GEORG HERWEGH
Abb.: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg, J-Ac_H-215
Der Dichter und Revolutionär Georg Herwegh, der neben Heinrich Heine populärste Lyriker seiner Zeit, gab dem bis dahin zumeist stummen Protest eine Stimme. In seinen Texten sprach er aus, was viele Menschen jener Zeit dachten, fühlten, erlitten, beklagten. Wie kaum ein zweiter hat er dadurch die politische Geschichte des 19. Jahrhunderts geprägt. Seine „Gedichte eines Lebendigen“ wurden zu einem überragenden Erfolg, sie waren gewissermaßen das Initial für die Formierung einer demokratischen Massenbewegung. Tausende jubelten ihm auf einer Lesereise durch die deutschen Länder zu, überall bildeten sich „Herwegh-Clubs“. Literatur und Poesie, weniger durch die Zensur gegängelt als politische Prosa, wurden zum „Nährstoff“ für die sich nun immer mutiger und radikaler artikulierende Opposition.
Als er nicht nur wortmächtig, sondern auch tatkräftig versuchte, gemeinsam mit seiner Frau Emma und rund 850 Freiheitskämpfern den badischen Aufstand von Paris aus mit einer „Deutschen Legion“ zu unterstützen, scheiterte er und konnte in die Schweiz entkommen. Den demokratischen Idealen blieb er zeit seines Lebens treu.
Am 31. Mai wird Georg Herwegh in Stuttgart als Sohn des Gastwirts Ludwig Ernst Herwegh und seiner Frau Rosine geboren.
Aufgewachsen im kleinbürgerlichen Milieu besucht Georg nach der Schule das „Evangelisch-Theologische Seminar“ der Klosterschule Maulbronn, um, dem Wunsch seiner Mutter folgend, den krisenfesten Beruf des Pfarrers zu ergreifen.
Die Fesseln der theologischen Doktrin sind jedoch nichts für den jungen Georg, der sich stattdessen für Hegel und die Ideale der Französischen Revolution begeistert. Er beginnt ein Studium der Rechtswissenschaften in Tübingen und wird Mitglied einer burschenschaftlichen Vereinigung.
Das Studium bricht er schon bald wieder ab; er wird als freier Schriftsteller tätig und schreibt für verschiedene Zeitschriften.
Kurz zuvor zum Militärdienst einberufen, wird Herwegh inhaftiert, weil er einem Offizier den militärischen Gruß verweigert hatte. Er „desertiert“ daraufhin in die Schweiz, wo er für die von Johann Georg August Wirth herausgegebene Zeitschrift „Deutsche Volkshalle“ als Redakteur tätig wird.
In diesem Jahr erscheint der erste Band der „Gedichte eines Lebendigen“, der Herwegh auf einen Schlag berühmt macht. Es gelingt ihm darin, wie neben ihm nur Heinrich Heine und Ferdinand Freiligrath, Politik und Poesie zu verbinden, „aus einer Sache des Verstandes Herzenssache“ zu machen.
Nach einer spektakulär erfolgreichen Lesereise – inklusive einer Audienz beim preußischen König Friedrich Wilhelm IV. – wird Herwegh im Dezember aus Preußen ausgewiesen, weil er sich in einem offenen Brief über die politischen Verhältnisse in Deutschland beklagt hatte. Herwegh geht zurück in die Schweiz
Übersiedelung nach Paris. Das Ehepaar Herwegh bezieht eine Wohnung in unmittelbarer Nachbarschaft zum befreundeten Ehepaar Marx. Für Karl Marx‘ „Rheinische Zeitung“, inzwischen verboten, hatte er zuvor mehrfach geschrieben.
Nach der Pariser Februarrevolution 1848 wird Herwegh Präsident der „Deutschen Demokratischen Gesellschaft“ in Paris und der daraus hervorgegangenen „Deutschen Demokratischen Legion“, einer Kampftruppe von deutschen Exilanten in Paris, um die Revolution in der Heimat zu unterstützen.
Die Aufständischen um Herwegh ziehen nach Baden, werden aber in einem Gefecht bei Dossenbach vernichtend geschlagen. Den Herweghs gelingt die Flucht in die Schweiz, wo ihr Haus in den Folgejahren zu einem wichtigen Treffpunkt deutscher Demokratinnen und Demokraten wird.
Herwegh wird zum Bevollmächtigten des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“ (ADAV) in der Schweiz, der ersten Vorläuferorganisation der späteren „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (SPD). Auf Veranlassung von Ferdinand Lassalle, dem Begründer des ADAVs, schreibt er das bis heute berühmte „Bundeslied“.
Als Mitstreiter der „Ersten Internationale“ kehrt Herwegh, inzwischen wie alle demokratischen Oppositionellen amnestiert, nach Deutschland zurück.
Herwegh schließt sich der von August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründeten „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei“ (SDAP) an.
Am 7. April 1875 stirbt Georg Herwegh im heute zu Baden-Baden gehörenden Lichtental. Auf seinen Wunsch hin lässt ihn sein Frau Emma „in republikanischer Erde“, im schweizerischen Liestal begraben.
Stephan Reinhardt
Georg Herwegh: ein Leben und Werk im 19. Jahrhundert (1817-1875). Als sich das in zahlreiche Fürstentümer und einige Königreiche zersplitterte Agrarland Deutschland zu industrialisieren begann und sich der damit massiv entfaltende Gegensatz von Kapital und Arbeit die Lebensverhältnisse für die Kapitalgeber immer profitabler machte, während die in den Fabriken nur ihre Arbeitskraft verkaufenden Arbeiter zunehmend verelendeten, suchte der intellektuell und moralisch sensible Georg Herwegh in der Auseinandersetzung mit französischen und deutschen Sozialisten nach Alternativen. Weiterlesen
Georg Herwegh
Vor der Freiheit sei kein Frieden
Erschienen am 08.02.2024
Taschenbuch mit Klappen, 176 Seiten
€ (D) 14,– / € (A) 14,40
ISBN 978-3-462-50011-0
Georg Herwegh, 1817 in Stuttgart geboren, Sohn eines Kochs und Gastwirts, stammte aus kleinbürgerlichem Milieu. Der raue Vater heiratete die ältere Apothekerstochter Rosine Märklin. Als der Zwölfjährige am Nervenleiden „Veitstanz“ (Chorea Huntington) erkrankte, beteiligte er sich selbst intensiv am Heilungsprozess – Ausgangspunkt seines dauerhaften naturwissenschaftlichen Interesses. Da es der Wille der Mutter war, den krisenfesten Beruf des Pfarrers zu ergreifen, besuchte er das renommierte „Evangelisch-Theologische Seminar“ der Klosterschule Maulbronn.
Doch Herweghs auffälliges „poetisch-deklamatorisches Talent“, so ein Zeugnis, sprengte die Fesseln, die ihm die theologische Doktrin auferlegte. Der Schüler begeisterte sich für die bahnbrechende Philosophie der Freiheit von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, für die Ideale der Französischen Revolution – „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ –, für Johann Gottlieb Fichtes Bürgerrecht auf Revolution, und er machte sich die Forderungen zu eigen, die 1832 vom großen Hambacher Fest überallhin ausstrahlten: nach Freiheit und nach einem in einer großen Republik geeinten Europa. „Die Revolution überhaupt ist die Religion unserer Zeit; sie ist wenigstens meine“ – hielt er in einem seiner Aphorismen fest.
Der junge Herwegh, von früh an mit untrüglichem Gerechtigkeitssinn ausgestattet, zugleich ein kluger Analytiker, erlas sich einen erstaunlichen Bildungsfundus: Von der griechisch-römischen und germanischen Mythologie (die sich sein späterer, zeitweiser Freund Richard Wagner zunutze machte) über Shakespeare (dessen Stücke er nächtelang studierte), und die deutschen Klassiker Lessing, Goethe und Schiller bis hin zu den verbotenen Autoren des „Jungen Deutschland“, allen voran Ludwig Börne, Heinrich Heine und Karl Gutzkow, seinen Vorbildern, allesamt wie er geistige Kinder der französischen Juli-Revolution von 1830. Weil er sich dem Atheismus der Religionskritik der Linkshegelianer David Friedrich Strauß und Ludwig Feuerbach (der zu seinen engsten Freunden gehören wird) anschloss, wurde er deshalb und disziplinarischer Verstöße wegen aus dem „Tübinger Stift“, wohin er 1835 zum Studium der Theologie gewechselt war, ausgeschlossen. Feuerbachs Überzeugung, der Mensch erschaffe sich Gott nach seinem eigenen Bilde, nach dem Ideal seiner Wünsche, war in den Augen der einen Schöpfergott behauptenden Kirche unhaltbar. Das anschließend begonnene Jurastudium brach Herwegh gleich wieder ab und ließ sich als freier Schriftsteller in Stuttgart nieder. Ein mutiger Schritt, den er im Gedicht „Leicht Gepäck“ feierte: „Ich bin ein freier Mann und singe/Mich wohl in keine Fürstengruft,/Und alles, was ich mir erringe,/Ist Gottes liebe Himmelsluft./Ich habe keine stolzen Feste,/Von der man Länder übersieht,/Ich wohn ein Vogel nur im Neste,/Mein ganzer Reichtum ist mein Lied.“
Das Lied war das revolutionäre Medium im Vormärz und Herwegh ein junger, selbstbewusster Oppositioneller, der im Stuttgarter Theatermilieu verkehrte, Gedichte und Szenen schrieb, dazu brillante Feuilletons, kluge Kritiken und im Brotberuf Werke des französischen Erfolgsautors Alphons des Lamartine übersetzte.
Zum Militärdienst einberufen, wurde Herwegh kurz darauf inhaftiert, unter anderem, weil er im Stuttgarter Opernhaus einem Offizier den militärischen Gruß verweigert hatte. Er desertierte in die nahe Schweiz, zunächst nach Emmishofen am Bodensee, wo der emigrierte Hambacher Hauptredner August Wirth ihn als Redakteur seines Journals „Deutsche Volkshalle“ anstellte. In Wirths „Deutscher Volkshalle“ begründete der steckbrieflich gesuchte Deserteur, worauf es ihm ankam: Politik und Poesie auf Augenhöhe miteinander zu verbinden. „Waren das nicht alberne Vorwürfe“: „Jedes Schneegänschen soll man besingen dürfen, und die Freiheit nicht“. – Shakespeares Königsdramen und Goethes „Faust“ zum Beispiel waren ja schlagende Gegenbeispiele.)
Herweghs Bekenntnis als gültiger Aphorismus: „Politik und Poesie – politische Poesie. So? Die politische Poesie sei keine Poesie? O ja, so ist aus einer Sache des Verstandes Herzenssache geworden, und darum Poesie.“
Herwegh beklagte den „Mangel an politischer Bildung bei den deutschen Literaten“ und benannte als „Prinzip der neuen Literatur (…) das demokratische.“ Es entdecke und beschreibe wie z. B. der französische Lyriker und Chansonnier Pierre-Jean Béranger „die unteren Kreise“ der Gesellschaft.
Herwegh siedelte nach Zürich über, in die nach Genf liberalste Schweizer Emigrantenstadt. Und erlebte nach der muffig-philiströsen Enge der von Thron und Altar beherrschten deutschen Kleinstaaterei die Alpenrepublik als verheißungsvollen Ort der Freiheit. Doch Herwegh wird sich inmitten der Schweizer Bergwelt auch plötzlich dessen bewusst, dass er „die Welt, die ich im Tale ließ zurück“, nicht vergessen kann. Es „verlangt“ ihn „nach dem Staub der Straßen, dem Druck der Not da unten allzumal. Wie nach den Feinden selbst, die ich verlassen. Und nach der Menschheit vollster, tiefster Qual“. Bei seinem ersten Paris-Besuch erlebte er hautnah den „Druck der Not“. Was seine „Feinde“ in einigen Arbeitervierteln der zur Millionenstadt herangewachsenen Metropole Menschen an Unmenschlichkeit zumuteten, beschrieb er eindrücklich in „Vom armen Jakob und von der kranken Lise“, seinen ersten sozialen Gedichten. Fortan ergriff er Partei für sozial und politisch an den Rand Gedrängte, für Ausgebeutete und Arme.
Vom sozialen und politischen Elend erzählte Herwegh in seinen Gedichten. Begeistert von seinem mündlichen Vortrag ebendieser „Freiheitslieder“ publizierte die Züricher Emigrantengemeinde sie unter dem Titel „Gedichte eines Lebendigen“ in einem eigens dafür gegründeten Verlag. Gleichsam über Nacht machten ihn diese Verse zum berühmtesten deutschen Lyriker. Und wurden sogleich verboten. Ingrid Pepperle, die mit ihrer sechsbändigen Werk- und Briefausgabe der Herwegh-Forschung neue Impulse gegeben hat, kommt auf die verblüffende Zahl von nahezu 100 000 Leserinnen und Lesern. Politische Bekenntnisse drückte Herwegh so prägnant aus, dass sie zu geflügelten Worten wurden: „Wir haben lang genug geliebt, wir wollen endlich hassen! – Und wer wie ich mit Gott gegrollt, darf auch mit einem Könige grollen. – Reißt die Kreuze aus der Erden! Alle sollen Schwerter werden, Gott im Himmel wird’s verzeihen. – An die Türen will ich schlagen, nicht mehr klagen. Donnern will ich durch die Lande.“
Herweghs Mahn- und Weckrufe wirkten wie ein Fanal: Sie entflammten den Protest gegen Obrigkeitsstaat und Restauration, gegen Biedermeier und Philistertum. Deutschland geriet in ein regelrechtes Herweghfieber. Der Leipziger Apothekerlehrling Theodor Fontane, der abends im „Herwegh-Klub“ verkehrte, hielt später fest: „So mancher, dem die Politik ein Gräuel war, ist durch sie plötzlich zum Mann geworden, und Gut und Blut setzt er für die 'Freiheit' ein.“
Herwegh riss den deutschen Michel aus seinem Dämmerschlaf und meldete Widerspruch an gegen erstarrte, mit rigiden Verboten und Strafen demütigende feudale Verhältnisse, in der Form treffender, ironisch-satirischer Polemik: „Deutschland – auf weichem Pfühle,/Mach dir den Kopf nicht schwer! Im irdischen Gewühle/Schlafe, was willst du mehr?/Lass jede Freiheit dir rauben,/Setze dich nicht zur Wehr,/Du behältst ja den christlichen Glauben:/Schlafe, was willst du mehr ?“
Auf einer großen Reise, die ihn – Württemberg, aus dessen Militär er desertiert war, umgehend – durch ganz Deutschland bis nach Königsberg führte, wurde Herwegh enthusiastisch gefeiert, mit Festessen und Fackelzügen, vor allem von Studenten und Handwerkern. Dabei knüpfte er ein erstaunlich breites linkes Netzwerk und gewann neue Freunde von Bakunin und Robert Blum bis zu Arnold Ruge und Karl Marx. Die auf ihn angesetzten Spitzel vom „Mainzer Informationsbüro“ meldeten jeden seiner Schritte. Ihre Berichte ließ sich sogar Fürst Metternich in Wien vorlegen, die zentrale Figur der regierenden Reaktionäre.
In Berlin begegnete Herwegh Emma Siegmund, Tochter eines vermögenden jüdischen Seidenhändlers und Hoflieferanten. Nur acht Tage später verlobten sie sich. Eine weitere Woche später empfing ihn der preußische König Friedrich Wilhelm IV., der den Eindruck erweckt hatte, er sei ein König nun des Volkes und wolle die despotische Hohenzollernmonarchie liberalisieren. Ein Irrtum. Herwegh trat nicht als selbstbewusster Republikaner auf, wie seine Anhänger erhofft hatten, sondern schwieg und ließ sich mit Floskeln abspeisen wie: Sie wollten immerhin, heuchelte der König, „ehrliche Feinde bleiben“. Als Herwegh, inzwischen in Königsberg zu Besuch bei Johann Jacoby, erfuhr, dass das Verbot seines geplanten oppositionellen Zeitschriftenprojektes „Deutscher Bote aus der Schweiz“ schon seit Wochen festgelegt war, empörte er sich in einem Aufsehen erregenden offenen „Brief an den König“ darüber, dass von „ehrlicher Feindschaft“ ja wohl keine Rede sein könne. Ein ungewöhnlich offener Brief, der ihm die sofortige Ausweisung aus Preußen eintrug.
Wieder in Zürich, heirateten Herwegh und Emma, wobei Bakunin Emmas Brautführer wurde. Ihre beträchtliche Apanage sicherte Wohlstand – zunächst. Geistig und politisch waren Emma und Herwegh aus gleichem Holz geschnitzt, getragen von ihrer ungeteilten Begeisterung für Demokratie und Republik. Sie werde, schrieb er an Marx, „uns allen über das Kapitel der Freiheit tüchtige Lektionen halten können“. Und das tat Emma als Freiheitskämpferin und Frauenrechtlerin. Sie hielt enge Verbindungen zu Oppositionellen in Polen und Italien, die im geheimen wie offenen Widerstand gegen die Besetzung und Zersplitterung ihrer Länder ankämpften.
Auf Betreiben des konservativen Züricher Staatsrats Johann Bluntschli, der ihn in seinem Dossier „Die Kommunisten in der Schweiz“ denunzierte als „Förderer“ des „kalten, abstrakten Prinzips des Kommunismus“, des „verwerflichsten Systems der Weltgeschichte“, das Gesellschaft und Staat ins anarchistische Chaos stürze, wurde Herwegh mit Emma aus Zürich ausgewiesen. Auch von nun an signalisierte der Begriff „Kommunismus“ in der feudal-bürgerlichen Öffentlichkeit allergrößte Gefahr, das schlechthin Böse – eine Diskriminierung, die Herwegh lebenslang begleitete.
Auf der Suche nach neuen Impulsen, die das mittlerweile in Deutschland schwelende Freiheitsfeuer zum offenen Brand entflammen würden, zogen Georg und Emma Herwegh nach Paris. Herwegh begrüßte den Tief- und Weitblick, mit dem Marx gerade im „Manifest der Kommunistischen Partei“ das herrschende System des Kapitalismus analysiert und einen Weg zu einer „neuen Ordnung der Dinge“ skizziert hatte. Ihre enge Freundschaft fand jedoch abrupt ein Ende, als sich Herwegh, unter den deutschen Emigranten in Paris der Mann der Stunde, Anfang März 1848 auf einer dramatischen Großveranstaltung mit großer Mehrheit gegen Marx durchsetzte mit seiner „Adresse an das französische Volk“, in der er die Universalität und den Vorbildcharakter der französischen Revolutionsideale betonte. Nach einem spektakulären Solidaritätsmarsch zum Pariser Rathaus trug er dort erneut seine „Adresse“ vor. Herwegh wollte nach den beiden äußerst blutigen Berliner Revolutionstagen vom 18. und 19. März das damit in Deutschland entfachte Feuer zum Lodern bringen. Der besonnenere Marx dagegen trat dafür ein, in Deutschland erst einmal durch die Gründung von Arbeitervereinen das revolutionäre Potential zu stärken.
Als die Mannheimer Rechtsanwälte Friedrich Hecker und Gustav Struve in Konstanz die Republik aus- und zum bewaffneten Kampf aufriefen, zogen Herweghs von Paris aus mit ihrer schlecht bewaffneten Freiwilligenschar, der „Deutschen demokratischen Legion“, nach Straßburg, wo sie freilich bereits nach der Überquerung des Rheins erwartet und „aufgerieben“ wurden. Den Herweghs gelang die Flucht. Ein Leben lang freilich verfolgte Herwegh der Vorwurf, er habe, ein typischer „Salonkommunist“, feige den Kampfplatz verlassen – eine Lüge.
