JOSEPH FICKLER
Abb.: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg, LMZ972042
Durch kluge Reden ändert sich wenig – das war Joseph Ficklers Maxime. Dafür nahm er auch den Vorwurf der „Derbheit“ seitens seiner akademisch gebildeten Mitstreiter in Kauf. Seine Zeitschrift Seeblätter, so Karl Marx, sei ein „graues Journal, dessen Gesinnung weiter reicht als seine Intelligenz und Kraft“. Aber die Wirkung, die Joseph Fickler zu seiner Zeit entfaltete, widerlegte den kritischen Philosophen. Der volksnahe, überaus populäre Verleger und Journalist gehörte zu den einflussreichsten Demokraten der Revolution. In seiner Zeitschrift, in Flugschriften und auf „Volksversammlungen“ begehrte er mit scharfer Wortklinge auf: „Fort mit den Fürsten: Wir wollen selbst regieren!“ Seine pointierten Texte, mit denen er gewissermaßen das Genre des „Leitartikels“ begründete, sind als demokratische Lehrstücke noch heute ein Lesegenuss.
Als er am 8. April 1848, bereits wenige Wochen nach dem Revolutionsausbruch, verhaftet wird, rufen Friedrich Hecker und Gustav Struve in Baden zu den Waffen.
Am 06. Februar wird Joseph-Ferdinand Fickler als eines von dreizehn Kindern von Jakob und Eva Fickler in Konstanz geboren. Über Kindheit, Schulzeit und Jugend ist wenig bekannt, eine höhere Schulbildung bleibt ihm aufgrund der Mittellosigkeit der Eltern versagt. Er macht früh eine Lehre und schlägt sich in verschiedenen Berufen durch.
Nachdem er in den Konstanzer Bürgerausschuss gewählt wird und dort vor allem für die Belange der „kleinen Leute“ eintritt, macht er sich als Kommunalpolitiker einen Namen. Aber er möchte nicht „Funktionär“ sein, sondern die Bauern, Handwerker und Arbeiter ertüchtigen, selbst politisch aktiv zu werden. Deshalb gründet er 1832 – im Alter von 24 Jahren – das „Konstanzer Wochenblatt“, um in einfachen Worten politisch aufzuklären.
Seine selbst gegründete Zeitung muss er nach starken Zensur-Eingriffen wieder aufgeben. Er übernimmt stattdessen die Redaktion der ein Jahr zuvor gegründeten „Seeblätter“, des zu diesem Zeitpunkt einzigen Oppositionsblattes in Baden. Die Zeitschrift wird zu seinem publizistischen Lebensprojekt.
Schon ab 1842 fordert Fickler – stets im Kampf mit der Zensur – in seinen „Seeblättern“ eine Revolution mit „verfassungsmäßigen Mitteln“, denn mit der monarchischen Macht sei kein demokratischer Staat zu machen.
Ausrufung der (badischen) Republik. Doch viele Mitstreiter, allen voran Friedrich Hecker und Gustav Struve, zögern – und werden erst aktiv, als Fickler am 8. April in Karlsruhe verhaftet wird.
Nach dreizehnmonatiger Haft wirf er im Mai 1849 freigesprochen und begibt sich gleich wieder in die Politische Arena. Auf einer erneuten Volksversammlung in Offenburg wird er in die provisorische Regierung der nun ausgerufenen badischen Republik gewählt. Aber die Reaktion ist in vollem Gang. Fickler wird erneut verhaftet und flieht, gegen Kaution freigelassen, über die Schweiz nach England.
Von England aus emigriert Fickler im Winter 51/52 in die USA, wo er für einige Zeit das bei deutschen Emigranten beliebte „Shakespeare Hotel“ in New York leitet. Ansonsten ist über seine USA-Jahre nur wenig bekannt.
Nach der Generalamnestie für alle 48er kehrt Joseph Fickler im September 1865, praktisch unbemerkt, nach Konstanz zurück – und stirbt dort, aufgrund eines Magenkrebsleidens, nur zwei Monate später, am 26. November 1865, im Alter von 57 Jahren.
Dirk Kurbjuweit
Wie leichtfertig wird heute behauptet, man dürfe dieses oder jenes nicht sagen. Meist geht es um rechtspopulistische Positionen, um ablehnende Haltungen zum Feminismus oder zum Anti-Rassismus. Fast nie ist gemeint, man dürfe etwas nicht ansprechen, weil einen der Staat dann bestrafen würde. Wer heute behauptet, er oder sie dürfe dieses oder jenes nicht sagen, hat in der Regel keine Angst vor dem Staat, sondern vor Gegenwind in einer öffentlichen Diskussion oder schlimmstenfalls vor einem Shitstorm in sozialen Netzwerken. Weiterlesen
Joseph Fickler
Wesen und Zweck des Staates ist der Mensch
Erschienen am 05.10.2023
Taschenbuch mit Klappen, 160 Seiten
€ (D) 14,– / € (A) 14,40
ISBN 978-3-462-50008-0
Auch ein Shitstorm kann unangenehm sein, keine Frage, aber der mächtigste Gegner, den eine Bürgerin oder ein Bürger haben kann, ist der Staat. Wer einen Unterdrückungsstaat gegen sich hat, ist ohne Schutz, denn es ist eine der wichtigsten Aufgaben von Staaten, die Menschen zu beschützen. Wer einen Unterdrückungsstaat gegen sich hat, ist allein, ist Willkür oder harschen Gesetzen ausgeliefert und kann in seinen Freiheiten stark beschränkt werden, bis zum Verlust des Lebens. Das wissen Dissidenten in China, in Russland, in Iran, in Saudi-Arabien. Das wussten über viele Jahrhunderte auch Deutsche, die nach Freiheit strebten.
Das erlebte Joseph Fickler, geboren 1808, von 1837 bis 1849 Herausgeber der „Seeblätter“ in Konstanz, ein Journalist – wie ich. Er lebte im Großherzogtum Baden, einem vergleichsweise milden Unterdrückungsstaat, aber auch hier galt die Zensur. Fickler konnte lange nicht all das schreiben, was er schreiben wollte
Bis dann als Folge der Februarrevolution 1848 in Frankreich die Zensur in Baden aufgehoben wurde. Die Franzosen hatten ihren König verjagt, nun plagte die deutschen Fürsten die Angst, auch sie könne dieses Schicksal ereilen. Schon war die Unruhe über den Rhein gesprungen, breitete sich im Großherzogtum Baden aus. Das Ende der Zensur sollte die rebellischen Geister beschwichtigen.
