
ERNST ELSENHANS
Der 1815 im schwäbischen Feuerbach geborene Ernst Elsenhans zählt zu den namhaften Publizisten der Badischen Revolution. Im Sommer 1848 trat er insbesondere mit seinen Artikeln in der demokratischen Zeitung „Die Republik” in Erscheinung, in denen er sowohl das badische Volk zum Freiheitskampf aufrief als auch die Fürstenhäuser und das Militär scharf kritisierte. Diese Artikel hatten zur Folge, dass Elsenhans im Oktober 1848 wegen Anstiftung zum Hochverrat angeklagt und zu einer achtmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Im Maiaufstand von 1849 wurde er jedoch vorzeitig aus der Haft befreit und schloss sich daraufhin als Sekretär im Kriegsministerium den Aufständischen an. In der Endphase des Aufstandes gründete Elsenhans schließlich in der von preußischen Truppen belagerten Garnisonsstadt Rastatt, in die sich das letzte Aufgebot der Aufständischen zurückgezogen hatte, den „Festungsboten”. Diese Zeitung erschien in insgesamt 14 Ausgaben und beschwor bis zuletzt den Kampfgeist für die Freiheit. Nach der Übergabe der Stadt an preußische Truppen wurde er am 6. August von einem Standgericht zum Tode verurteilt.
Ernst Elsenhans wird am 26. September als Sohn eines Schultheißen in Feuerbach geboren.
Nach dem Besuch des Gymnasiums und einer Ausbildung zum Wundarzt wird er Chirurg bei der württembergischen Armee.
Umsiedlung in die Schweiz und Veröffentlichung erster politischer Artikel in der „Bündner Zeitung” und der „Volkshalle”.
Rückkehr nach Deutschland und Aufnahme einer journalistischen Tätigkeit für die oppositionell ausgerichtete „Mannheimer Abendzeitung”.
Elsenhans wird in Heidelberg Redakteur der Zeitung „Die Republik”. Für seine dort erschienenen Artikel wird er angeklagt und zu einer achtmonatigen Haftstrafe verurteilt.
Während des Maiaufstandes wird er aus der Haft befreit und schließt sich den Aufständischen als Sekretär im Kriegsministerium an. In der Endphase der Erhebung gründet er in der belagerten Garnisonsstadt Raststatt den Festungs-Boten und wird nach der Übergabe der Stadt von einem preußischen Standgericht zum Tode verurteilt.
Dr. Wolfgang M. Gall
Ernst Elsenhans Leben steht für das Scheitern wie für den Mut der 1848er-Demokratinnen und Demokraten – den Versuch, die Freiheit nicht allein mit Worten zu erobern, sondern notfalls für seine politischen Ideale zu sterben. Die bis heute anhaltende kritische Auseinandersetzung mit seiner Person zeigt uns die Ambivalenz der Revolution: zwischen idealistischer Hoffnung und blutiger Realität. Am 7. August 1849 fiel Ernst Elsenhans im Kugelhagel eines Exekutionskommandos.
Das Leben und Wirken von Ernst Elsenhans bleibt von Unschärfen, Legenden und eigener Inszenierung geprägt. Mit einer Biografie voller Lücken und Widersprüche entzieht er sich festen Zuschreibungen, bleibt jedoch ein Kind dieser turbulenten Zeit: entwurzelt und kompromisslos bis zur Selbstaufgabe. Er wirkt wie ein junger Mann, der sein kurzes Leben in ständiger Suche verbrachte, sich jedoch dann entschloss, es dem Kampf für die Demokratie zu opfern. Weiterlesen
Viele Details seines Lebens verdanken wir einzig seiner eigenen Aussage im Prozess beim Rastatter Standgericht, der mit seinem Todesurteil endete. Dennoch eröffnet das Leben von Elsenhans nicht nur Einblicke in das revolutionär-demokratische Milieu Süddeutschlands, sondern auch in die Selbstverortung der revolutionären Generation des Vormärz. Wer war dieser Mann, der, wie er selbst sagte, „bei keinem Kulte“ weilte, sich den Idealen der sozialen Demokratie verschrieb und für die revolutionäre Sache sogar in den Tod ging?
Ernst Elsenhans wurde am 26. September 1815 in Feuerbach (heute ein Stadtteil Stuttgarts) als dritter Sohn des Schuhmachermeisters und späteren Schultheißen Johann Elsenhans geboren. Auch seine Mutter Christiane Walz stammte aus einem Handwerkerhaushalt. Diese kleinbürgerliche Herkunft war typisch für viele Revolutionäre jener Epoche. Sein Vater, der sich nach dem frühen Tod seiner Ehefrau wiederverheiratete, sorgte für eine solide Ausbildung seiner Söhne. Die älteren Brüder Johann Michael und Friedrich August studierten beide Theologie. Auch für den jüngsten Sohn aus erster Ehe, Ernst, war eine akademische Laufbahn vorgeplant. Er entschied sich jedoch in jungen Jahren für einen anderen Weg. Im Gegensatz zu seinen Brüdern fehlt für ihn trotz eigener anderslautender Angaben jeder Beleg für ein Theologie- oder Medizinstudium in Tübingen, sieht man von einer kurzfristigen Immatrikulation für Medizin ab.
Es ist nicht auszuschließen, dass sich Elsenhans zumindest bis zu seinem 25. Lebensjahr einen typischen Aussteigerlebenslauf seiner Zeit zulegte, der dem des Literaten und 1848er Revolutionärs Georg Herwegh sehr ähnelt. Nachweisbar ist nur seine Mitgliedschaft in der Burschenschaft „Germania-Tübingen“, wo er erstmals in Kontakt mit den oppositionellen Ideen seiner Generation kam und eine Laufbahn als Wundarzt beim Militär abbrach.
1840 verließ Ernst Elsenhans Tübingen, weil ihm zu Ohren kam, dass wegen seiner politischen Aktivitäten eine polizeiliche Untersuchung anstand. Er setzte sich heimlich in die Schweiz ab. Dort schlug er sich in Chur als Journalist und Redakteur der fortschrittlich-liberalen „Bündener Zeitung“ durch. Da seine Tätigkeit nicht für seinen Lebensunterhalt ausreichte, erhielt er weiterhin eine finanzielle Unterstützung seines Vaters, bis dieser 1841 starb. In der Folge musste er sich als Hauslehrer durchschlagen, wobei ihm seine guten Kenntnisse im Französischen und Englischen zugutekamen.
1842 kehrte er nach Deutschland zurück, lebte zunächst bei seinem ältesten Bruder Johann Michael in Klosterreichenbach und zog schließlich noch im gleichen Jahr nach Mannheim, wo er an der Privatschule des Briten Dr. Henry Hill Lovell eine Stelle antrat. Die schulische Tätigkeit erfüllte ihn indes nicht – er strebte nach einer publizistischen Laufbahn.
Mannheim hatte seit 1840 den Ruf, eine der Hochburgen der radikalen Opposition zu sein. Eine Reihe liberaler und demokratischer Politiker hatte hier ihre Heimat, sodass dort eine rege politische Auseinandersetzung herrschte. Auf der politischen Rechten standen die „Maßvollen“ und „Bedächtigen“ – Karl Mathy, Ernst Bassermann und deren Freunde. Ihre Gegner auf der Linken waren die republikanischen „Entschiedenen“, zu jener Zeit als „Radicaldemokraten“ bezeichnet: allen voran der Anwalt Friedrich Hecker und der Journalist Gustav Struve. Elsenhans kam mit beiden Männern in Kontakt und lernte hier auch den Buchhändler Heinrich Hoff kennen, der 1841 einen Verlag gegründet hatte. Dieser bot ihm eine Stelle als Übersetzer an. Elsenhans muss vom Pathos der Reden Heckers und den scharfsinnigen Artikeln Struves fasziniert gewesen sein. Wenig später publizierte er in der „Mannheimer Abendzeitung“. Als Journalist des populären Flaggschiffs der demokratischen Publizistik im Südwesten Deutschlands konnte er seine republikanischen und revolutionären Ideen lautstark formulieren, was zur offenen Konfrontation mit den Behörden führte.
Die allgemeine politische Zuspitzung ab 1847 bestimmte das weitere Schicksal des Journalisten: Als Redakteur der Heidelberger Zeitung „Die Republik“ setzte er sich publizistisch nachdrücklich für eine republikanische und sozialdemokratisch orientierte Staatsform ein. In seinen Artikeln rechtfertigte er den Bruch mit den bestehenden monarchischen Ordnungen, notfalls auch mit der Waffe in der Hand. In seinem Leitartikel „Die rothe Republik“ vom 1. September 1848 schrieb Elsenhans, dass die Uneinsichtigkeit der Fürsten dem Volk von Tag zu Tag mehr die Überzeugung aufzwinge, dass der Weg zur Freiheit nur durch Blut führe und Gewalt benötigt werde. Diese würden sich „in krampfartiger Anstrengung an ihre Kronen [klammern], such[t]en sich mit ihrem Geld und Einfluß Anhänger zu erwerben, welche die wackelnden Throne schützen sollen“.
