FANNY LEWALD
Abb.: Österreichische Nationalbibliothek
Fanny Lewald ist in ihrem Leben zahlreichen Diskriminierungen ausgesetzt: Als Mädchen, das nicht wie ihre Brüder eine ersehnte, höhere Schulbildung erhält, sondern sich auf Handarbeit und das Klavier konzentrieren soll. Als Jüdin, die auch nachdem sie zum Christentum konvertiert ist weiterhin als solche gesehen wird. Als unverheiratete Frau, die sich gegen eine von den Eltern arrangierte Ehe wehrt und ihren Lebensunterhalt selbst verdient. Als Affäre eines verheirateten Familienvaters.
Gegen all diese Erfahrungen schreibt sie ein Leben lang an und setzt sich in und außerhalb ihrer Werke für Frauen- und Judenemanzipation und besonders für weibliche Bildung ein. Als die Revolution 1848 ausbricht, reist sie nach Paris, Berlin und Frankfurt und berichtet „live“ von den Ereignissen.
Als Verfasserin zahlreicher Artikel in Zeitungen und Feuilletons ist sie eine der ersten Frauen in Deutschland, die am öffentlichen, gesellschaftspolitischen Diskurs selbstverständlich teilhaben. In Briefwechseln, Freundschaften und Salons pflegt sie ein großes Künstler- und Intellektuellen-Netzwerk – darunter viele Frauen, deren Arbeit und Wirken bis heute kaum aufgearbeitet ist. Auch Fanny Lewald fällt nach dem Nationalsozialismus lange Zeit dem Vergessen anheim. Heute gilt sie als eine der wichtigsten Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts.
Am 24. März erblickt Fanny Lewald als älteste von elf Kindern das Licht der Welt. Schon in ihrer Jugend gerät sie immer wieder in Konflikt mit den traditionellen Rollenbildern, die ihr anerzogen werden sollen, und den schlechteren Bildungschancen, die sie als Mädchen hat.
Lewalds Vater nimmt am Hambacher Fest teil. Die gedruckten Reden, die er Fanny von diesem Tag mitbringt, bewahrt sie bis zu ihrem Lebensende auf.
Unter der Bedingung, dass sie ihre Texte anonym veröffentlicht, erhält Lewald von ihrem Vater die Erlaubnis, allein nach Berlin zu ziehen und als Schriftstellerin zu arbeiten. In den Folgejahren erscheinen mit „Clementine“ (1842) und „Jenny“ (1843) zwei ihrer berühmtesten Romane. Danach gibt sie die Anonymität auf und veröffentlicht unter ihrem eigenen Namen. Lewald gilt als die erste deutsche Schriftstellerin, die von ihrer Arbeit gut leben kann.
Während einer Italienreise lernt Lewald Adolf Stahr kennen. Sie und der Familienvater beginnen eine Affäre, was Lewald Missbilligung und Kritik vor allem in den bürgerlichen Kreisen, in denen sie verkehrt, einbringt.
In Lewalds Salon trifft sich ein wachsender Kreis von Freunden und Bekannten, angehende Schriftsteller wie Theodor Fontane, Künstler, Intellektuelle, Politiker und Revolutionäre. Insgesamt zählt der Salon über die Jahre hinweg über hundert Besucherinnen und Besucher, darunter zahlreiche politische und literarische Größen.
Lewald reist begeistert und gespannt den Revolutionsgeschehen hinterher und berichtet von der Februarrevolution in Paris und der Märzrevolution in Berlin („Erinnerungen aus dem Jahre 1848“). Auch aus der Paulskirche berichtet sie von den Besucherrängen. Gänzlich überzeugt von der deutschen Revolution zeigt sie sich aber nicht: Sie kritisiert die Unentschlossenheit der Verantwortlichen und äußert ihre Sorge vor blutigen Aufständen.
In „Auf roter Erde“ verarbeitet Lewald ihre Enttäuschung über die nicht geglückte Revolution und kritisiert die Nationalversammlung als „Rednerparlament“.
Auf einer Englandreise erlebt sie in London die extreme Armut vieler Arbeiter. Drei Jahre später veröffentlicht sie „Kein Haus“, in dem sie scharfe Kritik an der mangelnden Unterstützung für die arme Bevölkerung übt. In ihrem Leben reist Lewald durch ganz Europa. Ihre Reiseberichte sind bei der Leserschaft besonders beliebt.
Nach seiner Scheidung heiraten Lewald und Stahr. Im Ehevertrag stellt sie sicher, dass ihr Vermögen, das größer ist als das ihres Mannes, ihr eigenes bleibt. Außerdem steuert sie die Hälfte für Miete und Lebenskosten bei.
Beim Friedenskongress in Genf werden Lewalds „Zehn Artikel wider den Krieg“ verlesen. Sie selbst darf als Frau nicht an dem Kongress teilnehmen, ihr Beitrag gilt aber als einer der wichtigsten der Veranstaltung.
In ihrem Werk „Zwölf Bilder nach dem Leben“ erinnert Lewald kur vor ihrem Tod an wichtige Weggefährten, darunter Heinrich Heine und Therese von Bacheracht.
Am 5. August verstirbt Lewald in Dresden.
Erst Jahrzehnte nach ihrem Tod erscheint ihre Autobiografie „Römisches Tagebuch“. Zu ihren Lebzeiten wollte niemand den Text veröffentlichen, da sie sich darin positiv über die Affäre mit einem verheirateten Mann äußert – ein Tabubruch für die damalige Zeit. Nur wenige Jahre später wird die viel gelesene Schriftstellerin von den Nationalsozialisten aus dem literarischen Kanon der Zeit gedrängt und gerät lange in Vergessenheit.
Ich hasse die Ehe nicht; im Gegenteil, ich halte sie hoch, dass ich sie und zugleich mich zu erniedrigen fürchte, wenn ich dies heilige Band knüpfte, ohne dass mein Gefühl Teil daran hätte. […] ich halte heute noch die Ehe für den einzigen Weg, der den Menschen zu der größten Vollkommenheit führt, die seiner Individualität möglich ist. […] Aber was hat man aus der Ehe gemacht? – ein Ding, bei dessen Nennung wohlerzogene Mädchen die Augen niederschlagen, über das Männer witzeln und Frauen sich heimlich lächelnd ansehen. Die Ehen, die ich täglich vor meinen Augen schließen sehe, sind schlimmer als Prostitution. […] Ist es nicht gleich, ob ein leichtfertiges, sittlich verwahrlostes Mädchen sich für eitlen Putz dem Manne hingibt, oder ob Eltern ihr Kind für Millionen opfern? Der Kaufpreis ändert die Sache nicht.
1 Hier spricht die Titelfigur, die gegen ihre eigenen Überzeugungen einen älteren Mann heiratet, obwohl sie einen anderen liebt.
[…] ich beneidete es schon lange allen Knaben, dass sie Knaben waren und studieren konnten, und ich hatte eine Art von Geringschätzung gegen die Frauen. So töricht das an einem Kinde von neun Jahren erscheinen mag, und so unberechtigt es in meinem besonderen Falle war, lag doch der Ursprung zu diesen Gedanken nicht in mir selbst. Von jeher hatten Freunde, wenn sie meine Fähigkeiten lobten, mit einer Art von Bedauern hinzugefügt: „Wie schade, dass das kein Junge ist.“ – Ich hatte also die Idee gefasst, dass die Knaben etwas Besseres wären als die Mädchen und dass ich selbst mehr und besser sein müsse, als die anderen Mädchen.
Ein Roman, der nicht in genauer Beziehung zu der Zeit steht, in der er geschrieben ward, wird selten ein gelungenes Werk sein […] In Ländern, in denen das Volk selbstregierend Teil nimmt an allen Zeitinteressen […] da darf der Dichter sich in poetischer Betrachtung der Vergangenheit zuwenden […] Doch dünkt es mich augenblicklich in Deutschland eben nicht Zeit dazu sein […] Wir haben jetzt nicht Zeit, in poetischen Ergüssen zu feiern; denn unsere Tage sind Tage des Kampfes und der Arbeit […] So lange das Volk nicht frei seine Meinung sagen darf, so lange muss der Dichter in Bildern für sein Volk sprechen und in Bildern erklären, was die Nation bedarf und fordert.
W]ahre, große Schicksale hat nur die Aristokratie! Ein großes Schicksal […] fällt vom Himmel herab wie die edlen Prärogative der Geburt; aber es will nur […] in englische Parks und auf persische Teppiche herniederfallen […]. Oder denkt euch, ein großes, gigantisches, ein exklusiv tragisches Geschick fiele auf das Leben eines Handwerkes herab? Wie könnte es sich da gestalten? Not und Sorgen […], der Hunger und die Arbeit ertöten alle Sentimentalitäten, die Fantasien, die vagen Träumereien, die idealistischen Erhebungen fliehen vor dem Klappen der Werkzeuge und das ignoble Verlangen hungernder Kinder lässt den Eltern weder für die poetischen Allüren des Herzens noch des Geistes freien Raum.
2 Ein Auszug über den Adel und seine herausgehobene Stellung, den sie satirisch kritisiert – der Roman gilt als Schelmenroman und ist eine Parodie auf die Romane der Gräfin Ida Hahn-Hahn.
Paris, 13. März
[…] Dennoch behauptet man, es sei in jenem Augenblick mehr Wahrscheinlichkeit für die Regentschaft der Herzogin von Orleans als für die Republik gewesen. Nicht die Republik, sondern nur die Einführung des allgemeinen Wahlrechts, welches die übrigen Reformen von selbst nach sich gezogen hätte, wäre eine Notwendigkeit gewesen. Eine Stimme, die sich zur rechten Zeit entschieden für die Regentschaft ausgesprochen, würde die Einführung der Republik gehindert haben. Und da untersteht man sich, auch in Frankreich, an den Zufall in der Weltgeschichte zu glauben, der allem Christen- und Heidentum und aller Möglichkeit und Vernunft widerspricht. Als ob der Zusammenstoß gewitterschwerer Wolken, welche, von den Urkräften erzeugt, sich innerhalb notwendiger Kreise bewegen und in diesen sich ebenso notwendig begegnen und den zerschmetternden Blitz entzünden müssen, ein Zufall wäre! Zufall ist ein Wort, hinter dem sich die Einsichtslosigkeit versteckt, welche selbst die kleine Mühe des Denkens zu schwer findet. – Zufall! in einer Welt, die sich in den Angeln der strengsten gesetzlichen Regelmäßigkeit bewegt, in der jedes Untergehen mit einem Werden zusammenhängt! Man schämt sich, wenn man die Kinder des neunzehnten Jahrhunderts von Zufällen in der Weltgeschichte sprechen hört. Als ob etwas anders werden könnte, als es werden muss! Wo nimmt man bloß die Resignation her, sich über das Unglück zu trösten, das aus dem blinden Zufall für den einzelnen entspringt? In eine Notwendigkeit fügt man sich, aber in die dumme Laune eines blinden Zufalls, von irgendeinem einfältigen Menschen herbeigeführt, nimmermehr.
Die Republik war für Frankreich notwendig, weil sie entstand; und sollte sie auch nur von kurzer Dauer sein in diesem Augenblick, so wird sie auch dann das für diesen Augenblick nötige geleistet und den nötigen Samen für weitere Entwicklung erzeugt haben. Daran halte ich mich und bin ruhig. […]
3 Bericht über die Nachwirkungen der Französichen Februarrevolution 1848
Je mehr man nun die wahre Freiheit liebt, je zuversichtlicher man darauf hofft, sie in der sich allmählich über die Erde verbreitenden republikanischen Verfassung verwirklicht zu sehen, um so ängstlicher betrachtet man jede Unklarheit in den Köpfen derjenigen, welche das Ideal der Republik im Herzen hegen und die man selbst als Träger, als Stützen seines eigenen Idealismus hochhält. Herweghs Rastlosigkeit macht mir Angst. Sie rührt offenbar davon her, dass er, ein Dichter im schönsten Sinne des Wortes, nun plötzlich den Geschichte schaffenden Reformator machen will. Seine Fantasie reißt ihn fort zu glauben, Deutschland stehe auch schon auf dem Entwicklungspunkte, den Frankreich eben jetzt erreicht hat. Der Irrtum ist verzeihlich, denn Herwegh ist seit Jahren vom Vaterlande fern, Aber er will nicht glauben, dass er irrt. Ich besorge, er wird ein furchtbares Nachtstückdichten, wenn er die vorzeitigen Träume seines Geistes im Leben verwirklichen soll. […] Weiterlesen
Manchmal, wenn ich hier so gegen die Männer eifern höre, welche im Umsturz des Bestehenden allein die Möglichkeit einer besseren Zukunft sehe, oder wenn man die Person tadelt und verdammt, die mit der Vergangenheit, ihren Sitten, ihren Ansichten aus Überzeugung gebrochen haben, so kommen mir sorgende Gedanken. Am unverständigsten aber finde ich es, wenn man als Beweis für die Unrichtigkeit einer Theorie ihr augenblickliches Scheitern in der Wirklichkeit anführen will. Es ist, als ob die Leute nie ein Wort von der Vergangenheit, von der Weltgeschichte gehört hätten.
Keine regenerierende Idee ist gleich fertig, gewappnet aus dem Schoße der Zeit entsprungen; alle Reformatoren haben für Aufrührer, für Unsittliche, für Empörer gegolten, alle neuen Sekten sind verspottet, missachtet und womöglich gekreuzigt worden. Geschieht dies jetzt nicht, so ist es wahrhaftig nicht die Schuld der einzelnen, deren bestehende Rechte von den Reformatoren angetastet werden.
Noch nie ist eine sittliche Wahrheit, welche dem für Recht geltenden Unrecht entgegentrat, bei ihrem ersten Auftauchen, als Wahrheit von der ganzen Menschheit begrüßt worden. Als Luther die päpstliche Bulle abriss von der Kirchentüre zu Wittenberg, um sie unter dem Zujauchzen der Studenten auf dem offenem Markte zu verbrennen, als er, der Augustinermönch, dem Ehelosigkeit Gebot war, die Nonne Katharina von Bora aus dem Kloster führte und sie sich von einem seiner Freunde als Gattin antrauen ließ, da haben sehr viele diesen Empörer als Religion und Staat gewiss auch für einen höchst sittenlosen Menschen gehalten und ihm sicher ebensolche Gräuel angedichtet, als den Sozialisten jetzt aufgebürdet werden.
