GOTTFRIED KINKEL
Dieser Beitrag wurde von Hermann Rösch erstellt.
Abb.: Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv und Grafiksammlung, PORT_00069730_01.
Gottfried Kinkel gehörte während der Revolution 1848 zu den entschiedenen Demokraten, wirkte als Chefredakteur der Neuen Bonner Zeitung, wurde für den Wahlkreis Bonn/Sieg in die preußische Nationalversammlung gewählt, wo er sich mit Bismarck rhetorisch duellierte und hat während der Reichsverfassungskampagne als Mitarbeiter der revolutionären Regierung der Pfalz sowie als Freischärler in Baden gekämpft. Dort fiel er preußischen Truppen in die Hände und wurde zu lebenslänglicher Festungshaft verurteilt. Karl Schurz befreite ihn aus dem Zuchthaus Spandau in einer aufsehenerregenden Aktion im November 1850. Kinkel lebte fortan bis zu seinem Lebensende 1882 im Exil, zunächst in London, später in Zürich. Im Gegensatz zu manchem 1848er blieb er bis zu seinem Lebensende entschiedener Republikaner und nahm aus Protest gegen die Bismarcksche Reichsgründung von oben die Schweizer Staatsbürgerschaft an. Die deutsche Geheimpolizei überwachte ihn auch in den 1870er Jahren bei seinen Vortragsreisen durch Deutschland, auch weil er die polnische Nationalbewegung unterstützte und sich für die Opfer der von den Sozialistengesetzen verfolgten Sozialdemokraten einsetzte. Darüber hinaus genoss er als Dichter im 19. Jahrhundert einiges Ansehen.
Gottfried Kinkel wurde am 11. August 1815 in Oberkassel bei Bonn als Sohn des Pfarrers geboren.
Dozent für evangelische Kirchengeschichte.
Bekanntschaft mit Johanna Mathieux, geb. Mockel, die er 1843 heiratete.
Wechsel von der Theologie auf den Lehrstuhl für Kunst-, Literatur- und Kulturgeschichte in Bonn.
Gründer und Vorsitzender des Demokratischen Vereins Bonn; Chefredakteur der (Neuen) Bonner Zeitung.
Zunächst Abgeordneter in der Zweiten Preußischen Kammer in Berlin und Mitglied der Revolutionsregierung in der Pfalz. Gefangennahme und Verurteilung zu lebenslänglicher Haft bei Teilnahme am badischen Aufstand.
6. November Befreiung aus dem Zuchthaus Spandau durch Karl Schurz und Flucht in das Exil nach London.
Vortragskampagne in den USA mit dem Ziel, Geld für einen Revolutionsfonds zu sammeln.
Annahme eines Rufes als Professor für Kunstgeschichte an das Eidgenössische Polytechnikum und Übersiedlung nach Zürich.
Annahme der Schweizer Staatsbürgerschaft aus Protest gegen das obrigkeitsstaatliche Deutsche Kaiserreich.
Am 13. November Tod im Alter von 67 Jahren. Seine letzten Lebensjahre galten der Betätigung in humanistischem Sinne und dem Ausdruck seiner Sympathien für die junge Arbeiterbewegung.
Hermann Rösch
Es war Gottfried Kinkel nicht in die Wiege gelegt, einmal als revolutionärer Aufrührer steckbrieflich gesucht zu werden, als er am 11. August 1815 als Sohn des reformierten Pfarrers von Oberkassel (heute Bonn-Oberkassel) das Licht der Welt erblickte. Zunächst lief alles nach Plan: Ganz im Sinne der Eltern entschied er sich für ein Studium der evangelischen Theologie und konnte schon 1837 als 22jähriger seine Antrittsvorlesung als Privatdozent an der Universität Bonn halten. Allerdings hatte er sich dem elterlichen Einfluss während eines Studienjahres in Berlin entziehen können und dort die bis dahin verpönte Welt der Kunst und Literatur entdeckt. An seiner Berufung zum Theologen spürte er noch keine Zweifel, fand jedoch zu einer eigenständigen, freieren theologischen Auffassung. 1837/38 reiste er nach Südfrankreich und Italien. Durch den Besuch der Museen in Lucca, Florenz und Rom legte er die Grundlagen für seine spätere Hinwendung zur Kunstgeschichte. Auffallend ist in dieser Lebensphase sein Hang zum Nonkonformismus, der sich nach dem Tod der Eltern (1835 bzw. 1837) immer deutlicher bemerkbar machte. Der junge Privatdozent der Theologie provozierte gerne durch gezielte Verstöße gegen „die guten Sitten“. So schwamm er bevorzugt sonntags nachmittags im Rhein und passierte dabei das Ausflugslokal, in dem die Bonner Professorenfamilien mit ihren Töchtern zu speisen pflegten und sich bei diesem Anblick schamhaft abwandten. Zu diesem ungebührlichen Verhalten passte, dass er in der Öffentlichkeit rauchte und helle Kleidung anstatt der erwarteten schwarzen trug. Dennoch war der gutaussehende und blitzgescheite junge Mann, von dem man sich zu erzählen wusste, dass er auch gefällig zu dichten verstand, ein gern gesehener Gast bei den Gesellschaften der Bonner Professoren. Man attestierte ihm glänzende Aussichten, in relativ kurzer Zeit ein theologisches Ordinariat zu erringen. Weiterlesen
Doch dann trat ein Ereignis ein, das sein Leben auf den Kopf stellen sollte. Im Mai 1839 traf er bei einer Einladung auf eine junge Frau, die bereits als Komponistin und virtuose Pianistin selbst Koryphäen wie Robert Schumann und Felix Mendelssohn Bartholdy beeindruckt hatte. Johanna Mathieux, geb. Mockel, damals 28jährig, war ebenfalls als Nonkonformistin aufgefallen. Sie hatte die damals verbreiteten weiblichen Rollenklischees hinter sich gelassen, war aus einer ersten Ehe geflohen und hatte Aufnahme im Hause Bettina von Arnims in Berlin gefunden. Nach Bonn war sie zurückgekehrt, um die Scheidung zu betreiben. Zunächst schien die neue Bekanntschaft lediglich freundschaftlicher Natur zu sein, doch kam es immer häufiger zu Begegnungen, die Gelegenheit boten, sich über Literatur und Kunst auszutauschen. Schließlich gründeten die beiden im Juni 1840 den „Maikäferbund“, ein Dichterkränzchen. Man traf sich wöchentlich, um bei einem guten Glas Wein eigene Gedichte, Erzählungen und spaßige Anekdoten auszutauschen und in ein handschriftliches Zirkular einzutragen. Mitglieder waren u.a. der später berühmte Kunsthistoriker Jacob Burckhardt und der Germanist Karl Simrock.
Im September 1840 kam es zu einer fundamentalen Wende in der Beziehung zwischen Kinkel und Johanna Mathieux. Auf der Rückkehr von einem Ausflug kollidierte ihr Boot mit einem Rheindampfer. Kinkel rettete die Nichtschwimmerin Johanna und angesichts des drohenden Todes gestanden sie sich ihre Liebe. Damit stand der Dozent für evangelische Kirchengeschichte gleich vor mehreren Problemen. Zum einen war er seit 1838 mit einer jungen Frau aus bester protestantischer Familie verlobt; zum anderen war Johanna nicht nur katholisch, sondern inzwischen frisch geschieden. Die evangelisch-theologische Fakultät stellte ihm ein Ultimatum: entweder löse er die Verbindung zu dieser Frau unverzüglich oder er müsse seine Hoffnungen auf eine Karriere als Theologieprofessor aufgeben. Kinkel ließ sich nicht beirren. Er löste seine Verlobung und heiratete Johanna nach der gesetzlich vorgeschriebenen dreijährigen Wartefrist 1843. In der Bonner Gesellschaft mied man die beiden von nun an, Kinkel wurde zudem aus seinen Nebenämtern als Prediger und Religionslehrer entlassen. 1846 gelang es ihm, sich umzuhabilitieren und eine außerordentliche Professur für Kunst-, Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Bonn zu erhalten. Für seine geistige Entwicklung hatten diese Jahre enorme Bedeutung, nicht zuletzt aufgrund des Einflusses, den der anregende Austausch mit seiner außergewöhnlich geistreichen Frau auf ihn hatte.