Enttäuscht nahm Herwegh zur Kenntnis, wie die nun in Frankfurt tagenden Deutsche Nationalversammlung von einer wirtschaftsliberalen Mehrheit dominiert wurde, die auf das zunächst Notwendige, nämlich die sofortige Ausschaltung der Macht- und Vollzugsorgane des feudalen Deutschen Bundes und ihre Ersetzung durch das ja demokratisch gewählte Frankfurter Parlament verzichtete. Die Abgeordnetenmehrheit wollte die konstitutionelle Monarchie erhalten und zeigte kein wirkliches Interesse an einer Republik. So missbrauchte sie regelrecht die urdemokratische Institution des Parlaments zu endlosen Debatten, was Herwegh in seinem populären Lied (von Konservativen und selbst gerade erst wieder von Christopher Clark in „Frühling der Revolution“ als „undemokratisch“ falsch interpretiert) polemisch anprangerte: „Im Parla – Parla – Parlament/Das Reden nimmt kein End (...)/Da wird man uns befrein; Man wird die Republiken, Im Mutterleib ersticken.“ Die große Mehrheit folgte der demokratiefeindlichen Devise: „Lieber keine Freiheit als keine Ordnung“. Herwegh war sich dessen bewusst: Die Revolution von 1848 scheiterte, weil das privilegierte Besitzbürgertum aus Furcht vor dem aufbegehrenden Volk die Monarchie nicht durch eine demokratische Republik hatte ersetzt wissen wollen. Obwohl doch dafür mit den in Berlin am 18. März ausgebrochenen Barrikadenkämpfen eine große Chance bestanden hatte. Denn nach der mit ihren nahezu 300 Toten opferreichen blutigen Revolutionsnacht vom 18. auf den 19. März schien König Friedrich Wilhelm IV. einzulenken. Er wollte buchstäblich seine Haut retten. Einem Freund schrieb Herwegh: „Ihr habt ein paar gute Tage gehabt in Berlin (…), ihr habt zu kämpfen aufgehört in einem Augenblicke, wo ein Ruf au chateau für Euch und Deutschland alles entschieden hätte (…). Als ob die 300 proletarischen Opfer nicht auch ein königliches Opfer verlangten! Eure Monarchie war in ein paar Stunden reif geworden zum Fall; die Republik war gegeben, wenn Ihr nur den politischen Instinkt eines Pariser Gamins besessen hättet. Ihr habt Eure, Ihr habt unsere Geschichte verpfuscht.“
Der historische Augenblick, das Rad der Geschichte in eine neue Richtung zu drehen, war in Berlin versäumt worden. Der König, der auf seinem absolutistischen Gottesgnadentum bestand, hatte nur im Sinn gehabt, seine Macht als Monarch mit allen Mitteln der Täuschung zu erhalten. Geopfert wurden, sowohl vom König als auch vom Besitzbürgertum, so brachte Herwegh im Gedicht „Achtzehnter März“ zu Gehör und Papier, „Proletarierherzen“: „Als im Lenze das Eis gekracht, Tage des Februar, Tage des März,/Waren es nicht Proletarierherzen/Die voll Hoffnung zuerst erwacht?“
Herwegh war zutiefst enttäuscht über das Versagen des Bürgertums und den Sieg der Reaktion. Was aber nun? Sollte er „Lebewohl“ sagen, fragte er in seinem „Epilog zum Jahre 1849“ – zum politischen Geschehen und aus dieser Wirklichkeit fliehen durch „Schweigen“? Seine Antwort: „Das Schluchzen und der Schrei werden doch bis zu uns dringen (...). Ich fühle, das Schweigen der Menschenwürde entsagen, sich dem Feind ergeben heißt“.
Herwegh wurde zu einem Sprachrohr der Arbeiterbewegung. Für die von seinem Freund Ferdinand Lassalle ins Leben gerufenen Sammelpartei „Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein“ schrieb er das als Lied der Arbeiter sogleich überall gesungene „Bundeslied“ „Mann der Arbeit aufgewacht und erkenne deine Macht“. Und er wurde nun, seit 1866 dank der Generalamnestie aller politischen Flüchtlinge nach dreißig Jahren Exil mit der Familie in Baden-Baden ansässig, zum schärfsten Kritiker einer allgemeinen Militarisierung. Der preußische König Wilhelm I., der mit Kartätschen, streuhaltiger Schrapnellmunition, auf Tausende aufständische Berliner und auf Freiheitskämpfer in Baden hatte schießen lassen – und deshalb den Beinamen „Kartätschenprinz“ trug –, hatte den erzkonservativen, diplomatisch gewieften Otto von Bismarck zum Ministerpräsidenten berufen. Ganz in seinem Sinne hatte der erklärt: „Preußens Grenzen (…) sind zu einem gesunden Staatsleben nicht günstig, nicht durch Reden oder Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, (…) sondern durch Eisen und Blut.“ Das bedeutete Aufrüstung und strikte Ausrichtung von Staat und Gesellschaft auf die Führungsrolle des Militärs. Es bedeutete auch autoritäre Disziplinierung natürlichen Widerspruchsverhaltens, das heißt Ausschaltung von oppositionellem Geist durch willfährige, manipulierbare Untertanengesinnung. Herwegh registrierte, wie wohl keiner sonst, dass politische, militärische, wirtschaftliche Eliten sich diese Untertänigkeit zunutze machten während der drei Einigungskriege von 1864, 1866 und 1871/71. Sie missbrauchten das Volk sowohl auf dem Schlachtfeld als Kanonenfutter als auch im kriegsfreien Alltagsleben als Objekt gesteigerter sozialer Ausbeutung.
Der wahre „Feind“, dem sich Herwegh bewusst nach seiner Desertion 1839 gegenübergestellt hatte, saß ja nicht in Paris, stellte er realistisch fest, sondern im Hohenzollernschloss und in der Wilhelmstraße zu Berlin: Dessen „Weltherrschaftsdünkel“ hatte die inhumane Schraube der Gewalt weitergedreht, unter Missachtung der Bürger- und Menschenrechte. Dass Herwegh sich dem leidenschaftlich widersetzte und dichtete „Germania mir graut vor dir“: „du bist im ruhmgekrönten Morden/Das erste Land der Welt geworden“, trug ihm fortan Hass und Ausgrenzung sowie Verarmung ein. Der Militarismus und das zivilisationsfremde „Kriegsidiotentum“ der Eliten steigerte sich im Irrweg des rassistisch-völkischen Nationalismus und führte hin zu den vielen Toten der Weltkriege sowie zum Zivilisationsbruch des Holocaust. Dass ein anderer, besserer Weg möglich gewesen wäre, dafür stehen Leben und Werk des republikanischen Urdemokraten Georg Herwegh.
„Als Nestbeschmutzer“ diskreditiert, starb er 1975, gerade 58 Jahre alt, in Baden-Baden. Emma, die im Alter von 87 Jahren 1904 in Paris starb, hatte ihn auf seinen Wunsch hin „in republikanischer Erde“ im schweizerischen Liestal beerdigen und auf seinem Grab den Spruch eingravieren lassen: „Von den Mächtigen verfolgt, von den Knechten gehasst, von den Meisten verkannt, von den Seinen geliebt.“
Wer ist frei?
Der ist allein ein freier Mann,
Und seiner sei gedacht,
Der sie sich selbst verdienen kann,
Die Freiheit in der Schlacht,
Der mit der eignen Klinge
Sie holt herbei,
Der Mann ist‘s, den ich singe,
Der Mann ist frei!
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O wehe, wer dem Franken traut!
Und ihn zu froh begrüßt;
Er bringt uns immer unsre Braut,
Wenn er sie satt geküsst.
Noch gibt‘s in unsern Reihen
Pulver und Blei –
Drum lasst uns selber freien,
So sind wir frei!
Die Freiheit wohnt am Don und Belt,
Sie trinkt aus unsrem Rhein,
Die Freiheit schläft im Wüstenzelt
Und glänzt im Sternenschein;
Doch muss man um sie werben,
Wo‘s immer sei,
Doch muss man für sie sterben,
Dann wird man frei!
Noch hat der Deutsche eine Hand
Und eine starke Wehr,
Gibt keinen Schritt vom Vaterland
Selbst für die Freiheit her;
Und die mit uns erheben
Solch Feldgeschrei,
Die sollen alle leben,
Denn sie sind frei!
Viel tausend Funken, eine Glut,
Viel Herzen und ein Schlag,
So harren wir gar wohlgemut
Bis an den Jüngsten Tag;
Die Einheit muss verschlingen
Die böse Zwei,
Dann soll es donnernd klingen:
Deutschland ist frei!
Protest
Solang ich noch ein Protestant,
Will ich auch protestieren,
Und jeder deutsche Musikant
Soll‘s weiter musizieren!
Singt alle Welt: Der freie Rhein!
So sing‘ doch ich: Ihr Herren, nein!
Der Rhein, der Rhein könnt‘ freier sein –
So will ich protestieren.
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Kaum war die Taufe abgetan,
Ich kroch noch auf den Vieren,
Da fing ich schon voll Glaubens an,
Mit Macht zu protestieren,
Und protestiere fort und fort,
O Wort, o Wind, o Wind, o Wort,
O selig sind, die hier und dort,
Die ewig protestieren.
Nur eins ist not, dran halt‘ ich fest
Und will es nit verlieren,
Das ist mein christlicher Protest,
Mein christlich Protestieren.
Was geht mich all das Wasser an
Vom Rheine bis zum Ozean?
Sind keine freien Männer dran,
So will ich protestieren.
Von nun an bis in Ewigkeit
Soll euch der Name zieren:
Solang ihr Protestanten seid,
Müsst ihr auch protestieren.
Und singt die Welt: Der freie Rhein!
So singet: Ach! Ihr Herren, nein!
Der Rhein, der Rhein könnt‘ freier sein,
Wir müssen protestieren.
Der Freiheit eine Gasse!
Vorm Feinde stand in Reih‘ und Glied
Das Volk um seine Fahnen,
Da rief Herr Struthahn Winkelried1:
»Ich will den Weg euch bahnen!
Dir, Gott, befehl‘ ich Weib und Kind,
Die ich auf Erden lasse –«
Und also sprengt‘ er pfeilgeschwind
Der Freiheit eine Gasse.
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1 Arnold Winkelried ist ein Held der Schweizer Nationalgeschichte. Im Juli 1386 soll er in der Schlacht von Sempach die Spieße der Gegner auf sich gelenkt und durch seinen Opfertod den Sieg der Eidgenossen über die Österreicher ermöglicht haben.
Das war ein Ritter noch mit Fug,
Der wie ein heiß Gewitter
Die Knechte vor sich niederschlug –
O wär‘ ich solch ein Ritter,
Auf stolzem Ross von schnellem Huf,
In schimmerndem Kürasse,
Zu sterben mit dem Donnerruf:
Der Freiheit eine Gasse!
Doch zittert nicht! Ich bin allein,
Allein mit meinem Grimme;
Wie könnt‘ ich euch gefährlich sein
Mit meiner schwachen Stimme?
Dem Herrscher bildet sein Spalier,
Wie sonst, des Volkes Masse,
Und niemand, niemand ruft mit mir:
Der Freiheit eine Gasse!
Ihr Deutschen ebnet Berg und Tal
Für eure Feuerwagen,
Man sieht auf Straßen ohne Zahl
Euch durch die Länder jagen;
Auch dieser Dampf ist Opferdampf –
Glaubt nicht, dass ich ihn hasse –
Doch bahnet erst in Streit und Kampf
Der Freiheit eine Gasse!
Wenn alle Welt den Mut verlor,
Die Fehde zu beginnen,
Tritt du, mein Volk, den Völkern vor,
Lass du dein Herzblut rinnen!
Gib uns den Mann, der das Panier
Der neuen Zeit erfasse,
Und durch Europa brechen wir
Der Freiheit eine Gasse!
Das Lied vom Hasse
Wohlauf, wohlauf, über Berg und Fluss
Dem Morgenrot entgegen,
Dem treuen Weib den letzten Kuss,
Und dann zum treuen Degen!
Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen;
Wir haben lang genug geliebt,
Und wollen endlich hassen!
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Die Liebe kann uns helfen nicht,
Die Liebe nicht erretten;
Halt du, o Hass, dein jüngst Gericht,
Brich du, o Hass, die Ketten!
Und wo es noch Tyrannen gibt,
Die lasst uns keck erfassen;
Wir haben lang genug geliebt,
Und wollen endlich hassen!
Wer noch ein Herz besitzt, dem soll‘s
Im Hasse nur sich rühren;
Allüberall ist dürres Holz,
Um unsre Glut zu schüren.
Die ihr der Freiheit noch verbliebt,
Singt durch die deutschen Straßen:
»Ihr habet lang genug geliebt,
O lernet endlich hassen!«
Bekämpfet sie ohn‘ Unterlass,
Die Tyrannei auf Erden,
Und heiliger wird unser Hass,
Als unsre Liebe, werden.
Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen;
Wir haben lang genug geliebt,
Und wollen endlich hassen!
Morgenruf
Die Lerche war‘s, nicht die Nachtigall1,
Die eben am Himmel geschlagen:
Schon schwingt er sich auf, der Sonnenball,
Vom Winde des Morgens getragen.
Der Tag, der Tag ist erwacht!
Die Nacht,
Die Nacht soll blutig verenden. –
Heraus, wer ans ewige Licht noch glaubt!
Ihr Schläfer, die Rosen der Liebe vom Haupt,
Und ein flammendes Schwert um die Lenden!
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1 In William Shakespeare’s „Romeo und Julia” heißt es: “Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche.“
Die Lerche war‘s, nicht die Nachtigall:
Erhebt euch vom Schlummer der Sünden!
Schon wollen die Feuer sich überall,
Die heiligen Feuer entzünden.
Frisch auf und die Waffen gefeit!
Der Streit,
Der Gottesstreit soll beginnen.
Hinweg aus des Liebchens rosigem Arm
Und hinein in der Feinde gepanzerten Schwarm
Und auf fliegenden Rossen von hinnen!
Die Lerche war‘s, nicht die Nachtigall:
Kein Küssen gilt es und Kosen,
Sie singt von nahendem Donnerhall,
Sie singt von des Schlachtfelds Rosen,
Den Rosen, damit in Todeslust
Die Brust,
Die Brust der Helden sich schmücket.
Drum auf und wohlan: bis frei die Welt,
Sei der Himmel ein einig Kriegergezelt
Und der Dolch der Rache gezücket!
Die Lerche war‘s, nicht die Nachtigall:
So lass, o Jugend, dein Träumen!
Und wie von den Bergen mit Jubelschall
Die mutigen Wasser entschäumen,
Und wie sie jagen ins tiefste Tal
Den Strahl,
Den silbernen Strahl durchs Gelände:
So gib ihr dein Blut, so gib ihr dein Wort,
Dass die Erde nicht ganz und gar verdorrt,
So gib ihr dein Herz und die Hände!
Die Lerche war‘s, nicht die Nachtigall:
Die kecke Gespielin der Wolke
Fliegt jauchzend hinter dem Sonnenball,
Hoch über dem staunenden Volke;
Und unter dem Scheffel bleibt auch nicht
Das Licht,
Das Licht der Freiheit verborgen;
Viel tausend Herzen sind angefacht,
Und preiset die Liebe die Sterne der Nacht:
Die Völker, sie preisen den Morgen.
Wiegenlied
Schlafe, was willst du mehr?¹
Goethe
Deutschland – auf weichem Pfühle
Mach dir den Kopf nicht schwer
Im irdischen Gewühle!
Schlafe, was willst du mehr?
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1 So lautet die jeweils letzte Zeile von Goethes Gedicht „Nachtgesang“.
Lass jede Freiheit dir rauben,
Setze dich nicht zur Wehr,
Du behältst ja den christlichen Glauben;
Schlafe, was willst du mehr?
Und ob man dir alles verböte,
Doch gräme dich nicht zu sehr,
Du hast ja Schiller und Goethe:
Schlafe, was willst du mehr?
Dein König beschützt die Kamele
Und macht sie pensionär,
Dreihundert Taler die Seele:
Schlafe, was willst du mehr?
Es fechten dreihundert Blätter
Im Schatten, ein Sparterherr;
Und täglich erfährst du das Wetter:
Schlafe, was willst du mehr?
Kein Kind läuft ohne Höschen
Am Rhein, dem freien, umher:
Mein Deutschland, mein Dornröschen,
Schlafe, was willst du mehr?
Den Deutschen
Eine Vision
Ich hatt ein seltsam Traumgesicht:
Da saß Gott Vater zu Gericht
Und rief jedwede Nation
Herbei vor seinen Sternenthron.
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Die Völker kamen in dichten Haufen,
Just wie sie waren, angelaufen:
Die Briten, Russen und Franzosen,
Die letzten, wie immer, ohne Hosen;
Selbst China und die Mongolei,
Auch ein Stück Polen war dabei.
Und als der Herr die Völker zählte –
Ei, sieh! Das Deutsche Reich noch fehlte.
»Wo bleiben denn meine Deutschen wieder?
Recken sie noch die faulen Glieder?
Sie könnten, seit ich sie begraben,
Doch endlich ausgeschlafen haben!«
Drauf hieß er ‚nen Engel zur Erde springen,
Die Siebenschläfer heraufzubringen.
Der Engel lief in Deutschland herum,
War alles still, war alles stumm.
»Ihr Deutschen, wollt ihr nicht aufstahn?
Die Ewigkeit geht eben an!«
Der Engel blies in lichtem Zorn,
Wie toll, in sein himmlisch Jägerhorn;
Doch eh sich die Deutschen zusammengefunden,
War längst der Jüngste Tag verschwunden,
Hatt alles seinen Lohn empfangen –
Den Deutschen ist Himmel und Höll entgangen
Das Reden nimmt kein End (1848)
Zu Frankfurt an dem Main –
Sucht man der Weisen Stein;
Sie sind gar sehr in Nöten,
Moses und die Propheten,
Präsident und Sekretäre,
Wie er zu finden wäre –
Im Parla- Parla- Parlament
Das Reden nimmt kein End’!
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Zu Frankfurt an dem Main –
Da wird man uns befrein;
Man wird die Republiken
Im Mutterleib ersticken,
Und Bassermann1 und Welcker2
Beglücken dann die Völker
Im Parla- Parla- Parlament
Das Reden nimmt kein End’!
Zu Frankfurt an dem Main –
Bald zieht der Kaiser ein!
Schon träuft der Gnade Manna,
Ihr Knechte, Hosianna!
Mathy3, der Schuft, Minister –
Triumph, ihr Herrn Philister!
Im Parla- Parla- Parlament
Das Reden nimmt kein End’!
Zu Frankfurt an dem Main –
Die Wäsche wird nicht rein;
Sie bürsten und sie bürsten,
Die Fürsten bleiben Fürsten,
Die Mohren bleiben Mohren
Trotz aller Professoren –
Im Parla- Parla- Parlament
Das Reden nimmt kein End’!
Zu Frankfurt an dem Main –
Ist alles Trug und Schein.
Alt-Deutschland bleibt zersplittert,
Das Kapitol erzittert,
Umringt von Feindeslagern,
Die Gänse giga-gagern –
Im Parla- Parla- Parlament
Das Reden nimmt kein End’!
Zu Frankfurt an dem Main –
So schlag der Teufel drein!
Es steht die Welt in Flammen,
Sie schwatzen noch zusammen,
Wie lange soll das dauern?
Dem König Schach, ihr Bauern!
Dein Parla- Parla- Parlament,
O Volk, mach ihm ein End’!
1 Friedrich Daniel Bassermann (1811-1855) war ein liberaler Politiker, Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung, wo er für eine konstitutionelle Monarchie eintrat und von den entschiedenen Demokraten als „Verräter der Revolution“ angesehen wurde.
2 Carl Theodor Welcker (1790-1869), ebenfalls Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, trat wie Bassermann für eine konstitutionelle Monarchie ein.
3 Karl Mathy (1806-1868), ehemals oppositioneller badischer Politiker, wandte sich 1848 gegen die badischen Freiheitskämpfer um Friedrich Hecker und Gustav Struve und veranlasste die Verhaftung des radikalen Demokraten und ehemaligen Mitstreiters Joseph Fickler (siehe den Joseph Fickler-Band dieser Edition).
Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (1863)
You are many, they are few
(Eurer sind viele, ihrer sind wenige).
Bet‘ und arbeit‘! ruft die Welt,
Bete kurz! Denn Zeit ist Geld.
An die Türe pocht die Not –
Bete kurz! Denn Zeit ist Brot.
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Und du ackerst und du säst,
Und du nietest und du nähst,
Und du hämmerst und du spinnst –
Sag‘, o Volk, was du gewinnst!
Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht,
Schürfst im Erz- und Kohlenschacht,
Füllst des Überflusses Horn,
Füllst es hoch mit Wein und Korn.
Doch wo ist dein Mahl bereit?
Doch wo ist dein Feierkleid?
Doch wo ist dein warmer Herd?
Doch wo ist dein scharfes Schwert?
Alles ist dein Werk! O sprich,
Alles, aber nichts für dich!
Und von allem nur allein,
Die du schmiedst, die Kette, dein?
