JOHANNA KINKEL
Dieser Beitrag wurde von Hermann Rösch erstellt.
Abb.: Stadtmuseum Bonn.
Johanna Kinkel, geb. Mockel machte schon in jungen Jahren als Musikerin von sich reden. Ihre Kompositionen wurden von Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schuman gelobt. Eine frühe Ehe scheiterte binnen kurzem. 1836 zog sie für mehrere Jahre nach Berlin, wo sie die Bekanntschaft Bettina von Arnims und vieler Persönlichkeiten des geistigen Berlins machte. 1839 kehrte sie ins Rheinland zurück, um ihren Scheidungsprozess zum Abschluss zu bringen. Dort lernte sie Gottfried Kinkel kennen, mit dem sie 1840 einen Dichterbund namens „Maikäfer“ gründete. Nachdem sich zwischen beiden eine Liebesbeziehung entwickelt hatte, reagierten Kirche und Öffentlichkeit empört auf die Verbindung zwischen der geschiedenen Katholikin und dem protestantischen Theologen. Die beiden hielten aneinander fest und heirateten. Die Reaktionen auf ihre Heirat beschleunigten ihre Entfremdung vom christlichen Glauben und ihre Annäherung an die liberale Opposition. Während der Revolution 1848/49 fand sich auch Johanna Kinkel im Lager der radikalen Demokraten; 1849 übernahm sie zeitweise die Chefredaktion der Neuen Bonner Zeitung. Nach der Gefangennahme ihres Mannes im Rahmen der Reichsverfassungskampagne entwarf sie den Plan zu dessen Befreiung, der von Karl Schurz verwirklicht wurde. 1851 ließ sie sich mit ihrer Familie in London nieder. Dort setzte sie sich für mittellose Mitemigranten ein und wirkte als Klavier- und Gesangslehrerin. Schon Mitte der 1850er Jahre erkrankte sie ernsthaft. Im November 1858 starb sie nach einem Sturz aus dem Fenster im Alter von 48 Jahren.
Johanna Kinkel geb. Mockel kam am 8. Juli 1810 in Bonn als Tochter eines Gymnasiallehrers zur Welt
Übernahme der Leitung des Gesangvereins von Franz Anton Ries.
Heirat mit dem Kölner Musikalienhändler Johann Paul Mathieux; Rückkehr ins Elternahus Anfang 1833.
Bekanntschaft mit Felix Mendelssohn Bartholdy und Übersiedlung nach Berlin. Dort Aufnahme im Hause Bettina von Arnims.
Rückkehr nach Bonn und Bekanntschaft mit Gottfried Kinkel; erneut Leitung des Gesangvereins und Tätigkeit als Klavier- und Gesangslehrerin.
Scheidung von Mathieux; Gründung des Dichterbundes “Der Maikäfer” gemeinsam mit Kinkel. Kahnunglück und Beginn der Liebesbeziehung mit Kinkel.
Heirat mit Gottfried Kinkel.
Geburt von vier gemeinsamen Kindern.
Aktive Teilnahme an der Revolution; 1849 Übernahme der Chefredaktion der Neuen Bonner Zeitung und der Wochenbeilage Spartacus.
Solidaritätskampagne für ihren inhaftierten Mann und Planung der Befreiungsaktion durch Karl Schurz.
Übersiedlung ins Exil nach London; Arbeit als Klavier- und Gesangslehrerin; musikwissenschaftliche Vorträge und Publikationen.
Tod im Alter von 48 Jahren am 15. November 1858 nach einem Sturz aus dem Fenster.
Hermann Rösch
„Ich wünsche Dir noch viele Jahre nach Errichtung der deutschen Republik zu leben.“ Mit diesen Worten gratulierte Johanna Kinkel ihrem Vater im November 1851 zum 70. Geburtstag. Sie konnte freilich nicht ahnen, dass die erste deutsche Republik erst ziemlich genau 60 Jahre nach ihrem eigenen Todestag (15. November 1858) ausgerufen werden würde. Zur Republikanerin war die bekennende Rheinländerin 1848 geworden und diesem Staatsideal bis an ihr Lebensende treu geblieben.
Geboren wurde sie am 8. Juli 1810 in Bonn. Ihr Vater war Lehrer am dortigen Gymnasium. Die Atmosphäre im Elternhaus aber bestimmten ihre Mutter und ihre Großmutter, die sie in einem strengen konservativ-katholischen Sinn erzogen und sie drängten, die Rollenerwartungen einer gebildeten, bürgerlichen Hausfrau zu erfüllen. Als die 15jährige darum bat, die Musik zu ihrem Beruf zu machen, ergriffen die Eltern erschrocken Gegenmaßnahmen und schickten sie gegen ihren Willen in eine Nähschule und in ein Hotel, um Kochen zu lernen. Johanna aber bewies schon damals, dass sie über große Durchsetzungskraft und ausgeprägte Hartnäckigkeit verfügte. Schließlich setzte sie sich durch und wurde zur Schülerin des renommierten Musikers Franz Anton Ries, der schon den jungen Beethoven unterrichtet hatte.
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Ries war von Johannas Talenten so angetan, dass er ihr 1829 die Leitung seines Gesangvereins anvertraute. Damit war die 19jährige als Chorleiterin und Dirigentin in eine rein männliche Domäne vorgedrungen. Doch empfand sie die Skepsis der Eltern weiterhin als Hemmnis. Um diesem Klima zu entfliehen, heiratete sie 1832 überstürzt den Kölner Musikalienhändler und Druckereibesitzer Johann Paul Mathieux, der sie erst recht auf die Rolle der bürgerlichen Ehefrau festlegen wollte. Die Ehe scheiterte schon nach wenigen Monaten. Rückblickend schrieb Johanna: „Ich war nicht gezwungen, nicht überredet und handelte dennoch unter fremdem Einfluß. Meine Heirat ist die Geschichte von Tausenden meiner Schwestern und das notwendige Resultat unserer sozialen Zustände. Unzählige Frauen gehen an ähnlichen Verhältnissen zugrunde…“
Zurück in Bonn setzte Johann Kinkel ihre Arbeit im Gesangverein fort, erteilte Klavier- und Gesangsunterricht und komponierte. Bald spürte sie, dass ihr das provinzielle Bonn künstlerisch nichts mehr zu bieten hatte. 1836 reiste sie nach Frankfurt, um dort den beinahe gleichaltrigen und bereits gefeierten Felix Mendelssohn Bartholdy kennenzulernen. Mendelssohn erkannte ihr Talent und zollte ihren Kompositionen wie auch ihrem Talent große Anerkennung.
Als Johanna Kinkel sich wenig später nach Berlin begab, führte sie Empfehlungsschreiben an Mendelssohns Schwestern Fanny Hensel und Rebekka Dirichlet, vor allem aber an Bettina von Arnim bei sich. Johanna beeindruckte die berühmte Salonniere nicht nur durch ihr musikalisches Können, sondern auch durch ihre Respektlosigkeit und ihre humorvolle Phantasie. Bettina engagierte sie als Klavierlehrerein ihrer Töchter und nahm sie in ihren Haushalt auf. In Bettinas Salon traf sie auf zahlreiche Vertreter des intellektuellen und künstlerischen Berlins. Dort lernte sie Clara Schumann ebenso kennen wie etwa die Familie des Philosophen Hegel, den Rechtsgelehrten Friedrich Carl von Savigny, Karl August Varnhagen von Ense, Adelbert von Chamisso, Joseph von Eichendorff, Emanuel Geibel und viele andere Persönlichkeiten aus Kunst, Wissenschaft und Politik. Ihren Lebensunterhalt bestritt sie durch Musikunterricht, bei Kapazitäten wie Karl Böhmer und Wilhelm Taubert studierte sie Generalbass und Klavier. Die Berliner Umgebung stimulierte ihre künstlerische Produktivität enorm. So vertonte sie Gedichte von Goethe, Heine, Chamisso, Geibel und anderen. Weitere Werke, u.a. Duette, Kantaten, eine komische Oper und Liederspiele entstanden. Robert Schumann befand Johannas Arbeiten immerhin „innigster Aufmerksamkeit würdig“.
Die Berliner Jahre (1836-1839) haben nicht nur zu Johanna Kinkels musikalischer Weiterentwicklung beigetragen, sondern ihr erste Einblicke in die damals in intellektuellen Kreisen heftig diskutierte Hegelsche Philosophie und liberale Gesellschaftstheorien vermittelt. Zu einer dezidiert politischen Haltung, geschweige denn einer oppositionellen ist es damals jedoch nicht gekommen. Keinen Hehl machte sie jedoch aus ihrer eher gefühlsmäßigen Abneigung gegen feudalen Dünkel und engstirniges Philistertum. Gerne provozierte sie durch „tollkühne Streiche“ und brachte so ihre durchgängig nonkonformistische Grundhaltung zum Ausdruck. Das hinderte sie freilich nicht daran, 1838 den ehrenvollen Auftrag anzunehmen, der Prinzessin und späteren Kaiserin Augusta, die Zeit durch Klavierspiel zu vertreiben, während diese vom Maler Karl Begas porträtiert wurde.
Etwa zur selben Zeit verliebte sich Johanna Kinkel in Georg Brentano, den erheblich älteren Bruder Bettina von Arnims. Einer festen Beziehung stand im Wege, dass Johanna noch immer formal verheiratet war und ihr Mann sich strikt weigerte, die vom Gesetz vorgeschriebene Einwilligung in die Scheidung zu geben. So beschloss sie Anfang 1839 nach Bonn zurückzukehren, um Mathieux umzustimmen. Nach quälenden Verhandlungen konnte die Scheidung im Mai 1840 endlich vollzogen werden.
Noch ganz im Banne des nervenaufreibenden Scheidungsprozesses erfuhr Johanna, dass sich der immerhin 64jährige Brentano unterdessen verlobt hatte. Zeitgleich begegnete sie auf einer Gesellschaft am 4. Mai 1839 einem jungen, in Bonner Kreisen angesehenen Theologiedozenten: Gottfried Kinkel. Johanna war, wie sie von sich sagt, zu diesem Zeitpunkt vom „Überdruß am Leben ganz zerrißen, auf dem Punkte eines völligen Zerfalls“. In der Außenwahrnehmung aber galt sie weiterhin als zwar talentierte, aber unbequeme, immer wieder aus der Rolle fallende Frau.
