlichkeit“, aus Berlin, ihrer Wahlheimat als Schriftstellerin, ausweisen. Dagegen – auch das ein Skandal – legt sie öffentlich Protest ein. In ihrem Bericht „Meine Emancipation“ wie auch in ihren Romanen und Gedichten wird deutlich, dass ihr Verstoß gegen die „guten Sitten“ wohl das kleinere Übel war, über das man noch hätte hinwegsehen können. Sie rief aber zugleich zur Revolution auf, machte die Demokratie zu ihrer Sache. Es ging ihr nicht primär um „Selbstverwirklichung“, das auch. Ihre Emanzipation war vielmehr Teil einer allgemeinen Befreiung aus den Zwängen der herrschenden feudalen und klerikalen Ordnung. Das machte sie für die Staatsmacht zu einer „höchst gefährlichen Person“.
Am 26. November wird Louise als jüngstes von fünf Kindern des evangelischen Theologen und Konsistorialrats Johann Gottfried Hoche und seiner Ehefrau Louise in Gröningen bei Halberstadt geboren.
Nach einer durchaus als „behütet“ zu bezeichnenden Kindheit drängen die Eltern Louise, 20-jährig, in eine „Konventionsehe“; ein passender – sprich: vermögender – Mann hatte um ihre Hand angehalten. Trotz heftigem Widerstand heiratet sie am 4. Mai den 23 Jahre älteren Samuel Aston, einen englischen Ingenieur, der in Magdeburg eine florierende Firma betreibt.
Die Ehe zwischen der lebenshungrigen Frau, die mit ihrer Freizügigkeit in Magdeburg wiederholt Skandale provoziert, und dem autoritären Unternehmer wird im November 1838 auf Betreiben Samuel Astons geschieden.
Am Krankenbett einer gemeinsamen Tochter kommt sich das Paar wieder näher und heiratet im September 1841 ein zweites Mal.
Auch die zweite Ehe scheitert und wird erneut geschieden. Louise Aston verlässt ihren Mann und zieht, samt Tochter, nach Berlin. Sie möchte sich hier einen Namen als Schriftstellerin machen, erwirbt aber zunächst und vor allem den Ruf einer exaltierten, gegen alle Konventionen verstoßenden „Emanzipierten“.
Mit Order vom 19. März 1846 wird sie aufgrund anonymer Beschwerden „ehrbarer“ Bürger aus Berlin ausgewiesen. Noch im selben Jahr erscheint ihr öffentlicher Protest dagegen: „Meine Emancipation. Verweisung und Rechtfertigung“. Louise Aston weicht nach Köpenick aus, wo in kurzer Folge auch ihre ersten Romane entstehen.
Im April 1848 schließt sie sich den „Berliner Freischaren“ an, um – im Sinne des „nationalen Gedankens“ – die Einverleibung Schleswig-Holsteins durch Dänemark zu verhindern. Sie pflegt als Freiwillige verwundete Soldaten und lernt dabei auch ihren zweiten Mann kennen, den Arzt Daniel Eduard Meier aus Bremen. Als der Krieg Preußens gegen Dänemark mit einem von England, Frankreich und Russland erzwungenen Waffenstillstand endet, werden die Freischaren aufgelöst.
Louise Aston kehrt nach Berlin zurück, wo sich die Behörden nach den Märzereignissen einen demokratischeren Anstrich zu geben versuchen. Sie gründet eine Zeitschrift – „Der Freischärler. Für Kunst und soziales Leben“ –, deren erste Nummer im November 1848 erscheint. Nach nur sieben Ausgaben wird die Zeitschrift verboten und Louise erneut aus Berlin ausgewiesen.
Dr. Meier, der in Bremen eine Klinik leitet, wird vom Senat zur Trennung von der „Dame Aston“ gedrängt, die für die Stadt eine „Belastung“ darstelle. Der Arzt weist die Forderung empört zurück und wird daraufhin entlassen. Aus der Folgezeit ist wenig bekannt. Aston folgt ihrem Mann an wechselnde berufliche Wirkungsstätten.
Am 21. Dezember 1871 stirbt Louise Aston an den Folgen eines sie seit längerer Zeit plagenden Lungenleidens.
Bahman Nirumand
Kürzlich forderte die Autorin und Politikwissenschaftlerin Emilia Roig im Spiegel die Abschaffung der Ehe, das „Ende einer obsoleten Institution, die die Ungleichheit und Unterdrückung der Frauen in unserer Gesellschaft produziert und aufrechterhält“. „Die Liebe, die innerhalb vieler Ehen gelebt wird, braucht die Ehe nicht“, schrieb sie.
Etwa dieselbe Auffassung vertrat bereits vor knapp zweihundert Jahren die Autorin und Dichterin Louise Aston. Sie war siebzehn Jahre alt, als sie auf Drängen ihrer Eltern den wohlhabenden englischen Fabrikbesitzer Samuel Aston heiratete. Aston war bereits Vater von vier unehelichen Kindern, gezeugt von drei verschiedenen Frauen. Weiterlesen
Louise Aston
Freiem Leben, freiem Lieben bin ich immer treu geblieben
Erschienen am 05.10.2023
Taschenbuch mit Klappen, 160 Seiten
€ (D) 14,– / € (A) 14,40
ISBN 978-3-462-50007-3
Was konnte Louise, diese junge, schöne Frau, die am Anfang ihres Erwachsenenlebens stand, mit dem 23 Jahren älteren, biederen Mann anfangen? Sie durstete nach einem erfüllten Leben, in dem sie ihre Begabungen und Sehnsüchte erfüllen und sich selbst verwirklichen konnte. Den Mann, mit dem sie ihr Leben verbringen sollte, liebte sie nicht, spürte keinerlei Gefühle für ihn. Sie leistete Widerstand, rebellierte, wollte aus dieser muffigen Atmosphäre, in der es keine Liebe gab und sie ihren Fantasien, ihren emotionalen Wünschen und geistigen Bestrebungen nicht nachgehen konnte, ausbrechen. Durch ihre Erfahrung in dieser Ehe, in der sie materiell alles zur Verfügung hatte, was sie sich hätte wünschen können, in der es aber keine Emotionen, keine Liebe gab, gelangte sie zu der Überzeugung, dass die Ehe weder notwendig noch heilig und das vermeintliche Glück „meistens ein erlogenes und erheucheltes ist“. Die Ehe verberge „in ihrem Schoß alle Verwerflichkeit und Entartung“, schrieb sie später. „Ich kann ein Institut nicht billigen, das mit der Anmaßung auftritt, das freie Recht der Persönlichkeit zu heiligen, ihm eine unendliche Weihe zu erteilen, während nirgends gerade das Recht mehr mit Füßen getreten und im Innersten verletzt wird als in der Ehe; ein Institut, das mit der höchsten Sittlichkeit prahlt, während es jeder Unsittlichkeit Tor und Tür öffnet; das einen Seelenbund sanktionieren will, während es meistens nur den Seelenhandel sanktioniert.“ Die Ehe mache etwas zum Eigentum, was nimmer Eigentum sein könne.
Kämpferisch und mutig fordert Louise Aston, „das Recht und die Würde der Frauen in freien Verhältnissen, in einem edleren Kultus der Liebe wiederherzustellen“. Es sei die höchste Schande, sich selbst wegzuwerfen, zu erniedrigen. Aber genau dies werde durch die Ehe „vor aller Welt zur Ehre gestempelt“. Unerhörte Worte zu jener Zeit, wie man sie allenfalls von der legendären französischen Schriftstellerin George Sand kannte.
Nach langem Kampf und mehreren Trennungen kommt der endgültige Bruch. Die Ehe wird geschieden, Louise macht sich mitsamt ihrer dreijährigen Tochter auf den Weg ins Ungewisse. Doch die Welt, die sie draußen vorfand, war alles andere als ein Ort, in dem das Recht der Frau auf Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung akzeptiert wurde. Der preußische Polizeistaat, der von der Krone und dem Adel beherrscht wurde und deren scheinheilige Moral duldeten kein Ausscheren einer Frau aus der Ehe in die Freiheit. Die Familie galt als eine unantastbare Säule der Staatsmacht. Sie in Frage zu stellen und das Recht der Frauen auf Freiheit und Selbstbestimmung zu fordern, galt als ein unverzeihliches Vergehen, das nicht geduldet werden durfte.
Louise Aston beharrte aber mutig auf ihrem Recht zu einem selbstbestimmten Leben. Sie begab sich nach Berlin, dem Zentrum des Geistes und der Kultur im damaligen Königreich Preußen, mit dem Ziel, ihren literarischen Ambitionen nachgehen zu können. Hier nahm sie in Kreisen von Intellektuellen, Schriftstellern und Künstlern an Debatten teil, wo sie bald durch ihren außergewöhnlichen Lebenswandel, ihr provozierendes Auftreten und ihre radikalen Ansichten als „Emanzipierte“, aber auch durch ihre geistigen Fähigkeiten auffiel und geehrt und geachtet wurde – Grund genug für selbsternannte Sittenwächter, sie öffentlich zu denunzieren. In einem Artikel der Deutschen Allgemeinen Zeitung wurden ihr Ansichten und Aktivitäten unterstellt, deren Verbreitung, nach Meinung des Autors, eine „große Gefahr für die Gesellschaft“ bildete. Sie missachte moralische Grundsätze, wolle Familien zerstören, verführe ehrbare Männer, ja, sie leugne sogar Gott, wurde ihr in dem Artikel vorgeworfen. Auch anonyme Moralisten (und Moralistinnen) schickten verleumderische Briefe gegen sie an die Polizei, was die Behörde zum Vorwand nahm, Louises Aufenthaltserlaubnis für Berlin nicht zu verlängern und sie aufzufordern, binnen acht Tagen die Stadt zu verlassen. Die Frau, begabt mit „exzentrischen Ideen“, habe sich in Kreisen von Literaten und Intellektuellen durch „frivole und gegen bestehende Ordnung gerichtete Ansichten bemerkbar gemacht“, habe „im Verein mit anderen Frauenpersonen“ geraucht und getrunken und sich kritisch über Politik und Religion geäußert, hieß es in einem Brief des Berliner Polizeipräsidiums an den preußischen König. Ihr Plan sei, Frauenorganisation zu gründen und die Bevölkerung für den Kampf für Frauenrechte zu mobilisieren. Zwar könne man ihr nicht unterstellen, „einen liederlichen Lebenswandel“ zu führen. Doch sie verstoße mit ihrem Verhalten gegen „Sitte und Schicklichkeit“, was Zeitungen und Bürger dazu veranlasst habe, öffentlich gegen sie Stellung zu nehmen. Sie habe sogar bei ihrer Vernehmung ohne Scheu zugegeben, dass sie die Ehe für ein „unsittliches Institut“ halte und behauptet, die Menschen würden erst glücklich sein, wenn es keine Ehe gebe.
Louise setzte sich gegen ihre Ausweisung zur Wehr – ein bis dahin einmaliger Widerstand seitens einer Frau –, wandte sich an den Polizeipräsidenten, den Innenminister, ja, sogar an den König. Doch alle Ihre Versuche waren vergeblich, sie musste die Stadt verlassen. Den ganzen Vorgang schilderte sie in der Schrift: „Meine Emanzipation, Verweisung und Rechtfertigung“, die 1846 in Brüssel erschien (und die in diesem Band enthalten ist).
Trotz der willkürlichen Maßnahme des Polizeistaates setzte Aston ihren Kampf für die Rechte der Frauen fort. „Ich richte meine Klage gegen den allgemeinen Geist der Reaktion, der uns mit einer zivilisierten Inquisition bedroht. Auch wir sind mündig und wollen kämpfen für unsere Freiheit, für unser Recht“, schrieb sie. Sie wendete sich gegen die scheinheilige Moral, die von den Kanzeln gepredigt werde. „Ich nehme das Recht in Anspruch, auf meine Façon selig zu werden“, betonte sie. Sie sei überzeugt, „dass gerade über die maßlose religiöse Heuchelei dieser Zeit über kurz oder lang der Tag des Gerichtes hereinbrechen und den allgemeinen Unglauben strafen wird“.
„Das Weib kann nur wahrhaft lieben, wenn und insofern es frei ist, und nur dann wahrhaft frei ist, wenn es liebt“, schreibt Aston in ihrem Roman „Lydia“. Es gehe dabei aber nicht allein um Freiheit der Gefühle und Empfindungen, sondern um Freiheit überhaupt, um soziale Freiheit, um die allgemeinen Rechte des Individuums. „Das wahrhaft Menschliche muss überall triumphieren.“ Das Idealbild der Männer sei ein „kräftiges Landmädchen“, das die Pflichten als Hausfrau und Mutter erfülle und „den Kochlöffel und das Waschfass zu regieren verstände“, spottete sie. Man sollte sich aber fragen, wie es dazu kommt, dass gerade die „edelsten, gebildetsten“ Frauen diese Pflichten vernachlässigen.
Aston weist zu Recht immer wieder auf den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Gleichberechtigung und der sozialen und politischen Lage hin. Die Gleichberechtigung könne nur dann zustande kommen, wenn Frauen und Männer in allen Bereichen gleiche Chancen haben würden. Daher reichte ihr Engagement weit über den Einsatz für die Rechte der Frauen hinaus. Sie unterstützte die revolutionäre Bewegung für Freiheit und Demokratie, die im März 1848 ihren Höhepunkt erreichte, sie nahm sogar als Pflegerin an den Kämpfen in Schleswig-Holstein aktiv teil und wurde dabei verwundet. In ihren Gedichten und Schriften beklagt sie die Unterdrückung und Ausbeutung der Massen durch den Adel und die Fürstenstaaten. Während eine kleine Minderheit in Reichtum schwelge, nage das gemeine Volk am Hungertuch, klagte sie.
Die Revolution scheiterte. Aston konnte vermutlich nicht ahnen, dass der Kampf der Frauen um Gleichberechtigung, an dem sie führend beteiligt war, auch nach fast zweihundert Jahren sein Ziel nicht erreichen würde. Es bedurfte den opfervollen Einsatz von Frauenverbänden, Gewerkschaften und zahlreichen Einzelpersonen und einer kontinuierlichen, mühsamen Aufklärungsarbeit, bis in wenigen Ländern der Welt Schritt für Schritt Gleichberechtigung und Chancengleichheit zumindest als Grundsatz in die Verfassung aufgenommen wurden. In Deutschland wurde erst in der Weimarer Republik Frauen das Wahlrecht zugesprochen, in Frankreich 1944, in der Schweiz sogar erst 1971. Inzwischen werden in allen diesen Ländern die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern ebenso wie das Prinzip gleicher Lohn für gleiche Arbeit, wenn auch noch nicht in der Praxis, gesetzlich akzeptiert. Immer mehr Frauen werden in hohen Positionen in der Wirtschaft und Politik an wichtige Entscheidungen beteiligt. Dennoch gibt es noch zahlreiche Felder, bei denen Frauen benachteiligt werden.
Schaut man aber über diese wenigen Länder hinaus, dann findet man Gesellschaften, in denen Frauen Jahrzehnte, gar Jahrhunderte von einer Gleichberechtigung entfernt sind. Dieser Rückstand liegt vor allem darin begründet, dass Frauenemanzipation, wie auch Aston meinte, unmittelbar mit der sozialen und politischen Lage, aber auch mit der Religion und nicht zuletzt der Kultur eines jeweiligen Landes verbunden ist. In Afghanistan zum Beispiel, wo die islamistischen Taliban seit August 2021 wieder an die Macht gelangt sind, haben Frauen kaum noch Rechte. Ihre Bewegungsfreiheit ist stark eingeschränkt, sie dürfen nur in Begleitung eines männlichen Blutverwandten öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Am besten sollen sie ihre Häuser überhaupt nicht verlassen, in dringenden Fällen müssen sie sich voll verschleiern. Frauen und Mädchen wird generell das Recht auf Bildung untersagt. Weiterführende Schulen für Mädchen sind nicht gestattet.
Aber auch Länder wie Afghanistan bleiben von äußeren Einflüssen und inneren Kämpfen nicht verschont. Die Globalisierung und vor allem das Internet und die sozialen Netzwerke brechen die von Diktaturen zur Isolierung der eigenen Bevölkerung errichteten ideologischen, kulturellen und politischen Dämme und tragen damit einen Strom von neuen Ideen und Lebensauffassungen in die Länder hinein, nicht zuletzt Ideen über die Rolle und Stellung der Frauen in der Gesellschaft. Das beste Beispiel dafür ist Iran, wo seit 43 Jahren Islamisten versuchen, dem Volk ihre Ideologie und ihre Vorstellung von Moral und Sittlichkeit aufzuzwingen, worunter die Frauen am meisten zu leiden haben. Aber gerade Frauen haben in all den Jahren mutig und unerbittlich um ihre Rechte gekämpft.
Im September vergangenen Jahres brachte ein Ereignis das Fass zum Überlaufen. Die 22-jährige Mahsa Amini wurde von der Sittenpolizei festgenommen, weil Haarsträhnen aus ihrem Kopftuch herausschauten. Nach drei Tagen starb sie infolge von Misshandlungen. Dieses entsetzliche Verbrechen lieferte den Anlass zu einer von Frauen geführte landesweite Protestbewegung, die ein Ende des islamischen Gottesstaates forderte. Hunderte, gar tausende von Frauen nahmen öffentlich ihre Kopftücher ab, schwenkten sie in der Luft, warfen sie ins Feuer und tanzten um die lodernden Flammen herum. Viele Frauen schnitten aus Protest ihre Haare ab. Das Regime reagierte mit brutalster Gewalt. Es gab zahlreiche Tote, Verletzte und tausende Festnahmen von Demonstrantinnen und Demonstranten, die in den Kerkern gefoltert wurden. Einige Rebellierende wurden öffentlich hingerichtet. Doch die mutigen Frauen und Männer, ließen nicht nach, leisteten mit leeren Händen den bewaffneten Schergen des Regimes gegenüber Monate lang Widerstand. Zwar haben sie ihr Ziel, das Regime zu stürzen, nicht erreicht. Doch dieser Aufprall der Moderne auf die anachronistische, frauen- und menschenfeindliche, religiös verbrämte Ideologie hat die Säulen des Regimes erschüttert und die bestehenden Widersprüche im islamischen Lager erheblich verschärft, so dass das Regime nicht mehr in der Lage zu sein scheint, den Widerstand zu bändigen. Heute sieht man auf den Straßen Irans unzählige Frauen ohne Kopftuch. Eine Rückkehr zu den Zeiten vor der Rebellion ist nicht mehr denkbar. „Frau, Leben, Freiheit“ – so hätte auch das Motto Louise Astons lauten können – ist die vielsagende Parole der Bewegung, die mit Recht die Frauenemanzipation als untrennbaren Bestandteil eines neuzugestaltenden Lebens in Freiheit betrachtet, eines Lebens, in dem es gleiche Recht und Chancen für freie Bürgerinnen und Bürger gibt.
Bemerkenswert ist auch die weltweite Solidarität, die der Rebellion zuteilwurde. International berühmte Schauspielerinnen schnitten öffentlich ihre Haare ab. Künstler, Schriftsteller, Journalisten, auch Politiker aus aller Welt bekundeten ihre Solidarität mit dem Widerstand in Iran – ein Indiz dafür, dass der Kampf um die Rechte der Frauen, für die Louise Aston ein Leben lang gekämpft hat, längst nicht mehr eine nationale Angelegenheit ist.