Kette, die den Leib umstrickt,
Die dem Geist die Flügel knickt,
Die am Fuß des Kindes schon
Klirrt – o Volk, das ist dein Lohn.
Was ihr hebt ans Sonnenlicht,
Schätze sind es für den Wicht;
Was ihr webt, es ist der Fluch
Für euch selbst – ins bunte Tuch.
Was ihr baut, kein schützend Dach
Hat‘s für euch und kein Gemach;
Was ihr kleidet und beschuht,
Tritt auf euch voll Übermut.
Menschenbienen, die Natur,
Gab sie euch den Honig nur?
Seht die Drohnen um euch her!
Habt ihr keinen Stachel mehr?
Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
Wenn dein starker Arm es will.
Deiner Dränger Schar erblasst,
Wenn du, müde deiner Last,
In die Ecke lehnst den Pflug,
Wenn du rufst: Es ist genug!
Brecht das Doppeljoch entzwei!
Brecht die Not der Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der Not!
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!
(…) Es ist eine Lüge, dass unsere Gedanken schon zensiert auf die Welt kommen, wir besitzen die schönste, wahrhaftigste Republik, unsere Literatur. Die Anarchie, die unleugbar gegenwärtig in ihr herrscht, ist vorübergehend, und alles weist auf eine baldige Lösung der literarischen Wirren hin. Zu dieser Lösung will auch die »Deutsche Volkshalle« beitragen und eröffnet hiermit eine Nische für Kunst und Poesie, für die Literatur in ihrem ganzen Umfange, in ihren verschiedensten Verzweigungen, eine Nische, groß genug für unsere größten Geister (…). Weiterlesen
1 Mut diesem Eingangstext erschien die erste Ausgabe der „Deutschen Volkshalle“ am 1. September 1839. Die von Johann Georg August Wirth, einem der Organisatoren des Hambacher Festes, gegründete Zeitschrift ging aus der ebenfalls von Wirth geleiteten Zeitschrift „Der Leuchtthurm“ hervor. Georg Herwegh gehörte der Redaktion an, bis das Blatt im März 1841 eingestellt wurde.
Die Literatur und, genauer bestimmt, hier die Kritik, muss der Politik unter die Arme greifen. Hat die Politik die Aufgabe, den Bürger zu emanzipieren, so übernimmt die Literatur das vielleicht nicht minder schöne Amt, den Menschen in uns frei zu machen. Die Reform hat sich nicht auf den Staat zu beschränken, auch das stille, geistige Schaffen des Volkes nimmt die Aufmerksamkeit des Publizisten in Anspruch; äußeres und inneres Leben darf nicht mehr getrennt, beide müssen in Beziehung zueinander gedacht, beide durch einander erklärt werden. Nicht nur von außen her, von oben herab, auch von innen heraus muss uns geholfen werden.
Der Zweck, welchen die »Deutsche Volkshalle« vor Augen hat, ist kein anderer als der, wofür die Menschheit von jeher gestritten, wofür namentlich in den letzten Jahrzehnten so viele Tüchtige mit der besten Kraft ihrer Seele gekämpft, so mancher Wackere seine bürgerliche Existenz aufgeopfert. Der kritische Teil der »Halle« wird hierin dem politischen treulich zur Seite stehen. Beide streben das gleiche an, Verbesserung unserer Zustände, und unterscheiden sich nur in der Wahl der Mittel, indem der letztere die Literatur zu Hilfe nimmt. Wir dürfen über dem Bürger nicht den Menschen vergessen, über die Politik nicht die Poesie. »Nicht Kirche und Staat, die freie Persönlichkeit des Menschen ist die erste und Hauptinstitution der Gesellschaft, und eine Hauptstelle, wo die Aufgabe der Jahrhunderte sich jetzt erkennen lässt, ist der stille Busen, das menschliche Herz.« So sei mir denn jeder willkommen mit den Schätzen, die er in dem stillen Busen, in dem menschlichen Herzen erbeutet hat, er soll an mir einen gerechten, nach Umständen enthusiastischen, immer aber seines Amtes wohl bewussten Kritiker finden. Werde ich mich auch Erscheinungen mit Vorliebe hingeben, in denen das Herz der Zeit pulsiert, es soll mir doch nie begegnen, dass ich bedeutsame Individualitäten unter Standpunkte nötige, wodurch die persönliche Berechtigung derselben geschmälert werden könnte. Ich werde die Feinheiten ästhetischer Kombination so gut zu schätzen wissen wie den großartigen Gedanken, der eine Produktion beherrscht. Nur was zusammenhanglos dasteht mit dem Leben der Nation oder gar deren Interessen verletzt, werde ich mit unerbittlicher Strenge bekämpfen …
Die deutschen Professoren
Eine zoologische Abhandlung
Ja, ihr seid die Leute, mit euch wird
die Weisheit sterben. Hiob 12,2
Eine zoologische Abhandlung; ich werde sie anders benennen, sobald man mir beweist, dass ein Professor dem Staate je einen Menschen erzogen hat. Ausgenommen sind die Herren Professoren Schelling, Schiller, Fichte, Hegel, überhaupt die jungen und alten Zelebritäten unserer Nation, die das Unglück hatten, diesen traurigen Namen als Aushängeschild gebrauchen zu müssen. Es ist das schöne Vorrecht unseres Jahrhunderts, dass es eine Wahrheit nur dann als Wahrheit anzuerkennen hat, wenn sie aus dem Munde eines Patentierten, eines Angestellten kommt. Glaube, Liebe und Hoffnung sind offiziell geworden, und Gott selbst existiert nur, solange nicht die Menschheit, sondern ein Professor es behauptet. Mein Charakter als Bürger, als vernünftiger Mann berechtigen mich heutzutage nicht mehr, ohne Hindernisse zu meiner Nation zu reden. Will ich mir einen Einfluss nicht nur auf die guten, sondern auch auf die bösen Geister erobern, so muss ich mich zur Annahme irgendeines Titels oder Ranges bequemen; ich muss einen Laufpass vom Staate haben, wenn die liebe Jugend, die eine Karriere zu machen gedenkt, mir zuhorchen soll. Weiterlesen
Von zehn Untugenden, die ich besitze, habe ich immer neun einem Professor zu danken. Wenn ich trotz meinen hochverehrten Lehrern ein Mensch geworden bin, so preise ich dafür meinen Genius, der sorgsam über die ihm anvertraute Seele gewacht hat. Mein Feind wird es mir nicht nachsagen können, dass ich einem Professor eine Schuld abzutragen hätte. Ich bin heute auf hundert Sachen stolz, für die ich in der Schule Schläge, auf höheren Anstalten Verweise bekommen habe. Der unvertilgbare Spott der deutschen Jugend, den sie über ihre Lehrer, allerdings oft recht unhöflich ausgießt, ist wahr, unendlich wahr. Von dreißig Schülern stehen in der Regel zwanzig moralisch hoch über ihrem Professor.
Sie besitzen noch, was der letztere vergeudet und verloren hat, die poetische Mitgift des Lebens, ganz und ungeschmälert. Sie haben nicht den Fonds von Kenntnissen wie er – sehr richtig, so unbedeutend diese oft bei den Lehrern sind; sie haben nicht seine Erfahrungen –, sie mögen sich glücklich schätzen; aber sie haben noch Blut im Herzen statt griechischer Partikeln und sind noch naiv genug, bei sich anzufragen, was es sie eigentlich interessieren könne, ob »ut« den Indikativ oder Konjunktiv regiere.
Warum sie die blühende Gegenwart aufgeben sollen, um in eine verwitterte Vergangenheit sich zurückzuversetzen? Warum man ihnen Luft und Sonne stehle, um sie auf die staubigen Bänke der Schule oder des Kollegiums zu bannen? Dass sie es den Nachgeborenen einst wieder so machen können? Dass sie ewig nur ein Rad im Kreise drehen? Ist es der Mühe wert, so viel schöne Jahre zu verschleudern, um es endlich nicht weiterzubringen als der Herr, der vom Katheder herunter die unfruchtbare Weisheit doziert? Alle Erziehung soll nur darauf hinauslaufen, den Menschen zu einem freien Mann zu bilden oder vielmehr, da der Mensch so lange frei ist, bis er einem deutschen Professor unter die Hände gerät, die angeborene Freiheit zu erhalten, zu entwickeln, ihr Inhalt und Fülle zu gehen Nicht dass ich mein Brot erwerbe, nicht, dass ich Jurist, nicht, dass ich Theolog, nicht, dass ich Mediziner werde, ist es zunächst, warum ich lerne, warum ich mir Kenntnisse sammle; ich lerne, ich sammle mir Kenntnisse zunächst, um durch diese Bereicherung meines Geistes mich freier und unabhängiger von den Zufälligkeiten des Lebens zu machen. Der Jüngling denkt früher an das Ideal als an das Brot; der Professor, wie er sein soll, meistens nur noch an das letztere. Er ist der treugehorsame Diener des Staats, seine erste Pflicht, dem Staat ebenso treue, gehorsame Diener herauszubilden. Welches bessere Mittel findet er zu Erfüllung dieser seiner Obliegenheit, als seine Untertanen, die Schüler, recht bald fühlen zu lassen, dass sie zunächst seine und so gradatim immer wieder die Sklaven eines Höheren sind bis in das religiöse Gebiet, da auch in diesem Gott stets als ein kleiner Tyrann geschildert wird. Das Altertum ist dem Professor nur vorhanden, um ihm Gelegenheit zu geben, den Kram von Notizen, die er durch Sitzfleisch sich angeeignet, vor den erstaunten Zöglingen recht prunkend auszubreiten; die Schlacht von Marathon findet er hübsch, weil er dabei eine geographische Bemerkung machen kann. Die Reden des Demosthenes patriotisch, weil sie im reinsten attischen Dialekt geschrieben sind. Am lustigsten benehmen sich diese Pygmäen den Männern der Geschichte gegenüber. Für den Kammerdiener gibt es keinen großen Mann. Da ist kein Held, an dem sie nichts auszusetzen wissen, und jedes Phantom von einem Professor wird die geistreiche Phrase anbringen: »Wäre Hannibal nach der Schlacht bei Cannä nur gegen Rom aufgebrochen!« Kleiner Hannibal! Großer Professor!
Heinrich Heine hat diese Weltverbesserer himmlisch gezeichnet in dem Vers:
Zu fragmentisch ist Welt und Leben,
Ich will mich zum deutschen Professor begeben,
Der weiß das Leben zusammenzusetzen,
Und er macht ein verständlich System daraus;
Mit seinen Nachtmützen und Schlafrockfetzen
Stopft er die Lücken des Weltenbaus.
Die Däumlingsnatur, wie sie sich spreizt und wichtigtut, kann wahrhaftig nicht besser charakterisiert werden. Ja, so sind die Leute, welche das Elend Deutschlands immer größer füttern! – Die Eitelkeit eines Professors ist leider nicht so unschuldig wie die eines Frauenzimmers, sie ist herrisch, eigensinnig, tyrannisch; sie möchte alles nach sich ummodeln, alles in das Prokrustesbett ihrer jeweiligen, meist ärmlichen Begriffe spannen. Wie manches Talent ist durch die Schuld dieser Herren schon untergegangen! Wie mancher Keim ward durch ihre sublime Torheit schon erstickt! Ein Professor muss ein Steckenpferd haben, und wehe dem, der es nicht mit ihm reitet! Der Professor ist ein Phlegma, und wehe dem, der es nicht mit ihm ist!
Ein junger Mann ist warm und vollblütig, er liebt, das Leben im Prisma der Poesie anzuschauen; zufällig hat er einen Professor der Mathematik, dem seine Erziehung anvertraut ward; er muss ein Stümper in der Mathematik werden, statt dass er es, seiner Anlage nach, vielleicht zum Meister in der Poesie gebracht hätte. Das Talent, Talente zu entdecken, geht einem Professor in der Regel ab. Seine Rute ist meistens eine Birken-, selten eine Wünschelrute. Unsere Jugend wird systematisch zur Lüge erzogen, indem sie das Unglück hat, Köpfen unter die Hände zu fallen, die alles aus ihr machen, nur nicht, zu was sie von Gottes Gnaden berufen ist.
Hass gegen jede schönere, freiere Lebensnatur ist die Mitgift einer echten professorischen Natur. Ich kenne einen Lehrer, der es mir heute noch nicht verzeiht, dass ich in einem Kollegium über Geschichte als den passendsten Kommentar dazu Börnes »Briefe aus Paris« unter dem Tisch gelesen. Wenn er vollends gewusst hätte, dass die Reden, die beim Hambacher Feste gehalten wurden, in meinem Pult gewesen wären! Ich schlechter Mensch!
Ein Professor ist ein Allerweltsmann. Er liest mit dem einen Auge den Homer, mit dem andern das Basler »Missionsblatt«. Unvergesslicher Mann mit der flanellenen Halsbinde, der du mir einst die Tränen des Achilles kommentiert!
Derselbe Pietist erklärte uns den Sophokles. Durch ihn wäre ich nie zu einer Einsicht in die Ökonomie des griechischen Dramas gelangt; ich hätte von Sophokles nicht mehr erfahren als von Livius und Tacitus, von denen ich lange Zeit nur wusste, dass jener mit einem halben, dieser mit einem ganzen Hexameter anfange.
Ich war gewohnt, bei dem nächtlichen Religionsunterricht mein Licht immer fünf Minuten früher auszulöschen als mein begeisterter Lehrer das seinige, und so wurde ich bald als ein arger Zweifler bekannt. »Wie steht es mit Ihrem Herzen?« lautete die honigsüße Frage bei der monatlichen Revue. Wie steht es mit Ihrem Herzen? D. h. im pietistischen Jargon: Sind Sie orthodox, oder sind Sie vernünftig? Oh, Deutschland hat noch seine Originale!
Mein Humor verlässt mich, wenn ich an den letzten Teil meiner Abhandlung denke. Zorn, frommer Zorn führt meine Feder. Ein deutscher Professor ist geschworener Feind aller Politik. Er fand das Bestehende vernünftig, noch ehe Schelling und Hegel geboren waren. Untertänigkeit, Kriecherei, Speichelleckerei – ein Wörterbuch, ein Königreich um ein Wörterbuch, in dem das richtige Prädikat steht! Ich hasse jeden Kultus, zu welchem der Schneider am meisten beiträgt; so habe ich denn aus Eigensinn in meiner Jugend nie schwarz getragen. Da wurde eines Tages eine allerhöchste Person erwartet. Ich hatte ein graues Röckchen an, mein Professor verzweifelte. Ich tröstete mich mit Napoleon; die allerhöchste Person kam nicht. Wie glücklich war der gute Mann!
Ich hätte für Polen kein Gefühl, für die Edelsten und Unglücklichsten meines Vaterlandes keine Tränen haben dürfen, hätte ich vorher die Erlaubnis eines deutschen Professors nachsuchen wollen. Bete, arbeite und krieche – – es leben die deutschen Professoren!
Adresse an das französische Volk1 (1848)
Der Sieg der Demokratie für ganz Europa ist entschieden. Gruß und Dank vor allem dir, französisches Volk! In drei großen Tagen hast du mit der alten Zeit gebrochen und das Banner der neuen aufgepflanzt für alle Völker der Erde. Weiterlesen
1 Georg Herwegh hielt diese Grußadresse als frisch gewählter Präsident der unmittelbar nach der Februarrevolution als politische Vereinigung deutscher Emigranten in Paris gegründeten „Deutschen Demokratischen Gesellschaft in Paris“ am 6. März 1848 vor mehr als 4000 Zuhörern. Aus der „Demokratischen Gesellschaft“ ging kurz darauf die „Deutsche Demokratische Legion“ hervor, ein knapp 1000 Mann starkes Freikorps, das wenige Wochen später über Straßburg nach Deutschland aufbrach, um die Aufständischen in Baden zu unterstützen.
Du hast endlich den Funken der Freiheit zur Flamme angefacht, die Licht und Wärme bis in die letzte Hütte verbreiten soll.
Die Stimme des Volkes hat zu den Völkern gesprochen und die Völker sehen der Zukunft freudig entgegen. Vereint auf einem Schlachtfeld treffen sie zusammen, zu kämpfen den letzten, unerbittlichen Kampf für die unveräußerlichen Rechte jedes Menschen.
Die Ideen der neuen französischen Republik sind die Ideen aller Nationen, und das französische Volk hat das unsterbliche Verdienst, ihnen durch seine glorreiche Revolution die Weihe der Tat erteilt zu haben. Ja, überall in Europa erwachen die demokratischen Ideen, überall stehen Millionen Männer bereit, dafür zu leben und zu sterben.
Während die Allmacht des Volkes Wunder wirkt, komm die Ohnmacht sogenannter absoluter Mächte immer deutlicher zum Vorschein.
Unerschrocken und glücklich hat die Schweiz ihrer koalisierten Schwäche Trotz geboten, unerschrocken und glücklich schreitet Italien vorwärts.
Deutschland ist bereits in seinen tiefsten Tiefen erregt und wird und kann in dem begonnenen Kampfe nicht zurückbleiben, dem es längst durch den Gang seiner geistigen Entwicklung mit vorgearbeitet hat.
Die Freiheit bricht sich Bahn, und die Tyrannei selbst ist verdammt, ihr durch blinden Widerstand Bahn brechen zu helfen und ihr Verbündeter zu werden.
Französisches Volk, wir gehen Hand in Hand mit dir.
Wie groß und schwierig auch immer unsere Aufgabe ist; wir fühlen die Kraft mit der Arbeit wachsen.
Erhalte nur du deine Freiheit – das Einzige, was der Erhaltung wert ist.
Erhalte allen deinen Kindern, was sie alle erkämpften und die einzige Hilfe, welche wir von dir begehren, ist, dass du standhaft bleibst und uns zujauchzest, wenn wir von den Zinnen des von deutschen Händen eroberten Deutschlands dir zurufen:
Es lebe die Freiheit, die Gleichheit, die Bruderliebe!
Es lebe die Demokratie!
Es lebe die europäische Republik!
Mein Lebewohl
Epilog zum Jahre 1849
Opfer fallen hier,
Weder Lamm noch Stier,
Aber Menschenopfer unerhört
Braut v. Corinth¹
Jahr des Bluts und des Wahnsinns, Jahr der triumphierenden Gewalt, der Grausamkeit, des Blödsinns – sei verflucht!
Vom ersten Tage bis zum letzten warst du nichts als Unglück; in keinem Winkel der zivilisierten Erde nur ein heller Augenblick, ein einziger Augenblick der Ruhe. Seit der Herstellung der Guillotine in Paris, seit dem Prozess in Bourges2 bis zu den Galgen in Cephalonien3, von den Händen der Engländer für Kinder errichtet – bis zu den Spitzkugeln des preußischen Kriegsrechts in Baden; von Rom, das den Schlägen eines Volkes erlag, welches zum Verräter an der Menschheit geworden – bis nach Ungarn, das durch die Infamie eines seiner Führer, eines Vaterlandsverräters, fiel – war alles verbrecherisch, blutig, unwürdig – trug alles den Stempel der Schmach. Zu welcher Zeit der Tränen und des Jammers sind wir gekommen – und das ist ja nur der erste Schritt. Man fürchtet zu erfahren, was geschieht, und man fürchtet irgendein neues Unglück, das sich zugetragen, zu ignorieren. Man möchte sich entfernen, möchte fliehen, sich endlich ausruhen, sich spurlos vernichten, unbemerkt vergehen – man möchte nicht mehr sein. Weiterlesen
1 Braut von Corinth“ ist eine „Romanze“ (ein Gedicht) von Goethe aus dem Jahr 1798.
2 Der mit Todesurteilen endende Prozess gegen die Teilnehmer eines republikanischen Aufstandes gegen die Krönung Napoleons zum Kaiser vom 15. Mai 1848.
3 Eine unter englischem Protektorat stehende griechische Insel, wo Aufstände gegen die Besatzer brutal niedergeschlagen wurden.
4 Louis-Auguste Blanqui (1805-1881) war ein französischer Revolutionär, er wurde wiederholt zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.
Die letzte Hoffnung, welche uns das Herz erwärmte, welche uns aufrecht hielt, die Hoffnung einer Rache –einer unverständigen, wilden, unnützen, erfolglosen Rache, die aber doch bewiesen hätte, dass die Menschen Eingeweide haben –, auch diese Hoffnung ist erloschen, wie alle anderen.