Kaum ein Text hat mich in den letzten Jahren so bewegt, wie Ficklers Essay zur neuen journalistischen Freiheit in seinen „Seeblättern“. Hier ist ein Auszug:
„Unendlich erleichternd auch für uns, die wir zwölf Jahre lang alle Pein und Schmach, alle Bedrückung und Entwürdigung der Zensur getragen. – Werden wir befähigt sein, ferner unsere Stimme zu erheben unter den erhabenen Geistern, welche jetzt ihre Tätigkeit einer freien Presse zuwenden werden? Ist unser Geist nicht entnervt unter dem Druck von mehr als einem Dutzend Gedankentötern (Zensoren)? Werden wir das gerade, männliche, freie Wort wieder finden, da wir fast ein halbes Menschenalter nur darauf sinnen mussten, ein bisschen Wahrheit in verzwickten und verkrüppelten Redensarten an das Tageslicht zu fördern? All diese Fragen treten uns in den Weg, da wir die ersten Zeilen in ein freies Blatt in unserer engeren Heimat niederlegen. Wir wagen nicht zu entscheiden, ob wir sie unbedingt bejahen dürfen, aber wir haben den Mut, uns daran zu versuchen.“
Diesen Absatz würde ich am liebsten auswendig lernen und ständig mit mir tragen. Kraftvoll drückt er aus, wie schrecklich es ist, unter einer Zensur zu leben: Pein, Schmach, Bedrückung, Entwürdigung, verzwickte und verkrüppelte Redensarten, um ein bisschen Wahrheit ans Tageslicht zu fördern. Ficklers Worte zeigen auch, wie schwer es ist, sich umzustellen auf die neue Freiheit, auf das, was man nicht gewöhnt ist. Fickler war so offen, seine Leserinnen und Leser an seinen verzagten Gedanken teilhaben zu lassen. Er wisse noch nicht, schrieb er, ob er den Mut habe, die neue Freiheit zu nutzen, aber er wolle es versuchen.
In wenigen Sätzen erleben wir den Übergang von der Unfreiheit zur Freiheit des Wortes. Für mich als Journalist ist das einer der größten Momente überhaupt.
Joseph Fickler nutzte die neue Freiheit des Wortes, schon in dem Text, in dem er über seine mögliche Verzagtheit räsonierte. Sofort zeigte er den Mut für radikale Forderungen. Und so blieb es. Fickler wollte nicht nur die Freiheit des Wortes, sondern die ganze Freiheit, wollte das Ende der Fürstenherrschaft, wollte die demokratische Republik, wollte die „Entlastung des Armen, Erleichterung des Mittelstandes, Besteuerung des Vermögens im vollsten Umfang. Aber auch Verminderung der Kosten der Staatsverwaltung um die Hälfte ihres gegenwärtigen Betrages. Unser Wunsch ist: Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlbehagen für alle.“ Das ist das ganze revolutionäre Programm. Hier dachte ein Bürger nicht nur an sich, sondern auch an die ärmeren Schichten.
Seine Waffe in diesem Kampf war das Wort, war die Feder, sein „Blitzschwert“, wie er es ausdrückte. Sein Stil war nicht zurückhaltend, nicht dezent, er schrieb „ein Deutsch ohne alle ‚Feinschleiferei und Verkritzelung‘“. Dafür wurde er von einigen Intellektuellen verachtet, sie fanden ihn zu derb, aber aus heutiger Sicht war er ein großer Stilist, der es schaffte, aus radikalen Gedanken und kräftigen Wörtern elegante Sätze zu bilden.
Fickler kannte die Grenzen des Wortes. Er wusste, dass eine Revolution gegen ein Unterdrückungsregime nicht ohne Gewalt auskommt, auf jeden Fall nicht ohne Gewaltandrohung. „Wir leben in den Tagen der Tat“, schrieb er. Seine Forderung: „Waffen jedem Bürger“.
Was man seinen Texten mehr und mehr anmerkt: Den Unmut über die Verzagtheit der Anderen, der Mitstreiter, sie sich zunächst mit einer halben Revolution zufriedengeben wollten, mit ein paar Freiheiten, die aber nicht den Sturz der Fürsten forderten, nicht die Republik ausrufen wollten. „Es ist Pflicht jedes Vaterlandsfreundes, jetzt mit Entschiedenheit aufzutreten“, fand Fickler, aber damit war er weitgehend allein.
Das zeigt sich vor allem in seinem Text „Die Volksversammlung zu Offenburg“, die am 19. März 1848 abgehalten wurde. Fickler zeigte sich hier als kompletter Journalist, der nicht nur die Meinungsformen beherrscht, sondern auch die Reportage, die anschauliche Beschreibung eines Ereignisses.
20.000 Menschen hatten sich in Offenburg versammelt, rebellisch gesinnt, darauf wartend, dass ihnen Anführer eine Richtung für ihren Unmut weisen würden. Doch die meisten dieser Anführer waren nicht radikal. In ihren Besprechungen dominierte Versöhnlichkeit, der Wunsch zum Kompromiss. Nicht die demokratische Republik war das Nahziel, sondern die konstitutionelle Monarchie. Fickler war anderer Meinung, stritt mit den Gefährten und unterlag. So hat er es geschildert.
In seinen Worten: „Der Eindruck, den die Behandlung der Versammlung auf mich machte, war sehr peinlich, ich darf sagen, eine Seelenqual; denn ich sah den Mut auf der Straße stehen und die Bedenklichkeit bei den Lenkern tagen.“
Doch auch Fickler fehlte die Entschlossenheit, die drei entscheidenden Wörter vor den versammelten Menschen auszurufen: „Baden ist Republik!“ Wir wissen nicht, was dann geschehen wäre, ob das Volk den Großherzog ins Exil getrieben hätte, so wie die Franzosen ihren König. Wir wissen nur, dass die halbe Revolution gescheitert ist. Auch in Berlin und anderswo in Deutschland brachten die Aufständischen im März 1848 nicht den Mut auf, den letzten Schritt zu gehen. Die Macht der Fürsten wurde erschüttert, aber nicht gebrochen.
Als Friedrich Hecker und Gustav Struve im April einsahen, dass sie mit Zögerlichkeit nur wenig erreichen würden und ihren Feldzug gegen den Großherzog von Baden begannen, war es zu spät. Er hatte sich militärisch gewappnet, hatte vielen Bürgern mit schnellen Reformen den revolutionären Willen abgekauft, so dass Hecker und Struve zu wenig Gefolgschaft fanden, um sich gegen die fürstlichen Heere durchsetzen zu können. Sie verloren ihre Schlachten und flohen ins Exil. Die deutsche Revolution hatte ihren großen Moment verpasst und scheiterte 1849 endgültig, nachdem es der preußische König abgelehnt hatte, die von der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche ausgearbeitete Verfassung anzunehmen und sich zum Kaiser krönen zu lassen.
Fickler war in Frankfurt nicht dabei. Am 9. April 1848 wurde er auf dem Bahnhof in Karlsruhe nach einer Intrige seines Mitstreiters Karl Mathy verhaftet. Die Freiheit des Wortes hat Fickler tragischerweise nur für ein paar Wochen genießen dürfen.
Hätte es einen Unterschied gemacht, wäre er in der Paulskirche dabei gewesen? Wohl kaum. Eine radikale Stimme mehr im Kampf der Worte, aber das hätte die Mehrheit nicht gedreht, die Republik nicht möglich gemacht. Dafür hätte es wohl im März 1848 einen entschiedenen Willen zu den Waffen gebraucht.