Louise Aston hat viel erreicht, aber noch längst nicht gewonnen. Nach wie vor bedarf es mutiger Frauen wie sie. Überall. In vielen Teilen der Welt sind Frauen immer noch praktisch rechtlos, die Menschenrechte werden ihnen vorenthalten, sie sind Menschen „minderer Klasse“, die ihre Bedürfnisse, Talente, Potentiale nicht entfalten dürfen – und die, wenn sie es dennoch versuchen, mit brutalen Strafen rechnen müssen. Aber auch in den aufgeklärten, demokratischen Ländern ist, obzwar dank Frauen wie Aston viel erreicht wurde, noch längst nicht alles beim Besten. Gewalt gegen Frauen, Frauenmorde, ungleiche Bezahlung, alltägliche Diskriminierungen gehören keiner fernen Vergangenheit an, sondern sind Teil auch der „westlichen“ Gegenwart. Umso bewundernswerter, dass es – ebenfalls überall – auch heute Frauen wie Louise Aston gibt, die, wie sie, selbst höchste Risiken in Kauf nehmen, um dagegen aufzubegehren.
Einleitung
Eine Frau, die ihre Privat-Angelegenheiten vor das Forum der Öffentlichkeit bringt, muss entweder grenzenlos eitel sein oder von der äußersten Notwendigkeit zu diesem Schritt gezwungen werden, einer Notwendigkeit, gegen welche sich aus falschem Schamgefühl zu sträuben, ebenso feig als ehrlos wäre. In diesem letzten Falle befinde ich mich. Vielfache Verleumdungen in öffentlichen Blättern, die meinen Namen mit Bewegungen und Tendenzen in Verbindung brachten, die mir teils gänzlich fern liegen, teils nie in der brutalen Weise, die man mir Schuld gibt, von mir vertreten wurden; zuletzt die Maßregel der Polizei, die mich in Folge jener öffentlichen Denunziationen aus Berlin verwies: Alles das berechtigt, ja zwingt mich, mit einer Rechtfertigung vor dem Publikum aufzutreten, um meine Ehre zu retten und von der öffentlichen Meinung den Schutz zu erbitten, den die Gewalten des Staates dem schutzlosen Weibe hartnäckig versagten. Weiterlesen
Der Mann, der seine Ehre gekränkt glaubt, hat Mittel, sie zu rächen, Mittel, die zwar das Gesetz ächtet, die Meinung der Menschen aber anerkennt. Die Frau ist, ratlos und hilflos, jeder Anfeindung ausgesetzt. Denn der ritterliche Schutz, den die rohe Zeit des Faustrechts den Frauen gewährte, musste dem Lichte der Aufklärung, dem Geiste der fortschreitenden Welt, und dem sicheren Schutze des Gesetzes weichen. Kein Ritter bricht mehr für die Ehre seiner Dame eine Lanze; und nur in den Don-Quixotiaden hoher und niederer Abenteurer feiert das Rittertum seine Unsterblichkeit.
Wir Frauen aber, die wir das alte Recht verloren, verherrlicht zu werden in den süßesten Liedern und den blutigsten Kämpfen, am Minnehof und im Turnier, zu herrschen über die ideale Welt, wie die Himmelskönige über ihr Reich: Wir verlangen jetzt von der neuen Zeit ein neues Recht; nach dem versunkenen Glauben des Mittelalters Anteil an der Freiheit dieses Jahrhunderts; nach der zerrissenen Charte des Himmels einen Freiheitsbrief für die Erde!
Unser höchstes Recht, uns're höchste Weihe ist das Recht der freien Persönlichkeit, worin all uns're Macht und all unser Glauben ruht, das Recht, unser eigenstes Wesen ungestört zu entwickeln, von keinem äußeren Einfluss gehemmt; den inneren Mächten frei zu gehorchen, die Harmonie der Seele durchzubilden, mag sie auch ein Missklang scheinen gegenüber dem herrschenden Glauben der Welt.
Wer dies Recht der Persönlichkeit antastet, begeht einen brutalen Akt der Gewalt; wer unser Fühlen und Glauben, das Resultat unserer Schicksale, unser höchstes Eigentum, aus dem Allerheiligsten unseres Herzens herausreißt auf den Markt, auf die Gerichtsstube, vor den Pöbel, mag er auch die Wage der Gerechtigkeit in den Händen halten: der versündigt sich gegen das wahre Heil unserer Seele; der begeht einen Tempelraub, einen Gottesfrevel, von dem ihn die richtende Geschichte nimmer freisprechen kann. Dies Recht der freien Persönlichkeit ist in mir beleidigt; so stehe mir die einzige Schutzwehr der freien Rede zu! Meine Sache spricht für sich selbst, sie ist ihr eigener Advokat. Doch ist sie nicht bloß meine Sache. Ihr Interesse ist ein Allgemeines. Denn, wenn äußere Gewalt schon das Denken und Glauben des Weibes strafbar findet: Wie steht es da mit der geistigen Freiheit der Männer? – Darum übergebe ich diese Blätter dem Publikum als einen Beitrag zur Charakteristik der neuesten preußischen Gewissensfreiheit und zur Geschichte der Verweisungen. Die polizeilichen Maßreglungen der Männer haben durch ihre Alltäglichkeit den Reiz des Pikanten verloren; so muss es als ein glücklicher Einfall, als ein Witz des Schicksals erscheinen, durch die außergewöhnliche Ausweisung einer Frau eine interessantere Variation zu dem abgeleierten Thema zu liefern. Denn da der Mensch aus Gemeinem gemacht und die Gewohnheit seine Amme ist, so gewöhnt er sich auch an jede Art der Sklaverei, und sucht sich zuletzt in der Entwürdigung selbst heimisch zu fühlen. Da bedarf es des Ungewöhnlichen, um ihn aus seinem Schlummer emporzureißen, um ihm seine ganze Erniedrigung und Knechtschaft in ihrer ertötenden Wahrheit zu zeigen. – Oh, du schönes Griechenland mit deinen untergegangenen Göttern! Deine Altäre und Tempel sind zertrümmert, dein heiteres Leben ist versunken, und nur sein schwacher Nachglanz lebt in den Werken der Dichter; und in der Sehnsucht edler Gemüter: Geblieben ist, was deine Geschichte geschändet, die finstere Gewalt, die sich zur Richterin aufwirft über freie Geister; die einen Sokrates den Giftbecher trinken lässt und eine Aspasia wegen Gotteslästerung vor die Schranken ruft! Die Geschlechter vergehen, und die Völker, und ihre Götter; aber der Wahn ist unsterblich!
Köpenick, den 25sten Juni 1846.
Louise Aston.
Ein vielbewegtes Leben lag hinter mir, als ich im August vorigen Jahres meinen Aufenthalt in Berlin nahm. In früher Jugend mit einem Manne verheiratet, der meinem Herzen fremd, ehe die Ahnung der Liebe in mir lebendig geworden; im Besitz alles äußern Glücks, in der Mitte der glänzendsten Verhältnisse allein und unglücklich, lernte ich schon früh das moderne Leben in all seinen Konflikten und Widersprüchen kennen, und bald auch den gewaltigsten Gegensatz, der das Herz einer Frau vernichtet, und einmal die soziale Weltordnung aus ihren Angeln zu heben droht, den Gegensatz zwischen Liebe und Ehe, Neigung und Pflicht, Herz und Gewissen. Weiterlesen
Die Frauen, denen ein ruhiger Besitz und ein idyllisches Glück geworden, werden diesen Gegensatz nicht begreifen, weil sich ihnen zu schöner Harmonie verschmilzt, was bei mir feindlich auseinander liegt. Sie werden mich als eine Abenteurerin verdammen, die, untreu dem eignen Herzen, und einem gesetzlich anbefohlenen Glück, in aller Unruhe eines stürmischen Lebens den Frieden sucht, den ihr die heimatliche Stätte, des Weibes eigenster Wirkungskreis, nicht zu gewähren vermochte. Doch vom sicheren Ufer aus lässt sich leicht der Sturm beschwören und verachten, mit dem auf offener See das schwankende Schiff vergebens kämpft. Ich habe durchfühlt, was die Prophetenstimme eines George Sand1 den zukünftigen Geschlechtern verkündet; den Schmerz der Zeit, den Wehruf der Opfer, welche die Unnatur der Verhältnisse zu Tode foltert. Ich weiß es, welcher Entwürdigung eine Frau unter dem heiligen Schutze des Gesetzes und der Sitte ausgesetzt ist; wie sich diese hilfreichen Penaten des Hauses in nutzlose Vogelscheuchen verwandeln, und das Recht zum Adjutanten brutaler Gewalt wird!
Doch ich schreibe weder einen Roman noch eine Biografie. Unsere Ehe wurde geschieden. Aus dem allgemeinen Schiffbruch meiner höchsten und teuersten Güter und Interessen rettete ich nichts, als den festen Entschluss, durch freien Blick und starken Sinn mich über das Schicksal zu stellen, durch Bildung des Geistes das Herz zu stählen und seine Unruhe gefangen zu halten durch die Ruhe des in sich selbst befriedigten Gedankens. Das war meine Absicht, als ich nach Berlin zog, angeregt von der jungen lebendigen Wissenschaft, um in dem geistvollen Kreis ihrer Vertreter die Wunden zu vergessen, die mir das feindliche Leben schlug. Auch wollte ich mich bilden und sammeln zu literarischer Tätigkeit, die ich ja nicht aus eitlem Dilettantismus ergriff, sondern zu der mich meine Schicksale machtvoll hindrängten, weil ich in dem eigenen Erlebnis das allgemeine Los vieler Tausende erkannte, und schärfer, bis zur Vernichtung, ausgeprägt, so dass mir die tödliche Macht unserer Verhältnisse am klarsten geworden. Berlin, mit dem reichen geistigen Leben, die Stadt des Gedankens und der Intelligenz, schien mir am geeignetsten zu meinen Zwecken, zur Erfüllung meines literarischen Berufes. Ich erhielt, nach Angabe meiner Verhältnisse, in denen alle gesetzlichen Bedingungen erfüllt waren, ohne Schwierigkeiten eine Aufenthaltskarte von der Polizei.
Am 12ten Februar 1846, war diese Aufenthaltskarte abgelaufen, und ich schickte an jenem Tage zur Polizei, mit der Bitte sie zu erneuern, erhielt aber keine neue Karte, sondern die Weisung, selbst zu kommen. Da ich krank war, ließ ich mir durch meinen Arzt, Herrn Dr. Perle, ein Attest ausstellen, welches ich, mit der nochmaligen Bitte um Erneuerung der Karte, dem Präsidium einsandte. Mein Gesuch wurde abermals ignoriert. Einige Tage darauf erschien ein Polizeibeamter Goldhorn, im Namen des Polizeirates Hofrichter, »um einige Fragen an mich zu richten«. Gleichzeitig teilte er mir mit, dass man meine Karte nicht verlängern wolle, weil mehrere anonyme Briefe an das Präsidium, ja, an Se. Majestät den König selbst, über mich eingegangen seien, in denen ich beschuldigt wurde, die frivolsten Herrengesellschaften zu besuchen, einen Klub emanzipierter Frauen gestiftet zu haben, und außerdem nicht an Gott zu glauben. Dann spräche gegen mich die Widmung der Gottschall'schen Gedichte »Madonna und Magdalena« in denen ähnliche Tendenzen gefeiert würden, deren Verwerflichkeit der Rezensent in den »Blättern für literarische Unterhaltung« auf's Bündigste nachgewiesen. Ich suchte diesem Beamten, so gut es ging, eine bessere Ansicht über mich und mein Leben beizubringen, und schrieb dann an den Polizei-Präsidenten von Puttkammer selbst. In diesem Schreiben setzte ich auseinander, wie mein Glauben und Denken mein Eigentum seien und Niemanden etwas angehen; wie jene anonymen Briefe nur von einem persönlichen Feind herrühren könnten, und bat um Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis, weil meine literarische Tätigkeit, besonders das baldige Erscheinen meiner Gedichte, der »wilden Rosen,« mich in Berlin fesselten und meinen Aufenthalt daselbst nötig machten.
Ich wies nach, dass man mir nur insofern Unsittlichkeit zum Vorwurf machen kann, als es unsittlich sei, Zigarren zu rauchen und mit wissenschaftlich gebildeten Männern umzugehen; und schloss mit der Bitte, mir zu gestatten, auch fernerhin eine Einwohnerin des sittlichen Berlins zu heißen, sowie etwaige Formfehler in meinem Schreiben zu übersehen.
Auf Grund dieses Schreibens wurde ich Ende Februar auf das Präsidium vor dem Deputierten Stahlschmidt beschieden, welcher mich ersuchte, so lange im Vorzimmer zu warten, bis der Regierungsrat Lüdemann, der eigentlich mit mir zu sprechen hätte, seine anderweitigen Geschäfte beseitigt und für meine Angelegenheiten Zeit gewonnen. Inzwischen unterhielt sich Herr Stahlschmidt höchst freundlich und gemütlich scherzend mit mir, brachte die Rede auf Religion und auf Ehe und veranlasste mich durch die verschiedensten Kreuz- und Querfragen, wenn auch in scherzender Form, doch meine innersten Ansichten auszusprechen. Ich nahm deshalb keinen Anstand, mich frei zu äußeren, weil ich nach der Art und Weise, wie diese Fragen getan wurden, dies Gespräch für ein durchaus privates halten musste. Nachdem unsere Konversation zu Ende war, führte mich Herr Stahlschmidt in das Zimmer des Regierungsrates Lüdemann, und überreichte diesem zu meiner größten Überraschung ein Protokoll, mit den Worten: »Dies ist das Glaubensbekenntnis der Madame Aston!« Dies Protokoll, das man während meiner Unterhaltung mit Herrn Stahlschmidt ohne mein Wissen niedergeschrieben, wurde mir nun vorgelesen. Ich war erschrocken und befangen – eine Befangenheit, die bei einem Mann lächerlich, gewiss bei einer Frau zu entschuldigen ist, welche in die Staats- und Polizeiwissenschaft keine tiefer eingehenden Studien machen konnte, und mit der Methode der preußischen Administration gänzlich unbekannt war. Aus dieser Befangenheit und Ängstlichkeit weigerte ich mich, das Protokoll zu unterzeichnen; und gab erst dem freundlichen Zureden des würdigen Herrn Lüdemann nach, der im gutmütigsten Ton mir versicherte, es tue meiner Sache keinen Schaden, wenn ich unterschriebe: Er gäbe sein Wort darauf. Das Wort eines Regierungsrates schien mir hinlängliche Bürgschaft für die Wahrheit; denn ich wusste nicht, dass »Worthalten« in das Alte Testament der Staatswissenschaften gehöre, und seit Machiavelli aus der höheren und niederen Politik verbannt sei. In meiner Naivität, in meinem guten Glauben unterschrieb ich das Protokoll, und widerlegte schon dadurch die Anklage des Unglaubens.
Inzwischen hatte ein müßiger Korrespondent der »Deutschen Allgemeinen Zeitung« aus Stoffmangel meine Person und Gesinnung zu einem sozialistischen Debüt benutzt, meinem unschuldigen Zigarrenrauchen eine welthistorische Bedeutung beigelegt, aus beiläufig ausgesprochenen Ansichten kühne Weltverbesserungspläne gemacht, und ohne das Einschreiten der Polizei, eine organisierte Berliner Frauen-Emanzipation in Aussicht gestellt. Dieser Korrespondent schien sich mehr an der Genialität seiner produktiven Fantasie, an der Kühnheit seiner Kombinationen und an den allgemeinen Schrecken, den sie verbreiteten, zu ergötzen, als an eine förmliche Denunziation zu denken, obgleich dies der einzig passende Name für seinen Korrespondenz-Artikel ist.
Am 21sten März erhielt ich wieder eine Verfügung, auf der Polizei zu erscheinen, wo mir Herr Assessor Köppin mündlich den Befehl erteilte, »Berlin binnen 8 Tagen zu verlassen, weil ich Ideen geäußert und ins Leben rufen wolle, welche für die bürgerliche Ruhe und Ordnung gefährlich seien«.
So wurde mir von der Polizei eine Wichtigkeit beigelegt, die ich selbst mir beizulegen nie gewagt hätte, denn wie kühn müssten die Träume einer Frau sein, welche sich für eine staatsgefährliche Person hielte.
Schon um jener traumhaften Selbstüberschätzung zu entgehen, wandte ich mich am 23sten März an den Minister von Bodelschwingh, und ersuchte ihn in nachfolgendem Schreiben um Aufhebung jenes Befehls:
Hochwohlgeborener Herr!
Hochgebietender Herr Staatsminister!
Seit dem August vorigen Jahres halte ich mich an hiesigem Orte auf und bin am 5ten März d. J. bei dem Polizei-Präsidium um das Niederlassungsrecht für die Residenzstadt Berlin eingekommen, worauf mir am 21sten dieses Monats auf dem hiesigen Präsidium eröffnet worden ist, dass das Niederlassungsrecht mir nicht bewilligt werden könne, dass ich vielmehr binnen 8 Tagen den Berliner Polizei-Distrikt zu meiden habe, weil ich Ansichten geäußert und ins Leben rufen wolle, welche für die bürgerliche Ruhe und Ordnung gefährlich seien.
Gegen die Ausführung dieser Verfügung, welche für mich höchst traurig sein würde, da ich eben im Begriff stehe, durch Herausgabe einer von mir gedichteten Liedersammlung eine literarische Laufbahn zu beginnen, welche meine und meiner Tochter Lage bedeutend zu verbessern verspricht, erlaube ich mir Ew. Excellenz hohen Schutz untertänigst anzuflehen. Als Grund meiner Ausweisung werden die Ansichten angeführt, welche ich zu Anfang dieses Monats in einem Gespräch mit dem Deputierten Stahlschmidt über Religion und Ehe geäußert, wobei freilich von meiner Seite in keiner Art Vorsicht und Rückhalt beobachtet wurde, da ich das Gespräch für ein durchaus privates und konsequenzloses zu halten berechtigt war; nicht aber für ein Examen, dem man meinen Glauben und meine Überzeugung unterwerfen wollte. Dieser Glauben und diese Ansichten sind mein eigenster Besitz; sie sind eine natürliche Folge der unglückseligen Verhältnisse, die ich durchlebt, der schmachvollen Behandlung, die ich erduldet habe; und ich kann nicht glauben, dass man bei der Gewissensfreiheit, die in Preußen jedem Untertanen gestattet wird, und welche der Stolz der Nation ist, mir aus meinen Ansichten einen Vorwurf machen kann, ehe es nicht gewiss, oder wenigstens wahrscheinlich geworden, dass diese Ansichten mich dahin führen, etwas gegen die Gesetze des Landes Verstoßendes oder für die Ruhe Gefährliches zu unternehmen. Zu dieser Annahme aber liegen gegen mich keine Gründe vor; es sind keine Tatsachen, keine von mir begangenen Handlungen bekannt, welche, dies zu beweisen, geltend gemacht werden könnten.
Nach den Verhandlungen, welchen ich auf dem hiesigen Präsidium beiwohnen musste, scheint es mir, dass besonders zwei Umstände zu dem für mich so harten Beschluss geführt haben könnten; nämlich erstens: die an mich gerichtete Widmung zweier von Herrn R. Gottschall verfasster Gedichte »Madonna und Magdalena« und zweitens: ein in der Deutschen Allgemeinen Zeitung abgedruckter Korrespondenzartikel, welcher auf mich gedeutet wird, sowie einige verleumderische anonyme Briefe, welche über mich an das Polizeipräsidium geschickt sind.
Was jene Widmung betrifft, so kann man unmöglich daraus die Folgerung ziehen, dass ich die in jenen Gedichten enthaltenen Ansichten zu vertreten habe. Hinsichts der anonymen Briefe aber habe ich bereits einem Hochlöblichen Polizei-Präsidium die sehr trübe Quelle angegeben, aus welcher dieselben wahrscheinlich stammen.