In seinem namentlich unterzeichneten Leitartikel „Von Kriegsknechten zu Roß und zu Fuß“ hatte Elsenhans zwei Monate zuvor bereits Offiziere und Unteroffiziere aufgefordert, Befehle, die gegen die Mitbürger gerichtet seien, zu missachten. Solche Forderungen hatten weitgehende Folgen für Elsenhans. Im Oktober 1848 wurde er vom Hofgericht Mannheim wegen „Aufforderung zum Hochverrat“ und „Aufwiegelung des Militärs“ zu einer fünfmonatigen Arbeitshaus- und einer dreimonatigen Gefängnisstrafe verurteilt und in der Festung Kislau bei Bruchsal eingesperrt. Seine wirtschaftliche Notlage machte ihn zum Armenhäftling, und seine Gesundheit war angeschlagen.
Von den dramatischen Ereignissen, die sich zur selben Zeit außerhalb der Gefängnismauern abspielten, bekam Elsenhans nur wenig mit. Am 12. Mai 1849 hatte Amand Goegg Vertreter von 400 badischen Volksvereinen zu einem Landeskongress nach Offenburg eingeladen. Bei der einen Tag später stattfindenden Volksversammlung kamen zwischen 25.000 und 35.000 Personen in das mittelbadische Zentrum der Revolution. Zu den Rednern dort zählten auch die Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung Franz Raveaux, Salomon Fehrenbach und Maximilian Werner. Noch am gleichen Abend begab sich der revolutionäre Landesausschuss der Volksvereine nach Rastatt, wo Amand Goegg vom Balkon des Rathauses die 16 Offenburger Versammlungsbeschlüsse verkündete und Lorenz Brentano Bürgerwehr und Soldaten auf die neue Reichsverfassung vereidigte. In Rastatt und anderen Städten hatten zeitgleich Soldaten gegen ihre Offiziere rebelliert und sich der demokratischen Volksbewegung angeschlossen. In der Nacht floh Großherzog Leopold aus seiner Residenz in Karlsruhe ins Exil nach Koblenz. Am 14. Mai wurde das großherzogliche Ministerium Bekk für abgesetzt erklärt und die Exekutivkommission des Landesausschusses, die zunächst anstelle der geflüchteten großherzoglichen Regierung die Landesgeschäfte übernahm, etabliert mit Amand Goegg, Joseph Ignatz Peter und Karl Eichfeld unter dem Präsidenten Lorenz Brentano.
Ernst Elsenhans wurde von den revolutionären Ereignissen völlig überrollt und erhielt wie alle anderen politischen Gefangenen nach seiner siebenmonatigen Haft seine Freiheit zurück. Doch was nun? Wie und wo sollte er sich an der Revolution beteiligen? Elsenhans erinnerte sich an seine Bekanntschaft mit Struve und nahm mit ihm Kontakt auf. Dieser verschaffte ihm eine Anstellung als Sekretär des Kriegsministeriums der revolutionären Regierung Badens in Karlsruhe. Über seine tatsächlichen Aufgaben ist wenig bekannt; sicher ist, dass er als Schreiber und Botengänger im Offiziersrang Kontakt mit verschiedenen Akteuren und Institutionen hatte und in der „Karlsruher Zeitung“ publizierte.
Das entscheidende verlorene Gefecht bei Waghäusel am 21. Juni 1849 zwang die Revolutionstruppen um den polnischen General Ludwik Mieroslawski, sich südwärts zu bewegen. Die provisorische Regierung verließ Karlsruhe und suchte Zuflucht in Freiburg. Am 25. Juni 1849 erreichte die sich auflösende revolutionären Armee die Festung Rastatt. Als Sekretär des stellvertretenden Kriegsministers Enno Sander folgte Ernst Elsenhans der etwa 6.000 Mann umfassenden Truppe in die Festung. Da er über keine militärische Ausbildung verfügte, entschied er sich, einen publizistischen Kampf gegen die anrückenden preußischen Truppen zu führen. So gründete er im August 1849 eigenmächtig die Zeitung „Festungs-Bote“, die ausschließlich innerhalb der belagerten Festung veröffentlicht wurde. Im Angesicht des drohenden Endes verfasste Elsenhans bemerkenswert visionäre, aber auch verstörend fanatische Artikel. Das Blatt enthielt wie eine „normale“ Zeitung Leitartikel, Ankündigungen, Anzeigen, Leserbriefe und auch Gedichte. In den 14 Ausgaben schilderte der „Festungs-Bote“ das tägliche Elend der Belagerung und verbreitete die Ideale einer sozialen Demokratie sowie eines republikanischen Staates.
Elsenhans verstand sich wie Friedrich Hecker, Gustav und Amalie Struve als entschiedener Demokrat und Republikaner. Fast programmatisch klingt sein Artikel vom 18. Juli 1849 „Was ist und was will die soziale Demokratie?“ Hier führt Elsenhans die Gedanken des Artikels 10 der Offenburger Forderungen vom 12. September 1847 fort: „Wir verlangen Ausgleichung des Mißverhältnisses zwischen Arbeit und Capital. Die Gesellschaft ist schuldig die Arbeit zu heben und zu schützen.“ Elsenhans sah eine positive Zukunft nur in einem demokratischen Sozialismus. Die Demokratie allein könne den Menschen keine Arbeit und kein Brot geben, ihre fälligen Zinsen zahlen und sie von Sorgen und Leiden befreien. Dies verhindere „das Mißverhältnis des Eigenthums, des Besitzes“. Diese Ungleichheit könne nur „der Sozialismus durch Herstellung der Gleichheit“ aufheben.
Während sich viele Revolutionäre der 1848er Bewegung – spätestens nach ihrem Scheitern – in ein bürgerliches Leben zurückzogen, bekannte sich Elsenhans während der Belagerung offen zu extremen Maßnahmen. Im „Festungs-Boten“ forderte er gegenüber Spitzeln und Verrätern gnadenlose Härte und verwies - wie die Jakobiner während der Französischen Revolution - explizit auf die Notwendigkeit eines „Terrorismus“, um die revolutionäre Sache nicht zum Erliegen zu bringen.
Nach der Kapitulation Rastatts am 23. Juli 1849 wurde Elsenhans gefangen genommen, verhört und am 6. August 1849 vor das Rastatter Standgericht im Ahnensaal des Rastatter Schlosses gestellt. Die Anklage stützte sich fast ausschließlich auf seine publizistischen Aktivitäten und bezeichnete ihn als „Brandstifter“. Besondere Beachtung fand die Organisation des „Clubs für entschieden(st)en Fortschritt“, deren zweiter Vorsitzender Elsenhans war. Wer diesem Klub beitrat, musste versichern: „Ich bleibe auf Ehre und Gewissen der sozialen Demokratie treu und dies mein Leben lang, ich breite diese Idee nach Kräften aus und halte bei ihrem Banner fest mit Herz und Hand, mit Leben und Seele und mit der Verachtung des Todes“. In den letzten Tagen der Belagerung hatte der Revolutionär noch seine Vision einer freiheitlichen Zukunft formuliert: Er hoffe, dass künftig an die Stelle eines europäischen Staatensystems ein „Weltstaatensystem“ treten werde.
Das Angebot zur Strafmilderung, das vom Verrat von Mitverschwörern abhing, lehnte er standhaft ab. Auch weigerte er sich, die in seinen veröffentlichten Artikeln vertretenen Ansichten zu widerrufen. Der Versuch der Verteidigung, ihn an ein Zivilgericht überweisen zu lassen, scheiterte. Das Kriegsgericht befand Elsenhans des Hochverrats schuldig und verurteilte ihn zum Tod durch Erschießen. In den Morgenstunden des 7. August 1849 vollstreckte ein Exekutionskommando auf dem Richtplatz das Urteil, und er wurde ohne Sarg und Kleidung in einer Grube bestattet.
Lange Zeit wirkten seine radikalen Äußerungen, insbesondere der Begriff „Terrorismus“, negativ nach und verhinderten noch in den 1990er-Jahren die Benennung einer Schule nach ihm. Erst 126 Jahre nach seinem Tod erhielt Elsenhans 1975 mit einem Gedenkstein in Rastatt eine öffentliche Würdigung. 1999 wurde er im Jubiläumsjahr mit einem Denkmal geehrt.
Ernst Elsenhans verkörperte den Wunsch nach Demokratie und sozialer Gerechtigkeit, die Bereitschaft, das Wort zur Waffe zu erheben, und die Fähigkeit, in einer Situation des Scheiterns unbeirrt an den eigenen Idealen festzuhalten. In seinen letzten Worten bekannte er sich als Republikaner. Für diese Überzeugung habe er gelebt und geschrieben und für sie werde er, wenn es der unerschütterliche Wille der Richter wäre, auch sterben.