Alles ist ruhig, alles tritt wieder ins Schweigen zurück, schläft wieder ein. Nur das Geräusch des Henkerbeils und das Pfeifen der Kugeln, die von anderen Schergen auf die junge Brust irgendeines Schwärmers gerichtet sind, um sie zu zersplittern, weil er das Verbrechen begangen hatte, an die Menschheit zu glauben, nur das allein tönt fort.
Hatten sie denn keinen Freund, keinen Bruder? Sie hatten beides– aber gerächt sind sie nicht.
Aus der Asche dieser Märtyrer ging kein Marius hervor, aber eine ganze Literatur von Festreden, von demagogischem Geschwätz, von Poesien, edel, aber unnütz, Zeitschriftenartikeln – wieder der meine.
Ein Glück für jene, dass sie nicht leben und dass es kein anderes Leben, gibt – sie werden nichts davon erfahren, nichts von allem, was sich hier zuträgt. Nun, und ihr revolutionären Bürger, die ihr eure Freunde nur durch euer albernes Geschwätz zu rächen versteht, was tatet ihr, als ihr die Macht in Händen hattet?
Politische Gassenbuben, Harlekins der Freiheit! Ihr habt Republik, Schrecken, Regieren gespielt – ihr belustigtet euch in den Klubs, wart entzückt, eure Beredsamkeit in der Kammer produzieren zu können – ihr kleidetet euch wie die Springer kleiner Markttheater, und eure keusche Bescheidenheit war bezaubert bei dem Gedanken, dass die unerbittlichsten Feinde der Freiheit sich nicht von ihrem Staunen erholen konnten, so heiler Haut davonzukommen. – O, die Großmütigen! – Ihr hattet Furcht vor der Revolution, und sie, die anderen, die besten unter euch allen – haben für das sonderbare Missgeschick, dass ihr keinen einzigen Kopf hattet, mit ihren edlen Köpfen zahlen müssen. Macht eure Erziehung jetzt bei euren Feinden, die euch besiegt haben, weil sie konsequenter sind als ihr. Seht nur, ob Sie die Reaktion fürchten, ob sie fürchten, zu weit zu gehen, ihre Hände mit Blut zu beflecken?
Oh, sie besorgen ihr Amt gut. Nur Geduld, und ihr alle geht noch durch ihre Hände, sie werden euch schon zu finden wissen, um euch einen nach dem anderen hinzurichten. Ja, hinzurichten! Aber das ist noch nicht alles; gepeitscht werdet ihr werden! Haben wir nicht die Patrioten in Mailand, in den Ionischen Inseln, die Frauen in Ungarn, Freiburg, Brescia geißeln sehen? Haben wir nicht Blanqui4 auf den Befehl des Oberhaupts der Bande von elenden Gefängniswärtern mit Schlägen bedecken sehen? Mein Kopf schwindelt mir, mein Gedanke verwirrt sich, ich verliere mich – so oft die Erinnerung davon mir vor die Seele tritt. Wie schade, dass man nicht aus einer Tierart in die andere emigrieren kann. Gewiss, es wäre ohne allen Vergleich weit würdiger, Hund, Katze, Frosch als ein zivilisierter Mensch des 19. Jahrhunderts zu sein.
Was ist da zu tun?
Wir müssen fortgehen, diese Welt verlassen und eine neue Existenz anfangen, eine Protestation durch unser eigenes Leben machen und beweisen, dass wir uns ebenso als Selbstherrscher fühlen als die ganze Menschheit; denn anderen das Beispiel individueller Freiheit geben, indem wir uns von den Interessen einer Welt emanzipieren, welche ihrem Untergang zu geht.
Aber sind wir bereit, dies Beispiel zu geben? Sind wir, trotz der Freiheit unserer Überzeugungen, frei in Wirklichkeit? Gehören wir nicht wider Willen durch unsere Laster und Tugenden, durch unsere Leidenschaften und Gewohnheiten dieser Welt, welche wir hassen, an?
Was werden wir auf einer jungfräulichen Erde beginnen? Wir, die wir nicht einen einzigen Morgen durchleben können, ohne zehn öffentliche Blätter zu verschlingen. – Gestehen wir es: Wir sind schlechte Robinson‘s.
Und wie fliehen? Mit dem Sich-Entfernen, dem Kopfabwenden, dem Sich-die-Ohren-Verstopfen, ist noch wenig geschehen. Das Schluchzen und der Schrei werden doch bis zu uns dringen – kann man denn schweigen? Schweigen, nie. Ich fühle, dass Schweigen der Menschenwürde entsagen, sich den Feind ergeben heißt. Nein, er mag es wissen, dass es noch Menschen gibt, die ihren Kopf nicht beugen werden, eh er nicht durch das Beil von seinem Rumpf getrennt ist, die nicht schweigen werden, eh nicht ein Strick die Kehle zuschnürt.
Möge denn unser Wort weit tönen!
Aber zu wem werden wir sprechen? Wovon? Warum? Ich weiß es wahrlich nicht, aber es ist mächtiger als ich, ich kann’s nicht lassen.
Königsberg, im Dezember 1842
Majestät!
Wir wollen ehrliche Feinde sein, lauteten die Worte, die Preußens König jüngst an mich gerichtet; und diese Worte geben mir ein Recht, ja, legen wir die Verpflichtung auf, offen und unumwunden, wie ich einst mein Vertrauen auf Ew. Maj. Ausgesprochen, nun auch meine Klage, meine bittere Klage vor Ihren Thron zu bringen, ohne eine Devotion zu heucheln, die ich nicht kenne, oder Gefühle, die ich nicht empfinde und nie empfinden werde. Wir wollen ehrliche Feinde sein – und an demselben Tag, da Ew. Maj. Diese Worte auszusprechen geruhten, gefällt es einem hohen Ministerium, den Buchhändlern den Debit eines von mir erst zu redigierenden Journals, von dem unter meiner Redaktion noch keine Silbe erschienen ist, und dessen Debit vor zwei Monaten, ehe diese Übernahme der Redaktion durch mich bekannt gewesen, erlaubt worden war, lediglich meines Namens wegen zu verhindern. Dass dieser mein Name auch bei Ew. Maj. Einen so schlimm Klang habe, kann und darf ich nicht glauben, nach dem, was sie vor wenigen Tagen an mich geäußert. Ohne Zweifel haben Ew. Maj. Von diesem Verfahren gar keine Kunde, und der Zweck dieses Briefes ist auch nur, diese einfache Tatsache zu Ihrer Kenntnis zu bringen, damit Ew. Maj. Weiter beschließen mögen, was rechtens ist. Ich bitte nicht um Zurücknahme des Verbots, denn ich weiß, dass mein beschränkter Untertanenverstand, mein Bewusstsein einer neuen Zeit, auf ewig widersprechen muss dem alternden Bewusstsein und dem Regiment der meisten deutschen Minister, denen ich das Recht der Opposition gern einräumen möchte, wenn sie überhaupt nur Notiz nehmen möchten von dem, was um sie her vorgeht, aber vorgeht in den Tiefen der Menschheit, statt sich mit ein bisschen Schaum und Wind zu zanken, die auf der Oberfläche spielen. Wenn diese Minister in dem Widerspruch gegen sie auch zuweilen die Elemente einer neuen Religion zu entdecken, nicht bloß Polisonnerie2 und Frivolität zu wittern imstande wären, kurz, wenn diese Minister außer dem Zufall ihrer Geburt und ihrer oft schätzenswerten administrativen und polizeilichen Talente auch das Talent und den guten Willen besäßen, sich auf einen ehrlichen Kampf mit ihren Feinden einzulassen, statt dieselben erst vornehm zu ignorieren, dann, ohne sie zu kennen, brutal zu behandeln, und so Fürst und Volk zu täuschen, wenn sie von einer Beruhigung der Gemüter reden, die in der Tat und Wahrheit nicht vorhanden ist und durch äußere Merkmale Maßregeln nun und nimmer erzwungen werden kann. Weiterlesen
1 1842 lud der preußische König, Friedrich Wilhelm IV., den überall gefeierten Dichter zu einer Audienz ein, obwohl „Die Gedichte eines Lebendigen“ schon vorher von der Zensur in Preußen verboten worden waren; dass Herwegh die Einladung annahm, löste in den Reihen der republikanischen Opposition schwere Kritik aus. Gleich nach dem Treffen ließ der König dann auch eine von Herwegh geplante kritische Zeitschrift, den „Deutschen Boten aus der Schweiz“, noch vor ihrer Veröffentlichung verbieten. Als Herwegh daraufhin diesen offenen Brief schrieb (veröffentlicht als Flugblatt und in der „Leipziger Allgemeinen Zeitung“ vom 24. Dezember 1842), wurde er aus Preußen ausgewiesen.
2 Übersetzt etwa: Schabernack.
Noch gibt es Menschen, die durch nichts zu schrecken sind (und ich rechne mich zu ihnen), Menschen, die sich die Seele ausschreien werden, bis Recht und Gerechtigkeit auf der Welt; umso getroster, da selbst die Feinde des Fortschritts nicht mehr den Mut besitzen, Gewalt zu gebrauchen, weil sie wohl einsehen, wie gefährlich das Märtyrertum ist, und wie für einen Mann, den zu unterdrücken ihnen gelingt, zwanzig Geharnischte auf einmal aus dem Boden springen. Ich bitte nicht um Zurücknahme des Verbotes, so schmerzlich es auch ist, das Kind seiner Muse schon im Mutterleib bedroht zu sehen, und als Individuum mit einem ganzen Staatsprinzip in ewiger Kollision zu leben; ich bitte nicht um Zurücknahme dieses Verbots, denn ich bin kein Schriftsteller von Profession, suche keinerlei materielle Vorteile durch das zu erreichen, was ich sage, weil ich es sagen muss. Aber auch für die materiellen Vorteile und die Verbreitung des Journals ist durch ein Verbot nicht hinlänglich gesorgt. Verbotene Bücher fliegen recht eigentlich durch die Luft, und was das Volk lesen will, liest es allen Verboten zum Trotz. Ew. Maj. Minister haben vor fünf Vierteljahren meine Gedichte verboten, und ich bin so glücklich, im Augenblick die fünfte Auflage derselben veranstalten zu können. Ew. Maj. Minister haben die Beschlagnahme als gefährlich erschienener Bücher verordnet, und ich habe mich auf meiner ganzen Reise davon überzeugt: Diese Bücher sind in jedermanns Händen. Ich bitte nicht um Zurücknahme des Verbots, denn ich darf um nichts bitten in einem Land, das ich verlassen will. Ich bin nach der Notwendigkeit meiner Natur Republikaner und vielleicht schon in diesem Augenblick Bürger einer Republik. Ich kann, ohne mich selbst mutwillig zu immerwährender Heuchelei zu verdammen, nicht länger in Staaten leben, wo selbst die Zensur aufgehört hat, eine Wahrheit zu sein; was ja die täglich stattfindenden Konfiskationen bereits zensierter Bücher beweisen. Aber es hat mein Herz gedrängt, an Ew. Maj. Noch ein letztes ehrliches, wenn auch leidenschaftliches Wort zu richten, ein Wort, was nur die Diener der Fürsten, nicht die Fürsten selbst anklagen soll, ein Wort unter vier Augen, das aber doch nicht bloß mein Wort, sondern das vieler Tausender, ein Wort, das ich mit dem ganzen heiligen Eifer und Vertrauen meiner Seele vor Ew. Maj. Gesprochen und dass Ew. Maj. Danach würdigen und schätzen werden.
In tiefster Ehrfurcht
Ew. Maj. Ergebenster
Georg Herwegh
Zürich, 17. Februar 1843
Verehrtester Freund!
Das Beiliegende wird ihnen genügend den Grund meines langen Stillschweigens klar machen, überhaupt die ganze Antwort auf ihren vorletzten Brief enthalten. Mit Zürich ist es vor der Hand nichts1; wo ich selbst hinziehe, weiß ich nicht; zunächst allerdings nur zwei Meilen von hier. Ihre Briefe adressieren Sie nach wie vor nach Zürich. Sobald ich geheiratet, will ich eine Reise nach dem südlichen Frankreich und Spanien mit meiner Frau antreten. Für den Deutschen Boten nehme ich ihre tätigste Mitwirkung in Anspruch; er erscheint unter allen Umständen, und es soll mir lieb sein, wenn Sie mir aus Ihrer Feder schon für das 1. Vierteljahr Beiträge senden; natürlich so schnell sie können. Stellen sie doch einige rücksichtslose zensurwidrige Betrachtungen über das Verbot der Deutsch. J.(ahrbücher) und der Rhein.(ischen) Zeit.(ung) an; es lässt sich so viel daran anknüpfen. (…)
Schicken Sie für den Deutschen Boten, was Ihnen nur immer auf der Seele brennt. Bis ich etwas Bestimmtes für Sie ausfindig. (…)
Ich hatte mich schon so gefreut, Sie diesen Sommer mit Ihrer Braut bei uns zu sehen. Auch das ist zu Wasser geworden. Von allen Seiten gehetzt – nun, das ist auch gut, man bekommt dadurch wenigstens das Gefühl, dass man existiert.
Der Ihrige
G. Herwegh
1 Auch in der Schweiz, wohin Herwegh nach seiner Ausweisung aus Preußen und aus der nicht unberechtigten Sorge, verhaftet zu werden, emigriert war, ist er ständig von Ausweisung bedroht, weil man dort Unannehmlichkeiten mit den preußischen Behörden fürchtet. Noch im selben Jahr siedelt das dann frisch verheiratete Ehepaar, Emma und Georg Herwegh, deshalb nach Paris über und bezieht dort eine Wohnung in unmittelbarer Nachbarschaft der befreundeten und ebenfalls frisch verheirateten Eheleute Jenny und Karl Marx.
Paris, 15. März 1848
Die hiesigen Deutschen fangen an, sich zu organisieren und zu bewaffnen, und es ist Hoffnung vorhanden, in kurzer Zeit ein Korps von 4-5000 Mann[1], eingeübt und mir Offizieren versehen, zur Dispositin Deutschlands bereit zu haben, welches auf das erste Signal von draußen, dass die Hilfe einer disziplinierten deutschen Armee benötigt oder gewünscht wird, an den bezeichneten Ort marschiert. Weiterlesen
1 Tatsächlich waren es dann gerade mal knapp 900 Aufständische, die sich, schlecht bewaffnet, auf den Weg nach Baden machten – und dort von den Regierungstruppen komplett „aufgerieben“ wurden (siehe hierzu ausführlich den Emma Herwegh-Band dieser Edition).
Mit dem hiesigen Gouvernement sind Unterhandlungen angeknüpft; auf bedeutende und vielleicht Waffenteilnahme der Polen in Frankreich ist im Falle partieller oder allgemeiner Insurrektion mit Sicherheit zu rechnen. Die an Strapazen usw. gewöhnte Fremdenlegion, soweit sie aus Deutschen besteht, ist gleichfalls, wenn es nötig und gewünscht wird, Aussicht vorhanden. Die Stimmung unter den hiesigen Deutschen ist sehr kriegerisch, und sobald ein erstes Korps wirklich abmarschiert wäre, würden tausende und vielleicht zehntausende organisiert und diszipliniert (um im Fall der Not auch Linientruppen standhalten zu können) folgen.
Köln, Frankfurt und das Großherzogtum Baden sind die Punkte, auf die sie ihr Hauptaugenmerk richten.
Solange Preußen und Russland nicht in Süddeutschland intervenieren, oder es zu keinem andauernden, hartnäckigeren Kampf zwischen Regierung, Regierungstruppen und Volk kommt, würden die betreffenden Länder allein ohne fremde Hilfe fertig werden.
Sollte jedoch der entgegengesetzte Fall eintreten, wäre hier niemand mehr zu halten, und kein Zweifel, dass das französische Volksgouvernement (wenn auch nicht offiziell) die Hand dafür bieten würde, alle deutschen Volontärs von hier waffen- und marschfähig zu machen.
Die französische Bevölkerung selbst würde mit Freuden zur Unterstützung bereit sein, da auch das egoistische Motiv hinzukommt, viele tausend Handwerker, die den Franzosen Konkurrenz machen, loszuwerden.
Bis jetzt habe ich alle Mühe, die Enrollierten zusammenzuhalten, dass sie nicht in kleinen Abteilungen unsinnige coups de main versuchen. Die Sache wird so am hellen Tag betrieben und kann überhaupt nur etwas werden, wenn sie imposant wird, dass kein Geheimnis daraus gemacht werden soll, im Gegenteil, jeder, der diese Pläne der hiesigen Demokraten propagiert und uns dadurch Gelegenheit gibt, die Stimmung in Deutschland, Ratschläge, Vorschläge usw. zu erfahren, oder uns in Verbindung mit bereits Organisierten oder zu Organisierenden setzt, uns und der Sache wesentliche Dienste leistet, da es vor allem auf eine Verbindung mit draußen ankommt.
Ich zweifle keinen Augenblick, dass, wenn wir heute von draußen ein Zeichen zum Aufbruch erhalten, wir binnen acht Tagen wohlgerüstet an der Grenze stehen können. Wenn sich die hiesigen Deutschen bisher noch nicht in größerer Masse gestellt haben, so liegt dies einzig daran, dass man bisher über das Wie, Wo, Wohin noch im Unklaren ist. Einmal Zeit und Ort präzisiert, und die Zahl wird im Augenblick bedeutend wachsen.
An tüchtigen Offizieren wird es nicht fehlen, und sobald die Masse der Eingeschriebenen groß genug, wird sich ein ordentlicher Kriegsrat an die Spitze stellen.
Auf die Hilfe der Deutschen in Paris ist jeden Augenblick zu rechnen, und man würde Unrecht tun, sie zu verachten, da viele von ihnen in den drei großen Tagen mitgefochten und alle gesehen haben, wie man eine Revolution macht und was ein Volk vermag.
Georg Herwegh
Gedichte eines Lebendigen. Band 1, 1841 (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv).
Gedichte eines Lebendigen. Band 2, 1843 (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv).
Beide Bände wie auch spätere Gedichte (wie etwa das „Bundeslied“) finden sich auch in: Herweghs Werke in einem Band, ausgewählt und eingeleitet von Hans-Georg Werner, Bibliothek deutscher Klassiker, Berlin und Weimar 1977.
Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz. Herausgegeben von Georg Herwegh, Zürich und Winterthur 1843, Nachdruck Leipzig 1989.
Briefe von und an Georg Herwegh, herausgegeben von Marcel Herwegh, Albert Langen’s Verlag, München 1898.
Georg Herwegh’s Briefwechsel mit seiner Braut, herausgegeben von Marcel Herwegh, Stuttgart 1906.
Aus dem Leben und Werk Georg Herweghs, herausgegeben von Bruno Kaiser, Berlin 1948.
Literatur und Politik. Herausgegeben von Katharina Mommsen, Frankfurt am Main 1969.
Als Gesamtausgabe:
Werke und Briefe. Kritische und kommentierte Gesamtausgabe. 6 Bde., hg. v. Ingrid Pepperle in Verb. mit Volker Giel, Heinz Pepperle, Norbert Rothe und Hendrik Stein, Aisthesis, Bielefeld 2005–2019.
Bruno Kaiser (Hrsg.): „Der Freiheit eine Gasse.“ Aus dem Leben und Werk Georg Herweghs, Volk und Welt, Berlin 1948.
Bruno Kaiser (Hrsg.): Georg Herwegh. Frühe Publizistik 1837–1841, Akademie-Verlag, Berlin 1971.
Wolfgang Büttner: Georg Herwegh. Ein Sänger des Proletariats. Der Weg eines bürgerlich-demokratischen Poeten zum Streiter für die Arbeiterbewegung. Mit einem Anhang ungedruckter Briefe und Dokumente über Herweghs Verhältnis zur Arbeiterbewegung, 2., überarb. Aufl., Akademie Verlag, Berlin 1976.
Michail Krausnick: Die eiserne Lerche. Die Lebensgeschichte des Georg Herwegh, Beltz und Gelberg, Weinheim 1993.
Ulrich Enzensberger: Herwegh. Ein Heldenleben. Die Andere Bibliothek, Band 173, Eichborn, Frankfurt am Main 1999.
Stephan Reinhardt: Georg Herwegh. Eine Biographie. Seine Zeit – unsere Geschichte, Wallstein Verlag, Götting 2020.
Herfried Münkler: Georg Herwegh (1817–1875): Ein Republikaner in Wort und Tat, in: Frank-Walter Steinmeier (Hrsg.), Wegbereiter der deutschen Demokratie. 30 mutige Frauen und Männer 1789–1918, München (C.H.Beck), 2021.