Politik hatte in Kinkels Denken und Handeln zunächst nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Dem Zeitgeist entsprechend stand er in jungen Jahren allenfalls für ein diffuses Ideal von Freiheit und Einheit. Als in der sogenannten Rheinkrise 1840 das Rheinland und der Rhein von Frankreich beansprucht wurden, stimmte auch Kinkel in den empörten Protest ein: der Rhein – auf immer deutsch. Die 1806 verloren gegangene deutsche Einheit, so erwartete auch Kinkel, sollte durch den jungen preußischen Herrscher Friedrich Wilhelm IV. wiederhergestellt werden. Diese Hoffnung wurde jedoch herb enttäuscht. 1842 wandte sich Kinkel explizit liberalen Forderungen zu: Gedankenfreiheit, Parlamentarismus, freie Rechtsprechung und natürlich nationale Einheit waren Ziele, die er im Rahmen einer konstitutionellen Monarchie für realisierbar hielt. Als ein Forum nutzten die rheinischen Oppositionellen den Karneval. Die bürgerliche Gleichheit unter der Narrenkappe, die Freiheit des Wortes und unbeschwerte Heiterkeit sahen sie als Vorwegnahme zukünftiger Zustände an. Ab 1843 beteiligte sich Kinkel daran als Büttenredner und Liederdichter.
Maßgeblich für den Wechsel ins oppositionelle Lager war für Kinkel und seine Frau die Ächtung durch die Bonner Gesellschaft, die theologische Fakultät und manche Freunde. In der Folge löste sich das Paar nicht nur von Kirche und christlichem Glauben, sondern kritisierte auch die politischen Zustände immer deutlicher. Aber noch bei Ausbruch der Revolution im März 1848 wären beide mit einer konstitutionellen Monarchie durchaus einverstanden gewesen. Im Laufe des Jahres 1848 aber vollzog sich eine fortschreitende Radikalisierung. Noch im März feierte Kinkel Seite an Seite mit den Konstitutionellen Ernst Moritz Arndt und Friedrich Christoph Dahlmann die neu errungenen Freiheiten in einem Festzug. Zum Abschluss hielt er eine Rede von der Treppe des Bonner Rathauses. Darin hatte er nicht nur die wiedererstandene „Majestät deutscher Nation“ gefeiert, sondern auch seiner Zuversicht Ausdruck verliehen, dass die neue politische Lage „alle Gedrückten, die noch unter uns sind, durch Recht und Bildung den Weg führt, daß Jeder Theil gewinne an dem Bürgerglück, welches heut über uns aufglänzt“. Doch schon bald war er von der Halbherzigkeit der Konstitutionellen und vor allem deren Desinteresse an der Lösung sozialer Fragen enttäuscht. Schon im April 1848 formulierte er ein Wahlprogramm mit einem präzisen und ausführlichen Katalog sozialer Reformvorschläge, auf dessen Grundlage sich der „Demokratische Verein“ in Bonn bildete. Die Forderungen reichten vom Wegfall aller indirekten Steuern und der Einführung einer progressiven Einkommenssteuer über die Einrichtung von Alters- und Krankenversicherungen bis zur Abschaffung des Schulgeldes und der Errichtung von Leihkassen für Ackerbau und Gewerbe. In den folgenden Wochen rückte Kinkel immer weiter nach links. Der August 1848 sah ihn schon als Vorsitzenden der Bonner Demokraten und als Chefredakteur der „(Neuen) Bonner Zeitung“. Wenig später flossen ihm nicht nur Begriffe wie Einheit, Demokratie und Republik aus der Feder, sondern auch solche wie Proletariat, Klassenkampf, Sozialismus und Gemeineigentum. Das Beiblatt zu seiner Zeitung nannte er 1849 „Spartacus“.
Bei aller verbalen und praktischen Radikalität hielt Kinkel Distanz zum materialistischen Konzept der Kölner Kommunisten Karl Marx und Friedrich Engels. Er blieb hingegen einem ethischen Sozialismus verpflichtet, der zum einen auf der Überzeugung beruhte, die bessere Idee werde sich durchsetzen und zum anderen von einem unerschütterlichen Bildungsoptimismus geprägt war. Wesentliche Elemente seines Konzeptes sind auf die französischen Frühsozialisten zurückzuführen. Besonders beeindruckte ihn Louis Blancs Modell der Produktionsgenossenschaften. Demnach sollte in der „socialen Republik“ das Privateigentum an Produktionsmitteln nicht grundsätzlich aufgehoben werden; die kapitalistische Großindustrie sollte stattdessen durch die Gründung genossenschaftlicher Assoziationen zurückgedrängt werden. Unter dem Druck staatlicher Steuer- und Kreditpolitik und der leistungsfähigeren sozialistischen Betriebe würden sich – so Kinkels Erwartung – die Privatunternehmen den Assoziationen freiwillig anschließen. Gleichzeitig sollte in diesen Organisationen das ethische Prinzip der Brüderlichkeit die deformierende kapitalistische Moral verdrängen. Zunächst aber musste es darum gehen, auf revolutionärem Wege feudale Strukturen zu beseitigen und an deren Stelle einen Staat zu etablieren, der die Rahmenbedingungen schaffen konnte, um die Entwicklung hin zur endgültigen Lösung der sozialen Frage zu initiieren. Kinkel hat sein Konzept nicht in einer theoretischen Abhandlung zusammengefasst, sondern einzelne Elemente in seinen zahlreichen Reden und Artikeln sukzessive entwickelt. Ein wirklich origineller theoretischer Kopf war er keineswegs. Dennoch erzielte er 1848/49 mit seinen Äußerungen so viel Aufmerksamkeit, dass er sich in der Öffentlichkeit den Ruf eines „rothen Republikaners“ zuzog, der der äußersten Linken zuzurechnen sei. In Zeitungsartikeln wurde er als „Redner der Revolution“ und „Fürsprecher des Proletariats“ bezeichnet.
Vor allem als Redner vermochte er das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Bei seinen zahlreichen Auftritten in Bonn und Umgebung strömten oft mehr als 1000 Zuhörer zusammen, um den glänzenden Redner zu erleben. Der demokratische Verein wurde bald mit über 600 Mitgliedern zur stärksten politischen Kraft Bonns, das damals rund 17.000 Einwohner zählte. Seinen größten politischen Triumph erzielte Kinkel Anfang 1849. Bei der Wahl zur Zweiten Kammer des Preußischen Abgeordnetenhauses wurde er als Vertreter des Kreises Bonn-Sieg direkt gewählt. In diesem Parlament trat Kinkel als Widersacher des jungen Abgeordneten Otto von Bismarck-Schönhausen auf, der festgestellt hatte, es gebe nur zwei unversöhnliche Staatsprinzipien, das Königtum von Gottes Gnaden und die Barrikade. Welche sich durchsetze, müsse militärisch ausgefochten werden. Dem hatte Kinkel entgegnet: „… für diese Entscheidungsschlacht, (werden) wir den Geist, den Hunger, das Proletariat und den Zorn des Volkes in den Kampf führen…“
Unterdessen war die Gegenrevolution erstarkt, Friedrich Wilhelm IV. konnte es sich erlauben, die ihm vom Frankfurter Parlament angebotene Kaiserkrone abzulehnen und daraufhin auch das Berliner Parlament Ende April 1849 wieder aufzulösen. Kinkel kehrte zurück nach Bonn. Zur Verteidigung der revolutionären Errungenschaften und nicht zuletzt der vom Paulskirchenparlament erarbeiteten Reichsverfassung brachen in einigen deutschen Staaten bewaffnete Aufstände aus. Die Bonner Demokraten beschlossen am 10. Mai nach Siegburg zu ziehen, das dortige Zeughaus zu stürmen und mit den dort erbeuteten Waffen den Aufständischen in Elberfeld zur Hilfe zu kommen. Das Unternehmen scheiterte jedoch kläglich. Kinkel begab sich daraufhin in die Pfalz, um der dortigen Revolutionsregierung als Propagandist zu dienen. Mitte Juni 1849 schloss er sich den revolutionären Truppen in Baden als einfacher Soldat an. Im ersten Gefecht in der Nähe von Rastatt erhielt er am 29. Juni 1849 einen Streifschuss am Kopf und wurde von preußischen Truppen gefangen genommen. Man inhaftierte ihn zunächst im Karlsruher Rathausturm, später in Rastatt. Schon Ende Juli konnte der Oberbefehlshaber der preußischen Truppen, der spätere Kaiser Wilhelm I., den endgültigen militärischen Sieg über die Aufständischen verkünden.