Und wahrlich, die Offiziere zeigen sich besonders in neuerer Zeit äußerst willfährig, wenn es gilt, dem Geist der Zeit entgegenzutreten, der da ist der Geist der Freiheit. Sie sparen weder Geld, noch Mühe, noch Zeit, wenn es gilt, diesen Geist zu bannen. Diese lächerlichen Leute führen Krieg mit dem Gott der Welt. Sie hetzen ihre Untergebenen zu Rohheiten und Grausamkeiten gegen das Volk, sie entfesseln alle Leidenschaften in den Gemütern der Soldaten, und führen sie zu Felde gegen die Gedanken, welche die Gegenwart erschüttern. Hinter ihren Unteroffizieren versteckt, veranlassen sie größtenteils die Gräuel, welche in letzter Zeit das badische und andere Länder befleckt haben. Die Unteroffiziere, von welchen in unserem vorigen Kapitel die Rede war, sind bloß die Werkzeuge, die Hände solcher Heldentaten - die Urheber sind Offiziere. „Sobald sich Jemand herausnimmt, den Hecker leben zu lassen und die Republik zu loben", sagte neulich ein Solcher zu seinen Flintenmännern, „so schlagt ihn ohne Weiteres auf den Kopf, es geschieht Euch nichts "! Und solchen Menschen soll das Volk seine Söhne anvertrauen! Während der Offizier sich berufen fühlen sollte Vaterland, d. h. das Volk gegen äußere Feinde zu schützen, verrät er die Sache des Volks an dessen entschiedenste Gegner. Doch wie ließe sich auch etwas Anderes erwarten? Der Offizier ist ein Werkzeug des Fürsten, also folgt er dem Wink desselben. Der Vorteil des Fürsten ist aber ein anderer, als der des Volks. Der Fürst will den Bestand dessen, was da ist, das Volk will das Gegenteil. Der Fürst bedarf zu seiner Existenz der Untertanen, das Volk bedarf zu seiner Wohlfahrt der Freiheit, der Republik. Fürst und Offizier gehen Hand in Hand. - Werden die Kinder des Volks, welche unter den Fahnen stehen, mit Fürst und Offizier, oder mit ihren Brüdern unter dem Volk gemeinsame Sache machen? Wir sind gewiß, dass sie zu verständig sind, um ihren Vorteil zu verkennen; wir leben der festen Überzeugung, dass sie fortan nie wieder einem Befehl oder einem Ansinnen ihrer Obern Folge leisten, welcher gegen die Sache der Freiheit, gegen die Volkssache ankämpft. Wir rufen ihnen aufs Neue zu: Bürger, Soldaten! trauet nicht Denen, die Euch und uns verraten, die Euch früher verachtet und misshandelt haben! Trauet keinem, der Euch gegen uns, die Republikaner, aufhetzen will. Wisset, daß eure Feinde auch die unsrigen und dass sie in Eurer nächsten Nähe zu suchen sind.
Greift ein Volk zum Äußersten, so geschieht es, weil ihm sein ganzer Zustand durch den Druck der Staatslenker unerträglich geworden ist; — gegen diese also steht es auf nicht aber gegen Weiber und Kinder oder einen anderen Teil der Bevölkerung, der unter dem Drucke weniger gelitten hat und deswegen nicht für Abschüttelung desselben kämpfen will; es kann seinen Unwillen nicht gegen sich selbst, sondern nur gegen Diejenigen kehren, die es unterdrückt und misshandelt haben. Das Alles lassen die politischen Kreise völlig außer Acht. Wenn ein Fürst seine Flintenmänner dazu braucht, um dem „Pöbel" blaue Bohnen in den Leib zu jagen und auf die gerechten Forderungen seiner Untertanen mit Kartätschen antwortet, so finden sie das in der hergebrachten Ordnung; wenn aber das Volk mit der Faust seine ewigen Rechte erwerben will, so schreien sie über Anarchie. — Sie vergessen, dass die Fürsten die größten Anarchisten sind, weil sie dem Anbruch einer besseren Zukunft entgegenstehen, wie sie die Mehrheit begehrt. Läge den Fürsten das Mindeste am Wohlergehen der Völker, so würden sie deren Wünsche beachten und dem immer allgemeiner werdenden Drängen nach Einführung der Republik die gebührende Rechnung tragen. So aber klammern sie sich mit krampfhafter Anstrengung an ihre Kronen, suchen sich mit ihrem Geld und Einfluss Anhänger zu erwerben, welche die wackelnden Throne schützen sollen, und zwingen damit dem Volk von Tag zu Tag mehr die Überzeugung auf, dass der Weg zur Freiheit nur durch Blut führt, dass es Gewalt brauchen muss, wenn es zu seinem Rechte gelangen will. [...]
Alle Fürsten der Welt sind nicht im Stande, ein großes, wenn auch unglückliches Volk aufs Neue zu knechten, sobald dasselbe frei sein will. Und dass das Volk solches will, gibt es immer deutlicher zu erkennen. Mit jedem Tag gewinnt die Sache der Republik neuen Boden und sie wird sich die Welt erwerben allen Fürsten und Soldaten zum Trotz. Der Tag kann daher nicht mehr fern sein, an welchem Purpurmäntel uns voranflattern - Sammelt immer hin eure Soldknechte, ihr Herren! Ihr seid zu arm, um 40 Millionen Menschen zu verkaufen und wenn ihr es auch vermochtet, - es gibt kein Verräter unter uns; die finden sich nur in höheren Kreisen. Meint ihr, wir seien Feiglinge? - Feig unter uns sind nur die, welche einmal in euerer Nähe geweilt haben; aber Millionen werden als Männer euren Feuerschlünden entgegen gehen. Wir sind eure Sklaven gewesen und haben uns unerschrocken gezeigt; meint ihr, wenn es die Freiheit zu erringen gilt, werden wir schwach und furchtsam sein? Hofft ihr, eure Soldatenknechte werden uns zum Weichen bringen? Ihr könnt euch irren und das Blut verantworten müssen, das ihr uns für unsere Freiheit zu vergießen zwingt; das Blut unserer Brüder und unser eigenes könnte über euch kommen und über eure Kinder. Denn wir wollen die ganze und volle Freiheit in der demokratischen Republik, müssen wir sie auch durch Ströme von Blut erfechten.
Nicht allein die Rücksicht auf die allgemeine Freiheit und das Vaterland aber ist es, welche wir uns vor Augen zu halten haben. Die Ehre, ohne welche ein Mann, weder im Soldaten-, noch im Bürgerrock gedacht werden kann, zwingt uns, Stand zu halten auf dem Posten, den wir innehaben. […] Damit aber das große Werk gelinge und unser Name ruhmreich auf die Nachwelt übergehe, damit wir die Prinzipien der allgemeinsten Freiheit, der Vaterlandsliebe und der Ehre mit Erfolg durchführen können, bedarf es vor Allem der Einheit und Einigkeit im Handeln. Stehen wir darum zusammen, Ein fest geschloss´ner Bund von Brüdern, Die nie sich trennen in Not und in Gefahr. Entsagen wir aller Stammes- und sonstigen Eifersucht; vergessen wir, dass der Eine von schwäbischer, der Andere von sächsischer Mutter geboren ist; geben wir der Mit- und Nachwelt ein glorreiches Beispiel von Aufopferung und behalten wir in unserer Abgeschlossenheit stets im Auge, dass wir durch Eintracht zu Sieg und Ruhm, durch Zwietracht zu Schmach und Vernichtung gelangen müssen.
Es ist wahr, unser Aufstand hätte besser von Statten gehen können, und wäre besser von Statten gegangen, ohne die halben Maßregeln des Landes-Ausschusses. Er konnte die Republik proklamieren, an die Stelle der monarchischen Einrichtungen und Beamten andere mit den Grundsätzen der Republik in Einklang stehende setzen, und das ganze Land von Mannheim bis Konstanz nach drei Wochen in schlagfertigen Stand bringen. Er hat es nicht getan, und wurde in seinen Missgriffen oder Unterlassungssünden aufs kräftigste unterstützt durch Beamte aller Art. So kam es, dass wir uns bis hierher zurückziehen mussten, und dass der Philister einigermaßen recht zu haben scheint, wenn er klagt, dass er noch nicht in das gelobte Land der Freiheit eingeführt worden sei. Unrecht aber, vollständiges Unrecht hat er mit der Behauptung, dass statt der Freiheit gerade das Gegenteil eingetreten sei.