Joseph Fickler ist leider nahezu vergessen. Für mich ist er ein Vorbild als Bürger und in meiner Rolle als Chefredakteur des SPIEGEL. Sein nationaler Chauvinismus ist mir fremd, aber dagegen steht sein Eintreten für die Armen, für die Juden, für die ganze Freiheit. Er war ein liberaler Demokrat im besten Sinne des Wortes.
Meine Situation ist natürlich eine ganz andere als seine. Ich kann schreiben, was ich schreiben will. Ich kann die staatlichen Akteure kritisieren, ohne die Staatsmacht fürchten zu müssen. Ich fühle mich frei. Bei einem der Sätze Ficklers aus diesem Buch musste ich allerdings sehr an heute denken. In seiner Sprache sah er ein Mittel „der welterschütternden Wahrheit im Kampf mit der Lüge“. Diesen Kampf führen wir auch in diesen Tagen der „alternativen Fakten“, der Meinungsblasen in den sozialen Netzwerken, der Lügen rechtspopulistischer Politiker. Das alles untergräbt die liberale Demokratie.
Die Freiheit ist in Deutschland nicht unmittelbar bedroht, aber es hat sich eine starke Opposition zur liberalen Demokratie gebildet. Anders als Fickler müssen wir die Demokratie nicht erringen, wir müssen sie verteidigen. Das ist eine weit bessere Position. Aber wir müssen wachsam sein, damit Deutsche nie wieder gegen einen Unterdrückungsstaat kämpfen müssen. Ist er einmal etabliert, ist es schwer, ihn zu beseitigen. Die 1848er mussten das erleben.
Die freien Für und Wider und die unbeschränkten Äußerungen über öffentliche Maßregeln sind – meines Bedünkens – dem Staat zu seinem Wohlsein ebenso notwendig wie Nahrung und Bewegung dem Körper. Wo über alle öffentlichen Angelegenheiten freie Meinungen erlaubt sind, da findet man selten Missbrauch der Gewalt. Man erhebe nur einmal Menschen über alle Furcht vor Rechenschaft, so werden sie, es sei, wo es wolle, Tyrannen. Warum hat Spanien nicht ebenso viele große Leute als England. Weil die Inquisition weder frei sprechen noch schreiben lässt. – So schrieb der Engländer Heinrich Mansen im Jahre 1794, und so oft diese Wahrheiten schon gesagt worden sind, man kann sie nie genug wiederholen, denn es scheint das Verhängnis all derer, die an die Spitzen großer oder kleiner Verwaltungen kommen, zu sein, dass sich ihr Herz verengt und ihre Grundsätze verwandeln; darum wird auch unser Blatt seinen opponenten Charakter im neuen Jahr behalten; und wenn die Sphäre seines Wirkens gleich sehr beschränkt ist, so wollen wir sie als das Fegefeuer betrachten, aus dem wir noch einmal bei günstiger Zeit erlöst und in die himmlischen Hallen eingeführt werden. (…) Weiterlesen
Infolge einer von der hiesigen Kreisregierung erlassenen, inkompetenten, gesetz- und verfassungswidrigen Ordonnanz, welcher sich der Zensor, Oberamtmann von Ittner, wie es scheint, gerne unterzieht, darf auch keine Zensurlücke gelassen werden, und es ist uns nicht einmal das elende Recht des Sklaven vergönnt, mit den Ketten, die uns belasten, zu klirren. Wir wollen indessen die Sache weiters zur Notiznahme bekannt machen.1
Die Redaktion
Sollten die Presseverhältnisse sich erfreulicher gestalten, so werden wir unseren Wirkungskreis umso lieber erweitern, als wir überzeugt sind, dass in dem weiten Kreis politischer Räsonnements leichter und kräftiger zu wirken ist als in dem uns bis jetzt vorgezeichneten engen Bezirk. Sollten aber, was leider wahrscheinlicher ist, die lästigen Schranken, die das freie Wort einengen, ja unterdrücken, noch länger stehen, so wollen wir dennoch nicht ermüden, in denselben nützlich fortzuwirken. (...)
Es erscheint heute die letzte Nummer des Wochenblattes. Die Beschränkungen, innerhalb welchen es seit mehreren Wochen redigiert werden musste, benehmen mir die Lust und die Möglichkeit, es wirksam fortzusetzen. Wahrscheinlich wird an seiner Stelle innerhalb der ersten Monate des künftigen Jahres ein politisches Blatt treten. Unterdessen empfehle ich den Lesern des Wochenblattes den „Wächter von Weinfelden“2, der, wie ich hoffe, seine Spalten auch solchen Artikeln aus dem Badischen öffnen wird, die weder von der Zensur verstümmelt noch durch das Pressgesetz geschreckt sind.
1 In vielen Nummern des Konstanzer Wochenblattes erschienen freie Flächen, sogenannte „Zensurlücken“, also Hinweise auf von der Zensur gestrichene Texte. Doch auch das wurde verboten. Dennoch ließ Fickler am 3. Januar 1833 ein „Censur-Lückchen“ auf dem Titelblatt.
2 „Der Wächter“ war eine im schweizerischen Weinfelden erscheinende oppositionelle Zeitung.
Ihr habt anno 15 in Frankfurt gegründet
Den deutschen Bund 1, und den Deutschen verkündet:
Jetzt würden sie frei und glücklich erst sein –
Doch den Michel, den schläfert Ihr nie wieder ein!
Der jetzige Zeitmoment verschafft dem Satz, von Struve aufgestellt, seine richtige Geltung: „Je größer die Anzahl der Männer im Volke ist, welche an den Angelegenheiten des Vaterlandes tätigen Anteil zu nehmen imstande sind und sich dazu berufen fühlen, desto weiter ist die Entwicklung des Volkes gediehen.“ – Die Staatsformen, in welchen sich die Völker bewegen, richten sich genau nach den Eigenschaften der Individuen, nach ihrer Bildungsstufe; mit jeder neuen erweiterten geistigen Entwicklung im Volk werden Änderungen in der Staatseinrichtung notwendig; die Volksfreunde streben nach Einführung derselben, allein ihren Bestrebungen stehen die Anhänger der Monarchie mit der größten Starrigkeit entgegen; dennoch aber, ungeachtet der Despotie, erweitern sich die gerechten, mit der zunehmenden Bildung gleichen Schritt haltenden Anforderungen des Volkes, und gelangen so auf eine Stufe, wo man mit Gewalt und Energie den Zeitforderungen Geltung verschafft. Weiterlesen
1 Der Deutsche Bund war ein Staatenbund, auf den sich im Jahr 1815 die „souveränen Fürsten und freien Städte Deutschlands“ mit Einschluss des Kaisers von Österreich und der Könige von Preußen, von Dänemark und der Niederlande geeinigt hatten. Dieser Bund existierte von 1815 bis 1866. Der Bund hatte als Aufgabe, die innere und äußere Sicherheit der Gliedstaaten zu gewährleisten, und scheiterte schließlich an den unterschiedlichen Vorstellungen von Staat und Gesellschaft, vor allem aber am politischen Machtkampf zwischen Preußen und Österreich.
