EMILIE LEHMANN
Dieser Beitrag wurde von Olaf Briese erstellt.
Abb.: Abgedruckt in: Illustrirte Zeitung [Leipzig], Nr. 281, 18. November 1848, S. 340 (auch in: Ulla Wischermann: Frauenfrage und Presse. Frauenarbeit und Frauenbewegung in der illustrierten Presse des 19. Jahrhunderts, München u.a. 1983, S. 91). Nachkoloriert.
Emilie Lehmann, geboren 1817 in Culm und erst vor einigen Jahren als radikal-feministische Autorin entdeckt, steht in ihren literarischen Texten für eine Emanzipation auf die ‚harte Tour‘. Und nicht nur in der Welt von Texten: In der Zeit vor 1848 trat sie in Königsberg in Männerkleidern auf und war deshalb polizeilichen Maßregelungen ausgesetzt. Ihr kurz nach den revolutionären Ereignissen des Jahrs 1848 erschienener Gedichtband „Censurfreie Lieder einer emancipirten Frau“ stellt radikale Forderungen für Frauenemanzipation: Mit einer Reitpeitsche gegen zudringliche Kerle, mit dem Plädoyer für Frauen in Männerkleidern, mit dem Aufruf an Frauen und Männer, sich von allen hemmenden Zwängen zu emanzipieren. Sie war eine ‚Alleinseglerin‘, inspiriert vom Kurs der junghegelianischen Berliner „Freien“ – einer Gruppierung von Intellektuellen, die in ihren philosophischen Werken individualanarchistische Positionen verfocht, aber auch in ihrem Habitus gegen gängige Konventionen rebellierte. Nach der Revolutionszeit, gedrückt von sozialer Not, verabschiedete sie sich von den einstigen Idealen, und ihre Gedichtbände der 1860er Jahre sind von romantischer Todessehnsucht geprägt.
geboren in Culm als Tochter eines Mediziners
Heirat mit Rittmeister Karl Michael Lehmann. Geburt von zwei Kindern; wenige Jahre danach Scheidung.
kurze Besuche bei den Kneipenabenden der Berliner „Freien“
in Königsberg öffentliches Auftreten in Männerkleidern und polizeiliche Maßregelungen
radikal-feministischer Gedichtband
Kontakte zu den Revolutionsaktivisten Johann Jacoby und Nees von Esenbeck
soziale Not als alleinstehende Frau und in den 1860er Jahren Gedichtbände mit todesromantischen Motiven. Sterbedatum unbekannt
Olaf Briese
Sensationelles war über sie in der Presse im Umlauf. Vieles war unwahr und erfunden: Sie habe wegen ihrer Unterstützung der Krakauer und Posener Aufstände, in denen für einen unabhängigen polnischen Staat gekämpft wurde, 1846 vier Monate in Haft gesessen; sie habe wegen des Mitte 1846 vom Königsberger Polizeipräsidium an sie ergangenen und Ende 1846 von höheren Instanzen bestätigten Verbots, in Königsberg in Männerkleidern aufzutreten, Anfang des Jahres 1847 beim preußischen König interpelliert. Im Jahr 1849 soll sie einen Königsberger Professor wegen einer angeblichen Beleidigung öffentlich mit einer Reitpeitsche gezüchtigt haben. Daraufhin habe sie sich einem Duell mit Pistolen gestellt, weil ein Student sie ‚gefordert’ hätte. Weiterlesen
All das war aufgebauscht, war Unfug, nichts als Kolportage und Gerücht – abgesehen vielleicht vom tatsächlich skandalösen Umstand, dass sie in Königsberg in Männerkleidern aufgetreten war und deshalb in Konflikte mit den Polizeibehörden geriet. Von diesen Konflikten zeugt ihr oben abgedrucktes Gedicht „An Julius“, ein Spottgedicht an den inzwischen im Zug der Revolution entlassenen Königsberger Polizeipräsidenten Julius Lauterbach. Aber woher diese vielen Gerüchte? Aus zwei Gründen wurden sie in der Öffentlichkeit lanciert. Die einen nutzten diese schillernde Persönlichkeit, um politisch Oppositionskapital daraus zu schlagen. Die anderen wollten sie als femme fatale brandmarken, als skandalöse Persönlichkeit, die das Ideal der Frauenemanzipation lediglich aus reiner Exzentrik verfocht. So hat man es mit einem Wust von Wahrheiten, Halbwahrheiten und Falschmeldungen zu tun, mit einem Phantom, einem Gespenst.
Was also kann man wirklich über Emilie Lehmann wissen? Als Vertreterinnen der Frauenemanzipation kennt man Mathilde Franziska Anneke, Louise Aston, Louise Dittmar, natürlich Louise Otto. Spezialistinnen und Spezialisten fallen vielleicht noch weitere Namen ein, etwa Josephine d’Alquen und Claire v. Glümer. Aber Emilie Lehmann? Für welche Art der Frauenemanzipation steht sie? Nachrichten über ihr Leben erhält man nur von ihr selbst. Denn 1853 hielt sie sich auf der Durchreise in Berlin auf. Es galt polizeilicherseits als sicher, dass sie „eines der gefährlichsten Werkzeuge der Democratie“ sei und dass sie einen Koffer mit demokratischen Schriften bei sich habe. Ihre Sachen wurden beschlagnahmt und sie wurde verhört. Die Protokolle befinden sich heute im Landesarchiv Berlin. Man erfährt: Geboren wurde sie 1817 in Culm als Tochter eines Mediziners. Sie habe Ende der 1830er Jahre einen Rittmeister Lehmann geheiratet – sein voller Name ließ sich recherchieren: Karl Michael Lehmann – und mit ihm zwei 17- und 18jährige Kinder namens Olga und Max; die Scheidung sei vor über zehn Jahren erfolgt. Seit dieser Zeit habe sie zumeist in Königsberg gelebt. Dort habe sie nur wenige Male politische Versammlungen besucht. Mit Johann Jacoby – einem wichtigen Oppositionellen auch nach der Revolution 1848 – stehe sie nur in Kontakt, weil er sie als Arzt behandle. Die einst von ihr stammenden drei literarischen Veröffentlichungen wurden in diesem Protokoll allerdings gar nicht erwähnt. Sie waren der Polizei offenbar nicht bekannt. Und diese Veröffentlichungen hatten es in sich! Frauenemanzipation! Auf die ganz harte Tour!
Im Jahr 1846 erschien „Das Glaubensbekenntniß der emancipirten Frau Rittmeister Lehmann geb. Emilie Wuttge“. Die Autorin bezeichnete sich also selbst als ‚Emanzipierte‘. Sie verknüpft in diesem Heftchen – eine Sammlung von Reflexionen, Aphorismen und Gedichten – drei Freiheitsbestrebungen miteinander: erstens die nach der Emanzipation des Bürgertums, zweitens die nach dem Ausbruch von Frauen aus dem Gehäuse der Häuslichkeit, aus dem Kerker der Windel- und Strumpfstrickkammern, drittens die nach religiöser Emanzipation. Gemessen an diesem Erstling, wirkt die zweite Veröffentlichung Lehmanns „Interessante Briefe an eine emancipirte Dame. Herausgegeben von Emilie Lehmann, geb. Wuttge“ (1848) eher wie eine Gelegenheitsarbeit. Es handelt sich um fingierte Briefe in Reaktion auf das erste Bändchen – mit gewollt humoristischem Zuschnitt, aber eher holprig.