Kinkel, der in der Öffentlichkeit nicht nur als „rother Republikaner“ sondern auch als Dichter großes Ansehen genoss, war den Siegern besonders verhasst. Aufgrund seiner Stellung galt er als Verführer und Rädelsführer. Offen wurde in der regierungsnahen Presse gefordert, ihn standrechtlich zu erschießen. Gnadengesuche hochrangiger Persönlichkeiten wie Bettina von Arnim oder Ernst Moritz Arndt und der unmittelbare Protest tausender Menschen hatten zur Folge, dass Kinkel am 4. August 1849 in Rastatt vom Kriegsgericht „nur“ zu lebenslanger Zuchthaushaft verurteilt wurde. Mehrere Wochen lang wurde in Berlin darüber verhandelt, ob dieses „milde“ Urteil zu vertreten sei, ehe es offiziell bestätigt und Kinkel in das Zuchthaus Naugard in Pommern überstellt wurde. In seiner Rastatter Verteidigungsrede hatte Kinkel den missverständlichen Satz gesagt: „Wenn es der königlichen Hoheit unseres Thronfolgers, des Prinzen von Preußen, gelingt (…) Deutschland in Eins zu schmieden, und (…) uns der innern Freiheit wirklich und dauernd zu versichern, (...) und vor Allem den Armen in meinem Volke, als deren Vertreter ich mich fühle, Brot zu schaffen: (…) ich würde einer der ersten Deputirten sein, die mit frohem Herzen riefen: 'Es lebe das Deutsche Kaiserthum, es lebe das Kaiserthum Hohenzollern!'“ Marx und Engels werteten dies als Verrat und wandten sich empört von Kinkel ab. Dabei glaubte Kinkel diesen rhetorischen Trick ohne Bedenken anwenden zu können, denn ihm war klar, dass die Hohenzollern die drei Bedingungen niemals erfüllen würden. In einem zweiten Prozess wurde er wegen der Teilnahme am Siegburger Zeughaussturm angeklagt. In seiner Verteidigungsrede legte er das mutige Bekenntnis ab: „Und weil ich Socialist bin, darum bin ich Demokrat…“ In diesem Prozess wurde er freigesprochen und anschließend in das Zuchthaus nach Spandau gebracht.
Während seiner Haft erlangte Kinkel eine beispiellose Popularität. Wenn von den Märtyrern der Revolution die Rede war, wurde er nicht selten in einem Atemzug mit Robert Blum genannt. Dazu hatte Johanna Kinkel in erheblichem Maße durch eine überregionale Solidaritätskampagne beigetragen. Porträts des inhaftierten, zu Zwangsarbeit verurteilten Kinkel wurden in allen deutschen Ländern verkauft, angeblich um damit den Lebensunterhalt seiner Familie zu finanzieren. Mit den so akquirierten Geldern aber plante Johanna Kinkel dessen Befreiung, die von Karl Schurz im November 1850 erfolgreich ins Werk gesetzt wurde. Dank dieser abenteuerlichen Tat wurden Kinkel und Schurz endgültig zu Ikonen der demokratischen Revolution.
Kinkel ließ sich anschließend wie tausende weiterer deutscher Exilanten in London nieder. Dort traf er zudem auf die führenden Revolutionäre weiterer europäischer Staaten. Man erwartete spätestens Ende 1852 den erfolgreichen Wiederausbruch der Revolution in ganz Europa. Da Kinkel nunmehr als Gallionsfigur der Revolution galt, fiel ihm die Aufgabe zu, in den USA bei den deutschstämmigen Emigranten für eine Nationalanleihe zu werben. Diese Gelder sollten später von der siegreichen Republik zurückgezahlt werden, zunächst aber dazu dienen, das revolutionäre Geschehen zu forcieren. So bereiste Kinkel die USA von September 1851 bis März 1852 mit dem Ziel 2 Millionen Dollar einzuwerben. Zunächst verbuchte er nennenswerte Anfangserfolge. So gelang es ihm, die Unterstützung Friedrich Heckers zu erlangen und vom amerikanischen Präsidenten Millard Fillmore als „Gesandter der künftigen deutschen Republik“ empfangen zu werden. Insgesamt gesehen aber scheiterte die Mission kläglich, denn der finanzielle Ertrag blieb mit ca. 10.000 Dollar weit hinter den Erwartungen zurück. Kinkel zog sich nun für einige Jahre von der Politik zurück.
In den 1860er Jahren begrüßte Kinkel zunächst die Bismarcksche Politik, da er fest davon überzeugt war, dass die Einheitsbestrebungen zwangsläufig zu republikanischen Verhältnissen führen würden. In den folgenden Jahren musste er jedoch erleben, dass er sich getäuscht hatte. Die Reichsgründung 1871 mit einem preußischen Monarchen an der Spitze eines Obrigkeitsstaates lehnte er ab. Bereits 1866 hatte er einen Ruf als Kunsthistoriker an das Züricher Polytechnikum erhalten und war mit seiner zweiten Frau Minna in die Schweiz übersiedelt. Enttäuscht nahm er 1875 die Schweizerische Staatsbürgerschaft an. Er betätigte sich nun in einem nicht parteigebundenen humanistischen Sinne, brachte jedoch seine Sympathien für die republikanische Bewegung und die junge Arbeiterbewegung offen zum Ausdruck. Als Kinkel im November 1882 zu Grabe getragen wurde, erlebte Zürich den bis dahin größten Leichenzug. In großer Zahl nahmen daran auch deutsche und schweizerische Sozialdemokraten teil.
Abschließend ein kurzer Exkurs zum Dichter Gottfried Kinkel. Seine frühen Gedichte und Versepen sind weitgehend unpolitisch und fanden möglicherweise deshalb bei einem biedermeierlich gesonnenen Publikum großen Beifall. Das Versepos Otto der Schütz, im renommierten Cotta-Verlag erschienen, erlebte immerhin über 90 Auflagen. Obwohl Kinkel vereinzelt in den 1840er Jahren und während der Revolution durchaus politische Gedichte verfasst hat, fällt sein Name in der Regel nicht, wenn in den einschlägigen Publikationen von den politischen Lyrikern des Vormärz und der Revolution die Rede ist. Dies ist darauf zurückzuführen, dass in der 1843 erschienenen Gedichtsammlung noch keine politischen Gedichte enthalten sind. Zwar wurden in deren zweite Auflage einige politische Gedichte aufgenommen, doch in einer derart entschärften Form, dass sie ihre Wirkung kaum entfalten konnten. Johanna Kinkel, die für diese Zusammenstellung verantwortlich zeichnete, achtete peinlich darauf, dass diese ihrem zum Zeitpunkt des Erscheinens noch inhaftierten Mann nicht schadeten. So blieb Kinkels politische Lyrik zunächst entweder ungedruckt, erschien an entlegenen Orten oder in verstümmelter Form. Als Kinkel diese Werke 1868 und 1872 zusammenstellte und zum Teil erstmals publizierte, blieben sie wirkungslos, da nach dem Scheitern der Revolution kein Interesse an Tendenzpoesie mehr bestand.
Im Laufe seines Lebens hat sich Kinkel vom ursprünglich völlig unpolitischen Theologen zum Republikaner und reformistischen „Socialisten“ gewandelt. Gegen Ende der Revolution hatte er sich einiges Ansehen auch über das Rheinland hinaus erarbeitet, ohne doch zu den theoretischen Köpfen der Revolution 1848/49 zu gehören. Seine unglaubliche Popularität bei den Zeitgenossen verdankt er in erster Linie der abenteuerlichen Befreiung, die den düpierten preußischen König dazu veranlasste, den Kölner Kommunistenprozess inszenieren zu lassen. Dennoch hatte Gottfried Kinkel während und unmittelbar nach der Revolution erheblich größere Bedeutung, als ihm in der Geschichtsschreibung und im kollektiven Gedächtnis heute zugebilligt wird.
Wir fordern alle Erdengaben,
Nur um den Himmel winselt ihr –
Den Himmel sollt ihr künftig haben,
Allein die Erde nehmen Wir!
Laut jubeln hör’ ich alle Leute,
Die Glocken hallen weit durch’s Land;
Der König, wisst, besucht uns heute,
Drum freuen alle sich der Beute,
Die ihnen heut ward zugewandt.
O eilt und strömt ihm rasch entgegen,
Sie sagen ja, er sei so gut!
Von seiner Ferse träufelt Segen,
Von seiner Hand ein goldner Regen,
Auch Ordensband und Federhut.
Ihm jauchzt mit Recht der Feuerwerker,
Ihm brachte ja sein Pulver Geld.
Der Maler schmückt Altan und Erker,
Und selbst der Färber pustet stärker,
Manch buntes Fähnchen ward bestellt.