Hat doch selbst Christus, der sich mit Handwerkern umgab, der durch unterrichtete Männer des Volks die Schriftgelehrten und Pharisäer bekehren wollte, der mit eigener Hand die Geißel schwang gegen die Krämer im Gotteshause, für einen Aufwiegler, für einen Empörer gegolten und ist als solcher gekreuzigt worden! Wie mag man sich denn noch immer wundern, dass man auch jetzt die Menschen verleumdet, welche die Irrtümer, die furchtbaren Widersprüche unserer Zustände aufdecken und danach streben, sie zu verbessern? Wie gibt es immer noch Menschen, die sich durch fremdes Urteil irren lassen und davor erschrecken, dass man sie revolutionär und sittenlos nennt, weil sie den Mut haben, den Schlendrian der zur Sitte gewordenen Unsitte, den Schein des zum Recht erhobenen Missbrauchs dreist und frei von sich zu werfen! Das hat jeder tun, jeder erdulden müssen, der die Wahrheit gegen die Lüge und sich selbst gegen das Beugen unter die Lüge verteidigte; und als Christus den Tempel säuberte, Luther die Bannbulle verbrannte, da ist für den Verständigen, für den innerlich freien Menschen auch die Furcht vor dem Götzen „Qu’en dira-t-on?5“ verbrannt, der noch immer als erster Gott die Erde beherrscht und für die Schwachen die Stelle sittlicher Überzeugung vertritt. Ob die Sozialisten ihr Ziel schon jetzt erreichen, ob sie jetzt schon neben dem Bewusstsein des vorhandenen Schlechten das Bewusstsein von dem Bessern haben, was an dessen Stelle gesetzt werden und als Gutes bestehen könnte, zweifle ich; aber das Problem muss gelöst werden, weil das Bedürfnis dieser Lösung als Notwendigkeit vorhanden ist, und es kann sein, dass die Zukunft der Sozialisten oder ihren Nachfolgern gehören wird.
4 Lewalds Gedanken zu Beginn der Deutschen Märzrevolution
5 Übersetzung: Gerede
Wie ist man angstvoll in der Trennung! Die Ferne hat etwas Entsetzliches, und es ist mir ein großer Schmerz, dass ich fern bin in dem ersten großen Augenblicke, den die Geschichte Deutschlands bietet, seit ich denken kann.
Was wird die nächste Zukunft schaffen in Deutschland, in Preußen? Es gibt gewisse Dinge, welche Volk und König einander nie verzeihen, nie vergessen können. Eine wirkliche Aussöhnung zwischen unserem mittelalterlichen-monarchischen Könige und der Idee der Volksfreiheit ist so unmöglich wie die Herstellung einer innerlich zerstörten Ehe. Ein Volk soll aber kein Scheindasein führen.
Wir leben in einer Zeit, welche gewaltsam mit ihrer Vergangenheit zu brechen scheint, und man wird den Kampf verlängern, wenn man nur halb bricht, wenn man nicht allen Schutt des Zusammengestürzten forträumt. Das wird viel Not, viel Mühe machen, mancher wird obdachlos oder unter den Trümmern verschüttet werden, mancher der notwendigen Arbeit des Neubaus erliegen. Es wird nicht bleiben bei den politischen Umgestaltungen; die soziale Revolution bricht unaufhaltsam herein. Hier gilt nur ein Entweder-Oder. Das hat etwas furchtbar Beängstigendes. Es ist ein Entsetzen, so wie wir auf der Wetterscheide der Weltgeschichte zu stehen, zwischen dem Tode der Vergangenheit und der Geburtsstunde der Zukunft – und doch musste dieser Anblick kommen! Es war eine Ungerechtigkeit, eine Lüge in der Welt, denen ein Ende gemacht werden musste, weil die Menschheit beide zu fühlen begonnen hatte. Wer weiß, ob die große soziale Reformation nicht gerade in Deutschland zur Vollendung kommt wie einst die religiöse Reformation, die ja auch ihre Vorgänger in allen romanischen Ländern gehabt hat!
Ich zweifle, dass ich in Paris bleibe; die Spannung, die Ungewissheit über die Vorgänge in der Heimat sind so quälend, dass man darüber jede Genussfähigkeit verliert.
Die Deutschen hier rüsten sich zum Abmarsch; sie wollen fort, sobald sie Geld haben. Auf der Gesandtschaft sagte man uns, dass man ihnen keine Pässe erteilen werde; sie werden aber ohne das gehen und – in ihr Unglück, wie zu fürchten steht. Wenn man fragt: „Was sollen denn diese Leute jenseits des Rheines tun?“, so heißt es: „Ihren Brüdern beistehen.“ – Aber worin? Im Kampfe? – Es ist ja kein Kampf in Deutschland; was sollen die brotlosen Arbeiter dort beginnen? „Sie sollen die Aufregung vermehren, aus der der Kampf und die Republik hervorgehen.“ – Das sagen Menschen, die sonst ganz vernünftig sind, und niemand will bedenken, dass man wohl in einem einigen Lande, bei einer Nation von gleichmäßiger politischer Bildung schnell die Monarchie in eine Republik verwandeln kann, nicht aber die achtunddreißig Fürsten verjagen und aus achtunddreißig getrennten Völkern mit einem Male ein Ganzes herstellen. Wie gern wollte man schon jetzt an diese Möglichkeit, wie gern an die republikanische Verfassung in Deutschland glauben, wenn man es nur könnte.
Bei all den Besorgnissen gibt es aber doch eine Freude: den Sturz der pietistischen Bürokratie in Preußen. Ich möchte jetzt wohl die frommen Geheimräte sehen, die Knechte des Gottes, welcher den christlichen Staat und die absolute Monarchie Preußen vorzugsweise liebte und vor Attentaten und Konstitutionen bewahrten, die, ein Blatt Papier, zwischen dem König und dem Volke schweben. Da wird nun alles Beten in der Geheimratskirche im Tiergarten nichts helfen; der polnische Adler flattert trotz des Roten Adlerordens vierter Klasse, und der beschränkte Untertanenverstand kommt doch ans Ruder.
Es sind nun fast vierzehn Tage her, dass ich, von Paris zurückgekehrt, hier in Berlin lebe, und noch immer ist mir die veränderte Physiognomie Berlins eine auffallende Erscheinung. […]
Verwüstungen durch die Revolution bin ich in der Stadt nicht gewahr worden, soweit sie vom Volke ausgegangen sind, denn die Spuren der Kartätschenkugeln an den Häusern sind nur zu sichtbar. Nur in der Nähe des Neuen Tores sind die Artillerievorratshäuser niedergebrannt, und dadurch ist ein sehr beklagenswerter Verlust an Kriegsgerät herbeigeführt worden. Aber nirgends hat sich das Volks gegen die Paläste des Königs oder der Prinzen gewendet, nirgends das Eigentum angetastet; und es mir eine Genugtuung, dass sich keine Spur von Rohheit im Volke gezeigt, dass selbst der König in allen Proklamationen den Edelmut und die Mäßigung der Kämpfenden lobpreisend anerkannt hat. Weiterlesen
Was mir aber, im Hinblick auf Paris, schmerzlich auffiel, das ist der Mangel an Freudigkeit über den Sieg, der fehlende Schwung des Enthusiasmus, die mich in Paris so sehr überraschten. Keine begeisternden Lieder, keine jener siegestrunkenen Zurufe, welche dort von Mund zu Mund gingen und so elektrisch wirkten. Weder ein Volksgesang wie das „Mourir pour la patrie!“ noch ein Zuruf wie das jubelnde „Vive la République!“ Wir haben keinen deutschen Volksgesang, und „Es lebe der überwundene Absolutismus“ (denn weiter halten wir ja noch nicht) kann man eben nicht rufen. Das aber ist noch nicht das Schlimmste. Was mich beängstigt, ist das Gefühl der Unsicherheit, das ich hier an so vielen Menschen wahrnehme und von dem in Paris keine Spur vorhanden war.
[…] Hier vermisse ich das sehr. Die einen sind wie ungeübte Ballspieler, die den Ball, welcher ihnen fast von selbst in die Hand flog, vor Freude über das Glück fallen lassen, statt fest die Hände zusammenzuschlagen und zuzugreifen; die anderen stehen so ratlos, erschrocken und verlegen da wie Kinder, die zu lange im Gehkorb gehalten worden sind und die nun mit einem Male allein auf die Erde gestellt werden und laufen sollen. Sie trauen den eigenen Füßen nicht; sie haben Furcht, weil sie nicht mehr bevormundet werden; sie möchten eigentlich gern wissen, ob der König, ob die Glieder des vorigen Ministeriums auch zufrieden sind mit dem, was geschehen ist. Sie möchten gern die Extreme vermitteln, ausgleichen, das Harte weich, das Raue glatt machen und sprechen, um niemanden zu verletzen, um allen gerecht zu werden, nicht von der Revolution und ihren Folgen, sondern von den „Errungenschaften“ der Märztage – von der Notwendigkeit einer „Vereinbarung“. Mir aber geht es mit solchen neu erfundenen Worten wie dem Bauer in der Fabel, der nicht essen will, was er nicht kennt; ich fürchte diese unbekannten Worte, in deren hohle Halbheit sich alles mögliche hineinschieben lässt. […]
Wir haben auch Volksversammlungen, Klubs, an denen sich tüchtige Männer beteiligen, in denen vortreffliche Reden gehalten werden sollen. Männer und Frauen der arbeitenden Stände stehen an den Straßenecken, an den Brunnen, um die angehefteten Plakate zu lesen, fordern Erklärungen und verstehen alles, was man ihnen sagen kann, auf halbem Wege. Die Handwerker, die Gesellen sollen vollkommen in der Zeit, vollkommen auf der Höhe der Ereignisse sein; ein großer und edler Teil der Bevölkerung sieht mit opferfreudiger Begeisterung in die Zukunft – aber der Untertänigkeitsgeist eines absolutistisch regierten Volkes, die Angst vieler Besitzenden vor möglichen Verlusten und der weitverzeigte bürokratische Kastengeist sind damit noch lange nicht überwunden. […]
Nach allem, was ich bis jetzt gesehen habe, werden die deutschen Republikaner, die von Frankreich in das Vaterland zurückkehren, bald bemerken, wie sehr sie sich täuschten, wenn sie das monarchisch gewöhnte Deutschland für die Republik begeistert wähnten.
So lebhaft Paris mich anregte, so sehr ich dort an die Dauer der Zustände zu glauben vermochte, so wenig ist das hier der Fall. Die Menschen kommen mir in der Mehrzahl überzeugungslos, schwunglos vor, und ihnen steht ein aus Überzeugung absolutistischer König gegenüber, der sich nun plötzlich zum Diener des Staates in einem konstitutionellen System verwandeln soll. Ich höre unglaublich viel sprechen von dem, was durchaus geschehen müsse, von Auflösung der Garden, der Kadettenhäuser, von Volksbewaffnung – aber auch nur sprechen; denn bis jetzt ist nichts getan. […]
Dennoch ist viel, man möchte sagen alles gewonnen, denn wir haben das Assoziationsrecht des Volkes und die freie Presse. Und da wir Deutsche sind, geschult nach dem Grundsatz „Ruhe ist die erste Pflicht des Bürgers“ – so wollen wir denn in geduldiger Ruhe abwarten, welche Früchte diese Frühlingsblüte der Revolution uns bringen wird.
[…] Die Reaktion liegt so gewitterschwer in der Luft, man kann ihre schwefelgelben, dicken Wolken so deutlich am Horizonte sehen, dass man blind und fühllos sein muss, sich nicht davon bedrückt zu fühlen. Schon wird das Ausrufen und Umhertragen von Flugschriften verboten – und bald wird das übrige nachfolgen.
[…] Ich bin so traurig in dieser Zeit als nie zuvor. Ich hatte so oft, so sehnsüchtig an diese notwendige Revolution gedacht, von ihr Befreiung des einzelnen, idealistische Befreiung des Menschen gehofft; ich hatte mir immer vorgestellt, eine bloß politische Revolution sei unmöglich; es müsste jetzt zugleich eine soziale werden. Nun verleugnen unsere Minister selbst schon die politische Revolution; heben den Prinzen von Preußen auf den Thron der Zuverlässigkeit; leugnen, wie die katholischen Geistlichen seinerzeit in Rom die christkatholische Bewegungen, so die Vorgänge vor dem achtzehnten März und vergessen, dass ihr Ministerium die Frucht jener Tage ist.
In fester, sicherer Haltung, gehoben durch das Bewusstsein der errungenen Freiheit, traten sie auf, die Bürger Berlins, die Begründet des neuen Preußens. Ein Trupp berittener Bürgerwehr eröffnet den Zug. Dann kamen Frauen und Töchter der Mitglieder des Demokratischen Klubs. Sie wurden vom Volk nicht ohne Befremden betrachtet; denn mag man die geistige Berechtigung der Frauen noch so sehr anerkennen, ihr persönliches Auftreten in der Volksmasse liegt außerhalb des deutschen Charakters und sollte deshalb nicht absichtlich hervorgerufen werden, weil damit weder für die wirkliche Erhebung der Frauen, noch für die des Volkes ein Wesentliches gewonnen, wohl aber verloren werden kann.
Im Laufe des heutigen Tages haben wir verschiedene Personen gesprochen und bei allen den Parteihass fast noch stärker ausgeprägt gefunden als in Norddeutschland. Besonders aber scheint auch hier die Erbitterung, oder mindestens der Ausdruck derselben, auf der Rechten maßlos zu sein. Diese Vertreter der alten Zustände und der guten Sitte finden anscheinend eine wahre Genugtuung darin, ihre Gegner als ehrlose, egoistische Vaterlandsverräter anzuklagen, ohne zu bedenken, dass man sich selbst in seinem Gegner ehrt und sich selbst in ihm erniedrigt, wenn man ihn verkleinert. […] Weiterlesen
Ich höre heute von dem Fürsten sprechen, als ob er der edelste Mann der Zeit, der höchste, reinste Charakter Deutschlands gewesen wäre. Dabei wurden denn auch bittere Anklagen gegen die Linke erhoben. Man machte den Männern der Westendhalle, als deren Repräsentant Heinrich Simon angesehen wird, einen Vorwurf daraus, dass sie, als eine gemäßigte Partei, die Ermordung des Fürsten nicht öffentlich und entschieden „desavouiren“6. […] Die Rechte bezeichnet den Fürsten, der, sooft man bisher von ihm hörte, nie als ein fleckenloser Charakter, als ein bedeutender Mann dargestellt wurde, jetzt als eine Natur, welche, zu sich selbst zurückgekehrt, gerade hier in Frankfurt den Aufschwung zu allem Großen und Hohen genommen haben würde, und wundert sich, wenn seine Gegner das nicht gleich glauben wollen ohne entschiedene Beweise dafür, die bisher niemand zu geben gewagt hat.