Meine genügenden Existenzmittel habe ich nachgewiesen, so dass von dieser Seite kein Grund zu meiner Verweisung genommen werden kann.
Als geborene Preußin, als Tochter eines hohen Geistlichen, im Bewusstsein meiner Schuldlosigkeit und im Vertrauen zu Ew. Excellenz Weisheit und Humanität wende ich mich an Ew. Excellenz mit der ehrfurchtsvollen Bitte:
meinen ferneren Aufenthalt in Berlin hochgeneigtest gestatten zu wollen.
In tiefster Verehrung verharre ich Ew. Excellenz
Gehorsamst, Louise Aston, geb. Hoche.
In Folge dieses Schreibens kam mir am 24sten April folgende Verfügung des Ministeriums des Innern zu:
Auf die Vorstellung vom 23sten v. M., wird Ihnen eröffnet, dass das Ministerium die Verfügung des hiesigen Königlichen Polizei-Präsidiums, wonach Ihnen die Erlaubnis zur Niederlassung in Berlin, und zur Fortsetzung Ihres Aufenthaltes hierselbst versagt worden ist, für gerechtfertigt erachten muss, und dass es daher bei dieser Verfügung sein Bewenden behält.
Berlin, den 24sten April 1846.
Ministerium des Innern.
Zweite Abtheilung: von Manteuffel.
An die separierte Aston, Louise,
geb. Hoche.
Da der kurze Geschäftsstil eine Auseinandersetzung der Gründe nicht zu erlauben schien; und doch gerade in solcher Auseinandersetzung für zweifelhafte Fälle der einzige Trost und die einzige Beruhigung liegt, so beschloss ich an demselben Tag, den Minister um eine Audienz zu ersuchen, in der Hoffnung, wenigstens gesprächsweise die Gründe zu erfahren, welche meine Verweisung notwendig machten, um mich dann ruhiger in das Unvermeidliche zu finden. Auch täuschte mich meine Hoffnung nicht. Nur waren die Motive anderer Art, als ich erwartete. Während die Polizei als Motiv meine Ideen anführte, die der bürgerlichen Ordnung gefährlich seien; und mich verwies, damit ich nicht Andere verführe und in Berlin Proselyten2 für meine Unsittlichkeit mache; schien der Minister aus einem ganz entgegengesetzten Beweggrund zu handeln: aus unbedingtem Wohlwollen gegen mich, aus Fürsorge für mein persönliches Wohl, für das Heil meiner Seele; kurz, aus jener väterlichen Gesinnung, durch welche die preußische Regierung ihre echte Christlichkeit bezeugt und sich die kindliche Liebe und Ergebung ihrer Untertanen zu erwerben weiß. So sehr mich diese Freundlichkeit, diese Sorge für mein zeitliches und ewiges Heil rührte, so war ich doch zu bestürzt und verwirrt, um gleich in passenden Worten meinen Dank äußern zu können. So lässt sich mein Benehmen in dem folgenden Dialog rechtfertigen, den ich getreu aus dem Gedächtnis nachschreibe:
Minister: Sie haben sich so frivol und außergewöhnlich benommen, Madame Aston, dass ich mich wundern muss, wie Sie es wagen, gegen Ihre Verweisung zu protestieren.
Ich: Ich weiß nicht, was Ew. Excellenz frivol nennen?
Minister: Warum stellen Sie Ihrem Glaubensbekenntnis voran, dass Sie nicht an Gott glauben?
Ich: Weil ich nicht heuchle, Excellenz!
Minister: Man muss Sie an einen kleineren Ort verweisen, wo Sie der Verführung nicht so ausgesetzt sind, um wahrhaft für Ihr Seelenheil zu sorgen.
Ich: Aber meiner schriftstellerischen Karriere wegen ist mir der Aufenthalt in Berlin wünschenswert, wo ich stets neue geistige Anregung finde.
Minister: In uns'rem Interesse ist es keineswegs, dass Sie Ihre künftigen Schriften, die gewiss so frei wie Ihre Ansichten sind, hier verbreiten.
Ich: Nun, Excellenz, wenn sich erst der preußische Staat vor einer Frau fürchtet, dann ist es weit genug mit ihm gekommen!
Minister: Ich bin beschäftigt – (ab).
So hatte diese Unterredung für mich auch kein weiteres Resultat; außer der Erkenntnis, wie wohlmeinend man durch meine Verweisung meiner Seele den Weg zum Himmel bahnen wolle, die sie leichtsinnig verscherzt und durch eigene Kraft nicht mehr zu finden im Stande sei. Meine Angelegenheit schien aus dem Gebiet der Jurisprudenz auf das der Theologie hinübergespielt, ein Tausch der Fakultäten, bei dem meine Sache allerdings im Himmel gewann, auf Erden aber augenscheinlich verlor.
(…)
1 George Sand, bürgerlicher Name: Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil, war eine französische Schriftstellerin, die sich sowohl in ihrer Lebensweise als auch in ihren Schriften für Frauenrechte und die gleichberechtigte Teilnahme aller Menschen an den gesellschaftlichen Gütern einsetzte.
2 Proselytismus meint allgemein den Versuch, Gläubige anderer Konfessionen zum Übertritt in die eigene Glaubensgemeinschaft zu bewegen.
Der 18. März ist wirklich ein denkwürdiger Tag in der preußischen – ich wollte sagen: deutschen Geschichte. Nicht etwa darum, weil Mailand und Berlin an diesem Tag »Revolution« gemacht haben – eine Tatsache, die übrigens von der extremen Demokratie, und daher natürlich auch von der extremen Aristokratie einmütig bestritten wird; noch viel weniger darum, weil in Preußen an diesem Tage der Absolutismus gestürzt wurde – denn auch daran wird von den roten und schwarzweißen Enthusiasten nicht geglaubt; am allerwenigsten aber darum, weil der 18. März der Vorabend des Geburtstages der Berliner Bürgerwehr, jener durch ihr Motto des »passiven Widerstands« auf Deutsch: der aktiven Feigheit berühmten Phalanx, war – sondern weil sicherlich kein Tag mehr verflucht und gesegnet, mit Füßen getreten und in den Himmel erhoben, betrauert und gefeiert, geschmäht und besungen ist, und das Alles mit Unrecht. – Der 18. März ist unschuldig wie ein neugeborenes Kind, das Berliner Volk hat es sattsam dadurch bewiesen, dass es mit ihm gespielt hat, wie mit einem Kind. Denn man muss wissen, dass das Berliner Volk selbst noch ein Kind war, obgleich ihm an diesem Tage die Wiege nicht mehr – wie Schiller sagt – als ein »unendlicher Raum« erschien wie bisher, weshalb es denn auch herauszusteigen versuchte; dass der Versuch nicht gelang, dass es sich nachher, als der rechte Zuchtmeister kam, in den Winkel des passiven Widerstands verkroch und schließlich wieder folgsam in die alten Windeln wickeln und in die alte Wiege hineinlegen ließ, das ist für ein Kind, dem die Rute gezeigt wird, ja ganz natürlich. Also warum so viel Aufhebens vom 18. März? Weiterlesen
Die Bewegung, deren Schlussakt die Nacht vom 18. zum 19. März bildete, hatte sich schon einige Wochen vorher angekündigt. Eine dumpfe Gärung, über deren Ursache sich nur wenige Rechenschaft geben konnten, hatte sich der Gemüter bemächtigt. Trotz der unfreundlichen Witterung waren die öffentlichen Plätze und Promenaden fast den ganzen Tag über mit Menschen übersät, die entweder zu Gruppen zusammentretend aufmerksam auf eine Stimme lauschten, die aus ihrem Mittelpunkt hervordrang, oder paarweise dahin schlendernd mit lebhaften Gestikulationen über die neuesten Dekrete der provisorischen Regierung in Paris diskutierten. Dasselbe Schauspiel wiederholte sich in den Restaurationen, Kaffeehäusern und Konditoreien. Besonders in der »Zeitungshalle« und bei »Stehely« fand sich gegen 6 Uhr abends, wenn die neuesten Zeitungen vom Rhein ankamen, stets ein zahlreiches, aus Gelehrten, Künstlern, Beamten, Offizieren usw. zusammengesetztes Publikum ein, und horchte Kopf an Kopf gedrängt mit angehaltenem Atem auf die Worte Dr. R-s, welcher bei Stehely meist das Amt des »Vorlesers« übernahm. War die Vorlesung, welche häufig mehrere Stunden dauerte, (…) beendet, so löste sich die lang gefesselte politische Fantasie der Zuhörer zunächst in einem unverständlichen Summen auf, das nicht unpassend mit dem fernen Brausen des Meeres oder dem düsteren Grollen eines nahenden Orkans verglichen werden kann, bis es endlich crescendo in tosenden Wogendrang einer allgemeinen politischen Diskussion ausbrach.
(…)
Am Morgen des 18. März schien es, als ob plötzlich aller Zwist, der seine blutige Geißel die ganze Woche hindurch über die Hauptstadt geschwungen hatte, verschwunden, und das Berliner Volk seinen alten Charakter der Jovialität und Leichtfertigkeit wiedergefunden hätte. Man sah nur freudig daher wandelnde Gruppen und heitere Spaziergänger. Alles deutete darauf hin, dass der Hader beseitigt und das alte Verhältnis philiströser Anhänglichkeit des Volkes zum König wiedergekehrt sei. Die Bürgerwehr sollte errichtet werden. Die Menge strömte nach dem Zeughaus, wo der nachherige Minister von Schreckenstein in höchsteigener Person die Verteilung der Waffen vornehmen ließ. Alles war zufrieden. Man hatte so schnell seinen Groll vergessen, dass man sogar der angeborenen Spottlust über die Ereignisse der letzten Tage freien Lauf ließ.
Dennoch hätte ein aufmerksamer Beschauer selbst in der scheinbaren Harmlosigkeit des Volks eine große Veränderung wahrgenommen. Man witzelte, lachte, flanierte umher, wie vor zehn Tagen, aber die Witzeleien hatten eine politische Pointe, das Lachen glich dem Hohnlachen eines siegesgewissen Kämpfers, wie ein Ei dem andern, und in dem schlendernden Gange der Spaziergänger lag eine Nonchalance, welche weniger das Gepräge eines absichtslosen Sich-Gehen-Lassens als einer übermütigen Nichtberücksichtigung der Form trug, welche aus einem Gefühl der Nichtachtung des Gegners entspringt.
Das Volk hatte offenbar das Bewusstsein, einen ersten Sieg errungen zu haben, und in diesem Bewusstsein die ahnungsreiche Hoffnung, dass dieser erste Sieg nicht der Letzte sein werde.
Sämtliches Militär war teils in den Kasernen, teils im Schloss konsigniert. Der König hatte, durch die Erfahrung der letzten Tage belehrt, am meisten aber durch die Wiener Revolution und deren Konsequenzen erschreckt, ein anderes System eingeschlagen. Man versuchte es, das Volk sich selbst zu überlassen, um zu sehen, ob der angeschwollene Strom von selbst zu dem gewöhnlichen Niveau herabsinken werde. So wogte denn heute die Menge wie ein Meer nach dem Sturme auf und ab.
Gegen Mittag hieß es plötzlich, der König werde um 2 Uhr vom Balkon des Schlosses herab dem Volk eine Konstitution erteilen und das gesamte Ministerium entlassen. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich das Gerücht durch die ganze Stadt und setzte ungeheure Massen nach dem Schloßplatz in Bewegung.
Auch Alice, welche mit dem Prinzen A. von einer Spazierfahrt zurückkehrte, überredete ihn, sich mit ihr der Menge anzuschließen. Bald waren sie denn auch dem Schloss gegenüber fest eingekeilt. In diesem Moment erschien der König, sprach zu dem versammelten Volke einige Worte, von denen aber nicht einmal der Ton zu unseren beiden Freunden herabdrang, und entfernte sich dann wieder. Ein vieltausendstimmiges Lebehoch drang aus der Menge zu ihm empor und brach sich in mächtigen Echos an den grauen Wänden des altehrwürdigen Gebäudes.
Abermals begann die Menge, sich in Bewegung zu setzen. Der Prinz gelangte mit Alicen glücklich zum Hauptportal. Doch bald wurde hier das Gedränge am stärksten. Den Eingang desselben hatten die neuerfundenen Friedensmänner mit weißen Binden um den Armen eingenommen. Hinter ihnen standen die Garden, deren Bajonette über die Köpfe ihrer Vordermänner hervorragten.
Des Volkes hatte sich jetzt ein aus seiner momentanen Stimmung allein erklärlicher Enthusiasmus bemächtigt. Alle Schranken zwischen ihm und dem König sollten jetzt fallen.
»Soldaten heraus!« tönte eine Stimme. Das war das Wort, das den Zauber löste und das Volk zum Bewusstsein brachte, was es eigentlich wollte. Preußen war ein Polizeistaat, noch mehr aber ein Militärstaat. Das fühlte in diesem Augenblick die Menge, als ihrer Sehnsucht nach dem mit ihr ausgesöhnten König durch die Bajonette der Gardisten ein Zügel angelegt wurde.
»Soldaten heraus!« schallte es jetzt aus tausend Kehlen. Man drängte nach dem Portal zu. Immer dichter und dichter schoben sich die Massen in- und durcheinander. Da hörte man plötzlich den dumpfen Schall der Trommel. Infanterie rückte von der Schlossfreiheit her und schwenkte im Sturmschritt gegen die Menge um. In einem Augenblick war der Schloßplatz durch Militär, welches von der Ecke der Breitenstraße bis nach dem Schlossgarten mit der Front nach der Kurfürstenbrücke aufgestellt war, in zwei große Hälften geteilt. Noch als der äußerste rechte Flügel den Bogen beschrieb, um seine Stellung einzunehmen, sprangen drei Soldaten aus den Reihen heraus und mit vorgestrecktem Bajonett auf die Spaziergänger ein, welche aus Neugierde auf dem Trottoir vor den »Fiscatischen Laden« stillstanden, um von fern dem Treiben am Schlossportal zuzuschauen.
Alice stand nur zehn Schritte davon entfernt, sie war von der Seite des Prinzen gerissen und jetzt von ihm durch das Militär getrennt. Sie sah, wie die Soldaten auf die harmlos Dastehenden einsprangen und plötzlich – ob durch Zufall oder Absicht, konnte sie nicht entscheiden – sich ihrer Gewehre entluden.
Einen Augenblick nach dem doppelten Knall trat eine Totenstille ein. Im nächsten tobte der Ruf: »Rache, Rache! Das ist Verrat!« durch die Menge; die Friedensmänner rissen die weißen Binden von dem Arm und traten sie mit Füßen. Vor einem Augenblick allgemeiner Jubel, Enthusiasmus ohne Gleichen – im nächsten das Wutgeschrei betrogenen Vertrauens.
(…)
Der General von Möllendorf hatte die Kurfürstenbrücke okkupiert, und sah sich von hier aus den Bau der ersten Barrikade an der Ecke der heiligen Geist- und Königsstraße an. Alle Vermittlungsvorschläge wurden zurückgewiesen. Eine weiße Fahne, welche vom Schloss herabgebracht wurde, und auf der mit großen Buchstaben zu lesen war:
»Ein Missverständnis! Der König will das Beste!«
musste unter dem Hohngelächter des Volks zurückgebracht werden.
Die Entscheidungsstunde schlug. Nach einer Stunde waren in Berlin gegen 300 Barrikaden errichtet und 40 Feuerschlünde schleuderten Tod und Verderben unter die wackeren Kämpfer, welche hinter ihnen standen.
Alice eilte nach Hause, um sich in ihre Männerkleidung zu werfen.
(…)
Sie schritt rasch über den Opernplatz und den Lustgarten nach der Friedrichsbrücke zu, zuweilen mitten durch das Militär hindurch, das ja den Unbewaffneten passieren ließ. Die Friedrichsbrücke, sowie die Herkulesbrücke waren bereits verbarrikadiert, die erste von Studenten, die zweite von Arbeitern verteidigt. Als sie die Barrikaden überstieg, wurde sie sogleich umringt.
Sie sollen uns anführen – hieß es.
Ich danke Euch, Freunde, das kann ich nicht annehmen. Aber wer kommt mit nach der »Neuen Wache?«
Bald hatte sich eine zahlreiche Schar um sie versammelt, welche von Schritt zu Schritt sich vermehrte und wie eine Lawine anwuchs. Die »Neue Wache« liegt am Neuen Markt. Unterwegs fragte sie nach Ralph. Aber Niemand hatte ihn gesehen.
Als sie bei der »Neuen Wache« anlangten, war das in der Nähe befindliche Militär, etwa 25 Mann stark, unter's Gewehr getreten und entschlossen, seinen Posten zu verteidigen. Alicens Schar mochte etwa einige 50 junge Leute betragen, aber nur 5 davon, darunter Alice selber, waren bewaffnet, die meisten hielten nur Stöcke in den Händen, die Übrigen waren völlig waffenlos. Alice stellte ihre Leute auf und fragte sie, ob sie entschlossen wären, ihr zu folgen.
Bis in die Hölle – scholl es ihr entgegen.
So kommt! Im gemessenen Schritt rückten sie auf die Soldaten an. Der Unteroffizier, welcher sie befehligte, kommandierte: »Fertig!« Die Hähne knackten.
Da rief ihnen Alice, welche nur noch etwa 20 Schritte von den Soldaten entfernt stand, zu: »Ein Schurke, wer auf seine Brüder schießt. Wer die Waffen niederlegt, kann frei abziehen. Entschließt Euch!«
Zugleich ließ sie ihre Schar einen weiten Halbkreis um die Soldaten schließen. Die Soldaten schwankten. Auf einen Wink von ihr sprangen die die Endpunkte des Halbkreises bildenden Arbeiter den Soldaten in die Flanke. So von drei Seiten zugleich angegriffen, wagte der Unteroffizier nicht mehr »Feuer« zu kommandieren – und die Soldaten streckten ihre Gewehre. Es wurde ihnen versprochenermaßen freier Abzug gewährt, und in wenigen Minuten war die Wache vom Keller bis zu den Bodenräumen hinauf demoliert. Die Bänke, Tische, Stühle, Tonnen und sonstiges Holzgerät wurden aus dem Fenster geworfen, als brauchbares Barrikadenmaterial. Der beste Fund aber bestand in 200 Säbeln, welche in mehreren Kisten auf dem Boden gefunden wurden. Schnell waren sie verteilt.
(…)
Eine Stunde mochte vergangen sein, während welcher das Feuer keinen Augenblick aufgehört hatte, da wurde Ralph vom alten Steiger angerufen.
Was gibt's? – fragte dieser, das von Pulver geschwärzte Gesicht mit dem Rockärmel abwischend. – Sucht man uns in den Rücken zu fallen?
Nein, die Mohrenstraße hält sich gut. Aber nach der Barrikade der Breiten-Straße muss Verstärkung.
Die Gefahr soll dort groß sein.
Ich werde hingehen. Es sind Eurer hier genug.
Ich begleite Dich, sagte Hartwig, der dazu getreten war und die letzten Worte gehört hatte.
Gut; so komm!
(…)
An der Breitenstraße vom Petriplatz angekommen, meldeten sich die beiden Freunde sogleich beim Anführer der Barrikade, welche, aus Tonnen, Wagen, Trottoirsteinen und allen möglichen Möbeln fast 20 Fuß aufgebaut, ein Kunstwerk eigener Art darstellte. Hinter der Barrikade und zu beiden Seiten der Straße war das Pflaster mehre hundert Schritt weit aufgerissen und die Steine in großen Pyramiden aufgehäuft.