Wir sind unter dem elendesten Druck der Tyrannen dennoch in eine Periode eingetreten, in der man die Monarchie samt ihren Verbesserungen, die repräsentative und konstitutionelle Monarchie, als ein dem Aufstreben unserer freien Entwicklung gefährliches Hindernis deutlich erkennt. Schon Plato erklärte die Monarchie als Tyrannei, wo einer an der Spitze steht und wie ein Fuchs milde scheint, dass man ihn Vater des Vaterlandes nennt, endlich aber, wie ein Wolf und Tiger um sich frisst, seine Hände mit Menschenblut befleckt, die Tempel beraubt, eine Bande fremder Lohnknechte zu Trabanten hat, und dadurch zum allgemeinen Abscheu wird. – Die Schweiz hat mit Waffengewalt der pfäffischen Verdummung seines Volkes Schranken gesetzt. – Italien erkämpft sich Konstitutionen. – Frankreich hat dem so mächtigen Louis Philippe die Krone mit Gewalt genommen und die Republik proklamiert. Das Volk fühlte sich reif zur Ausführung, zur Feststellung seiner Rechte, denn davon zeugt der so ehrenhaft geführte Kampf und die nach errungener Freiheit eingetretene Ruhe und Zurückkehr zu den Geschäften. – Belgien hat ebenfalls dem Königtum den Garaus gemacht. – Diesen vorausgegangenen Umwälzungen scheinen in Bälde andere auf dem Fuße zu folgen; das deutsche zersplitterte Volk beginnt sich zu einen, um durch ein deutsches Parlament seine Rechte und seine Geltung nach außen zu gründen. – Unsere Bürger versammeln sich, um durch schriftliche Forderungen jetzt endlich einmal von der Regierung die schon längst zurückgehaltenen, wiewohl versprochenen Rechte anzusprechen. Als oberste Forderung bezeichne ich die schleunigste Einführung eines deutschen Parlaments, als das dringendste Verlangen des deutschen Volkes und als Übergang zur Volksherrschaft in ihrer Reinheit. – Unsere Regierung zeigt sich willig, beim Bundestag mit aller Kraft dahin zu wirken, dass diesem Verlangen vollkommen willfahren werde. – Allein hierin liegt keine Bürgschaft; der Deutsche ist mit Recht misstrauisch geworden, wozu ihm vielseitige Veranlassungen gegeben wurden. Das Volk fordert von seinen Vertretern das entschiedenste Auftreten, das schleunigste und strengste Verlangen, und sichert ihnen die treuste Unterstützung mit Gut und Blut. – Das Volk zeigt den Weg in dem gerechten Verlangen. dass die Opposition mit den gleichgesinnten Abgeordneten der anderen deutschen Bundesstaaten sich zusammenschare und dass diese Gesamtheit die schleunigste Einführung des deutschen Parlaments, ohne nachzugeben, verlange. Dies ist der Wille des Volkes!
Die Deutsche Zeitung1 anerkennt die französische Republik nicht, aber sie duldet sie; hingegen hat der nordamerikanische Gesandte sie anerkannt, und wir anerkennen sie auch. Die Ereignisse, welche in Frankreich stattgefunden haben, werden Einfluss üben auf alle Völker des gesitteten Europas. Unsere Frage ist nicht, ob die Republik in Frankreich sich halten könne, dafür lassen wir die französischen Männer sorgen, welche das Geschick ihres Landes sicherlich unabhängig fühlen werden von dem Urteil einer angsterfüllten Gelehrtenseele. Unsere Frage ist: Was hat Deutschland zu tun – nach außen und nach innen? Das Interesse Deutschlands erfordert, dass es die Freiheit und Unabhängigkeit aller Völker wünsche und anerkenne, weil in der Unterdrückung der Nationalitäten und der Unterjochung derselben der Keim zu fortwährenden Befreiungsversuchen und Kriegen, folglich Grund zur fortwährenden Unterhaltung der stehenden Heere liegt, und weil in der Freiheit der übrigen Völker allein die Freiheit Deutschlands eine Gewähr findet. Wir wünschen deshalb Freiheit und Unabhängigkeit allen Völkern, die sich danach sehnen und danach streben; auf welche Weise sie dieselbe erringen und unter welcher Form sie dieselbe genießen wollen, das überlassen wir lediglich ihnen selbst. Die Ehre Deutschlands fordert, dass es zu keiner Unterdrückung die Hand biete. Die Ehre und der Nutzen Deutschlands erfordern aber auch, dass es seine eigene Unabhängigkeit nach außen und seine Freiheit nach innen bewahre und erringe. Wir wollen keinen Fuß Boden unseres Landes verlieren, keine Abhängigkeit, keine Schutzherrschaft von außen aufkommen lassen. Allein als verständige Männer wollen wir die Gunst der äußeren Umstände benutzen, um die Freiheit im Innern selbst zu erringen. Wir wollen nicht, wie die Deutsche Zeitung, warten, ob durch Gottes erbarmungsvolle Fügung der Großen Gnade uns zuteil wird, was uns zurecht gebührt, sondern wir wollen es erringen als Bürger und Männer, als selbstbewusste Glieder des Staats. Allein wir wollen nicht bloß Anerkennung der Freiheit und Unabhängigkeit von außen und im Innern, in Durchführung der Grundsätze im Allgemeinen, sondern wir verlangen auch, dass der Einzelne diese Freiheit genieße und ihrer froh werde. Dazu ist vor allem nötig die Erleichterung und Verbesserung der Lage der arbeitenden und gewerbetreibenden Klassen; denn was nützt dem Armen die Freiheit, wenn er die Abgaben nicht zu erschwingen vermag, wenn er für tagelange Arbeit kaum so viel erhält, dass er den Hunger stillen kann, und nichts mehr übrig behält, um seine übrigen leiblichen Bedürfnisse zu befriedigen; welchen Genuss von der Freiheit hat er, wenn er abends mit Kummer für den folgenden Tag sich ins Bett legen und am Morgen erwachen muss mit Sorge für das Brot des folgenden Tages? Neben den Gütern der Freiheit müssen wir somit unzertrennlich erstreben: Entlastung des Armen, Erleichterung des Mittelstandes, Besteuerung des Vermögens im vollsten Umfang. Aber auch Verminderung der Kosten der Staatsverwaltung um die Hälfte ihres gegenwärtigen Betrages. Unser Wunsch ist: Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlbehagen für alle, und diesen Wunsch zu verwirklichen, erachten wir für die Pflicht und die Aufgabe unserer Tage.