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Der unerträgliche Druck, von dem sie schreien, ist für die obwaltenden Verhältnisse höchst unbedeutend, und man ist eifrig bemüht, denselben, wo nicht ganz zu beseitigen, so doch möglichst zu lindern. Für die Exzesse, für die Zügellosigkeiten und Rohheiten, welche einzelne Wehrmänner in der Trunkenheit verüben, mögen sich die reaktionären Philister und Philisterinnen bei der Monarchie bedanken, welche den Menschen zur Dummheit und Rohheit erzieht, um seiner desto eher Herr zu bleiben und deren hundertjährige Wirkungen sich nicht an einem Tage abschütteln lassen; denn die Völker lernen langsam. Aber der Geist des Ernstes und der Sittlichkeit hat bereits trotz des Lebens im Feldlager überall Wurzel gefasst und die Freiheit, wenn sie einmal errungen ist, wird den Menschen, indem sie ihm seine Würde und Bedeutung täglich vor Augen hält, in sich selber kräftigen und erhebend auf ihn wirken. Die Jugend, nicht das rostige, in Vorurteil und Selbstsucht versunkene Alter, wird unsere Zukunft bauen, sie wird auch den Schaden zu ersetzen wissen, der Einzelnen durch teilweisen Verlust ihrer Habe erwachsen ist. Wir beklagen solche Verluste, aber wir fragen: Sollte das erhabenste Gut des Lebens, ohne welches alle anderen ihren Wert verlieren, kein Opfer verdienen? Sollte ein Mensch so niedrig denken, um in Schmach und Schande leben zu wollen, wenn ihm die Aussicht eröffnet ist, durch Hingabe äußeren Besitzes ein Dasein in Ehre, weil in Freiheit, erringen zu können? Doch an wen richten wir diese Frage? Nicht an Menschen, die der Eigennutz verblendet, welche sich selbst und den Mammon zu ihrem Gott machen; mit diesem unverbesserlichen und gemeinen Pack, mit diesen Heulern von Profession haben wir nichts zu schaffen, wir haben auch nicht für sie geschrieben; wir verachten sie. Wir wissen, dass trotz ihren Bemühungen noch nichts verloren ist, dass die Freiheit sich nicht an ein Land oder an eine Stadt knüpft, dass sie allein in den Herzen wohnt, und dass überall in Baden entschlossene Männer genug leben, die bereit sind, sich zu vereinigen um das Banner der Republik mit Herz und Hand, mit Leben und Seele, mit Verachtung des Todes und in Hoffnung der Erlösung, zu widerstehen den Waffen der Unterdrücker.
Indessen sind wir weit entfernt von der Ansicht, dass von der Republik oder Demokratie an sich das Heil der Welt ausgehen wird, denn wir sehen aus der Geschichte sowohl, als aus der täglichen Erfahrung, dass es Republiken gegeben hat und noch gibt, welche die Ansprüche des Menschen auf Glück in keiner Weise befriedigen. Die Demokratie an sich wird uns weder Arbeit noch Brod geben, sie wird unsere fälligen Zinsen nicht zahlen, sie wird uns nicht von Sorgen und Leiden befreien, denn sie stößt bei Lösung ihrer Aufgabe, das Volk zur Herrschaft zu bringen, stets auf das Missverhältnis des Eigentums, des Besitzes. Diese Ungleichheit, dieses Missverhältnis sucht nun der Sozialismus durch Herstellung der Gleichheit aufzuheben. Er will der Unterdrückung und Unwahrheit, welche überall herrscht und dem trostlosen Elend, dessen Bild uns in den untern Schichten, d. h. in der ungeheuren Mehrzahl der Bevölkerung entgegen tritt, dadurch ein Ende machen, dass er auf fortwährende Verbesserung des sittlichen, geistigen und körperlichen Daseins der zahlreichsten und ärmsten Klasse dringt, und statt der Herrschaft des Kapitals die Herrschaft der Arbeit oder doch deren Gleichstellung mit dem Kapital anstrebt. Die Verteilung der Güter soll nach dem Verlangen der Sozialisten von der Arbeit abhängig gemacht und dadurch die möglichste Gleichheit unter den Menschen erzielt, es soll jedem fleißigen, ordentlichen und geschickten Mann Gelegenheit verschafft werden, so viel Besitz zu erwerben, als zu einem vernünftigen Genuss des Lebens nötig ist. Die Gleichstellung der Arbeit also mit dem Kapital, mit andern Worten die Organisation der Arbeit, und in Folge davon die Aufhebung des ungeheuren Missverhältnisses zwischen den Besitzenden und Nichtbesitzenden, dem sogenannten Proletariat, ist es, womit sich der Sozialismus beschäftigt, der in Frankreich zuerst als Wissenschaft aufgetreten ist, und als dessen Urheber St. Simon und Fourier betrachtet werden müssen. Der Sozialismus in Verbindung mit der Demokratie erscheinen allen denkenden Menschenfreunden als die Mittel, durch welche es uns gelingen könne, endlich in das gelobte Land der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit einzutreten, und es wird ihnen gelingen, die Menschen zu diesem Ziele zu führen, wenn auch Einzelne noch vierzig Jahre um das goldene Kalb der Monarchie tanzen, in der Wüste der Dummheit und Niederträchtigkeit herumtappen, und wenn auch das ganze jetzt lebende Geschlecht darüber aussterben sollte. Denn die Wahrheit siegt zuletzt immer, die Wahrheit wird uns frei machen, und sie ist es, welche den demokratischen Sozialisten zur Richtschnur dient.
Seien wir darum auf unserer Hut, sorgen wir, wenn auch die Behörden ihre Schuldigkeit nicht tun sollten, für uns selbst, und schließen wir uns aneinander, um die Feinde in und außer der Festung zu bekämpfen. Zunächst gilt es, den Reaktionären entgegenzuwirken, den eingerosteten Philistern, welchen der Geldsack tausend Mal mehr gilt, als Freiheit, Vaterland und eigene Ehre, welche die Ruhe um jeden Preis wollen, und jede Schmach willkommen heißen, sobald ihnen nur verstattet bleibt, ihr schmutziges Dasein in Frieden zu genießen. Mischen wir uns zu diesem Ende in die Muckerversammlungen, worin sie uns verschachern wollen, erforschen wir ihre Absichten, treten wir ihnen entgegen mit der Schärfe des Wortes, und wenn es nicht anders sein kann, mit der Schärfe des Schwertes. Ja, wir sprechen es unverhohlen aus: Schonung gegen diese im Dunkeln schleichenden Widersacher ist Unsinn und nur der Terrorismus vermag uns vor ihnen zu schützen. Wir müssen Alles opfern, was sich uns in den Weg stellt, im erbarmungslosen Fortschritt der großen Sache. Wir müssen Alles setzen an das Gelingen derselben und um den Untergang fern von uns zu halten. Freiheit oder Ketten! Herrschaft oder Verbannung! Sieg oder Tod! Unsere Wahl kann nicht zweifelhaft sein. Was soll uns eine Amnestie, die bloß auf dem Papier steht, und schwerlich gehalten wird; was haben wir getan, dass des Vergebens und Vergessens bedürfte! Wir haben uns erhoben, um ein Joch zu brechen, das zu drückend war, um nicht selbst von unvernünftigen Tieren abgeschüttelt zu werden. Wir bedürfen keiner Gnade, deren bedarf nur der Verbrecher. Wir aber haben kein Verbrechen begangen, sondern ein Unternehmen begonnen, welches in allen Zeiten als eine Großtat gepriesen wurde! Führen wir es zum Ziele! Vorwärts!
Die Republik, Heidelberg 1848.
Von Kriegsknechten zu Roß u. Fuß, in: Die Republik Nr. 891, 92, 1848.
Die rote Republik, in: Die Republik Nr. 112, 1848.
Der Festungs-Bote, Rastatt 1849.
Felix Burkhardt, Ernst Elsenhans: Journalist der Freiheitsbewegung 1848, in: Schwäbische Lebensbilder VI (1957), 350–366.
Heinz Bischof: Ernst Elsenhans – Literat und Revolutionär 1815–1849, in: Badische Heimat 59 (1979), 157–178.
Wolfgang Reiß u.a.: Ernst Elsenhans, Ein schwäbischer Revolutionär in Rastatt, Rastatt 1995.
Helge Dvorak, Elsenhans, Ernst, in: Biografisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft, Bd. 1 (1996), 250 f..
Bernd Braun: Eine Rose für einen Revolutionär – Zum 200. Geburtstag von E. E., in: Jahrbuch der Hambach Gesellschaft (2016), 189–209.
Monika Lange-Tetzlaff, Ernst Friedrich Elsenhans (1815–1849) – ein radikaler Demokrat aus (Stuttgart)-Feuerbach, Stuttgart 2020.
Wolfgang M. Gall: Elsenhans, Ernst, in: Baden-Württembergische Biographien Bd. IX., Martin Furtwängler (Hrsg.) i.A. der Komm. f. geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Ostfildern 2025, 93-96.