Die Dächer waren abgedeckt, um die Ziegel zu Wurfgeschossen zu verwenden. Aus allen Fenstern richteten sich drohende Läufe auf die Artilleristen, welche die beiden Zwölfpfünder bedienten, und auf die Abteilung Infanterie, welche unter dem Schutze der Kanonen zuweilen einen Sturm versuchte.
Das D'Heureussche Haus, dessen Front die »Breitenstraße« begrenzt, war schon dicht mit Kartätschenkugeln besät.
Hinter der Barrikade war, umgeben von Steinpyramiden, eine tiefe Grube aufgeworfen. Darin saßen die Frauen und Kinder, welche über Kohlenfeuer Kugeln gossen, die Gewehre luden und die Verwundeten verbanden. Andere brachten Blei von Fenstern, Stücke Eisen, kleine Steine und was sonst in einen Gewehrlauf hineingepfropft werden konnte, herbei. Es war ein Getreibe, dass es schien, als ob die größte Unordnung herrsche; und doch stieß keiner den Andern. Der Geist der Kampflust brachte Einheit in die scheinbare Verwirrung. Die Kanonen donnerten, die Gewehrsalven krachten, die Steine flogen, die Verwundeten ächzten, dazwischen tönten die Kommandoworte und jubelten die Kämpfer einander zu. Ralph stand auf dem ihm angewiesenen Posten, den Kolben seines Gewehrs zwischen den Füßen, die Hand auf den Lauf gestützt, und schaute – auf Munition wartend – ernst in das Kampfgewühl hinein.
Was sinnst Du, Kamerad? – sagte neben ihm eine weiche Stimme. Er wandte sich um. Alice stand vor ihm, vollständig mit Büchse und Säbel bewaffnet.
Ums Himmelswillen, was machen Sie hier. Kommen Sie, ich will sie an einen sicheren Ort bringen.
Bah, denkst Du, ich bin eine Memme, wenn ich auch ein Weib bin? Nenne mich »Du«, denn hier sind wir Alle Kameraden.
Hast Du Gilbert gesehen? – fragte Ralph, vor der Glut in den Blicken Alicens die Augen senkend.
Nein.
So will ich ihn Dir zeigen. Er stieg die Barrikade hinan. Alice folgte ihm. – Siehst Du dort den Jägerleutnant, welcher mit dem Kommandeur der Musketiere spricht. Das ist er. Bedarfst Du noch weiterer Beweise für seinen Verrat?
Ich bin zufrieden.
In diesem Augenblicke zischte ein Feuerstrahl aus dem Zündloche der Kanone. Ralph riss Alice herab. Die Kartätschen wühlten in dem Holzwerk der Barrikade, die Splitter flogen umher. Da drang ein Schmerzensschrei zu Ralphs Ohren. Er blickte nach Hartwig, aber er sah ihn nicht mehr. Eine Kugel hatte ihm den Kopf zerschmettert.
(…)
Mitternacht war vorüber, noch immer donnerten die Kanonen durch die festlich erleuchteten Straßen. Man illuminierte zum Wiegenfest der Revolution. Denn wenn Zorn über die Rohheit der Soldateska und Entrüstung über den Verrat am Volke die Barrikaden erbaut hatte, so bedurfte es nur eines achtstündigen Kampfes, um jene – wenn auch gerechtfertigten, doch für die Größe jener denkwürdigen Stunden kleinlichen – Leidenschaften in die erhabene Kälte einer echt revolutionären Ruhe zu versenken. Als der Kampf losbrach, war es ein Aufstand, als er acht Stunden gedauert hatte, gab es keinen Kämpfer auf den Barrikaden, der nicht wusste, worum es sich nunmehr allein handle - um den Fürstenthron.
Man hat sich nicht wenig mit der »Hochherzigkeit« des Berliner Volks gewusst, welche darin liegen sollte, dass die Berliner Revolution vor dem Throne stehen geblieben. Ich aber meine, dass eine solche Hochherzigkeit nach all der Schmach und Entwürdigung, der sich das Volk seit drei Dezennien hatte unterwerfen müssen, besser Feigheit heißen müsste.
Und doch ist diese Tatsache nicht abzuleugnen!
Aber wer hat sie auf seinem Gewissen? Wahrlich nicht jene heldenmütigen Arbeiter im groben Leinwandskittel, die ihre nackte Brust den kriegserfahrenen, gutbewaffneten Soldaten entgegenwarfen. Die feigen Weißbierbourgeois waren es, welche, während draußen die Kanonen donnerten, sich die Schlafmütze noch tiefer und die Bettdecke noch höher wie gewöhnlich über die Ohren zogen. Als sie am anderen Morgen aus den Federn krochen und mit verstörten Blicken hinabschauten auf das Straßenpflaster und nun statt des Kanonendonners den Jubel des siegreichen Volkes hörten, da schwoll ihnen plötzlich der Kamm – sie mischten sich unter die Jubelnden, ließen sich beglückwünschend die Hände drücken und schwärmten für die Freiheit. Aber ihre Freiheitslust hatte nicht die Bluttaufe erhalten, das Philistertum schlug ihnen in den Nacken, sie wurden sentimental beim Andenken an die Angst, die ein »hohes Haupt« in jener Nacht mit ihnen geteilt hatte – und ihre Sentimentalität brachte sie zur Hochherzigkeit, ihre Hochherzigkeit aber zum Verrat am Volk. Das Volk aber, das gekämpft, geblutet und gesiegt hatte, ließ sich täuschen von den Philistern, die es als Brüder betrachtete.
(…)
Der Ausgang jenes denkwürdigen Kampfes in der Nacht vom 18. bis 19. März ist bekannt. Am Morgen des 19. – es war ein Sonntag – wurde das Feuern eingestellt und das Versprechen gegeben, dass die Soldaten sich zurückziehen sollten, sobald das Volk die Barrikaden niedergerissen hätte. Nur wenige Barrikaden gingen diese Bedingung ein, die meisten blieben, wie sie waren. Dennoch gab man im Schloss nach; man war schwankend geworden teils durch die eigene Anschauung, teils durch die Schilderung der unbezähmbaren Wut und der unerschütterlichen Entschlossenheit des Volks.
Die Minister von Bodelschwingh, von Thiele, von Eichhorn hatten schon in der Nacht in eiliger Flucht die Stadt verlassen. Auch der Prinz von Preußen hatte es für nötig gehalten, sich dem Anblick des erbitterten Volkes zu entziehen, das – ob mit Recht oder Unrecht, wird wohl nie klar entschieden werden – ihm die Hauptschuld für das der Freiheit zum Opfer geflossene Blut beimaß. Über Tausend aus den Reihen des Volkes lagen teils verwundet in den Häusern umher, teils bedeckten sie als Leichen den blutgedüngten Boden. Außer denen, die später an ihren Wunden starben, hatten gegen dreihundert auf den Barrikaden den Tod gefunden. (…)
Die Stadt, durch die Eleganz und Zierlichkeit ihrer breiten und geraden Straßen berühmt, bot jetzt einen ernsten Anblick dar; die Trottoirs und das Pflaster waren aufgerissen; die Wände der Häuser mit Kugelspuren bedeckt, die Dächer ihrer Ziegel beraubt, so dass die grauschwarzen Sparren sichtbar wurden, zwischen denen man in die schwarzen Böden hineinblickte.
Der Kanonendonner war verstummt. Das Volk aber ruhte nicht; es bestand auf der Ausführung der ihm gemachten Versprechungen, und verlangte, das Schloss umwogend, dass die Soldaten die Stadt verließen.
Es geschah. Von Pulverdampf geschwärzt, sich kaum auf den Beinen haltend, mit zerrissener Uniform, zogen sie stumm, die Augen zu Boden schlagend, aus dem Schloss heraus auf den Lustgarten. Ohne Klang traten sie den Rückzug an, die Linden hinab zu dem Brandenburger Tor hinaus.
Am dritten Tage begrub das Volk seine Toten auf dem Friedrichshain. Damals rechneten es sich die Behörden der Stadt, welche sich die Früchte der Revolution gut schmecken ließen, vielleicht weil sie selber die Saat gestreut, die das Volk mit seinen Tränen und seinem Blut begossen, zur Ehre, dass ihnen gestattet wurde, den unabsehbaren Trauerzug des Volks zu geleiten. Es sind dieselben Behörden, welche acht Monate später für die Fortdauer des Belagerungszustandes Adressen sammeln und die am 18. März 1848 verstümmelten Proletarier nach der Ostbahn schicken, um Berlin von diesem »Gesindel« zu säubern.
Als der Zug der Leichen das Schloss passierte, erschien der König auf dem Balkon und entblößte ehrfurchtsvoll das Haupt.
Die Bürgerwehr wurde organisiert. Berlin war von den untersten bis in die obersten Schichten hierauf umgewandelt.
Der Vereinigte Landtag trat zum zweiten Male zusammen. Fürst Lichnowski gehörte zur gemäßigten Opposition, er strebte sichtbar danach, sich populär zu machen.
Der Landtag hatte seine Arbeiten vollendet. Die »einigen Grundlagen der künftigen preußischen Verfassung« und das »Wahlgesetz« waren proklamiert worden.
Das Volk murrte, aber es wartete auf die konstituierenden Versammlungen.
Die Wahlen begannen. Die alten doktrinären Liberalen standen im Vordergrund. Man schickte sie nach Frankfurt und nach Berlin. Auch der Fürst Lichnowski wurde nach Frankfurt gewählt.
Nicht sechs Wochen waren seit dem 19. März verflossen und die Contrerevolution begann die ersten Steine zu dem Fundament zu legen, zu dem prächtigen Palast, den sie am 7. November vollendete und am 5. Dezember einweihte.
Der große Zug nach dem Friedrichshain am 4. Juni 1848 war das letzte Aufflackern des mächtigen revolutionären Geistes, und der letzte große friedliche Sieg des Volkes über das wiederauftauchende Bourgeoisphilistertum.
In demselben Maße, wie das Andenken an das, was man am 18. März gewollt hatte, abnahm, nahm die im Finstern schleichende Reaktion zu. Vergebens nährten die Redner der Clubs die Erinnerungen der Revolutionsnacht, vergebens wies die Presse auf die Fortschritte der Reaktion hin:
Der Geist der Revolution selbst, die Vorsehung des Volkes wollte es anders.
Nur die vollendete Contrerevolution kann die Mutter einer vollendeten Revolution werden.
Das ist die Lösung des Rätsels.
»Meine Herren und Damen! Es ist so vielfältig und auch heute in unserem Kreis schon öfter von dem wahren Wesen der Frauen-Emanzipation gesprochen worden, ohne dass man, wie es mir schien, eigentlich darüber klar gewesen, weder wozu die Emanzipation diene noch wozu man darüber spricht. Erlauben Sie mir hierbei die Bemerkung, dass gerade der männliche Teil der Gesellschaft sich diese Sache am meisten zu Herzen zu nehmen scheint, das heißt, am meisten darüber spricht, vielleicht weil er am wenigsten davon begreift. Mich will es bedünken, als müsse der Anfang zur wahren Emanzipation damit gemacht werden, dass man sich vom Hin- und Her-Reden darüber emanzipiert. Zwar hat auch die Emanzipation des Worts ihr Recht, und man muss dafür kämpfen, ich gebe es zu, aber die wahre Emanzipation ist die Emanzipation der Tat. Meine Herren und Damen! Wir wollen keine Worthelden werden, hoffe ich; geistreich zu sprechen und frei zu denken, ist ein Kinderspiel gegen geistreiches Handeln und freies Tun. Gibt es nicht manche auch unter uns, die hinter dem freien Wort die praktische Impotenz verstecken? Man schlage an seine Brust und frage sich, ob z. B. die Furcht vor der Polizei für uns alle schon eine überwundene Kategorie ist. Man schlage zerknirscht an seine Brust und bekehre sich. Ich aber erhebe mein Glas und rufe mit gutem Gewissen: Die Emanzipation der Tat soll leben!« Weiterlesen
Ein allgemeiner Jubel folgte diesen mit sanfter Stimme und jenem melancholischen Pathos, der Alice eigen war, vorgetragenen Worten. Nachdem der Sturm des Beifalls durch Leerung der Gläser etwas beschwichtigt war, fuhr sie in demselben Tone fort:
»Ich hoffe, dass Sie mir nicht den Vorwurf machen werden, als sündige ich gegen mein eigenes Prinzip, indem ich jetzt doch über Emanzipation spreche. Es wäre eine Beleidigung, die ich nicht verdiene, denn ich habe, wie gesagt, ein gutes Gewissen. Meine Herren und Damen, ich glaube mir praktisch das Recht erworben zu haben, über Emanzipation zu sprechen. Oder sollte Jemand einen Zweifel dagegen erheben?« – Sie sah mit wahrhaft königlichem Stolz umher. Eine feierlich komische Stille herrschte im ganzen Kreis. »Gut«, fuhr sie fort, »ich sehe, dass Sie mich kennen. Lassen Sie sich denn sagen, was ich über Emanzipation des Weibes denke. Meine Rede wird kurz, aber inhaltsreich sein:
'Des Weibes Glück ist die Liebe,
Aber das Glück der Liebe ist die Freiheit!'
Das ist mein Wahlspruch, meine ganze Philosophie. Es würde mir ein Vergnügen machen, diesen Satz zu verteidigen, wenn sich ein Angreifer fände.« Sie setzte sich. Nach einigen Sekunden, während welcher die bisher beobachtete Stille nicht unterbrochen wurde, erhob sich jener Mann mit interessanten Zügen, in dessen Gespräch mit Schattenfrey sich Landsfeld gemischt hatte.
Landsfeld konnte beim hellen Schein der Lampen die Züge dieses Mannes deutlicher beobachten. Es war ein Gesicht, von dem man sagen konnte, dass jeder Zug ein Abschiedsbrief ehemaligen Glaubens und jede Miene ein Trauerflor gestorbener Hoffnungen war.
»Wenn ich Sie recht verstehe, so wollen Sie sagen, dass das Weib nur wahrhaft lieben kann, wenn und insofern es frei ist, und nur dann wahrhaft frei ist, wenn es liebt.«
»Ja; doch unter der Bedingung, dass Sie unter der Freiheit nicht bloß Freiheit, das heißt Unbeschränktheit in der Empfindung, sondern Freiheit überhaupt, soziale Freiheit begreifen.«
»Was nennen Sie soziale Freiheit?«
Alice dachte einen Augenblick nach: »Freiheit der Individualität«, sagte sie endlich. »Vergessen Sie nicht, dass wir von der Emanzipation der Frauen sprechen. Aber selbst ganz im Allgemeinen genommen, lässt sich diese Erklärung rechtfertigen. Das wahrhaft Menschliche muss überall triumphieren. Dass es nicht so ist, liegt in der Verkehrtheit unserer sozialen Verhältnisse.«
»Vielleicht lässt sich jene Erklärung eben deshalb nicht auf Frauen-Emanzipation anwenden, weil sie zu allgemein ist. Denn mir scheint in der Forderung, die weibliche Individualität zu emanzipieren, ein Widerspruch zu liegen.«
»So meinen Sie also, dass das Weib dazu verdammt ist, ewig in den Fesseln zu schmachten, die ihnen Willkür und Herrschsucht der Männer angelegt.«
»Nicht Herrschsucht der Männer, sondern die Natur«, erwiderte er ruhig.
»Das sagen Sie, aber ich fordere einen Beweis. Ist das Weib etwa weniger Mensch als der Mann, bildet es etwa eine Zwischenstufe zwischen Mensch und Affe. Freilich, die Männer möchten es gern so darstellen.«
»Der Mann hat seine Schranke, das Weib die seinige; und in beiden Fällen führt die Natur den Beweis am deutlichsten beim Weibe.«
»Oh, ich ahne, was Sie sagen wollen. Aber ich finde darin keinen Beweis. Denn dass diese Schranke überwunden werden kann, zeigen Beispiele genug.«
»Alle Schranken können, wenn auch nicht überwunden, so doch durchbrochen werden, auch die Schranken der Natur. Aber zeigt sich der Barbar als ein Meister des Kunstwerks, wenn er es zerschlägt?«
»So beantworten Sie mir die Frage, woher es kommt, dass gerade die edelsten, gebildetsten Frauen die sogenannte Pflicht des Weibes am meisten vernachlässigen? Nach ihrer Ansicht wäre ein recht kräftiges Landmädchen, wenn es 'die Pflichten der Gattin und Mutter' nur recht treu erfüllte und den Kochlöffel und das Waschfass zu regieren verstände, das höchste Ideal eines Weibes. Ich wünsche aufrichtig, dass dies Ihr Ideal Ihnen bald verwirklicht werde.«
Ein allgemeines Gelächter belohnte sie für die argumentatio ad hominem, welche ihr einen vollkommenen Sieg errungen hatte.
Denn Frauen können im Streit mit Männern nur dann siegen, wenn sie entweder auf ihr »Gefühl« sich berufen oder aber, wenn sie hierzu zu stolz sind, ihren Gegner lächerlich machen. Das Letztere ist jedenfalls das Sicherste, weil diese Waffe nicht gut gegen sie selbst gekehrt werden kann. Alice hatte ihren Gegner allerdings zum Schweigen gebracht; aber ein kaltes, bitteres Lächeln, woraus neben dem Bewusstsein seiner Überlegenheit noch die Ironie über die Art seiner Niederlage hervorleuchtete, schwebte auf seinen Lippen, als er, sich tief verbeugend, sprach: »Ich erkenne mich für überwunden.«
Wenn einst der Freiheit Hymnen schallen,
Die Schwerter wieder rein von Blut;
Dann will ich zu der Stätte wallen,
Wo Robert Blum, der Edle, ruht;
Dann schmück' ich unter Tränen
In einer stillen Nacht,
Wenn sie mich schlummernd wähnen,
Sein Grab mit Blumenpracht.
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Was soll uns jetzt die Klage frommen?
Mein Aug ist heiß, doch tränenleer,
Es wird der Tag des Kampfes kommen,
Die Leier nicht – es gilt den Speer!
Aus jeder Todeswunde
Ein Gott der Rache spricht:
Noch kennt ihr bis zur Stunde
Des Zornes Allmacht nicht!
Wilde Rosen, Berlin (W. Moeser und Kühn) 1846.
Meine Emancipation, Verweisung und Rechtfertigung. Brüssel (C. G. Vogler) 1846.
Wilde Rosen. Gedichte, Berlin (W. Moeser und Kühn) 1846.
Aus dem Leben einer Frau. Roman, Hamburg (Hoffmann und Campe) 1847.
Lydia. Roman, Magdeburg (Emil Baensch) 1848.
Revolution und Contrerevolution. Roman, Mannheim (J. P. Grohe) 1849.
Freischärler-Reminiscenzen. Zwölf Gedichte, Leipzig (Emil Ottocar Weller) 1849.
Germaine Goetzinger: Für die Selbstverwirklichung der Frau: Louise Aston, Fischer Verlag, Frankfurt 1983.
Barbara Wimmer: Die Vormärzschriftstellerin Louise Aston. Selbst- und Zeiterfahrung, Lang, Frankfurt am Main u.a. 1993.
Barbara Sichtermann: Ich rauche Zigarren und glaube nicht an Gott, edition ebersbach, Berlin/Dortmund 2014.
Jenny Warnecke: Frauen im Strudel gewaltiger Thaten. Louise Astons Roman Revolution und Contrerevolution 1849, Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach im Taunus 2011.