GEORG HERWEGH
Abb.: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg, J-Ac_H-215
Der Dichter und Revolutionär Georg Herwegh, der neben Heinrich Heine populärste Lyriker seiner Zeit, gab dem bis dahin zumeist stummen Protest eine Stimme. In seinen Texten sprach er aus, was viele Menschen jener Zeit dachten, fühlten, erlitten, beklagten. Wie kaum ein zweiter hat er dadurch die politische Geschichte des 19. Jahrhunderts geprägt. Seine „Gedichte eines Lebendigen“ wurden zu einem überragenden Erfolg, sie waren gewissermaßen das Initial für die Formierung einer demokratischen Massenbewegung. Tausende jubelten ihm auf einer Lesereise durch die deutschen Länder zu, überall bildeten sich „Herwegh-Clubs“. Literatur und Poesie, weniger durch die Zensur gegängelt als politische Prosa, wurden zum „Nährstoff“ für die sich nun immer mutiger und radikaler artikulierende Opposition.
Als er nicht nur wortmächtig, sondern auch tatkräftig versuchte, gemeinsam mit seiner Frau Emma und rund 850 Freiheitskämpfern den badischen Aufstand von Paris aus mit einer „Deutschen Legion“ zu unterstützen, scheiterte er und konnte in die Schweiz entkommen. Den demokratischen Idealen blieb er zeit seines Lebens treu.
Am 31. Mai wird Georg Herwegh in Stuttgart als Sohn des Gastwirts Ludwig Ernst Herwegh und seiner Frau Rosine geboren.
Aufgewachsen im kleinbürgerlichen Milieu besucht Georg nach der Schule das „Evangelisch-Theologische Seminar“ der Klosterschule Maulbronn, um, dem Wunsch seiner Mutter folgend, den krisenfesten Beruf des Pfarrers zu ergreifen.
Die Fesseln der theologischen Doktrin sind jedoch nichts für den jungen Georg, der sich stattdessen für Hegel und die Ideale der Französischen Revolution begeistert. Er beginnt ein Studium der Rechtswissenschaften in Tübingen und wird Mitglied einer burschenschaftlichen Vereinigung.
Das Studium bricht er schon bald wieder ab; er wird als freier Schriftsteller tätig und schreibt für verschiedene Zeitschriften.
Kurz zuvor zum Militärdienst einberufen, wird Herwegh inhaftiert, weil er einem Offizier den militärischen Gruß verweigert hatte. Er „desertiert“ daraufhin in die Schweiz, wo er für die von Johann Georg August Wirth herausgegebene Zeitschrift „Deutsche Volkshalle“ als Redakteur tätig wird.
In diesem Jahr erscheint der erste Band der „Gedichte eines Lebendigen“, der Herwegh auf einen Schlag berühmt macht. Es gelingt ihm darin, wie neben ihm nur Heinrich Heine und Ferdinand Freiligrath, Politik und Poesie zu verbinden, „aus einer Sache des Verstandes Herzenssache“ zu machen.
Nach einer spektakulär erfolgreichen Lesereise – inklusive einer Audienz beim preußischen König Friedrich Wilhelm IV. – wird Herwegh im Dezember aus Preußen ausgewiesen, weil er sich in einem offenen Brief über die politischen Verhältnisse in Deutschland beklagt hatte. Herwegh geht zurück in die Schweiz
Übersiedelung nach Paris. Das Ehepaar Herwegh bezieht eine Wohnung in unmittelbarer Nachbarschaft zum befreundeten Ehepaar Marx. Für Karl Marx‘ „Rheinische Zeitung“, inzwischen verboten, hatte er zuvor mehrfach geschrieben.
Nach der Pariser Februarrevolution 1848 wird Herwegh Präsident der „Deutschen Demokratischen Gesellschaft“ in Paris und der daraus hervorgegangenen „Deutschen Demokratischen Legion“, einer Kampftruppe von deutschen Exilanten in Paris, um die Revolution in der Heimat zu unterstützen.
Die Aufständischen um Herwegh ziehen nach Baden, werden aber in einem Gefecht bei Dossenbach vernichtend geschlagen. Den Herweghs gelingt die Flucht in die Schweiz, wo ihr Haus in den Folgejahren zu einem wichtigen Treffpunkt deutscher Demokratinnen und Demokraten wird.
Herwegh wird zum Bevollmächtigten des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“ (ADAV) in der Schweiz, der ersten Vorläuferorganisation der späteren „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (SPD). Auf Veranlassung von Ferdinand Lassalle, dem Begründer des ADAVs, schreibt er das bis heute berühmte „Bundeslied“.
Als Mitstreiter der „Ersten Internationale“ kehrt Herwegh, inzwischen wie alle demokratischen Oppositionellen amnestiert, nach Deutschland zurück.
Herwegh schließt sich der von August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründeten „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei“ (SDAP) an.
Am 7. April 1875 stirbt Georg Herwegh im heute zu Baden-Baden gehörenden Lichtental. Auf seinen Wunsch hin lässt ihn sein Frau Emma „in republikanischer Erde“, im schweizerischen Liestal begraben.
Stephan Reinhardt
Georg Herwegh: ein Leben und Werk im 19. Jahrhundert (1817-1875). Als sich das in zahlreiche Fürstentümer und einige Königreiche zersplitterte Agrarland Deutschland zu industrialisieren begann und sich der damit massiv entfaltende Gegensatz von Kapital und Arbeit die Lebensverhältnisse für die Kapitalgeber immer profitabler machte, während die in den Fabriken nur ihre Arbeitskraft verkaufenden Arbeiter zunehmend verelendeten, suchte der intellektuell und moralisch sensible Georg Herwegh in der Auseinandersetzung mit französischen und deutschen Sozialisten nach Alternativen. Weiterlesen
Georg Herwegh, 1817 in Stuttgart geboren, Sohn eines Kochs und Gastwirts, stammte aus kleinbürgerlichem Milieu. Der raue Vater heiratete die ältere Apothekerstochter Rosine Märklin. Als der Zwölfjährige am Nervenleiden „Veitstanz“ (Chorea Huntington) erkrankte, beteiligte er sich selbst intensiv am Heilungsprozess – Ausgangspunkt seines dauerhaften naturwissenschaftlichen Interesses. Da es der Wille der Mutter war, den krisenfesten Beruf des Pfarrers zu ergreifen, besuchte er das renommierte „Evangelisch-Theologische Seminar“ der Klosterschule Maulbronn.
Doch Herweghs auffälliges „poetisch-deklamatorisches Talent“, so ein Zeugnis, sprengte die Fesseln, die ihm die theologische Doktrin auferlegte. Der Schüler begeisterte sich für die bahnbrechende Philosophie der Freiheit von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, für die Ideale der Französischen Revolution – „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ –, für Johann Gottlieb Fichtes Bürgerrecht auf Revolution, und er machte sich die Forderungen zu eigen, die 1832 vom großen Hambacher Fest überallhin ausstrahlten: nach Freiheit und nach einem in einer großen Republik geeinten Europa. „Die Revolution überhaupt ist die Religion unserer Zeit; sie ist wenigstens meine“ – hielt er in einem seiner Aphorismen fest.
Der junge Herwegh, von früh an mit untrüglichem Gerechtigkeitssinn ausgestattet, zugleich ein kluger Analytiker, erlas sich einen erstaunlichen Bildungsfundus: Von der griechisch-römischen und germanischen Mythologie (die sich sein späterer, zeitweiser Freund Richard Wagner zunutze machte) über Shakespeare (dessen Stücke er nächtelang studierte), und die deutschen Klassiker Lessing, Goethe und Schiller bis hin zu den verbotenen Autoren des „Jungen Deutschland“, allen voran Ludwig Börne, Heinrich Heine und Karl Gutzkow, seinen Vorbildern, allesamt wie er geistige Kinder der französischen Juli-Revolution von 1830. Weil er sich dem Atheismus der Religionskritik der Linkshegelianer David Friedrich Strauß und Ludwig Feuerbach (der zu seinen engsten Freunden gehören wird) anschloss, wurde er deshalb und disziplinarischer Verstöße wegen aus dem „Tübinger Stift“, wohin er 1835 zum Studium der Theologie gewechselt war, ausgeschlossen. Feuerbachs Überzeugung, der Mensch erschaffe sich Gott nach seinem eigenen Bilde, nach dem Ideal seiner Wünsche, war in den Augen der einen Schöpfergott behauptenden Kirche unhaltbar. Das anschließend begonnene Jurastudium brach Herwegh gleich wieder ab und ließ sich als freier Schriftsteller in Stuttgart nieder. Ein mutiger Schritt, den er im Gedicht „Leicht Gepäck“ feierte: „Ich bin ein freier Mann und singe/Mich wohl in keine Fürstengruft,/Und alles, was ich mir erringe,/Ist Gottes liebe Himmelsluft./Ich habe keine stolzen Feste,/Von der man Länder übersieht,/Ich wohn ein Vogel nur im Neste,/Mein ganzer Reichtum ist mein Lied.“
Das Lied war das revolutionäre Medium im Vormärz und Herwegh ein junger, selbstbewusster Oppositioneller, der im Stuttgarter Theatermilieu verkehrte, Gedichte und Szenen schrieb, dazu brillante Feuilletons, kluge Kritiken und im Brotberuf Werke des französischen Erfolgsautors Alphons des Lamartine übersetzte.
Zum Militärdienst einberufen, wurde Herwegh kurz darauf inhaftiert, unter anderem, weil er im Stuttgarter Opernhaus einem Offizier den militärischen Gruß verweigert hatte. Er desertierte in die nahe Schweiz, zunächst nach Emmishofen am Bodensee, wo der emigrierte Hambacher Hauptredner August Wirth ihn als Redakteur seines Journals „Deutsche Volkshalle“ anstellte. In Wirths „Deutscher Volkshalle“ begründete der steckbrieflich gesuchte Deserteur, worauf es ihm ankam: Politik und Poesie auf Augenhöhe miteinander zu verbinden. „Waren das nicht alberne Vorwürfe“: „Jedes Schneegänschen soll man besingen dürfen, und die Freiheit nicht“. – Shakespeares Königsdramen und Goethes „Faust“ zum Beispiel waren ja schlagende Gegenbeispiele.)
Herweghs Bekenntnis als gültiger Aphorismus: „Politik und Poesie – politische Poesie. So? Die politische Poesie sei keine Poesie? O ja, so ist aus einer Sache des Verstandes Herzenssache geworden, und darum Poesie.“
Herwegh beklagte den „Mangel an politischer Bildung bei den deutschen Literaten“ und benannte als „Prinzip der neuen Literatur (…) das demokratische.“ Es entdecke und beschreibe wie z. B. der französische Lyriker und Chansonnier Pierre-Jean Béranger „die unteren Kreise“ der Gesellschaft.
Herwegh siedelte nach Zürich über, in die nach Genf liberalste Schweizer Emigrantenstadt. Und erlebte nach der muffig-philiströsen Enge der von Thron und Altar beherrschten deutschen Kleinstaaterei die Alpenrepublik als verheißungsvollen Ort der Freiheit. Doch Herwegh wird sich inmitten der Schweizer Bergwelt auch plötzlich dessen bewusst, dass er „die Welt, die ich im Tale ließ zurück“, nicht vergessen kann. Es „verlangt“ ihn „nach dem Staub der Straßen, dem Druck der Not da unten allzumal. Wie nach den Feinden selbst, die ich verlassen. Und nach der Menschheit vollster, tiefster Qual“. Bei seinem ersten Paris-Besuch erlebte er hautnah den „Druck der Not“. Was seine „Feinde“ in einigen Arbeitervierteln der zur Millionenstadt herangewachsenen Metropole Menschen an Unmenschlichkeit zumuteten, beschrieb er eindrücklich in „Vom armen Jakob und von der kranken Lise“, seinen ersten sozialen Gedichten. Fortan ergriff er Partei für sozial und politisch an den Rand Gedrängte, für Ausgebeutete und Arme.
Vom sozialen und politischen Elend erzählte Herwegh in seinen Gedichten. Begeistert von seinem mündlichen Vortrag ebendieser „Freiheitslieder“ publizierte die Züricher Emigrantengemeinde sie unter dem Titel „Gedichte eines Lebendigen“ in einem eigens dafür gegründeten Verlag. Gleichsam über Nacht machten ihn diese Verse zum berühmtesten deutschen Lyriker. Und wurden sogleich verboten. Ingrid Pepperle, die mit ihrer sechsbändigen Werk- und Briefausgabe der Herwegh-Forschung neue Impulse gegeben hat, kommt auf die verblüffende Zahl von nahezu 100 000 Leserinnen und Lesern. Politische Bekenntnisse drückte Herwegh so prägnant aus, dass sie zu geflügelten Worten wurden: „Wir haben lang genug geliebt, wir wollen endlich hassen! – Und wer wie ich mit Gott gegrollt, darf auch mit einem Könige grollen. – Reißt die Kreuze aus der Erden! Alle sollen Schwerter werden, Gott im Himmel wird’s verzeihen. – An die Türen will ich schlagen, nicht mehr klagen. Donnern will ich durch die Lande.“
Herweghs Mahn- und Weckrufe wirkten wie ein Fanal: Sie entflammten den Protest gegen Obrigkeitsstaat und Restauration, gegen Biedermeier und Philistertum. Deutschland geriet in ein regelrechtes Herweghfieber. Der Leipziger Apothekerlehrling Theodor Fontane, der abends im „Herwegh-Klub“ verkehrte, hielt später fest: „So mancher, dem die Politik ein Gräuel war, ist durch sie plötzlich zum Mann geworden, und Gut und Blut setzt er für die 'Freiheit' ein.“
Herwegh riss den deutschen Michel aus seinem Dämmerschlaf und meldete Widerspruch an gegen erstarrte, mit rigiden Verboten und Strafen demütigende feudale Verhältnisse, in der Form treffender, ironisch-satirischer Polemik: „Deutschland – auf weichem Pfühle,/Mach dir den Kopf nicht schwer! Im irdischen Gewühle/Schlafe, was willst du mehr?/Lass jede Freiheit dir rauben,/Setze dich nicht zur Wehr,/Du behältst ja den christlichen Glauben:/Schlafe, was willst du mehr ?“
Auf einer großen Reise, die ihn – Württemberg, aus dessen Militär er desertiert war, umgehend – durch ganz Deutschland bis nach Königsberg führte, wurde Herwegh enthusiastisch gefeiert, mit Festessen und Fackelzügen, vor allem von Studenten und Handwerkern. Dabei knüpfte er ein erstaunlich breites linkes Netzwerk und gewann neue Freunde von Bakunin und Robert Blum bis zu Arnold Ruge und Karl Marx. Die auf ihn angesetzten Spitzel vom „Mainzer Informationsbüro“ meldeten jeden seiner Schritte. Ihre Berichte ließ sich sogar Fürst Metternich in Wien vorlegen, die zentrale Figur der regierenden Reaktionäre.
In Berlin begegnete Herwegh Emma Siegmund, Tochter eines vermögenden jüdischen Seidenhändlers und Hoflieferanten. Nur acht Tage später verlobten sie sich. Eine weitere Woche später empfing ihn der preußische König Friedrich Wilhelm IV., der den Eindruck erweckt hatte, er sei ein König nun des Volkes und wolle die despotische Hohenzollernmonarchie liberalisieren. Ein Irrtum. Herwegh trat nicht als selbstbewusster Republikaner auf, wie seine Anhänger erhofft hatten, sondern schwieg und ließ sich mit Floskeln abspeisen wie: Sie wollten immerhin, heuchelte der König, „ehrliche Feinde bleiben“. Als Herwegh, inzwischen in Königsberg zu Besuch bei Johann Jacoby, erfuhr, dass das Verbot seines geplanten oppositionellen Zeitschriftenprojektes „Deutscher Bote aus der Schweiz“ schon seit Wochen festgelegt war, empörte er sich in einem Aufsehen erregenden offenen „Brief an den König“ darüber, dass von „ehrlicher Feindschaft“ ja wohl keine Rede sein könne. Ein ungewöhnlich offener Brief, der ihm die sofortige Ausweisung aus Preußen eintrug.
Wieder in Zürich, heirateten Herwegh und Emma, wobei Bakunin Emmas Brautführer wurde. Ihre beträchtliche Apanage sicherte Wohlstand – zunächst. Geistig und politisch waren Emma und Herwegh aus gleichem Holz geschnitzt, getragen von ihrer ungeteilten Begeisterung für Demokratie und Republik. Sie werde, schrieb er an Marx, „uns allen über das Kapitel der Freiheit tüchtige Lektionen halten können“. Und das tat Emma als Freiheitskämpferin und Frauenrechtlerin. Sie hielt enge Verbindungen zu Oppositionellen in Polen und Italien, die im geheimen wie offenen Widerstand gegen die Besetzung und Zersplitterung ihrer Länder ankämpften.
Auf Betreiben des konservativen Züricher Staatsrats Johann Bluntschli, der ihn in seinem Dossier „Die Kommunisten in der Schweiz“ denunzierte als „Förderer“ des „kalten, abstrakten Prinzips des Kommunismus“, des „verwerflichsten Systems der Weltgeschichte“, das Gesellschaft und Staat ins anarchistische Chaos stürze, wurde Herwegh mit Emma aus Zürich ausgewiesen. Auch von nun an signalisierte der Begriff „Kommunismus“ in der feudal-bürgerlichen Öffentlichkeit allergrößte Gefahr, das schlechthin Böse – eine Diskriminierung, die Herwegh lebenslang begleitete.
Auf der Suche nach neuen Impulsen, die das mittlerweile in Deutschland schwelende Freiheitsfeuer zum offenen Brand entflammen würden, zogen Georg und Emma Herwegh nach Paris. Herwegh begrüßte den Tief- und Weitblick, mit dem Marx gerade im „Manifest der Kommunistischen Partei“ das herrschende System des Kapitalismus analysiert und einen Weg zu einer „neuen Ordnung der Dinge“ skizziert hatte. Ihre enge Freundschaft fand jedoch abrupt ein Ende, als sich Herwegh, unter den deutschen Emigranten in Paris der Mann der Stunde, Anfang März 1848 auf einer dramatischen Großveranstaltung mit großer Mehrheit gegen Marx durchsetzte mit seiner „Adresse an das französische Volk“, in der er die Universalität und den Vorbildcharakter der französischen Revolutionsideale betonte. Nach einem spektakulären Solidaritätsmarsch zum Pariser Rathaus trug er dort erneut seine „Adresse“ vor. Herwegh wollte nach den beiden äußerst blutigen Berliner Revolutionstagen vom 18. und 19. März das damit in Deutschland entfachte Feuer zum Lodern bringen. Der besonnenere Marx dagegen trat dafür ein, in Deutschland erst einmal durch die Gründung von Arbeitervereinen das revolutionäre Potential zu stärken.
Als die Mannheimer Rechtsanwälte Friedrich Hecker und Gustav Struve in Konstanz die Republik aus- und zum bewaffneten Kampf aufriefen, zogen Herweghs von Paris aus mit ihrer schlecht bewaffneten Freiwilligenschar, der „Deutschen demokratischen Legion“, nach Straßburg, wo sie freilich bereits nach der Überquerung des Rheins erwartet und „aufgerieben“ wurden. Den Herweghs gelang die Flucht. Ein Leben lang freilich verfolgte Herwegh der Vorwurf, er habe, ein typischer „Salonkommunist“, feige den Kampfplatz verlassen – eine Lüge.