ERNST ELSENHANS

Der 1815 im schwäbischen Feuerbach geborene Ernst Elsenhans zählt zu den namhaften Publizisten der Badischen Revolution. Im Sommer 1848 trat er insbesondere mit seinen Artikeln in der demokratischen Zeitung „Die Republik” in Erscheinung, in denen er sowohl das badische Volk zum Freiheitskampf aufrief als auch die Fürstenhäuser und das Militär scharf kritisierte. Diese Artikel hatten zur Folge, dass Elsenhans im Oktober 1848 wegen Anstiftung zum Hochverrat angeklagt und zu einer achtmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Im Maiaufstand von 1849 wurde er jedoch vorzeitig aus der Haft befreit und schloss sich daraufhin als Sekretär im Kriegsministerium den Aufständischen an. In der Endphase des Aufstandes gründete Elsenhans schließlich in der von preußischen Truppen belagerten Garnisonsstadt Rastatt, in die sich das letzte Aufgebot der Aufständischen zurückgezogen hatte, den „Festungsboten”. Diese Zeitung erschien in insgesamt 14 Ausgaben und beschwor bis zuletzt den Kampfgeist für die Freiheit. Nach der Übergabe der Stadt an preußische Truppen wurde er am 6. August von einem Standgericht zum Tode verurteilt.
Ernst Elsenhans wird am 26. September als Sohn eines Schultheißen in Feuerbach geboren.
Nach dem Besuch des Gymnasiums und einer Ausbildung zum Wundarzt wird er Chirurg bei der württembergischen Armee.
Umsiedlung in die Schweiz und Veröffentlichung erster politischer Artikel in der „Bündner Zeitung” und der „Volkshalle”.
Rückkehr nach Deutschland und Aufnahme einer journalistischen Tätigkeit für die oppositionell ausgerichtete „Mannheimer Abendzeitung”.
Elsenhans wird in Heidelberg Redakteur der Zeitung „Die Republik”. Für seine dort erschienenen Artikel wird er angeklagt und zu einer achtmonatigen Haftstrafe verurteilt.
Während des Maiaufstandes wird er aus der Haft befreit und schließt sich den Aufständischen als Sekretär im Kriegsministerium an. In der Endphase der Erhebung gründet er in der belagerten Garnisonsstadt Raststatt den Festungs-Boten und wird nach der Übergabe der Stadt von einem preußischen Standgericht zum Tode verurteilt.
Dr. Wolfgang M. Gall
Ernst Elsenhans Leben steht für das Scheitern wie für den Mut der 1848er-Demokratinnen und Demokraten – den Versuch, die Freiheit nicht allein mit Worten zu erobern, sondern notfalls für seine politischen Ideale zu sterben. Die bis heute anhaltende kritische Auseinandersetzung mit seiner Person zeigt uns die Ambivalenz der Revolution: zwischen idealistischer Hoffnung und blutiger Realität. Am 7. August 1849 fiel Ernst Elsenhans im Kugelhagel eines Exekutionskommandos.
Das Leben und Wirken von Ernst Elsenhans bleibt von Unschärfen, Legenden und eigener Inszenierung geprägt. Mit einer Biografie voller Lücken und Widersprüche entzieht er sich festen Zuschreibungen, bleibt jedoch ein Kind dieser turbulenten Zeit: entwurzelt und kompromisslos bis zur Selbstaufgabe. Er wirkt wie ein junger Mann, der sein kurzes Leben in ständiger Suche verbrachte, sich jedoch dann entschloss, es dem Kampf für die Demokratie zu opfern. Weiterlesen
Viele Details seines Lebens verdanken wir einzig seiner eigenen Aussage im Prozess beim Rastatter Standgericht, der mit seinem Todesurteil endete. Dennoch eröffnet das Leben von Elsenhans nicht nur Einblicke in das revolutionär-demokratische Milieu Süddeutschlands, sondern auch in die Selbstverortung der revolutionären Generation des Vormärz. Wer war dieser Mann, der, wie er selbst sagte, „bei keinem Kulte“ weilte, sich den Idealen der sozialen Demokratie verschrieb und für die revolutionäre Sache sogar in den Tod ging?
Ernst Elsenhans wurde am 26. September 1815 in Feuerbach (heute ein Stadtteil Stuttgarts) als dritter Sohn des Schuhmachermeisters und späteren Schultheißen Johann Elsenhans geboren. Auch seine Mutter Christiane Walz stammte aus einem Handwerkerhaushalt. Diese kleinbürgerliche Herkunft war typisch für viele Revolutionäre jener Epoche. Sein Vater, der sich nach dem frühen Tod seiner Ehefrau wiederverheiratete, sorgte für eine solide Ausbildung seiner Söhne. Die älteren Brüder Johann Michael und Friedrich August studierten beide Theologie. Auch für den jüngsten Sohn aus erster Ehe, Ernst, war eine akademische Laufbahn vorgeplant. Er entschied sich jedoch in jungen Jahren für einen anderen Weg. Im Gegensatz zu seinen Brüdern fehlt für ihn trotz eigener anderslautender Angaben jeder Beleg für ein Theologie- oder Medizinstudium in Tübingen, sieht man von einer kurzfristigen Immatrikulation für Medizin ab.
Es ist nicht auszuschließen, dass sich Elsenhans zumindest bis zu seinem 25. Lebensjahr einen typischen Aussteigerlebenslauf seiner Zeit zulegte, der dem des Literaten und 1848er Revolutionärs Georg Herwegh sehr ähnelt. Nachweisbar ist nur seine Mitgliedschaft in der Burschenschaft „Germania-Tübingen“, wo er erstmals in Kontakt mit den oppositionellen Ideen seiner Generation kam und eine Laufbahn als Wundarzt beim Militär abbrach.
1840 verließ Ernst Elsenhans Tübingen, weil ihm zu Ohren kam, dass wegen seiner politischen Aktivitäten eine polizeiliche Untersuchung anstand. Er setzte sich heimlich in die Schweiz ab. Dort schlug er sich in Chur als Journalist und Redakteur der fortschrittlich-liberalen „Bündener Zeitung“ durch. Da seine Tätigkeit nicht für seinen Lebensunterhalt ausreichte, erhielt er weiterhin eine finanzielle Unterstützung seines Vaters, bis dieser 1841 starb. In der Folge musste er sich als Hauslehrer durchschlagen, wobei ihm seine guten Kenntnisse im Französischen und Englischen zugutekamen.
1842 kehrte er nach Deutschland zurück, lebte zunächst bei seinem ältesten Bruder Johann Michael in Klosterreichenbach und zog schließlich noch im gleichen Jahr nach Mannheim, wo er an der Privatschule des Briten Dr. Henry Hill Lovell eine Stelle antrat. Die schulische Tätigkeit erfüllte ihn indes nicht – er strebte nach einer publizistischen Laufbahn.
Mannheim hatte seit 1840 den Ruf, eine der Hochburgen der radikalen Opposition zu sein. Eine Reihe liberaler und demokratischer Politiker hatte hier ihre Heimat, sodass dort eine rege politische Auseinandersetzung herrschte. Auf der politischen Rechten standen die „Maßvollen“ und „Bedächtigen“ – Karl Mathy, Ernst Bassermann und deren Freunde. Ihre Gegner auf der Linken waren die republikanischen „Entschiedenen“, zu jener Zeit als „Radicaldemokraten“ bezeichnet: allen voran der Anwalt Friedrich Hecker und der Journalist Gustav Struve. Elsenhans kam mit beiden Männern in Kontakt und lernte hier auch den Buchhändler Heinrich Hoff kennen, der 1841 einen Verlag gegründet hatte. Dieser bot ihm eine Stelle als Übersetzer an. Elsenhans muss vom Pathos der Reden Heckers und den scharfsinnigen Artikeln Struves fasziniert gewesen sein. Wenig später publizierte er in der „Mannheimer Abendzeitung“. Als Journalist des populären Flaggschiffs der demokratischen Publizistik im Südwesten Deutschlands konnte er seine republikanischen und revolutionären Ideen lautstark formulieren, was zur offenen Konfrontation mit den Behörden führte.
Die allgemeine politische Zuspitzung ab 1847 bestimmte das weitere Schicksal des Journalisten: Als Redakteur der Heidelberger Zeitung „Die Republik“ setzte er sich publizistisch nachdrücklich für eine republikanische und sozialdemokratisch orientierte Staatsform ein. In seinen Artikeln rechtfertigte er den Bruch mit den bestehenden monarchischen Ordnungen, notfalls auch mit der Waffe in der Hand. In seinem Leitartikel „Die rothe Republik“ vom 1. September 1848 schrieb Elsenhans, dass die Uneinsichtigkeit der Fürsten dem Volk von Tag zu Tag mehr die Überzeugung aufzwinge, dass der Weg zur Freiheit nur durch Blut führe und Gewalt benötigt werde. Diese würden sich „in krampfartiger Anstrengung an ihre Kronen [klammern], such[t]en sich mit ihrem Geld und Einfluß Anhänger zu erwerben, welche die wackelnden Throne schützen sollen“.