Dieselben Personen sagen: Wir sind im Parteikampfe, wir sind im blutigsten Bürgerkriege! Dennoch erschrecken sie vor den Symptomen des Übels, von dem sie sich befallen wissen. Sie wundern sich, dass im Fieber Frost und Hitze kommen. Sie erstaunen über schon Dagewesenes, über Zustände, welche von andern Völkern durchlebt worden sind, nur weil sie selbst sie nicht durchlebt haben. […] England und Frankreich haben ihre anarchischen Tage, ihre Diktaturen erlebt, ehe sie die Macht des Absolutismus brachen, der sie knechtisch erniedrigte, und deutsche hochgelehrte Professoren, alte Staatsmänner, welche lange Bücher über Revolutionen und Staatsverfassungen geschrieben haben, sind außer sich darüber, dass bei uns gleiche Ursachen wenn auch hoffentlich nie gleiche, so doch ähnliche Folgen hervorrufen, dass Kampf und Sieg Opfer erheischen. Da ist doch jede junge Frau, die mit dem Blick auf ihre Mutter und Großmutter in ihr Wochenbette geht, mutiger und verständiger als diese Männer. Es kann ihr eben das Leben kosten, das Kind kann auch tot zur Welt kommen, kann sterben, nachdem sie all die Schmerzen erduldet hat; dennoch aber verzagt sie nicht, dennoch glaubt und hofft sie; denn übersteht sie es, so ist ein neues Leben geboren und es haben es ja andere vor ihr überstanden. Es liegt etwas so Kleinliches in dem mutlosen Verzagen dieser Freunde der Ordnung, dass man sich ihrer schämt, wenn man glaubensstark auf den Sieg des Notwendigen rechnet, das geschehen muss und das dann eben auch das Rechte ist. Und obendrein behaupten gerade dieselben Leute, vorzugsweise den Glauben an Gott und göttliche Weltregierung zu haben!
Abends, als wir im Mondschein durch die Stadt und nach dem Mainufer gingen, rief der Belagerungszustand sehr malerische Szenen hervor. Auf allen Plätzen, an der Hauptwache, vor dem Römer, an der Paulskirche lagen biwakierende Soldaten um große Feuer, singend und die Abendration verzehrend. Goethes Statue ist von den Holzbaracken umgeben, welche für die Württemberger Kavallerie aufgeschlagen sind. Der „alte Herr“ sieht göttlich ruhig und ernst darauf hinab; er weiß, dass diese Ereignisse vorübergehen und dass er bestehen wird, dass ihm kein Volk und keine Zeit den Lorbeerkranz entreißen kann, den er in seiner Rechten hält. […]
6 widersprechen
„Allen Menschen ist nicht zu helfen! Um den künftigen Generationen zu helfen, muss man den Mut haben, diese jetzige Generation des Proletariats verhungern zu lassen! Ich will ja jedem ordentlichen Menschen das Wahlrecht zugestehen, der sich durch Bildung und Einsicht dessen würdig zeigt, nur diesen Bettlern, Tagelöhnern und abhängigen Bedienten nicht!“ – Das sind die erhabenen Lehrsätze der Staatsweisheit dieser Staatsmänner aus eigener Machtvollkommenheit, bei denen sie nicht bedenken, dass ein königlicher Regierungsrat oder jeder andere Beamte, der für seines Lebens Unterhalt dient, nicht sehr viel unabhängiger ist als der Hausknecht, von welchem er bedient wird. Im Gegenteil! Der Hausknecht, der gesunde Glieder hat, kann sich seine geringen Bedürfnisse vielleicht eher verschaffen, wenn sein Herr ihn entlässt, als der Beamte sich nähren kann, dessen Ansprüche schwerer zu befriedigen sind, und die Freiheit der Wahl möchte nicht mehr durch die Abhängigkeit der Bedienten als durch die Abhängigkeit ihrer Herrn gefährdet scheinen.
[…] Was schreien denn all die Reichen jetzt so ängstlich aus Furcht vor Verarmung, als hätte es noch nie eine Zeit gegeben, in welcher der Kurs der Papiere geschwankt hätte und der Besitz entwertet worden wäre, als ob in den Jahren von 1806 bis 1815 nicht dasselbe geschehen wäre? Diese Verarmungsfurcht der Besitzenden ist gewiss egoistischer als das Verhalten des Proletariats, das noch nirgend seine oft angeklagte Habsucht bewiesen hat. Im Gegenteil hört man nur Lob, wenn man nach einzelnen Tatsachen fragt, so auch jetzt hier in Frankfurt, wo bei dem Krawall Proletarier das Rothschildsche Haus besetzt gehabt haben. […] Hunderte von Menschen, denen ein Taler schon als Besitz erscheint, sind in dem Hause aus und ein gegangen, und nicht ein Pfennig ist entwendet worden, wie selbst Mitglieder des seligen Bundestages uns gestanden haben.
Aber die Männer der Rechten aus der Paulskirche behaupten dennoch, das Volk sei schlecht, der Meuchelmord, die Nichtachtung des fremden Eigentums werde immer gewöhnlicher. Und mit diesem Glauben wollen sie reformieren! Zum Reformieren gehört die volle Kraft der Liebe, die festeste, glaubensfreudigste Zuversicht; und sie haben weder das eine noch das andere, sondern nur grundlosen Hass und grundlose Furcht.
Der Belagerungszustand ist erklärt, die Stadt ist voller Soldaten, und es ist seitdem, als hätten sie ein eisernes Netz über uns ausgespannt, als wäre uns selbst der Anblick des Himmels entzogen. Die Tore sind offen, die Straßen sind frei – aber man hat dennoch das Gefühl, sich in einem Gefängnis zu befinden.
Der Abend des Zehnten und die Nacht zum Elften waren sehr unheimlich. Viele Leute wollten Berlin verlassen, man packte, auf den Straßen fuhren Droschken voll Kasten und Betten, ganze Familien mit Weib und Kind, den Toren zu. Als es dann Nacht ward, schien die Aufregung zu wachsen. Sobald eine Türe zugeworfen ward, sobald ein Balken zur Erde fiel, glaubte man einen Schuss zu hören; jedes Wagengerassel hielt man für Trommelwirbel. Nicht mir allein, sondern allen, die ich nachher sprach, ist es so gegangen. Das Entsetzen über die Gewalttat hatte die Fantasie erregt, dass man wahrzunehmen glaubte, was der gerechte Zorn für möglich hielt.
[…] Was die Regierung mit dieser Auflösung der Nationalversammlung getan hat, den Widerspruch, den sie gesprochen gegen ihre Verheißungen im März, das wird sie, und wir mit ihr, wenn nicht jetzt, doch einst zu büßen haben. Manches Saatkorn, das die Hand des Menschen der Erde anvertraut, wird vom Winde verweht oder geht nicht auf zur Frucht. Aber die Saaten des Übels, welche die Hände der Fürsten streuen, finden immer den Boden, aus dem sie früh oder spät hervorschießen als ein Schlingkraut, das die Fürstenstämme umstrickt, entkräftet und vernichtet. Weiterlesen
[…] Pflicht und Gehorsam, das sind die beiden Worte, hinter die sich die Gewalt noch immer verschanzen kann, die Gewalt, welche sich weich und doch so fest gebettet hat auf dem furchtbaren christlichen Grundsatz: „Seid untertan der Obrigkeit, welche Gewalt über euch hat.“ Dieser christliche Grundsatz hat den Franzosen von 1800 bis 1813 in Deutschland ihre Siege bereitet, dieser christliche Grundsatz mit seinem blinden Gehorsam gegen die Gewalt wird noch maßloses Elend über und bringen, wenn die jetzt heranwachsende Jugend abermals zu gehorsamen Christen statt zu denkenden Menschen – zu Untertanen der gewalthabenden Obrigkeit statt zu Staatsbürgern erzogen wird.
Frauen, denen sonst ihre Kinder und ihr Haushalt wenig Interesse übrigließen für die Fragen der Zeit und der Politik habe ich weinen sehen, wenn aus den öffentlichen Gebäuden, aus der Münze, dem Zeughause und der Akademie, rauchende Soldaten die Köpfe hervorsteckten und Schelmenlieder sangen; […].
Die Beamten, der Adel und die große Zahl ruhesüchtiger Bürger, wie Berthold Auerbach sie nannte, sind wie von einem Freudentaumel ergriffen. Den Soldaten wird in vielen Häusern und in den Kasernen, in denen sie ohnehin an nichts Mangel leiden, das Leben noch besonders bequem gemacht. […]
Dabei wird die Disziplin sehr locker. Nie, solange ich lebe, habe ich soviel betrunkene Soldaten in den Straßen gesehen als jetzt; es war etwas Unerhörtes in früherer Zeit. Auch der Ton der Offiziere soll – nicht menschlicher, denn das wäre ein Schönes – sondern familiärer geworden sein den Truppen gegenüber. Man sieht den Soldaten viel nach und schmeichelt ihnen.
Mit den Soldaten kehrt denn auch die Schönewelt zurück. Die Damen fangen wieder an, mit ihren galonierten Dienern in die Boutiquen zu gehen, Toilettenstücke zu kaufen und sich für die Salons zu rüsten, die man während der demokratischen Tage geschlossen hatte. Man stickt Chemisetts und Kragentücher mit den verschlungenen Namenszeichen des Prinzen, der Prinzessin von Preußen und des General Wrangel; man erfindet modische Toilette in Schwarz und Weiß und beneidet zweifelsohne das Zebra, das seine schwarz und weißen Streifen gleich von Gottes Gnaden auf die Haut bekommen hat.
Selbst die Geheimräte der vormärzlichen Ministerien, welche ganz unsichtbar geworden waren, kommen schon wieder Unter den Linden zum Vorschein wie Nachtvögel nach Sonnenuntergang. Sie sehen aus, als ob sie innerlich fortwährend „Heil dir im Siegerkranz“ singen…
Es gibt eine Art, alte Gebäude zu stützen, die höchst bedenklich ist, weil die Schwere des zu Stützen verwendeten Materials dem ohnehin schwankenden Hause leicht gefährlich werden kann, und davon machen die Fürsten jetzt vielfach Gebrauch.
[…] es drängt sich mir das alte Bedauern darüber auf, dass man den Frauen auch heute noch jene gründliche, wissenschaftliche Schulbildung, jene Erziehung für ihren Beruf versagt, welche man für die Männer aller Stände und Berufstätigkeiten mehr oder weniger als unerlässliche Notwendigkeit betrachtet. Wäre es nicht so überaus ernsthaft, so könnte man die Zuversicht sehr komisch finden, mit welcher die Männer die Aufsicht ihres Hauses, die teilweise Vertretung ihrer Stellung in der Gesellschaft, die teilweise Verwaltung ihres Erwerbs, die Pflege und Erziehung ihrer Kinder und endlich ihr eigenes Glück und ihre Ehre in die Hände von jungen Personen legen, welche für alle diese wichtigen, ja für diese höchsten Leistungen durch nichts befähigt sind, als etwa durch ihren guten Willen und den meist sehr blinden Glauben verliebter Männer an den Wert des Mädchens, das ihnen wohlgefällt. Man nimmt keinen Dienstboten in sein Haus, ohne zu wissen, ob er die dazu nötige Vorbereitung erhalten habe, man verlangt von jedem Lehrling […] eine mehrjährige Studienzeit, man erkennt niemanden als Meister an, man vertraut keinem Lehrer, keinem Baumeister, keinem Tischler und keinem Professor oder Rat ein Amt an, ohne sich von seiner Tauglichkeit überzeugt zu haben, und man überantwortet die höchste Aufgabe des Lebens, die Gründung und Leitung der Familie, die Erziehung des Menschen, in der Regel den jungen unerfahrenen Geschöpfen, denen man grundsätzlich die Möglichkeit verweigert hat, sich für ihren Beruf gebührend vorzubereiten. […] Dies ist eine Geringschätzung der Frauen, ein völliges Verkennen ihrer Stellung und ihrer Aufgabe innerhalb der menschlichen Gesellschaft.
Das bringt mich zu der Mahnung, dass Sie unter keiner Bedingung Ihre Übersetzung der Arbeit über Frauen-Emanzipation zum Drucke geben. Ein Opfer von unberufenen Händen dargebracht, schadet der besten Sache! – Wenn ich für die Emanzipation der Frauen eintrete, die an literarischer Bedeutung es mit den besten Männern aufnimmt, die 20 Jahre selbständigen Erwerbes hinter sich hat, die eine Familie erzogen, Männer und selbstständige Frauen herangebildet, mit ihrem Gatten gemeinsam, sich das Ideal einer Ehe erbaut, alle ihre Verhältnissen als Hausfrau, selbst als Köchin und als Mittelpunkt eines der größten geselligen Lebenskreise vollständig genügt hat – wenn ich sage: gebt uns Gleichberechtigung! – so hat das einen Sinn! Wenn Sie, geliebtes Kind! die von allem diesem Nicht geleistet an solche Forderungen gehen […] jeder Vernünftige lacht Sie mit Recht aus – und Sie schaden der Sache, der Sie nützen wollen.
Schreibt man häufig und regelmäßig, so spricht man unwillkürlich von demjenigen, was einen eben in der kleinen Pause am meisten interessiert hat. […] Und während ich jetzt darüber nachsinne, meine ich, dass es vielleicht das Gescheiteste oder das Zweckmäßigste ist, wenn ich Ihnen von den Schulen schreibe, welche man hier für die Fortbildung der Frauen aus den unteren und mittleren Ständen gegründet hat und für deren Erweiterung man die Mittel herbeizuschaffen bemüht ist.
Ich komme damit, ehe ich der Schulen selbst Erwähnung tue, abermals auf die Erörterung des Themas zurück, das ich schon verschiedentlich in diesen Blättern besprochen habe und dessen Erwägung mich von früher Jugend an bis auf diesen Tag unausgesetzt beschäftigt hat, dass ich nicht umhin kann, es denen, die praktisch mehr zu leisten vermögen als ich, wiederholentlich an das Herz zu legen, obgleich jetzt bereits eine Anzahl gewiegter Männer die bessere Erziehung und die Fortbildung der Frauen als eine Notwendigkeit erkannt und gebührend beachtet haben.