Die junge Dame mag sich freuen!
Der geizige Onkel wird splendid;
Er lässt es heut sich nicht gereuen,
Er lässt ihr Kleid und Band erneuen,
Dass sie geputzt zum Fürsten tritt.
Und warum will mein Herz nicht schlagen,
Des Dichters Herz, sonst voll und warm?
Nicht ists mehr wie in alten Tagen,
Und will die Welt zu Festen jagen
Braucht sie den Dichter nicht im Schwarm.
Doch nicht undankbar will ich scheinen!
Man pflasterte den kot’gen Weg
Vor meiner Tür mit neuen Steinen –
Ich will dem Jubel mich vereinen:
Dir, König, dank’ ich saubern Steg.
Stets nur treu und stets loyal,
Und vor Allem stets zufrieden,
So hat Gott es mir beschieden,
Folglich bleibt mir keine Wahl.
Ob des Staates alten Karren
Weise lenken oder Narren,
Dieses geht mich gar nichts an,
Denn ich bin ein Unterthan.
Und ein Prinzipienkampf, ein wahrer und wahrhaftiger ist es, um den wir fechten, um den wir dulden. Nicht um Formen des Staates handelt es sich, sondern um das ganze Leben und Lebensglück der Menschheit – um blendende Stichwörter eines Theaterstückes nicht, sondern um die heilige tiefinnerste Wahrheit. (…) dieser Kampf ist kein politischer, sondern ein sozialer; nicht unser Kopf allein arbeitet ihn durch, sondern in unendlich höherem Maße unser Herz. Dies gibt wieder der ganzen Weltlage eine Ähnlichkeit mit der Kampfepoche des jungen christlichen Glaubens, und verleiht uns eine Begeisterung, welcher der Sieg gewiss ist.
Die politische Frage bezieht sich auf die Verteilung der Macht im Staate, die soziale auf die Verteilung des Eigentums, der Güter und Genüsse des Lebens. Jedermann sieht, dass die letztere unendlich höhere Bedeutung hat als die erstere. Wir arbeiten nur deshalb als Politiker, weil wir Sozialisten sind.
Die Eigentumsverhältnisse haben sich im Lauf der Jahrhunderte, am stärksten aber in den letzten 50 Jahren, auf das Merkwürdigste umgestaltet. Die Reihenfolge dieser Umgestaltungen lehrt uns jetzt die geschichtliche Betrachtung ganz mit der Klarheit und Sicherheit überschauen, mit der ein kundiger Arzt eine Krankheitsgeschichte schreibt. Das furchtbare Resultat liegt vor unser aller Augen da: die Mutter Erde, obwohl ihr Schoß jetzt fruchtbarer ist, als je, nährt ihre Kinder nicht alle mehr; während der eine das Korn aufspeichert, mangelt dem andern das Brot. Die Ungleichheit in der Verteilung der Erdengüter war niemals größer, als heute.
Diese Ungleichheit aufzuheben, der Kraft und dem Talent den Erwerb, der Arbeit Lohn und Brot zu sichern, das moderne Sklaventum und die Rechtlosigkeit des Hungers zu vernichten – das ist unser Wille, dafür streiten wir.
(…) Der Demokrat hat jetzt Zeit, die Leute mit dem Wesen des Sozialismus bekannt zu machen, die Vorurteile gegen die Staatsform der Zukunft zu zerstreuen, und so auf dem Wege der Erkenntnis genau das Ideal aufzustellen, das wir, sobald es erst mit völlig klarem Bewusstsein von der Menge aufgefasst ist, hernach mit der leichtesten Mühe von der Welt in die Tat umsetzen werden.
Hier geht’s vortrefflich, und wie in England der Geist des Landes wider mich war, (notwendig, weil einer kirchlichen, konservativen und aristokratischen Gesellschaft ich als Freidenker, Republikaner und Sozialist entgegenstand) so geht hier die Strömung mit mir.
Lieber Gott auf dem Himmelsthrone,
Ei wie kannst du behaglich ruhn,
Denn der Teufel, in harter Frohne,
Muss dir im Schweiß die Arbeit tun.
Schleswig-Holsteins, das ihr verrietet,
Nehmt ihr euch nun in Waffen an;
Und wer dieses Geschenk uns bietet,
Vive le diable! Ist auch unser Mann.
Als wir Deutschland zu einen gedachten,
Schlugt ihr uns tapfer die Köpfe ein;
Und nun müsst ihr in böhmischen Schlachten
Unsres Gedankens Vollzieher sein.
Schmissen wir nieder die winzigen Thrönchen,
Kamt ihr, und schraubtet sie wieder fest;
Und nun jagt ihr die Muttersöhnchen
Selbst uns hinaus aus dem warmen Nest.
Achte der Kegel bringt ihr zu Falle
Und der König steht noch allein;
Nun so wird der König für Alle
Einziges Ziel des Wurfes sein.
Heut auf unsres Gedankens Herde
Schmieden wir lustig die Republik,
Und ihr ruft ihr selber das Werde
Mit der pfiffigsten Politik.
Was wir verlangt, für jeden die Stimme
Gebt ihr, und hofft, die Massen sind dumm.
Armut und Arbeit, in ihrem Grimme,
Wähnt ihr, sie bleiben gefügig und stumm?
All das Volk in der Waffenehre
Wollten wir üben zum Kriegesspiel:
Ihr verteilt nun Nadelgewehre,
Und ihr werdet ihr letztes Ziel!
Handwerk, errette Dich! oder Was soll der deutsche Handwerker fordern und thun, um seinen Stand zu bessern? Bonn: Sulzbach 1848.
An die Urwähler aus der Arbeiterklasse. In: Spartacus. Wochenzeitung für sociale Fragen. Nr. 3, 22. Januar 1849.
Erzählungen. Stuttgart: Cotta 1849.
Muth! In: Neue Bonner Zeitung. Nr. 1, 2. Januar 1849.
Das erste Auftreten des Socialismus in der Malerei. In: Deutsche Monatsschrift für Politik, Wissenschaft, Kunst und Leben (Stuttgart). 1. Jg. 7. Heft, Juli 1850, S. 51-68.
Gedichte. Zweite Sammlung. Stuttgart: Cotta 1868.
Gedichte. Erste Sammlung. 7. Aufl. Stuttgart: Cotta 1872
Selbstbiographie 1838-1848. Hrsg. v. Richard Sander. Bonn: Cohen 1931.
„Liebe treue Johanna!“ „Liebster Gottit!“ Der Briefwechsel zwischen Gottfried und Johanna Kinkel 1840–1858. Bearb. von Monica Klaus, Band 1–3. Stadt Bonn 2008.
Beyrodt, Wolfgang: Gottfried Kinkel als Kunsthistoriker. Darstellung und Briefwechsel. Diss. Bonn: Röhrscheid 1979.
Ennen, Edith: Gottfried Kinkel (1815-1882). In: Strutz, Edmund (Hrsg.): Rheinische Lebensbilder. 1. Bd. Düsseldorf: Rheinland Verlag 1961, S. 168-188.
Jonge, Alfred R.: Gottfried Kinkel as political and social thinker. Diss. New York: Columbia University Press 1926. Reprint: New York: Ams Press 1966.
Rösch-Sondermann, Hermann: Gottfried Kinkel als Ästhetiker, Politiker und Dichter. Diss. Bonn: Röhrscheid 1982. Neu formatierte, mit Registern versehene digitale Ausgabe Bonn: 2021.
Rösch, Hermann: Gottfried Kinkel, Dichter und Demokrat. Edition Lempertz, Königswinter 2006.
Rösch, Hermann: „...ich als Freidenker, Republikaner und Socialist...“. Gottfried Kinkel - Porträt eines Nonkonformisten. Festrede gehalten aus Anlass des 200. Geburtstages von Gottfried Kinkel am 11. August 2015 in der alten Evangelischen Kirche Bonn-Oberkassel. Bonn: Großjohann 2016.
Rösch, Hermann: Revolutionsgedichte aus der Gefängniszelle. Ein denkwürdiges Zeugnis für Gottfried Kinkels ungebrochen demokratisch-revolutionäre Gesinnung während der Haft 1849/50. In: Bonner Geschichtsblätter. 72, 2024, S. 153-187.
Walcher, Bernhard: Vormärz im Rheinland. Nation und Geschichte in Gottfried Kinkels literarischem Werk. Berlin, New York: de Gruyter 2010.
GOTTFRIED KINKEL
Dieser Beitrag wurde von Hermann Rösch erstellt.
Abb.: Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv und Grafiksammlung, PORT_00069730_01.