LOUISE ASTON
Abb.: Sammlung Stadtmuseum Berlin
Für ihre männlichen wie auch für viele weiblichen Zeitgenossen war Louise Aston eine Provokation: eine geschiedene Frau und alleinerziehende Mutter, die mit Männern in Gasthäuser geht, dort über Politik und Religion debattiert, in der Öffentlichkeit Zigarren raucht, die Ehe ein Zwangsinstitut nennt und die „freie Liebe“ propagiert. Wo sie auftritt, sorgt sie für Aufsehen. „Ehrsame“ Bürger beschweren sich über sie – bis die Behörden schließlich eingreifen und sie, wegen „Unsittlichkeit“, aus Berlin, ihrer Wahlheimat als Schriftstellerin, ausweisen. Dagegen – auch das ein Skandal – legt sie öffentlich Protest ein. In ihrem Bericht „Meine Emancipation“ wie auch in ihren Romanen und Gedichten wird deutlich, dass ihr Verstoß gegen die „guten Sitten“ wohl das kleinere Übel war, über das man noch hätte hinwegsehen können. Sie rief aber zugleich zur Revolution auf, machte die Demokratie zu ihrer Sache. Es ging ihr nicht primär um „Selbstverwirklichung“, das auch. Ihre Emanzipation war vielmehr Teil einer allgemeinen Befreiung aus den Zwängen der herrschenden feudalen und klerikalen Ordnung. Das machte sie für die Staatsmacht zu einer „höchst gefährlichen Person“.
Am 26. November wird Louise als jüngstes von fünf Kindern des evangelischen Theologen und Konsistorialrats Johann Gottfried Hoche und seiner Ehefrau Louise in Gröningen bei Halberstadt geboren.
Nach einer durchaus als „behütet“ zu bezeichnenden Kindheit drängen die Eltern Louise, 20-jährig, in eine „Konventionsehe“; ein passender – sprich: vermögender – Mann hatte um ihre Hand angehalten. Trotz heftigem Widerstand heiratet sie am 4. Mai den 23 Jahre älteren Samuel Aston, einen englischen Ingenieur, der in Magdeburg eine florierende Firma betreibt.
Die Ehe zwischen der lebenshungrigen Frau, die mit ihrer Freizügigkeit in Magdeburg wiederholt Skandale provoziert, und dem autoritären Unternehmer wird im November 1838 auf Betreiben Samuel Astons geschieden.
Am Krankenbett einer gemeinsamen Tochter kommt sich das Paar wieder näher und heiratet im September 1841 ein zweites Mal.
Auch die zweite Ehe scheitert und wird erneut geschieden. Louise Aston verlässt ihren Mann und zieht, samt Tochter, nach Berlin. Sie möchte sich hier einen Namen als Schriftstellerin machen, erwirbt aber zunächst und vor allem den Ruf einer exaltierten, gegen alle Konventionen verstoßenden „Emanzipierten“.
Mit Order vom 19. März 1846 wird sie aufgrund anonymer Beschwerden „ehrbarer“ Bürger aus Berlin ausgewiesen. Noch im selben Jahr erscheint ihr öffentlicher Protest dagegen: „Meine Emancipation. Verweisung und Rechtfertigung“. Louise Aston weicht nach Köpenick aus, wo in kurzer Folge auch ihre ersten Romane entstehen.
Im April 1848 schließt sie sich den „Berliner Freischaren“ an, um – im Sinne des „nationalen Gedankens“ – die Einverleibung Schleswig-Holsteins durch Dänemark zu verhindern. Sie pflegt als Freiwillige verwundete Soldaten und lernt dabei auch ihren zweiten Mann kennen, den Arzt Daniel Eduard Meier aus Bremen. Als der Krieg Preußens gegen Dänemark mit einem von England, Frankreich und Russland erzwungenen Waffenstillstand endet, werden die Freischaren aufgelöst.
Louise Aston kehrt nach Berlin zurück, wo sich die Behörden nach den Märzereignissen einen demokratischeren Anstrich zu geben versuchen. Sie gründet eine Zeitschrift – „Der Freischärler. Für Kunst und soziales Leben“ –, deren erste Nummer im November 1848 erscheint. Nach nur sieben Ausgaben wird die Zeitschrift verboten und Louise erneut aus Berlin ausgewiesen.
Dr. Meier, der in Bremen eine Klinik leitet, wird vom Senat zur Trennung von der „Dame Aston“ gedrängt, die für die Stadt eine „Belastung“ darstelle. Der Arzt weist die Forderung empört zurück und wird daraufhin entlassen. Aus der Folgezeit ist wenig bekannt. Aston folgt ihrem Mann an wechselnde berufliche Wirkungsstätten.
Am 21. Dezember 1871 stirbt Louise Aston an den Folgen eines sie seit längerer Zeit plagenden Lungenleidens.
Bahman Nirumand
Kürzlich forderte die Autorin und Politikwissenschaftlerin Emilia Roig im Spiegel die Abschaffung der Ehe, das „Ende einer obsoleten Institution, die die Ungleichheit und Unterdrückung der Frauen in unserer Gesellschaft produziert und aufrechterhält“. „Die Liebe, die innerhalb vieler Ehen gelebt wird, braucht die Ehe nicht“, schrieb sie.
Etwa dieselbe Auffassung vertrat bereits vor knapp zweihundert Jahren die Autorin und Dichterin Louise Aston. Sie war siebzehn Jahre alt, als sie auf Drängen ihrer Eltern den wohlhabenden englischen Fabrikbesitzer Samuel Aston heiratete. Aston war bereits Vater von vier unehelichen Kindern, gezeugt von drei verschiedenen Frauen. Weiterlesen
Was konnte Louise, diese junge, schöne Frau, die am Anfang ihres Erwachsenenlebens stand, mit dem 23 Jahren älteren, biederen Mann anfangen? Sie durstete nach einem erfüllten Leben, in dem sie ihre Begabungen und Sehnsüchte erfüllen und sich selbst verwirklichen konnte. Den Mann, mit dem sie ihr Leben verbringen sollte, liebte sie nicht, spürte keinerlei Gefühle für ihn. Sie leistete Widerstand, rebellierte, wollte aus dieser muffigen Atmosphäre, in der es keine Liebe gab und sie ihren Fantasien, ihren emotionalen Wünschen und geistigen Bestrebungen nicht nachgehen konnte, ausbrechen. Durch ihre Erfahrung in dieser Ehe, in der sie materiell alles zur Verfügung hatte, was sie sich hätte wünschen können, in der es aber keine Emotionen, keine Liebe gab, gelangte sie zu der Überzeugung, dass die Ehe weder notwendig noch heilig und das vermeintliche Glück „meistens ein erlogenes und erheucheltes ist“. Die Ehe verberge „in ihrem Schoß alle Verwerflichkeit und Entartung“, schrieb sie später. „Ich kann ein Institut nicht billigen, das mit der Anmaßung auftritt, das freie Recht der Persönlichkeit zu heiligen, ihm eine unendliche Weihe zu erteilen, während nirgends gerade das Recht mehr mit Füßen getreten und im Innersten verletzt wird als in der Ehe; ein Institut, das mit der höchsten Sittlichkeit prahlt, während es jeder Unsittlichkeit Tor und Tür öffnet; das einen Seelenbund sanktionieren will, während es meistens nur den Seelenhandel sanktioniert.“ Die Ehe mache etwas zum Eigentum, was nimmer Eigentum sein könne.
Kämpferisch und mutig fordert Louise Aston, „das Recht und die Würde der Frauen in freien Verhältnissen, in einem edleren Kultus der Liebe wiederherzustellen“. Es sei die höchste Schande, sich selbst wegzuwerfen, zu erniedrigen. Aber genau dies werde durch die Ehe „vor aller Welt zur Ehre gestempelt“. Unerhörte Worte zu jener Zeit, wie man sie allenfalls von der legendären französischen Schriftstellerin George Sand kannte.
Nach langem Kampf und mehreren Trennungen kommt der endgültige Bruch. Die Ehe wird geschieden, Louise macht sich mitsamt ihrer dreijährigen Tochter auf den Weg ins Ungewisse. Doch die Welt, die sie draußen vorfand, war alles andere als ein Ort, in dem das Recht der Frau auf Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung akzeptiert wurde. Der preußische Polizeistaat, der von der Krone und dem Adel beherrscht wurde und deren scheinheilige Moral duldeten kein Ausscheren einer Frau aus der Ehe in die Freiheit. Die Familie galt als eine unantastbare Säule der Staatsmacht. Sie in Frage zu stellen und das Recht der Frauen auf Freiheit und Selbstbestimmung zu fordern, galt als ein unverzeihliches Vergehen, das nicht geduldet werden durfte.
Louise Aston beharrte aber mutig auf ihrem Recht zu einem selbstbestimmten Leben. Sie begab sich nach Berlin, dem Zentrum des Geistes und der Kultur im damaligen Königreich Preußen, mit dem Ziel, ihren literarischen Ambitionen nachgehen zu können. Hier nahm sie in Kreisen von Intellektuellen, Schriftstellern und Künstlern an Debatten teil, wo sie bald durch ihren außergewöhnlichen Lebenswandel, ihr provozierendes Auftreten und ihre radikalen Ansichten als „Emanzipierte“, aber auch durch ihre geistigen Fähigkeiten auffiel und geehrt und geachtet wurde – Grund genug für selbsternannte Sittenwächter, sie öffentlich zu denunzieren. In einem Artikel der Deutschen Allgemeinen Zeitung wurden ihr Ansichten und Aktivitäten unterstellt, deren Verbreitung, nach Meinung des Autors, eine „große Gefahr für die Gesellschaft“ bildete. Sie missachte moralische Grundsätze, wolle Familien zerstören, verführe ehrbare Männer, ja, sie leugne sogar Gott, wurde ihr in dem Artikel vorgeworfen. Auch anonyme Moralisten (und Moralistinnen) schickten verleumderische Briefe gegen sie an die Polizei, was die Behörde zum Vorwand nahm, Louises Aufenthaltserlaubnis für Berlin nicht zu verlängern und sie aufzufordern, binnen acht Tagen die Stadt zu verlassen. Die Frau, begabt mit „exzentrischen Ideen“, habe sich in Kreisen von Literaten und Intellektuellen durch „frivole und gegen bestehende Ordnung gerichtete Ansichten bemerkbar gemacht“, habe „im Verein mit anderen Frauenpersonen“ geraucht und getrunken und sich kritisch über Politik und Religion geäußert, hieß es in einem Brief des Berliner Polizeipräsidiums an den preußischen König. Ihr Plan sei, Frauenorganisation zu gründen und die Bevölkerung für den Kampf für Frauenrechte zu mobilisieren. Zwar könne man ihr nicht unterstellen, „einen liederlichen Lebenswandel“ zu führen. Doch sie verstoße mit ihrem Verhalten gegen „Sitte und Schicklichkeit“, was Zeitungen und Bürger dazu veranlasst habe, öffentlich gegen sie Stellung zu nehmen. Sie habe sogar bei ihrer Vernehmung ohne Scheu zugegeben, dass sie die Ehe für ein „unsittliches Institut“ halte und behauptet, die Menschen würden erst glücklich sein, wenn es keine Ehe gebe.
Louise setzte sich gegen ihre Ausweisung zur Wehr – ein bis dahin einmaliger Widerstand seitens einer Frau –, wandte sich an den Polizeipräsidenten, den Innenminister, ja, sogar an den König. Doch alle Ihre Versuche waren vergeblich, sie musste die Stadt verlassen. Den ganzen Vorgang schilderte sie in der Schrift: „Meine Emanzipation, Verweisung und Rechtfertigung“, die 1846 in Brüssel erschien (und die in diesem Band enthalten ist).
Trotz der willkürlichen Maßnahme des Polizeistaates setzte Aston ihren Kampf für die Rechte der Frauen fort. „Ich richte meine Klage gegen den allgemeinen Geist der Reaktion, der uns mit einer zivilisierten Inquisition bedroht. Auch wir sind mündig und wollen kämpfen für unsere Freiheit, für unser Recht“, schrieb sie. Sie wendete sich gegen die scheinheilige Moral, die von den Kanzeln gepredigt werde. „Ich nehme das Recht in Anspruch, auf meine Façon selig zu werden“, betonte sie. Sie sei überzeugt, „dass gerade über die maßlose religiöse Heuchelei dieser Zeit über kurz oder lang der Tag des Gerichtes hereinbrechen und den allgemeinen Unglauben strafen wird“.
„Das Weib kann nur wahrhaft lieben, wenn und insofern es frei ist, und nur dann wahrhaft frei ist, wenn es liebt“, schreibt Aston in ihrem Roman „Lydia“. Es gehe dabei aber nicht allein um Freiheit der Gefühle und Empfindungen, sondern um Freiheit überhaupt, um soziale Freiheit, um die allgemeinen Rechte des Individuums. „Das wahrhaft Menschliche muss überall triumphieren.“ Das Idealbild der Männer sei ein „kräftiges Landmädchen“, das die Pflichten als Hausfrau und Mutter erfülle und „den Kochlöffel und das Waschfass zu regieren verstände“, spottete sie. Man sollte sich aber fragen, wie es dazu kommt, dass gerade die „edelsten, gebildetsten“ Frauen diese Pflichten vernachlässigen.
Aston weist zu Recht immer wieder auf den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Gleichberechtigung und der sozialen und politischen Lage hin. Die Gleichberechtigung könne nur dann zustande kommen, wenn Frauen und Männer in allen Bereichen gleiche Chancen haben würden. Daher reichte ihr Engagement weit über den Einsatz für die Rechte der Frauen hinaus. Sie unterstützte die revolutionäre Bewegung für Freiheit und Demokratie, die im März 1848 ihren Höhepunkt erreichte, sie nahm sogar als Pflegerin an den Kämpfen in Schleswig-Holstein aktiv teil und wurde dabei verwundet. In ihren Gedichten und Schriften beklagt sie die Unterdrückung und Ausbeutung der Massen durch den Adel und die Fürstenstaaten. Während eine kleine Minderheit in Reichtum schwelge, nage das gemeine Volk am Hungertuch, klagte sie.
Die Revolution scheiterte. Aston konnte vermutlich nicht ahnen, dass der Kampf der Frauen um Gleichberechtigung, an dem sie führend beteiligt war, auch nach fast zweihundert Jahren sein Ziel nicht erreichen würde. Es bedurfte den opfervollen Einsatz von Frauenverbänden, Gewerkschaften und zahlreichen Einzelpersonen und einer kontinuierlichen, mühsamen Aufklärungsarbeit, bis in wenigen Ländern der Welt Schritt für Schritt Gleichberechtigung und Chancengleichheit zumindest als Grundsatz in die Verfassung aufgenommen wurden. In Deutschland wurde erst in der Weimarer Republik Frauen das Wahlrecht zugesprochen, in Frankreich 1944, in der Schweiz sogar erst 1971. Inzwischen werden in allen diesen Ländern die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern ebenso wie das Prinzip gleicher Lohn für gleiche Arbeit, wenn auch noch nicht in der Praxis, gesetzlich akzeptiert. Immer mehr Frauen werden in hohen Positionen in der Wirtschaft und Politik an wichtige Entscheidungen beteiligt. Dennoch gibt es noch zahlreiche Felder, bei denen Frauen benachteiligt werden.
Schaut man aber über diese wenigen Länder hinaus, dann findet man Gesellschaften, in denen Frauen Jahrzehnte, gar Jahrhunderte von einer Gleichberechtigung entfernt sind. Dieser Rückstand liegt vor allem darin begründet, dass Frauenemanzipation, wie auch Aston meinte, unmittelbar mit der sozialen und politischen Lage, aber auch mit der Religion und nicht zuletzt der Kultur eines jeweiligen Landes verbunden ist. In Afghanistan zum Beispiel, wo die islamistischen Taliban seit August 2021 wieder an die Macht gelangt sind, haben Frauen kaum noch Rechte. Ihre Bewegungsfreiheit ist stark eingeschränkt, sie dürfen nur in Begleitung eines männlichen Blutverwandten öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Am besten sollen sie ihre Häuser überhaupt nicht verlassen, in dringenden Fällen müssen sie sich voll verschleiern. Frauen und Mädchen wird generell das Recht auf Bildung untersagt. Weiterführende Schulen für Mädchen sind nicht gestattet.
Aber auch Länder wie Afghanistan bleiben von äußeren Einflüssen und inneren Kämpfen nicht verschont. Die Globalisierung und vor allem das Internet und die sozialen Netzwerke brechen die von Diktaturen zur Isolierung der eigenen Bevölkerung errichteten ideologischen, kulturellen und politischen Dämme und tragen damit einen Strom von neuen Ideen und Lebensauffassungen in die Länder hinein, nicht zuletzt Ideen über die Rolle und Stellung der Frauen in der Gesellschaft. Das beste Beispiel dafür ist Iran, wo seit 43 Jahren Islamisten versuchen, dem Volk ihre Ideologie und ihre Vorstellung von Moral und Sittlichkeit aufzuzwingen, worunter die Frauen am meisten zu leiden haben. Aber gerade Frauen haben in all den Jahren mutig und unerbittlich um ihre Rechte gekämpft.
Im September vergangenen Jahres brachte ein Ereignis das Fass zum Überlaufen. Die 22-jährige Mahsa Amini wurde von der Sittenpolizei festgenommen, weil Haarsträhnen aus ihrem Kopftuch herausschauten. Nach drei Tagen starb sie infolge von Misshandlungen. Dieses entsetzliche Verbrechen lieferte den Anlass zu einer von Frauen geführte landesweite Protestbewegung, die ein Ende des islamischen Gottesstaates forderte. Hunderte, gar tausende von Frauen nahmen öffentlich ihre Kopftücher ab, schwenkten sie in der Luft, warfen sie ins Feuer und tanzten um die lodernden Flammen herum. Viele Frauen schnitten aus Protest ihre Haare ab. Das Regime reagierte mit brutalster Gewalt. Es gab zahlreiche Tote, Verletzte und tausende Festnahmen von Demonstrantinnen und Demonstranten, die in den Kerkern gefoltert wurden. Einige Rebellierende wurden öffentlich hingerichtet. Doch die mutigen Frauen und Männer, ließen nicht nach, leisteten mit leeren Händen den bewaffneten Schergen des Regimes gegenüber Monate lang Widerstand. Zwar haben sie ihr Ziel, das Regime zu stürzen, nicht erreicht. Doch dieser Aufprall der Moderne auf die anachronistische, frauen- und menschenfeindliche, religiös verbrämte Ideologie hat die Säulen des Regimes erschüttert und die bestehenden Widersprüche im islamischen Lager erheblich verschärft, so dass das Regime nicht mehr in der Lage zu sein scheint, den Widerstand zu bändigen. Heute sieht man auf den Straßen Irans unzählige Frauen ohne Kopftuch. Eine Rückkehr zu den Zeiten vor der Rebellion ist nicht mehr denkbar. „Frau, Leben, Freiheit“ – so hätte auch das Motto Louise Astons lauten können – ist die vielsagende Parole der Bewegung, die mit Recht die Frauenemanzipation als untrennbaren Bestandteil eines neuzugestaltenden Lebens in Freiheit betrachtet, eines Lebens, in dem es gleiche Recht und Chancen für freie Bürgerinnen und Bürger gibt.
Bemerkenswert ist auch die weltweite Solidarität, die der Rebellion zuteilwurde. International berühmte Schauspielerinnen schnitten öffentlich ihre Haare ab. Künstler, Schriftsteller, Journalisten, auch Politiker aus aller Welt bekundeten ihre Solidarität mit dem Widerstand in Iran – ein Indiz dafür, dass der Kampf um die Rechte der Frauen, für die Louise Aston ein Leben lang gekämpft hat, längst nicht mehr eine nationale Angelegenheit ist.