Nach Ausbruch der Revolution erschien dann 1848 ihre bedeutendste Schrift. Schon der Titel „Censurfreie Lieder einer emancipirten Frau“ zeigt den kämpferischen Ton an. Diese Lieder feiern die Revolution, ausdrücklich auch die gewaltsame Revolution mit Barrikaden. Und das Gedicht „Sonnenschirm und Reitpeitsche“ handelt von radikaler Frauenemanzipation. Die Autorin bekennt, lieber mit einer Reitpeitsche als mit einem Sonnenschirm auszugehen. Es sei körperlich viel gesünder, die Sonne zu spüren. Und mit der Peitsche könne man zudringliche Männer sehr gut abwehren. Ein weiteres Gedicht „An die Frauen“ setzt dieses Emanzipationsthema fort: „Die Röcke aus, die Hosen an“. Das letzte Gedicht „Aufruf zur Emancipation“ ist als Credo der Autorin anzusehen: „Emancipirt, emancipirt euch Alle!“.
Warum aber wusste man bis vor wenigen Jahren nichts von dieser rücksichtslos Radikalen? Die Entdeckungsgeschichte gleicht einem Krimi. In den Forschungen zu den religionskritischen junghegelianischen Berliner „Freien“ und zu den Frauen dieses Kreises fiel in einem entlegenen Erinnerungsartikel in der Presse der Hinweis auf, dass auch eine Rittmeisterin Lehmann Mitte der 1840er Jahre bei den Kneipengelagen der „Freien“ in Berlin zugegen gewesen sein soll. Rittmeisterin Lehmann – ein Allerweltname, ein weites Feld. Nach einigen Wochen der Recherche in einschlägigen Vormärzeditionen, Bibliothekskatalogen und mittels verschiedener Internetsuchmaschinen schien, mit Versuch und Irrtum, endlich ein Vorname gefunden: Emilie. Mit diesem eventuellen Vornamen ging es dann Schlag auf Schlag. Es schien diese Person gegeben zu haben, und zwei nebeneinanderliegende, sich aber nicht überkreuzende Spuren führten zu Ergebnissen: erstens die erwähnte Akte des Landesarchivs Berlin und zweitens Recherchen in Druckverzeichnissen und Bibliothekskatalogen. So schien es Publikationen von Lehmann selbst gegeben zu haben.
Diese Hinweise auf Druckerzeugnisse waren ein Anfang. Es handelte sich jedoch um Privat- und Kleinpublikationen im Selbstverlag, noch dazu erschienen in Königsberg, einer Stadt und Region, die bekanntlich aufgrund der politischen Veränderungen nach 1945 von Forschungszugängen abgeschnitten war und wieder ist. Schließlich gelang es 2019, eine Gedicht-Sammlung aus dem Jahr 1848 in einem Lied-Archiv der Berliner „Akademie der Künste“ ausfindig zu machen, die genannten „Censurfreien Lieder“. Es handelte sich um eine Fotokopie, aus der Zeit von 1950/60, nach dem Original, das aus einem Moskauer Forschungsinstitut stammt. Damit war ein bedeutender Fund gelungen. Radikale Gedichte – Frauen hätten das Recht auf Männerkleider, sollten sich mit einer Reitpeitsche gegen Zudringlinge wehren und gleichfalls Barrikaden bauen. Höhepunkt des Bandes ist sein letztes Gedicht „Aufruf zur Emancipation“.
Nach diesem genannten Verhör aus dem Jahr 1853, das bleibt nachzutragen, verloren sich bislang alle Spuren von Lehmann – eine der vielen unbekannten, aber bemerkenswerten Frauen der Revolutionszeit. So der einstige Stand. In der Zwischenzeit gibt es weitere Rechercheergebnisse. Sie können vielleicht dazu beitragen, das Format dieser außergewöhnlichen Frau genauer zu erfassen. Es handelt sich, so scheint es, durchaus um eine exzentrische Persönlichkeit. Und vielleicht hatte sie den oben genannten Gerüchten bewusst Nahrung gegeben, war vielleicht auf ihre Art auch geltungsbewusst. In der Revolutionszeit fand oder suchte sie offenbar nur bedingt Zugang zu revolutionären Zirkeln in Königsberg, war anscheinend auch nicht als Publizistin tätig. Überliefert ist, dass sie, die einzige Frau, als Besucherin bei Versammlungen der Stadtverordneten in Königsberg zugegen war, nun wieder in Männerkleidern. Und gleichfalls, dass sie in Kontakt mit dem Revolutionär Johann Jacoby stand, in Breslau dann mit dem christlichen Sozialisten Nees von Esenbeck. Aber sie blieb eine Alleinseglerin. Hinzu kam die Aufgabe, als geschiedene Frau für ihren Lebensunterhalt aufkommen zu müssen (die Kinder wurden offenbar vom geschiedenen Mann versorgt).
Dieser soziale Druck führte zu neuen lyrischen Veröffentlichungen, nunmehr mit ganz anderem Zuschnitt. Einigermaßen glaubwürdigen Pressenachrichten zufolge reiste sie um 1860 in Deutschland umher und bat, als verarmte Mutter zweier Kinder – die eigentlich längst erwachsen waren – um Subskribenten für einen neuen Gedichtband aus ihrer Feder mit religiös-erbaulichen Liedern. Nachweisbar sind von ihren späten Veröffentlichungen die Büchlein „Andenken an Emilie Lehmann“ mit religiös-pietistischen Erbauungsgedichten (1860), „Gedichte. Andenken an Emilie Lehmann“, sehr persönlich gehaltene, überwiegend in der Ich-Form geschriebene melancholische Klagen und Rückblicke (1862), „Gedichte. Erinnerung an Emilie Lehmann“, getragen von romantisierend-tragischen Motiven, auch mit der Erinnerung an Auswandererschicksale (1866), und „Gedichte und Polenlieder. Andenken an Emilie Lehmann“ (1869). Darin finden sich Texte, die Motive der einstigen vormärzlichen Polenlyrik variieren, aber auch solche, die, im Sinn einer Lebensbeichte, die einstige persönliche Hybris demütig bereuen und eine starke Todessehnsucht spüren lassen. Ein Sterbejahr konnte bislang nicht mittelt werden.
Auch hier sieht man: Die Revolutionärinnen und Revolutionäre von einst durchliefen ganz verschiedene Bahnen – aufgrund von Exil und innerem Exil, aufgrund von Verhaftungen, Presseverboten und anderen Schikanen und geplagt von sozialer Not. Manche blieben ihrem Kurs mit Abwandlungen treu. Manche, und auch das gehört zur Nachgeschichte der Revolution, gingen andere Wege.
Hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Archivs der „Akademie der Künste, Berlin“ der Komplettnachdruck von Emilie Lehmanns Gedichtband „Censurfreie Lieder einer emancipirten Frau, herausgegeben von Emilie Lehmann geb. Wuttge, Königsberg 1848“. Dieses Bändchen ist, soweit zu sehen ist, in keiner deutschen oder internationalen Bibliothek nachweisbar und liegt dort in Fotokopie vor (Akademie der Künste, Berlin, Arbeiter-Liedarchiv, Nr. 1124).
Alle Menschen mag ich leiden,
Doch Euch haß’ ich wie die Nacht,
Denn Ihr störet alle Freuden,
Die der Herr uns zugedacht,
Ja, ihr Herrn und Frau’n Philister,
Seid des Satanas Minister!
Ja, Ihr predigt Nächstenliebe,
Die Postille in der Hand.
Aber, wehe Euch ihr Diebe,
Denn Euch jucket schon die Hand!
Steht auch im Gesetz geschrieben
„Nur, wer Geld hat, der soll lieben?!“
Schmücket uns mit Myrthenkränzen,
Die Ihr keine Liebe kennt.
„Liebet Euch, jedoch mit Grenzen,“
Daß nicht Eu’re Seele brennt
O ihr Mörder der Gedanken,
Liebe kennt ja keine Schranken!
„Ihr dürft glauben, Ihr dürft hoffen“
„Alles, was geschrieben steht,“
„Dann steht Euch der Himmel offen,“
„Wenn Ihr harret im Gebet!“
Solches Hoffen, solches Harren
Macht uns allesammt zu Narren!
„Ihr dürft handeln ihr dürft sprechen“
„Aber immer mit Bedacht“
„Und mit keinem dürft Ihr brechen“
„Denn gefährlich ist die Macht!“ –
O ihr ängstlich-dummen Narren
Freier Muth kennt nicht Gefahren!
„Ihr dürft trinken, Ihr dürft essen,“
„Trinkt sogar auch Brantewein,“
„Aber tretet unterdessen“
„In den Mäßigkeits-Verein!“
Ja, ihr haß’t des Weines Klarheit,
Denn im Weine liegt ja Wahrheit!
Menschen, jetzt zerbrecht die Schranken,
Ungehemmt sei Euer Pfad,
Frei in Wort und in Gedanken
Freier Glaube, freie That.
Frei! – dann sind die Herrn Philister
Bald des Teufels Exminister!
Mel. Holde Minka, ich muß scheiden.
Lieber Julius, mußtest scheiden! –
Ach, Du fühlest nicht das Leiden
Dein geliebtes Bild zu meiden,
Fern von Dir zu sein!
Deine Augen, feuersprühend,
And’re in die Wache ziehend
Waren mir nur liebeglühend,
Mir, ja mir allein!
Wer macht uns’re kalten Gauen
Künftig zu Italiens Auen,
Wer wird ferner Seide bauen,
Da du ferne bist?
*) Die Buchdrucker Böhmer und Hartung haben den Druck dieser harmlosen Lieder, trotz des guten Zweckes verweigert!! – Fürchten diese Herren vielleicht die Rückkehr meines Julius?! – Die Herren Samter & Rathke üben keine so lächerliche Privat-Censur aus. – D. H. [Die Herausgeberin]
1 Das Gedicht bezieht sich auf Julius Lauterbach (1800-1858), Polizeipräsident von Königsberg, er musste im Zug der Revolution aus dem Amt scheiden.
Wer wird uns’re Straßen rein’gen
Die Verbrecher ferner pein’gen
Und die Pässe uns beschein’gen,
Da du ferne bist? –
Wer wird vor mir niederknieen
Und mir, unter Angst und Mühen
Künftighin den Rock*) ausziehen
Da Du nicht mehr hier? –
Doch ich klage nicht alleine
Wenn ich so im Stillen weine
Menschen, Maulbeerbäum und Steine
Alles klagt mit mir!
An der Grenze der Barbaren
Streifst Du und kannst nichts erfahren
Von der Truppenmacht des Czaaren,
Ja, Du thust mir Leid!
Freilich, das Recognosciren
Ist nicht leicht wie’s Arretiren. –
And’re in’s Gefängniß führen
Das ist Kleinigkeit!
Darum Liebster, kehre wieder
Höre meine Klagelieder
Und den Hülferuf der Brüder,
Julius komm’ zurück. –
Ich will jetzt nach Polen reiten,
Da kannst Du mich hingeleiten
Und mit mir für Freiheit streiten
Und für Polens Glück!
*) Den Mannsrock.
Jüngst ward der Polizei gebracht
Ne schöne Serenade
Und daß sie nicht Effekt gemacht,
Ist wirklich Jammerschade!
Das gute Herz der Polizei
Hat uns schon lang’ gerühret,
Da sie Maschienen-Prügelei
Noch nicht hat eingeführet,
Da sie die gottvergess’ne Stadt
Am Sonntag läßt verbrennen,
Da sie in einem dummen Blatt
Sich läßt vernünftig nennen.
Ist das nicht groß? – ist das nicht schön?
Nicht Edelmuth und Gnade? –
Das hat das Volk wohl eingeseh’n,
Drum bracht’s die Serenade.
Sie riefen „Julius komm hervor!“
Sie sangen und sie girrten
Und also kräftig war der Chor,
Daß gleich die Fenstern klirrten.
Das hat so Manchen in der Nacht
Aus ew’gem Schlaf gestöret,
Da wurde großer Lärm gemacht
Und die Armee bewehret.
Sie waren g’rad sehr kampfentbrannt
Die kriegerischen Glieder
Ein sechszehnjähr’ger Lieutenant
Brüllt „Kinder, haut sie nieder!“
2 Das Gedicht bezieht sich auf Proteste gegen die Polizeiführung in Königsberg am 13. März 1848.
Da hieben sie in wilder Wuth
Als gälte es kalt Eisen,
O möchten sie denselben Muth
Dem Russen auch beweisen! –
Das arme Volk ward massacrirt
Ganz ohne alle Gnade
Und zweiundvierzig arretirt,
Das macht die Serenade!
Es ging auch wirklich gar zu toll,
Kein Ohr konnt’ es ertragen,
Wenn’s künftig besser gehen soll,
Müß’t Ihr den Takt auch schlagen.
Jüngst sah ein kleiner Lieutenant
Ein großes Schwert in Bürgers Hand
Mit neidisch-scheelen Blicken,
Da lachte er nach Kriegerart
Gar hämisch in den großen Bart,
Der einst sein Kinn wird schmücken.
„Messieurs, messieurs, das Bürgerpack“
„Hängt sich jetzt an den spitzen Frack“
„Als Schild die Schneidernadel.“
„Wenn erst die Republik wird sein,“
„Dann bilden sie sich gar noch ein,“
„Sie wären auch von Adel!“
Er spricht’s und wirft in stolzer Lust
Sich recht martialisch in die Brust,
Da fängt’s sich an zu regen
Und aus des Schnürleibs Gitterthor
Springt rasselnd ein Planchett hervor,
So lang schier als ein Degen.