Gottfried Kinkel gehörte während der Revolution 1848 zu den entschiedenen Demokraten, wirkte als Chefredakteur der Neuen Bonner Zeitung, wurde für den Wahlkreis Bonn/Sieg in die preußische Nationalversammlung gewählt, wo er sich mit Bismarck rhetorisch duellierte und hat während der Reichsverfassungskampagne als Mitarbeiter der revolutionären Regierung der Pfalz sowie als Freischärler in Baden gekämpft. Dort fiel er preußischen Truppen in die Hände und wurde zu lebenslänglicher Festungshaft verurteilt. Karl Schurz befreite ihn aus dem Zuchthaus Spandau in einer aufsehenerregenden Aktion im November 1850. Kinkel lebte fortan bis zu seinem Lebensende 1882 im Exil, zunächst in London, später in Zürich. Im Gegensatz zu manchem 1848er blieb er bis zu seinem Lebensende entschiedener Republikaner und nahm aus Protest gegen die Bismarcksche Reichsgründung von oben die Schweizer Staatsbürgerschaft an. Die deutsche Geheimpolizei überwachte ihn auch in den 1870er Jahren bei seinen Vortragsreisen durch Deutschland, auch weil er die polnische Nationalbewegung unterstützte und sich für die Opfer der von den Sozialistengesetzen verfolgten Sozialdemokraten einsetzte. Darüber hinaus genoss er als Dichter im 19. Jahrhundert einiges Ansehen.
Gottfried Kinkel wurde am 11. August 1815 in Oberkassel bei Bonn als Sohn des Pfarrers geboren.
Dozent für evangelische Kirchengeschichte.
Bekanntschaft mit Johanna Mathieux, geb. Mockel, die er 1843 heiratete.
Wechsel von der Theologie auf den Lehrstuhl für Kunst-, Literatur- und Kulturgeschichte in Bonn.
Gründer und Vorsitzender des Demokratischen Vereins Bonn; Chefredakteur der (Neuen) Bonner Zeitung.
Zunächst Abgeordneter in der Zweiten Preußischen Kammer in Berlin und Mitglied der Revolutionsregierung in der Pfalz. Gefangennahme und Verurteilung zu lebenslänglicher Haft bei Teilnahme am badischen Aufstand.
6. November Befreiung aus dem Zuchthaus Spandau durch Karl Schurz und Flucht in das Exil nach London.
Vortragskampagne in den USA mit dem Ziel, Geld für einen Revolutionsfonds zu sammeln.
Annahme eines Rufes als Professor für Kunstgeschichte an das Eidgenössische Polytechnikum und Übersiedlung nach Zürich.
Annahme der Schweizer Staatsbürgerschaft aus Protest gegen das obrigkeitsstaatliche Deutsche Kaiserreich.
Am 13. November Tod im Alter von 67 Jahren. Seine letzten Lebensjahre galten der Betätigung in humanistischem Sinne und dem Ausdruck seiner Sympathien für die junge Arbeiterbewegung.
Hermann Rösch
Es war Gottfried Kinkel nicht in die Wiege gelegt, einmal als revolutionärer Aufrührer steckbrieflich gesucht zu werden, als er am 11. August 1815 als Sohn des reformierten Pfarrers von Oberkassel (heute Bonn-Oberkassel) das Licht der Welt erblickte. Zunächst lief alles nach Plan: Ganz im Sinne der Eltern entschied er sich für ein Studium der evangelischen Theologie und konnte schon 1837 als 22jähriger seine Antrittsvorlesung als Privatdozent an der Universität Bonn halten. Allerdings hatte er sich dem elterlichen Einfluss während eines Studienjahres in Berlin entziehen können und dort die bis dahin verpönte Welt der Kunst und Literatur entdeckt. An seiner Berufung zum Theologen spürte er noch keine Zweifel, fand jedoch zu einer eigenständigen, freieren theologischen Auffassung. 1837/38 reiste er nach Südfrankreich und Italien. Durch den Besuch der Museen in Lucca, Florenz und Rom legte er die Grundlagen für seine spätere Hinwendung zur Kunstgeschichte. Auffallend ist in dieser Lebensphase sein Hang zum Nonkonformismus, der sich nach dem Tod der Eltern (1835 bzw. 1837) immer deutlicher bemerkbar machte. Der junge Privatdozent der Theologie provozierte gerne durch gezielte Verstöße gegen „die guten Sitten“. So schwamm er bevorzugt sonntags nachmittags im Rhein und passierte dabei das Ausflugslokal, in dem die Bonner Professorenfamilien mit ihren Töchtern zu speisen pflegten und sich bei diesem Anblick schamhaft abwandten. Zu diesem ungebührlichen Verhalten passte, dass er in der Öffentlichkeit rauchte und helle Kleidung anstatt der erwarteten schwarzen trug. Dennoch war der gutaussehende und blitzgescheite junge Mann, von dem man sich zu erzählen wusste, dass er auch gefällig zu dichten verstand, ein gern gesehener Gast bei den Gesellschaften der Bonner Professoren. Man attestierte ihm glänzende Aussichten, in relativ kurzer Zeit ein theologisches Ordinariat zu erringen. Weiterlesen
Doch dann trat ein Ereignis ein, das sein Leben auf den Kopf stellen sollte. Im Mai 1839 traf er bei einer Einladung auf eine junge Frau, die bereits als Komponistin und virtuose Pianistin selbst Koryphäen wie Robert Schumann und Felix Mendelssohn Bartholdy beeindruckt hatte. Johanna Mathieux, geb. Mockel, damals 28jährig, war ebenfalls als Nonkonformistin aufgefallen. Sie hatte die damals verbreiteten weiblichen Rollenklischees hinter sich gelassen, war aus einer ersten Ehe geflohen und hatte Aufnahme im Hause Bettina von Arnims in Berlin gefunden. Nach Bonn war sie zurückgekehrt, um die Scheidung zu betreiben. Zunächst schien die neue Bekanntschaft lediglich freundschaftlicher Natur zu sein, doch kam es immer häufiger zu Begegnungen, die Gelegenheit boten, sich über Literatur und Kunst auszutauschen. Schließlich gründeten die beiden im Juni 1840 den „Maikäferbund“, ein Dichterkränzchen. Man traf sich wöchentlich, um bei einem guten Glas Wein eigene Gedichte, Erzählungen und spaßige Anekdoten auszutauschen und in ein handschriftliches Zirkular einzutragen. Mitglieder waren u.a. der später berühmte Kunsthistoriker Jacob Burckhardt und der Germanist Karl Simrock.
Im September 1840 kam es zu einer fundamentalen Wende in der Beziehung zwischen Kinkel und Johanna Mathieux. Auf der Rückkehr von einem Ausflug kollidierte ihr Boot mit einem Rheindampfer. Kinkel rettete die Nichtschwimmerin Johanna und angesichts des drohenden Todes gestanden sie sich ihre Liebe. Damit stand der Dozent für evangelische Kirchengeschichte gleich vor mehreren Problemen. Zum einen war er seit 1838 mit einer jungen Frau aus bester protestantischer Familie verlobt; zum anderen war Johanna nicht nur katholisch, sondern inzwischen frisch geschieden. Die evangelisch-theologische Fakultät stellte ihm ein Ultimatum: entweder löse er die Verbindung zu dieser Frau unverzüglich oder er müsse seine Hoffnungen auf eine Karriere als Theologieprofessor aufgeben. Kinkel ließ sich nicht beirren. Er löste seine Verlobung und heiratete Johanna nach der gesetzlich vorgeschriebenen dreijährigen Wartefrist 1843. In der Bonner Gesellschaft mied man die beiden von nun an, Kinkel wurde zudem aus seinen Nebenämtern als Prediger und Religionslehrer entlassen. 1846 gelang es ihm, sich umzuhabilitieren und eine außerordentliche Professur für Kunst-, Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Bonn zu erhalten. Für seine geistige Entwicklung hatten diese Jahre enorme Bedeutung, nicht zuletzt aufgrund des Einflusses, den der anregende Austausch mit seiner außergewöhnlich geistreichen Frau auf ihn hatte.