In den vierziger Jahren, als hier der große Prozess gegen die polnischen Insurgenten geführt wurde, sagte Bettina von Arnim einmal zu mir – und sie hat, meine ich, die Worte später auch drucken lassen – „Ich glaube, in dem Gewebe, das wir die Welt oder das Leben nennen, hat unser Herrgott Jedem von uns einen Faden in die Hand gegeben, an dem er fortspinnen soll. Mir hat er den Faden der Polen-Sache zugewiesen und von der kann ich nun nicht lassen, mag’s kommen wie es will!“ Weiterlesen
Ist dieser Glaube richtig, so muss mir für meinen Teil wohl der Faden der fälschlich so genannten Frauenfrage zuerteilt worden sein, denn sie war mir eine Herzenssache, seit ich zu selbstständigem Denken gekommen war, und lange ehe ich an eine literarische Tätigkeit denken konnte, schrieb ich unter dem Namen einer alten Großmutter für ein preußisches Archiv ein paar Briefe, um das Los der damals in Preußen noch sehr schlecht behandelten und darum sehr verwahrlosten weiblichen Dienstboten wo möglich zu verbessern.
Wie ernsthaft man aber auch von der Wichtigkeit dieser Dinge durchdrungen sein mag, bringt die Art der Behandlung, welche sie von Seiten ganz verständiger Männer immer noch erfährt, einen bisweilen doch zum Lachen.
Ich sprach in der Weihnachtszeit, in welcher die Frauen des „Deutschen Künstlerinnen-Vereins“ auf der Weihnachtsmesse im Architektenhaus zu Berlin ihre großen Befähigungen für vielerlei Kunstarbeiten höchst erfolgreich dargetan hatten, mit einem unserer bedeutendsten Maler eben über die großen und raschen Fortschritte der Frauen. Er selber nannte mir ein paar junge Mädchen, deren Arbeiten er gesehen hatte, bezeichnete mir ein drittes als ein „ganz außerordentliches Talent“ und setzte mit ehrlichem Zorn und einer nicht verhohlenen Erbitterung hinzu: „Es ist gar nicht zu begreifen, wo die Frauenzimmer es alle mit Einem Male hernehmen! Woran so ein Junge Jahre herumpustelt, das haben diese Frauenzimmer im Handumdrehen und wirklich mit Grazie weg! Man hat ja auch nichts dagegen, dass sie Majoliken und Spiegel und Kaminschirme und Tafelkanten malen, aber von der eigentlichen Kunst sollen sie doch die Hände lassen!“
Ich lachte hell auf und erzählte ihm die folgende Geschichte. Wir besuchten einmal in Paris Heinrich Heine, den ich lange Jahre kannte und der damals schon ganz gelähmt darnieder lag. Es kam die Rede auf seinen Atta Troll und auf das oft angeführte
Ja, sogar die Juden sollen
Volles Bürgerrecht genießen,
Und gesetzlich gleichgestellt sein
Allen anderen Säugetieren.
Nur das Tanzen auf den Märkten
Sei den Juden nicht gestattet;
Dies Amendement, ich mach‘ es
Im Interesse meiner Kunst –
Und wir nannten das eine sehr glückliche Erfindung. Gott bewahre, entgegnete Heine, das ist keine Erfindung! Welcher Dichter kann das denn erfinden? So etwas, das erfindet in seiner ganzen erhabenen Lächerlichkeit nur die Einfalt. Ich verkehrte in Göttingen viel mit einem Apotheker, einem sogenannten aufgeklärten, freisinnigen Manne, der auch ganz und gar damit einverstanden war, dass man die Juden emanzipieren müsse, und dass sie alles, was sie begehrten, sollten werden können, nur – nicht Apotheker! Denn Apotheker – nein! Apotheker könnten und dürften die Juden wirklich doch nicht werden! Das war ein Glaubensartikel bei dem Manne.
An den Morgen bei Heine, an Atta Troll und an den Apotheker habe ich viel hundert Mal gedacht, wenn mir von Männern, und es waren oft große Namen der Wissenschaft darunter, Einwände gegen die Fortbildung der Frauen im Allgemeinen oder gegen die besondere Bildung für ein Spezialfach gemacht wurden, welche einzelne Frauen sich anzueignen und zu ihrem und dem allgemeinen Nutzen zu verwerten es etwas gelüsten könnte. Und das Originellste dabei ist, dass man daneben hier und da darüber verhandelt, ob den Männern nicht für das Studium dieser oder jener Fachwissenschaft die humanistische Bildung zu erlassen sei, dessen Nichtbesitz bisher als ein wesentliches Hindernis für die Zulassung der Frauen zum Fachstudium der Männer angegeben zu werden pflegte.
Nimmt man nun diese ganze Angelegenheit nicht von ihrer komischen Seite, wie ich es eben getan, sondern behandelt man sie ernsthaft, so kann die immer noch sich geltend machende Abneigung der Männer gegen die Erhebung – ich sage geflissentlich nicht Gleichstellung – der Frauen doch schließlich auf nichts Anderes hinauslaufen, als erstens auf das vorsorgliche Bedenken, dass die Frauen sich etwas zumuten könnten, was aber über ihre Kräfte geht. Das würden Sie, wie ich glaube, selber sehr bald merken und davon ablassen, denn Niemand richtet sich mit Arbeit geflissentlich selbst zu Grunde oder arbeitet fortdauernd in einer Tätigkeit, die ihm nichts einbringt.
Zweitens erklärt sich der Widerstand der Männer gegen die Erwerbstätigkeit der Frauen vielleicht durch die für die Frauen höchst schmeichelhafte Besorgnis, es könne den Männern durch die Fähigkeit der Frauen, sich selbstständig und schicklich zu ernähren, das nötige Kontingent von Ehefrauen entzogen werden. Darüber glaube ich, kann man sie aber, wie ich schon oft versichert, aus vollster Überzeugung beruhigen. Die Frauen heiraten grade so gern, und ich meine noch ein gut Teil lieber, als die Männer; und es sind in Deutschland nicht viele Männer so reich, dass sie es als ein Unglück zu betrachten haben würden, wenn ihre Frauen selber etwas erwerben könnten, oder durch ehrliche Arbeit und ehrlichen Erwerb vor ihrer Ehe es erfahren und würdigen lernen, was ein Taler wert sei, und endlich: Wozu haben die Herren der Schöpfung denn die freie Wahl? Wozu hat man denn die Ehepakten?
Heiraten Sie keine Frauen, die etwas Ordentliches gelernt haben, keine Frauen, die sich – und im Notfall auch Sie und ihre Kinder – zu ernähren verstehen; und setzen Sie in den Ehepakten die Bedingung fest, dass Ihre Frauen nichts tun und nichts leisten sollen, was nicht für Ihren beiderseitigen Hausstand notwendig gefordert ist. Ich bin ganz gewiss, Sie finden solche hübsche, junge, gute Frauen zu Hunderten und Tausenden, und Hunderte und Tausende obendrein, die mit Vergnügen selbst darauf eingehen würden, auch in Ihrem Hause gar nichts zu leisten, als das Geld mit Anmut und so rasch Sie immer wollen, auszugeben, das Sie Ihnen, sei es noch so viel, zu Verfügung darzubieten gewillt sein möchten.
Drittens käme, wie bei meinem Freunde, dem Maler, die Besorgnis in Betracht, dass die Frauen den Männern in ihrem Gewerbe Konkurrenz machen und den Lohn und Ertrag der Arbeit herabdrücken könnten, so dass die Männer gegen sie unter ein Schutzzollgesetz gestellt werden müssten. Das ist aber keine neuen Besorgnis. Schon zur Zeit der Berliner Schneider-Revolution, die jetzt einige dreißig Jahre hinter uns liegt, hegten die Schneider die gleiche Besorgnis. Ich erinnere mich eines Spottgedichtes, das nach Beilegung der Angelegenheit, ich weiß nicht mehr unter welchem Titel und von wem, als Bittschrift der Schneider an den König in Umlauf gesetzt wurde und in welchem die Verse vorkamen:
Zum Andern schaff‘ ab die Schneider-Mamsellen,
die den Lohn verkürzen der Schneider-Gesellen!
Herr König! Das sollst du uns schwören!
Aber, wenn man nicht scherzen, sondern die Sache so ernsthaft behandeln will, als sie behandelt werden muss, so meine ich, dass die Frage, in wie weit Frauen zur Ausbildung und Benutzung ihrer Fähigkeiten berechtigt sind, viel einfacher und viel weitgehender gestellt werden kann und muss, als es bisher zu geschehen pflegte. Es fragt sich: 1) Steht es jedem Menschen frei, dasjenige zu lernen, was er zu lernen wünscht und was er aus eigenen Mitteln oder an den vom Staate für seine Bürger zu unentgeltlichem Unterricht begründeten Anstalten erlernen kann, sofern seine Fähigkeiten dafür ausreichen? 2) Kann es einem Menschen, einem Staatsbürger verweigert werden, die vom Staate zur Ausübung für gewisse Berufsarten erforderliche festgesetzte Prüfung seiner Kenntnisse zu begehren, sofern er die dafür gestellten Vorbedingungen erfüllt hat und die Kosten dieser Prüfung zu tragen im Stande ist? 3) Kann es einem Menschen, der sich nicht durch Verbrechen irgendeiner Art seiner Rechte verlustig gemacht hat, verweigert werden, diejenige Berufstätigkeiten und Leistungen auszuüben, zu denen er im Handwerk, in der Kunst oder wo immer sich geschickt erweist oder durch Staatsprüfungen geschickt befunden worden ist, sofern er Leute findet, die sich seiner zur Leistung dessen, was er erlernt hat und versteht, bedienen wollen?
Ich glaube, in der Verantwortung dieser Fragen würden die Männer, soweit sie davon betroffen werden, ziemlich einig sein, ohne sie deshalb als eine besondere „Männerfrage“ betrachten und erörtern zu wollen. Sie würden vielmehr all das hier in Frage Gestellte als Menschen- und Bürgerrecht unbedenklich für sich in Anspruch nehmen, und wir stehen dann wieder einmal vor der immer neu aufzuwerfenden Frage: Sind die Frauen nicht Menschen? Sind die steuerzahlenden Frauen nicht Bürger des Staates, in welchem sie leben? Selbst unsere weiblichen Dienstboten zahlen – mit Recht – ihre Steuer von ihrem Erwerb.
Weil die wirkliche Not vieler Mädchen und Frauen aus den gebildeten Ständen die Frage nahe legt: Wer soll sie ernähren? weil der steigende Luxus in vielen Familien die Luxusfrauen – denn es gibt Luxusfrauen so gut wie Luxuspferde – zu den eigentlichen tüchtigen Hausfrauen-Leistungen unbrauchbar machen, so dass man sich nach Ersatzfrauen für sie umsehen musste, ist man, durch das Bedürfnis gedrängt, dazu gekommen, den Frauen gewisse Erwerbstätigkeiten einzuräumen, von denen man sie früher ferngehalten hat. Man nimmt auch darauf bedacht, die Untüchtigkeit vieler Hausfrauen in allen Ländern durch Erzieherinnen und besser vorgebildete Dienstboten unschädlich für die Familie zu machen. Aber man ist noch sehr weit davon entfernt, sich es beständig und fest vorzuhalten, dass „die sittliche Erhebung eines Volkes auf der Erhebung und auf der Sittlichkeit seiner Frauen beruht“. Denn es ist gewiss eher möglich und leichter, die große Masse der Frauen allmählich zu jener gesteigerten Selbstachtung zu erziehen, die sich nicht zum Spielball für das bloße, flüchtige Begehren der Männer hergibt, als die Männer zu solcher Heilighaltung der wahren Menschenwürde auch im Weibe zu überreden und zu gewöhnen. Oder wie würden die Männer es ansehen, wenn Tausende und aber Tausende von ihnen das entsetzenerregende Los zu Teil würde, so unter die Füße getreten und dem Elend und der Verachtung preisgegeben zu werden, wie alle jene Scharen von Frauen der armen und schlecht unterrichteten Stände, die ohne Selbstachtung erzogen, ohne genügend Vorbereitung für eine Erwerbstätigkeit in das Leben geschleudert werden in dem Glauben und mit der Erwartung, dass der Mann und die Ehe für sie die versorgende Vorsehung zu werden bestimmt sind?
Ich glaube, jeder Mann, dem es ernst ist mit seiner Vaterlandsliebe, mit der Tüchtigkeit des Volkes, dem er angehört, hat kaum eine dringendere Pflicht, als für die gute Erziehung, für jene Ausbildung der Frauen zu sorgen, die sie befähigt macht, sich selber ehrlich und ausreichend zu ernähren, wenn und so lange sie auf sich selber angewiesen sind, und die sie mehr als andere geeignet machen, einem Manne eine verständige Hausfrau zu werden und ihre Söhne und Töchter zweckmäßig innerhalb des Standes zu erziehen, dem sie angehören.
Und somit komme ich auf die Fortbildungsschulen für Frauen zurück, von denen ich Ihnen nächstens spreche und deren Sie ja auch in Köln wohl welche haben werden. Sie dürfen aber nach meiner Meinung nirgend, auch nicht auf dem Lande fehlen.
Clementine, Leipzig 1842 (anonym veröffentlicht).
Jenny, Teil 1 und Teil 2, Leipzig 1843 (anonym veröffentlicht).
Einige Gedanken über Mädchenerziehung, 1843.
Eine Lebensfrage, Leipzig 1845 (anonym veröffentlicht).
Diogena, Leipzig 1847 (veröffentlicht unter dem Pseudonym „Iduna Gräfin H.H.“)
Italienisches Bilderbuch, 1847.
Erinnerungen aus dem Jahre 1848, 1850.
Auf Rother Erde, Leipzig 1850.
Meine Lebensgeschichte, Berlin 1861/62.
Adele, 1864.
Von Geschlecht zu Geschlecht, Berlin 1864.
Für und wider die Frauen, Westermanns Monatshefte (Band 28), Braunschweig 1870.
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FANNY LEWALD
Abb.: Österreichische Nationalbibliothek
Fanny Lewald ist in ihrem Leben zahlreichen Diskriminierungen ausgesetzt: Als Mädchen, das nicht wie ihre Brüder eine ersehnte, höhere Schulbildung erhält, sondern sich auf Handarbeit und das Klavier konzentrieren soll. Als Jüdin, die auch nachdem sie zum Christentum konvertiert ist weiterhin als solche gesehen wird. Als unverheiratete Frau, die sich gegen eine von den Eltern arrangierte Ehe wehrt und ihren Lebensunterhalt selbst verdient. Als Affäre eines verheirateten Familienvaters.
Gegen all diese Erfahrungen schreibt sie ein Leben lang an und setzt sich in und außerhalb ihrer Werke für Frauen- und Judenemanzipation und besonders für weibliche Bildung ein. Als die Revolution 1848 ausbricht, reist sie nach Paris, Berlin und Frankfurt und berichtet „live“ von den Ereignissen.