Die vom Leben zu diesem Zeitpunkt maßlos enttäuschte Musikerin traf also auf den damals recht unbedarften, bisweilen kecken protestantischen Theologen und ambitionierten Dichter. Beide spürten aufgrund gemeinsamer künstlerischer und literarischer Interessen sowie ihrer Distanz zum engstirnigen Philistertum eine starke gegenseitige Anziehung, die zunächst rein platonisch war. Dennoch entstand schon bald eifriges Getuschel unter den Bonner Kleinbürgern. Ein Skandal: Die in Scheidung lebende, katholische Femme scandaleuse und der verlobte protestantische Theologe! Für Irritation sorgte ferner, dass Gottfried Kinkel blendend aussah, die fünf Jahre ältere Johanna hingegen als wenig attraktiv galt.
Tatsächlich trafen sich die beiden immer häufiger. Im Juni 1840 gründeten sie einen Dichterkreis namens „Maikäfer“ und schufen so einen Anlass zur Verstetigung ihrer Zusammenkünfte. Wöchentlich zirkulierte unter den Mitgliedern ein Bogen Papier, in den jeder seine Lieder, Balladen, Erzählungen, Dramen und Anekdoten eintrug. „Zeitschrift für Nicht-Philister“ nannten die Maikäfer ihr handschriftliches Vereinsorgan im Untertitel. Anfangs diente der Maikäferverein tatsächlich als eine Art Schutzraum vor dem Bonner Spießbürgertum, das in zahlreichen Satiren mit Hohn und Spott übergossen wurde. Doch bald trat ambitionierteres literarisches Schaffen in den Vordergrund. Das ist auch zurückzuführen auf neue Mitglieder wie den Kunsthistoriker Jacob Burckhardt und den Dichter und Philologen Karl Simrock. Die von 1840 bis 1847 dauernde Maikäferzeit war trotz aller Anfeindungen und materiellen Schwierigkeiten die produktivste Phase der Schriftstellerin Johanna Kinkel. Sie steuerte vor allem Gedichte, Anekdoten, Erzählungen und literarische Karikaturen bei, in denen der Konflikt zwischen bornierten preußischen Besatzern und liberalen, gewitzten Rheinländern, das Aufbegehren gegen stockkatholische Bigotterie oder der Kontrast zwischen rheinisch-ländlicher Aufrichtigkeit und großbürgerlich-städtischer Heuchelei thematisiert werden. Bemerkenswert ist dabei der gekonnte Gebrauch des rheinischen Dialekts.
Aus ihrer ureigenen Erfahrungswelt stammen die Themen, die sie in den Erzählungen „Der Musikant“ und „Musikalische Orthodoxie“ aufgreift. Während es in der Dorfgeschichte „Der Musikant“ um die ambivalente gesellschaftliche Stellung des Musikers geht, bietet die „Musikalischen Orthodoxie“ auch musiksoziologisch und -ästhetisch reichhaltiges Material. Im Mittelpunkt steht eine junge Konzertpianistin, die gezwungen ist, ihren Lebensunterhalt durch den Vortrag geistloser Salonmusik auf den Gesellschaften moralisch und ästhetisch verkommener Adelsfamilien zu verdienen. Johanna Kinkel hat in den Stoff zahlreiche autobiographische Bezüge leicht verfremdet eingewoben: ihre vehemente Verachtung für zeitgenössische (Unterhaltungs-)Musik, die Schwierigkeiten, in den Salons als selbstbewusste Frau zu bestehen, die Abhängigkeit der Künstler von begüterten Adligen usw.
Eine Wende in der Beziehung zwischen Gottfried und Johanna Kinkel trat im September 1840 ein. Auf der Rückkehr von einem Ausflug kollidierte ihr Kahn mit einem Rheindampfer. Kinkel rettete die Nichtschwimmerin Johanna und angesichts des drohenden Todes gestanden sie sich ihre Liebe. Es dauerte jedoch noch einige Zeit, bis sie sich auch öffentlich als Paar bekannten. Kinkel löste seine Verlobung und verkündete seine Absicht, Johanna zu heiraten. Daraufhin schlug den beiden aus allen Richtungen Empörung entgegen. Kinkel verlor seine einträglichen Nebentätigkeiten als Prediger und Religionslehrer, die Fakultät stellte ihm ein Ultimatum: Entweder er löse die Verbindung mit dieser Frau oder er könne keinesfalls damit rechnen, eine Karriere als Theologieprofessor zu machen. Johanna wurde von Freunden geschmäht und verlor zumindest vorübergehend manche Klavier- und Gesangsschülerin.
Beide widerstanden dem äußeren Druck. Nachdem Johanna 1842 zum Protestantismus konvertiert und seit der Scheidung die gesetzlich vorgeschriebene Frist von drei Jahren verstrichen war, heirateten die beiden am 22. Mai 1843. Trauzeugen waren Jacob Burckhardt und Emanuel Geibel. Zwischen 1844 und 1848 gebar sie vier Kinder. Neben Gottfrieds Einkünften als Privatdozent und seinen Honoraren für journalistische Arbeiten trug Johannas Klavier- und Gesangsunterricht nicht wenig zum Lebensunterhalt bei. Diese Einkünfte erlaubten es, durchgehend zwei Dienstmädchen und eine Amme zu beschäftigen.
Die Repressalien durch Kirche, Gesellschaft und manche Freunde blieben nicht ohne Wirkung. Das Paar wandte sich mehr und mehr ab vom christlichen Glauben. Die christlichen Kirchen erschienen Johanna nur noch als bösartige Karikaturen ihres Gründers. So bekannte sie unter Berufung auf David Friedrich Strauß schon 1844: „Ich glaube an keinen Gott als an den heiligen Geist.“ Bis zu ihrem Tod blieb sie entschiedene Freidenkerin. Auch politisch gerieten Johanna und Gottfried Kinkel ins Lager der liberalen Opposition.
Kennzeichnend für diese Entwicklung ist die auch aus heutiger Sicht moderne Beziehung der Eheleute zueinander, die geprägt war von Gleichstellung und Partnerschaft. Beide pflegten den geistigen Austausch miteinander und führten Diskurse auf Augenhöhe. In politischen Grundsatzfragen stimmten sie absolut überein. Schon in den 1840er Jahren und erst recht nach Ausbruch der Revolution 1848 wurde Johanna Kinkel auch in der Öffentlichkeit als selbstständig denkende und handelnde Persönlichkeit wahrgenommen. Dies führte dazu, dass sie zur Femme fatale stilisiert und später verantwortlich gemacht wurde für Gottfried Kinkels Abwendung von der Religion und seine Entwicklung zum radikalen demokratischen Revolutionär. Johanna reagierte darauf mit stoischer Gelassenheit: „Ich bin eben wie ich bin, ein Gegenstand des Abscheus für Mucker.“
Bei Ausbruch der Revolution im März 1848 waren Johanna und Gottfried Kinkel noch davon überzeugt, dass die von ihnen geforderten Reformen im Rahmen einer konstitutionellen Monarchie realisierbar seien. Aber schon bald setzte ein rascher Radikalisierungsprozess bei beiden ein. So fanden sie sich schon im Sommer 1848 im Lager der entschiedenen Linken, bezeichneten sich als „rothe Republikaner“, die nicht nur für Republik, Demokratie und nationale Einheit streiten, sondern auch für Sozialismus. Johanna hatte daran wesentlichen Anteil. Gottfried Kinkel räumte später ein: „…ohne dich wäre ich ein jämmerlicher Paulskirchner geworden, wie das andre Pack aus Bonn vielleicht, ohne die Kraft, zur offenen Revolution vorzugehen…“
Unterdessen war Gottfried nicht nur als Wortführer und Vorsitzender der Bonner Demokraten hervorgetreten, sondern wirkte auch als Chefredakteur der radikalen „(Neuen) Bonner Zeitung“ und ihres Beiblattes „Spartakus“. Johanna unterstützte dieses Engagement nach Kräften u.a. durch Beiträge für die Zeitung und das von ihr gedichtete und vertonte „Demokratenlied“. Nachdem ihr Mann Anfang 1849 zum Abgeordneten des preußischen Landtags in Berlin gewählt worden war, ermahnte sie ihn, seinen revolutionären Grundsätzen treu zu bleiben: „Mein Glück und meine Liebe würden den unheilbarsten Stoß erleiden, wenn du je mit der Partei der Ungerechtigkeit eine Versöhnung eingingest.“
Johanna Kinkels Ruf als standfeste Revolutionärin hatte sich auch in Köln herumgesprochen. Karl Marx suchte sie als Übersetzerin englischer Artikel für seine „Neue Rheinische Zeitung“ zu gewinnen. Dazu ist es jedoch nicht gekommen, da sich die Ereignisse überschlugen. Während der Abwesenheit ihres Mannes ab Februar unterstützte sie den jungen Karl Schurz bei der Redaktion der „Neuen Bonner Zeitung“. Nachdem das Berliner Parlament schon Ende April 1849 aufgelöst worden war, begaben sich Kinkel und Schurz in die Pfalz, um die dortige Revolutionsregierung zu unterstützen. Gottfried Kinkel kämpfte schließlich als Freischärler in der Reichsverfassungskampagne und geriet Ende Juni bei Rastatt in preußische Gefangenschaft. Während dieser Monate übernahm Johanna Kinkel die Chefredaktion der „Neuen Bonner Zeitung“. Stolz verkündete sie: „Das rothe Fähnlein unserer Zeitung flattert noch.“ Und: „Vielleicht noch eine kurze Frist und wir haben den Sieg. Alle freie Zeit gehört jetzt dem Blatte.“ Gleichzeitig war sie üblen Schmähungen ausgesetzt. So wurde in Bonn das Gerücht verbreitet, sie habe bei einem Schreiner bereits den Bau einer Guillotine in Auftrag gegeben.