Politik hatte in Kinkels Denken und Handeln zunächst nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Dem Zeitgeist entsprechend stand er in jungen Jahren allenfalls für ein diffuses Ideal von Freiheit und Einheit. Als in der sogenannten Rheinkrise 1840 das Rheinland und der Rhein von Frankreich beansprucht wurden, stimmte auch Kinkel in den empörten Protest ein: der Rhein – auf immer deutsch. Die 1806 verloren gegangene deutsche Einheit, so erwartete auch Kinkel, sollte durch den jungen preußischen Herrscher Friedrich Wilhelm IV. wiederhergestellt werden. Diese Hoffnung wurde jedoch herb enttäuscht. 1842 wandte sich Kinkel explizit liberalen Forderungen zu: Gedankenfreiheit, Parlamentarismus, freie Rechtsprechung und natürlich nationale Einheit waren Ziele, die er im Rahmen einer konstitutionellen Monarchie für realisierbar hielt. Als ein Forum nutzten die rheinischen Oppositionellen den Karneval. Die bürgerliche Gleichheit unter der Narrenkappe, die Freiheit des Wortes und unbeschwerte Heiterkeit sahen sie als Vorwegnahme zukünftiger Zustände an. Ab 1843 beteiligte sich Kinkel daran als Büttenredner und Liederdichter.
Maßgeblich für den Wechsel ins oppositionelle Lager war für Kinkel und seine Frau die Ächtung durch die Bonner Gesellschaft, die theologische Fakultät und manche Freunde. In der Folge löste sich das Paar nicht nur von Kirche und christlichem Glauben, sondern kritisierte auch die politischen Zustände immer deutlicher. Aber noch bei Ausbruch der Revolution im März 1848 wären beide mit einer konstitutionellen Monarchie durchaus einverstanden gewesen. Im Laufe des Jahres 1848 aber vollzog sich eine fortschreitende Radikalisierung. Noch im März feierte Kinkel Seite an Seite mit den Konstitutionellen Ernst Moritz Arndt und Friedrich Christoph Dahlmann die neu errungenen Freiheiten in einem Festzug. Zum Abschluss hielt er eine Rede von der Treppe des Bonner Rathauses. Darin hatte er nicht nur die wiedererstandene „Majestät deutscher Nation“ gefeiert, sondern auch seiner Zuversicht Ausdruck verliehen, dass die neue politische Lage „alle Gedrückten, die noch unter uns sind, durch Recht und Bildung den Weg führt, daß Jeder Theil gewinne an dem Bürgerglück, welches heut über uns aufglänzt“. Doch schon bald war er von der Halbherzigkeit der Konstitutionellen und vor allem deren Desinteresse an der Lösung sozialer Fragen enttäuscht. Schon im April 1848 formulierte er ein Wahlprogramm mit einem präzisen und ausführlichen Katalog sozialer Reformvorschläge, auf dessen Grundlage sich der „Demokratische Verein“ in Bonn bildete. Die Forderungen reichten vom Wegfall aller indirekten Steuern und der Einführung einer progressiven Einkommenssteuer über die Einrichtung von Alters- und Krankenversicherungen bis zur Abschaffung des Schulgeldes und der Errichtung von Leihkassen für Ackerbau und Gewerbe. In den folgenden Wochen rückte Kinkel immer weiter nach links. Der August 1848 sah ihn schon als Vorsitzenden der Bonner Demokraten und als Chefredakteur der „(Neuen) Bonner Zeitung“. Wenig später flossen ihm nicht nur Begriffe wie Einheit, Demokratie und Republik aus der Feder, sondern auch solche wie Proletariat, Klassenkampf, Sozialismus und Gemeineigentum. Das Beiblatt zu seiner Zeitung nannte er 1849 „Spartacus“.
Bei aller verbalen und praktischen Radikalität hielt Kinkel Distanz zum materialistischen Konzept der Kölner Kommunisten Karl Marx und Friedrich Engels. Er blieb hingegen einem ethischen Sozialismus verpflichtet, der zum einen auf der Überzeugung beruhte, die bessere Idee werde sich durchsetzen und zum anderen von einem unerschütterlichen Bildungsoptimismus geprägt war. Wesentliche Elemente seines Konzeptes sind auf die französischen Frühsozialisten zurückzuführen. Besonders beeindruckte ihn Louis Blancs Modell der Produktionsgenossenschaften. Demnach sollte in der „socialen Republik“ das Privateigentum an Produktionsmitteln nicht grundsätzlich aufgehoben werden; die kapitalistische Großindustrie sollte stattdessen durch die Gründung genossenschaftlicher Assoziationen zurückgedrängt werden. Unter dem Druck staatlicher Steuer- und Kreditpolitik und der leistungsfähigeren sozialistischen Betriebe würden sich – so Kinkels Erwartung – die Privatunternehmen den Assoziationen freiwillig anschließen. Gleichzeitig sollte in diesen Organisationen das ethische Prinzip der Brüderlichkeit die deformierende kapitalistische Moral verdrängen. Zunächst aber musste es darum gehen, auf revolutionärem Wege feudale Strukturen zu beseitigen und an deren Stelle einen Staat zu etablieren, der die Rahmenbedingungen schaffen konnte, um die Entwicklung hin zur endgültigen Lösung der sozialen Frage zu initiieren. Kinkel hat sein Konzept nicht in einer theoretischen Abhandlung zusammengefasst, sondern einzelne Elemente in seinen zahlreichen Reden und Artikeln sukzessive entwickelt. Ein wirklich origineller theoretischer Kopf war er keineswegs. Dennoch erzielte er 1848/49 mit seinen Äußerungen so viel Aufmerksamkeit, dass er sich in der Öffentlichkeit den Ruf eines „rothen Republikaners“ zuzog, der der äußersten Linken zuzurechnen sei. In Zeitungsartikeln wurde er als „Redner der Revolution“ und „Fürsprecher des Proletariats“ bezeichnet.
Vor allem als Redner vermochte er das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Bei seinen zahlreichen Auftritten in Bonn und Umgebung strömten oft mehr als 1000 Zuhörer zusammen, um den glänzenden Redner zu erleben. Der demokratische Verein wurde bald mit über 600 Mitgliedern zur stärksten politischen Kraft Bonns, das damals rund 17.000 Einwohner zählte. Seinen größten politischen Triumph erzielte Kinkel Anfang 1849. Bei der Wahl zur Zweiten Kammer des Preußischen Abgeordnetenhauses wurde er als Vertreter des Kreises Bonn-Sieg direkt gewählt. In diesem Parlament trat Kinkel als Widersacher des jungen Abgeordneten Otto von Bismarck-Schönhausen auf, der festgestellt hatte, es gebe nur zwei unversöhnliche Staatsprinzipien, das Königtum von Gottes Gnaden und die Barrikade. Welche sich durchsetze, müsse militärisch ausgefochten werden. Dem hatte Kinkel entgegnet: „… für diese Entscheidungsschlacht, (werden) wir den Geist, den Hunger, das Proletariat und den Zorn des Volkes in den Kampf führen…“
Unterdessen war die Gegenrevolution erstarkt, Friedrich Wilhelm IV. konnte es sich erlauben, die ihm vom Frankfurter Parlament angebotene Kaiserkrone abzulehnen und daraufhin auch das Berliner Parlament Ende April 1849 wieder aufzulösen. Kinkel kehrte zurück nach Bonn. Zur Verteidigung der revolutionären Errungenschaften und nicht zuletzt der vom Paulskirchenparlament erarbeiteten Reichsverfassung brachen in einigen deutschen Staaten bewaffnete Aufstände aus. Die Bonner Demokraten beschlossen am 10. Mai nach Siegburg zu ziehen, das dortige Zeughaus zu stürmen und mit den dort erbeuteten Waffen den Aufständischen in Elberfeld zur Hilfe zu kommen. Das Unternehmen scheiterte jedoch kläglich. Kinkel begab sich daraufhin in die Pfalz, um der dortigen Revolutionsregierung als Propagandist zu dienen. Mitte Juni 1849 schloss er sich den revolutionären Truppen in Baden als einfacher Soldat an. Im ersten Gefecht in der Nähe von Rastatt erhielt er am 29. Juni 1849 einen Streifschuss am Kopf und wurde von preußischen Truppen gefangen genommen. Man inhaftierte ihn zunächst im Karlsruher Rathausturm, später in Rastatt. Schon Ende Juli konnte der Oberbefehlshaber der preußischen Truppen, der spätere Kaiser Wilhelm I., den endgültigen militärischen Sieg über die Aufständischen verkünden.