Louise Aston hat viel erreicht, aber noch längst nicht gewonnen. Nach wie vor bedarf es mutiger Frauen wie sie. Überall. In vielen Teilen der Welt sind Frauen immer noch praktisch rechtlos, die Menschenrechte werden ihnen vorenthalten, sie sind Menschen „minderer Klasse“, die ihre Bedürfnisse, Talente, Potentiale nicht entfalten dürfen – und die, wenn sie es dennoch versuchen, mit brutalen Strafen rechnen müssen. Aber auch in den aufgeklärten, demokratischen Ländern ist, obzwar dank Frauen wie Aston viel erreicht wurde, noch längst nicht alles beim Besten. Gewalt gegen Frauen, Frauenmorde, ungleiche Bezahlung, alltägliche Diskriminierungen gehören keiner fernen Vergangenheit an, sondern sind Teil auch der „westlichen“ Gegenwart. Umso bewundernswerter, dass es – ebenfalls überall – auch heute Frauen wie Louise Aston gibt, die, wie sie, selbst höchste Risiken in Kauf nehmen, um dagegen aufzubegehren.
Louise Aston
Freiem Leben, freiem Lieben bin ich immer treu geblieben
Erschienen am 05.10.2023
Taschenbuch mit Klappen, 160 Seiten
€ (D) 14,– / € (A) 14,40
ISBN 978-3-462-50007-3
Einleitung
Eine Frau, die ihre Privat-Angelegenheiten vor das Forum der Öffentlichkeit bringt, muss entweder grenzenlos eitel sein oder von der äußersten Notwendigkeit zu diesem Schritt gezwungen werden, einer Notwendigkeit, gegen welche sich aus falschem Schamgefühl zu sträuben, ebenso feig als ehrlos wäre. In diesem letzten Falle befinde ich mich. Vielfache Verleumdungen in öffentlichen Blättern, die meinen Namen mit Bewegungen und Tendenzen in Verbindung brachten, die mir teils gänzlich fern liegen, teils nie in der brutalen Weise, die man mir Schuld gibt, von mir vertreten wurden; zuletzt die Maßregel der Polizei, die mich in Folge jener öffentlichen Denunziationen aus Berlin verwies: Alles das berechtigt, ja zwingt mich, mit einer Rechtfertigung vor dem Publikum aufzutreten, um meine Ehre zu retten und von der öffentlichen Meinung den Schutz zu erbitten, den die Gewalten des Staates dem schutzlosen Weibe hartnäckig versagten. Weiterlesen
Der Mann, der seine Ehre gekränkt glaubt, hat Mittel, sie zu rächen, Mittel, die zwar das Gesetz ächtet, die Meinung der Menschen aber anerkennt. Die Frau ist, ratlos und hilflos, jeder Anfeindung ausgesetzt. Denn der ritterliche Schutz, den die rohe Zeit des Faustrechts den Frauen gewährte, musste dem Lichte der Aufklärung, dem Geiste der fortschreitenden Welt, und dem sicheren Schutze des Gesetzes weichen. Kein Ritter bricht mehr für die Ehre seiner Dame eine Lanze; und nur in den Don-Quixotiaden hoher und niederer Abenteurer feiert das Rittertum seine Unsterblichkeit.
Wir Frauen aber, die wir das alte Recht verloren, verherrlicht zu werden in den süßesten Liedern und den blutigsten Kämpfen, am Minnehof und im Turnier, zu herrschen über die ideale Welt, wie die Himmelskönige über ihr Reich: Wir verlangen jetzt von der neuen Zeit ein neues Recht; nach dem versunkenen Glauben des Mittelalters Anteil an der Freiheit dieses Jahrhunderts; nach der zerrissenen Charte des Himmels einen Freiheitsbrief für die Erde!
Unser höchstes Recht, uns're höchste Weihe ist das Recht der freien Persönlichkeit, worin all uns're Macht und all unser Glauben ruht, das Recht, unser eigenstes Wesen ungestört zu entwickeln, von keinem äußeren Einfluss gehemmt; den inneren Mächten frei zu gehorchen, die Harmonie der Seele durchzubilden, mag sie auch ein Missklang scheinen gegenüber dem herrschenden Glauben der Welt.
Wer dies Recht der Persönlichkeit antastet, begeht einen brutalen Akt der Gewalt; wer unser Fühlen und Glauben, das Resultat unserer Schicksale, unser höchstes Eigentum, aus dem Allerheiligsten unseres Herzens herausreißt auf den Markt, auf die Gerichtsstube, vor den Pöbel, mag er auch die Wage der Gerechtigkeit in den Händen halten: der versündigt sich gegen das wahre Heil unserer Seele; der begeht einen Tempelraub, einen Gottesfrevel, von dem ihn die richtende Geschichte nimmer freisprechen kann. Dies Recht der freien Persönlichkeit ist in mir beleidigt; so stehe mir die einzige Schutzwehr der freien Rede zu! Meine Sache spricht für sich selbst, sie ist ihr eigener Advokat. Doch ist sie nicht bloß meine Sache. Ihr Interesse ist ein Allgemeines. Denn, wenn äußere Gewalt schon das Denken und Glauben des Weibes strafbar findet: Wie steht es da mit der geistigen Freiheit der Männer? – Darum übergebe ich diese Blätter dem Publikum als einen Beitrag zur Charakteristik der neuesten preußischen Gewissensfreiheit und zur Geschichte der Verweisungen. Die polizeilichen Maßreglungen der Männer haben durch ihre Alltäglichkeit den Reiz des Pikanten verloren; so muss es als ein glücklicher Einfall, als ein Witz des Schicksals erscheinen, durch die außergewöhnliche Ausweisung einer Frau eine interessantere Variation zu dem abgeleierten Thema zu liefern. Denn da der Mensch aus Gemeinem gemacht und die Gewohnheit seine Amme ist, so gewöhnt er sich auch an jede Art der Sklaverei, und sucht sich zuletzt in der Entwürdigung selbst heimisch zu fühlen. Da bedarf es des Ungewöhnlichen, um ihn aus seinem Schlummer emporzureißen, um ihm seine ganze Erniedrigung und Knechtschaft in ihrer ertötenden Wahrheit zu zeigen. – Oh, du schönes Griechenland mit deinen untergegangenen Göttern! Deine Altäre und Tempel sind zertrümmert, dein heiteres Leben ist versunken, und nur sein schwacher Nachglanz lebt in den Werken der Dichter; und in der Sehnsucht edler Gemüter: Geblieben ist, was deine Geschichte geschändet, die finstere Gewalt, die sich zur Richterin aufwirft über freie Geister; die einen Sokrates den Giftbecher trinken lässt und eine Aspasia wegen Gotteslästerung vor die Schranken ruft! Die Geschlechter vergehen, und die Völker, und ihre Götter; aber der Wahn ist unsterblich!
Köpenick, den 25sten Juni 1846.
Louise Aston.
Ein vielbewegtes Leben lag hinter mir, als ich im August vorigen Jahres meinen Aufenthalt in Berlin nahm. In früher Jugend mit einem Manne verheiratet, der meinem Herzen fremd, ehe die Ahnung der Liebe in mir lebendig geworden; im Besitz alles äußern Glücks, in der Mitte der glänzendsten Verhältnisse allein und unglücklich, lernte ich schon früh das moderne Leben in all seinen Konflikten und Widersprüchen kennen, und bald auch den gewaltigsten Gegensatz, der das Herz einer Frau vernichtet, und einmal die soziale Weltordnung aus ihren Angeln zu heben droht, den Gegensatz zwischen Liebe und Ehe, Neigung und Pflicht, Herz und Gewissen. Weiterlesen
Die Frauen, denen ein ruhiger Besitz und ein idyllisches Glück geworden, werden diesen Gegensatz nicht begreifen, weil sich ihnen zu schöner Harmonie verschmilzt, was bei mir feindlich auseinander liegt. Sie werden mich als eine Abenteurerin verdammen, die, untreu dem eignen Herzen, und einem gesetzlich anbefohlenen Glück, in aller Unruhe eines stürmischen Lebens den Frieden sucht, den ihr die heimatliche Stätte, des Weibes eigenster Wirkungskreis, nicht zu gewähren vermochte. Doch vom sicheren Ufer aus lässt sich leicht der Sturm beschwören und verachten, mit dem auf offener See das schwankende Schiff vergebens kämpft. Ich habe durchfühlt, was die Prophetenstimme eines George Sand1 den zukünftigen Geschlechtern verkündet; den Schmerz der Zeit, den Wehruf der Opfer, welche die Unnatur der Verhältnisse zu Tode foltert. Ich weiß es, welcher Entwürdigung eine Frau unter dem heiligen Schutze des Gesetzes und der Sitte ausgesetzt ist; wie sich diese hilfreichen Penaten des Hauses in nutzlose Vogelscheuchen verwandeln, und das Recht zum Adjutanten brutaler Gewalt wird!
Doch ich schreibe weder einen Roman noch eine Biografie. Unsere Ehe wurde geschieden. Aus dem allgemeinen Schiffbruch meiner höchsten und teuersten Güter und Interessen rettete ich nichts, als den festen Entschluss, durch freien Blick und starken Sinn mich über das Schicksal zu stellen, durch Bildung des Geistes das Herz zu stählen und seine Unruhe gefangen zu halten durch die Ruhe des in sich selbst befriedigten Gedankens. Das war meine Absicht, als ich nach Berlin zog, angeregt von der jungen lebendigen Wissenschaft, um in dem geistvollen Kreis ihrer Vertreter die Wunden zu vergessen, die mir das feindliche Leben schlug. Auch wollte ich mich bilden und sammeln zu literarischer Tätigkeit, die ich ja nicht aus eitlem Dilettantismus ergriff, sondern zu der mich meine Schicksale machtvoll hindrängten, weil ich in dem eigenen Erlebnis das allgemeine Los vieler Tausende erkannte, und schärfer, bis zur Vernichtung, ausgeprägt, so dass mir die tödliche Macht unserer Verhältnisse am klarsten geworden. Berlin, mit dem reichen geistigen Leben, die Stadt des Gedankens und der Intelligenz, schien mir am geeignetsten zu meinen Zwecken, zur Erfüllung meines literarischen Berufes. Ich erhielt, nach Angabe meiner Verhältnisse, in denen alle gesetzlichen Bedingungen erfüllt waren, ohne Schwierigkeiten eine Aufenthaltskarte von der Polizei.
Am 12ten Februar 1846, war diese Aufenthaltskarte abgelaufen, und ich schickte an jenem Tage zur Polizei, mit der Bitte sie zu erneuern, erhielt aber keine neue Karte, sondern die Weisung, selbst zu kommen. Da ich krank war, ließ ich mir durch meinen Arzt, Herrn Dr. Perle, ein Attest ausstellen, welches ich, mit der nochmaligen Bitte um Erneuerung der Karte, dem Präsidium einsandte. Mein Gesuch wurde abermals ignoriert. Einige Tage darauf erschien ein Polizeibeamter Goldhorn, im Namen des Polizeirates Hofrichter, »um einige Fragen an mich zu richten«. Gleichzeitig teilte er mir mit, dass man meine Karte nicht verlängern wolle, weil mehrere anonyme Briefe an das Präsidium, ja, an Se. Majestät den König selbst, über mich eingegangen seien, in denen ich beschuldigt wurde, die frivolsten Herrengesellschaften zu besuchen, einen Klub emanzipierter Frauen gestiftet zu haben, und außerdem nicht an Gott zu glauben. Dann spräche gegen mich die Widmung der Gottschall'schen Gedichte »Madonna und Magdalena« in denen ähnliche Tendenzen gefeiert würden, deren Verwerflichkeit der Rezensent in den »Blättern für literarische Unterhaltung« auf's Bündigste nachgewiesen. Ich suchte diesem Beamten, so gut es ging, eine bessere Ansicht über mich und mein Leben beizubringen, und schrieb dann an den Polizei-Präsidenten von Puttkammer selbst. In diesem Schreiben setzte ich auseinander, wie mein Glauben und Denken mein Eigentum seien und Niemanden etwas angehen; wie jene anonymen Briefe nur von einem persönlichen Feind herrühren könnten, und bat um Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis, weil meine literarische Tätigkeit, besonders das baldige Erscheinen meiner Gedichte, der »wilden Rosen,« mich in Berlin fesselten und meinen Aufenthalt daselbst nötig machten.
Ich wies nach, dass man mir nur insofern Unsittlichkeit zum Vorwurf machen kann, als es unsittlich sei, Zigarren zu rauchen und mit wissenschaftlich gebildeten Männern umzugehen; und schloss mit der Bitte, mir zu gestatten, auch fernerhin eine Einwohnerin des sittlichen Berlins zu heißen, sowie etwaige Formfehler in meinem Schreiben zu übersehen.
Auf Grund dieses Schreibens wurde ich Ende Februar auf das Präsidium vor dem Deputierten Stahlschmidt beschieden, welcher mich ersuchte, so lange im Vorzimmer zu warten, bis der Regierungsrat Lüdemann, der eigentlich mit mir zu sprechen hätte, seine anderweitigen Geschäfte beseitigt und für meine Angelegenheiten Zeit gewonnen. Inzwischen unterhielt sich Herr Stahlschmidt höchst freundlich und gemütlich scherzend mit mir, brachte die Rede auf Religion und auf Ehe und veranlasste mich durch die verschiedensten Kreuz- und Querfragen, wenn auch in scherzender Form, doch meine innersten Ansichten auszusprechen. Ich nahm deshalb keinen Anstand, mich frei zu äußeren, weil ich nach der Art und Weise, wie diese Fragen getan wurden, dies Gespräch für ein durchaus privates halten musste. Nachdem unsere Konversation zu Ende war, führte mich Herr Stahlschmidt in das Zimmer des Regierungsrates Lüdemann, und überreichte diesem zu meiner größten Überraschung ein Protokoll, mit den Worten: »Dies ist das Glaubensbekenntnis der Madame Aston!« Dies Protokoll, das man während meiner Unterhaltung mit Herrn Stahlschmidt ohne mein Wissen niedergeschrieben, wurde mir nun vorgelesen. Ich war erschrocken und befangen – eine Befangenheit, die bei einem Mann lächerlich, gewiss bei einer Frau zu entschuldigen ist, welche in die Staats- und Polizeiwissenschaft keine tiefer eingehenden Studien machen konnte, und mit der Methode der preußischen Administration gänzlich unbekannt war. Aus dieser Befangenheit und Ängstlichkeit weigerte ich mich, das Protokoll zu unterzeichnen; und gab erst dem freundlichen Zureden des würdigen Herrn Lüdemann nach, der im gutmütigsten Ton mir versicherte, es tue meiner Sache keinen Schaden, wenn ich unterschriebe: Er gäbe sein Wort darauf. Das Wort eines Regierungsrates schien mir hinlängliche Bürgschaft für die Wahrheit; denn ich wusste nicht, dass »Worthalten« in das Alte Testament der Staatswissenschaften gehöre, und seit Machiavelli aus der höheren und niederen Politik verbannt sei. In meiner Naivität, in meinem guten Glauben unterschrieb ich das Protokoll, und widerlegte schon dadurch die Anklage des Unglaubens.
Inzwischen hatte ein müßiger Korrespondent der »Deutschen Allgemeinen Zeitung« aus Stoffmangel meine Person und Gesinnung zu einem sozialistischen Debüt benutzt, meinem unschuldigen Zigarrenrauchen eine welthistorische Bedeutung beigelegt, aus beiläufig ausgesprochenen Ansichten kühne Weltverbesserungspläne gemacht, und ohne das Einschreiten der Polizei, eine organisierte Berliner Frauen-Emanzipation in Aussicht gestellt. Dieser Korrespondent schien sich mehr an der Genialität seiner produktiven Fantasie, an der Kühnheit seiner Kombinationen und an den allgemeinen Schrecken, den sie verbreiteten, zu ergötzen, als an eine förmliche Denunziation zu denken, obgleich dies der einzig passende Name für seinen Korrespondenz-Artikel ist.
Am 21sten März erhielt ich wieder eine Verfügung, auf der Polizei zu erscheinen, wo mir Herr Assessor Köppin mündlich den Befehl erteilte, »Berlin binnen 8 Tagen zu verlassen, weil ich Ideen geäußert und ins Leben rufen wolle, welche für die bürgerliche Ruhe und Ordnung gefährlich seien«.
So wurde mir von der Polizei eine Wichtigkeit beigelegt, die ich selbst mir beizulegen nie gewagt hätte, denn wie kühn müssten die Träume einer Frau sein, welche sich für eine staatsgefährliche Person hielte.
Schon um jener traumhaften Selbstüberschätzung zu entgehen, wandte ich mich am 23sten März an den Minister von Bodelschwingh, und ersuchte ihn in nachfolgendem Schreiben um Aufhebung jenes Befehls:
Hochwohlgeborener Herr!
Hochgebietender Herr Staatsminister!
Seit dem August vorigen Jahres halte ich mich an hiesigem Orte auf und bin am 5ten März d. J. bei dem Polizei-Präsidium um das Niederlassungsrecht für die Residenzstadt Berlin eingekommen, worauf mir am 21sten dieses Monats auf dem hiesigen Präsidium eröffnet worden ist, dass das Niederlassungsrecht mir nicht bewilligt werden könne, dass ich vielmehr binnen 8 Tagen den Berliner Polizei-Distrikt zu meiden habe, weil ich Ansichten geäußert und ins Leben rufen wolle, welche für die bürgerliche Ruhe und Ordnung gefährlich seien.
Gegen die Ausführung dieser Verfügung, welche für mich höchst traurig sein würde, da ich eben im Begriff stehe, durch Herausgabe einer von mir gedichteten Liedersammlung eine literarische Laufbahn zu beginnen, welche meine und meiner Tochter Lage bedeutend zu verbessern verspricht, erlaube ich mir Ew. Excellenz hohen Schutz untertänigst anzuflehen. Als Grund meiner Ausweisung werden die Ansichten angeführt, welche ich zu Anfang dieses Monats in einem Gespräch mit dem Deputierten Stahlschmidt über Religion und Ehe geäußert, wobei freilich von meiner Seite in keiner Art Vorsicht und Rückhalt beobachtet wurde, da ich das Gespräch für ein durchaus privates und konsequenzloses zu halten berechtigt war; nicht aber für ein Examen, dem man meinen Glauben und meine Überzeugung unterwerfen wollte. Dieser Glauben und diese Ansichten sind mein eigenster Besitz; sie sind eine natürliche Folge der unglückseligen Verhältnisse, die ich durchlebt, der schmachvollen Behandlung, die ich erduldet habe; und ich kann nicht glauben, dass man bei der Gewissensfreiheit, die in Preußen jedem Untertanen gestattet wird, und welche der Stolz der Nation ist, mir aus meinen Ansichten einen Vorwurf machen kann, ehe es nicht gewiss, oder wenigstens wahrscheinlich geworden, dass diese Ansichten mich dahin führen, etwas gegen die Gesetze des Landes Verstoßendes oder für die Ruhe Gefährliches zu unternehmen. Zu dieser Annahme aber liegen gegen mich keine Gründe vor; es sind keine Tatsachen, keine von mir begangenen Handlungen bekannt, welche, dies zu beweisen, geltend gemacht werden könnten.
Nach den Verhandlungen, welchen ich auf dem hiesigen Präsidium beiwohnen musste, scheint es mir, dass besonders zwei Umstände zu dem für mich so harten Beschluss geführt haben könnten; nämlich erstens: die an mich gerichtete Widmung zweier von Herrn R. Gottschall verfasster Gedichte »Madonna und Magdalena« und zweitens: ein in der Deutschen Allgemeinen Zeitung abgedruckter Korrespondenzartikel, welcher auf mich gedeutet wird, sowie einige verleumderische anonyme Briefe, welche über mich an das Polizeipräsidium geschickt sind.