Mit Gottfried Kinkels Gefangennahme brach großes Unheil auch über seine Familie herein. Die Reaktion forderte lauthals seinen Tod. Johanna setzte unverzüglich alle Hebel in Bewegung, um das Leben ihres Mannes zu retten und ein mildes Urteil zu erwirken. Dank einer überregionalen Solidaritätskampagne gelang es, ein Todesurteil abzuwenden. Dennoch wurde Kinkel zu lebenslänglicher Festungshaft verurteilt und in Naugard, später in Spandau inhaftiert. In einer weiteren von Johanna und Bonner Parteifreunden organisierten Kampagne wurden Spenden für den Unterhalt der Familie gesammelt. Tatsächlich nutzte Johanna dieses Geld klug, um damit Gottfrieds Befreiung aus dem Zuchthaus Spandau zu planen und zu finanzieren. Durch die geschickte Verwendung eines Geheimkodes in der Korrespondenz gelang es ihr, ihren Mann über den Stand der Vorbereitungen zu unterrichten. In Karl Schurz fand sie einen kongenialen Mitverschwörer, dem die Befreiung in einem abenteuerlichen Streich am 6. November 1850 glückte. Während Kinkels Haft versicherte sie brieflich immer wieder, dass sie die vier Kinder im Sinne der gemeinsamen Ideale erziehe: „Ich will dir mein Wort halten und die Kinder zu guten Republikanern erziehen.“ Als Beispiel führt sie an, dass der knapp fünfjährige älteste Sohn Gottfried die „deutsche Fahne“ genommen und geschrien habe: „Es lebe die Freiheit!“
Im Januar 1851 verließ sie Bonn mit den vier Kindern, um sich mit ihrem Mann in London niederzulassen. Dort forderten die politischen Emigranten nun ihren Preis für die gebotene Solidarität. Gottfried Kinkel wurde aufgefordert, auf einer Agitationsreise durch die USA bei den deutschstämmigen Einwohnern Gelder zu akquirieren, mit denen dem in Kürze erwarteten Wiederaufflackern der Revolution zum Durchbruch verholfen werden sollte. Zunächst halb gezwungen, dann voller Enthusiasmus begann er im September 1851 seine sechsmonatige Mission. Johanna mobilisierte noch einmal ihre letzten Kräfte, um diese erneute Trennung durchzustehen. Sie eröffnete eine Kindergesangsschule, ein wenig trug auch „die Partei“ zu ihrem Lebensunterhalt bei.
Nach Gottfried Kinkels Rückkehr zogen sich beide während der folgenden Jahre von der politischen Bühne zurück. Sie diagnostizierte nun eine Zeit des Wartens und kritisierte gleichzeitig das Imponiergehabe männlicher Revolutionäre, die regelmäßig neue Proklamationen in die Welt setzen, nur um nicht vergessen zu werden. Unter großen Entbehrungen bauten sie sich eine neue Existenz als Lehrer auf, was manche Mit-Emigranten als Verrat an den revolutionären Zielen werteten. Dennoch erwarteten zahlreiche Schicksalsgenossen von den prominenten Parteigenossen finanzielle Unterstützung und Hilfe. Ihr Haus sei fast zum „Commissionsbureau arbeitssuchender Flüchtlinge geworden“, klagte Johanna, die in der Rolle der „Emigrantenmutter“ eine regelmäßige Sprechstunde anbot. Die Eindrücke der ersten Londoner Jahre hat sie in dem postum veröffentlichten Roman „Hans Ibeles in London. Ein Familienbild aus dem Flüchtlingsleben“ verarbeitet, der unter vielerlei Aspekten interessant ist. Wichtige Themen sind in dem über manche Passagen essayistisch angelegten Werk die Emanzipation der Frauen, die Bedeutung von Partnerschaft und Gleichberechtigung in der Ehe, die Rolle der Kunst bzw. der Künstler im Kapitalismus, die Realitätsverweigerung vieler Emigranten, die Ausbeutung der Hauslehrerinnen, aber auch der Kontrast zwischen der Millionenstadt mit ihrem „kleistermäßig dicken“ Nebel und dem naturverbundenen Landleben. Während der Londoner Jahre verfasste Johanna Kinkel darüber hinaus musikpädagogische und musikwissenschaftliche Arbeiten. Darin beschäftigte sie sich insbesondere mit Chopin, Mozart, Beethoven und Mendelssohn.
Durch Johanna und Gottfrieds enormes Arbeitspensum gelang es der Familie, zu einigem Wohlstand zu kommen. Doch waren die physischen und psychischen Belastungen der vergangenen Jahre nicht spurlos an Johanna vorüber gegangen. Immer häufiger war sie ans Bett gefesselt, im November 1856 erlitt sie einen Herzinfarkt. Wie sehr beide trotz politischer Abstinenz in der Öffentlichkeit ihren Idealen verhaftet blieben, geht aus einer brieflichen Ermunterung hervor, die Gottfried während ihrer Erkrankung an seine Frau sandte: „Vor uns liegt auch die Revolution. Stirb nicht, bis über Deutschland die rote Fahne flattert. Muth, Republikanerin! Muth, du großes, stolzes Herz.“
Die zusehends alternde Johanna litt auch darunter, dass ihr fünf Jahre jüngerer Mann auf seinen Vortragsreisen im Rampenlicht der Öffentlichkeit stand und seine Popularität auskostete. Das führte gelegentlich zu Verstimmungen, doch scheint die Ehe im Wesentlichen glücklich gewesen zu sein. Im Oktober 1857 schrieb sie: „Es geht uns jetzt besser und besser. Auch die Art der Arbeit wird würdiger (…). Unser Haus ist jetzt so lustig.“ In ihrem Tagebuch findet sich am 8. Juli 1858, ihrem Geburtstag, der Eintrag: „48 Jahr alt geworden, glücklich und vielgeliebt.“
Am 15. November 1858 starb Johanna Kinkel im Alter von 48 Jahren nach einem Sturz aus dem Fenster des dritten Stocks ihres Londoner Wohnhauses. Sechs Tage zuvor hatte sie an Karl Schurz geschrieben: „Ich bin wieder obenauf, von allerlei gefährlichen Zuständen glücklich hergestellt, muß mich aber in Acht nehmen. (…) Seit ich wieder ordentlich lese, und auch hier und da etwas schreibe, lebe ich innerlich auf und finde mich wieder.“ Nach der Darstellung ihrer Freunde und der Familie hatte sie gegen 14.30 ihr Krankenlager verlassen und war infolge eines Herzkrampfs ans Fenster getreten, um frische Luft zu schöpfen. Dabei soll sie das Gleichgewicht verloren haben und in die Tiefe gestürzt sein. Bei der gerichtlich angeordneten Obduktion wurde eine abnorme Vergrößerung des Herzens festgestellt. Ob ihr Tod auf einen Unfall, wofür manches spricht, oder einen Suizid, wofür ebenfalls manches spricht, zurückzuführen ist, kann heute nicht mehr entschieden werden. Ferdinand Freiligrath, Freund aus Bonner Tagen und Mit-Emigrant in London gab seiner Bestürzung über ihren Tod in dem Gedicht „Nach Johanna Kinkels Begräbnis“ Ausdruck. Darin heißt es u.a.:
Wir senken in die Gruft dich ein,
Wie einen Kampfgenossen;
Du liegst auf diesem fremden Rain,
Wie jäh vom Feind erschossen;
Ein Schlachtfeld auch ist das Exil, –
Und hier bist du gefallen,
In Deinem Aug‘ das eine Ziel,
Das Eine mit uns allen!
…daß es unmöglich bloß das Privilegium des Mannes sein könne, den Beruf, den er sich einmal erwählt, als das wichtigste anzusehen und seiner Kunst oder Wissenschaft die Familienrücksichten unterzuordnen. Ich, wenn schon Frau, habe wenig Freude vom Häuslichen gehabt, nur Druck und Tyrannei. Mein halbes Leben ist verkümmert worden, den Rest will ich der eigenen Neigung preisgeben.
…und in dem Maße, wie mein Glauben an die Unfehlbarkeit fremder Autoritäten sich verminderte, wuchs die (wohlgemeinte) Tyrannei der Erziehenden. Die Hoffnung, mich diesem geistigen Irrwege zu entziehen, vermochte mich zum Teil zu einer Heirat, die ich (von vielen Seiten überredet) gegen meine Ueberzeugung schloß, nicht wie man ein freudiges Liebesbündnis eingeht, sondern wie man zu bestimmter Zeit etwa ein Amt antritt, weil es so hergebracht.
Ich halte Christum nur für einen natürlich erzeugten und geborenen Menschen, aber für den trefflichsten, der je gelebt hat. (…) Der Dr. Strauss erscheint mir gescheidter als die Synoptiker, er überzeugt mich mit stichhaltigen Gründen, daß die Synoptiker sich häufig geirrt haben, und ich kann nicht eine Sünde begehen, wenn ich hier das annehme, was mir das wahrscheinlichste ist. (…) Doch leider hat uns die Kirche nicht dieses ideale, mütterlich lächelnde Antlitz gezeigt, sondern all ihre Anmaßung, Heuchelei, die Widerwärtigkeit des Hochmuths, mit der sie in der Geschichte von jeher um ihrer Macht willen das Schönste geopfert hat. Diese Kirche ist die Karrikatur ihres Stifters. Kann ich den Stifter ohne sie erfassen, oder nur mit der unsichtbaren Kirche, die aus den gleichgesinnten Geistern besteht, warum soll ich den Schlamm und Schutt mit fortschleppen, der sich angehängt hat? (…) Ihre Meinung, ich vertheidigte den Atheismus, beruht auf einem Misverständnis. Ich bete einen unsichtbaren, unbekannten, hohen Schöpfergeist an, aber verwechsle ihn nicht mit dem mythischen Gott des alten Testaments, der im neuen nach Art des Zeus eine Erdenjungfrau freit und einen menschlichen Sohn hat. Das krampfhafte Festhalten an diesen Fabeln scheint mir die Ausbreitung des Christenthums am meisten zu hindern.
Ils viennent jusque dans vos bras
Egorger vos fils, vos compagnes.
Genug der Schmähung habt Ihr uns geboten,
Der Lüge und des Hohnes nur zu viel!
Nicht schürten wir den Haß den blutigrothen,
Die Menschlichkeit war unsres Kampfes Ziel!
Schaut, ob Ihr unser Recht
Und unsre Wehr zerbrecht —
Heran, heran, heran Demokratie!
Dran auf die rothe Monarchie!
Wer trägt des Blutes Zeichen am Gewande?