Das ist die Fabel rein und kahl
Und nun dazu noch die Moral:
„Laßt Euch nicht bange machen,
Verliert ob Spott nicht den Verstand,
Habt stets den Degen bei der Hand,
Dann werd’t zuletzt Ihr lachen!“ –
Mel. Schleswig-Holstein meerumschlungen.
Deutsche Weiber, vielbesungen,
Ihr verzärteltes Gewürm,
Geht im Sommer tuch-umschlungen
In der Hand den Sonnenschirm!
Diese Ode sei geweiht
Eu’rer Schwäch’ und Eitelkeit!
Könnet nicht der Sonne schauen
In das freie Angesicht
Und warum? – für zücht’ge Frauen
Schickt sich solche Frechheit nicht.
Doch Frau Sonne ist kein Mann,
Darum seht sie doch nur an!
Doch ich kenne Eure Qualen,
Ja, ich kenne Euch ihr Frau’n,
Denn ihr wißt, die Sonnenstrahlen
Brennen Euch die Stirne braun.
Ihr seid Feinde der Natur,
Weil ihr liebt die Weißheit nur.
Ich trag’ in der Hand die Peitsche
Schirm und Fächer brauch’ ich nicht
Und ich bleibe eine Deutsche
Auch mit braunem Angesicht
Und ich trage sie sehr gern,
Denn sie hält die Mücken fern.
Sagt Frauen, wollt ihr Eu’ren Zopf
Denn tragen tausend Jahre? –
Glaubt mir, das Haar macht nicht den Kopf
Doch macht der Kopf die Haare.
Darum befreiet Euren Kopf
Von jedem Sporn, von jedem Zopf,
Wir brauchen nicht die Brocken
Viel schöner sind ja Locken.
Die Röcke aus, die Hosen an,
Das Schnürleib weg vom Busen! –
Wer frei sich fühlt ist jetzt ein Mann,
Wer Mann ist trage Blousen.
Was soll das Gitter um die Brust,
Zerbrecht es, Eurer selbst bewußt
Und laßt die jungen Gekken
Sich jetzt in’s Schnürleib stecken.
Die Ringe ab, weg alles Gold,
Was sollen jetzt die Ketten? –
Vermünzet sie zum Freiheitssold,
Das Vaterland zu retten.
Und, wenn der Mann in’s Blachfeld³ fährt,
So schirmen wir fortan den Heerd,
Dann wollen wir, die Frauen,
An Barrikaden bauen! –
Nur immer frei und ungenirt
Und gar nicht lang’ besinnen
Erst äußerlich emancipirt,
Dann kommts von selbst nach innen.
3 „Blachfeld“ ist ein Synonym für Schlachtfeld. Insgesamt ist dieses Gedicht als – aus heutiger Sicht fragwürdiger – Aufruf zu verstehen, die demokratischen Errungenschaften der Revolution mit Territorialansprüchen gegen das Königreich Dänemark zu verknüpfen.
So wie das Sein, sei auch der Schein
Und wie der Schein fortan das Sein,
Dann zeigt ihr allen Landen,
Daß Ihr die Zeit verstanden.
Emancipirt, emancipirt euch Alle! –
Das ist der Weg der Euch zum Himmel führt! –
Wißt Ihr es nicht daß vor dem Sündenfalle
Die ganze Schöpfung war emancipirt? –
Sogar die Thiere freuten sich der Erde,
In nackter Unschuld gingen Frau und Mann,
Man lebte ohne Sorge und Beschwerde,
Denn Keiner war des Anderen Tyrann.
Doch als nun der Freiheit ew’ge Rechte
[Umgebracht] der ersten Menschen blinder Wahn,
Da wurden alle Menschen Gottes Knechte
Und Einer ward dem Andern unterthan.
Bald ward vom Feigenblatt ein Kleid gewunden,
Es zeigte sich der eitle Modenkram
Und endlich ward der Purpur gar erfunden,
Um zu verdecken alle Schand’ und Scham.
So laß’t denn endlich fahren Eure Feigheit,
Denn ohne Muth erringt man sich kein Glück,
Emancipiret Euch zur wahren Gleichheit,
Denn Gleichheit bringt auch Unschuld uns zurück.
Dann brauchen wir kein Fasten und kein Beten,
Dann wird das Menschenleben schön und süß,
Dann werden [wahr] die Worte der Propheten,
Dann wird die Erde wieder Paradies!
Anmerkung der Redaktion: Im letzten Gedicht, das in Kopie nicht gänzlich vollständig überliefert ist, finden sich zwei mutmaßliche Ergänzungen [in eckigen Klammern].
Das Glaubensbekenntniß der emancipirten Frau Rittmeister Lehmann geb. Emilie Wuttge, Königsberg 1846.
Interessante Briefe an eine emancipirte Dame. Herausgegeben von Emilie Lehmann, geb. Wuttge, Königsberg 1848.
Censurfreie Lieder einer emancipirten Frau, herausgegeben von Emilie Lehmann geb. Wuttge, Königsberg 1848.
Andenken an Emilie Lehmann, Torgau 1860.
Gedichte. Andenken an Emilie Lehmann, 7. Aufl. Berlin 1862.
Gedichte. Erinnerung an Emilie Lehmann, Berlin 1866.
Gedichte und Polenlieder. Andenken an Emilie Lehmann, Berlin 1869.
Anonym: Emilie Lehmann geb. Wuttge, in: Illustrirte Zeitung [Leipzig], Nr. 281, 18. November 1848, S. 340 [enthält unzuverlässige Übertreibungen].
Anonym: Aus dem Wupperthal, in: Deutsches Museum, Nr. 12/1860, S. 435-438, hier: S. 436f. [jetziges Profil als christlich-religiöse Autorin].
R. v. Flanß: Rittmeister Lehmann, in: Zeitschrift des historischen Vereins für den Reg.-Bezirk Marienwerder. Heft 44, Marienwerder 1905, S. 59-62.
Ulla Wischermann: Frauenfrage und Presse. Frauenarbeit und Frauenbewegung in der illustrierten Presse des 19. Jahrhunderts, München u.a. 1983, S. 89, 91 [Bild und Angaben aus „Illustrirte Zeitung“, s.o.].
Olaf Briese: Vormärzlicher Anarchismus. Das Beispiel der Berliner Junghegelianer und „Freien“, in: Olaf Briese/ Alexander Valerius: Findbuch archivalischer Quellen zum frühen Anarchismus. Beiträge zur Erschließung von Akten aus Berliner Archiven über die „Freien“ (1837–1853), Bodenburg 2021, S. 7-159, hier: S. 71-76 (Findmittel und Bibliographien der Bibliothek der Freien, hrsg. v. Wolfgang Eckhardt, Bd. 3).