1 Die Deutsche Zeitung war eine vom 1. Juli 1847 bis Ende September 1850 bestehende bürgerlich-liberale Zeitung. Die programmatische Ausrichtung des Blattes auf ganz Deutschland war ungewöhnlich, denn Deutschland bestand noch aus Einzelstaaten. Die Gründung der Zeitung war das Ergebnis eines Treffens oppositioneller badischer Abgeordneter am 29. November 1846 in Durlach. Friedrich Daniel Bassermann und Karl Mathy, die gemeinsam die Bassermannsche Verlagsbuchhandlung betrieben, kümmerten sich anschließend um den Aufbau eines Korrespondentennetzes aus dem gesamten Deutschen Bund.
Die untertänigsten Bitten der Deutschen um Pressefreiheit, Schwurgerichte etc. fliegen jetzt wie fromme Schwalben, und die Königs- und Fürstenhäuser und nur wenige zeigen den Mut, sich in dreiste, kampfbereite Adler zu verwandeln, wenn man sie wie zudringliche Bettler von der Türe weist. Weiterlesen
Die Leipziger, die Hannoveraner, die Braunschweiger, die Kurhessen und auch die Hessen-Homburger etc. erheben ihre Bitthände und erflehen von den Menschen „von Gottesgnaden“ ihre seit geraumen Jahren von Diebeslist und Räubergewalt mit Beschlag belegten Menschen- und Bürgerrechte zurück. Wie noch heute ein großer Teil des deutschen Volkes in der Nacht des religiösen Aberglaubens an die übermenschliche Heiligkeit und Unverletzlichkeit des ausgearteten Priestertums gefangen liegt, so steckt noch ein größerer Teil des deutschen Volkes tief im Schlamme des politischen Aberglaubens an die Heiligkeit und Unverletzlichkeit des ausgearteten Königtums.
Kein pflicht- und ehrvergessener, kein sittenloser und wortbrüchiger Mann, und wenn er äußerlich auch noch so hochgestellt wäre, soll ferner heilig und unverletzlich heißen, und den Höchsten wie den Niedrigsten treffe bei jedem Vergehen das gleiche Gericht sowohl der Sitten als des Rechtes! Nur Tugend und Rechtschaffenheit haben fortan gerechten Anspruch auf Würde und Heiligkeit; nicht aber der blinde Zufall der Geburt, nicht die zufällige Stellung und das Kleid, sondern der edle Charakter des Mannes, sein segenvolles Wirken zum allgemeinen Besten, die ehrenhafte Gesinnung, die redliche Absicht als innerer Kern der äußern Tat.
Das deutsche Volk muss sich als ebenbürtig fühlen und begreifen lernen in allen wesentlichen Gütern der Menschheit, als gleichberechtigt mit allen Herren, Fürsten und Priestern. Dann erst kann und wird es den entehrenden Aberglauben seiner anerzogenen tierischen Untertänigkeit mit Abscheu aus seiner Seele werfen und frei und stolz verlangen und fordern, wo es bisher gefleht und gewinselt hat.
Der Stolz des selbstbewussten und selbständigen Mannes soll erst Wurzel fassen im Herzen des deutschen Volkes; erkennen soll es sich als ein gottbestimmtes Volk, die Fahne der sittlichen und politischen Freiheit als eine heilige Gottessache in alle Welt zu tragen! Ist dieser Mannesstolz zur festen Eiche in ihm gewachsen, hat er sich als göttliches Werkzeug zur Beglückung aller Menschheit im heiligen Bunde mit allen gleich strebenden Völkern erkannt, dann folgen auch von selbst und in rascher Entwicklung die gott- und menschenwürdigen Taten.
Wir sprechen hier nicht von der großen Anzahl ehrenhafter Männer, denen gewisse Verhältnisse, amtliche Stellung, Familienrücksichten und dergleichen früher es unmöglich gemacht haben, sich mit Entschiedenheit, laut und öffentlich der Partei der Freiheit und des vernünftigen Fortschrittes anzuschließen; auch sprechen wir nicht von den Irrgeführten, von den Belogenen und Betrogenen, die von nichtswürdigen Menschen missbraucht worden sind, um ihre eigene Stimme für die Verewigung ihrer eigenen Knechtschaft zu erheben; auch sprechen wir nicht von jenen, die bloß wegen Hasses gegen gewisse Personen, aus einseitiger Parteileidenschaft sich hinüberziehen ließen auf die Seite der Finsterlinge und Volksverdummer. Diese alle, die nur der Drang der Verhältnisse, flüchtiger Irrtum und aufbrausende Leidenschaft auf eine Weile seitwärts geführt, sind uns nur von Herzen in unserem Lager willkommen, und unser offenes Auge und der eidliche Handschlag zur Versöhnung soll es ihnen sagen, dass wir aufrichtig vergessen können und Unterschied zu machen wissen zwischen dem, was der Mann wirklich ist, und was er scheint oder scheinen muss. Aber nicht so brüderlich wollen wir es gehalten wissen mit jenem charakterlosen Apostatengesindel, das eben zur Zeit, als es Not tat, die Feuerprobe zu bestehen, die Fahne der Freiheit schmählich verließ, und sich als Söldling an den Volksfeind verkaufte, um nun der Willkür gegen das Gesetz, der Tyrannei gegen die Freiheit zu dienen. Nicht so brüderlich wollen wir es gehalten wissen mit jenen zigeunerhaften Überläufern, die nur so lange, als ihnen das deutsche Volk ihre Schwelg- und Sauftische weidlich besetzte und Tausende an sie verschwendete, in den Grimassen grimmiger, unbezähmbarer Löwen sich gefielen, (...) zähnefletschend gegen Volksdruck und Knechtschaft. Wir meinen hier namentlich die berüchtigten Fürstenfresser und Fürstenfressers-Söhne, die im Interesse einer ministeriellen Futterkrippe die Löwenhaut gegen die Fuchs- und Schafhaut gewechselt haben, und nunmehr so zahm geworden sind wie jedes andere durch Prügel und Hunger gebändigte Stallvieh. Weiterlesen
Diese Gesellen nun, deren Bestienschlauheit so leicht herabsinkt zur Eselsdummheit, werden wohl bei dem so plötzlichen Umschlagen der politischen Witterung ihre liebe Angst und Not haben, die als fürstliche Bedientenkleidung umhängten Schafhäute, Fuchs- und Hundebälge wieder abzuwerfen und die Löwenhäute wieder umzuhängen. Die traurige Aussicht, die Fürstenkrippen könnten leer werden und die ausgeplünderten Tischladen, Speisekammern und Tröge des Volkes über Nacht sich wieder füllen, wird die Leib- und Seelenverkäuferbande wohl nötigen zu diesem Schritt der Verzweiflung. Wie aber das bei unserer glaubensarmen Zeit, ohne Glauben an Wunder, geschehen mag, dass die heutigen Fürstenlecker nur auch mit einem Schein von Ehre und ohne, dass die schadenfrohe Welt es merkte, wieder in Fürstenfresser sich sollten verwandeln können, ist mit keinem Scharfsinn vorauszubestimmen. Die Taschenspielerkunst solcher Verwandlung wird schwieriger von Tag zu Tag; denn das Volk, wie freiheitstrunken es auch ist, ist doch fürchterlich nüchtern und hat wasserhelle Augen, wenn es darauf ankommt, einen charakterlosen politischen Vagabunden von einem festgewurzelten Ehrenmann zu unterscheiden.