Wem sprüht der Bürgerhaß aus giftgem Blick?
Wer küßt den Staub von eines Thrones Rande
Und zittert vor dem Namen Republik?
Schaut, ob Ihr unser Recht
Und unsre Wehr zerbrecht —
Heran, heran, heran Demokratie!
Dran auf die rothe Monarchie!
Und Ihr, die mit der Fülle Eures Goldes,
Mit süßem Wein und süßrer Schmeichelei
Jetzt kirrt die Knechte des Tyrannen-Soldes,
Es gilt auch Euch der Freiheit Racheschrei!
Schaut, ob Ihr unser Recht
Und unsre Wehr zerbrecht —
Heran, heran, heran Demokratie!
Dran auf die rothe Monarchie!
Droht nur dem freien Mann mit Kerkermauern,
Wenn tückisch Ihr die Waffen erst geraubt,
Erfüllt der Mütter Herz mit Todesschauern,
Begehrt als Geißel unsrer Kinder Haupt —
Schaut, ob Ihr unser Recht
Und unsre Wehr zerbrecht —
Heran, heran, heran Demokratie!
Dran auf die rothe Monarchie!
O Freiheit, die der Arme sich erkoren,
Ob all sein Gut in Schutt und Trümmer sank,
Wir grüßen dich, wenn nur zu unsern Ohren
Im Tod der Name »Republik« erklang!
Schaut, ob Ihr unser Recht
Und unsre Wehr zerbrecht!
Heran, heran, heran Demokratie!
Dran auf die rothe Monarchie!
Heut zieht der Vater auf die Wacht
und schirmt das Vaterland die ganze Nacht.
In fester Hand hält er das Bajonett
derweil die Mutter liegt im warmen Bett.
Jetzt sitz ich gern noch auf dem Schoos,
doch das wird anders bin ich einmal groß,
dann schwing‘ ich hoch die Fahne schwarzgoldroth
und für die Freiheit geh‘ ich in den Tod.
Die verbündeten Damen gingen von Haus zu Haus und warben mit den eindringlichsten Zureden die wenigen mir treu gebliebenen Schülerinnen, sich dem Complott anzuschließen. Sie brauchten starke Hebel; unter andern Nichtswürdigkeiten, die sie mir aufbürdeten, finde ich besonders raffinirt eine Erfindung, womit sie mich für leichtgläubige Leute zu einem Gegenstand des Grauens und Entsetzens machten. Diese wirklich geniale Nachrede lautet also: „Der constitutionelle Verein hat schon einen Preis darauf ausgesetzt, um denjenigen Schreiner herauszubringen, welcher die von Frau K. gezeichnete und bestellt Guillotine verfertigt hat.“
Was schaut ihr, Kindlein, traurig zu mir auf,
und fragt: warum der Mutter Thränen rollen?
Hemmt nicht mit süßem Schmeicheln ihren Lauf,
der aus der Seele quillt, der schmerzenvollen.
Der Vater, den wir lieben treu und rein,
er weilt gefangen auf dem hohen Thurme,
und lauscht durch sein vergittert‘ Fensterlein
dem fernen Schlachtendonner und dem Sturme.
Er kämpfte für die deutsche Republik –
prophetisch sah sein Aug‘ die Zukunft tagen;
zur Freiheit hingewandt den kühnen Blick,
nicht nach der Zahl der Feinde mocht‘ er fragen.
Es färbt‘ sein edles Blut den Boden roth,
er sank, doch hielt die Hand noch die Muskete:
o darum nur verschont‘ ihn früher Tod,
daß er des Kerkers öden Raum betrete.
Ihr stolzen Sieger, ehrt den tapfern Feind,
der bis zum Tod getreu blieb seiner Fahne,
deß Lippe nie mit falschem Hauch verneint,
was still sein Herz beschloß im heil‘gen Wahne.
Doch wir verhüllen wehmuthsvoll das Haupt,
und beugen uns dem düstern Schicksalsspruche.
Noch grünt die Hoffnung, weh, wenn sie entlaubt,
dann wird die Welt, das Leben uns zum Fluche.
…wenn je auf Erden ein Krieg berechtigt war, so ist es der Kampf des Bedürfnisses gegen den Überfluß, der Arbeit gegen den Müssiggang.
Ich glaube an keinen Gott, als an den heiligen Geist. So gut wie die Heiligen, die das Menschenvolk von jeher vergöttert hat, ist mein Mann auch, und ich sehe gar nicht ein, warum ich ihn nicht vergöttern soll. (…) Die Armen sind der Gegenstand seiner Sorgen, seiner warmen Liebe.
Die alte Weltordnung ist ja noch in Kraft, daß das Allerherabziehendste in die Wagschale der Frau geworfen ist. Dagegen giebt es kein Mittel, als eine total andre sociale Einrichtung, wo nicht die Tätigkeiten als männliche u. weibliche Arbeiten verteilt sind, sondern den intellektuellen u. handarbeitende Menschen, die Geschäfte nach angeborner Neigung zugewiesen werden.
Sie werden es sehen, an der Frauenemancipation kommen wir nicht vorbei, und daß eine Frau frei sein will, das macht sie nicht gefährlicher. Es kömmt nur darauf an, wie sie ihre Freiheit anzuwenden hofft. Bisher ekelten uns die Emancipirten an, weil nur diejenigen sich vordrängten, die für ihre persönlichen Launen Zügellosigkeit verlangten. Sind sie erst Alle emancipirt, so treten die ernsten Naturen in den Vordergrund, die nach einem höhern Pflichtenkreis trachten.
Nachdem ich das nothdürftigste von weiblicher Bildung in der Schule erhalten hatte, wurde ich zu weiblichen Arbeiten angehalten. Diese waren mir von Natur zuwider, und ich suchte ihnen zu entgehen, indem ich verstohlen meines Vaters Bücher durchlas. Meine Eltern verboten mir dies und behaupteten, daß ein gelehrtes Frauenzimmer seine Bestimmung verfehle. Man gab mir nun Campes väterlichen Rath für seine Tochter und ähnliche Erziehungsschriften in die Hand, welche ich eine Zeitlang beherzigte, bis mir der Gang meines eigenen Lebensschicksals zeigte, daß es eine große Anmaßung der Männer ist, uns unsere Bestimmung, nur von ihrem Standpunkt aus, vorzuzeichnen.
Zuerst empörte sich meine Vernunft gegen die Bestimmung „weiblicher Arbeiten“. Es gibt meiner Überzeugung nach keine männlichen und weiblichen Arbeiten, sondern es gibt mechanische Arbeiten und Arbeiten der Intelligenz. Wenn man die Stärke oder Schwäche eines Geschlechts in Anschlag bringen wollte, so dürfte man auch nicht dulden, daß starke Männer Schneider würden.
Über die Ehe waren Beide der Meinung, daß nicht der Eine dem Andern zu gehorchen habe, sondern daß Jeder seinen Willen dem anerkannten Princip der Gleichberechtigung unterordnen müsse und daß weder die thätige Arbeit und Mühe noch die aufopfernde Geduld von dem Einen Theil allein gefordert werden könne.
Acht Briefe an eine Freundin über Clavier-Unterricht. Stuttgart, Tübingen: Cotta 1852.
Asten, Adelheid von (Hrsg.): Johanna Kinkels Glaubensbekenntnis. Mitgetheilt von ihrer Tochter. In: Deutsche Revue (Stuttgart/ Leipzig). 27. Jg. 4. Bd. 1902, S. 45-66.
Adolf Busse (Hrsg.): Ein Brief Johanna Kinkels an Carl Schurz. In: The Germanic Review (New York). 5. Bd. Nr. 2, April 1930, S. 183-187.
Erinnerungsblätter aus dem Jahr 1849. In: Deutsche Monatsschrift für Politik, Wissenschaft, Kunst und Leben. 2, 1851, 4, S. 39-108.
Eine Erwiderung auf den Schmähartikel aus Bonn in der deutschen Reform Nro. 319 vom 3. Juni. In: Spartacus. Nr. 22, 11. Juni 1849.
Erzählungen. Stuttgart, Tübingen: Cotta 1849.
Goslich, Marie (Hrsg.): Briefe von Johanna Kinkel. In: Preußische Jahrbücher. 97. Bd. Heft 2, August 1899, S. 185-222; Heft 3, September 1899, S. 398-433.
Gutierrez-Denhoff, Martella: Johanna Kinkel. Zum Singen. Eine Anleitung mit Liedern. Zusammengestellt und biografisch ergänzt. Bonn: Bonner Verlags-Comptoir 2024.
Hans Ibeles in London. Ein Roman aus dem Flüchtlingsleben. 2 Bde. Stuttgart: Cotta 1860
Dä Hond on dat Eechhohn. Ä Verzellsche für Blahge. Bonn: Sulzbach 1849.
Klaus, Monica (Hrsg.): Johanna Kinkel. Eine Auswahl aus ihrem literarischen Werk. Bonn: Stadtmuseum 2010.
Klaus, Monica (Hrsg.): „Liebe treue Johanna!“ „Liebster Gottit!“ Der Briefwechsel zwischen Gottfried und Johanna Kinkel 1840–1858. Band 1–3. Stadt Bonn 2008.
Der Maikäfer. Zeitschrift für Nichtphilister / Kritisch ediert und kommentiert von Ulrike Brandt, Astrid Kramer, Norbert Oellers, Hermann Rösch-Sondermann. 4 Bde. Bonn: Röhrscheid 1982-1985.
Pahncke, Karl Hermann: Briefe von Johanna Kinkel an Willibald Beyschlag. In: Preußische Jahrbücher. 122. Bd. 1905, S. 77-112.
Glahn, Daniela: Johanna Kinkel. Bilder einer Autorschaft. Diss. München: Allitera Verlag 2017.
Klaus, Monica: Johanna Kinkel. Romantik und Revolution. Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2008.
Lewald, Fanny: Johanna Kinkel. In: Dies.: Zwölf Bilder nach dem Leben. Berlin: Janke 1888, S. 1-34.
Rösch-Sondermann, Hermann: Johanna Kinkel. Emanzipation und Revolution einer Bonnerin. In: Joseph Matzerath (Hg.): Bonn. 54 Kapitel Stadtgeschichte. Bonn: Bouvier 1989, S. 179-188.