Als Verfasserin zahlreicher Artikel in Zeitungen und Feuilletons ist sie eine der ersten Frauen in Deutschland, die am öffentlichen, gesellschaftspolitischen Diskurs selbstverständlich teilhaben. In Briefwechseln, Freundschaften und Salons pflegt sie ein großes Künstler- und Intellektuellen-Netzwerk – darunter viele Frauen, deren Arbeit und Wirken bis heute kaum aufgearbeitet ist. Auch Fanny Lewald fällt nach dem Nationalsozialismus lange Zeit dem Vergessen anheim. Heute gilt sie als eine der wichtigsten Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts.
Am 24. März erblickt Fanny Lewald als älteste von elf Kindern das Licht der Welt. Schon in ihrer Jugend gerät sie immer wieder in Konflikt mit den traditionellen Rollenbildern, die ihr anerzogen werden sollen, und den schlechteren Bildungschancen, die sie als Mädchen hat.
Lewalds Vater nimmt am Hambacher Fest teil. Die gedruckten Reden, die er Fanny von diesem Tag mitbringt, bewahrt sie bis zu ihrem Lebensende auf.
Unter der Bedingung, dass sie ihre Texte anonym veröffentlicht, erhält Lewald von ihrem Vater die Erlaubnis, allein nach Berlin zu ziehen und als Schriftstellerin zu arbeiten. In den Folgejahren erscheinen mit „Clementine“ (1842) und „Jenny“ (1843) zwei ihrer berühmtesten Romane. Danach gibt sie die Anonymität auf und veröffentlicht unter ihrem eigenen Namen. Lewald gilt als die erste deutsche Schriftstellerin, die von ihrer Arbeit gut leben kann.
Während einer Italienreise lernt Lewald Adolf Stahr kennen. Sie und der Familienvater beginnen eine Affäre, was Lewald Missbilligung und Kritik vor allem in den bürgerlichen Kreisen, in denen sie verkehrt, einbringt.
In Lewalds Salon trifft sich ein wachsender Kreis von Freunden und Bekannten, angehende Schriftsteller wie Theodor Fontane, Künstler, Intellektuelle, Politiker und Revolutionäre. Insgesamt zählt der Salon über die Jahre hinweg über hundert Besucherinnen und Besucher, darunter zahlreiche politische und literarische Größen.
Lewald reist begeistert und gespannt den Revolutionsgeschehen hinterher und berichtet von der Februarrevolution in Paris und der Märzrevolution in Berlin („Erinnerungen aus dem Jahre 1848“). Auch aus der Paulskirche berichtet sie von den Besucherrängen. Gänzlich überzeugt von der deutschen Revolution zeigt sie sich aber nicht: Sie kritisiert die Unentschlossenheit der Verantwortlichen und äußert ihre Sorge vor blutigen Aufständen.
In „Auf roter Erde“ verarbeitet Lewald ihre Enttäuschung über die nicht geglückte Revolution und kritisiert die Nationalversammlung als „Rednerparlament“.
Auf einer Englandreise erlebt sie in London die extreme Armut vieler Arbeiter. Drei Jahre später veröffentlicht sie „Kein Haus“, in dem sie scharfe Kritik an der mangelnden Unterstützung für die arme Bevölkerung übt. In ihrem Leben reist Lewald durch ganz Europa. Ihre Reiseberichte sind bei der Leserschaft besonders beliebt.
Nach seiner Scheidung heiraten Lewald und Stahr. Im Ehevertrag stellt sie sicher, dass ihr Vermögen, das größer ist als das ihres Mannes, ihr eigenes bleibt. Außerdem steuert sie die Hälfte für Miete und Lebenskosten bei.
Beim Friedenskongress in Genf werden Lewalds „Zehn Artikel wider den Krieg“ verlesen. Sie selbst darf als Frau nicht an dem Kongress teilnehmen, ihr Beitrag gilt aber als einer der wichtigsten der Veranstaltung.
In ihrem Werk „Zwölf Bilder nach dem Leben“ erinnert Lewald kur vor ihrem Tod an wichtige Weggefährten, darunter Heinrich Heine und Therese von Bacheracht.
Am 5. August verstirbt Lewald in Dresden.
Erst Jahrzehnte nach ihrem Tod erscheint ihre Autobiografie „Römisches Tagebuch“. Zu ihren Lebzeiten wollte niemand den Text veröffentlichen, da sie sich darin positiv über die Affäre mit einem verheirateten Mann äußert – ein Tabubruch für die damalige Zeit. Nur wenige Jahre später wird die viel gelesene Schriftstellerin von den Nationalsozialisten aus dem literarischen Kanon der Zeit gedrängt und gerät lange in Vergessenheit.
Ich hasse die Ehe nicht; im Gegenteil, ich halte sie hoch, dass ich sie und zugleich mich zu erniedrigen fürchte, wenn ich dies heilige Band knüpfte, ohne dass mein Gefühl Teil daran hätte. […] ich halte heute noch die Ehe für den einzigen Weg, der den Menschen zu der größten Vollkommenheit führt, die seiner Individualität möglich ist. […] Aber was hat man aus der Ehe gemacht? – ein Ding, bei dessen Nennung wohlerzogene Mädchen die Augen niederschlagen, über das Männer witzeln und Frauen sich heimlich lächelnd ansehen. Die Ehen, die ich täglich vor meinen Augen schließen sehe, sind schlimmer als Prostitution. […] Ist es nicht gleich, ob ein leichtfertiges, sittlich verwahrlostes Mädchen sich für eitlen Putz dem Manne hingibt, oder ob Eltern ihr Kind für Millionen opfern? Der Kaufpreis ändert die Sache nicht.
1 Hier spricht die Titelfigur, die gegen ihre eigenen Überzeugungen einen älteren Mann heiratet, obwohl sie einen anderen liebt.
[…] ich beneidete es schon lange allen Knaben, dass sie Knaben waren und studieren konnten, und ich hatte eine Art von Geringschätzung gegen die Frauen. So töricht das an einem Kinde von neun Jahren erscheinen mag, und so unberechtigt es in meinem besonderen Falle war, lag doch der Ursprung zu diesen Gedanken nicht in mir selbst. Von jeher hatten Freunde, wenn sie meine Fähigkeiten lobten, mit einer Art von Bedauern hinzugefügt: „Wie schade, dass das kein Junge ist.“ – Ich hatte also die Idee gefasst, dass die Knaben etwas Besseres wären als die Mädchen und dass ich selbst mehr und besser sein müsse, als die anderen Mädchen.
Ein Roman, der nicht in genauer Beziehung zu der Zeit steht, in der er geschrieben ward, wird selten ein gelungenes Werk sein […] In Ländern, in denen das Volk selbstregierend Teil nimmt an allen Zeitinteressen […] da darf der Dichter sich in poetischer Betrachtung der Vergangenheit zuwenden […] Doch dünkt es mich augenblicklich in Deutschland eben nicht Zeit dazu sein […] Wir haben jetzt nicht Zeit, in poetischen Ergüssen zu feiern; denn unsere Tage sind Tage des Kampfes und der Arbeit […] So lange das Volk nicht frei seine Meinung sagen darf, so lange muss der Dichter in Bildern für sein Volk sprechen und in Bildern erklären, was die Nation bedarf und fordert.
W]ahre, große Schicksale hat nur die Aristokratie! Ein großes Schicksal […] fällt vom Himmel herab wie die edlen Prärogative der Geburt; aber es will nur […] in englische Parks und auf persische Teppiche herniederfallen […]. Oder denkt euch, ein großes, gigantisches, ein exklusiv tragisches Geschick fiele auf das Leben eines Handwerkes herab? Wie könnte es sich da gestalten? Not und Sorgen […], der Hunger und die Arbeit ertöten alle Sentimentalitäten, die Fantasien, die vagen Träumereien, die idealistischen Erhebungen fliehen vor dem Klappen der Werkzeuge und das ignoble Verlangen hungernder Kinder lässt den Eltern weder für die poetischen Allüren des Herzens noch des Geistes freien Raum.
2 Ein Auszug über den Adel und seine herausgehobene Stellung, den sie satirisch kritisiert – der Roman gilt als Schelmenroman und ist eine Parodie auf die Romane der Gräfin Ida Hahn-Hahn.
Paris, 13. März
[…] Dennoch behauptet man, es sei in jenem Augenblick mehr Wahrscheinlichkeit für die Regentschaft der Herzogin von Orleans als für die Republik gewesen. Nicht die Republik, sondern nur die Einführung des allgemeinen Wahlrechts, welches die übrigen Reformen von selbst nach sich gezogen hätte, wäre eine Notwendigkeit gewesen. Eine Stimme, die sich zur rechten Zeit entschieden für die Regentschaft ausgesprochen, würde die Einführung der Republik gehindert haben. Und da untersteht man sich, auch in Frankreich, an den Zufall in der Weltgeschichte zu glauben, der allem Christen- und Heidentum und aller Möglichkeit und Vernunft widerspricht. Als ob der Zusammenstoß gewitterschwerer Wolken, welche, von den Urkräften erzeugt, sich innerhalb notwendiger Kreise bewegen und in diesen sich ebenso notwendig begegnen und den zerschmetternden Blitz entzünden müssen, ein Zufall wäre! Zufall ist ein Wort, hinter dem sich die Einsichtslosigkeit versteckt, welche selbst die kleine Mühe des Denkens zu schwer findet. – Zufall! in einer Welt, die sich in den Angeln der strengsten gesetzlichen Regelmäßigkeit bewegt, in der jedes Untergehen mit einem Werden zusammenhängt! Man schämt sich, wenn man die Kinder des neunzehnten Jahrhunderts von Zufällen in der Weltgeschichte sprechen hört. Als ob etwas anders werden könnte, als es werden muss! Wo nimmt man bloß die Resignation her, sich über das Unglück zu trösten, das aus dem blinden Zufall für den einzelnen entspringt? In eine Notwendigkeit fügt man sich, aber in die dumme Laune eines blinden Zufalls, von irgendeinem einfältigen Menschen herbeigeführt, nimmermehr.
Die Republik war für Frankreich notwendig, weil sie entstand; und sollte sie auch nur von kurzer Dauer sein in diesem Augenblick, so wird sie auch dann das für diesen Augenblick nötige geleistet und den nötigen Samen für weitere Entwicklung erzeugt haben. Daran halte ich mich und bin ruhig. […]
3 Bericht über die Nachwirkungen der Französichen Februarrevolution 1848
Je mehr man nun die wahre Freiheit liebt, je zuversichtlicher man darauf hofft, sie in der sich allmählich über die Erde verbreitenden republikanischen Verfassung verwirklicht zu sehen, um so ängstlicher betrachtet man jede Unklarheit in den Köpfen derjenigen, welche das Ideal der Republik im Herzen hegen und die man selbst als Träger, als Stützen seines eigenen Idealismus hochhält. Herweghs Rastlosigkeit macht mir Angst. Sie rührt offenbar davon her, dass er, ein Dichter im schönsten Sinne des Wortes, nun plötzlich den Geschichte schaffenden Reformator machen will. Seine Fantasie reißt ihn fort zu glauben, Deutschland stehe auch schon auf dem Entwicklungspunkte, den Frankreich eben jetzt erreicht hat. Der Irrtum ist verzeihlich, denn Herwegh ist seit Jahren vom Vaterlande fern, Aber er will nicht glauben, dass er irrt. Ich besorge, er wird ein furchtbares Nachtstückdichten, wenn er die vorzeitigen Träume seines Geistes im Leben verwirklichen soll. […] Weiterlesen
Manchmal, wenn ich hier so gegen die Männer eifern höre, welche im Umsturz des Bestehenden allein die Möglichkeit einer besseren Zukunft sehe, oder wenn man die Person tadelt und verdammt, die mit der Vergangenheit, ihren Sitten, ihren Ansichten aus Überzeugung gebrochen haben, so kommen mir sorgende Gedanken. Am unverständigsten aber finde ich es, wenn man als Beweis für die Unrichtigkeit einer Theorie ihr augenblickliches Scheitern in der Wirklichkeit anführen will. Es ist, als ob die Leute nie ein Wort von der Vergangenheit, von der Weltgeschichte gehört hätten.
Keine regenerierende Idee ist gleich fertig, gewappnet aus dem Schoße der Zeit entsprungen; alle Reformatoren haben für Aufrührer, für Unsittliche, für Empörer gegolten, alle neuen Sekten sind verspottet, missachtet und womöglich gekreuzigt worden. Geschieht dies jetzt nicht, so ist es wahrhaftig nicht die Schuld der einzelnen, deren bestehende Rechte von den Reformatoren angetastet werden.
Noch nie ist eine sittliche Wahrheit, welche dem für Recht geltenden Unrecht entgegentrat, bei ihrem ersten Auftauchen, als Wahrheit von der ganzen Menschheit begrüßt worden. Als Luther die päpstliche Bulle abriss von der Kirchentüre zu Wittenberg, um sie unter dem Zujauchzen der Studenten auf dem offenem Markte zu verbrennen, als er, der Augustinermönch, dem Ehelosigkeit Gebot war, die Nonne Katharina von Bora aus dem Kloster führte und sie sich von einem seiner Freunde als Gattin antrauen ließ, da haben sehr viele diesen Empörer als Religion und Staat gewiss auch für einen höchst sittenlosen Menschen gehalten und ihm sicher ebensolche Gräuel angedichtet, als den Sozialisten jetzt aufgebürdet werden.
Hat doch selbst Christus, der sich mit Handwerkern umgab, der durch unterrichtete Männer des Volks die Schriftgelehrten und Pharisäer bekehren wollte, der mit eigener Hand die Geißel schwang gegen die Krämer im Gotteshause, für einen Aufwiegler, für einen Empörer gegolten und ist als solcher gekreuzigt worden! Wie mag man sich denn noch immer wundern, dass man auch jetzt die Menschen verleumdet, welche die Irrtümer, die furchtbaren Widersprüche unserer Zustände aufdecken und danach streben, sie zu verbessern? Wie gibt es immer noch Menschen, die sich durch fremdes Urteil irren lassen und davor erschrecken, dass man sie revolutionär und sittenlos nennt, weil sie den Mut haben, den Schlendrian der zur Sitte gewordenen Unsitte, den Schein des zum Recht erhobenen Missbrauchs dreist und frei von sich zu werfen! Das hat jeder tun, jeder erdulden müssen, der die Wahrheit gegen die Lüge und sich selbst gegen das Beugen unter die Lüge verteidigte; und als Christus den Tempel säuberte, Luther die Bannbulle verbrannte, da ist für den Verständigen, für den innerlich freien Menschen auch die Furcht vor dem Götzen „Qu’en dira-t-on?5“ verbrannt, der noch immer als erster Gott die Erde beherrscht und für die Schwachen die Stelle sittlicher Überzeugung vertritt. Ob die Sozialisten ihr Ziel schon jetzt erreichen, ob sie jetzt schon neben dem Bewusstsein des vorhandenen Schlechten das Bewusstsein von dem Bessern haben, was an dessen Stelle gesetzt werden und als Gutes bestehen könnte, zweifle ich; aber das Problem muss gelöst werden, weil das Bedürfnis dieser Lösung als Notwendigkeit vorhanden ist, und es kann sein, dass die Zukunft der Sozialisten oder ihren Nachfolgern gehören wird.