Enttäuscht nahm Herwegh zur Kenntnis, wie die nun in Frankfurt tagenden Deutsche Nationalversammlung von einer wirtschaftsliberalen Mehrheit dominiert wurde, die auf das zunächst Notwendige, nämlich die sofortige Ausschaltung der Macht- und Vollzugsorgane des feudalen Deutschen Bundes und ihre Ersetzung durch das ja demokratisch gewählte Frankfurter Parlament verzichtete. Die Abgeordnetenmehrheit wollte die konstitutionelle Monarchie erhalten und zeigte kein wirkliches Interesse an einer Republik. So missbrauchte sie regelrecht die urdemokratische Institution des Parlaments zu endlosen Debatten, was Herwegh in seinem populären Lied (von Konservativen und selbst gerade erst wieder von Christopher Clark in „Frühling der Revolution“ als „undemokratisch“ falsch interpretiert) polemisch anprangerte: „Im Parla – Parla – Parlament/Das Reden nimmt kein End (...)/Da wird man uns befrein; Man wird die Republiken, Im Mutterleib ersticken.“ Die große Mehrheit folgte der demokratiefeindlichen Devise: „Lieber keine Freiheit als keine Ordnung“. Herwegh war sich dessen bewusst: Die Revolution von 1848 scheiterte, weil das privilegierte Besitzbürgertum aus Furcht vor dem aufbegehrenden Volk die Monarchie nicht durch eine demokratische Republik hatte ersetzt wissen wollen. Obwohl doch dafür mit den in Berlin am 18. März ausgebrochenen Barrikadenkämpfen eine große Chance bestanden hatte. Denn nach der mit ihren nahezu 300 Toten opferreichen blutigen Revolutionsnacht vom 18. auf den 19. März schien König Friedrich Wilhelm IV. einzulenken. Er wollte buchstäblich seine Haut retten. Einem Freund schrieb Herwegh: „Ihr habt ein paar gute Tage gehabt in Berlin (…), ihr habt zu kämpfen aufgehört in einem Augenblicke, wo ein Ruf au chateau für Euch und Deutschland alles entschieden hätte (…). Als ob die 300 proletarischen Opfer nicht auch ein königliches Opfer verlangten! Eure Monarchie war in ein paar Stunden reif geworden zum Fall; die Republik war gegeben, wenn Ihr nur den politischen Instinkt eines Pariser Gamins besessen hättet. Ihr habt Eure, Ihr habt unsere Geschichte verpfuscht.“
Der historische Augenblick, das Rad der Geschichte in eine neue Richtung zu drehen, war in Berlin versäumt worden. Der König, der auf seinem absolutistischen Gottesgnadentum bestand, hatte nur im Sinn gehabt, seine Macht als Monarch mit allen Mitteln der Täuschung zu erhalten. Geopfert wurden, sowohl vom König als auch vom Besitzbürgertum, so brachte Herwegh im Gedicht „Achtzehnter März“ zu Gehör und Papier, „Proletarierherzen“: „Als im Lenze das Eis gekracht, Tage des Februar, Tage des März,/Waren es nicht Proletarierherzen/Die voll Hoffnung zuerst erwacht?“
Herwegh war zutiefst enttäuscht über das Versagen des Bürgertums und den Sieg der Reaktion. Was aber nun? Sollte er „Lebewohl“ sagen, fragte er in seinem „Epilog zum Jahre 1849“ – zum politischen Geschehen und aus dieser Wirklichkeit fliehen durch „Schweigen“? Seine Antwort: „Das Schluchzen und der Schrei werden doch bis zu uns dringen (...). Ich fühle, das Schweigen der Menschenwürde entsagen, sich dem Feind ergeben heißt“.
Herwegh wurde zu einem Sprachrohr der Arbeiterbewegung. Für die von seinem Freund Ferdinand Lassalle ins Leben gerufenen Sammelpartei „Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein“ schrieb er das als Lied der Arbeiter sogleich überall gesungene „Bundeslied“ „Mann der Arbeit aufgewacht und erkenne deine Macht“. Und er wurde nun, seit 1866 dank der Generalamnestie aller politischen Flüchtlinge nach dreißig Jahren Exil mit der Familie in Baden-Baden ansässig, zum schärfsten Kritiker einer allgemeinen Militarisierung. Der preußische König Wilhelm I., der mit Kartätschen, streuhaltiger Schrapnellmunition, auf Tausende aufständische Berliner und auf Freiheitskämpfer in Baden hatte schießen lassen – und deshalb den Beinamen „Kartätschenprinz“ trug –, hatte den erzkonservativen, diplomatisch gewieften Otto von Bismarck zum Ministerpräsidenten berufen. Ganz in seinem Sinne hatte der erklärt: „Preußens Grenzen (…) sind zu einem gesunden Staatsleben nicht günstig, nicht durch Reden oder Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, (…) sondern durch Eisen und Blut.“ Das bedeutete Aufrüstung und strikte Ausrichtung von Staat und Gesellschaft auf die Führungsrolle des Militärs. Es bedeutete auch autoritäre Disziplinierung natürlichen Widerspruchsverhaltens, das heißt Ausschaltung von oppositionellem Geist durch willfährige, manipulierbare Untertanengesinnung. Herwegh registrierte, wie wohl keiner sonst, dass politische, militärische, wirtschaftliche Eliten sich diese Untertänigkeit zunutze machten während der drei Einigungskriege von 1864, 1866 und 1871/71. Sie missbrauchten das Volk sowohl auf dem Schlachtfeld als Kanonenfutter als auch im kriegsfreien Alltagsleben als Objekt gesteigerter sozialer Ausbeutung.
Der wahre „Feind“, dem sich Herwegh bewusst nach seiner Desertion 1839 gegenübergestellt hatte, saß ja nicht in Paris, stellte er realistisch fest, sondern im Hohenzollernschloss und in der Wilhelmstraße zu Berlin: Dessen „Weltherrschaftsdünkel“ hatte die inhumane Schraube der Gewalt weitergedreht, unter Missachtung der Bürger- und Menschenrechte. Dass Herwegh sich dem leidenschaftlich widersetzte und dichtete „Germania mir graut vor dir“: „du bist im ruhmgekrönten Morden/Das erste Land der Welt geworden“, trug ihm fortan Hass und Ausgrenzung sowie Verarmung ein. Der Militarismus und das zivilisationsfremde „Kriegsidiotentum“ der Eliten steigerte sich im Irrweg des rassistisch-völkischen Nationalismus und führte hin zu den vielen Toten der Weltkriege sowie zum Zivilisationsbruch des Holocaust. Dass ein anderer, besserer Weg möglich gewesen wäre, dafür stehen Leben und Werk des republikanischen Urdemokraten Georg Herwegh.
„Als Nestbeschmutzer“ diskreditiert, starb er 1975, gerade 58 Jahre alt, in Baden-Baden. Emma, die im Alter von 87 Jahren 1904 in Paris starb, hatte ihn auf seinen Wunsch hin „in republikanischer Erde“ im schweizerischen Liestal beerdigen und auf seinem Grab den Spruch eingravieren lassen: „Von den Mächtigen verfolgt, von den Knechten gehasst, von den Meisten verkannt, von den Seinen geliebt.“
Georg Herwegh
Vor der Freiheit sei kein Frieden
Erschienen am 08.02.2024
Taschenbuch mit Klappen, 176 Seiten
€ (D) 14,– / € (A) 14,40
ISBN 978-3-462-50011-0
Wer ist frei?
Der ist allein ein freier Mann,
Und seiner sei gedacht,
Der sie sich selbst verdienen kann,
Die Freiheit in der Schlacht,
Der mit der eignen Klinge
Sie holt herbei,
Der Mann ist‘s, den ich singe,
Der Mann ist frei!
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O wehe, wer dem Franken traut!
Und ihn zu froh begrüßt;
Er bringt uns immer unsre Braut,
Wenn er sie satt geküsst.
Noch gibt‘s in unsern Reihen
Pulver und Blei –
Drum lasst uns selber freien,
So sind wir frei!
Die Freiheit wohnt am Don und Belt,
Sie trinkt aus unsrem Rhein,
Die Freiheit schläft im Wüstenzelt
Und glänzt im Sternenschein;
Doch muss man um sie werben,
Wo‘s immer sei,
Doch muss man für sie sterben,
Dann wird man frei!
Noch hat der Deutsche eine Hand
Und eine starke Wehr,
Gibt keinen Schritt vom Vaterland
Selbst für die Freiheit her;
Und die mit uns erheben
Solch Feldgeschrei,
Die sollen alle leben,
Denn sie sind frei!
Viel tausend Funken, eine Glut,
Viel Herzen und ein Schlag,
So harren wir gar wohlgemut
Bis an den Jüngsten Tag;
Die Einheit muss verschlingen
Die böse Zwei,
Dann soll es donnernd klingen:
Deutschland ist frei!
Protest
Solang ich noch ein Protestant,
Will ich auch protestieren,
Und jeder deutsche Musikant
Soll‘s weiter musizieren!
Singt alle Welt: Der freie Rhein!
So sing‘ doch ich: Ihr Herren, nein!
Der Rhein, der Rhein könnt‘ freier sein –
So will ich protestieren.
Weiterlesen
Kaum war die Taufe abgetan,
Ich kroch noch auf den Vieren,
Da fing ich schon voll Glaubens an,
Mit Macht zu protestieren,
Und protestiere fort und fort,
O Wort, o Wind, o Wind, o Wort,
O selig sind, die hier und dort,
Die ewig protestieren.
Nur eins ist not, dran halt‘ ich fest
Und will es nit verlieren,
Das ist mein christlicher Protest,
Mein christlich Protestieren.
Was geht mich all das Wasser an
Vom Rheine bis zum Ozean?
Sind keine freien Männer dran,
So will ich protestieren.
Von nun an bis in Ewigkeit
Soll euch der Name zieren:
Solang ihr Protestanten seid,
Müsst ihr auch protestieren.
Und singt die Welt: Der freie Rhein!
So singet: Ach! Ihr Herren, nein!
Der Rhein, der Rhein könnt‘ freier sein,
Wir müssen protestieren.
Der Freiheit eine Gasse!
Vorm Feinde stand in Reih‘ und Glied
Das Volk um seine Fahnen,
Da rief Herr Struthahn Winkelried1:
»Ich will den Weg euch bahnen!
Dir, Gott, befehl‘ ich Weib und Kind,
Die ich auf Erden lasse –«
Und also sprengt‘ er pfeilgeschwind
Der Freiheit eine Gasse.
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Das war ein Ritter noch mit Fug,
Der wie ein heiß Gewitter
Die Knechte vor sich niederschlug –
O wär‘ ich solch ein Ritter,
Auf stolzem Ross von schnellem Huf,
In schimmerndem Kürasse,
Zu sterben mit dem Donnerruf:
Der Freiheit eine Gasse!
Doch zittert nicht! Ich bin allein,
Allein mit meinem Grimme;
Wie könnt‘ ich euch gefährlich sein
Mit meiner schwachen Stimme?
Dem Herrscher bildet sein Spalier,
Wie sonst, des Volkes Masse,
Und niemand, niemand ruft mit mir:
Der Freiheit eine Gasse!
Ihr Deutschen ebnet Berg und Tal
Für eure Feuerwagen,
Man sieht auf Straßen ohne Zahl
Euch durch die Länder jagen;
Auch dieser Dampf ist Opferdampf –
Glaubt nicht, dass ich ihn hasse –
Doch bahnet erst in Streit und Kampf
Der Freiheit eine Gasse!
Wenn alle Welt den Mut verlor,
Die Fehde zu beginnen,
Tritt du, mein Volk, den Völkern vor,
Lass du dein Herzblut rinnen!
Gib uns den Mann, der das Panier
Der neuen Zeit erfasse,
Und durch Europa brechen wir
Der Freiheit eine Gasse!
1 Arnold Winkelried ist ein Held der Schweizer Nationalgeschichte. Im Juli 1386 soll er in der Schlacht von Sempach die Spieße der Gegner auf sich gelenkt und durch seinen Opfertod den Sieg der Eidgenossen über die Österreicher ermöglicht haben.
Das Lied vom Hasse
Wohlauf, wohlauf, über Berg und Fluss
Dem Morgenrot entgegen,
Dem treuen Weib den letzten Kuss,
Und dann zum treuen Degen!
Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen;
Wir haben lang genug geliebt,
Und wollen endlich hassen!
Weiterlesen
Die Liebe kann uns helfen nicht,
Die Liebe nicht erretten;
Halt du, o Hass, dein jüngst Gericht,
Brich du, o Hass, die Ketten!
Und wo es noch Tyrannen gibt,
Die lasst uns keck erfassen;
Wir haben lang genug geliebt,
Und wollen endlich hassen!
Wer noch ein Herz besitzt, dem soll‘s
Im Hasse nur sich rühren;
Allüberall ist dürres Holz,
Um unsre Glut zu schüren.
Die ihr der Freiheit noch verbliebt,
Singt durch die deutschen Straßen:
»Ihr habet lang genug geliebt,
O lernet endlich hassen!«
Bekämpfet sie ohn‘ Unterlass,
Die Tyrannei auf Erden,
Und heiliger wird unser Hass,
Als unsre Liebe, werden.
Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen;
Wir haben lang genug geliebt,
Und wollen endlich hassen!
Morgenruf
Die Lerche war‘s, nicht die Nachtigall1,
Die eben am Himmel geschlagen:
Schon schwingt er sich auf, der Sonnenball,
Vom Winde des Morgens getragen.
Der Tag, der Tag ist erwacht!
Die Nacht,
Die Nacht soll blutig verenden. –
Heraus, wer ans ewige Licht noch glaubt!
Ihr Schläfer, die Rosen der Liebe vom Haupt,
Und ein flammendes Schwert um die Lenden!
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Die Lerche war‘s, nicht die Nachtigall:
Erhebt euch vom Schlummer der Sünden!
Schon wollen die Feuer sich überall,
Die heiligen Feuer entzünden.
Frisch auf und die Waffen gefeit!
Der Streit,
Der Gottesstreit soll beginnen.
Hinweg aus des Liebchens rosigem Arm
Und hinein in der Feinde gepanzerten Schwarm
Und auf fliegenden Rossen von hinnen!
Die Lerche war‘s, nicht die Nachtigall:
Kein Küssen gilt es und Kosen,
Sie singt von nahendem Donnerhall,
Sie singt von des Schlachtfelds Rosen,
Den Rosen, damit in Todeslust
Die Brust,
Die Brust der Helden sich schmücket.
Drum auf und wohlan: bis frei die Welt,
Sei der Himmel ein einig Kriegergezelt
Und der Dolch der Rache gezücket!
Die Lerche war‘s, nicht die Nachtigall:
So lass, o Jugend, dein Träumen!
Und wie von den Bergen mit Jubelschall
Die mutigen Wasser entschäumen,
Und wie sie jagen ins tiefste Tal
Den Strahl,
Den silbernen Strahl durchs Gelände:
So gib ihr dein Blut, so gib ihr dein Wort,
Dass die Erde nicht ganz und gar verdorrt,
So gib ihr dein Herz und die Hände!
Die Lerche war‘s, nicht die Nachtigall:
Die kecke Gespielin der Wolke
Fliegt jauchzend hinter dem Sonnenball,
Hoch über dem staunenden Volke;
Und unter dem Scheffel bleibt auch nicht
Das Licht,
Das Licht der Freiheit verborgen;
Viel tausend Herzen sind angefacht,
Und preiset die Liebe die Sterne der Nacht:
Die Völker, sie preisen den Morgen.
1 In William Shakespeare’s „Romeo und Julia” heißt es: “Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche.“
Wiegenlied
Schlafe, was willst du mehr?¹
Goethe
Deutschland – auf weichem Pfühle
Mach dir den Kopf nicht schwer
Im irdischen Gewühle!
Schlafe, was willst du mehr?
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Lass jede Freiheit dir rauben,
Setze dich nicht zur Wehr,
Du behältst ja den christlichen Glauben;
Schlafe, was willst du mehr?
Und ob man dir alles verböte,
Doch gräme dich nicht zu sehr,
Du hast ja Schiller und Goethe:
Schlafe, was willst du mehr?
Dein König beschützt die Kamele
Und macht sie pensionär,
Dreihundert Taler die Seele:
Schlafe, was willst du mehr?
Es fechten dreihundert Blätter
Im Schatten, ein Sparterherr;
Und täglich erfährst du das Wetter:
Schlafe, was willst du mehr?
Kein Kind läuft ohne Höschen
Am Rhein, dem freien, umher:
Mein Deutschland, mein Dornröschen,
Schlafe, was willst du mehr?
1 So lautet die jeweils letzte Zeile von Goethes Gedicht „Nachtgesang“.
Den Deutschen
Eine Vision
Ich hatt ein seltsam Traumgesicht:
Da saß Gott Vater zu Gericht
Und rief jedwede Nation
Herbei vor seinen Sternenthron.
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Die Völker kamen in dichten Haufen,
Just wie sie waren, angelaufen:
Die Briten, Russen und Franzosen,
Die letzten, wie immer, ohne Hosen;
Selbst China und die Mongolei,
Auch ein Stück Polen war dabei.
Und als der Herr die Völker zählte –
Ei, sieh! Das Deutsche Reich noch fehlte.
»Wo bleiben denn meine Deutschen wieder?
Recken sie noch die faulen Glieder?
Sie könnten, seit ich sie begraben,
Doch endlich ausgeschlafen haben!«
Drauf hieß er ‚nen Engel zur Erde springen,
Die Siebenschläfer heraufzubringen.
Der Engel lief in Deutschland herum,
War alles still, war alles stumm.
»Ihr Deutschen, wollt ihr nicht aufstahn?
Die Ewigkeit geht eben an!«
Der Engel blies in lichtem Zorn,
Wie toll, in sein himmlisch Jägerhorn;
Doch eh sich die Deutschen zusammengefunden,
War längst der Jüngste Tag verschwunden,
Hatt alles seinen Lohn empfangen –
Den Deutschen ist Himmel und Höll entgangen
Das Reden nimmt kein End (1848)
Zu Frankfurt an dem Main –
Sucht man der Weisen Stein;
Sie sind gar sehr in Nöten,
Moses und die Propheten,
Präsident und Sekretäre,
Wie er zu finden wäre –
Im Parla- Parla- Parlament
Das Reden nimmt kein End’!
Weiterlesen
Zu Frankfurt an dem Main –
Da wird man uns befrein;
Man wird die Republiken
Im Mutterleib ersticken,
Und Bassermann1 und Welcker2
Beglücken dann die Völker
Im Parla- Parla- Parlament
Das Reden nimmt kein End’!
Zu Frankfurt an dem Main –
Bald zieht der Kaiser ein!
Schon träuft der Gnade Manna,
Ihr Knechte, Hosianna!
Mathy3, der Schuft, Minister –
Triumph, ihr Herrn Philister!
Im Parla- Parla- Parlament
Das Reden nimmt kein End’!
Zu Frankfurt an dem Main –
Die Wäsche wird nicht rein;
Sie bürsten und sie bürsten,
Die Fürsten bleiben Fürsten,
Die Mohren bleiben Mohren
Trotz aller Professoren –
Im Parla- Parla- Parlament
Das Reden nimmt kein End’!
Zu Frankfurt an dem Main –
Ist alles Trug und Schein.
Alt-Deutschland bleibt zersplittert,
Das Kapitol erzittert,
Umringt von Feindeslagern,
Die Gänse giga-gagern –
Im Parla- Parla- Parlament
Das Reden nimmt kein End’!
Zu Frankfurt an dem Main –
So schlag der Teufel drein!
Es steht die Welt in Flammen,
Sie schwatzen noch zusammen,
Wie lange soll das dauern?
Dem König Schach, ihr Bauern!
Dein Parla- Parla- Parlament,
O Volk, mach ihm ein End’!
1 Friedrich Daniel Bassermann (1811-1855) war ein liberaler Politiker, Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung, wo er für eine konstitutionelle Monarchie eintrat und von den entschiedenen Demokraten als „Verräter der Revolution“ angesehen wurde.
2 Carl Theodor Welcker (1790-1869), ebenfalls Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, trat wie Bassermann für eine konstitutionelle Monarchie ein.
3 Karl Mathy (1806-1868), ehemals oppositioneller badischer Politiker, wandte sich 1848 gegen die badischen Freiheitskämpfer um Friedrich Hecker und Gustav Struve und veranlasste die Verhaftung des radikalen Demokraten und ehemaligen Mitstreiters Joseph Fickler (siehe den Joseph Fickler-Band dieser Edition).
Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (1863)
You are many, they are few
(Eurer sind viele, ihrer sind wenige).
Bet‘ und arbeit‘! ruft die Welt,
Bete kurz! Denn Zeit ist Geld.
An die Türe pocht die Not –
Bete kurz! Denn Zeit ist Brot.
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Und du ackerst und du säst,
Und du nietest und du nähst,
Und du hämmerst und du spinnst –
Sag‘, o Volk, was du gewinnst!
Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht,
Schürfst im Erz- und Kohlenschacht,
Füllst des Überflusses Horn,
Füllst es hoch mit Wein und Korn.
Doch wo ist dein Mahl bereit?
Doch wo ist dein Feierkleid?
Doch wo ist dein warmer Herd?
Doch wo ist dein scharfes Schwert?
Alles ist dein Werk! O sprich,
Alles, aber nichts für dich!
Und von allem nur allein,
Die du schmiedst, die Kette, dein?