Kinkel, der in der Öffentlichkeit nicht nur als „rother Republikaner“ sondern auch als Dichter großes Ansehen genoss, war den Siegern besonders verhasst. Aufgrund seiner Stellung galt er als Verführer und Rädelsführer. Offen wurde in der regierungsnahen Presse gefordert, ihn standrechtlich zu erschießen. Gnadengesuche hochrangiger Persönlichkeiten wie Bettina von Arnim oder Ernst Moritz Arndt und der unmittelbare Protest tausender Menschen hatten zur Folge, dass Kinkel am 4. August 1849 in Rastatt vom Kriegsgericht „nur“ zu lebenslanger Zuchthaushaft verurteilt wurde. Mehrere Wochen lang wurde in Berlin darüber verhandelt, ob dieses „milde“ Urteil zu vertreten sei, ehe es offiziell bestätigt und Kinkel in das Zuchthaus Naugard in Pommern überstellt wurde. In seiner Rastatter Verteidigungsrede hatte Kinkel den missverständlichen Satz gesagt: „Wenn es der königlichen Hoheit unseres Thronfolgers, des Prinzen von Preußen, gelingt (…) Deutschland in Eins zu schmieden, und (…) uns der innern Freiheit wirklich und dauernd zu versichern, (...) und vor Allem den Armen in meinem Volke, als deren Vertreter ich mich fühle, Brot zu schaffen: (…) ich würde einer der ersten Deputirten sein, die mit frohem Herzen riefen: 'Es lebe das Deutsche Kaiserthum, es lebe das Kaiserthum Hohenzollern!'“ Marx und Engels werteten dies als Verrat und wandten sich empört von Kinkel ab. Dabei glaubte Kinkel diesen rhetorischen Trick ohne Bedenken anwenden zu können, denn ihm war klar, dass die Hohenzollern die drei Bedingungen niemals erfüllen würden. In einem zweiten Prozess wurde er wegen der Teilnahme am Siegburger Zeughaussturm angeklagt. In seiner Verteidigungsrede legte er das mutige Bekenntnis ab: „Und weil ich Socialist bin, darum bin ich Demokrat…“ In diesem Prozess wurde er freigesprochen und anschließend in das Zuchthaus nach Spandau gebracht.
Während seiner Haft erlangte Kinkel eine beispiellose Popularität. Wenn von den Märtyrern der Revolution die Rede war, wurde er nicht selten in einem Atemzug mit Robert Blum genannt. Dazu hatte Johanna Kinkel in erheblichem Maße durch eine überregionale Solidaritätskampagne beigetragen. Porträts des inhaftierten, zu Zwangsarbeit verurteilten Kinkel wurden in allen deutschen Ländern verkauft, angeblich um damit den Lebensunterhalt seiner Familie zu finanzieren. Mit den so akquirierten Geldern aber plante Johanna Kinkel dessen Befreiung, die von Karl Schurz im November 1850 erfolgreich ins Werk gesetzt wurde. Dank dieser abenteuerlichen Tat wurden Kinkel und Schurz endgültig zu Ikonen der demokratischen Revolution.
Kinkel ließ sich anschließend wie tausende weiterer deutscher Exilanten in London nieder. Dort traf er zudem auf die führenden Revolutionäre weiterer europäischer Staaten. Man erwartete spätestens Ende 1852 den erfolgreichen Wiederausbruch der Revolution in ganz Europa. Da Kinkel nunmehr als Gallionsfigur der Revolution galt, fiel ihm die Aufgabe zu, in den USA bei den deutschstämmigen Emigranten für eine Nationalanleihe zu werben. Diese Gelder sollten später von der siegreichen Republik zurückgezahlt werden, zunächst aber dazu dienen, das revolutionäre Geschehen zu forcieren. So bereiste Kinkel die USA von September 1851 bis März 1852 mit dem Ziel 2 Millionen Dollar einzuwerben. Zunächst verbuchte er nennenswerte Anfangserfolge. So gelang es ihm, die Unterstützung Friedrich Heckers zu erlangen und vom amerikanischen Präsidenten Millard Fillmore als „Gesandter der künftigen deutschen Republik“ empfangen zu werden. Insgesamt gesehen aber scheiterte die Mission kläglich, denn der finanzielle Ertrag blieb mit ca. 10.000 Dollar weit hinter den Erwartungen zurück. Kinkel zog sich nun für einige Jahre von der Politik zurück.
In den 1860er Jahren begrüßte Kinkel zunächst die Bismarcksche Politik, da er fest davon überzeugt war, dass die Einheitsbestrebungen zwangsläufig zu republikanischen Verhältnissen führen würden. In den folgenden Jahren musste er jedoch erleben, dass er sich getäuscht hatte. Die Reichsgründung 1871 mit einem preußischen Monarchen an der Spitze eines Obrigkeitsstaates lehnte er ab. Bereits 1866 hatte er einen Ruf als Kunsthistoriker an das Züricher Polytechnikum erhalten und war mit seiner zweiten Frau Minna in die Schweiz übersiedelt. Enttäuscht nahm er 1875 die Schweizerische Staatsbürgerschaft an. Er betätigte sich nun in einem nicht parteigebundenen humanistischen Sinne, brachte jedoch seine Sympathien für die republikanische Bewegung und die junge Arbeiterbewegung offen zum Ausdruck. Als Kinkel im November 1882 zu Grabe getragen wurde, erlebte Zürich den bis dahin größten Leichenzug. In großer Zahl nahmen daran auch deutsche und schweizerische Sozialdemokraten teil.
Abschließend ein kurzer Exkurs zum Dichter Gottfried Kinkel. Seine frühen Gedichte und Versepen sind weitgehend unpolitisch und fanden möglicherweise deshalb bei einem biedermeierlich gesonnenen Publikum großen Beifall. Das Versepos Otto der Schütz, im renommierten Cotta-Verlag erschienen, erlebte immerhin über 90 Auflagen. Obwohl Kinkel vereinzelt in den 1840er Jahren und während der Revolution durchaus politische Gedichte verfasst hat, fällt sein Name in der Regel nicht, wenn in den einschlägigen Publikationen von den politischen Lyrikern des Vormärz und der Revolution die Rede ist. Dies ist darauf zurückzuführen, dass in der 1843 erschienenen Gedichtsammlung noch keine politischen Gedichte enthalten sind. Zwar wurden in deren zweite Auflage einige politische Gedichte aufgenommen, doch in einer derart entschärften Form, dass sie ihre Wirkung kaum entfalten konnten. Johanna Kinkel, die für diese Zusammenstellung verantwortlich zeichnete, achtete peinlich darauf, dass diese ihrem zum Zeitpunkt des Erscheinens noch inhaftierten Mann nicht schadeten. So blieb Kinkels politische Lyrik zunächst entweder ungedruckt, erschien an entlegenen Orten oder in verstümmelter Form. Als Kinkel diese Werke 1868 und 1872 zusammenstellte und zum Teil erstmals publizierte, blieben sie wirkungslos, da nach dem Scheitern der Revolution kein Interesse an Tendenzpoesie mehr bestand.
Im Laufe seines Lebens hat sich Kinkel vom ursprünglich völlig unpolitischen Theologen zum Republikaner und reformistischen „Socialisten“ gewandelt. Gegen Ende der Revolution hatte er sich einiges Ansehen auch über das Rheinland hinaus erarbeitet, ohne doch zu den theoretischen Köpfen der Revolution 1848/49 zu gehören. Seine unglaubliche Popularität bei den Zeitgenossen verdankt er in erster Linie der abenteuerlichen Befreiung, die den düpierten preußischen König dazu veranlasste, den Kölner Kommunistenprozess inszenieren zu lassen. Dennoch hatte Gottfried Kinkel während und unmittelbar nach der Revolution erheblich größere Bedeutung, als ihm in der Geschichtsschreibung und im kollektiven Gedächtnis heute zugebilligt wird.
Wir fordern alle Erdengaben,
Nur um den Himmel winselt ihr –
Den Himmel sollt ihr künftig haben,
Allein die Erde nehmen Wir!
Laut jubeln hör’ ich alle Leute,
Die Glocken hallen weit durch’s Land;
Der König, wisst, besucht uns heute,
Drum freuen alle sich der Beute,
Die ihnen heut ward zugewandt.
O eilt und strömt ihm rasch entgegen,
Sie sagen ja, er sei so gut!
Von seiner Ferse träufelt Segen,
Von seiner Hand ein goldner Regen,
Auch Ordensband und Federhut.
Ihm jauchzt mit Recht der Feuerwerker,
Ihm brachte ja sein Pulver Geld.
Der Maler schmückt Altan und Erker,
Und selbst der Färber pustet stärker,
Manch buntes Fähnchen ward bestellt.
Die junge Dame mag sich freuen!
Der geizige Onkel wird splendid;
Er lässt es heut sich nicht gereuen,
Er lässt ihr Kleid und Band erneuen,
Dass sie geputzt zum Fürsten tritt.