4 Lewalds Gedanken zu Beginn der Deutschen Märzrevolution
5 Übersetzung: Gerede
Wie ist man angstvoll in der Trennung! Die Ferne hat etwas Entsetzliches, und es ist mir ein großer Schmerz, dass ich fern bin in dem ersten großen Augenblicke, den die Geschichte Deutschlands bietet, seit ich denken kann.
Was wird die nächste Zukunft schaffen in Deutschland, in Preußen? Es gibt gewisse Dinge, welche Volk und König einander nie verzeihen, nie vergessen können. Eine wirkliche Aussöhnung zwischen unserem mittelalterlichen-monarchischen Könige und der Idee der Volksfreiheit ist so unmöglich wie die Herstellung einer innerlich zerstörten Ehe. Ein Volk soll aber kein Scheindasein führen.
Wir leben in einer Zeit, welche gewaltsam mit ihrer Vergangenheit zu brechen scheint, und man wird den Kampf verlängern, wenn man nur halb bricht, wenn man nicht allen Schutt des Zusammengestürzten forträumt. Das wird viel Not, viel Mühe machen, mancher wird obdachlos oder unter den Trümmern verschüttet werden, mancher der notwendigen Arbeit des Neubaus erliegen. Es wird nicht bleiben bei den politischen Umgestaltungen; die soziale Revolution bricht unaufhaltsam herein. Hier gilt nur ein Entweder-Oder. Das hat etwas furchtbar Beängstigendes. Es ist ein Entsetzen, so wie wir auf der Wetterscheide der Weltgeschichte zu stehen, zwischen dem Tode der Vergangenheit und der Geburtsstunde der Zukunft – und doch musste dieser Anblick kommen! Es war eine Ungerechtigkeit, eine Lüge in der Welt, denen ein Ende gemacht werden musste, weil die Menschheit beide zu fühlen begonnen hatte. Wer weiß, ob die große soziale Reformation nicht gerade in Deutschland zur Vollendung kommt wie einst die religiöse Reformation, die ja auch ihre Vorgänger in allen romanischen Ländern gehabt hat!
Ich zweifle, dass ich in Paris bleibe; die Spannung, die Ungewissheit über die Vorgänge in der Heimat sind so quälend, dass man darüber jede Genussfähigkeit verliert.
Die Deutschen hier rüsten sich zum Abmarsch; sie wollen fort, sobald sie Geld haben. Auf der Gesandtschaft sagte man uns, dass man ihnen keine Pässe erteilen werde; sie werden aber ohne das gehen und – in ihr Unglück, wie zu fürchten steht. Wenn man fragt: „Was sollen denn diese Leute jenseits des Rheines tun?“, so heißt es: „Ihren Brüdern beistehen.“ – Aber worin? Im Kampfe? – Es ist ja kein Kampf in Deutschland; was sollen die brotlosen Arbeiter dort beginnen? „Sie sollen die Aufregung vermehren, aus der der Kampf und die Republik hervorgehen.“ – Das sagen Menschen, die sonst ganz vernünftig sind, und niemand will bedenken, dass man wohl in einem einigen Lande, bei einer Nation von gleichmäßiger politischer Bildung schnell die Monarchie in eine Republik verwandeln kann, nicht aber die achtunddreißig Fürsten verjagen und aus achtunddreißig getrennten Völkern mit einem Male ein Ganzes herstellen. Wie gern wollte man schon jetzt an diese Möglichkeit, wie gern an die republikanische Verfassung in Deutschland glauben, wenn man es nur könnte.
Bei all den Besorgnissen gibt es aber doch eine Freude: den Sturz der pietistischen Bürokratie in Preußen. Ich möchte jetzt wohl die frommen Geheimräte sehen, die Knechte des Gottes, welcher den christlichen Staat und die absolute Monarchie Preußen vorzugsweise liebte und vor Attentaten und Konstitutionen bewahrten, die, ein Blatt Papier, zwischen dem König und dem Volke schweben. Da wird nun alles Beten in der Geheimratskirche im Tiergarten nichts helfen; der polnische Adler flattert trotz des Roten Adlerordens vierter Klasse, und der beschränkte Untertanenverstand kommt doch ans Ruder.
Es sind nun fast vierzehn Tage her, dass ich, von Paris zurückgekehrt, hier in Berlin lebe, und noch immer ist mir die veränderte Physiognomie Berlins eine auffallende Erscheinung. […]
Verwüstungen durch die Revolution bin ich in der Stadt nicht gewahr worden, soweit sie vom Volke ausgegangen sind, denn die Spuren der Kartätschenkugeln an den Häusern sind nur zu sichtbar. Nur in der Nähe des Neuen Tores sind die Artillerievorratshäuser niedergebrannt, und dadurch ist ein sehr beklagenswerter Verlust an Kriegsgerät herbeigeführt worden. Aber nirgends hat sich das Volks gegen die Paläste des Königs oder der Prinzen gewendet, nirgends das Eigentum angetastet; und es mir eine Genugtuung, dass sich keine Spur von Rohheit im Volke gezeigt, dass selbst der König in allen Proklamationen den Edelmut und die Mäßigung der Kämpfenden lobpreisend anerkannt hat. Weiterlesen
Was mir aber, im Hinblick auf Paris, schmerzlich auffiel, das ist der Mangel an Freudigkeit über den Sieg, der fehlende Schwung des Enthusiasmus, die mich in Paris so sehr überraschten. Keine begeisternden Lieder, keine jener siegestrunkenen Zurufe, welche dort von Mund zu Mund gingen und so elektrisch wirkten. Weder ein Volksgesang wie das „Mourir pour la patrie!“ noch ein Zuruf wie das jubelnde „Vive la République!“ Wir haben keinen deutschen Volksgesang, und „Es lebe der überwundene Absolutismus“ (denn weiter halten wir ja noch nicht) kann man eben nicht rufen. Das aber ist noch nicht das Schlimmste. Was mich beängstigt, ist das Gefühl der Unsicherheit, das ich hier an so vielen Menschen wahrnehme und von dem in Paris keine Spur vorhanden war.
[…] Hier vermisse ich das sehr. Die einen sind wie ungeübte Ballspieler, die den Ball, welcher ihnen fast von selbst in die Hand flog, vor Freude über das Glück fallen lassen, statt fest die Hände zusammenzuschlagen und zuzugreifen; die anderen stehen so ratlos, erschrocken und verlegen da wie Kinder, die zu lange im Gehkorb gehalten worden sind und die nun mit einem Male allein auf die Erde gestellt werden und laufen sollen. Sie trauen den eigenen Füßen nicht; sie haben Furcht, weil sie nicht mehr bevormundet werden; sie möchten eigentlich gern wissen, ob der König, ob die Glieder des vorigen Ministeriums auch zufrieden sind mit dem, was geschehen ist. Sie möchten gern die Extreme vermitteln, ausgleichen, das Harte weich, das Raue glatt machen und sprechen, um niemanden zu verletzen, um allen gerecht zu werden, nicht von der Revolution und ihren Folgen, sondern von den „Errungenschaften“ der Märztage – von der Notwendigkeit einer „Vereinbarung“. Mir aber geht es mit solchen neu erfundenen Worten wie dem Bauer in der Fabel, der nicht essen will, was er nicht kennt; ich fürchte diese unbekannten Worte, in deren hohle Halbheit sich alles mögliche hineinschieben lässt. […]
Wir haben auch Volksversammlungen, Klubs, an denen sich tüchtige Männer beteiligen, in denen vortreffliche Reden gehalten werden sollen. Männer und Frauen der arbeitenden Stände stehen an den Straßenecken, an den Brunnen, um die angehefteten Plakate zu lesen, fordern Erklärungen und verstehen alles, was man ihnen sagen kann, auf halbem Wege. Die Handwerker, die Gesellen sollen vollkommen in der Zeit, vollkommen auf der Höhe der Ereignisse sein; ein großer und edler Teil der Bevölkerung sieht mit opferfreudiger Begeisterung in die Zukunft – aber der Untertänigkeitsgeist eines absolutistisch regierten Volkes, die Angst vieler Besitzenden vor möglichen Verlusten und der weitverzeigte bürokratische Kastengeist sind damit noch lange nicht überwunden. […]
Nach allem, was ich bis jetzt gesehen habe, werden die deutschen Republikaner, die von Frankreich in das Vaterland zurückkehren, bald bemerken, wie sehr sie sich täuschten, wenn sie das monarchisch gewöhnte Deutschland für die Republik begeistert wähnten.
So lebhaft Paris mich anregte, so sehr ich dort an die Dauer der Zustände zu glauben vermochte, so wenig ist das hier der Fall. Die Menschen kommen mir in der Mehrzahl überzeugungslos, schwunglos vor, und ihnen steht ein aus Überzeugung absolutistischer König gegenüber, der sich nun plötzlich zum Diener des Staates in einem konstitutionellen System verwandeln soll. Ich höre unglaublich viel sprechen von dem, was durchaus geschehen müsse, von Auflösung der Garden, der Kadettenhäuser, von Volksbewaffnung – aber auch nur sprechen; denn bis jetzt ist nichts getan. […]
Dennoch ist viel, man möchte sagen alles gewonnen, denn wir haben das Assoziationsrecht des Volkes und die freie Presse. Und da wir Deutsche sind, geschult nach dem Grundsatz „Ruhe ist die erste Pflicht des Bürgers“ – so wollen wir denn in geduldiger Ruhe abwarten, welche Früchte diese Frühlingsblüte der Revolution uns bringen wird.
[…] Die Reaktion liegt so gewitterschwer in der Luft, man kann ihre schwefelgelben, dicken Wolken so deutlich am Horizonte sehen, dass man blind und fühllos sein muss, sich nicht davon bedrückt zu fühlen. Schon wird das Ausrufen und Umhertragen von Flugschriften verboten – und bald wird das übrige nachfolgen.
[…] Ich bin so traurig in dieser Zeit als nie zuvor. Ich hatte so oft, so sehnsüchtig an diese notwendige Revolution gedacht, von ihr Befreiung des einzelnen, idealistische Befreiung des Menschen gehofft; ich hatte mir immer vorgestellt, eine bloß politische Revolution sei unmöglich; es müsste jetzt zugleich eine soziale werden. Nun verleugnen unsere Minister selbst schon die politische Revolution; heben den Prinzen von Preußen auf den Thron der Zuverlässigkeit; leugnen, wie die katholischen Geistlichen seinerzeit in Rom die christkatholische Bewegungen, so die Vorgänge vor dem achtzehnten März und vergessen, dass ihr Ministerium die Frucht jener Tage ist.
In fester, sicherer Haltung, gehoben durch das Bewusstsein der errungenen Freiheit, traten sie auf, die Bürger Berlins, die Begründet des neuen Preußens. Ein Trupp berittener Bürgerwehr eröffnet den Zug. Dann kamen Frauen und Töchter der Mitglieder des Demokratischen Klubs. Sie wurden vom Volk nicht ohne Befremden betrachtet; denn mag man die geistige Berechtigung der Frauen noch so sehr anerkennen, ihr persönliches Auftreten in der Volksmasse liegt außerhalb des deutschen Charakters und sollte deshalb nicht absichtlich hervorgerufen werden, weil damit weder für die wirkliche Erhebung der Frauen, noch für die des Volkes ein Wesentliches gewonnen, wohl aber verloren werden kann.
Im Laufe des heutigen Tages haben wir verschiedene Personen gesprochen und bei allen den Parteihass fast noch stärker ausgeprägt gefunden als in Norddeutschland. Besonders aber scheint auch hier die Erbitterung, oder mindestens der Ausdruck derselben, auf der Rechten maßlos zu sein. Diese Vertreter der alten Zustände und der guten Sitte finden anscheinend eine wahre Genugtuung darin, ihre Gegner als ehrlose, egoistische Vaterlandsverräter anzuklagen, ohne zu bedenken, dass man sich selbst in seinem Gegner ehrt und sich selbst in ihm erniedrigt, wenn man ihn verkleinert. […] Weiterlesen
Ich höre heute von dem Fürsten sprechen, als ob er der edelste Mann der Zeit, der höchste, reinste Charakter Deutschlands gewesen wäre. Dabei wurden denn auch bittere Anklagen gegen die Linke erhoben. Man machte den Männern der Westendhalle, als deren Repräsentant Heinrich Simon angesehen wird, einen Vorwurf daraus, dass sie, als eine gemäßigte Partei, die Ermordung des Fürsten nicht öffentlich und entschieden „desavouiren“6. […] Die Rechte bezeichnet den Fürsten, der, sooft man bisher von ihm hörte, nie als ein fleckenloser Charakter, als ein bedeutender Mann dargestellt wurde, jetzt als eine Natur, welche, zu sich selbst zurückgekehrt, gerade hier in Frankfurt den Aufschwung zu allem Großen und Hohen genommen haben würde, und wundert sich, wenn seine Gegner das nicht gleich glauben wollen ohne entschiedene Beweise dafür, die bisher niemand zu geben gewagt hat.