In seinem namentlich unterzeichneten Leitartikel „Von Kriegsknechten zu Roß und zu Fuß“ hatte Elsenhans zwei Monate zuvor bereits Offiziere und Unteroffiziere aufgefordert, Befehle, die gegen die Mitbürger gerichtet seien, zu missachten. Solche Forderungen hatten weitgehende Folgen für Elsenhans. Im Oktober 1848 wurde er vom Hofgericht Mannheim wegen „Aufforderung zum Hochverrat“ und „Aufwiegelung des Militärs“ zu einer fünfmonatigen Arbeitshaus- und einer dreimonatigen Gefängnisstrafe verurteilt und in der Festung Kislau bei Bruchsal eingesperrt. Seine wirtschaftliche Notlage machte ihn zum Armenhäftling, und seine Gesundheit war angeschlagen.
Von den dramatischen Ereignissen, die sich zur selben Zeit außerhalb der Gefängnismauern abspielten, bekam Elsenhans nur wenig mit. Am 12. Mai 1849 hatte Amand Goegg Vertreter von 400 badischen Volksvereinen zu einem Landeskongress nach Offenburg eingeladen. Bei der einen Tag später stattfindenden Volksversammlung kamen zwischen 25.000 und 35.000 Personen in das mittelbadische Zentrum der Revolution. Zu den Rednern dort zählten auch die Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung Franz Raveaux, Salomon Fehrenbach und Maximilian Werner. Noch am gleichen Abend begab sich der revolutionäre Landesausschuss der Volksvereine nach Rastatt, wo Amand Goegg vom Balkon des Rathauses die 16 Offenburger Versammlungsbeschlüsse verkündete und Lorenz Brentano Bürgerwehr und Soldaten auf die neue Reichsverfassung vereidigte. In Rastatt und anderen Städten hatten zeitgleich Soldaten gegen ihre Offiziere rebelliert und sich der demokratischen Volksbewegung angeschlossen. In der Nacht floh Großherzog Leopold aus seiner Residenz in Karlsruhe ins Exil nach Koblenz. Am 14. Mai wurde das großherzogliche Ministerium Bekk für abgesetzt erklärt und die Exekutivkommission des Landesausschusses, die zunächst anstelle der geflüchteten großherzoglichen Regierung die Landesgeschäfte übernahm, etabliert mit Amand Goegg, Joseph Ignatz Peter und Karl Eichfeld unter dem Präsidenten Lorenz Brentano.
Ernst Elsenhans wurde von den revolutionären Ereignissen völlig überrollt und erhielt wie alle anderen politischen Gefangenen nach seiner siebenmonatigen Haft seine Freiheit zurück. Doch was nun? Wie und wo sollte er sich an der Revolution beteiligen? Elsenhans erinnerte sich an seine Bekanntschaft mit Struve und nahm mit ihm Kontakt auf. Dieser verschaffte ihm eine Anstellung als Sekretär des Kriegsministeriums der revolutionären Regierung Badens in Karlsruhe. Über seine tatsächlichen Aufgaben ist wenig bekannt; sicher ist, dass er als Schreiber und Botengänger im Offiziersrang Kontakt mit verschiedenen Akteuren und Institutionen hatte und in der „Karlsruher Zeitung“ publizierte.
Das entscheidende verlorene Gefecht bei Waghäusel am 21. Juni 1849 zwang die Revolutionstruppen um den polnischen General Ludwik Mieroslawski, sich südwärts zu bewegen. Die provisorische Regierung verließ Karlsruhe und suchte Zuflucht in Freiburg. Am 25. Juni 1849 erreichte die sich auflösende revolutionären Armee die Festung Rastatt. Als Sekretär des stellvertretenden Kriegsministers Enno Sander folgte Ernst Elsenhans der etwa 6.000 Mann umfassenden Truppe in die Festung. Da er über keine militärische Ausbildung verfügte, entschied er sich, einen publizistischen Kampf gegen die anrückenden preußischen Truppen zu führen. So gründete er im August 1849 eigenmächtig die Zeitung „Festungs-Bote“, die ausschließlich innerhalb der belagerten Festung veröffentlicht wurde. Im Angesicht des drohenden Endes verfasste Elsenhans bemerkenswert visionäre, aber auch verstörend fanatische Artikel. Das Blatt enthielt wie eine „normale“ Zeitung Leitartikel, Ankündigungen, Anzeigen, Leserbriefe und auch Gedichte. In den 14 Ausgaben schilderte der „Festungs-Bote“ das tägliche Elend der Belagerung und verbreitete die Ideale einer sozialen Demokratie sowie eines republikanischen Staates.
Elsenhans verstand sich wie Friedrich Hecker, Gustav und Amalie Struve als entschiedener Demokrat und Republikaner. Fast programmatisch klingt sein Artikel vom 18. Juli 1849 „Was ist und was will die soziale Demokratie?“ Hier führt Elsenhans die Gedanken des Artikels 10 der Offenburger Forderungen vom 12. September 1847 fort: „Wir verlangen Ausgleichung des Mißverhältnisses zwischen Arbeit und Capital. Die Gesellschaft ist schuldig die Arbeit zu heben und zu schützen.“ Elsenhans sah eine positive Zukunft nur in einem demokratischen Sozialismus. Die Demokratie allein könne den Menschen keine Arbeit und kein Brot geben, ihre fälligen Zinsen zahlen und sie von Sorgen und Leiden befreien. Dies verhindere „das Mißverhältnis des Eigenthums, des Besitzes“. Diese Ungleichheit könne nur „der Sozialismus durch Herstellung der Gleichheit“ aufheben.
Während sich viele Revolutionäre der 1848er Bewegung – spätestens nach ihrem Scheitern – in ein bürgerliches Leben zurückzogen, bekannte sich Elsenhans während der Belagerung offen zu extremen Maßnahmen. Im „Festungs-Boten“ forderte er gegenüber Spitzeln und Verrätern gnadenlose Härte und verwies - wie die Jakobiner während der Französischen Revolution - explizit auf die Notwendigkeit eines „Terrorismus“, um die revolutionäre Sache nicht zum Erliegen zu bringen.
Nach der Kapitulation Rastatts am 23. Juli 1849 wurde Elsenhans gefangen genommen, verhört und am 6. August 1849 vor das Rastatter Standgericht im Ahnensaal des Rastatter Schlosses gestellt. Die Anklage stützte sich fast ausschließlich auf seine publizistischen Aktivitäten und bezeichnete ihn als „Brandstifter“. Besondere Beachtung fand die Organisation des „Clubs für entschieden(st)en Fortschritt“, deren zweiter Vorsitzender Elsenhans war. Wer diesem Klub beitrat, musste versichern: „Ich bleibe auf Ehre und Gewissen der sozialen Demokratie treu und dies mein Leben lang, ich breite diese Idee nach Kräften aus und halte bei ihrem Banner fest mit Herz und Hand, mit Leben und Seele und mit der Verachtung des Todes“. In den letzten Tagen der Belagerung hatte der Revolutionär noch seine Vision einer freiheitlichen Zukunft formuliert: Er hoffe, dass künftig an die Stelle eines europäischen Staatensystems ein „Weltstaatensystem“ treten werde.
Das Angebot zur Strafmilderung, das vom Verrat von Mitverschwörern abhing, lehnte er standhaft ab. Auch weigerte er sich, die in seinen veröffentlichten Artikeln vertretenen Ansichten zu widerrufen. Der Versuch der Verteidigung, ihn an ein Zivilgericht überweisen zu lassen, scheiterte. Das Kriegsgericht befand Elsenhans des Hochverrats schuldig und verurteilte ihn zum Tod durch Erschießen. In den Morgenstunden des 7. August 1849 vollstreckte ein Exekutionskommando auf dem Richtplatz das Urteil, und er wurde ohne Sarg und Kleidung in einer Grube bestattet.
Lange Zeit wirkten seine radikalen Äußerungen, insbesondere der Begriff „Terrorismus“, negativ nach und verhinderten noch in den 1990er-Jahren die Benennung einer Schule nach ihm. Erst 126 Jahre nach seinem Tod erhielt Elsenhans 1975 mit einem Gedenkstein in Rastatt eine öffentliche Würdigung. 1999 wurde er im Jubiläumsjahr mit einem Denkmal geehrt.
Ernst Elsenhans verkörperte den Wunsch nach Demokratie und sozialer Gerechtigkeit, die Bereitschaft, das Wort zur Waffe zu erheben, und die Fähigkeit, in einer Situation des Scheiterns unbeirrt an den eigenen Idealen festzuhalten. In seinen letzten Worten bekannte er sich als Republikaner. Für diese Überzeugung habe er gelebt und geschrieben und für sie werde er, wenn es der unerschütterliche Wille der Richter wäre, auch sterben.