Was jene Widmung betrifft, so kann man unmöglich daraus die Folgerung ziehen, dass ich die in jenen Gedichten enthaltenen Ansichten zu vertreten habe. Hinsichts der anonymen Briefe aber habe ich bereits einem Hochlöblichen Polizei-Präsidium die sehr trübe Quelle angegeben, aus welcher dieselben wahrscheinlich stammen.
Meine genügenden Existenzmittel habe ich nachgewiesen, so dass von dieser Seite kein Grund zu meiner Verweisung genommen werden kann.
Als geborene Preußin, als Tochter eines hohen Geistlichen, im Bewusstsein meiner Schuldlosigkeit und im Vertrauen zu Ew. Excellenz Weisheit und Humanität wende ich mich an Ew. Excellenz mit der ehrfurchtsvollen Bitte:
meinen ferneren Aufenthalt in Berlin hochgeneigtest gestatten zu wollen.
In tiefster Verehrung verharre ich Ew. Excellenz
Gehorsamst, Louise Aston, geb. Hoche.
In Folge dieses Schreibens kam mir am 24sten April folgende Verfügung des Ministeriums des Innern zu:
Auf die Vorstellung vom 23sten v. M., wird Ihnen eröffnet, dass das Ministerium die Verfügung des hiesigen Königlichen Polizei-Präsidiums, wonach Ihnen die Erlaubnis zur Niederlassung in Berlin, und zur Fortsetzung Ihres Aufenthaltes hierselbst versagt worden ist, für gerechtfertigt erachten muss, und dass es daher bei dieser Verfügung sein Bewenden behält.
Berlin, den 24sten April 1846.
Ministerium des Innern.
Zweite Abtheilung: von Manteuffel.
An die separierte Aston, Louise,
geb. Hoche.
Da der kurze Geschäftsstil eine Auseinandersetzung der Gründe nicht zu erlauben schien; und doch gerade in solcher Auseinandersetzung für zweifelhafte Fälle der einzige Trost und die einzige Beruhigung liegt, so beschloss ich an demselben Tag, den Minister um eine Audienz zu ersuchen, in der Hoffnung, wenigstens gesprächsweise die Gründe zu erfahren, welche meine Verweisung notwendig machten, um mich dann ruhiger in das Unvermeidliche zu finden. Auch täuschte mich meine Hoffnung nicht. Nur waren die Motive anderer Art, als ich erwartete. Während die Polizei als Motiv meine Ideen anführte, die der bürgerlichen Ordnung gefährlich seien; und mich verwies, damit ich nicht Andere verführe und in Berlin Proselyten2 für meine Unsittlichkeit mache; schien der Minister aus einem ganz entgegengesetzten Beweggrund zu handeln: aus unbedingtem Wohlwollen gegen mich, aus Fürsorge für mein persönliches Wohl, für das Heil meiner Seele; kurz, aus jener väterlichen Gesinnung, durch welche die preußische Regierung ihre echte Christlichkeit bezeugt und sich die kindliche Liebe und Ergebung ihrer Untertanen zu erwerben weiß. So sehr mich diese Freundlichkeit, diese Sorge für mein zeitliches und ewiges Heil rührte, so war ich doch zu bestürzt und verwirrt, um gleich in passenden Worten meinen Dank äußern zu können. So lässt sich mein Benehmen in dem folgenden Dialog rechtfertigen, den ich getreu aus dem Gedächtnis nachschreibe:
Minister: Sie haben sich so frivol und außergewöhnlich benommen, Madame Aston, dass ich mich wundern muss, wie Sie es wagen, gegen Ihre Verweisung zu protestieren.
Ich: Ich weiß nicht, was Ew. Excellenz frivol nennen?
Minister: Warum stellen Sie Ihrem Glaubensbekenntnis voran, dass Sie nicht an Gott glauben?
Ich: Weil ich nicht heuchle, Excellenz!
Minister: Man muss Sie an einen kleineren Ort verweisen, wo Sie der Verführung nicht so ausgesetzt sind, um wahrhaft für Ihr Seelenheil zu sorgen.
Ich: Aber meiner schriftstellerischen Karriere wegen ist mir der Aufenthalt in Berlin wünschenswert, wo ich stets neue geistige Anregung finde.
Minister: In uns'rem Interesse ist es keineswegs, dass Sie Ihre künftigen Schriften, die gewiss so frei wie Ihre Ansichten sind, hier verbreiten.
Ich: Nun, Excellenz, wenn sich erst der preußische Staat vor einer Frau fürchtet, dann ist es weit genug mit ihm gekommen!
Minister: Ich bin beschäftigt – (ab).
So hatte diese Unterredung für mich auch kein weiteres Resultat; außer der Erkenntnis, wie wohlmeinend man durch meine Verweisung meiner Seele den Weg zum Himmel bahnen wolle, die sie leichtsinnig verscherzt und durch eigene Kraft nicht mehr zu finden im Stande sei. Meine Angelegenheit schien aus dem Gebiet der Jurisprudenz auf das der Theologie hinübergespielt, ein Tausch der Fakultäten, bei dem meine Sache allerdings im Himmel gewann, auf Erden aber augenscheinlich verlor.
(…)
1 George Sand, bürgerlicher Name: Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil, war eine französische Schriftstellerin, die sich sowohl in ihrer Lebensweise als auch in ihren Schriften für Frauenrechte und die gleichberechtigte Teilnahme aller Menschen an den gesellschaftlichen Gütern einsetzte.
2 Proselytismus meint allgemein den Versuch, Gläubige anderer Konfessionen zum Übertritt in die eigene Glaubensgemeinschaft zu bewegen.
Der 18. März ist wirklich ein denkwürdiger Tag in der preußischen – ich wollte sagen: deutschen Geschichte. Nicht etwa darum, weil Mailand und Berlin an diesem Tag »Revolution« gemacht haben – eine Tatsache, die übrigens von der extremen Demokratie, und daher natürlich auch von der extremen Aristokratie einmütig bestritten wird; noch viel weniger darum, weil in Preußen an diesem Tage der Absolutismus gestürzt wurde – denn auch daran wird von den roten und schwarzweißen Enthusiasten nicht geglaubt; am allerwenigsten aber darum, weil der 18. März der Vorabend des Geburtstages der Berliner Bürgerwehr, jener durch ihr Motto des »passiven Widerstands« auf Deutsch: der aktiven Feigheit berühmten Phalanx, war – sondern weil sicherlich kein Tag mehr verflucht und gesegnet, mit Füßen getreten und in den Himmel erhoben, betrauert und gefeiert, geschmäht und besungen ist, und das Alles mit Unrecht. – Der 18. März ist unschuldig wie ein neugeborenes Kind, das Berliner Volk hat es sattsam dadurch bewiesen, dass es mit ihm gespielt hat, wie mit einem Kind. Denn man muss wissen, dass das Berliner Volk selbst noch ein Kind war, obgleich ihm an diesem Tage die Wiege nicht mehr – wie Schiller sagt – als ein »unendlicher Raum« erschien wie bisher, weshalb es denn auch herauszusteigen versuchte; dass der Versuch nicht gelang, dass es sich nachher, als der rechte Zuchtmeister kam, in den Winkel des passiven Widerstands verkroch und schließlich wieder folgsam in die alten Windeln wickeln und in die alte Wiege hineinlegen ließ, das ist für ein Kind, dem die Rute gezeigt wird, ja ganz natürlich. Also warum so viel Aufhebens vom 18. März? Weiterlesen
Die Bewegung, deren Schlussakt die Nacht vom 18. zum 19. März bildete, hatte sich schon einige Wochen vorher angekündigt. Eine dumpfe Gärung, über deren Ursache sich nur wenige Rechenschaft geben konnten, hatte sich der Gemüter bemächtigt. Trotz der unfreundlichen Witterung waren die öffentlichen Plätze und Promenaden fast den ganzen Tag über mit Menschen übersät, die entweder zu Gruppen zusammentretend aufmerksam auf eine Stimme lauschten, die aus ihrem Mittelpunkt hervordrang, oder paarweise dahin schlendernd mit lebhaften Gestikulationen über die neuesten Dekrete der provisorischen Regierung in Paris diskutierten. Dasselbe Schauspiel wiederholte sich in den Restaurationen, Kaffeehäusern und Konditoreien. Besonders in der »Zeitungshalle« und bei »Stehely« fand sich gegen 6 Uhr abends, wenn die neuesten Zeitungen vom Rhein ankamen, stets ein zahlreiches, aus Gelehrten, Künstlern, Beamten, Offizieren usw. zusammengesetztes Publikum ein, und horchte Kopf an Kopf gedrängt mit angehaltenem Atem auf die Worte Dr. R-s, welcher bei Stehely meist das Amt des »Vorlesers« übernahm. War die Vorlesung, welche häufig mehrere Stunden dauerte, (…) beendet, so löste sich die lang gefesselte politische Fantasie der Zuhörer zunächst in einem unverständlichen Summen auf, das nicht unpassend mit dem fernen Brausen des Meeres oder dem düsteren Grollen eines nahenden Orkans verglichen werden kann, bis es endlich crescendo in tosenden Wogendrang einer allgemeinen politischen Diskussion ausbrach.
(…)
Am Morgen des 18. März schien es, als ob plötzlich aller Zwist, der seine blutige Geißel die ganze Woche hindurch über die Hauptstadt geschwungen hatte, verschwunden, und das Berliner Volk seinen alten Charakter der Jovialität und Leichtfertigkeit wiedergefunden hätte. Man sah nur freudig daher wandelnde Gruppen und heitere Spaziergänger. Alles deutete darauf hin, dass der Hader beseitigt und das alte Verhältnis philiströser Anhänglichkeit des Volkes zum König wiedergekehrt sei. Die Bürgerwehr sollte errichtet werden. Die Menge strömte nach dem Zeughaus, wo der nachherige Minister von Schreckenstein in höchsteigener Person die Verteilung der Waffen vornehmen ließ. Alles war zufrieden. Man hatte so schnell seinen Groll vergessen, dass man sogar der angeborenen Spottlust über die Ereignisse der letzten Tage freien Lauf ließ.
Dennoch hätte ein aufmerksamer Beschauer selbst in der scheinbaren Harmlosigkeit des Volks eine große Veränderung wahrgenommen. Man witzelte, lachte, flanierte umher, wie vor zehn Tagen, aber die Witzeleien hatten eine politische Pointe, das Lachen glich dem Hohnlachen eines siegesgewissen Kämpfers, wie ein Ei dem andern, und in dem schlendernden Gange der Spaziergänger lag eine Nonchalance, welche weniger das Gepräge eines absichtslosen Sich-Gehen-Lassens als einer übermütigen Nichtberücksichtigung der Form trug, welche aus einem Gefühl der Nichtachtung des Gegners entspringt.
Das Volk hatte offenbar das Bewusstsein, einen ersten Sieg errungen zu haben, und in diesem Bewusstsein die ahnungsreiche Hoffnung, dass dieser erste Sieg nicht der Letzte sein werde.
Sämtliches Militär war teils in den Kasernen, teils im Schloss konsigniert. Der König hatte, durch die Erfahrung der letzten Tage belehrt, am meisten aber durch die Wiener Revolution und deren Konsequenzen erschreckt, ein anderes System eingeschlagen. Man versuchte es, das Volk sich selbst zu überlassen, um zu sehen, ob der angeschwollene Strom von selbst zu dem gewöhnlichen Niveau herabsinken werde. So wogte denn heute die Menge wie ein Meer nach dem Sturme auf und ab.
Gegen Mittag hieß es plötzlich, der König werde um 2 Uhr vom Balkon des Schlosses herab dem Volk eine Konstitution erteilen und das gesamte Ministerium entlassen. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich das Gerücht durch die ganze Stadt und setzte ungeheure Massen nach dem Schloßplatz in Bewegung.
Auch Alice, welche mit dem Prinzen A. von einer Spazierfahrt zurückkehrte, überredete ihn, sich mit ihr der Menge anzuschließen. Bald waren sie denn auch dem Schloss gegenüber fest eingekeilt. In diesem Moment erschien der König, sprach zu dem versammelten Volke einige Worte, von denen aber nicht einmal der Ton zu unseren beiden Freunden herabdrang, und entfernte sich dann wieder. Ein vieltausendstimmiges Lebehoch drang aus der Menge zu ihm empor und brach sich in mächtigen Echos an den grauen Wänden des altehrwürdigen Gebäudes.
Abermals begann die Menge, sich in Bewegung zu setzen. Der Prinz gelangte mit Alicen glücklich zum Hauptportal. Doch bald wurde hier das Gedränge am stärksten. Den Eingang desselben hatten die neuerfundenen Friedensmänner mit weißen Binden um den Armen eingenommen. Hinter ihnen standen die Garden, deren Bajonette über die Köpfe ihrer Vordermänner hervorragten.
Des Volkes hatte sich jetzt ein aus seiner momentanen Stimmung allein erklärlicher Enthusiasmus bemächtigt. Alle Schranken zwischen ihm und dem König sollten jetzt fallen.
»Soldaten heraus!« tönte eine Stimme. Das war das Wort, das den Zauber löste und das Volk zum Bewusstsein brachte, was es eigentlich wollte. Preußen war ein Polizeistaat, noch mehr aber ein Militärstaat. Das fühlte in diesem Augenblick die Menge, als ihrer Sehnsucht nach dem mit ihr ausgesöhnten König durch die Bajonette der Gardisten ein Zügel angelegt wurde.
»Soldaten heraus!« schallte es jetzt aus tausend Kehlen. Man drängte nach dem Portal zu. Immer dichter und dichter schoben sich die Massen in- und durcheinander. Da hörte man plötzlich den dumpfen Schall der Trommel. Infanterie rückte von der Schlossfreiheit her und schwenkte im Sturmschritt gegen die Menge um. In einem Augenblick war der Schloßplatz durch Militär, welches von der Ecke der Breitenstraße bis nach dem Schlossgarten mit der Front nach der Kurfürstenbrücke aufgestellt war, in zwei große Hälften geteilt. Noch als der äußerste rechte Flügel den Bogen beschrieb, um seine Stellung einzunehmen, sprangen drei Soldaten aus den Reihen heraus und mit vorgestrecktem Bajonett auf die Spaziergänger ein, welche aus Neugierde auf dem Trottoir vor den »Fiscatischen Laden« stillstanden, um von fern dem Treiben am Schlossportal zuzuschauen.
Alice stand nur zehn Schritte davon entfernt, sie war von der Seite des Prinzen gerissen und jetzt von ihm durch das Militär getrennt. Sie sah, wie die Soldaten auf die harmlos Dastehenden einsprangen und plötzlich – ob durch Zufall oder Absicht, konnte sie nicht entscheiden – sich ihrer Gewehre entluden.
Einen Augenblick nach dem doppelten Knall trat eine Totenstille ein. Im nächsten tobte der Ruf: »Rache, Rache! Das ist Verrat!« durch die Menge; die Friedensmänner rissen die weißen Binden von dem Arm und traten sie mit Füßen. Vor einem Augenblick allgemeiner Jubel, Enthusiasmus ohne Gleichen – im nächsten das Wutgeschrei betrogenen Vertrauens.
(…)
Der General von Möllendorf hatte die Kurfürstenbrücke okkupiert, und sah sich von hier aus den Bau der ersten Barrikade an der Ecke der heiligen Geist- und Königsstraße an. Alle Vermittlungsvorschläge wurden zurückgewiesen. Eine weiße Fahne, welche vom Schloss herabgebracht wurde, und auf der mit großen Buchstaben zu lesen war:
»Ein Missverständnis! Der König will das Beste!«
musste unter dem Hohngelächter des Volks zurückgebracht werden.
Die Entscheidungsstunde schlug. Nach einer Stunde waren in Berlin gegen 300 Barrikaden errichtet und 40 Feuerschlünde schleuderten Tod und Verderben unter die wackeren Kämpfer, welche hinter ihnen standen.
Alice eilte nach Hause, um sich in ihre Männerkleidung zu werfen.
(…)
Sie schritt rasch über den Opernplatz und den Lustgarten nach der Friedrichsbrücke zu, zuweilen mitten durch das Militär hindurch, das ja den Unbewaffneten passieren ließ. Die Friedrichsbrücke, sowie die Herkulesbrücke waren bereits verbarrikadiert, die erste von Studenten, die zweite von Arbeitern verteidigt. Als sie die Barrikaden überstieg, wurde sie sogleich umringt.
Sie sollen uns anführen – hieß es.
Ich danke Euch, Freunde, das kann ich nicht annehmen. Aber wer kommt mit nach der »Neuen Wache?«
Bald hatte sich eine zahlreiche Schar um sie versammelt, welche von Schritt zu Schritt sich vermehrte und wie eine Lawine anwuchs. Die »Neue Wache« liegt am Neuen Markt. Unterwegs fragte sie nach Ralph. Aber Niemand hatte ihn gesehen.
Als sie bei der »Neuen Wache« anlangten, war das in der Nähe befindliche Militär, etwa 25 Mann stark, unter's Gewehr getreten und entschlossen, seinen Posten zu verteidigen. Alicens Schar mochte etwa einige 50 junge Leute betragen, aber nur 5 davon, darunter Alice selber, waren bewaffnet, die meisten hielten nur Stöcke in den Händen, die Übrigen waren völlig waffenlos. Alice stellte ihre Leute auf und fragte sie, ob sie entschlossen wären, ihr zu folgen.
Bis in die Hölle – scholl es ihr entgegen.
So kommt! Im gemessenen Schritt rückten sie auf die Soldaten an. Der Unteroffizier, welcher sie befehligte, kommandierte: »Fertig!« Die Hähne knackten.
Da rief ihnen Alice, welche nur noch etwa 20 Schritte von den Soldaten entfernt stand, zu: »Ein Schurke, wer auf seine Brüder schießt. Wer die Waffen niederlegt, kann frei abziehen. Entschließt Euch!«
Zugleich ließ sie ihre Schar einen weiten Halbkreis um die Soldaten schließen. Die Soldaten schwankten. Auf einen Wink von ihr sprangen die die Endpunkte des Halbkreises bildenden Arbeiter den Soldaten in die Flanke. So von drei Seiten zugleich angegriffen, wagte der Unteroffizier nicht mehr »Feuer« zu kommandieren – und die Soldaten streckten ihre Gewehre. Es wurde ihnen versprochenermaßen freier Abzug gewährt, und in wenigen Minuten war die Wache vom Keller bis zu den Bodenräumen hinauf demoliert. Die Bänke, Tische, Stühle, Tonnen und sonstiges Holzgerät wurden aus dem Fenster geworfen, als brauchbares Barrikadenmaterial. Der beste Fund aber bestand in 200 Säbeln, welche in mehreren Kisten auf dem Boden gefunden wurden. Schnell waren sie verteilt.
(…)
Eine Stunde mochte vergangen sein, während welcher das Feuer keinen Augenblick aufgehört hatte, da wurde Ralph vom alten Steiger angerufen.
Was gibt's? – fragte dieser, das von Pulver geschwärzte Gesicht mit dem Rockärmel abwischend. – Sucht man uns in den Rücken zu fallen?
Nein, die Mohrenstraße hält sich gut. Aber nach der Barrikade der Breiten-Straße muss Verstärkung.
Die Gefahr soll dort groß sein.
Ich werde hingehen. Es sind Eurer hier genug.
Ich begleite Dich, sagte Hartwig, der dazu getreten war und die letzten Worte gehört hatte.
Gut; so komm!
(…)
An der Breitenstraße vom Petriplatz angekommen, meldeten sich die beiden Freunde sogleich beim Anführer der Barrikade, welche, aus Tonnen, Wagen, Trottoirsteinen und allen möglichen Möbeln fast 20 Fuß aufgebaut, ein Kunstwerk eigener Art darstellte. Hinter der Barrikade und zu beiden Seiten der Straße war das Pflaster mehre hundert Schritt weit aufgerissen und die Steine in großen Pyramiden aufgehäuft.