Dieselben Personen sagen: Wir sind im Parteikampfe, wir sind im blutigsten Bürgerkriege! Dennoch erschrecken sie vor den Symptomen des Übels, von dem sie sich befallen wissen. Sie wundern sich, dass im Fieber Frost und Hitze kommen. Sie erstaunen über schon Dagewesenes, über Zustände, welche von andern Völkern durchlebt worden sind, nur weil sie selbst sie nicht durchlebt haben. […] England und Frankreich haben ihre anarchischen Tage, ihre Diktaturen erlebt, ehe sie die Macht des Absolutismus brachen, der sie knechtisch erniedrigte, und deutsche hochgelehrte Professoren, alte Staatsmänner, welche lange Bücher über Revolutionen und Staatsverfassungen geschrieben haben, sind außer sich darüber, dass bei uns gleiche Ursachen wenn auch hoffentlich nie gleiche, so doch ähnliche Folgen hervorrufen, dass Kampf und Sieg Opfer erheischen. Da ist doch jede junge Frau, die mit dem Blick auf ihre Mutter und Großmutter in ihr Wochenbette geht, mutiger und verständiger als diese Männer. Es kann ihr eben das Leben kosten, das Kind kann auch tot zur Welt kommen, kann sterben, nachdem sie all die Schmerzen erduldet hat; dennoch aber verzagt sie nicht, dennoch glaubt und hofft sie; denn übersteht sie es, so ist ein neues Leben geboren und es haben es ja andere vor ihr überstanden. Es liegt etwas so Kleinliches in dem mutlosen Verzagen dieser Freunde der Ordnung, dass man sich ihrer schämt, wenn man glaubensstark auf den Sieg des Notwendigen rechnet, das geschehen muss und das dann eben auch das Rechte ist. Und obendrein behaupten gerade dieselben Leute, vorzugsweise den Glauben an Gott und göttliche Weltregierung zu haben!
Abends, als wir im Mondschein durch die Stadt und nach dem Mainufer gingen, rief der Belagerungszustand sehr malerische Szenen hervor. Auf allen Plätzen, an der Hauptwache, vor dem Römer, an der Paulskirche lagen biwakierende Soldaten um große Feuer, singend und die Abendration verzehrend. Goethes Statue ist von den Holzbaracken umgeben, welche für die Württemberger Kavallerie aufgeschlagen sind. Der „alte Herr“ sieht göttlich ruhig und ernst darauf hinab; er weiß, dass diese Ereignisse vorübergehen und dass er bestehen wird, dass ihm kein Volk und keine Zeit den Lorbeerkranz entreißen kann, den er in seiner Rechten hält. […]
6 widersprechen
„Allen Menschen ist nicht zu helfen! Um den künftigen Generationen zu helfen, muss man den Mut haben, diese jetzige Generation des Proletariats verhungern zu lassen! Ich will ja jedem ordentlichen Menschen das Wahlrecht zugestehen, der sich durch Bildung und Einsicht dessen würdig zeigt, nur diesen Bettlern, Tagelöhnern und abhängigen Bedienten nicht!“ – Das sind die erhabenen Lehrsätze der Staatsweisheit dieser Staatsmänner aus eigener Machtvollkommenheit, bei denen sie nicht bedenken, dass ein königlicher Regierungsrat oder jeder andere Beamte, der für seines Lebens Unterhalt dient, nicht sehr viel unabhängiger ist als der Hausknecht, von welchem er bedient wird. Im Gegenteil! Der Hausknecht, der gesunde Glieder hat, kann sich seine geringen Bedürfnisse vielleicht eher verschaffen, wenn sein Herr ihn entlässt, als der Beamte sich nähren kann, dessen Ansprüche schwerer zu befriedigen sind, und die Freiheit der Wahl möchte nicht mehr durch die Abhängigkeit der Bedienten als durch die Abhängigkeit ihrer Herrn gefährdet scheinen.
[…] Was schreien denn all die Reichen jetzt so ängstlich aus Furcht vor Verarmung, als hätte es noch nie eine Zeit gegeben, in welcher der Kurs der Papiere geschwankt hätte und der Besitz entwertet worden wäre, als ob in den Jahren von 1806 bis 1815 nicht dasselbe geschehen wäre? Diese Verarmungsfurcht der Besitzenden ist gewiss egoistischer als das Verhalten des Proletariats, das noch nirgend seine oft angeklagte Habsucht bewiesen hat. Im Gegenteil hört man nur Lob, wenn man nach einzelnen Tatsachen fragt, so auch jetzt hier in Frankfurt, wo bei dem Krawall Proletarier das Rothschildsche Haus besetzt gehabt haben. […] Hunderte von Menschen, denen ein Taler schon als Besitz erscheint, sind in dem Hause aus und ein gegangen, und nicht ein Pfennig ist entwendet worden, wie selbst Mitglieder des seligen Bundestages uns gestanden haben.
Aber die Männer der Rechten aus der Paulskirche behaupten dennoch, das Volk sei schlecht, der Meuchelmord, die Nichtachtung des fremden Eigentums werde immer gewöhnlicher. Und mit diesem Glauben wollen sie reformieren! Zum Reformieren gehört die volle Kraft der Liebe, die festeste, glaubensfreudigste Zuversicht; und sie haben weder das eine noch das andere, sondern nur grundlosen Hass und grundlose Furcht.
Der Belagerungszustand ist erklärt, die Stadt ist voller Soldaten, und es ist seitdem, als hätten sie ein eisernes Netz über uns ausgespannt, als wäre uns selbst der Anblick des Himmels entzogen. Die Tore sind offen, die Straßen sind frei – aber man hat dennoch das Gefühl, sich in einem Gefängnis zu befinden.
Der Abend des Zehnten und die Nacht zum Elften waren sehr unheimlich. Viele Leute wollten Berlin verlassen, man packte, auf den Straßen fuhren Droschken voll Kasten und Betten, ganze Familien mit Weib und Kind, den Toren zu. Als es dann Nacht ward, schien die Aufregung zu wachsen. Sobald eine Türe zugeworfen ward, sobald ein Balken zur Erde fiel, glaubte man einen Schuss zu hören; jedes Wagengerassel hielt man für Trommelwirbel. Nicht mir allein, sondern allen, die ich nachher sprach, ist es so gegangen. Das Entsetzen über die Gewalttat hatte die Fantasie erregt, dass man wahrzunehmen glaubte, was der gerechte Zorn für möglich hielt.
[…] Was die Regierung mit dieser Auflösung der Nationalversammlung getan hat, den Widerspruch, den sie gesprochen gegen ihre Verheißungen im März, das wird sie, und wir mit ihr, wenn nicht jetzt, doch einst zu büßen haben. Manches Saatkorn, das die Hand des Menschen der Erde anvertraut, wird vom Winde verweht oder geht nicht auf zur Frucht. Aber die Saaten des Übels, welche die Hände der Fürsten streuen, finden immer den Boden, aus dem sie früh oder spät hervorschießen als ein Schlingkraut, das die Fürstenstämme umstrickt, entkräftet und vernichtet. Weiterlesen
[…] Pflicht und Gehorsam, das sind die beiden Worte, hinter die sich die Gewalt noch immer verschanzen kann, die Gewalt, welche sich weich und doch so fest gebettet hat auf dem furchtbaren christlichen Grundsatz: „Seid untertan der Obrigkeit, welche Gewalt über euch hat.“ Dieser christliche Grundsatz hat den Franzosen von 1800 bis 1813 in Deutschland ihre Siege bereitet, dieser christliche Grundsatz mit seinem blinden Gehorsam gegen die Gewalt wird noch maßloses Elend über und bringen, wenn die jetzt heranwachsende Jugend abermals zu gehorsamen Christen statt zu denkenden Menschen – zu Untertanen der gewalthabenden Obrigkeit statt zu Staatsbürgern erzogen wird.
Frauen, denen sonst ihre Kinder und ihr Haushalt wenig Interesse übrigließen für die Fragen der Zeit und der Politik habe ich weinen sehen, wenn aus den öffentlichen Gebäuden, aus der Münze, dem Zeughause und der Akademie, rauchende Soldaten die Köpfe hervorsteckten und Schelmenlieder sangen; […].
Die Beamten, der Adel und die große Zahl ruhesüchtiger Bürger, wie Berthold Auerbach sie nannte, sind wie von einem Freudentaumel ergriffen. Den Soldaten wird in vielen Häusern und in den Kasernen, in denen sie ohnehin an nichts Mangel leiden, das Leben noch besonders bequem gemacht. […]
Dabei wird die Disziplin sehr locker. Nie, solange ich lebe, habe ich soviel betrunkene Soldaten in den Straßen gesehen als jetzt; es war etwas Unerhörtes in früherer Zeit. Auch der Ton der Offiziere soll – nicht menschlicher, denn das wäre ein Schönes – sondern familiärer geworden sein den Truppen gegenüber. Man sieht den Soldaten viel nach und schmeichelt ihnen.
Mit den Soldaten kehrt denn auch die Schönewelt zurück. Die Damen fangen wieder an, mit ihren galonierten Dienern in die Boutiquen zu gehen, Toilettenstücke zu kaufen und sich für die Salons zu rüsten, die man während der demokratischen Tage geschlossen hatte. Man stickt Chemisetts und Kragentücher mit den verschlungenen Namenszeichen des Prinzen, der Prinzessin von Preußen und des General Wrangel; man erfindet modische Toilette in Schwarz und Weiß und beneidet zweifelsohne das Zebra, das seine schwarz und weißen Streifen gleich von Gottes Gnaden auf die Haut bekommen hat.
Selbst die Geheimräte der vormärzlichen Ministerien, welche ganz unsichtbar geworden waren, kommen schon wieder Unter den Linden zum Vorschein wie Nachtvögel nach Sonnenuntergang. Sie sehen aus, als ob sie innerlich fortwährend „Heil dir im Siegerkranz“ singen…
Es gibt eine Art, alte Gebäude zu stützen, die höchst bedenklich ist, weil die Schwere des zu Stützen verwendeten Materials dem ohnehin schwankenden Hause leicht gefährlich werden kann, und davon machen die Fürsten jetzt vielfach Gebrauch.
[…] es drängt sich mir das alte Bedauern darüber auf, dass man den Frauen auch heute noch jene gründliche, wissenschaftliche Schulbildung, jene Erziehung für ihren Beruf versagt, welche man für die Männer aller Stände und Berufstätigkeiten mehr oder weniger als unerlässliche Notwendigkeit betrachtet. Wäre es nicht so überaus ernsthaft, so könnte man die Zuversicht sehr komisch finden, mit welcher die Männer die Aufsicht ihres Hauses, die teilweise Vertretung ihrer Stellung in der Gesellschaft, die teilweise Verwaltung ihres Erwerbs, die Pflege und Erziehung ihrer Kinder und endlich ihr eigenes Glück und ihre Ehre in die Hände von jungen Personen legen, welche für alle diese wichtigen, ja für diese höchsten Leistungen durch nichts befähigt sind, als etwa durch ihren guten Willen und den meist sehr blinden Glauben verliebter Männer an den Wert des Mädchens, das ihnen wohlgefällt. Man nimmt keinen Dienstboten in sein Haus, ohne zu wissen, ob er die dazu nötige Vorbereitung erhalten habe, man verlangt von jedem Lehrling […] eine mehrjährige Studienzeit, man erkennt niemanden als Meister an, man vertraut keinem Lehrer, keinem Baumeister, keinem Tischler und keinem Professor oder Rat ein Amt an, ohne sich von seiner Tauglichkeit überzeugt zu haben, und man überantwortet die höchste Aufgabe des Lebens, die Gründung und Leitung der Familie, die Erziehung des Menschen, in der Regel den jungen unerfahrenen Geschöpfen, denen man grundsätzlich die Möglichkeit verweigert hat, sich für ihren Beruf gebührend vorzubereiten. […] Dies ist eine Geringschätzung der Frauen, ein völliges Verkennen ihrer Stellung und ihrer Aufgabe innerhalb der menschlichen Gesellschaft.
Das bringt mich zu der Mahnung, dass Sie unter keiner Bedingung Ihre Übersetzung der Arbeit über Frauen-Emanzipation zum Drucke geben. Ein Opfer von unberufenen Händen dargebracht, schadet der besten Sache! – Wenn ich für die Emanzipation der Frauen eintrete, die an literarischer Bedeutung es mit den besten Männern aufnimmt, die 20 Jahre selbständigen Erwerbes hinter sich hat, die eine Familie erzogen, Männer und selbstständige Frauen herangebildet, mit ihrem Gatten gemeinsam, sich das Ideal einer Ehe erbaut, alle ihre Verhältnissen als Hausfrau, selbst als Köchin und als Mittelpunkt eines der größten geselligen Lebenskreise vollständig genügt hat – wenn ich sage: gebt uns Gleichberechtigung! – so hat das einen Sinn! Wenn Sie, geliebtes Kind! die von allem diesem Nicht geleistet an solche Forderungen gehen […] jeder Vernünftige lacht Sie mit Recht aus – und Sie schaden der Sache, der Sie nützen wollen.
Schreibt man häufig und regelmäßig, so spricht man unwillkürlich von demjenigen, was einen eben in der kleinen Pause am meisten interessiert hat. […] Und während ich jetzt darüber nachsinne, meine ich, dass es vielleicht das Gescheiteste oder das Zweckmäßigste ist, wenn ich Ihnen von den Schulen schreibe, welche man hier für die Fortbildung der Frauen aus den unteren und mittleren Ständen gegründet hat und für deren Erweiterung man die Mittel herbeizuschaffen bemüht ist.
Ich komme damit, ehe ich der Schulen selbst Erwähnung tue, abermals auf die Erörterung des Themas zurück, das ich schon verschiedentlich in diesen Blättern besprochen habe und dessen Erwägung mich von früher Jugend an bis auf diesen Tag unausgesetzt beschäftigt hat, dass ich nicht umhin kann, es denen, die praktisch mehr zu leisten vermögen als ich, wiederholentlich an das Herz zu legen, obgleich jetzt bereits eine Anzahl gewiegter Männer die bessere Erziehung und die Fortbildung der Frauen als eine Notwendigkeit erkannt und gebührend beachtet haben.
In den vierziger Jahren, als hier der große Prozess gegen die polnischen Insurgenten geführt wurde, sagte Bettina von Arnim einmal zu mir – und sie hat, meine ich, die Worte später auch drucken lassen – „Ich glaube, in dem Gewebe, das wir die Welt oder das Leben nennen, hat unser Herrgott Jedem von uns einen Faden in die Hand gegeben, an dem er fortspinnen soll. Mir hat er den Faden der Polen-Sache zugewiesen und von der kann ich nun nicht lassen, mag’s kommen wie es will!“ Weiterlesen
Ist dieser Glaube richtig, so muss mir für meinen Teil wohl der Faden der fälschlich so genannten Frauenfrage zuerteilt worden sein, denn sie war mir eine Herzenssache, seit ich zu selbstständigem Denken gekommen war, und lange ehe ich an eine literarische Tätigkeit denken konnte, schrieb ich unter dem Namen einer alten Großmutter für ein preußisches Archiv ein paar Briefe, um das Los der damals in Preußen noch sehr schlecht behandelten und darum sehr verwahrlosten weiblichen Dienstboten wo möglich zu verbessern.