Und wahrlich, die Offiziere zeigen sich besonders in neuerer Zeit äußerst willfährig, wenn es gilt, dem Geist der Zeit entgegenzutreten, der da ist der Geist der Freiheit. Sie sparen weder Geld, noch Mühe, noch Zeit, wenn es gilt, diesen Geist zu bannen. Diese lächerlichen Leute führen Krieg mit dem Gott der Welt. Sie hetzen ihre Untergebenen zu Rohheiten und Grausamkeiten gegen das Volk, sie entfesseln alle Leidenschaften in den Gemütern der Soldaten, und führen sie zu Felde gegen die Gedanken, welche die Gegenwart erschüttern. Hinter ihren Unteroffizieren versteckt, veranlassen sie größtenteils die Gräuel, welche in letzter Zeit das badische und andere Länder befleckt haben. Die Unteroffiziere, von welchen in unserem vorigen Kapitel die Rede war, sind bloß die Werkzeuge, die Hände solcher Heldentaten - die Urheber sind Offiziere. „Sobald sich Jemand herausnimmt, den Hecker leben zu lassen und die Republik zu loben", sagte neulich ein Solcher zu seinen Flintenmännern, „so schlagt ihn ohne Weiteres auf den Kopf, es geschieht Euch nichts "! Und solchen Menschen soll das Volk seine Söhne anvertrauen! Während der Offizier sich berufen fühlen sollte Vaterland, d. h. das Volk gegen äußere Feinde zu schützen, verrät er die Sache des Volks an dessen entschiedenste Gegner. Doch wie ließe sich auch etwas Anderes erwarten? Der Offizier ist ein Werkzeug des Fürsten, also folgt er dem Wink desselben. Der Vorteil des Fürsten ist aber ein anderer, als der des Volks. Der Fürst will den Bestand dessen, was da ist, das Volk will das Gegenteil. Der Fürst bedarf zu seiner Existenz der Untertanen, das Volk bedarf zu seiner Wohlfahrt der Freiheit, der Republik. Fürst und Offizier gehen Hand in Hand. - Werden die Kinder des Volks, welche unter den Fahnen stehen, mit Fürst und Offizier, oder mit ihren Brüdern unter dem Volk gemeinsame Sache machen? Wir sind gewiß, dass sie zu verständig sind, um ihren Vorteil zu verkennen; wir leben der festen Überzeugung, dass sie fortan nie wieder einem Befehl oder einem Ansinnen ihrer Obern Folge leisten, welcher gegen die Sache der Freiheit, gegen die Volkssache ankämpft. Wir rufen ihnen aufs Neue zu: Bürger, Soldaten! trauet nicht Denen, die Euch und uns verraten, die Euch früher verachtet und misshandelt haben! Trauet keinem, der Euch gegen uns, die Republikaner, aufhetzen will. Wisset, daß eure Feinde auch die unsrigen und dass sie in Eurer nächsten Nähe zu suchen sind.
Greift ein Volk zum Äußersten, so geschieht es, weil ihm sein ganzer Zustand durch den Druck der Staatslenker unerträglich geworden ist; — gegen diese also steht es auf nicht aber gegen Weiber und Kinder oder einen anderen Teil der Bevölkerung, der unter dem Drucke weniger gelitten hat und deswegen nicht für Abschüttelung desselben kämpfen will; es kann seinen Unwillen nicht gegen sich selbst, sondern nur gegen Diejenigen kehren, die es unterdrückt und misshandelt haben. Das Alles lassen die politischen Kreise völlig außer Acht. Wenn ein Fürst seine Flintenmänner dazu braucht, um dem „Pöbel" blaue Bohnen in den Leib zu jagen und auf die gerechten Forderungen seiner Untertanen mit Kartätschen antwortet, so finden sie das in der hergebrachten Ordnung; wenn aber das Volk mit der Faust seine ewigen Rechte erwerben will, so schreien sie über Anarchie. — Sie vergessen, dass die Fürsten die größten Anarchisten sind, weil sie dem Anbruch einer besseren Zukunft entgegenstehen, wie sie die Mehrheit begehrt. Läge den Fürsten das Mindeste am Wohlergehen der Völker, so würden sie deren Wünsche beachten und dem immer allgemeiner werdenden Drängen nach Einführung der Republik die gebührende Rechnung tragen. So aber klammern sie sich mit krampfhafter Anstrengung an ihre Kronen, suchen sich mit ihrem Geld und Einfluss Anhänger zu erwerben, welche die wackelnden Throne schützen sollen, und zwingen damit dem Volk von Tag zu Tag mehr die Überzeugung auf, dass der Weg zur Freiheit nur durch Blut führt, dass es Gewalt brauchen muss, wenn es zu seinem Rechte gelangen will. [...]
Alle Fürsten der Welt sind nicht im Stande, ein großes, wenn auch unglückliches Volk aufs Neue zu knechten, sobald dasselbe frei sein will. Und dass das Volk solches will, gibt es immer deutlicher zu erkennen. Mit jedem Tag gewinnt die Sache der Republik neuen Boden und sie wird sich die Welt erwerben allen Fürsten und Soldaten zum Trotz. Der Tag kann daher nicht mehr fern sein, an welchem Purpurmäntel uns voranflattern - Sammelt immer hin eure Soldknechte, ihr Herren! Ihr seid zu arm, um 40 Millionen Menschen zu verkaufen und wenn ihr es auch vermochtet, - es gibt kein Verräter unter uns; die finden sich nur in höheren Kreisen. Meint ihr, wir seien Feiglinge? - Feig unter uns sind nur die, welche einmal in euerer Nähe geweilt haben; aber Millionen werden als Männer euren Feuerschlünden entgegen gehen. Wir sind eure Sklaven gewesen und haben uns unerschrocken gezeigt; meint ihr, wenn es die Freiheit zu erringen gilt, werden wir schwach und furchtsam sein? Hofft ihr, eure Soldatenknechte werden uns zum Weichen bringen? Ihr könnt euch irren und das Blut verantworten müssen, das ihr uns für unsere Freiheit zu vergießen zwingt; das Blut unserer Brüder und unser eigenes könnte über euch kommen und über eure Kinder. Denn wir wollen die ganze und volle Freiheit in der demokratischen Republik, müssen wir sie auch durch Ströme von Blut erfechten.
Nicht allein die Rücksicht auf die allgemeine Freiheit und das Vaterland aber ist es, welche wir uns vor Augen zu halten haben. Die Ehre, ohne welche ein Mann, weder im Soldaten-, noch im Bürgerrock gedacht werden kann, zwingt uns, Stand zu halten auf dem Posten, den wir innehaben. […] Damit aber das große Werk gelinge und unser Name ruhmreich auf die Nachwelt übergehe, damit wir die Prinzipien der allgemeinsten Freiheit, der Vaterlandsliebe und der Ehre mit Erfolg durchführen können, bedarf es vor Allem der Einheit und Einigkeit im Handeln. Stehen wir darum zusammen, Ein fest geschloss´ner Bund von Brüdern, Die nie sich trennen in Not und in Gefahr. Entsagen wir aller Stammes- und sonstigen Eifersucht; vergessen wir, dass der Eine von schwäbischer, der Andere von sächsischer Mutter geboren ist; geben wir der Mit- und Nachwelt ein glorreiches Beispiel von Aufopferung und behalten wir in unserer Abgeschlossenheit stets im Auge, dass wir durch Eintracht zu Sieg und Ruhm, durch Zwietracht zu Schmach und Vernichtung gelangen müssen.
Es ist wahr, unser Aufstand hätte besser von Statten gehen können, und wäre besser von Statten gegangen, ohne die halben Maßregeln des Landes-Ausschusses. Er konnte die Republik proklamieren, an die Stelle der monarchischen Einrichtungen und Beamten andere mit den Grundsätzen der Republik in Einklang stehende setzen, und das ganze Land von Mannheim bis Konstanz nach drei Wochen in schlagfertigen Stand bringen. Er hat es nicht getan, und wurde in seinen Missgriffen oder Unterlassungssünden aufs kräftigste unterstützt durch Beamte aller Art. So kam es, dass wir uns bis hierher zurückziehen mussten, und dass der Philister einigermaßen recht zu haben scheint, wenn er klagt, dass er noch nicht in das gelobte Land der Freiheit eingeführt worden sei. Unrecht aber, vollständiges Unrecht hat er mit der Behauptung, dass statt der Freiheit gerade das Gegenteil eingetreten sei.