Schon die nächste Stunde kann das jetzt noch verworrene Rätsel lösen, und das Volk wird Richter sein zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen den Verrätern und den Getreuen, die eingestanden sind mit ihrem ungefälschten Herzblut für die Sache des Volkes, in den Tagen der Not wie in den Tagen des Glückes; die lieber Armut, Schmach und Verfolgung getragen mit innerer Mannesfreude, als dass sie dem Freisinn und der Menschenwürde untreu und abtrünnig geworden wären, dem ewigen Natur- und Vernunftgesetz, worin Gott, als der urfreie Urheber aller Freiheit, nicht für Fürstenmajestät, sondern für die Majestät der Völker sich ausspricht.
Die Frage ist sehr einfach: Können wir frei werden und einig und wohlfrei regiert unter 34 Fürsten?
Die Zivillisten der Fürsten, die Apanagen der Prinzen und Prinzessinnen, die ungeheure Militärlast, das Heer von Beamten, die Massen von Pensionärs, die teuren Minister, die teuren und nutzlosen Gesandten, die Menge von öffentlichen und geheimen Polizeidienern, die Spione, die Notwendigkeit der Versorgung von Herrenhuren, die Menge von Wächtern über das indirekte Abgabensystem, alles dieses hängt an der Erhaltung der monarchischen Regierungsform. Mehrere hundert Millionen Gulden werden hierdurch jährlich verschlungen. Die Last der Abgaben erdrückt das Volk; ein gedrücktes Volk aber ist nie frei! Und wenn seine Führer glauben, das Volk sei zufrieden mit den schönen Reden, welche sie seit Jahren gehalten; wenn sie glauben, es lasse sich heute, da man alles erlangen kann, noch länger vertrösten und hinhalten, so wird es sich bald zeigen, dass sie sich irren, und dass das Volk sich von den bisherigen Führern trennt und auf eigene Faust handelt! Schon hat dies begonnen, und es wird sich weiterverbreiten und allgemein werden. Das Volk wird also auf diese Weise die Einigkeit erlangen. Weiterlesen
Ob die Führer heute das Rätsel lösen, wie das Volk mit seinen Fürsten wohlfrei regiert werden könne, wollen wir sehen; wir wissen aber zum Voraus, dass dies unmöglich ist. Wir werden unter der bisherigen Fürstenherrschaft also weder frei noch einig noch wohlfrei regiert sein, und alle Wünsche des Volkes zerfielen somit in Nichts. Darum Volk, mahne deinen Führer ernsthaft: Mut und Entschlossenheit zu zeigen, oder handle selbst.
Wenn die Führer den Mut nicht haben, so rufe du aus:
Fort mit den Fürsten und ihrem Anhang; wir wollen uns selbst regieren, einig, frei und wohlfrei.
Es lebe die Republik!
Offenburg, 19. März 1848
Bereits unterm 12. September des Vorjahres stellte die Versammlung zu Offenburg die Forderungen des Volkes fest.1 Sie verlangte damals schon unter anderem namentlich eine volkstümliche Wehrverfassung, eine gerechte Besteuerung, Ausgleichung des Missverhältnisses zwischen Arbeit und Kapital und Abschaffung aller Vorrechte. Die Regierung hat diesen Forderungen mit Hochverratsprozessen geantwortet, allein das Volk hat sie beim Zusammentritt des Landtages erneuert und nach dem gewaltigen Umsturz im Westen mit gesteigerter Kraft auf deren Erfüllung gedrungen. Diesem unwiderstehlichen Drang nachgebend haben dieselben Regierungsmänner, welche die Redner der Offenburger Versammlung vom 12. September mit Hochverratsprozessen verfolgt hatten, Zugeständnisse gemacht, deren Halbheit nur schlecht den Hintergedanken verhüllte. Bei günstiger Gelegenheit, wie in den dreißiger Jahren, die abgerungenen Zugeständnisse zurückzunehmen und in ihr Gegenteil zu verkehren. Weiterlesen
Das Volk hat erkannt, dass die ihm zuteil gewordenen Zugeständnisse nicht der staatsmännischen Einsicht und dem guten Willen der Machthaber, sondern den gewaltigen Bewegungen des Volkes, der äußeren Anregung der französischen Revolution und den Kundgebungen vom 1. und 2. März des Jahres zuzuschreiben seien.
Jeder denkende Freund des Vaterlandes erkennt klar und deutlich, dass in den Pariser Februartagen nur der Anfang einer Völkerbewegung gemacht worden sei, welcher mit unabweisbarer Notwendigkeit seine Fortsetzung in allen Staaten Europas erlangen müsse.
Der Kampf der Volksherrschaft und der Einherrschaft hat begonnen. Deutschland, seit Jahrhunderten das große Schlachtfeld aller staatlichen und kirchlichen Kämpfe, wird auch jetzt wiederum den Zusammenstoß zwischen einem despotischen Nordosten und dem freigesinnten Südwesten Europas am schwersten empfinden. Darum tut es not, dass unser Vaterland beizeiten eine feste Stellung seinen auswärtigen und inneren Feinden gegenüber einnehme.
Das verlangt daher vor allen Dingen: Ein deutsches Parlament, welches im Großen seine Verhältnisse nach innen und außen kräftig ordne und frei gestalte, und dessen erste Aufgabe sein wird, der deutschen Nationalität und Selbstständigkeit Anerkennung zu verschaffen.
Was insbesondere unsere badischen Angelegenheiten betrifft, so erklärt die Volksversammlung von Offenburg:
I. Mehrere Mitglieder der Regierung und der größte Teil der Beamten besitzen das Vertrauen des Volkes nicht, weil einzelnen der gute Wille, anderen die erforderliche Kraft fehlt.
Das Volk (...) lässt sich nicht täuschen durch das Vorschieben liberaler Persönlichkeiten. Anstößig ist dem Volk namentlich der Einfluss, welchen der Markgraf Wilhelm2 seit langer Zeit auf die Staatsgeschäfte überhaupt und das Militärwesen insbesondere ausgeübt hat. Nicht minder anstößig ist ihm der Einfluss einiger Personen aus der nächsten Umgebung des Großherzogs3, welche man mit dem Namen Kamarilla zu bezeichnen pflegt.
II. Das Volk hat kein Vertrauen zu der ersten Kammer der Ständeversammlung, da dieselbe aus Privilegierten besteht, welche ihren Sonderinteressen das Wohl des Volkes stets geopfert haben. – Das Volk verlangt Abhilfe gegen diesen Überstand vermittelst einer Revision der Verfassung.