Kette, die den Leib umstrickt,
Die dem Geist die Flügel knickt,
Die am Fuß des Kindes schon
Klirrt – o Volk, das ist dein Lohn.
Was ihr hebt ans Sonnenlicht,
Schätze sind es für den Wicht;
Was ihr webt, es ist der Fluch
Für euch selbst – ins bunte Tuch.
Was ihr baut, kein schützend Dach
Hat‘s für euch und kein Gemach;
Was ihr kleidet und beschuht,
Tritt auf euch voll Übermut.
Menschenbienen, die Natur,
Gab sie euch den Honig nur?
Seht die Drohnen um euch her!
Habt ihr keinen Stachel mehr?
Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
Wenn dein starker Arm es will.
Deiner Dränger Schar erblasst,
Wenn du, müde deiner Last,
In die Ecke lehnst den Pflug,
Wenn du rufst: Es ist genug!
Brecht das Doppeljoch entzwei!
Brecht die Not der Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der Not!
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!
(…) Es ist eine Lüge, dass unsere Gedanken schon zensiert auf die Welt kommen, wir besitzen die schönste, wahrhaftigste Republik, unsere Literatur. Die Anarchie, die unleugbar gegenwärtig in ihr herrscht, ist vorübergehend, und alles weist auf eine baldige Lösung der literarischen Wirren hin. Zu dieser Lösung will auch die »Deutsche Volkshalle« beitragen und eröffnet hiermit eine Nische für Kunst und Poesie, für die Literatur in ihrem ganzen Umfange, in ihren verschiedensten Verzweigungen, eine Nische, groß genug für unsere größten Geister (…). Weiterlesen
Die Literatur und, genauer bestimmt, hier die Kritik, muss der Politik unter die Arme greifen. Hat die Politik die Aufgabe, den Bürger zu emanzipieren, so übernimmt die Literatur das vielleicht nicht minder schöne Amt, den Menschen in uns frei zu machen. Die Reform hat sich nicht auf den Staat zu beschränken, auch das stille, geistige Schaffen des Volkes nimmt die Aufmerksamkeit des Publizisten in Anspruch; äußeres und inneres Leben darf nicht mehr getrennt, beide müssen in Beziehung zueinander gedacht, beide durch einander erklärt werden. Nicht nur von außen her, von oben herab, auch von innen heraus muss uns geholfen werden.
Der Zweck, welchen die »Deutsche Volkshalle« vor Augen hat, ist kein anderer als der, wofür die Menschheit von jeher gestritten, wofür namentlich in den letzten Jahrzehnten so viele Tüchtige mit der besten Kraft ihrer Seele gekämpft, so mancher Wackere seine bürgerliche Existenz aufgeopfert. Der kritische Teil der »Halle« wird hierin dem politischen treulich zur Seite stehen. Beide streben das gleiche an, Verbesserung unserer Zustände, und unterscheiden sich nur in der Wahl der Mittel, indem der letztere die Literatur zu Hilfe nimmt. Wir dürfen über dem Bürger nicht den Menschen vergessen, über die Politik nicht die Poesie. »Nicht Kirche und Staat, die freie Persönlichkeit des Menschen ist die erste und Hauptinstitution der Gesellschaft, und eine Hauptstelle, wo die Aufgabe der Jahrhunderte sich jetzt erkennen lässt, ist der stille Busen, das menschliche Herz.« So sei mir denn jeder willkommen mit den Schätzen, die er in dem stillen Busen, in dem menschlichen Herzen erbeutet hat, er soll an mir einen gerechten, nach Umständen enthusiastischen, immer aber seines Amtes wohl bewussten Kritiker finden. Werde ich mich auch Erscheinungen mit Vorliebe hingeben, in denen das Herz der Zeit pulsiert, es soll mir doch nie begegnen, dass ich bedeutsame Individualitäten unter Standpunkte nötige, wodurch die persönliche Berechtigung derselben geschmälert werden könnte. Ich werde die Feinheiten ästhetischer Kombination so gut zu schätzen wissen wie den großartigen Gedanken, der eine Produktion beherrscht. Nur was zusammenhanglos dasteht mit dem Leben der Nation oder gar deren Interessen verletzt, werde ich mit unerbittlicher Strenge bekämpfen …
1 Mut diesem Eingangstext erschien die erste Ausgabe der „Deutschen Volkshalle“ am 1. September 1839. Die von Johann Georg August Wirth, einem der Organisatoren des Hambacher Festes, gegründete Zeitschrift ging aus der ebenfalls von Wirth geleiteten Zeitschrift „Der Leuchtthurm“ hervor. Georg Herwegh gehörte der Redaktion an, bis das Blatt im März 1841 eingestellt wurde.
Die deutschen Professoren
Eine zoologische Abhandlung
Ja, ihr seid die Leute, mit euch wird
die Weisheit sterben. Hiob 12,2
Eine zoologische Abhandlung; ich werde sie anders benennen, sobald man mir beweist, dass ein Professor dem Staate je einen Menschen erzogen hat. Ausgenommen sind die Herren Professoren Schelling, Schiller, Fichte, Hegel, überhaupt die jungen und alten Zelebritäten unserer Nation, die das Unglück hatten, diesen traurigen Namen als Aushängeschild gebrauchen zu müssen. Es ist das schöne Vorrecht unseres Jahrhunderts, dass es eine Wahrheit nur dann als Wahrheit anzuerkennen hat, wenn sie aus dem Munde eines Patentierten, eines Angestellten kommt. Glaube, Liebe und Hoffnung sind offiziell geworden, und Gott selbst existiert nur, solange nicht die Menschheit, sondern ein Professor es behauptet. Mein Charakter als Bürger, als vernünftiger Mann berechtigen mich heutzutage nicht mehr, ohne Hindernisse zu meiner Nation zu reden. Will ich mir einen Einfluss nicht nur auf die guten, sondern auch auf die bösen Geister erobern, so muss ich mich zur Annahme irgendeines Titels oder Ranges bequemen; ich muss einen Laufpass vom Staate haben, wenn die liebe Jugend, die eine Karriere zu machen gedenkt, mir zuhorchen soll. Weiterlesen
Von zehn Untugenden, die ich besitze, habe ich immer neun einem Professor zu danken. Wenn ich trotz meinen hochverehrten Lehrern ein Mensch geworden bin, so preise ich dafür meinen Genius, der sorgsam über die ihm anvertraute Seele gewacht hat. Mein Feind wird es mir nicht nachsagen können, dass ich einem Professor eine Schuld abzutragen hätte. Ich bin heute auf hundert Sachen stolz, für die ich in der Schule Schläge, auf höheren Anstalten Verweise bekommen habe. Der unvertilgbare Spott der deutschen Jugend, den sie über ihre Lehrer, allerdings oft recht unhöflich ausgießt, ist wahr, unendlich wahr. Von dreißig Schülern stehen in der Regel zwanzig moralisch hoch über ihrem Professor.
Sie besitzen noch, was der letztere vergeudet und verloren hat, die poetische Mitgift des Lebens, ganz und ungeschmälert. Sie haben nicht den Fonds von Kenntnissen wie er – sehr richtig, so unbedeutend diese oft bei den Lehrern sind; sie haben nicht seine Erfahrungen –, sie mögen sich glücklich schätzen; aber sie haben noch Blut im Herzen statt griechischer Partikeln und sind noch naiv genug, bei sich anzufragen, was es sie eigentlich interessieren könne, ob »ut« den Indikativ oder Konjunktiv regiere.
Warum sie die blühende Gegenwart aufgeben sollen, um in eine verwitterte Vergangenheit sich zurückzuversetzen? Warum man ihnen Luft und Sonne stehle, um sie auf die staubigen Bänke der Schule oder des Kollegiums zu bannen? Dass sie es den Nachgeborenen einst wieder so machen können? Dass sie ewig nur ein Rad im Kreise drehen? Ist es der Mühe wert, so viel schöne Jahre zu verschleudern, um es endlich nicht weiterzubringen als der Herr, der vom Katheder herunter die unfruchtbare Weisheit doziert? Alle Erziehung soll nur darauf hinauslaufen, den Menschen zu einem freien Mann zu bilden oder vielmehr, da der Mensch so lange frei ist, bis er einem deutschen Professor unter die Hände gerät, die angeborene Freiheit zu erhalten, zu entwickeln, ihr Inhalt und Fülle zu gehen Nicht dass ich mein Brot erwerbe, nicht, dass ich Jurist, nicht, dass ich Theolog, nicht, dass ich Mediziner werde, ist es zunächst, warum ich lerne, warum ich mir Kenntnisse sammle; ich lerne, ich sammle mir Kenntnisse zunächst, um durch diese Bereicherung meines Geistes mich freier und unabhängiger von den Zufälligkeiten des Lebens zu machen. Der Jüngling denkt früher an das Ideal als an das Brot; der Professor, wie er sein soll, meistens nur noch an das letztere. Er ist der treugehorsame Diener des Staats, seine erste Pflicht, dem Staat ebenso treue, gehorsame Diener herauszubilden. Welches bessere Mittel findet er zu Erfüllung dieser seiner Obliegenheit, als seine Untertanen, die Schüler, recht bald fühlen zu lassen, dass sie zunächst seine und so gradatim immer wieder die Sklaven eines Höheren sind bis in das religiöse Gebiet, da auch in diesem Gott stets als ein kleiner Tyrann geschildert wird. Das Altertum ist dem Professor nur vorhanden, um ihm Gelegenheit zu geben, den Kram von Notizen, die er durch Sitzfleisch sich angeeignet, vor den erstaunten Zöglingen recht prunkend auszubreiten; die Schlacht von Marathon findet er hübsch, weil er dabei eine geographische Bemerkung machen kann. Die Reden des Demosthenes patriotisch, weil sie im reinsten attischen Dialekt geschrieben sind. Am lustigsten benehmen sich diese Pygmäen den Männern der Geschichte gegenüber. Für den Kammerdiener gibt es keinen großen Mann. Da ist kein Held, an dem sie nichts auszusetzen wissen, und jedes Phantom von einem Professor wird die geistreiche Phrase anbringen: »Wäre Hannibal nach der Schlacht bei Cannä nur gegen Rom aufgebrochen!« Kleiner Hannibal! Großer Professor!
Heinrich Heine hat diese Weltverbesserer himmlisch gezeichnet in dem Vers:
Zu fragmentisch ist Welt und Leben,
Ich will mich zum deutschen Professor begeben,
Der weiß das Leben zusammenzusetzen,
Und er macht ein verständlich System daraus;
Mit seinen Nachtmützen und Schlafrockfetzen
Stopft er die Lücken des Weltenbaus.
Die Däumlingsnatur, wie sie sich spreizt und wichtigtut, kann wahrhaftig nicht besser charakterisiert werden. Ja, so sind die Leute, welche das Elend Deutschlands immer größer füttern! – Die Eitelkeit eines Professors ist leider nicht so unschuldig wie die eines Frauenzimmers, sie ist herrisch, eigensinnig, tyrannisch; sie möchte alles nach sich ummodeln, alles in das Prokrustesbett ihrer jeweiligen, meist ärmlichen Begriffe spannen. Wie manches Talent ist durch die Schuld dieser Herren schon untergegangen! Wie mancher Keim ward durch ihre sublime Torheit schon erstickt! Ein Professor muss ein Steckenpferd haben, und wehe dem, der es nicht mit ihm reitet! Der Professor ist ein Phlegma, und wehe dem, der es nicht mit ihm ist!
Ein junger Mann ist warm und vollblütig, er liebt, das Leben im Prisma der Poesie anzuschauen; zufällig hat er einen Professor der Mathematik, dem seine Erziehung anvertraut ward; er muss ein Stümper in der Mathematik werden, statt dass er es, seiner Anlage nach, vielleicht zum Meister in der Poesie gebracht hätte. Das Talent, Talente zu entdecken, geht einem Professor in der Regel ab. Seine Rute ist meistens eine Birken-, selten eine Wünschelrute. Unsere Jugend wird systematisch zur Lüge erzogen, indem sie das Unglück hat, Köpfen unter die Hände zu fallen, die alles aus ihr machen, nur nicht, zu was sie von Gottes Gnaden berufen ist.
Hass gegen jede schönere, freiere Lebensnatur ist die Mitgift einer echten professorischen Natur. Ich kenne einen Lehrer, der es mir heute noch nicht verzeiht, dass ich in einem Kollegium über Geschichte als den passendsten Kommentar dazu Börnes »Briefe aus Paris« unter dem Tisch gelesen. Wenn er vollends gewusst hätte, dass die Reden, die beim Hambacher Feste gehalten wurden, in meinem Pult gewesen wären! Ich schlechter Mensch!
Ein Professor ist ein Allerweltsmann. Er liest mit dem einen Auge den Homer, mit dem andern das Basler »Missionsblatt«. Unvergesslicher Mann mit der flanellenen Halsbinde, der du mir einst die Tränen des Achilles kommentiert!
Derselbe Pietist erklärte uns den Sophokles. Durch ihn wäre ich nie zu einer Einsicht in die Ökonomie des griechischen Dramas gelangt; ich hätte von Sophokles nicht mehr erfahren als von Livius und Tacitus, von denen ich lange Zeit nur wusste, dass jener mit einem halben, dieser mit einem ganzen Hexameter anfange.
Ich war gewohnt, bei dem nächtlichen Religionsunterricht mein Licht immer fünf Minuten früher auszulöschen als mein begeisterter Lehrer das seinige, und so wurde ich bald als ein arger Zweifler bekannt. »Wie steht es mit Ihrem Herzen?« lautete die honigsüße Frage bei der monatlichen Revue. Wie steht es mit Ihrem Herzen? D. h. im pietistischen Jargon: Sind Sie orthodox, oder sind Sie vernünftig? Oh, Deutschland hat noch seine Originale!
Mein Humor verlässt mich, wenn ich an den letzten Teil meiner Abhandlung denke. Zorn, frommer Zorn führt meine Feder. Ein deutscher Professor ist geschworener Feind aller Politik. Er fand das Bestehende vernünftig, noch ehe Schelling und Hegel geboren waren. Untertänigkeit, Kriecherei, Speichelleckerei – ein Wörterbuch, ein Königreich um ein Wörterbuch, in dem das richtige Prädikat steht! Ich hasse jeden Kultus, zu welchem der Schneider am meisten beiträgt; so habe ich denn aus Eigensinn in meiner Jugend nie schwarz getragen. Da wurde eines Tages eine allerhöchste Person erwartet. Ich hatte ein graues Röckchen an, mein Professor verzweifelte. Ich tröstete mich mit Napoleon; die allerhöchste Person kam nicht. Wie glücklich war der gute Mann!
Ich hätte für Polen kein Gefühl, für die Edelsten und Unglücklichsten meines Vaterlandes keine Tränen haben dürfen, hätte ich vorher die Erlaubnis eines deutschen Professors nachsuchen wollen. Bete, arbeite und krieche – – es leben die deutschen Professoren!
Adresse an das französische Volk1 (1848)
Der Sieg der Demokratie für ganz Europa ist entschieden. Gruß und Dank vor allem dir, französisches Volk! In drei großen Tagen hast du mit der alten Zeit gebrochen und das Banner der neuen aufgepflanzt für alle Völker der Erde. Weiterlesen
Du hast endlich den Funken der Freiheit zur Flamme angefacht, die Licht und Wärme bis in die letzte Hütte verbreiten soll.
Die Stimme des Volkes hat zu den Völkern gesprochen und die Völker sehen der Zukunft freudig entgegen. Vereint auf einem Schlachtfeld treffen sie zusammen, zu kämpfen den letzten, unerbittlichen Kampf für die unveräußerlichen Rechte jedes Menschen.
Die Ideen der neuen französischen Republik sind die Ideen aller Nationen, und das französische Volk hat das unsterbliche Verdienst, ihnen durch seine glorreiche Revolution die Weihe der Tat erteilt zu haben. Ja, überall in Europa erwachen die demokratischen Ideen, überall stehen Millionen Männer bereit, dafür zu leben und zu sterben.
Während die Allmacht des Volkes Wunder wirkt, komm die Ohnmacht sogenannter absoluter Mächte immer deutlicher zum Vorschein.
Unerschrocken und glücklich hat die Schweiz ihrer koalisierten Schwäche Trotz geboten, unerschrocken und glücklich schreitet Italien vorwärts.
Deutschland ist bereits in seinen tiefsten Tiefen erregt und wird und kann in dem begonnenen Kampfe nicht zurückbleiben, dem es längst durch den Gang seiner geistigen Entwicklung mit vorgearbeitet hat.
Die Freiheit bricht sich Bahn, und die Tyrannei selbst ist verdammt, ihr durch blinden Widerstand Bahn brechen zu helfen und ihr Verbündeter zu werden.
Französisches Volk, wir gehen Hand in Hand mit dir.
Wie groß und schwierig auch immer unsere Aufgabe ist; wir fühlen die Kraft mit der Arbeit wachsen.
Erhalte nur du deine Freiheit – das Einzige, was der Erhaltung wert ist.
Erhalte allen deinen Kindern, was sie alle erkämpften und die einzige Hilfe, welche wir von dir begehren, ist, dass du standhaft bleibst und uns zujauchzest, wenn wir von den Zinnen des von deutschen Händen eroberten Deutschlands dir zurufen:
Es lebe die Freiheit, die Gleichheit, die Bruderliebe!
Es lebe die Demokratie!
Es lebe die europäische Republik!
1 Georg Herwegh hielt diese Grußadresse als frisch gewählter Präsident der unmittelbar nach der Februarrevolution als politische Vereinigung deutscher Emigranten in Paris gegründeten „Deutschen Demokratischen Gesellschaft in Paris“ am 6. März 1848 vor mehr als 4000 Zuhörern. Aus der „Demokratischen Gesellschaft“ ging kurz darauf die „Deutsche Demokratische Legion“ hervor, ein knapp 1000 Mann starkes Freikorps, das wenige Wochen später über Straßburg nach Deutschland aufbrach, um die Aufständischen in Baden zu unterstützen.
Mein Lebewohl
Epilog zum Jahre 1849
Opfer fallen hier,
Weder Lamm noch Stier,
Aber Menschenopfer unerhört
Braut v. Corinth¹
Jahr des Bluts und des Wahnsinns, Jahr der triumphierenden Gewalt, der Grausamkeit, des Blödsinns – sei verflucht!
Vom ersten Tage bis zum letzten warst du nichts als Unglück; in keinem Winkel der zivilisierten Erde nur ein heller Augenblick, ein einziger Augenblick der Ruhe. Seit der Herstellung der Guillotine in Paris, seit dem Prozess in Bourges2 bis zu den Galgen in Cephalonien3, von den Händen der Engländer für Kinder errichtet – bis zu den Spitzkugeln des preußischen Kriegsrechts in Baden; von Rom, das den Schlägen eines Volkes erlag, welches zum Verräter an der Menschheit geworden – bis nach Ungarn, das durch die Infamie eines seiner Führer, eines Vaterlandsverräters, fiel – war alles verbrecherisch, blutig, unwürdig – trug alles den Stempel der Schmach. Zu welcher Zeit der Tränen und des Jammers sind wir gekommen – und das ist ja nur der erste Schritt. Man fürchtet zu erfahren, was geschieht, und man fürchtet irgendein neues Unglück, das sich zugetragen, zu ignorieren. Man möchte sich entfernen, möchte fliehen, sich endlich ausruhen, sich spurlos vernichten, unbemerkt vergehen – man möchte nicht mehr sein. Weiterlesen
Die letzte Hoffnung, welche uns das Herz erwärmte, welche uns aufrecht hielt, die Hoffnung einer Rache –einer unverständigen, wilden, unnützen, erfolglosen Rache, die aber doch bewiesen hätte, dass die Menschen Eingeweide haben –, auch diese Hoffnung ist erloschen, wie alle anderen.
Alles ist ruhig, alles tritt wieder ins Schweigen zurück, schläft wieder ein. Nur das Geräusch des Henkerbeils und das Pfeifen der Kugeln, die von anderen Schergen auf die junge Brust irgendeines Schwärmers gerichtet sind, um sie zu zersplittern, weil er das Verbrechen begangen hatte, an die Menschheit zu glauben, nur das allein tönt fort.
Hatten sie denn keinen Freund, keinen Bruder? Sie hatten beides– aber gerächt sind sie nicht.
Aus der Asche dieser Märtyrer ging kein Marius hervor, aber eine ganze Literatur von Festreden, von demagogischem Geschwätz, von Poesien, edel, aber unnütz, Zeitschriftenartikeln – wieder der meine.