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Der unerträgliche Druck, von dem sie schreien, ist für die obwaltenden Verhältnisse höchst unbedeutend, und man ist eifrig bemüht, denselben, wo nicht ganz zu beseitigen, so doch möglichst zu lindern. Für die Exzesse, für die Zügellosigkeiten und Rohheiten, welche einzelne Wehrmänner in der Trunkenheit verüben, mögen sich die reaktionären Philister und Philisterinnen bei der Monarchie bedanken, welche den Menschen zur Dummheit und Rohheit erzieht, um seiner desto eher Herr zu bleiben und deren hundertjährige Wirkungen sich nicht an einem Tage abschütteln lassen; denn die Völker lernen langsam. Aber der Geist des Ernstes und der Sittlichkeit hat bereits trotz des Lebens im Feldlager überall Wurzel gefasst und die Freiheit, wenn sie einmal errungen ist, wird den Menschen, indem sie ihm seine Würde und Bedeutung täglich vor Augen hält, in sich selber kräftigen und erhebend auf ihn wirken. Die Jugend, nicht das rostige, in Vorurteil und Selbstsucht versunkene Alter, wird unsere Zukunft bauen, sie wird auch den Schaden zu ersetzen wissen, der Einzelnen durch teilweisen Verlust ihrer Habe erwachsen ist. Wir beklagen solche Verluste, aber wir fragen: Sollte das erhabenste Gut des Lebens, ohne welches alle anderen ihren Wert verlieren, kein Opfer verdienen? Sollte ein Mensch so niedrig denken, um in Schmach und Schande leben zu wollen, wenn ihm die Aussicht eröffnet ist, durch Hingabe äußeren Besitzes ein Dasein in Ehre, weil in Freiheit, erringen zu können? Doch an wen richten wir diese Frage? Nicht an Menschen, die der Eigennutz verblendet, welche sich selbst und den Mammon zu ihrem Gott machen; mit diesem unverbesserlichen und gemeinen Pack, mit diesen Heulern von Profession haben wir nichts zu schaffen, wir haben auch nicht für sie geschrieben; wir verachten sie. Wir wissen, dass trotz ihren Bemühungen noch nichts verloren ist, dass die Freiheit sich nicht an ein Land oder an eine Stadt knüpft, dass sie allein in den Herzen wohnt, und dass überall in Baden entschlossene Männer genug leben, die bereit sind, sich zu vereinigen um das Banner der Republik mit Herz und Hand, mit Leben und Seele, mit Verachtung des Todes und in Hoffnung der Erlösung, zu widerstehen den Waffen der Unterdrücker.
Indessen sind wir weit entfernt von der Ansicht, dass von der Republik oder Demokratie an sich das Heil der Welt ausgehen wird, denn wir sehen aus der Geschichte sowohl, als aus der täglichen Erfahrung, dass es Republiken gegeben hat und noch gibt, welche die Ansprüche des Menschen auf Glück in keiner Weise befriedigen. Die Demokratie an sich wird uns weder Arbeit noch Brod geben, sie wird unsere fälligen Zinsen nicht zahlen, sie wird uns nicht von Sorgen und Leiden befreien, denn sie stößt bei Lösung ihrer Aufgabe, das Volk zur Herrschaft zu bringen, stets auf das Missverhältnis des Eigentums, des Besitzes. Diese Ungleichheit, dieses Missverhältnis sucht nun der Sozialismus durch Herstellung der Gleichheit aufzuheben. Er will der Unterdrückung und Unwahrheit, welche überall herrscht und dem trostlosen Elend, dessen Bild uns in den untern Schichten, d. h. in der ungeheuren Mehrzahl der Bevölkerung entgegen tritt, dadurch ein Ende machen, dass er auf fortwährende Verbesserung des sittlichen, geistigen und körperlichen Daseins der zahlreichsten und ärmsten Klasse dringt, und statt der Herrschaft des Kapitals die Herrschaft der Arbeit oder doch deren Gleichstellung mit dem Kapital anstrebt. Die Verteilung der Güter soll nach dem Verlangen der Sozialisten von der Arbeit abhängig gemacht und dadurch die möglichste Gleichheit unter den Menschen erzielt, es soll jedem fleißigen, ordentlichen und geschickten Mann Gelegenheit verschafft werden, so viel Besitz zu erwerben, als zu einem vernünftigen Genuss des Lebens nötig ist. Die Gleichstellung der Arbeit also mit dem Kapital, mit andern Worten die Organisation der Arbeit, und in Folge davon die Aufhebung des ungeheuren Missverhältnisses zwischen den Besitzenden und Nichtbesitzenden, dem sogenannten Proletariat, ist es, womit sich der Sozialismus beschäftigt, der in Frankreich zuerst als Wissenschaft aufgetreten ist, und als dessen Urheber St. Simon und Fourier betrachtet werden müssen. Der Sozialismus in Verbindung mit der Demokratie erscheinen allen denkenden Menschenfreunden als die Mittel, durch welche es uns gelingen könne, endlich in das gelobte Land der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit einzutreten, und es wird ihnen gelingen, die Menschen zu diesem Ziele zu führen, wenn auch Einzelne noch vierzig Jahre um das goldene Kalb der Monarchie tanzen, in der Wüste der Dummheit und Niederträchtigkeit herumtappen, und wenn auch das ganze jetzt lebende Geschlecht darüber aussterben sollte. Denn die Wahrheit siegt zuletzt immer, die Wahrheit wird uns frei machen, und sie ist es, welche den demokratischen Sozialisten zur Richtschnur dient.
Seien wir darum auf unserer Hut, sorgen wir, wenn auch die Behörden ihre Schuldigkeit nicht tun sollten, für uns selbst, und schließen wir uns aneinander, um die Feinde in und außer der Festung zu bekämpfen. Zunächst gilt es, den Reaktionären entgegenzuwirken, den eingerosteten Philistern, welchen der Geldsack tausend Mal mehr gilt, als Freiheit, Vaterland und eigene Ehre, welche die Ruhe um jeden Preis wollen, und jede Schmach willkommen heißen, sobald ihnen nur verstattet bleibt, ihr schmutziges Dasein in Frieden zu genießen. Mischen wir uns zu diesem Ende in die Muckerversammlungen, worin sie uns verschachern wollen, erforschen wir ihre Absichten, treten wir ihnen entgegen mit der Schärfe des Wortes, und wenn es nicht anders sein kann, mit der Schärfe des Schwertes. Ja, wir sprechen es unverhohlen aus: Schonung gegen diese im Dunkeln schleichenden Widersacher ist Unsinn und nur der Terrorismus vermag uns vor ihnen zu schützen. Wir müssen Alles opfern, was sich uns in den Weg stellt, im erbarmungslosen Fortschritt der großen Sache. Wir müssen Alles setzen an das Gelingen derselben und um den Untergang fern von uns zu halten. Freiheit oder Ketten! Herrschaft oder Verbannung! Sieg oder Tod! Unsere Wahl kann nicht zweifelhaft sein. Was soll uns eine Amnestie, die bloß auf dem Papier steht, und schwerlich gehalten wird; was haben wir getan, dass des Vergebens und Vergessens bedürfte! Wir haben uns erhoben, um ein Joch zu brechen, das zu drückend war, um nicht selbst von unvernünftigen Tieren abgeschüttelt zu werden. Wir bedürfen keiner Gnade, deren bedarf nur der Verbrecher. Wir aber haben kein Verbrechen begangen, sondern ein Unternehmen begonnen, welches in allen Zeiten als eine Großtat gepriesen wurde! Führen wir es zum Ziele! Vorwärts!
Die Republik, Heidelberg 1848.
Von Kriegsknechten zu Roß u. Fuß, in: Die Republik Nr. 891, 92, 1848.
Die rote Republik, in: Die Republik Nr. 112, 1848.
Der Festungs-Bote, Rastatt 1849.
Felix Burkhardt, Ernst Elsenhans: Journalist der Freiheitsbewegung 1848, in: Schwäbische Lebensbilder VI (1957), 350–366.
Heinz Bischof: Ernst Elsenhans – Literat und Revolutionär 1815–1849, in: Badische Heimat 59 (1979), 157–178.
Wolfgang Reiß u.a.: Ernst Elsenhans, Ein schwäbischer Revolutionär in Rastatt, Rastatt 1995.
Helge Dvorak, Elsenhans, Ernst, in: Biografisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft, Bd. 1 (1996), 250 f..
Bernd Braun: Eine Rose für einen Revolutionär – Zum 200. Geburtstag von E. E., in: Jahrbuch der Hambach Gesellschaft (2016), 189–209.
Monika Lange-Tetzlaff, Ernst Friedrich Elsenhans (1815–1849) – ein radikaler Demokrat aus (Stuttgart)-Feuerbach, Stuttgart 2020.
Wolfgang M. Gall: Elsenhans, Ernst, in: Baden-Württembergische Biographien Bd. IX., Martin Furtwängler (Hrsg.) i.A. der Komm. f. geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Ostfildern 2025, 93-96.
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