EMILIE LEHMANN
Dieser Beitrag wurde von Olaf Briese erstellt.
Abb.: Abgedruckt in: Illustrirte Zeitung [Leipzig], Nr. 281, 18. November 1848, S. 340 (auch in: Ulla Wischermann: Frauenfrage und Presse. Frauenarbeit und Frauenbewegung in der illustrierten Presse des 19. Jahrhunderts, München u.a. 1983, S. 91). Nachkoloriert.
Emilie Lehmann, geboren 1817 in Culm und erst vor einigen Jahren als radikal-feministische Autorin entdeckt, steht in ihren literarischen Texten für eine Emanzipation auf die ‚harte Tour‘. Und nicht nur in der Welt von Texten: In der Zeit vor 1848 trat sie in Königsberg in Männerkleidern auf und war deshalb polizeilichen Maßregelungen ausgesetzt. Ihr kurz nach den revolutionären Ereignissen des Jahrs 1848 erschienener Gedichtband „Censurfreie Lieder einer emancipirten Frau“ stellt radikale Forderungen für Frauenemanzipation: Mit einer Reitpeitsche gegen zudringliche Kerle, mit dem Plädoyer für Frauen in Männerkleidern, mit dem Aufruf an Frauen und Männer, sich von allen hemmenden Zwängen zu emanzipieren. Sie war eine ‚Alleinseglerin‘, inspiriert vom Kurs der junghegelianischen Berliner „Freien“ – einer Gruppierung von Intellektuellen, die in ihren philosophischen Werken individualanarchistische Positionen verfocht, aber auch in ihrem Habitus gegen gängige Konventionen rebellierte. Nach der Revolutionszeit, gedrückt von sozialer Not, verabschiedete sie sich von den einstigen Idealen, und ihre Gedichtbände der 1860er Jahre sind von romantischer Todessehnsucht geprägt.
geboren in Culm als Tochter eines Mediziners
Heirat mit Rittmeister Karl Michael Lehmann. Geburt von zwei Kindern; wenige Jahre danach Scheidung.
kurze Besuche bei den Kneipenabenden der Berliner „Freien“
in Königsberg öffentliches Auftreten in Männerkleidern und polizeiliche Maßregelungen
radikal-feministischer Gedichtband
Kontakte zu den Revolutionsaktivisten Johann Jacoby und Nees von Esenbeck
soziale Not als alleinstehende Frau und in den 1860er Jahren Gedichtbände mit todesromantischen Motiven. Sterbedatum unbekannt
Olaf Briese
Sensationelles war über sie in der Presse im Umlauf. Vieles war unwahr und erfunden: Sie habe wegen ihrer Unterstützung der Krakauer und Posener Aufstände, in denen für einen unabhängigen polnischen Staat gekämpft wurde, 1846 vier Monate in Haft gesessen; sie habe wegen des Mitte 1846 vom Königsberger Polizeipräsidium an sie ergangenen und Ende 1846 von höheren Instanzen bestätigten Verbots, in Königsberg in Männerkleidern aufzutreten, Anfang des Jahres 1847 beim preußischen König interpelliert. Im Jahr 1849 soll sie einen Königsberger Professor wegen einer angeblichen Beleidigung öffentlich mit einer Reitpeitsche gezüchtigt haben. Daraufhin habe sie sich einem Duell mit Pistolen gestellt, weil ein Student sie ‚gefordert‚ hätte. Weiterlesen
All das war aufgebauscht, war Unfug, nichts als Kolportage und Gerücht – abgesehen vielleicht vom tatsächlich skandalösen Umstand, dass sie in Königsberg in Männerkleidern aufgetreten war und deshalb in Konflikte mit den Polizeibehörden geriet. Von diesen Konflikten zeugt ihr oben abgedrucktes Gedicht „An Julius“, ein Spottgedicht an den inzwischen im Zug der Revolution entlassenen Königsberger Polizeipräsidenten Julius Lauterbach. Aber woher diese vielen Gerüchte? Aus zwei Gründen wurden sie in der Öffentlichkeit lanciert. Die einen nutzten diese schillernde Persönlichkeit, um politisch Oppositionskapital daraus zu schlagen. Die anderen wollten sie als femme fatale brandmarken, als skandalöse Persönlichkeit, die das Ideal der Frauenemanzipation lediglich aus reiner Exzentrik verfocht. So hat man es mit einem Wust von Wahrheiten, Halbwahrheiten und Falschmeldungen zu tun, mit einem Phantom, einem Gespenst.
Was also kann man wirklich über Emilie Lehmann wissen? Als Vertreterinnen der Frauenemanzipation kennt man Mathilde Franziska Anneke, Louise Aston, Louise Dittmar, natürlich Louise Otto. Spezialistinnen und Spezialisten fallen vielleicht noch weitere Namen ein, etwa Josephine d’Alquen und Claire v. Glümer. Aber Emilie Lehmann? Für welche Art der Frauenemanzipation steht sie? Nachrichten über ihr Leben erhält man nur von ihr selbst. Denn 1853 hielt sie sich auf der Durchreise in Berlin auf. Es galt polizeilicherseits als sicher, dass sie „eines der gefährlichsten Werkzeuge der Democratie“ sei und dass sie einen Koffer mit demokratischen Schriften bei sich habe. Ihre Sachen wurden beschlagnahmt und sie wurde verhört. Die Protokolle befinden sich heute im Landesarchiv Berlin. Man erfährt: Geboren wurde sie 1817 in Culm als Tochter eines Mediziners. Sie habe Ende der 1830er Jahre einen Rittmeister Lehmann geheiratet – sein voller Name ließ sich recherchieren: Karl Michael Lehmann – und mit ihm zwei 17- und 18jährige Kinder namens Olga und Max; die Scheidung sei vor über zehn Jahren erfolgt. Seit dieser Zeit habe sie zumeist in Königsberg gelebt. Dort habe sie nur wenige Male politische Versammlungen besucht. Mit Johann Jacoby – einem wichtigen Oppositionellen auch nach der Revolution 1848 – stehe sie nur in Kontakt, weil er sie als Arzt behandle. Die einst von ihr stammenden drei literarischen Veröffentlichungen wurden in diesem Protokoll allerdings gar nicht erwähnt. Sie waren der Polizei offenbar nicht bekannt. Und diese Veröffentlichungen hatten es in sich! Frauenemanzipation! Auf die ganz harte Tour!
Im Jahr 1846 erschien „Das Glaubensbekenntniß der emancipirten Frau Rittmeister Lehmann geb. Emilie Wuttge“. Die Autorin bezeichnete sich also selbst als ‚Emanzipierte‘. Sie verknüpft in diesem Heftchen – eine Sammlung von Reflexionen, Aphorismen und Gedichten – drei Freiheitsbestrebungen miteinander: erstens die nach der Emanzipation des Bürgertums, zweitens die nach dem Ausbruch von Frauen aus dem Gehäuse der Häuslichkeit, aus dem Kerker der Windel- und Strumpfstrickkammern, drittens die nach religiöser Emanzipation. Gemessen an diesem Erstling, wirkt die zweite Veröffentlichung Lehmanns „Interessante Briefe an eine emancipirte Dame. Herausgegeben von Emilie Lehmann, geb. Wuttge“ (1848) eher wie eine Gelegenheitsarbeit. Es handelt sich um fingierte Briefe in Reaktion auf das erste Bändchen – mit gewollt humoristischem Zuschnitt, aber eher holprig.