III. Das Volk hat kein Vertrauen zu einer großen Anzahl der Mitglieder der zweiten Kammer, da dieselben durch Wahlbeherrschung und Wahlverfälschung unter dem Einfluss der Zensur und der Polizei gewählt wurden und sich als blinde Werkzeuge in den Händen jedes Ministeriums erwiesen haben. – Das Volk verlangt den Rücktritt der reaktionären und gesinnungslosen Partei der zweiten Kammer.
IV. Das Volk besitzt durchaus keine Bürgschaften für die Verwirklichung seiner Forderungen und die Begründung eines dauerhaften Zustandes der Freiheit. Es muss sich diese Bürgschaften selbst verschaffen.
Demzufolge bildet sich:
1) In jeder Gemeinde des badischen Landes ein vaterländischer Verein, dessen Aufgabe ist, für die Bewaffnung, die politische und soziale Bildung des Volkes, sowie für die Verwirklichung aller seiner Rechte Sorge zu tragen.
2) Sämtliche Vereine eines Wahlbezirkes bilden einen Bezirksverein, sämtliche Bezirksvereine einen Kreisverein, die vier Kreisvereine einen Landesverein.
3) An der Spitze jedes dieser Vereine steht ein leitender Ausschuss.
4) Für jeden dieser Vereine bildet sich sofort eine Vereinskasse zur Bestreitung der notwendigen Auslagen.
5) Alle Provinzen Deutschlands sollen aufgefordert werden, ähnliche Vereine zu bilden und mit dem badischen Landesverein in freundschaftlichen Verkehr zu treten.
V. Das Volk verlangt von der Ständeversammlung, dass sie die entschiedensten Maßregeln treffe, um zu bewirken, dass die Regierung:
1) Sofort eine Verschmelzung des stehenden Heeres und der Bürgerwehr durchführe, zum Behufe der Bildung einer wahren, alle waffenfähigen Männer umfassenden Bürgerwehr.
2) Alsbald alle Abgaben abschaffe, außer den Zollvereinsabgaben und etwa der direkten Steuern, und ihre Ausgabe decke durch eine progressive Einkommens- und Vermögenssteuer.
3) Dass sofort alle Vorrechte, welchen Namen sie tragen, abgeschafft werden.
4) Dass ungesäumt die Schule von der Kirche getrennt werde.
Vorstehende Anträge wurden der Volksversammlung vorgelegt und von derselben mit nachfolgenden Abänderungen und Zusätzen mit überwältigender Stimmenmehrheit angenommen.
Zu I. wurde beschlossen, statt „mehrere Mitglieder der Regierung“ zu setzen: der Präsident des Kriegsministeriums.
Zu II. wurde angenommen mit dem Zusatz: das Volk will nur eine Kammer.
Zu V. 1) wurde angenommen mit der Abänderung, statt „sofort“: „unverzüglich“ oder „auf der Stelle“.
Zu V. 2) wurde angenommen mit dem Zusatz: wir wollen eine wohlfeile Regierung, Abschaffung der Apanagen und unverdienter Pensionen.
Zu V. 4) wurde angenommen mit dem Zusatz: die Pfaffen haben zu viel, die Lehrer zu wenig. Wir wollen gerechte Ausgleichung dieses Missverhältnisses.
In einer so schweren und bewegten Zeit, da jede Stunde das Volk aufrufen kann, Gut und Blut zu opfern auf dem Altar des deutschen Vaterlandes, darf kein hinterhältiger Gedanke (...) stattfinden, weshalb ich, so weit meine Wahrnehmungen gehen, den Lesern einen Faden an die Hand geben will, der sie auf den Irrgängen der Zweifel, Vermutungen, Gerüchte und Lügen zur Tageshelle der Wahrheit leitet.
Die offene und entschiedene Verhandlung des größten Teils des Seekreises über die Frage: ob Monarchie, ob Republik, hatte ziemlichen Schrecken in die Regierungen sowohl, als in die Liberalen der zweiten Kammer gebracht, von den Ministeriellen zu schweigen. In die Regierung vermutlich aus dem Grunde, weil sie nicht republikanisch gesinnt sein mag, in die liberalen Kammermitglieder, weil sie fürchteten, dass voreilige Schritte eine Spaltung im Lande und eine Vereitelung ihrer Pläne zur Folge haben könnten, auch weil die Lüge ausgestreut worden war, als sei beantragt, dass Konstanz, dass der Seekreis sich vom übrigen Land trennen wolle. Der Herr Minister Bekk4 erließ daher einerseits einen Verhaltungsbefehl hinsichtlich meines Wirkens und sandte anderseits die Abgeordneten Mathy und Straub in den Seekreis, um die entstandene Bewegung zu dämpfen. Die Ausführung des Ersteren wurde unredlich gefunden, die Bemühungen der Letzteren schlugen gegen sie aus, so dass sie auf ihrem Rückweg solche Äußerungen des Volksunwillens erfuhren, welche ihnen genugsam zeigten, welch’ großen Missgriff sie mit Übernahme ihrer Mission gemacht. (...)
Zu gleicher Zeit langten Briefe des Abgeordneten Welcker in seinem Wahlbezirk an, welche vor übereilten Schritten warnten, und mit denselben erschien eine Erklärung mehrerer Abgeordneter in der Karlsruher Zeitung, welche lautet wie folgt:
„Es ist durch Wort und Schrift das Gerücht verbreitet worden, in der am 5. des Monats zu Heidelberg abgehaltenen Versammlung5, von welcher die Erklärung wegen eines deutschen Parlaments ausgegangen, habe man die Gründung einer deutschen Republik insgeheim beschlossen. Die Unterzeichneten, welche der erwähnten Versammlung beigewohnt, erklären dieses Gerücht für eine Unwahrheit. Karlsruhe, den 15. März 1848. Soiron. Stöffer. Bissing. Bassermann. Schmidt. Weller. Welcker. Kapp. Itzstein.“
Alle diese Umstände waren geeignet, einige Verwirrung und Zwiespalt nicht allein im Seekreis, sondern auch im Land überhaupt hervorzubringen. Unter diesen Verhältnissen trat ein Teil der Konstanzer Abordnung, welcher ich mich beigesellte, die Reise nach Offenburg an. In Villingen war zwei Tage zuvor eine Volksversammlung gewesen, welcher Mathy und Straub angewohnt hatten, und deren Geist am besten dadurch sich bekundete, dass, als Mathy sich äußerte: wir kommen nun zur „Besprechung der republikanischen Regierungsform“, die Versammlung in jubelnde Lebehochs ausbrach, welche dann freilich auf Mathy’s weiteren Vortrag, der gegen die Republik gegangen sein soll, etwas umgestimmt worden. Irgendeine Behelligung der Konstanzer Abordnung oder einer Person derselben in Villingen, wie lügenhafterweise ausgestreut worden, um der Sache zu schaden, fand so wenig statt, als überhaupt ein unfreundliches Wort gewechselt worden. In Föhrenbach zeigte die daselbst anwesende Versammlung von Bürgern aus der Umgebung in ihrer großen Mehrheit entschiedene Übereinstimmung für die Republik.