JOHANNA KINKEL
Dieser Beitrag wurde von Hermann Rösch erstellt.
Abb.: Stadtmuseum Bonn.
Johanna Kinkel, geb. Mockel machte schon in jungen Jahren als Musikerin von sich reden. Ihre Kompositionen wurden von Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schuman gelobt. Eine frühe Ehe scheiterte binnen kurzem. 1836 zog sie für mehrere Jahre nach Berlin, wo sie die Bekanntschaft Bettina von Arnims und vieler Persönlichkeiten des geistigen Berlins machte. 1839 kehrte sie ins Rheinland zurück, um ihren Scheidungsprozess zum Abschluss zu bringen. Dort lernte sie Gottfried Kinkel kennen, mit dem sie 1840 einen Dichterbund namens „Maikäfer“ gründete. Nachdem sich zwischen beiden eine Liebesbeziehung entwickelt hatte, reagierten Kirche und Öffentlichkeit empört auf die Verbindung zwischen der geschiedenen Katholikin und dem protestantischen Theologen. Die beiden hielten aneinander fest und heirateten. Die Reaktionen auf ihre Heirat beschleunigten ihre Entfremdung vom christlichen Glauben und ihre Annäherung an die liberale Opposition. Während der Revolution 1848/49 fand sich auch Johanna Kinkel im Lager der radikalen Demokraten; 1849 übernahm sie zeitweise die Chefredaktion der Neuen Bonner Zeitung. Nach der Gefangennahme ihres Mannes im Rahmen der Reichsverfassungskampagne entwarf sie den Plan zu dessen Befreiung, der von Karl Schurz verwirklicht wurde. 1851 ließ sie sich mit ihrer Familie in London nieder. Dort setzte sie sich für mittellose Mitemigranten ein und wirkte als Klavier- und Gesangslehrerin. Schon Mitte der 1850er Jahre erkrankte sie ernsthaft. Im November 1858 starb sie nach einem Sturz aus dem Fenster im Alter von 48 Jahren.
Johanna Kinkel geb. Mockel kam am 8. Juli 1810 in Bonn als Tochter eines Gymnasiallehrers zur Welt
Übernahme der Leitung des Gesangvereins von Franz Anton Ries.
Heirat mit dem Kölner Musikalienhändler Johann Paul Mathieux; Rückkehr ins Elternahus Anfang 1833.
Bekanntschaft mit Felix Mendelssohn Bartholdy und Übersiedlung nach Berlin. Dort Aufnahme im Hause Bettina von Arnims.
Rückkehr nach Bonn und Bekanntschaft mit Gottfried Kinkel; erneut Leitung des Gesangvereins und Tätigkeit als Klavier- und Gesangslehrerin.
Scheidung von Mathieux; Gründung des Dichterbundes “Der Maikäfer” gemeinsam mit Kinkel. Kahnunglück und Beginn der Liebesbeziehung mit Kinkel.
Heirat mit Gottfried Kinkel.
Geburt von vier gemeinsamen Kindern.
Aktive Teilnahme an der Revolution; 1849 Übernahme der Chefredaktion der Neuen Bonner Zeitung und der Wochenbeilage Spartacus.
Solidaritätskampagne für ihren inhaftierten Mann und Planung der Befreiungsaktion durch Karl Schurz.
Übersiedlung ins Exil nach London; Arbeit als Klavier- und Gesangslehrerin; musikwissenschaftliche Vorträge und Publikationen.
Tod im Alter von 48 Jahren am 15. November 1858 nach einem Sturz aus dem Fenster.
Hermann Rösch
„Ich wünsche Dir noch viele Jahre nach Errichtung der deutschen Republik zu leben.“ Mit diesen Worten gratulierte Johanna Kinkel ihrem Vater im November 1851 zum 70. Geburtstag. Sie konnte freilich nicht ahnen, dass die erste deutsche Republik erst ziemlich genau 60 Jahre nach ihrem eigenen Todestag (15. November 1858) ausgerufen werden würde. Zur Republikanerin war die bekennende Rheinländerin 1848 geworden und diesem Staatsideal bis an ihr Lebensende treu geblieben.
Geboren wurde sie am 8. Juli 1810 in Bonn. Ihr Vater war Lehrer am dortigen Gymnasium. Die Atmosphäre im Elternhaus aber bestimmten ihre Mutter und ihre Großmutter, die sie in einem strengen konservativ-katholischen Sinn erzogen und sie drängten, die Rollenerwartungen einer gebildeten, bürgerlichen Hausfrau zu erfüllen. Als die 15jährige darum bat, die Musik zu ihrem Beruf zu machen, ergriffen die Eltern erschrocken Gegenmaßnahmen und schickten sie gegen ihren Willen in eine Nähschule und in ein Hotel, um Kochen zu lernen. Johanna aber bewies schon damals, dass sie über große Durchsetzungskraft und ausgeprägte Hartnäckigkeit verfügte. Schließlich setzte sie sich durch und wurde zur Schülerin des renommierten Musikers Franz Anton Ries, der schon den jungen Beethoven unterrichtet hatte.
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Ries war von Johannas Talenten so angetan, dass er ihr 1829 die Leitung seines Gesangvereins anvertraute. Damit war die 19jährige als Chorleiterin und Dirigentin in eine rein männliche Domäne vorgedrungen. Doch empfand sie die Skepsis der Eltern weiterhin als Hemmnis. Um diesem Klima zu entfliehen, heiratete sie 1832 überstürzt den Kölner Musikalienhändler und Druckereibesitzer Johann Paul Mathieux, der sie erst recht auf die Rolle der bürgerlichen Ehefrau festlegen wollte. Die Ehe scheiterte schon nach wenigen Monaten. Rückblickend schrieb Johanna: „Ich war nicht gezwungen, nicht überredet und handelte dennoch unter fremdem Einfluß. Meine Heirat ist die Geschichte von Tausenden meiner Schwestern und das notwendige Resultat unserer sozialen Zustände. Unzählige Frauen gehen an ähnlichen Verhältnissen zugrunde…“
Zurück in Bonn setzte Johann Kinkel ihre Arbeit im Gesangverein fort, erteilte Klavier- und Gesangsunterricht und komponierte. Bald spürte sie, dass ihr das provinzielle Bonn künstlerisch nichts mehr zu bieten hatte. 1836 reiste sie nach Frankfurt, um dort den beinahe gleichaltrigen und bereits gefeierten Felix Mendelssohn Bartholdy kennenzulernen. Mendelssohn erkannte ihr Talent und zollte ihren Kompositionen wie auch ihrem Talent große Anerkennung.
Als Johanna Kinkel sich wenig später nach Berlin begab, führte sie Empfehlungsschreiben an Mendelssohns Schwestern Fanny Hensel und Rebekka Dirichlet, vor allem aber an Bettina von Arnim bei sich. Johanna beeindruckte die berühmte Salonniere nicht nur durch ihr musikalisches Können, sondern auch durch ihre Respektlosigkeit und ihre humorvolle Phantasie. Bettina engagierte sie als Klavierlehrerein ihrer Töchter und nahm sie in ihren Haushalt auf. In Bettinas Salon traf sie auf zahlreiche Vertreter des intellektuellen und künstlerischen Berlins. Dort lernte sie Clara Schumann ebenso kennen wie etwa die Familie des Philosophen Hegel, den Rechtsgelehrten Friedrich Carl von Savigny, Karl August Varnhagen von Ense, Adelbert von Chamisso, Joseph von Eichendorff, Emanuel Geibel und viele andere Persönlichkeiten aus Kunst, Wissenschaft und Politik. Ihren Lebensunterhalt bestritt sie durch Musikunterricht, bei Kapazitäten wie Karl Böhmer und Wilhelm Taubert studierte sie Generalbass und Klavier. Die Berliner Umgebung stimulierte ihre künstlerische Produktivität enorm. So vertonte sie Gedichte von Goethe, Heine, Chamisso, Geibel und anderen. Weitere Werke, u.a. Duette, Kantaten, eine komische Oper und Liederspiele entstanden. Robert Schumann befand Johannas Arbeiten immerhin „innigster Aufmerksamkeit würdig“.
Die Berliner Jahre (1836-1839) haben nicht nur zu Johanna Kinkels musikalischer Weiterentwicklung beigetragen, sondern ihr erste Einblicke in die damals in intellektuellen Kreisen heftig diskutierte Hegelsche Philosophie und liberale Gesellschaftstheorien vermittelt. Zu einer dezidiert politischen Haltung, geschweige denn einer oppositionellen ist es damals jedoch nicht gekommen. Keinen Hehl machte sie jedoch aus ihrer eher gefühlsmäßigen Abneigung gegen feudalen Dünkel und engstirniges Philistertum. Gerne provozierte sie durch „tollkühne Streiche“ und brachte so ihre durchgängig nonkonformistische Grundhaltung zum Ausdruck. Das hinderte sie freilich nicht daran, 1838 den ehrenvollen Auftrag anzunehmen, der Prinzessin und späteren Kaiserin Augusta, die Zeit durch Klavierspiel zu vertreiben, während diese vom Maler Karl Begas porträtiert wurde.
Etwa zur selben Zeit verliebte sich Johanna Kinkel in Georg Brentano, den erheblich älteren Bruder Bettina von Arnims. Einer festen Beziehung stand im Wege, dass Johanna noch immer formal verheiratet war und ihr Mann sich strikt weigerte, die vom Gesetz vorgeschriebene Einwilligung in die Scheidung zu geben. So beschloss sie Anfang 1839 nach Bonn zurückzukehren, um Mathieux umzustimmen. Nach quälenden Verhandlungen konnte die Scheidung im Mai 1840 endlich vollzogen werden.
Noch ganz im Banne des nervenaufreibenden Scheidungsprozesses erfuhr Johanna, dass sich der immerhin 64jährige Brentano unterdessen verlobt hatte. Zeitgleich begegnete sie auf einer Gesellschaft am 4. Mai 1839 einem jungen, in Bonner Kreisen angesehenen Theologiedozenten: Gottfried Kinkel. Johanna war, wie sie von sich sagt, zu diesem Zeitpunkt vom „Überdruß am Leben ganz zerrißen, auf dem Punkte eines völligen Zerfalls“. In der Außenwahrnehmung aber galt sie weiterhin als zwar talentierte, aber unbequeme, immer wieder aus der Rolle fallende Frau.