Wie ernsthaft man aber auch von der Wichtigkeit dieser Dinge durchdrungen sein mag, bringt die Art der Behandlung, welche sie von Seiten ganz verständiger Männer immer noch erfährt, einen bisweilen doch zum Lachen.
Ich sprach in der Weihnachtszeit, in welcher die Frauen des „Deutschen Künstlerinnen-Vereins“ auf der Weihnachtsmesse im Architektenhaus zu Berlin ihre großen Befähigungen für vielerlei Kunstarbeiten höchst erfolgreich dargetan hatten, mit einem unserer bedeutendsten Maler eben über die großen und raschen Fortschritte der Frauen. Er selber nannte mir ein paar junge Mädchen, deren Arbeiten er gesehen hatte, bezeichnete mir ein drittes als ein „ganz außerordentliches Talent“ und setzte mit ehrlichem Zorn und einer nicht verhohlenen Erbitterung hinzu: „Es ist gar nicht zu begreifen, wo die Frauenzimmer es alle mit Einem Male hernehmen! Woran so ein Junge Jahre herumpustelt, das haben diese Frauenzimmer im Handumdrehen und wirklich mit Grazie weg! Man hat ja auch nichts dagegen, dass sie Majoliken und Spiegel und Kaminschirme und Tafelkanten malen, aber von der eigentlichen Kunst sollen sie doch die Hände lassen!“
Ich lachte hell auf und erzählte ihm die folgende Geschichte. Wir besuchten einmal in Paris Heinrich Heine, den ich lange Jahre kannte und der damals schon ganz gelähmt darnieder lag. Es kam die Rede auf seinen Atta Troll und auf das oft angeführte
Ja, sogar die Juden sollen
Volles Bürgerrecht genießen,
Und gesetzlich gleichgestellt sein
Allen anderen Säugetieren.
Nur das Tanzen auf den Märkten
Sei den Juden nicht gestattet;
Dies Amendement, ich mach‘ es
Im Interesse meiner Kunst –
Und wir nannten das eine sehr glückliche Erfindung. Gott bewahre, entgegnete Heine, das ist keine Erfindung! Welcher Dichter kann das denn erfinden? So etwas, das erfindet in seiner ganzen erhabenen Lächerlichkeit nur die Einfalt. Ich verkehrte in Göttingen viel mit einem Apotheker, einem sogenannten aufgeklärten, freisinnigen Manne, der auch ganz und gar damit einverstanden war, dass man die Juden emanzipieren müsse, und dass sie alles, was sie begehrten, sollten werden können, nur – nicht Apotheker! Denn Apotheker – nein! Apotheker könnten und dürften die Juden wirklich doch nicht werden! Das war ein Glaubensartikel bei dem Manne.
An den Morgen bei Heine, an Atta Troll und an den Apotheker habe ich viel hundert Mal gedacht, wenn mir von Männern, und es waren oft große Namen der Wissenschaft darunter, Einwände gegen die Fortbildung der Frauen im Allgemeinen oder gegen die besondere Bildung für ein Spezialfach gemacht wurden, welche einzelne Frauen sich anzueignen und zu ihrem und dem allgemeinen Nutzen zu verwerten es etwas gelüsten könnte. Und das Originellste dabei ist, dass man daneben hier und da darüber verhandelt, ob den Männern nicht für das Studium dieser oder jener Fachwissenschaft die humanistische Bildung zu erlassen sei, dessen Nichtbesitz bisher als ein wesentliches Hindernis für die Zulassung der Frauen zum Fachstudium der Männer angegeben zu werden pflegte.
Nimmt man nun diese ganze Angelegenheit nicht von ihrer komischen Seite, wie ich es eben getan, sondern behandelt man sie ernsthaft, so kann die immer noch sich geltend machende Abneigung der Männer gegen die Erhebung – ich sage geflissentlich nicht Gleichstellung – der Frauen doch schließlich auf nichts Anderes hinauslaufen, als erstens auf das vorsorgliche Bedenken, dass die Frauen sich etwas zumuten könnten, was aber über ihre Kräfte geht. Das würden Sie, wie ich glaube, selber sehr bald merken und davon ablassen, denn Niemand richtet sich mit Arbeit geflissentlich selbst zu Grunde oder arbeitet fortdauernd in einer Tätigkeit, die ihm nichts einbringt.
Zweitens erklärt sich der Widerstand der Männer gegen die Erwerbstätigkeit der Frauen vielleicht durch die für die Frauen höchst schmeichelhafte Besorgnis, es könne den Männern durch die Fähigkeit der Frauen, sich selbstständig und schicklich zu ernähren, das nötige Kontingent von Ehefrauen entzogen werden. Darüber glaube ich, kann man sie aber, wie ich schon oft versichert, aus vollster Überzeugung beruhigen. Die Frauen heiraten grade so gern, und ich meine noch ein gut Teil lieber, als die Männer; und es sind in Deutschland nicht viele Männer so reich, dass sie es als ein Unglück zu betrachten haben würden, wenn ihre Frauen selber etwas erwerben könnten, oder durch ehrliche Arbeit und ehrlichen Erwerb vor ihrer Ehe es erfahren und würdigen lernen, was ein Taler wert sei, und endlich: Wozu haben die Herren der Schöpfung denn die freie Wahl? Wozu hat man denn die Ehepakten?
Heiraten Sie keine Frauen, die etwas Ordentliches gelernt haben, keine Frauen, die sich – und im Notfall auch Sie und ihre Kinder – zu ernähren verstehen; und setzen Sie in den Ehepakten die Bedingung fest, dass Ihre Frauen nichts tun und nichts leisten sollen, was nicht für Ihren beiderseitigen Hausstand notwendig gefordert ist. Ich bin ganz gewiss, Sie finden solche hübsche, junge, gute Frauen zu Hunderten und Tausenden, und Hunderte und Tausende obendrein, die mit Vergnügen selbst darauf eingehen würden, auch in Ihrem Hause gar nichts zu leisten, als das Geld mit Anmut und so rasch Sie immer wollen, auszugeben, das Sie Ihnen, sei es noch so viel, zu Verfügung darzubieten gewillt sein möchten.
Drittens käme, wie bei meinem Freunde, dem Maler, die Besorgnis in Betracht, dass die Frauen den Männern in ihrem Gewerbe Konkurrenz machen und den Lohn und Ertrag der Arbeit herabdrücken könnten, so dass die Männer gegen sie unter ein Schutzzollgesetz gestellt werden müssten. Das ist aber keine neuen Besorgnis. Schon zur Zeit der Berliner Schneider-Revolution, die jetzt einige dreißig Jahre hinter uns liegt, hegten die Schneider die gleiche Besorgnis. Ich erinnere mich eines Spottgedichtes, das nach Beilegung der Angelegenheit, ich weiß nicht mehr unter welchem Titel und von wem, als Bittschrift der Schneider an den König in Umlauf gesetzt wurde und in welchem die Verse vorkamen:
Zum Andern schaff‘ ab die Schneider-Mamsellen,
die den Lohn verkürzen der Schneider-Gesellen!
Herr König! Das sollst du uns schwören!
Aber, wenn man nicht scherzen, sondern die Sache so ernsthaft behandeln will, als sie behandelt werden muss, so meine ich, dass die Frage, in wie weit Frauen zur Ausbildung und Benutzung ihrer Fähigkeiten berechtigt sind, viel einfacher und viel weitgehender gestellt werden kann und muss, als es bisher zu geschehen pflegte. Es fragt sich: 1) Steht es jedem Menschen frei, dasjenige zu lernen, was er zu lernen wünscht und was er aus eigenen Mitteln oder an den vom Staate für seine Bürger zu unentgeltlichem Unterricht begründeten Anstalten erlernen kann, sofern seine Fähigkeiten dafür ausreichen? 2) Kann es einem Menschen, einem Staatsbürger verweigert werden, die vom Staate zur Ausübung für gewisse Berufsarten erforderliche festgesetzte Prüfung seiner Kenntnisse zu begehren, sofern er die dafür gestellten Vorbedingungen erfüllt hat und die Kosten dieser Prüfung zu tragen im Stande ist? 3) Kann es einem Menschen, der sich nicht durch Verbrechen irgendeiner Art seiner Rechte verlustig gemacht hat, verweigert werden, diejenige Berufstätigkeiten und Leistungen auszuüben, zu denen er im Handwerk, in der Kunst oder wo immer sich geschickt erweist oder durch Staatsprüfungen geschickt befunden worden ist, sofern er Leute findet, die sich seiner zur Leistung dessen, was er erlernt hat und versteht, bedienen wollen?
Ich glaube, in der Verantwortung dieser Fragen würden die Männer, soweit sie davon betroffen werden, ziemlich einig sein, ohne sie deshalb als eine besondere „Männerfrage“ betrachten und erörtern zu wollen. Sie würden vielmehr all das hier in Frage Gestellte als Menschen- und Bürgerrecht unbedenklich für sich in Anspruch nehmen, und wir stehen dann wieder einmal vor der immer neu aufzuwerfenden Frage: Sind die Frauen nicht Menschen? Sind die steuerzahlenden Frauen nicht Bürger des Staates, in welchem sie leben? Selbst unsere weiblichen Dienstboten zahlen – mit Recht – ihre Steuer von ihrem Erwerb.
Weil die wirkliche Not vieler Mädchen und Frauen aus den gebildeten Ständen die Frage nahe legt: Wer soll sie ernähren? weil der steigende Luxus in vielen Familien die Luxusfrauen – denn es gibt Luxusfrauen so gut wie Luxuspferde – zu den eigentlichen tüchtigen Hausfrauen-Leistungen unbrauchbar machen, so dass man sich nach Ersatzfrauen für sie umsehen musste, ist man, durch das Bedürfnis gedrängt, dazu gekommen, den Frauen gewisse Erwerbstätigkeiten einzuräumen, von denen man sie früher ferngehalten hat. Man nimmt auch darauf bedacht, die Untüchtigkeit vieler Hausfrauen in allen Ländern durch Erzieherinnen und besser vorgebildete Dienstboten unschädlich für die Familie zu machen. Aber man ist noch sehr weit davon entfernt, sich es beständig und fest vorzuhalten, dass „die sittliche Erhebung eines Volkes auf der Erhebung und auf der Sittlichkeit seiner Frauen beruht“. Denn es ist gewiss eher möglich und leichter, die große Masse der Frauen allmählich zu jener gesteigerten Selbstachtung zu erziehen, die sich nicht zum Spielball für das bloße, flüchtige Begehren der Männer hergibt, als die Männer zu solcher Heilighaltung der wahren Menschenwürde auch im Weibe zu überreden und zu gewöhnen. Oder wie würden die Männer es ansehen, wenn Tausende und aber Tausende von ihnen das entsetzenerregende Los zu Teil würde, so unter die Füße getreten und dem Elend und der Verachtung preisgegeben zu werden, wie alle jene Scharen von Frauen der armen und schlecht unterrichteten Stände, die ohne Selbstachtung erzogen, ohne genügend Vorbereitung für eine Erwerbstätigkeit in das Leben geschleudert werden in dem Glauben und mit der Erwartung, dass der Mann und die Ehe für sie die versorgende Vorsehung zu werden bestimmt sind?
Ich glaube, jeder Mann, dem es ernst ist mit seiner Vaterlandsliebe, mit der Tüchtigkeit des Volkes, dem er angehört, hat kaum eine dringendere Pflicht, als für die gute Erziehung, für jene Ausbildung der Frauen zu sorgen, die sie befähigt macht, sich selber ehrlich und ausreichend zu ernähren, wenn und so lange sie auf sich selber angewiesen sind, und die sie mehr als andere geeignet machen, einem Manne eine verständige Hausfrau zu werden und ihre Söhne und Töchter zweckmäßig innerhalb des Standes zu erziehen, dem sie angehören.
Und somit komme ich auf die Fortbildungsschulen für Frauen zurück, von denen ich Ihnen nächstens spreche und deren Sie ja auch in Köln wohl welche haben werden. Sie dürfen aber nach meiner Meinung nirgend, auch nicht auf dem Lande fehlen.
Clementine, Leipzig 1842 (anonym veröffentlicht).
Jenny, Teil 1 und Teil 2, Leipzig 1843 (anonym veröffentlicht).
Einige Gedanken über Mädchenerziehung, 1843.
Eine Lebensfrage, Leipzig 1845 (anonym veröffentlicht).
Diogena, Leipzig 1847 (veröffentlicht unter dem Pseudonym „Iduna Gräfin H.H.“)
Italienisches Bilderbuch, 1847.
Erinnerungen aus dem Jahre 1848, 1850.
Auf Rother Erde, Leipzig 1850.
Meine Lebensgeschichte, Berlin 1861/62.
Adele, 1864.
Von Geschlecht zu Geschlecht, Berlin 1864.
Für und wider die Frauen, Westermanns Monatshefte (Band 28), Braunschweig 1870.
Hoffmann, Roswitha: Das Mädchen mit dem Jungenkopf. Kindheit und Jugend der Schriftstellerin Fanny Lewald, Diss., Sulzbach/Taunus 2011.
Marci-Boehncke, Gudrun: Fanny Lewald: Jüdin, Preußen, Schriftstellerin: Studien zu autobiographischem Werk und Kontext, Stuttgart 1998.
Mikota, Jana: Jüdische Schriftstellerinnen – wieder entdeckt: Fanny Lewald, in: Medaon, 2 (Heft 2), 2008.
Ornam, Vanessa van: Fanny Lewald and Nineteenth-Century Constructions of Femininity, New York 2002.
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Stamm, Ulrike: Fanny Lewald: Autorenschaft im Zeichen der Vernunft, Zeitschrift für Germanistik 22, Nummer 1, 2012, S. 129-141.
Stöver, Krimhild: Leben und Wirken der Fanny Lewald: Grenzen und Möglichkeiten einer Schriftstellerin im gesellschaftlichen Kontext des 19. Jahrhunderts, Hamburg 2013.
Umja, Christina (Hg.): Fanny Lewald (1811-1889). Studien zu einer großen Schriftstellerin und Intellektuellen (Vormärz-Studien XX), Bielefeld 2011.
Venske, Regula: „Ach Fanny!“ Vom jüdischen Mädchen zur preußischen Schriftstellerin: Fanny Lewald, Berlin 1998.
Wagner, Ulrike: Fanny Lewald (1811-1889), in: The Oxford Handbook of Nineteenth-Century Women Philosophers in the German Tradition, hg. von Kristin Gjesdal / Dalia Nassar, Oxford 2024, S. 151-174.
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