Ein Glück für jene, dass sie nicht leben und dass es kein anderes Leben, gibt – sie werden nichts davon erfahren, nichts von allem, was sich hier zuträgt. Nun, und ihr revolutionären Bürger, die ihr eure Freunde nur durch euer albernes Geschwätz zu rächen versteht, was tatet ihr, als ihr die Macht in Händen hattet?
Politische Gassenbuben, Harlekins der Freiheit! Ihr habt Republik, Schrecken, Regieren gespielt – ihr belustigtet euch in den Klubs, wart entzückt, eure Beredsamkeit in der Kammer produzieren zu können – ihr kleidetet euch wie die Springer kleiner Markttheater, und eure keusche Bescheidenheit war bezaubert bei dem Gedanken, dass die unerbittlichsten Feinde der Freiheit sich nicht von ihrem Staunen erholen konnten, so heiler Haut davonzukommen. – O, die Großmütigen! – Ihr hattet Furcht vor der Revolution, und sie, die anderen, die besten unter euch allen – haben für das sonderbare Missgeschick, dass ihr keinen einzigen Kopf hattet, mit ihren edlen Köpfen zahlen müssen. Macht eure Erziehung jetzt bei euren Feinden, die euch besiegt haben, weil sie konsequenter sind als ihr. Seht nur, ob Sie die Reaktion fürchten, ob sie fürchten, zu weit zu gehen, ihre Hände mit Blut zu beflecken?
Oh, sie besorgen ihr Amt gut. Nur Geduld, und ihr alle geht noch durch ihre Hände, sie werden euch schon zu finden wissen, um euch einen nach dem anderen hinzurichten. Ja, hinzurichten! Aber das ist noch nicht alles; gepeitscht werdet ihr werden! Haben wir nicht die Patrioten in Mailand, in den Ionischen Inseln, die Frauen in Ungarn, Freiburg, Brescia geißeln sehen? Haben wir nicht Blanqui4 auf den Befehl des Oberhaupts der Bande von elenden Gefängniswärtern mit Schlägen bedecken sehen? Mein Kopf schwindelt mir, mein Gedanke verwirrt sich, ich verliere mich – so oft die Erinnerung davon mir vor die Seele tritt. Wie schade, dass man nicht aus einer Tierart in die andere emigrieren kann. Gewiss, es wäre ohne allen Vergleich weit würdiger, Hund, Katze, Frosch als ein zivilisierter Mensch des 19. Jahrhunderts zu sein.
Was ist da zu tun?
Wir müssen fortgehen, diese Welt verlassen und eine neue Existenz anfangen, eine Protestation durch unser eigenes Leben machen und beweisen, dass wir uns ebenso als Selbstherrscher fühlen als die ganze Menschheit; denn anderen das Beispiel individueller Freiheit geben, indem wir uns von den Interessen einer Welt emanzipieren, welche ihrem Untergang zu geht.
Aber sind wir bereit, dies Beispiel zu geben? Sind wir, trotz der Freiheit unserer Überzeugungen, frei in Wirklichkeit? Gehören wir nicht wider Willen durch unsere Laster und Tugenden, durch unsere Leidenschaften und Gewohnheiten dieser Welt, welche wir hassen, an?
Was werden wir auf einer jungfräulichen Erde beginnen? Wir, die wir nicht einen einzigen Morgen durchleben können, ohne zehn öffentliche Blätter zu verschlingen. – Gestehen wir es: Wir sind schlechte Robinson‘s.
Und wie fliehen? Mit dem Sich-Entfernen, dem Kopfabwenden, dem Sich-die-Ohren-Verstopfen, ist noch wenig geschehen. Das Schluchzen und der Schrei werden doch bis zu uns dringen – kann man denn schweigen? Schweigen, nie. Ich fühle, dass Schweigen der Menschenwürde entsagen, sich den Feind ergeben heißt. Nein, er mag es wissen, dass es noch Menschen gibt, die ihren Kopf nicht beugen werden, eh er nicht durch das Beil von seinem Rumpf getrennt ist, die nicht schweigen werden, eh nicht ein Strick die Kehle zuschnürt.
Möge denn unser Wort weit tönen!
Aber zu wem werden wir sprechen? Wovon? Warum? Ich weiß es wahrlich nicht, aber es ist mächtiger als ich, ich kann’s nicht lassen.
1 Braut von Corinth“ ist eine „Romanze“ (ein Gedicht) von Goethe aus dem Jahr 1798.
2 Der mit Todesurteilen endende Prozess gegen die Teilnehmer eines republikanischen Aufstandes gegen die Krönung Napoleons zum Kaiser vom 15. Mai 1848.
3 Eine unter englischem Protektorat stehende griechische Insel, wo Aufstände gegen die Besatzer brutal niedergeschlagen wurden.
4 Louis-Auguste Blanqui (1805-1881) war ein französischer Revolutionär, er wurde wiederholt zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.
Königsberg, im Dezember 1842
Majestät!
Wir wollen ehrliche Feinde sein, lauteten die Worte, die Preußens König jüngst an mich gerichtet; und diese Worte geben mir ein Recht, ja, legen wir die Verpflichtung auf, offen und unumwunden, wie ich einst mein Vertrauen auf Ew. Maj. Ausgesprochen, nun auch meine Klage, meine bittere Klage vor Ihren Thron zu bringen, ohne eine Devotion zu heucheln, die ich nicht kenne, oder Gefühle, die ich nicht empfinde und nie empfinden werde. Wir wollen ehrliche Feinde sein – und an demselben Tag, da Ew. Maj. Diese Worte auszusprechen geruhten, gefällt es einem hohen Ministerium, den Buchhändlern den Debit eines von mir erst zu redigierenden Journals, von dem unter meiner Redaktion noch keine Silbe erschienen ist, und dessen Debit vor zwei Monaten, ehe diese Übernahme der Redaktion durch mich bekannt gewesen, erlaubt worden war, lediglich meines Namens wegen zu verhindern. Dass dieser mein Name auch bei Ew. Maj. Einen so schlimm Klang habe, kann und darf ich nicht glauben, nach dem, was sie vor wenigen Tagen an mich geäußert. Ohne Zweifel haben Ew. Maj. Von diesem Verfahren gar keine Kunde, und der Zweck dieses Briefes ist auch nur, diese einfache Tatsache zu Ihrer Kenntnis zu bringen, damit Ew. Maj. Weiter beschließen mögen, was rechtens ist. Ich bitte nicht um Zurücknahme des Verbots, denn ich weiß, dass mein beschränkter Untertanenverstand, mein Bewusstsein einer neuen Zeit, auf ewig widersprechen muss dem alternden Bewusstsein und dem Regiment der meisten deutschen Minister, denen ich das Recht der Opposition gern einräumen möchte, wenn sie überhaupt nur Notiz nehmen möchten von dem, was um sie her vorgeht, aber vorgeht in den Tiefen der Menschheit, statt sich mit ein bisschen Schaum und Wind zu zanken, die auf der Oberfläche spielen. Wenn diese Minister in dem Widerspruch gegen sie auch zuweilen die Elemente einer neuen Religion zu entdecken, nicht bloß Polisonnerie2 und Frivolität zu wittern imstande wären, kurz, wenn diese Minister außer dem Zufall ihrer Geburt und ihrer oft schätzenswerten administrativen und polizeilichen Talente auch das Talent und den guten Willen besäßen, sich auf einen ehrlichen Kampf mit ihren Feinden einzulassen, statt dieselben erst vornehm zu ignorieren, dann, ohne sie zu kennen, brutal zu behandeln, und so Fürst und Volk zu täuschen, wenn sie von einer Beruhigung der Gemüter reden, die in der Tat und Wahrheit nicht vorhanden ist und durch äußere Merkmale Maßregeln nun und nimmer erzwungen werden kann. Weiterlesen
Noch gibt es Menschen, die durch nichts zu schrecken sind (und ich rechne mich zu ihnen), Menschen, die sich die Seele ausschreien werden, bis Recht und Gerechtigkeit auf der Welt; umso getroster, da selbst die Feinde des Fortschritts nicht mehr den Mut besitzen, Gewalt zu gebrauchen, weil sie wohl einsehen, wie gefährlich das Märtyrertum ist, und wie für einen Mann, den zu unterdrücken ihnen gelingt, zwanzig Geharnischte auf einmal aus dem Boden springen. Ich bitte nicht um Zurücknahme des Verbotes, so schmerzlich es auch ist, das Kind seiner Muse schon im Mutterleib bedroht zu sehen, und als Individuum mit einem ganzen Staatsprinzip in ewiger Kollision zu leben; ich bitte nicht um Zurücknahme dieses Verbots, denn ich bin kein Schriftsteller von Profession, suche keinerlei materielle Vorteile durch das zu erreichen, was ich sage, weil ich es sagen muss. Aber auch für die materiellen Vorteile und die Verbreitung des Journals ist durch ein Verbot nicht hinlänglich gesorgt. Verbotene Bücher fliegen recht eigentlich durch die Luft, und was das Volk lesen will, liest es allen Verboten zum Trotz. Ew. Maj. Minister haben vor fünf Vierteljahren meine Gedichte verboten, und ich bin so glücklich, im Augenblick die fünfte Auflage derselben veranstalten zu können. Ew. Maj. Minister haben die Beschlagnahme als gefährlich erschienener Bücher verordnet, und ich habe mich auf meiner ganzen Reise davon überzeugt: Diese Bücher sind in jedermanns Händen. Ich bitte nicht um Zurücknahme des Verbots, denn ich darf um nichts bitten in einem Land, das ich verlassen will. Ich bin nach der Notwendigkeit meiner Natur Republikaner und vielleicht schon in diesem Augenblick Bürger einer Republik. Ich kann, ohne mich selbst mutwillig zu immerwährender Heuchelei zu verdammen, nicht länger in Staaten leben, wo selbst die Zensur aufgehört hat, eine Wahrheit zu sein; was ja die täglich stattfindenden Konfiskationen bereits zensierter Bücher beweisen. Aber es hat mein Herz gedrängt, an Ew. Maj. Noch ein letztes ehrliches, wenn auch leidenschaftliches Wort zu richten, ein Wort, was nur die Diener der Fürsten, nicht die Fürsten selbst anklagen soll, ein Wort unter vier Augen, das aber doch nicht bloß mein Wort, sondern das vieler Tausender, ein Wort, das ich mit dem ganzen heiligen Eifer und Vertrauen meiner Seele vor Ew. Maj. Gesprochen und dass Ew. Maj. Danach würdigen und schätzen werden.
In tiefster Ehrfurcht
Ew. Maj. Ergebenster
Georg Herwegh
1 1842 lud der preußische König, Friedrich Wilhelm IV., den überall gefeierten Dichter zu einer Audienz ein, obwohl „Die Gedichte eines Lebendigen“ schon vorher von der Zensur in Preußen verboten worden waren; dass Herwegh die Einladung annahm, löste in den Reihen der republikanischen Opposition schwere Kritik aus. Gleich nach dem Treffen ließ der König dann auch eine von Herwegh geplante kritische Zeitschrift, den „Deutschen Boten aus der Schweiz“, noch vor ihrer Veröffentlichung verbieten. Als Herwegh daraufhin diesen offenen Brief schrieb (veröffentlicht als Flugblatt und in der „Leipziger Allgemeinen Zeitung“ vom 24. Dezember 1842), wurde er aus Preußen ausgewiesen.
2 Übersetzt etwa: Schabernack.
Zürich, 17. Februar 1843
Verehrtester Freund!
Das Beiliegende wird ihnen genügend den Grund meines langen Stillschweigens klar machen, überhaupt die ganze Antwort auf ihren vorletzten Brief enthalten. Mit Zürich ist es vor der Hand nichts1; wo ich selbst hinziehe, weiß ich nicht; zunächst allerdings nur zwei Meilen von hier. Ihre Briefe adressieren Sie nach wie vor nach Zürich. Sobald ich geheiratet, will ich eine Reise nach dem südlichen Frankreich und Spanien mit meiner Frau antreten. Für den Deutschen Boten nehme ich ihre tätigste Mitwirkung in Anspruch; er erscheint unter allen Umständen, und es soll mir lieb sein, wenn Sie mir aus Ihrer Feder schon für das 1. Vierteljahr Beiträge senden; natürlich so schnell sie können. Stellen sie doch einige rücksichtslose zensurwidrige Betrachtungen über das Verbot der Deutsch. J.(ahrbücher) und der Rhein.(ischen) Zeit.(ung) an; es lässt sich so viel daran anknüpfen. (…)
Schicken Sie für den Deutschen Boten, was Ihnen nur immer auf der Seele brennt. Bis ich etwas Bestimmtes für Sie ausfindig. (…)
Ich hatte mich schon so gefreut, Sie diesen Sommer mit Ihrer Braut bei uns zu sehen. Auch das ist zu Wasser geworden. Von allen Seiten gehetzt – nun, das ist auch gut, man bekommt dadurch wenigstens das Gefühl, dass man existiert.
Der Ihrige
G. Herwegh
1 Auch in der Schweiz, wohin Herwegh nach seiner Ausweisung aus Preußen und aus der nicht unberechtigten Sorge, verhaftet zu werden, emigriert war, ist er ständig von Ausweisung bedroht, weil man dort Unannehmlichkeiten mit den preußischen Behörden fürchtet. Noch im selben Jahr siedelt das dann frisch verheiratete Ehepaar, Emma und Georg Herwegh, deshalb nach Paris über und bezieht dort eine Wohnung in unmittelbarer Nachbarschaft der befreundeten und ebenfalls frisch verheirateten Eheleute Jenny und Karl Marx.
Paris, 15. März 1848
Die hiesigen Deutschen fangen an, sich zu organisieren und zu bewaffnen, und es ist Hoffnung vorhanden, in kurzer Zeit ein Korps von 4-5000 Mann[1], eingeübt und mir Offizieren versehen, zur Dispositin Deutschlands bereit zu haben, welches auf das erste Signal von draußen, dass die Hilfe einer disziplinierten deutschen Armee benötigt oder gewünscht wird, an den bezeichneten Ort marschiert. Weiterlesen
Mit dem hiesigen Gouvernement sind Unterhandlungen angeknüpft; auf bedeutende und vielleicht Waffenteilnahme der Polen in Frankreich ist im Falle partieller oder allgemeiner Insurrektion mit Sicherheit zu rechnen. Die an Strapazen usw. gewöhnte Fremdenlegion, soweit sie aus Deutschen besteht, ist gleichfalls, wenn es nötig und gewünscht wird, Aussicht vorhanden. Die Stimmung unter den hiesigen Deutschen ist sehr kriegerisch, und sobald ein erstes Korps wirklich abmarschiert wäre, würden tausende und vielleicht zehntausende organisiert und diszipliniert (um im Fall der Not auch Linientruppen standhalten zu können) folgen.
Köln, Frankfurt und das Großherzogtum Baden sind die Punkte, auf die sie ihr Hauptaugenmerk richten.
Solange Preußen und Russland nicht in Süddeutschland intervenieren, oder es zu keinem andauernden, hartnäckigeren Kampf zwischen Regierung, Regierungstruppen und Volk kommt, würden die betreffenden Länder allein ohne fremde Hilfe fertig werden.
Sollte jedoch der entgegengesetzte Fall eintreten, wäre hier niemand mehr zu halten, und kein Zweifel, dass das französische Volksgouvernement (wenn auch nicht offiziell) die Hand dafür bieten würde, alle deutschen Volontärs von hier waffen- und marschfähig zu machen.
Die französische Bevölkerung selbst würde mit Freuden zur Unterstützung bereit sein, da auch das egoistische Motiv hinzukommt, viele tausend Handwerker, die den Franzosen Konkurrenz machen, loszuwerden.
Bis jetzt habe ich alle Mühe, die Enrollierten zusammenzuhalten, dass sie nicht in kleinen Abteilungen unsinnige coups de main versuchen. Die Sache wird so am hellen Tag betrieben und kann überhaupt nur etwas werden, wenn sie imposant wird, dass kein Geheimnis daraus gemacht werden soll, im Gegenteil, jeder, der diese Pläne der hiesigen Demokraten propagiert und uns dadurch Gelegenheit gibt, die Stimmung in Deutschland, Ratschläge, Vorschläge usw. zu erfahren, oder uns in Verbindung mit bereits Organisierten oder zu Organisierenden setzt, uns und der Sache wesentliche Dienste leistet, da es vor allem auf eine Verbindung mit draußen ankommt.
Ich zweifle keinen Augenblick, dass, wenn wir heute von draußen ein Zeichen zum Aufbruch erhalten, wir binnen acht Tagen wohlgerüstet an der Grenze stehen können. Wenn sich die hiesigen Deutschen bisher noch nicht in größerer Masse gestellt haben, so liegt dies einzig daran, dass man bisher über das Wie, Wo, Wohin noch im Unklaren ist. Einmal Zeit und Ort präzisiert, und die Zahl wird im Augenblick bedeutend wachsen.
An tüchtigen Offizieren wird es nicht fehlen, und sobald die Masse der Eingeschriebenen groß genug, wird sich ein ordentlicher Kriegsrat an die Spitze stellen.
Auf die Hilfe der Deutschen in Paris ist jeden Augenblick zu rechnen, und man würde Unrecht tun, sie zu verachten, da viele von ihnen in den drei großen Tagen mitgefochten und alle gesehen haben, wie man eine Revolution macht und was ein Volk vermag.
Georg Herwegh
1 Tatsächlich waren es dann gerade mal knapp 900 Aufständische, die sich, schlecht bewaffnet, auf den Weg nach Baden machten – und dort von den Regierungstruppen komplett „aufgerieben“ wurden (siehe hierzu ausführlich den Emma Herwegh-Band dieser Edition).
Gedichte eines Lebendigen. Band 1, 1841 (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv).
Gedichte eines Lebendigen. Band 2, 1843 (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv).
Beide Bände wie auch spätere Gedichte (wie etwa das „Bundeslied“) finden sich auch in: Herweghs Werke in einem Band, ausgewählt und eingeleitet von Hans-Georg Werner, Bibliothek deutscher Klassiker, Berlin und Weimar 1977.
Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz. Herausgegeben von Georg Herwegh, Zürich und Winterthur 1843, Nachdruck Leipzig 1989.
Briefe von und an Georg Herwegh, herausgegeben von Marcel Herwegh, Albert Langen’s Verlag, München 1898.
Georg Herwegh’s Briefwechsel mit seiner Braut, herausgegeben von Marcel Herwegh, Stuttgart 1906.
Aus dem Leben und Werk Georg Herweghs, herausgegeben von Bruno Kaiser, Berlin 1948.
Literatur und Politik. Herausgegeben von Katharina Mommsen, Frankfurt am Main 1969.
Als Gesamtausgabe:
Werke und Briefe. Kritische und kommentierte Gesamtausgabe. 6 Bde., hg. v. Ingrid Pepperle in Verb. mit Volker Giel, Heinz Pepperle, Norbert Rothe und Hendrik Stein, Aisthesis, Bielefeld 2005–2019.
Bruno Kaiser (Hrsg.): „Der Freiheit eine Gasse.“ Aus dem Leben und Werk Georg Herweghs, Volk und Welt, Berlin 1948.
Bruno Kaiser (Hrsg.): Georg Herwegh. Frühe Publizistik 1837–1841, Akademie-Verlag, Berlin 1971.
Wolfgang Büttner: Georg Herwegh. Ein Sänger des Proletariats. Der Weg eines bürgerlich-demokratischen Poeten zum Streiter für die Arbeiterbewegung. Mit einem Anhang ungedruckter Briefe und Dokumente über Herweghs Verhältnis zur Arbeiterbewegung, 2., überarb. Aufl., Akademie Verlag, Berlin 1976.
Michail Krausnick: Die eiserne Lerche. Die Lebensgeschichte des Georg Herwegh, Beltz und Gelberg, Weinheim 1993.
Ulrich Enzensberger: Herwegh. Ein Heldenleben. Die Andere Bibliothek, Band 173, Eichborn, Frankfurt am Main 1999.
Stephan Reinhardt: Georg Herwegh. Eine Biographie. Seine Zeit – unsere Geschichte, Wallstein Verlag, Götting 2020.
Herfried Münkler: Georg Herwegh (1817–1875): Ein Republikaner in Wort und Tat, in: Frank-Walter Steinmeier (Hrsg.), Wegbereiter der deutschen Demokratie. 30 mutige Frauen und Männer 1789–1918, München (C.H.Beck), 2021.
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