Die vom Leben zu diesem Zeitpunkt maßlos enttäuschte Musikerin traf also auf den damals recht unbedarften, bisweilen kecken protestantischen Theologen und ambitionierten Dichter. Beide spürten aufgrund gemeinsamer künstlerischer und literarischer Interessen sowie ihrer Distanz zum engstirnigen Philistertum eine starke gegenseitige Anziehung, die zunächst rein platonisch war. Dennoch entstand schon bald eifriges Getuschel unter den Bonner Kleinbürgern. Ein Skandal: Die in Scheidung lebende, katholische Femme scandaleuse und der verlobte protestantische Theologe! Für Irritation sorgte ferner, dass Gottfried Kinkel blendend aussah, die fünf Jahre ältere Johanna hingegen als wenig attraktiv galt.
Tatsächlich trafen sich die beiden immer häufiger. Im Juni 1840 gründeten sie einen Dichterkreis namens „Maikäfer“ und schufen so einen Anlass zur Verstetigung ihrer Zusammenkünfte. Wöchentlich zirkulierte unter den Mitgliedern ein Bogen Papier, in den jeder seine Lieder, Balladen, Erzählungen, Dramen und Anekdoten eintrug. „Zeitschrift für Nicht-Philister“ nannten die Maikäfer ihr handschriftliches Vereinsorgan im Untertitel. Anfangs diente der Maikäferverein tatsächlich als eine Art Schutzraum vor dem Bonner Spießbürgertum, das in zahlreichen Satiren mit Hohn und Spott übergossen wurde. Doch bald trat ambitionierteres literarisches Schaffen in den Vordergrund. Das ist auch zurückzuführen auf neue Mitglieder wie den Kunsthistoriker Jacob Burckhardt und den Dichter und Philologen Karl Simrock. Die von 1840 bis 1847 dauernde Maikäferzeit war trotz aller Anfeindungen und materiellen Schwierigkeiten die produktivste Phase der Schriftstellerin Johanna Kinkel. Sie steuerte vor allem Gedichte, Anekdoten, Erzählungen und literarische Karikaturen bei, in denen der Konflikt zwischen bornierten preußischen Besatzern und liberalen, gewitzten Rheinländern, das Aufbegehren gegen stockkatholische Bigotterie oder der Kontrast zwischen rheinisch-ländlicher Aufrichtigkeit und großbürgerlich-städtischer Heuchelei thematisiert werden. Bemerkenswert ist dabei der gekonnte Gebrauch des rheinischen Dialekts.
Aus ihrer ureigenen Erfahrungswelt stammen die Themen, die sie in den Erzählungen „Der Musikant“ und „Musikalische Orthodoxie“ aufgreift. Während es in der Dorfgeschichte „Der Musikant“ um die ambivalente gesellschaftliche Stellung des Musikers geht, bietet die „Musikalischen Orthodoxie“ auch musiksoziologisch und -ästhetisch reichhaltiges Material. Im Mittelpunkt steht eine junge Konzertpianistin, die gezwungen ist, ihren Lebensunterhalt durch den Vortrag geistloser Salonmusik auf den Gesellschaften moralisch und ästhetisch verkommener Adelsfamilien zu verdienen. Johanna Kinkel hat in den Stoff zahlreiche autobiographische Bezüge leicht verfremdet eingewoben: ihre vehemente Verachtung für zeitgenössische (Unterhaltungs-)Musik, die Schwierigkeiten, in den Salons als selbstbewusste Frau zu bestehen, die Abhängigkeit der Künstler von begüterten Adligen usw.
Eine Wende in der Beziehung zwischen Gottfried und Johanna Kinkel trat im September 1840 ein. Auf der Rückkehr von einem Ausflug kollidierte ihr Kahn mit einem Rheindampfer. Kinkel rettete die Nichtschwimmerin Johanna und angesichts des drohenden Todes gestanden sie sich ihre Liebe. Es dauerte jedoch noch einige Zeit, bis sie sich auch öffentlich als Paar bekannten. Kinkel löste seine Verlobung und verkündete seine Absicht, Johanna zu heiraten. Daraufhin schlug den beiden aus allen Richtungen Empörung entgegen. Kinkel verlor seine einträglichen Nebentätigkeiten als Prediger und Religionslehrer, die Fakultät stellte ihm ein Ultimatum: Entweder er löse die Verbindung mit dieser Frau oder er könne keinesfalls damit rechnen, eine Karriere als Theologieprofessor zu machen. Johanna wurde von Freunden geschmäht und verlor zumindest vorübergehend manche Klavier- und Gesangsschülerin.
Beide widerstanden dem äußeren Druck. Nachdem Johanna 1842 zum Protestantismus konvertiert und seit der Scheidung die gesetzlich vorgeschriebene Frist von drei Jahren verstrichen war, heirateten die beiden am 22. Mai 1843. Trauzeugen waren Jacob Burckhardt und Emanuel Geibel. Zwischen 1844 und 1848 gebar sie vier Kinder. Neben Gottfrieds Einkünften als Privatdozent und seinen Honoraren für journalistische Arbeiten trug Johannas Klavier- und Gesangsunterricht nicht wenig zum Lebensunterhalt bei. Diese Einkünfte erlaubten es, durchgehend zwei Dienstmädchen und eine Amme zu beschäftigen.
Die Repressalien durch Kirche, Gesellschaft und manche Freunde blieben nicht ohne Wirkung. Das Paar wandte sich mehr und mehr ab vom christlichen Glauben. Die christlichen Kirchen erschienen Johanna nur noch als bösartige Karikaturen ihres Gründers. So bekannte sie unter Berufung auf David Friedrich Strauß schon 1844: „Ich glaube an keinen Gott als an den heiligen Geist.“ Bis zu ihrem Tod blieb sie entschiedene Freidenkerin. Auch politisch gerieten Johanna und Gottfried Kinkel ins Lager der liberalen Opposition.
Kennzeichnend für diese Entwicklung ist die auch aus heutiger Sicht moderne Beziehung der Eheleute zueinander, die geprägt war von Gleichstellung und Partnerschaft. Beide pflegten den geistigen Austausch miteinander und führten Diskurse auf Augenhöhe. In politischen Grundsatzfragen stimmten sie absolut überein. Schon in den 1840er Jahren und erst recht nach Ausbruch der Revolution 1848 wurde Johanna Kinkel auch in der Öffentlichkeit als selbstständig denkende und handelnde Persönlichkeit wahrgenommen. Dies führte dazu, dass sie zur Femme fatale stilisiert und später verantwortlich gemacht wurde für Gottfried Kinkels Abwendung von der Religion und seine Entwicklung zum radikalen demokratischen Revolutionär. Johanna reagierte darauf mit stoischer Gelassenheit: „Ich bin eben wie ich bin, ein Gegenstand des Abscheus für Mucker.“
Bei Ausbruch der Revolution im März 1848 waren Johanna und Gottfried Kinkel noch davon überzeugt, dass die von ihnen geforderten Reformen im Rahmen einer konstitutionellen Monarchie realisierbar seien. Aber schon bald setzte ein rascher Radikalisierungsprozess bei beiden ein. So fanden sie sich schon im Sommer 1848 im Lager der entschiedenen Linken, bezeichneten sich als „rothe Republikaner“, die nicht nur für Republik, Demokratie und nationale Einheit streiten, sondern auch für Sozialismus. Johanna hatte daran wesentlichen Anteil. Gottfried Kinkel räumte später ein: „…ohne dich wäre ich ein jämmerlicher Paulskirchner geworden, wie das andre Pack aus Bonn vielleicht, ohne die Kraft, zur offenen Revolution vorzugehen…“
Unterdessen war Gottfried nicht nur als Wortführer und Vorsitzender der Bonner Demokraten hervorgetreten, sondern wirkte auch als Chefredakteur der radikalen „(Neuen) Bonner Zeitung“ und ihres Beiblattes „Spartakus“. Johanna unterstützte dieses Engagement nach Kräften u.a. durch Beiträge für die Zeitung und das von ihr gedichtete und vertonte „Demokratenlied“. Nachdem ihr Mann Anfang 1849 zum Abgeordneten des preußischen Landtags in Berlin gewählt worden war, ermahnte sie ihn, seinen revolutionären Grundsätzen treu zu bleiben: „Mein Glück und meine Liebe würden den unheilbarsten Stoß erleiden, wenn du je mit der Partei der Ungerechtigkeit eine Versöhnung eingingest.“
Johanna Kinkels Ruf als standfeste Revolutionärin hatte sich auch in Köln herumgesprochen. Karl Marx suchte sie als Übersetzerin englischer Artikel für seine „Neue Rheinische Zeitung“ zu gewinnen. Dazu ist es jedoch nicht gekommen, da sich die Ereignisse überschlugen. Während der Abwesenheit ihres Mannes ab Februar unterstützte sie den jungen Karl Schurz bei der Redaktion der „Neuen Bonner Zeitung“. Nachdem das Berliner Parlament schon Ende April 1849 aufgelöst worden war, begaben sich Kinkel und Schurz in die Pfalz, um die dortige Revolutionsregierung zu unterstützen. Gottfried Kinkel kämpfte schließlich als Freischärler in der Reichsverfassungskampagne und geriet Ende Juni bei Rastatt in preußische Gefangenschaft. Während dieser Monate übernahm Johanna Kinkel die Chefredaktion der „Neuen Bonner Zeitung“. Stolz verkündete sie: „Das rothe Fähnlein unserer Zeitung flattert noch.“ Und: „Vielleicht noch eine kurze Frist und wir haben den Sieg. Alle freie Zeit gehört jetzt dem Blatte.“ Gleichzeitig war sie üblen Schmähungen ausgesetzt. So wurde in Bonn das Gerücht verbreitet, sie habe bei einem Schreiner bereits den Bau einer Guillotine in Auftrag gegeben.