Und warum will mein Herz nicht schlagen,
Des Dichters Herz, sonst voll und warm?
Nicht ists mehr wie in alten Tagen,
Und will die Welt zu Festen jagen
Braucht sie den Dichter nicht im Schwarm.
Doch nicht undankbar will ich scheinen!
Man pflasterte den kot’gen Weg
Vor meiner Tür mit neuen Steinen –
Ich will dem Jubel mich vereinen:
Dir, König, dank’ ich saubern Steg.
Stets nur treu und stets loyal,
Und vor Allem stets zufrieden,
So hat Gott es mir beschieden,
Folglich bleibt mir keine Wahl.
Ob des Staates alten Karren
Weise lenken oder Narren,
Dieses geht mich gar nichts an,
Denn ich bin ein Unterthan.
Und ein Prinzipienkampf, ein wahrer und wahrhaftiger ist es, um den wir fechten, um den wir dulden. Nicht um Formen des Staates handelt es sich, sondern um das ganze Leben und Lebensglück der Menschheit – um blendende Stichwörter eines Theaterstückes nicht, sondern um die heilige tiefinnerste Wahrheit. (…) dieser Kampf ist kein politischer, sondern ein sozialer; nicht unser Kopf allein arbeitet ihn durch, sondern in unendlich höherem Maße unser Herz. Dies gibt wieder der ganzen Weltlage eine Ähnlichkeit mit der Kampfepoche des jungen christlichen Glaubens, und verleiht uns eine Begeisterung, welcher der Sieg gewiss ist.
Die politische Frage bezieht sich auf die Verteilung der Macht im Staate, die soziale auf die Verteilung des Eigentums, der Güter und Genüsse des Lebens. Jedermann sieht, dass die letztere unendlich höhere Bedeutung hat als die erstere. Wir arbeiten nur deshalb als Politiker, weil wir Sozialisten sind.
Die Eigentumsverhältnisse haben sich im Lauf der Jahrhunderte, am stärksten aber in den letzten 50 Jahren, auf das Merkwürdigste umgestaltet. Die Reihenfolge dieser Umgestaltungen lehrt uns jetzt die geschichtliche Betrachtung ganz mit der Klarheit und Sicherheit überschauen, mit der ein kundiger Arzt eine Krankheitsgeschichte schreibt. Das furchtbare Resultat liegt vor unser aller Augen da: die Mutter Erde, obwohl ihr Schoß jetzt fruchtbarer ist, als je, nährt ihre Kinder nicht alle mehr; während der eine das Korn aufspeichert, mangelt dem andern das Brot. Die Ungleichheit in der Verteilung der Erdengüter war niemals größer, als heute.
Diese Ungleichheit aufzuheben, der Kraft und dem Talent den Erwerb, der Arbeit Lohn und Brot zu sichern, das moderne Sklaventum und die Rechtlosigkeit des Hungers zu vernichten – das ist unser Wille, dafür streiten wir.
(…) Der Demokrat hat jetzt Zeit, die Leute mit dem Wesen des Sozialismus bekannt zu machen, die Vorurteile gegen die Staatsform der Zukunft zu zerstreuen, und so auf dem Wege der Erkenntnis genau das Ideal aufzustellen, das wir, sobald es erst mit völlig klarem Bewusstsein von der Menge aufgefasst ist, hernach mit der leichtesten Mühe von der Welt in die Tat umsetzen werden.
Hier geht’s vortrefflich, und wie in England der Geist des Landes wider mich war, (notwendig, weil einer kirchlichen, konservativen und aristokratischen Gesellschaft ich als Freidenker, Republikaner und Sozialist entgegenstand) so geht hier die Strömung mit mir.
Lieber Gott auf dem Himmelsthrone,
Ei wie kannst du behaglich ruhn,
Denn der Teufel, in harter Frohne,
Muss dir im Schweiß die Arbeit tun.
Schleswig-Holsteins, das ihr verrietet,
Nehmt ihr euch nun in Waffen an;
Und wer dieses Geschenk uns bietet,
Vive le diable! Ist auch unser Mann.
Als wir Deutschland zu einen gedachten,
Schlugt ihr uns tapfer die Köpfe ein;
Und nun müsst ihr in böhmischen Schlachten
Unsres Gedankens Vollzieher sein.
Schmissen wir nieder die winzigen Thrönchen,
Kamt ihr, und schraubtet sie wieder fest;
Und nun jagt ihr die Muttersöhnchen
Selbst uns hinaus aus dem warmen Nest.
Achte der Kegel bringt ihr zu Falle
Und der König steht noch allein;
Nun so wird der König für Alle
Einziges Ziel des Wurfes sein.
Heut auf unsres Gedankens Herde
Schmieden wir lustig die Republik,
Und ihr ruft ihr selber das Werde
Mit der pfiffigsten Politik.
Was wir verlangt, für jeden die Stimme
Gebt ihr, und hofft, die Massen sind dumm.
Armut und Arbeit, in ihrem Grimme,
Wähnt ihr, sie bleiben gefügig und stumm?
All das Volk in der Waffenehre
Wollten wir üben zum Kriegesspiel:
Ihr verteilt nun Nadelgewehre,
Und ihr werdet ihr letztes Ziel!
Handwerk, errette Dich! oder Was soll der deutsche Handwerker fordern und thun, um seinen Stand zu bessern? Bonn: Sulzbach 1848.
An die Urwähler aus der Arbeiterklasse. In: Spartacus. Wochenzeitung für sociale Fragen. Nr. 3, 22. Januar 1849.
Erzählungen. Stuttgart: Cotta 1849.
Muth! In: Neue Bonner Zeitung. Nr. 1, 2. Januar 1849.
Das erste Auftreten des Socialismus in der Malerei. In: Deutsche Monatsschrift für Politik, Wissenschaft, Kunst und Leben (Stuttgart). 1. Jg. 7. Heft, Juli 1850, S. 51-68.
Gedichte. Zweite Sammlung. Stuttgart: Cotta 1868.
Gedichte. Erste Sammlung. 7. Aufl. Stuttgart: Cotta 1872
Selbstbiographie 1838-1848. Hrsg. v. Richard Sander. Bonn: Cohen 1931.
„Liebe treue Johanna!“ „Liebster Gottit!“ Der Briefwechsel zwischen Gottfried und Johanna Kinkel 1840–1858. Bearb. von Monica Klaus, Band 1–3. Stadt Bonn 2008.
Beyrodt, Wolfgang: Gottfried Kinkel als Kunsthistoriker. Darstellung und Briefwechsel. Diss. Bonn: Röhrscheid 1979.
Ennen, Edith: Gottfried Kinkel (1815-1882). In: Strutz, Edmund (Hrsg.): Rheinische Lebensbilder. 1. Bd. Düsseldorf: Rheinland Verlag 1961, S. 168-188.
Jonge, Alfred R.: Gottfried Kinkel as political and social thinker. Diss. New York: Columbia University Press 1926. Reprint: New York: Ams Press 1966.
Rösch-Sondermann, Hermann: Gottfried Kinkel als Ästhetiker, Politiker und Dichter. Diss. Bonn: Röhrscheid 1982. Neu formatierte, mit Registern versehene digitale Ausgabe Bonn: 2021.
Rösch, Hermann: Gottfried Kinkel, Dichter und Demokrat. Edition Lempertz, Königswinter 2006.
Rösch, Hermann: „...ich als Freidenker, Republikaner und Socialist...“. Gottfried Kinkel - Porträt eines Nonkonformisten. Festrede gehalten aus Anlass des 200. Geburtstages von Gottfried Kinkel am 11. August 2015 in der alten Evangelischen Kirche Bonn-Oberkassel. Bonn: Großjohann 2016.
Rösch, Hermann: Revolutionsgedichte aus der Gefängniszelle. Ein denkwürdiges Zeugnis für Gottfried Kinkels ungebrochen demokratisch-revolutionäre Gesinnung während der Haft 1849/50. In: Bonner Geschichtsblätter. 72, 2024, S. 153-187.
Walcher, Bernhard: Vormärz im Rheinland. Nation und Geschichte in Gottfried Kinkels literarischem Werk. Berlin, New York: de Gruyter 2010.
Wir nutzen Cookies und ähnliche Technologien, um Geräteinformationen zu speichern und auszuwerten. Mit deiner Zustimmung verarbeiten wir Daten wie Surfverhalten oder eindeutige IDs. Ohne Zustimmung können einige Funktionen eingeschränkt sein.