Die Dächer waren abgedeckt, um die Ziegel zu Wurfgeschossen zu verwenden. Aus allen Fenstern richteten sich drohende Läufe auf die Artilleristen, welche die beiden Zwölfpfünder bedienten, und auf die Abteilung Infanterie, welche unter dem Schutze der Kanonen zuweilen einen Sturm versuchte.
Das D'Heureussche Haus, dessen Front die »Breitenstraße« begrenzt, war schon dicht mit Kartätschenkugeln besät.
Hinter der Barrikade war, umgeben von Steinpyramiden, eine tiefe Grube aufgeworfen. Darin saßen die Frauen und Kinder, welche über Kohlenfeuer Kugeln gossen, die Gewehre luden und die Verwundeten verbanden. Andere brachten Blei von Fenstern, Stücke Eisen, kleine Steine und was sonst in einen Gewehrlauf hineingepfropft werden konnte, herbei. Es war ein Getreibe, dass es schien, als ob die größte Unordnung herrsche; und doch stieß keiner den Andern. Der Geist der Kampflust brachte Einheit in die scheinbare Verwirrung. Die Kanonen donnerten, die Gewehrsalven krachten, die Steine flogen, die Verwundeten ächzten, dazwischen tönten die Kommandoworte und jubelten die Kämpfer einander zu. Ralph stand auf dem ihm angewiesenen Posten, den Kolben seines Gewehrs zwischen den Füßen, die Hand auf den Lauf gestützt, und schaute – auf Munition wartend – ernst in das Kampfgewühl hinein.
Was sinnst Du, Kamerad? – sagte neben ihm eine weiche Stimme. Er wandte sich um. Alice stand vor ihm, vollständig mit Büchse und Säbel bewaffnet.
Ums Himmelswillen, was machen Sie hier. Kommen Sie, ich will sie an einen sicheren Ort bringen.
Bah, denkst Du, ich bin eine Memme, wenn ich auch ein Weib bin? Nenne mich »Du«, denn hier sind wir Alle Kameraden.
Hast Du Gilbert gesehen? – fragte Ralph, vor der Glut in den Blicken Alicens die Augen senkend.
Nein.
So will ich ihn Dir zeigen. Er stieg die Barrikade hinan. Alice folgte ihm. – Siehst Du dort den Jägerleutnant, welcher mit dem Kommandeur der Musketiere spricht. Das ist er. Bedarfst Du noch weiterer Beweise für seinen Verrat?
Ich bin zufrieden.
In diesem Augenblicke zischte ein Feuerstrahl aus dem Zündloche der Kanone. Ralph riss Alice herab. Die Kartätschen wühlten in dem Holzwerk der Barrikade, die Splitter flogen umher. Da drang ein Schmerzensschrei zu Ralphs Ohren. Er blickte nach Hartwig, aber er sah ihn nicht mehr. Eine Kugel hatte ihm den Kopf zerschmettert.
(…)
Mitternacht war vorüber, noch immer donnerten die Kanonen durch die festlich erleuchteten Straßen. Man illuminierte zum Wiegenfest der Revolution. Denn wenn Zorn über die Rohheit der Soldateska und Entrüstung über den Verrat am Volke die Barrikaden erbaut hatte, so bedurfte es nur eines achtstündigen Kampfes, um jene – wenn auch gerechtfertigten, doch für die Größe jener denkwürdigen Stunden kleinlichen – Leidenschaften in die erhabene Kälte einer echt revolutionären Ruhe zu versenken. Als der Kampf losbrach, war es ein Aufstand, als er acht Stunden gedauert hatte, gab es keinen Kämpfer auf den Barrikaden, der nicht wusste, worum es sich nunmehr allein handle - um den Fürstenthron.
Man hat sich nicht wenig mit der »Hochherzigkeit« des Berliner Volks gewusst, welche darin liegen sollte, dass die Berliner Revolution vor dem Throne stehen geblieben. Ich aber meine, dass eine solche Hochherzigkeit nach all der Schmach und Entwürdigung, der sich das Volk seit drei Dezennien hatte unterwerfen müssen, besser Feigheit heißen müsste.
Und doch ist diese Tatsache nicht abzuleugnen!
Aber wer hat sie auf seinem Gewissen? Wahrlich nicht jene heldenmütigen Arbeiter im groben Leinwandskittel, die ihre nackte Brust den kriegserfahrenen, gutbewaffneten Soldaten entgegenwarfen. Die feigen Weißbierbourgeois waren es, welche, während draußen die Kanonen donnerten, sich die Schlafmütze noch tiefer und die Bettdecke noch höher wie gewöhnlich über die Ohren zogen. Als sie am anderen Morgen aus den Federn krochen und mit verstörten Blicken hinabschauten auf das Straßenpflaster und nun statt des Kanonendonners den Jubel des siegreichen Volkes hörten, da schwoll ihnen plötzlich der Kamm – sie mischten sich unter die Jubelnden, ließen sich beglückwünschend die Hände drücken und schwärmten für die Freiheit. Aber ihre Freiheitslust hatte nicht die Bluttaufe erhalten, das Philistertum schlug ihnen in den Nacken, sie wurden sentimental beim Andenken an die Angst, die ein »hohes Haupt« in jener Nacht mit ihnen geteilt hatte – und ihre Sentimentalität brachte sie zur Hochherzigkeit, ihre Hochherzigkeit aber zum Verrat am Volk. Das Volk aber, das gekämpft, geblutet und gesiegt hatte, ließ sich täuschen von den Philistern, die es als Brüder betrachtete.
(…)
Der Ausgang jenes denkwürdigen Kampfes in der Nacht vom 18. bis 19. März ist bekannt. Am Morgen des 19. – es war ein Sonntag – wurde das Feuern eingestellt und das Versprechen gegeben, dass die Soldaten sich zurückziehen sollten, sobald das Volk die Barrikaden niedergerissen hätte. Nur wenige Barrikaden gingen diese Bedingung ein, die meisten blieben, wie sie waren. Dennoch gab man im Schloss nach; man war schwankend geworden teils durch die eigene Anschauung, teils durch die Schilderung der unbezähmbaren Wut und der unerschütterlichen Entschlossenheit des Volks.
Die Minister von Bodelschwingh, von Thiele, von Eichhorn hatten schon in der Nacht in eiliger Flucht die Stadt verlassen. Auch der Prinz von Preußen hatte es für nötig gehalten, sich dem Anblick des erbitterten Volkes zu entziehen, das – ob mit Recht oder Unrecht, wird wohl nie klar entschieden werden – ihm die Hauptschuld für das der Freiheit zum Opfer geflossene Blut beimaß. Über Tausend aus den Reihen des Volkes lagen teils verwundet in den Häusern umher, teils bedeckten sie als Leichen den blutgedüngten Boden. Außer denen, die später an ihren Wunden starben, hatten gegen dreihundert auf den Barrikaden den Tod gefunden. (…)
Die Stadt, durch die Eleganz und Zierlichkeit ihrer breiten und geraden Straßen berühmt, bot jetzt einen ernsten Anblick dar; die Trottoirs und das Pflaster waren aufgerissen; die Wände der Häuser mit Kugelspuren bedeckt, die Dächer ihrer Ziegel beraubt, so dass die grauschwarzen Sparren sichtbar wurden, zwischen denen man in die schwarzen Böden hineinblickte.
Der Kanonendonner war verstummt. Das Volk aber ruhte nicht; es bestand auf der Ausführung der ihm gemachten Versprechungen, und verlangte, das Schloss umwogend, dass die Soldaten die Stadt verließen.
Es geschah. Von Pulverdampf geschwärzt, sich kaum auf den Beinen haltend, mit zerrissener Uniform, zogen sie stumm, die Augen zu Boden schlagend, aus dem Schloss heraus auf den Lustgarten. Ohne Klang traten sie den Rückzug an, die Linden hinab zu dem Brandenburger Tor hinaus.
Am dritten Tage begrub das Volk seine Toten auf dem Friedrichshain. Damals rechneten es sich die Behörden der Stadt, welche sich die Früchte der Revolution gut schmecken ließen, vielleicht weil sie selber die Saat gestreut, die das Volk mit seinen Tränen und seinem Blut begossen, zur Ehre, dass ihnen gestattet wurde, den unabsehbaren Trauerzug des Volks zu geleiten. Es sind dieselben Behörden, welche acht Monate später für die Fortdauer des Belagerungszustandes Adressen sammeln und die am 18. März 1848 verstümmelten Proletarier nach der Ostbahn schicken, um Berlin von diesem »Gesindel« zu säubern.
Als der Zug der Leichen das Schloss passierte, erschien der König auf dem Balkon und entblößte ehrfurchtsvoll das Haupt.
Die Bürgerwehr wurde organisiert. Berlin war von den untersten bis in die obersten Schichten hierauf umgewandelt.
Der Vereinigte Landtag trat zum zweiten Male zusammen. Fürst Lichnowski gehörte zur gemäßigten Opposition, er strebte sichtbar danach, sich populär zu machen.
Der Landtag hatte seine Arbeiten vollendet. Die »einigen Grundlagen der künftigen preußischen Verfassung« und das »Wahlgesetz« waren proklamiert worden.
Das Volk murrte, aber es wartete auf die konstituierenden Versammlungen.
Die Wahlen begannen. Die alten doktrinären Liberalen standen im Vordergrund. Man schickte sie nach Frankfurt und nach Berlin. Auch der Fürst Lichnowski wurde nach Frankfurt gewählt.
Nicht sechs Wochen waren seit dem 19. März verflossen und die Contrerevolution begann die ersten Steine zu dem Fundament zu legen, zu dem prächtigen Palast, den sie am 7. November vollendete und am 5. Dezember einweihte.
Der große Zug nach dem Friedrichshain am 4. Juni 1848 war das letzte Aufflackern des mächtigen revolutionären Geistes, und der letzte große friedliche Sieg des Volkes über das wiederauftauchende Bourgeoisphilistertum.
In demselben Maße, wie das Andenken an das, was man am 18. März gewollt hatte, abnahm, nahm die im Finstern schleichende Reaktion zu. Vergebens nährten die Redner der Clubs die Erinnerungen der Revolutionsnacht, vergebens wies die Presse auf die Fortschritte der Reaktion hin:
Der Geist der Revolution selbst, die Vorsehung des Volkes wollte es anders.
Nur die vollendete Contrerevolution kann die Mutter einer vollendeten Revolution werden.
Das ist die Lösung des Rätsels.
»Meine Herren und Damen! Es ist so vielfältig und auch heute in unserem Kreis schon öfter von dem wahren Wesen der Frauen-Emanzipation gesprochen worden, ohne dass man, wie es mir schien, eigentlich darüber klar gewesen, weder wozu die Emanzipation diene noch wozu man darüber spricht. Erlauben Sie mir hierbei die Bemerkung, dass gerade der männliche Teil der Gesellschaft sich diese Sache am meisten zu Herzen zu nehmen scheint, das heißt, am meisten darüber spricht, vielleicht weil er am wenigsten davon begreift. Mich will es bedünken, als müsse der Anfang zur wahren Emanzipation damit gemacht werden, dass man sich vom Hin- und Her-Reden darüber emanzipiert. Zwar hat auch die Emanzipation des Worts ihr Recht, und man muss dafür kämpfen, ich gebe es zu, aber die wahre Emanzipation ist die Emanzipation der Tat. Meine Herren und Damen! Wir wollen keine Worthelden werden, hoffe ich; geistreich zu sprechen und frei zu denken, ist ein Kinderspiel gegen geistreiches Handeln und freies Tun. Gibt es nicht manche auch unter uns, die hinter dem freien Wort die praktische Impotenz verstecken? Man schlage an seine Brust und frage sich, ob z. B. die Furcht vor der Polizei für uns alle schon eine überwundene Kategorie ist. Man schlage zerknirscht an seine Brust und bekehre sich. Ich aber erhebe mein Glas und rufe mit gutem Gewissen: Die Emanzipation der Tat soll leben!« Weiterlesen
Ein allgemeiner Jubel folgte diesen mit sanfter Stimme und jenem melancholischen Pathos, der Alice eigen war, vorgetragenen Worten. Nachdem der Sturm des Beifalls durch Leerung der Gläser etwas beschwichtigt war, fuhr sie in demselben Tone fort:
»Ich hoffe, dass Sie mir nicht den Vorwurf machen werden, als sündige ich gegen mein eigenes Prinzip, indem ich jetzt doch über Emanzipation spreche. Es wäre eine Beleidigung, die ich nicht verdiene, denn ich habe, wie gesagt, ein gutes Gewissen. Meine Herren und Damen, ich glaube mir praktisch das Recht erworben zu haben, über Emanzipation zu sprechen. Oder sollte Jemand einen Zweifel dagegen erheben?« – Sie sah mit wahrhaft königlichem Stolz umher. Eine feierlich komische Stille herrschte im ganzen Kreis. »Gut«, fuhr sie fort, »ich sehe, dass Sie mich kennen. Lassen Sie sich denn sagen, was ich über Emanzipation des Weibes denke. Meine Rede wird kurz, aber inhaltsreich sein:
'Des Weibes Glück ist die Liebe,
Aber das Glück der Liebe ist die Freiheit!'
Das ist mein Wahlspruch, meine ganze Philosophie. Es würde mir ein Vergnügen machen, diesen Satz zu verteidigen, wenn sich ein Angreifer fände.« Sie setzte sich. Nach einigen Sekunden, während welcher die bisher beobachtete Stille nicht unterbrochen wurde, erhob sich jener Mann mit interessanten Zügen, in dessen Gespräch mit Schattenfrey sich Landsfeld gemischt hatte.
Landsfeld konnte beim hellen Schein der Lampen die Züge dieses Mannes deutlicher beobachten. Es war ein Gesicht, von dem man sagen konnte, dass jeder Zug ein Abschiedsbrief ehemaligen Glaubens und jede Miene ein Trauerflor gestorbener Hoffnungen war.
»Wenn ich Sie recht verstehe, so wollen Sie sagen, dass das Weib nur wahrhaft lieben kann, wenn und insofern es frei ist, und nur dann wahrhaft frei ist, wenn es liebt.«
»Ja; doch unter der Bedingung, dass Sie unter der Freiheit nicht bloß Freiheit, das heißt Unbeschränktheit in der Empfindung, sondern Freiheit überhaupt, soziale Freiheit begreifen.«
»Was nennen Sie soziale Freiheit?«
Alice dachte einen Augenblick nach: »Freiheit der Individualität«, sagte sie endlich. »Vergessen Sie nicht, dass wir von der Emanzipation der Frauen sprechen. Aber selbst ganz im Allgemeinen genommen, lässt sich diese Erklärung rechtfertigen. Das wahrhaft Menschliche muss überall triumphieren. Dass es nicht so ist, liegt in der Verkehrtheit unserer sozialen Verhältnisse.«
»Vielleicht lässt sich jene Erklärung eben deshalb nicht auf Frauen-Emanzipation anwenden, weil sie zu allgemein ist. Denn mir scheint in der Forderung, die weibliche Individualität zu emanzipieren, ein Widerspruch zu liegen.«
»So meinen Sie also, dass das Weib dazu verdammt ist, ewig in den Fesseln zu schmachten, die ihnen Willkür und Herrschsucht der Männer angelegt.«
»Nicht Herrschsucht der Männer, sondern die Natur«, erwiderte er ruhig.
»Das sagen Sie, aber ich fordere einen Beweis. Ist das Weib etwa weniger Mensch als der Mann, bildet es etwa eine Zwischenstufe zwischen Mensch und Affe. Freilich, die Männer möchten es gern so darstellen.«
»Der Mann hat seine Schranke, das Weib die seinige; und in beiden Fällen führt die Natur den Beweis am deutlichsten beim Weibe.«
»Oh, ich ahne, was Sie sagen wollen. Aber ich finde darin keinen Beweis. Denn dass diese Schranke überwunden werden kann, zeigen Beispiele genug.«
»Alle Schranken können, wenn auch nicht überwunden, so doch durchbrochen werden, auch die Schranken der Natur. Aber zeigt sich der Barbar als ein Meister des Kunstwerks, wenn er es zerschlägt?«
»So beantworten Sie mir die Frage, woher es kommt, dass gerade die edelsten, gebildetsten Frauen die sogenannte Pflicht des Weibes am meisten vernachlässigen? Nach ihrer Ansicht wäre ein recht kräftiges Landmädchen, wenn es 'die Pflichten der Gattin und Mutter' nur recht treu erfüllte und den Kochlöffel und das Waschfass zu regieren verstände, das höchste Ideal eines Weibes. Ich wünsche aufrichtig, dass dies Ihr Ideal Ihnen bald verwirklicht werde.«
Ein allgemeines Gelächter belohnte sie für die argumentatio ad hominem, welche ihr einen vollkommenen Sieg errungen hatte.
Denn Frauen können im Streit mit Männern nur dann siegen, wenn sie entweder auf ihr »Gefühl« sich berufen oder aber, wenn sie hierzu zu stolz sind, ihren Gegner lächerlich machen. Das Letztere ist jedenfalls das Sicherste, weil diese Waffe nicht gut gegen sie selbst gekehrt werden kann. Alice hatte ihren Gegner allerdings zum Schweigen gebracht; aber ein kaltes, bitteres Lächeln, woraus neben dem Bewusstsein seiner Überlegenheit noch die Ironie über die Art seiner Niederlage hervorleuchtete, schwebte auf seinen Lippen, als er, sich tief verbeugend, sprach: »Ich erkenne mich für überwunden.«
Wenn einst der Freiheit Hymnen schallen,
Die Schwerter wieder rein von Blut;
Dann will ich zu der Stätte wallen,
Wo Robert Blum, der Edle, ruht;
Dann schmück' ich unter Tränen
In einer stillen Nacht,
Wenn sie mich schlummernd wähnen,
Sein Grab mit Blumenpracht.
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Was soll uns jetzt die Klage frommen?
Mein Aug ist heiß, doch tränenleer,
Es wird der Tag des Kampfes kommen,
Die Leier nicht – es gilt den Speer!
Aus jeder Todeswunde
Ein Gott der Rache spricht:
Noch kennt ihr bis zur Stunde
Des Zornes Allmacht nicht!
Wilde Rosen, Berlin (W. Moeser und Kühn) 1846.
Meine Emancipation, Verweisung und Rechtfertigung. Brüssel (C. G. Vogler) 1846.
Wilde Rosen. Gedichte, Berlin (W. Moeser und Kühn) 1846.
Aus dem Leben einer Frau. Roman, Hamburg (Hoffmann und Campe) 1847.
Lydia. Roman, Magdeburg (Emil Baensch) 1848.
Revolution und Contrerevolution. Roman, Mannheim (J. P. Grohe) 1849.
Freischärler-Reminiscenzen. Zwölf Gedichte, Leipzig (Emil Ottocar Weller) 1849.
Germaine Goetzinger: Für die Selbstverwirklichung der Frau: Louise Aston, Fischer Verlag, Frankfurt 1983.
Barbara Wimmer: Die Vormärzschriftstellerin Louise Aston. Selbst- und Zeiterfahrung, Lang, Frankfurt am Main u.a. 1993.
Barbara Sichtermann: Ich rauche Zigarren und glaube nicht an Gott, edition ebersbach, Berlin/Dortmund 2014.
Jenny Warnecke: Frauen im Strudel gewaltiger Thaten. Louise Astons Roman Revolution und Contrerevolution 1849, Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach im Taunus 2011.
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