Mit Gottfried Kinkels Gefangennahme brach großes Unheil auch über seine Familie herein. Die Reaktion forderte lauthals seinen Tod. Johanna setzte unverzüglich alle Hebel in Bewegung, um das Leben ihres Mannes zu retten und ein mildes Urteil zu erwirken. Dank einer überregionalen Solidaritätskampagne gelang es, ein Todesurteil abzuwenden. Dennoch wurde Kinkel zu lebenslänglicher Festungshaft verurteilt und in Naugard, später in Spandau inhaftiert. In einer weiteren von Johanna und Bonner Parteifreunden organisierten Kampagne wurden Spenden für den Unterhalt der Familie gesammelt. Tatsächlich nutzte Johanna dieses Geld klug, um damit Gottfrieds Befreiung aus dem Zuchthaus Spandau zu planen und zu finanzieren. Durch die geschickte Verwendung eines Geheimkodes in der Korrespondenz gelang es ihr, ihren Mann über den Stand der Vorbereitungen zu unterrichten. In Karl Schurz fand sie einen kongenialen Mitverschwörer, dem die Befreiung in einem abenteuerlichen Streich am 6. November 1850 glückte. Während Kinkels Haft versicherte sie brieflich immer wieder, dass sie die vier Kinder im Sinne der gemeinsamen Ideale erziehe: „Ich will dir mein Wort halten und die Kinder zu guten Republikanern erziehen.“ Als Beispiel führt sie an, dass der knapp fünfjährige älteste Sohn Gottfried die „deutsche Fahne“ genommen und geschrien habe: „Es lebe die Freiheit!“
Im Januar 1851 verließ sie Bonn mit den vier Kindern, um sich mit ihrem Mann in London niederzulassen. Dort forderten die politischen Emigranten nun ihren Preis für die gebotene Solidarität. Gottfried Kinkel wurde aufgefordert, auf einer Agitationsreise durch die USA bei den deutschstämmigen Einwohnern Gelder zu akquirieren, mit denen dem in Kürze erwarteten Wiederaufflackern der Revolution zum Durchbruch verholfen werden sollte. Zunächst halb gezwungen, dann voller Enthusiasmus begann er im September 1851 seine sechsmonatige Mission. Johanna mobilisierte noch einmal ihre letzten Kräfte, um diese erneute Trennung durchzustehen. Sie eröffnete eine Kindergesangsschule, ein wenig trug auch „die Partei“ zu ihrem Lebensunterhalt bei.
Nach Gottfried Kinkels Rückkehr zogen sich beide während der folgenden Jahre von der politischen Bühne zurück. Sie diagnostizierte nun eine Zeit des Wartens und kritisierte gleichzeitig das Imponiergehabe männlicher Revolutionäre, die regelmäßig neue Proklamationen in die Welt setzen, nur um nicht vergessen zu werden. Unter großen Entbehrungen bauten sie sich eine neue Existenz als Lehrer auf, was manche Mit-Emigranten als Verrat an den revolutionären Zielen werteten. Dennoch erwarteten zahlreiche Schicksalsgenossen von den prominenten Parteigenossen finanzielle Unterstützung und Hilfe. Ihr Haus sei fast zum „Commissionsbureau arbeitssuchender Flüchtlinge geworden“, klagte Johanna, die in der Rolle der „Emigrantenmutter“ eine regelmäßige Sprechstunde anbot. Die Eindrücke der ersten Londoner Jahre hat sie in dem postum veröffentlichten Roman „Hans Ibeles in London. Ein Familienbild aus dem Flüchtlingsleben“ verarbeitet, der unter vielerlei Aspekten interessant ist. Wichtige Themen sind in dem über manche Passagen essayistisch angelegten Werk die Emanzipation der Frauen, die Bedeutung von Partnerschaft und Gleichberechtigung in der Ehe, die Rolle der Kunst bzw. der Künstler im Kapitalismus, die Realitätsverweigerung vieler Emigranten, die Ausbeutung der Hauslehrerinnen, aber auch der Kontrast zwischen der Millionenstadt mit ihrem „kleistermäßig dicken“ Nebel und dem naturverbundenen Landleben. Während der Londoner Jahre verfasste Johanna Kinkel darüber hinaus musikpädagogische und musikwissenschaftliche Arbeiten. Darin beschäftigte sie sich insbesondere mit Chopin, Mozart, Beethoven und Mendelssohn.
Durch Johanna und Gottfrieds enormes Arbeitspensum gelang es der Familie, zu einigem Wohlstand zu kommen. Doch waren die physischen und psychischen Belastungen der vergangenen Jahre nicht spurlos an Johanna vorüber gegangen. Immer häufiger war sie ans Bett gefesselt, im November 1856 erlitt sie einen Herzinfarkt. Wie sehr beide trotz politischer Abstinenz in der Öffentlichkeit ihren Idealen verhaftet blieben, geht aus einer brieflichen Ermunterung hervor, die Gottfried während ihrer Erkrankung an seine Frau sandte: „Vor uns liegt auch die Revolution. Stirb nicht, bis über Deutschland die rote Fahne flattert. Muth, Republikanerin! Muth, du großes, stolzes Herz.“
Die zusehends alternde Johanna litt auch darunter, dass ihr fünf Jahre jüngerer Mann auf seinen Vortragsreisen im Rampenlicht der Öffentlichkeit stand und seine Popularität auskostete. Das führte gelegentlich zu Verstimmungen, doch scheint die Ehe im Wesentlichen glücklich gewesen zu sein. Im Oktober 1857 schrieb sie: „Es geht uns jetzt besser und besser. Auch die Art der Arbeit wird würdiger (…). Unser Haus ist jetzt so lustig.“ In ihrem Tagebuch findet sich am 8. Juli 1858, ihrem Geburtstag, der Eintrag: „48 Jahr alt geworden, glücklich und vielgeliebt.“
Am 15. November 1858 starb Johanna Kinkel im Alter von 48 Jahren nach einem Sturz aus dem Fenster des dritten Stocks ihres Londoner Wohnhauses. Sechs Tage zuvor hatte sie an Karl Schurz geschrieben: „Ich bin wieder obenauf, von allerlei gefährlichen Zuständen glücklich hergestellt, muß mich aber in Acht nehmen. (…) Seit ich wieder ordentlich lese, und auch hier und da etwas schreibe, lebe ich innerlich auf und finde mich wieder.“ Nach der Darstellung ihrer Freunde und der Familie hatte sie gegen 14.30 ihr Krankenlager verlassen und war infolge eines Herzkrampfs ans Fenster getreten, um frische Luft zu schöpfen. Dabei soll sie das Gleichgewicht verloren haben und in die Tiefe gestürzt sein. Bei der gerichtlich angeordneten Obduktion wurde eine abnorme Vergrößerung des Herzens festgestellt. Ob ihr Tod auf einen Unfall, wofür manches spricht, oder einen Suizid, wofür ebenfalls manches spricht, zurückzuführen ist, kann heute nicht mehr entschieden werden. Ferdinand Freiligrath, Freund aus Bonner Tagen und Mit-Emigrant in London gab seiner Bestürzung über ihren Tod in dem Gedicht „Nach Johanna Kinkels Begräbnis“ Ausdruck. Darin heißt es u.a.:
Wir senken in die Gruft dich ein,
Wie einen Kampfgenossen;
Du liegst auf diesem fremden Rain,
Wie jäh vom Feind erschossen;
Ein Schlachtfeld auch ist das Exil, –
Und hier bist du gefallen,
In Deinem Aug‘ das eine Ziel,
Das Eine mit uns allen!
…daß es unmöglich bloß das Privilegium des Mannes sein könne, den Beruf, den er sich einmal erwählt, als das wichtigste anzusehen und seiner Kunst oder Wissenschaft die Familienrücksichten unterzuordnen. Ich, wenn schon Frau, habe wenig Freude vom Häuslichen gehabt, nur Druck und Tyrannei. Mein halbes Leben ist verkümmert worden, den Rest will ich der eigenen Neigung preisgeben.
…und in dem Maße, wie mein Glauben an die Unfehlbarkeit fremder Autoritäten sich verminderte, wuchs die (wohlgemeinte) Tyrannei der Erziehenden. Die Hoffnung, mich diesem geistigen Irrwege zu entziehen, vermochte mich zum Teil zu einer Heirat, die ich (von vielen Seiten überredet) gegen meine Ueberzeugung schloß, nicht wie man ein freudiges Liebesbündnis eingeht, sondern wie man zu bestimmter Zeit etwa ein Amt antritt, weil es so hergebracht.
Ich halte Christum nur für einen natürlich erzeugten und geborenen Menschen, aber für den trefflichsten, der je gelebt hat. (…) Der Dr. Strauss erscheint mir gescheidter als die Synoptiker, er überzeugt mich mit stichhaltigen Gründen, daß die Synoptiker sich häufig geirrt haben, und ich kann nicht eine Sünde begehen, wenn ich hier das annehme, was mir das wahrscheinlichste ist. (…) Doch leider hat uns die Kirche nicht dieses ideale, mütterlich lächelnde Antlitz gezeigt, sondern all ihre Anmaßung, Heuchelei, die Widerwärtigkeit des Hochmuths, mit der sie in der Geschichte von jeher um ihrer Macht willen das Schönste geopfert hat. Diese Kirche ist die Karrikatur ihres Stifters. Kann ich den Stifter ohne sie erfassen, oder nur mit der unsichtbaren Kirche, die aus den gleichgesinnten Geistern besteht, warum soll ich den Schlamm und Schutt mit fortschleppen, der sich angehängt hat? (…) Ihre Meinung, ich vertheidigte den Atheismus, beruht auf einem Misverständnis. Ich bete einen unsichtbaren, unbekannten, hohen Schöpfergeist an, aber verwechsle ihn nicht mit dem mythischen Gott des alten Testaments, der im neuen nach Art des Zeus eine Erdenjungfrau freit und einen menschlichen Sohn hat. Das krampfhafte Festhalten an diesen Fabeln scheint mir die Ausbreitung des Christenthums am meisten zu hindern.
Ils viennent jusque dans vos bras
Egorger vos fils, vos compagnes.
Genug der Schmähung habt Ihr uns geboten,
Der Lüge und des Hohnes nur zu viel!
Nicht schürten wir den Haß den blutigrothen,
Die Menschlichkeit war unsres Kampfes Ziel!
Schaut, ob Ihr unser Recht
Und unsre Wehr zerbrecht —
Heran, heran, heran Demokratie!
Dran auf die rothe Monarchie!
Wer trägt des Blutes Zeichen am Gewande?