Nach Ausbruch der Revolution erschien dann 1848 ihre bedeutendste Schrift. Schon der Titel „Censurfreie Lieder einer emancipirten Frau“ zeigt den kämpferischen Ton an. Diese Lieder feiern die Revolution, ausdrücklich auch die gewaltsame Revolution mit Barrikaden. Und das Gedicht „Sonnenschirm und Reitpeitsche“ handelt von radikaler Frauenemanzipation. Die Autorin bekennt, lieber mit einer Reitpeitsche als mit einem Sonnenschirm auszugehen. Es sei körperlich viel gesünder, die Sonne zu spüren. Und mit der Peitsche könne man zudringliche Männer sehr gut abwehren. Ein weiteres Gedicht „An die Frauen“ setzt dieses Emanzipationsthema fort: „Die Röcke aus, die Hosen an“. Das letzte Gedicht „Aufruf zur Emancipation“ ist als Credo der Autorin anzusehen: „Emancipirt, emancipirt euch Alle!“.
Warum aber wusste man bis vor wenigen Jahren nichts von dieser rücksichtslos Radikalen? Die Entdeckungsgeschichte gleicht einem Krimi. In den Forschungen zu den religionskritischen junghegelianischen Berliner „Freien“ und zu den Frauen dieses Kreises fiel in einem entlegenen Erinnerungsartikel in der Presse der Hinweis auf, dass auch eine Rittmeisterin Lehmann Mitte der 1840er Jahre bei den Kneipengelagen der „Freien“ in Berlin zugegen gewesen sein soll. Rittmeisterin Lehmann – ein Allerweltname, ein weites Feld. Nach einigen Wochen der Recherche in einschlägigen Vormärzeditionen, Bibliothekskatalogen und mittels verschiedener Internetsuchmaschinen schien, mit Versuch und Irrtum, endlich ein Vorname gefunden: Emilie. Mit diesem eventuellen Vornamen ging es dann Schlag auf Schlag. Es schien diese Person gegeben zu haben, und zwei nebeneinanderliegende, sich aber nicht überkreuzende Spuren führten zu Ergebnissen: erstens die erwähnte Akte des Landesarchivs Berlin und zweitens Recherchen in Druckverzeichnissen und Bibliothekskatalogen. So schien es Publikationen von Lehmann selbst gegeben zu haben.
Diese Hinweise auf Druckerzeugnisse waren ein Anfang. Es handelte sich jedoch um Privat- und Kleinpublikationen im Selbstverlag, noch dazu erschienen in Königsberg, einer Stadt und Region, die bekanntlich aufgrund der politischen Veränderungen nach 1945 von Forschungszugängen abgeschnitten war und wieder ist. Schließlich gelang es 2019, eine Gedicht-Sammlung aus dem Jahr 1848 in einem Lied-Archiv der Berliner „Akademie der Künste“ ausfindig zu machen, die genannten „Censurfreien Lieder“. Es handelte sich um eine Fotokopie, aus der Zeit von 1950/60, nach dem Original, das aus einem Moskauer Forschungsinstitut stammt. Damit war ein bedeutender Fund gelungen. Radikale Gedichte – Frauen hätten das Recht auf Männerkleider, sollten sich mit einer Reitpeitsche gegen Zudringlinge wehren und gleichfalls Barrikaden bauen. Höhepunkt des Bandes ist sein letztes Gedicht „Aufruf zur Emancipation“.
Nach diesem genannten Verhör aus dem Jahr 1853, das bleibt nachzutragen, verloren sich bislang alle Spuren von Lehmann – eine der vielen unbekannten, aber bemerkenswerten Frauen der Revolutionszeit. So der einstige Stand. In der Zwischenzeit gibt es weitere Rechercheergebnisse. Sie können vielleicht dazu beitragen, das Format dieser außergewöhnlichen Frau genauer zu erfassen. Es handelt sich, so scheint es, durchaus um eine exzentrische Persönlichkeit. Und vielleicht hatte sie den oben genannten Gerüchten bewusst Nahrung gegeben, war vielleicht auf ihre Art auch geltungsbewusst. In der Revolutionszeit fand oder suchte sie offenbar nur bedingt Zugang zu revolutionären Zirkeln in Königsberg, war anscheinend auch nicht als Publizistin tätig. Überliefert ist, dass sie, die einzige Frau, als Besucherin bei Versammlungen der Stadtverordneten in Königsberg zugegen war, nun wieder in Männerkleidern. Und gleichfalls, dass sie in Kontakt mit dem Revolutionär Johann Jacoby stand, in Breslau dann mit dem christlichen Sozialisten Nees von Esenbeck. Aber sie blieb eine Alleinseglerin. Hinzu kam die Aufgabe, als geschiedene Frau für ihren Lebensunterhalt aufkommen zu müssen (die Kinder wurden offenbar vom geschiedenen Mann versorgt).
Dieser soziale Druck führte zu neuen lyrischen Veröffentlichungen, nunmehr mit ganz anderem Zuschnitt. Einigermaßen glaubwürdigen Pressenachrichten zufolge reiste sie um 1860 in Deutschland umher und bat, als verarmte Mutter zweier Kinder – die eigentlich längst erwachsen waren – um Subskribenten für einen neuen Gedichtband aus ihrer Feder mit religiös-erbaulichen Liedern. Nachweisbar sind von ihren späten Veröffentlichungen die Büchlein „Andenken an Emilie Lehmann“ mit religiös-pietistischen Erbauungsgedichten (1860), „Gedichte. Andenken an Emilie Lehmann“, sehr persönlich gehaltene, überwiegend in der Ich-Form geschriebene melancholische Klagen und Rückblicke (1862), „Gedichte. Erinnerung an Emilie Lehmann“, getragen von romantisierend-tragischen Motiven, auch mit der Erinnerung an Auswandererschicksale (1866), und „Gedichte und Polenlieder. Andenken an Emilie Lehmann“ (1869). Darin finden sich Texte, die Motive der einstigen vormärzlichen Polenlyrik variieren, aber auch solche, die, im Sinn einer Lebensbeichte, die einstige persönliche Hybris demütig bereuen und eine starke Todessehnsucht spüren lassen. Ein Sterbejahr konnte bislang nicht mittelt werden.
Auch hier sieht man: Die Revolutionärinnen und Revolutionäre von einst durchliefen ganz verschiedene Bahnen – aufgrund von Exil und innerem Exil, aufgrund von Verhaftungen, Presseverboten und anderen Schikanen und geplagt von sozialer Not. Manche blieben ihrem Kurs mit Abwandlungen treu. Manche, und auch das gehört zur Nachgeschichte der Revolution, gingen andere Wege.
Hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Archivs der „Akademie der Künste, Berlin“ der Komplettnachdruck von Emilie Lehmanns Gedichtband „Censurfreie Lieder einer emancipirten Frau, herausgegeben von Emilie Lehmann geb. Wuttge, Königsberg 1848“. Dieses Bändchen ist, soweit zu sehen ist, in keiner deutschen oder internationalen Bibliothek nachweisbar und liegt dort in Fotokopie vor (Akademie der Künste, Berlin, Arbeiter-Liedarchiv, Nr. 1124).
Alle Menschen mag ich leiden,
Doch Euch haß’ ich wie die Nacht,
Denn Ihr störet alle Freuden,
Die der Herr uns zugedacht,
Ja, ihr Herrn und Frau’n Philister,
Seid des Satanas Minister!
Ja, Ihr predigt Nächstenliebe,
Die Postille in der Hand.
Aber, wehe Euch ihr Diebe,
Denn Euch jucket schon die Hand!
Steht auch im Gesetz geschrieben
„Nur, wer Geld hat, der soll lieben?!“
Schmücket uns mit Myrthenkränzen,
Die Ihr keine Liebe kennt.
„Liebet Euch, jedoch mit Grenzen,“
Daß nicht Eu’re Seele brennt
O ihr Mörder der Gedanken,
Liebe kennt ja keine Schranken!
„Ihr dürft glauben, Ihr dürft hoffen“
„Alles, was geschrieben steht,“
„Dann steht Euch der Himmel offen,“
„Wenn Ihr harret im Gebet!“
Solches Hoffen, solches Harren
Macht uns allesammt zu Narren!
„Ihr dürft handeln ihr dürft sprechen“
„Aber immer mit Bedacht“
„Und mit keinem dürft Ihr brechen“
„Denn gefährlich ist die Macht!“ –
O ihr ängstlich-dummen Narren
Freier Muth kennt nicht Gefahren!
„Ihr dürft trinken, Ihr dürft essen,“
„Trinkt sogar auch Brantewein,“
„Aber tretet unterdessen“
„In den Mäßigkeits-Verein!“
Ja, ihr haß’t des Weines Klarheit,
Denn im Weine liegt ja Wahrheit!
Menschen, jetzt zerbrecht die Schranken,
Ungehemmt sei Euer Pfad,
Frei in Wort und in Gedanken
Freier Glaube, freie That.
Frei! – dann sind die Herrn Philister
Bald des Teufels Exminister!
Mel. Holde Minka, ich muß scheiden.
Lieber Julius, mußtest scheiden! –
Ach, Du fühlest nicht das Leiden
Dein geliebtes Bild zu meiden,
Fern von Dir zu sein!
Deine Augen, feuersprühend,
And’re in die Wache ziehend
Waren mir nur liebeglühend,
Mir, ja mir allein!
Wer macht uns’re kalten Gauen
Künftig zu Italiens Auen,
Wer wird ferner Seide bauen,
Da du ferne bist?
*) Die Buchdrucker Böhmer und Hartung haben den Druck dieser harmlosen Lieder, trotz des guten Zweckes verweigert!! – Fürchten diese Herren vielleicht die Rückkehr meines Julius?! – Die Herren Samter & Rathke üben keine so lächerliche Privat-Censur aus. – D. H. [Die Herausgeberin]
1 Das Gedicht bezieht sich auf Julius Lauterbach (1800-1858), Polizeipräsident von Königsberg, er musste im Zug der Revolution aus dem Amt scheiden.
Wer wird uns’re Straßen rein’gen
Die Verbrecher ferner pein’gen
Und die Pässe uns beschein’gen,
Da du ferne bist? –
Wer wird vor mir niederknieen
Und mir, unter Angst und Mühen
Künftighin den Rock*) ausziehen
Da Du nicht mehr hier? –
Doch ich klage nicht alleine
Wenn ich so im Stillen weine
Menschen, Maulbeerbäum und Steine
Alles klagt mit mir!
An der Grenze der Barbaren
Streifst Du und kannst nichts erfahren
Von der Truppenmacht des Czaaren,
Ja, Du thust mir Leid!
Freilich, das Recognosciren
Ist nicht leicht wie’s Arretiren. –
And’re in’s Gefängniß führen
Das ist Kleinigkeit!
Darum Liebster, kehre wieder
Höre meine Klagelieder
Und den Hülferuf der Brüder,
Julius komm’ zurück. –
Ich will jetzt nach Polen reiten,
Da kannst Du mich hingeleiten
Und mit mir für Freiheit streiten
Und für Polens Glück!
*) Den Mannsrock.
Jüngst ward der Polizei gebracht
Ne schöne Serenade
Und daß sie nicht Effekt gemacht,
Ist wirklich Jammerschade!
Das gute Herz der Polizei
Hat uns schon lang’ gerühret,
Da sie Maschienen-Prügelei
Noch nicht hat eingeführet,
Da sie die gottvergess’ne Stadt
Am Sonntag läßt verbrennen,
Da sie in einem dummen Blatt
Sich läßt vernünftig nennen.
Ist das nicht groß? – ist das nicht schön?
Nicht Edelmuth und Gnade? –
Das hat das Volk wohl eingeseh’n,
Drum bracht’s die Serenade.
Sie riefen „Julius komm hervor!“
Sie sangen und sie girrten
Und also kräftig war der Chor,
Daß gleich die Fenstern klirrten.
Das hat so Manchen in der Nacht
Aus ew’gem Schlaf gestöret,
Da wurde großer Lärm gemacht
Und die Armee bewehret.
Sie waren g’rad sehr kampfentbrannt
Die kriegerischen Glieder
Ein sechszehnjähr’ger Lieutenant
Brüllt „Kinder, haut sie nieder!“
2 Das Gedicht bezieht sich auf Proteste gegen die Polizeiführung in Königsberg am 13. März 1848.
Da hieben sie in wilder Wuth
Als gälte es kalt Eisen,
O möchten sie denselben Muth
Dem Russen auch beweisen! –
Das arme Volk ward massacrirt
Ganz ohne alle Gnade
Und zweiundvierzig arretirt,
Das macht die Serenade!
Es ging auch wirklich gar zu toll,
Kein Ohr konnt’ es ertragen,
Wenn’s künftig besser gehen soll,
Müß’t Ihr den Takt auch schlagen.
Jüngst sah ein kleiner Lieutenant
Ein großes Schwert in Bürgers Hand
Mit neidisch-scheelen Blicken,
Da lachte er nach Kriegerart
Gar hämisch in den großen Bart,
Der einst sein Kinn wird schmücken.
„Messieurs, messieurs, das Bürgerpack“
„Hängt sich jetzt an den spitzen Frack“
„Als Schild die Schneidernadel.“
„Wenn erst die Republik wird sein,“
„Dann bilden sie sich gar noch ein,“
„Sie wären auch von Adel!“
Er spricht’s und wirft in stolzer Lust
Sich recht martialisch in die Brust,
Da fängt’s sich an zu regen
Und aus des Schnürleibs Gitterthor
Springt rasselnd ein Planchett hervor,
So lang schier als ein Degen.