Wem sprüht der Bürgerhaß aus giftgem Blick?
Wer küßt den Staub von eines Thrones Rande
Und zittert vor dem Namen Republik?
Schaut, ob Ihr unser Recht
Und unsre Wehr zerbrecht —
Heran, heran, heran Demokratie!
Dran auf die rothe Monarchie!
Und Ihr, die mit der Fülle Eures Goldes,
Mit süßem Wein und süßrer Schmeichelei
Jetzt kirrt die Knechte des Tyrannen-Soldes,
Es gilt auch Euch der Freiheit Racheschrei!
Schaut, ob Ihr unser Recht
Und unsre Wehr zerbrecht —
Heran, heran, heran Demokratie!
Dran auf die rothe Monarchie!
Droht nur dem freien Mann mit Kerkermauern,
Wenn tückisch Ihr die Waffen erst geraubt,
Erfüllt der Mütter Herz mit Todesschauern,
Begehrt als Geißel unsrer Kinder Haupt —
Schaut, ob Ihr unser Recht
Und unsre Wehr zerbrecht —
Heran, heran, heran Demokratie!
Dran auf die rothe Monarchie!
O Freiheit, die der Arme sich erkoren,
Ob all sein Gut in Schutt und Trümmer sank,
Wir grüßen dich, wenn nur zu unsern Ohren
Im Tod der Name »Republik« erklang!
Schaut, ob Ihr unser Recht
Und unsre Wehr zerbrecht!
Heran, heran, heran Demokratie!
Dran auf die rothe Monarchie!
Heut zieht der Vater auf die Wacht
und schirmt das Vaterland die ganze Nacht.
In fester Hand hält er das Bajonett
derweil die Mutter liegt im warmen Bett.
Jetzt sitz ich gern noch auf dem Schoos,
doch das wird anders bin ich einmal groß,
dann schwing‘ ich hoch die Fahne schwarzgoldroth
und für die Freiheit geh‘ ich in den Tod.
Die verbündeten Damen gingen von Haus zu Haus und warben mit den eindringlichsten Zureden die wenigen mir treu gebliebenen Schülerinnen, sich dem Complott anzuschließen. Sie brauchten starke Hebel; unter andern Nichtswürdigkeiten, die sie mir aufbürdeten, finde ich besonders raffinirt eine Erfindung, womit sie mich für leichtgläubige Leute zu einem Gegenstand des Grauens und Entsetzens machten. Diese wirklich geniale Nachrede lautet also: „Der constitutionelle Verein hat schon einen Preis darauf ausgesetzt, um denjenigen Schreiner herauszubringen, welcher die von Frau K. gezeichnete und bestellt Guillotine verfertigt hat.“
Was schaut ihr, Kindlein, traurig zu mir auf,
und fragt: warum der Mutter Thränen rollen?
Hemmt nicht mit süßem Schmeicheln ihren Lauf,
der aus der Seele quillt, der schmerzenvollen.
Der Vater, den wir lieben treu und rein,
er weilt gefangen auf dem hohen Thurme,
und lauscht durch sein vergittert‘ Fensterlein
dem fernen Schlachtendonner und dem Sturme.
Er kämpfte für die deutsche Republik –
prophetisch sah sein Aug‘ die Zukunft tagen;
zur Freiheit hingewandt den kühnen Blick,
nicht nach der Zahl der Feinde mocht‘ er fragen.
Es färbt‘ sein edles Blut den Boden roth,
er sank, doch hielt die Hand noch die Muskete:
o darum nur verschont‘ ihn früher Tod,
daß er des Kerkers öden Raum betrete.
Ihr stolzen Sieger, ehrt den tapfern Feind,
der bis zum Tod getreu blieb seiner Fahne,
deß Lippe nie mit falschem Hauch verneint,
was still sein Herz beschloß im heil‘gen Wahne.
Doch wir verhüllen wehmuthsvoll das Haupt,
und beugen uns dem düstern Schicksalsspruche.
Noch grünt die Hoffnung, weh, wenn sie entlaubt,
dann wird die Welt, das Leben uns zum Fluche.
…wenn je auf Erden ein Krieg berechtigt war, so ist es der Kampf des Bedürfnisses gegen den Überfluß, der Arbeit gegen den Müssiggang.
Ich glaube an keinen Gott, als an den heiligen Geist. So gut wie die Heiligen, die das Menschenvolk von jeher vergöttert hat, ist mein Mann auch, und ich sehe gar nicht ein, warum ich ihn nicht vergöttern soll. (…) Die Armen sind der Gegenstand seiner Sorgen, seiner warmen Liebe.
Die alte Weltordnung ist ja noch in Kraft, daß das Allerherabziehendste in die Wagschale der Frau geworfen ist. Dagegen giebt es kein Mittel, als eine total andre sociale Einrichtung, wo nicht die Tätigkeiten als männliche u. weibliche Arbeiten verteilt sind, sondern den intellektuellen u. handarbeitende Menschen, die Geschäfte nach angeborner Neigung zugewiesen werden.
Sie werden es sehen, an der Frauenemancipation kommen wir nicht vorbei, und daß eine Frau frei sein will, das macht sie nicht gefährlicher. Es kömmt nur darauf an, wie sie ihre Freiheit anzuwenden hofft. Bisher ekelten uns die Emancipirten an, weil nur diejenigen sich vordrängten, die für ihre persönlichen Launen Zügellosigkeit verlangten. Sind sie erst Alle emancipirt, so treten die ernsten Naturen in den Vordergrund, die nach einem höhern Pflichtenkreis trachten.
Nachdem ich das nothdürftigste von weiblicher Bildung in der Schule erhalten hatte, wurde ich zu weiblichen Arbeiten angehalten. Diese waren mir von Natur zuwider, und ich suchte ihnen zu entgehen, indem ich verstohlen meines Vaters Bücher durchlas. Meine Eltern verboten mir dies und behaupteten, daß ein gelehrtes Frauenzimmer seine Bestimmung verfehle. Man gab mir nun Campes väterlichen Rath für seine Tochter und ähnliche Erziehungsschriften in die Hand, welche ich eine Zeitlang beherzigte, bis mir der Gang meines eigenen Lebensschicksals zeigte, daß es eine große Anmaßung der Männer ist, uns unsere Bestimmung, nur von ihrem Standpunkt aus, vorzuzeichnen.
Zuerst empörte sich meine Vernunft gegen die Bestimmung „weiblicher Arbeiten“. Es gibt meiner Überzeugung nach keine männlichen und weiblichen Arbeiten, sondern es gibt mechanische Arbeiten und Arbeiten der Intelligenz. Wenn man die Stärke oder Schwäche eines Geschlechts in Anschlag bringen wollte, so dürfte man auch nicht dulden, daß starke Männer Schneider würden.
Über die Ehe waren Beide der Meinung, daß nicht der Eine dem Andern zu gehorchen habe, sondern daß Jeder seinen Willen dem anerkannten Princip der Gleichberechtigung unterordnen müsse und daß weder die thätige Arbeit und Mühe noch die aufopfernde Geduld von dem Einen Theil allein gefordert werden könne.
Acht Briefe an eine Freundin über Clavier-Unterricht. Stuttgart, Tübingen: Cotta 1852.
Asten, Adelheid von (Hrsg.): Johanna Kinkels Glaubensbekenntnis. Mitgetheilt von ihrer Tochter. In: Deutsche Revue (Stuttgart/ Leipzig). 27. Jg. 4. Bd. 1902, S. 45-66.
Adolf Busse (Hrsg.): Ein Brief Johanna Kinkels an Carl Schurz. In: The Germanic Review (New York). 5. Bd. Nr. 2, April 1930, S. 183-187.
Erinnerungsblätter aus dem Jahr 1849. In: Deutsche Monatsschrift für Politik, Wissenschaft, Kunst und Leben. 2, 1851, 4, S. 39-108.
Eine Erwiderung auf den Schmähartikel aus Bonn in der deutschen Reform Nro. 319 vom 3. Juni. In: Spartacus. Nr. 22, 11. Juni 1849.
Erzählungen. Stuttgart, Tübingen: Cotta 1849.
Goslich, Marie (Hrsg.): Briefe von Johanna Kinkel. In: Preußische Jahrbücher. 97. Bd. Heft 2, August 1899, S. 185-222; Heft 3, September 1899, S. 398-433.
Gutierrez-Denhoff, Martella: Johanna Kinkel. Zum Singen. Eine Anleitung mit Liedern. Zusammengestellt und biografisch ergänzt. Bonn: Bonner Verlags-Comptoir 2024.
Hans Ibeles in London. Ein Roman aus dem Flüchtlingsleben. 2 Bde. Stuttgart: Cotta 1860
Dä Hond on dat Eechhohn. Ä Verzellsche für Blahge. Bonn: Sulzbach 1849.
Klaus, Monica (Hrsg.): Johanna Kinkel. Eine Auswahl aus ihrem literarischen Werk. Bonn: Stadtmuseum 2010.
Klaus, Monica (Hrsg.): „Liebe treue Johanna!“ „Liebster Gottit!“ Der Briefwechsel zwischen Gottfried und Johanna Kinkel 1840–1858. Band 1–3. Stadt Bonn 2008.
Der Maikäfer. Zeitschrift für Nichtphilister / Kritisch ediert und kommentiert von Ulrike Brandt, Astrid Kramer, Norbert Oellers, Hermann Rösch-Sondermann. 4 Bde. Bonn: Röhrscheid 1982-1985.
Pahncke, Karl Hermann: Briefe von Johanna Kinkel an Willibald Beyschlag. In: Preußische Jahrbücher. 122. Bd. 1905, S. 77-112.
Glahn, Daniela: Johanna Kinkel. Bilder einer Autorschaft. Diss. München: Allitera Verlag 2017.
Klaus, Monica: Johanna Kinkel. Romantik und Revolution. Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2008.
Lewald, Fanny: Johanna Kinkel. In: Dies.: Zwölf Bilder nach dem Leben. Berlin: Janke 1888, S. 1-34.
Rösch-Sondermann, Hermann: Johanna Kinkel. Emanzipation und Revolution einer Bonnerin. In: Joseph Matzerath (Hg.): Bonn. 54 Kapitel Stadtgeschichte. Bonn: Bouvier 1989, S. 179-188.
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