Das ist die Fabel rein und kahl
Und nun dazu noch die Moral:
„Laßt Euch nicht bange machen,
Verliert ob Spott nicht den Verstand,
Habt stets den Degen bei der Hand,
Dann werd’t zuletzt Ihr lachen!“ –
Mel. Schleswig-Holstein meerumschlungen.
Deutsche Weiber, vielbesungen,
Ihr verzärteltes Gewürm,
Geht im Sommer tuch-umschlungen
In der Hand den Sonnenschirm!
Diese Ode sei geweiht
Eu’rer Schwäch’ und Eitelkeit!
Könnet nicht der Sonne schauen
In das freie Angesicht
Und warum? – für zücht’ge Frauen
Schickt sich solche Frechheit nicht.
Doch Frau Sonne ist kein Mann,
Darum seht sie doch nur an!
Doch ich kenne Eure Qualen,
Ja, ich kenne Euch ihr Frau’n,
Denn ihr wißt, die Sonnenstrahlen
Brennen Euch die Stirne braun.
Ihr seid Feinde der Natur,
Weil ihr liebt die Weißheit nur.
Ich trag’ in der Hand die Peitsche
Schirm und Fächer brauch’ ich nicht
Und ich bleibe eine Deutsche
Auch mit braunem Angesicht
Und ich trage sie sehr gern,
Denn sie hält die Mücken fern.
Sagt Frauen, wollt ihr Eu’ren Zopf
Denn tragen tausend Jahre? –
Glaubt mir, das Haar macht nicht den Kopf
Doch macht der Kopf die Haare.
Darum befreiet Euren Kopf
Von jedem Sporn, von jedem Zopf,
Wir brauchen nicht die Brocken
Viel schöner sind ja Locken.
Die Röcke aus, die Hosen an,
Das Schnürleib weg vom Busen! –
Wer frei sich fühlt ist jetzt ein Mann,
Wer Mann ist trage Blousen.
Was soll das Gitter um die Brust,
Zerbrecht es, Eurer selbst bewußt
Und laßt die jungen Gekken
Sich jetzt in’s Schnürleib stecken.
Die Ringe ab, weg alles Gold,
Was sollen jetzt die Ketten? –
Vermünzet sie zum Freiheitssold,
Das Vaterland zu retten.
Und, wenn der Mann in’s Blachfeld³ fährt,
So schirmen wir fortan den Heerd,
Dann wollen wir, die Frauen,
An Barrikaden bauen! –
Nur immer frei und ungenirt
Und gar nicht lang’ besinnen
Erst äußerlich emancipirt,
Dann kommts von selbst nach innen.
3 „Blachfeld“ ist ein Synonym für Schlachtfeld. Insgesamt ist dieses Gedicht als – aus heutiger Sicht fragwürdiger – Aufruf zu verstehen, die demokratischen Errungenschaften der Revolution mit Territorialansprüchen gegen das Königreich Dänemark zu verknüpfen.
So wie das Sein, sei auch der Schein
Und wie der Schein fortan das Sein,
Dann zeigt ihr allen Landen,
Daß Ihr die Zeit verstanden.
Emancipirt, emancipirt euch Alle! –
Das ist der Weg der Euch zum Himmel führt! –
Wißt Ihr es nicht daß vor dem Sündenfalle
Die ganze Schöpfung war emancipirt? –
Sogar die Thiere freuten sich der Erde,
In nackter Unschuld gingen Frau und Mann,
Man lebte ohne Sorge und Beschwerde,
Denn Keiner war des Anderen Tyrann.
Doch als nun der Freiheit ew’ge Rechte
[Umgebracht] der ersten Menschen blinder Wahn,
Da wurden alle Menschen Gottes Knechte
Und Einer ward dem Andern unterthan.
Bald ward vom Feigenblatt ein Kleid gewunden,
Es zeigte sich der eitle Modenkram
Und endlich ward der Purpur gar erfunden,
Um zu verdecken alle Schand’ und Scham.
So laß’t denn endlich fahren Eure Feigheit,
Denn ohne Muth erringt man sich kein Glück,
Emancipiret Euch zur wahren Gleichheit,
Denn Gleichheit bringt auch Unschuld uns zurück.
Dann brauchen wir kein Fasten und kein Beten,
Dann wird das Menschenleben schön und süß,
Dann werden [wahr] die Worte der Propheten,
Dann wird die Erde wieder Paradies!
Anmerkung der Redaktion: Im letzten Gedicht, das in Kopie nicht gänzlich vollständig überliefert ist, finden sich zwei mutmaßliche Ergänzungen [in eckigen Klammern].
Das Glaubensbekenntniß der emancipirten Frau Rittmeister Lehmann geb. Emilie Wuttge, Königsberg 1846.
Interessante Briefe an eine emancipirte Dame. Herausgegeben von Emilie Lehmann, geb. Wuttge, Königsberg 1848.
Censurfreie Lieder einer emancipirten Frau, herausgegeben von Emilie Lehmann geb. Wuttge, Königsberg 1848.
Andenken an Emilie Lehmann, Torgau 1860.
Gedichte. Andenken an Emilie Lehmann, 7. Aufl. Berlin 1862.
Gedichte. Erinnerung an Emilie Lehmann, Berlin 1866.
Gedichte und Polenlieder. Andenken an Emilie Lehmann, Berlin 1869.
Anonym: Emilie Lehmann geb. Wuttge, in: Illustrirte Zeitung [Leipzig], Nr. 281, 18. November 1848, S. 340 [enthält unzuverlässige Übertreibungen].
Anonym: Aus dem Wupperthal, in: Deutsches Museum, Nr. 12/1860, S. 435-438, hier: S. 436f. [jetziges Profil als christlich-religiöse Autorin].
R. v. Flanß: Rittmeister Lehmann, in: Zeitschrift des historischen Vereins für den Reg.-Bezirk Marienwerder. Heft 44, Marienwerder 1905, S. 59-62.
Ulla Wischermann: Frauenfrage und Presse. Frauenarbeit und Frauenbewegung in der illustrierten Presse des 19. Jahrhunderts, München u.a. 1983, S. 89, 91 [Bild und Angaben aus „Illustrirte Zeitung“, s.o.].
Olaf Briese: Vormärzlicher Anarchismus. Das Beispiel der Berliner Junghegelianer und „Freien“, in: Olaf Briese/ Alexander Valerius: Findbuch archivalischer Quellen zum frühen Anarchismus. Beiträge zur Erschließung von Akten aus Berliner Archiven über die „Freien“ (1837–1853), Bodenburg 2021, S. 7-159, hier: S. 71-76 (Findmittel und Bibliographien der Bibliothek der Freien, hrsg. v. Wolfgang Eckhardt, Bd. 3).
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