Die Abordnung beeilte sich nun, um zur Vorberatung nach Offenburg zu kommen, welches sie Samstag, den 18., des Nachmittags erreichte.
Da die Mannheimer noch nicht eingetroffen waren, wurden die Stunden, welche man übrig hatte, benützt zu Besprechungen mit Freunden, Bekannten und Männern aller Klassen aus dem Volke, um sich über den Stand der Sache zu unterrichten, und es war jedem, dem die Sache wahrhaft am Herzen lag, wohltuend, durchweg die Wahrnehmung zu machen, dass der Gewerbestand und der Bauer wie der gedrückte Proletarier nicht bloß den sehr einfachen Gedanken der Republik schnell begriffen hatten und ihm innig anhingen, sondern dass mit dieser Gesinnung auch der Mut und die Tatbereitschaft verbunden war, sie auf den ersten Ruf durchzuführen. Jene Redensarten, welche stets von Anhänglichkeit an den republikanischen Grundsatz überfließen, aber hinsichtlich der Zeit der Ausführung sich hinter „Rücksichten“, „Klugheit“ und Wegleugnung der Volksgesinnung verschanzten, waren nur zu vernehmen von der Angehörigen der sogenannten höheren Stände von „gebildeten“ Leuten, welche glauben, dass dem Volk mit schönen Reden geholfen sei, und welche höchstens wünschen, dass die „Ereignisse“, d. h. der Mut des Volkes anderwärts die Republik herbeiführen, ohne dass sie, die dann doch an der Spitze glänzen möchten, ihre Köpfe einsetzen müssten. Mit Ausbruch der Nacht langten die Mannheimer Kammer-Abgeordneten an, mit ihnen der unermüdete Struve und Grohe6, der Zauderer. Die Konstanzer Abordnung hatte sich zerstreut, und ich war allein zugegen, als sie im Gasthof anlangten.
Mein persönliches Benehmen gegen dieselben mang etwas schroff gewesen sein, da ich einesteils nicht einverstanden war mit der Art und Weise, wie sie die Offenburger Versammlung zu lenken gedachten, und andernteils ich der Meinung war, Mathy und Straub7 hätten, wie ersterer hier selbst behauptet, im Einverständnis mit ihren Kollegen gehandelt, als sie die Sendung nach der Seegegend übernahmen. Dies führte meinerseits zu heftigen Erklärungen gegen dieselben und zu dem Entschluss, mit ihnen gar nicht zu verkehren, sondern unmittelbar vor das Volk zu bringen, was mir auf dem Herzen lag. Hierin wurde ich bestärkt durch das zahlreiche Eintreffen der mit Vollmachten ihrer Gemeinden versehenen Abgeordneten aus dem Seekreis, welche den entschiedenen Geist mitbrachten und erklärten, dass sie nicht halben, sondern ganzen Maßregeln beistimmen und dieselben mit Gut und Blut unterstützen würden. Struve und der Abgeordnete Sachs drangen mir aber mit wiederholten Vorstellungen im Interesse der Sache, welcher wir dienen und welche nur durch Einigkeit zum Ziel gelangen könne, die Zusage ab, einer Beratung auf Itzsteins8 Zimmer anzuwohnen.
Hier waren etwa an zwei Dutzend Kammerglieder und Gemeindeabgeordnete versammelt. Struve verlas den der Volksversammlung zu machenden Vorschlag, welcher in Mannheim vorberaten worden war. Alle Anwesenden erklärten, Republikaner zu sein, hielten aber, teils wegen noch mangelnder Bewaffnung des Volkes, teils wegen mangelnder Organisation, teils weil der Gedanke einer Republik in den übrigen deutschen Ländern noch nicht vorbereitet genug sei, den Zeitpunkt für zu früh, um die Volksversammlung zu einer republikanischen Erklärung zu veranlassen. Aber so nah am Abgrund des Verderbens liegt die Monarchie, dass nicht einer der Anwesenden sich getraute, ihr das Wort zu sprechen, sondern alle anerkannten: „Sie habe sich selbst untergraben und müsse stürzen“, nur glaubten sie den Zeitpunkt dazu heute noch nicht gekommen, die Republik zu erklären.
Ich verfocht die gegenteilige Ansicht, davon ausgehend, wenn die Monarchie wurzellos dastehe, der Boden nur für die Republik geeignet sein könne; dass das Volk überall nicht bloß Einheit und Freiheit, sondern Erleichterung der Lasten und wohlfeile Regierung verlange; dass aber nie eine Fürstenregierung, sondern nur eine Volksregierung einfach und wohlfeil sein könne; dass die Verlängerung des gegenwärtigen provisorischen Zustands, die Stockung in Handarbeit, Gewerben, Handel, Kreditverhältnissen und die fortwährende Furcht vor neuer Umwälzung und Änderung der Staatsverhältnisse weit schlimmer sei, als eine plötzliche Revolution, aus welcher sogleich eine bestimmte Gestaltung der Dinge hervorgehen müsse; dass bei Staatsumwälzungen nicht immer Klugheit und Rücksichten, sondern auch Kühnheit und kecke Griffe zum Ziel führen; dass gegenwärtig die Regierungen kein Widerstandsmittel haben, und das Losungswort, von einem deutschen Staat ausgesprochen, seine zauberhafte Wirkung in ganz Süddeutschland nicht verfehlen, dass es im Osten wie im Norden Anklang finden würde; dass hingegen ein deutsches Parlament, besonders wie es vorgeschlagen sei, weder fähig erachtet werden könne, Deutschlands Gesinnungen auszudrücken, noch dass es Bürgschaften gebe, im Sinne der Nation zu handeln, und dasselbe kein Vertrauen im Volk habe. Da sich viele Widersprüche nicht vereinigen konnten, so stellte ich nach Rücksprache mit dem Mitabgeordneten Dr. Stephani und den Abgeordneten von Überlingen die letzte Bedingung dahin, dass dem Vorschlag an die Volksversammlung jedenfalls der Zusatz gemacht werden müsse:
Das Volk verlangt von der Ständeversammlung, dass sie die entschiedensten Maßregeln treffe, um zu bewirken, dass die Regierung:
1) Sofort eine Verschmelzung des stehenden Heeres und der Bürgerwehr durchführe, zum Behufe der Bildung einer wahren, alle waffenfähigen Männer umfassenden Bürgerwehr.
2) Alsbald alle Abgaben abschaffe, außer den Zollvereinsabgaben und etwa der direkten Steuern, und ihre Ausgaben decke durch eine progressive Einkommens- und Vermögenssteuer.
Diese Anträge wurden angenommen und nach einer weiteren, allgemeinen Debatte über den Stand der Sache und der Zweckmäßigkeit des eingeschlagenen Weges, trennte sich lange nach Mitternacht die Versammlung.
Am Morgen des 19. zeigte sich erst recht fühlbar der Mangel an Anordnung einer Vorberatung. Nur die Abgeordneten des Seekreises, fast alle mit schriftlichen Vollmachten ihrer Gemeinden versehen, versammelten sich im Saal zum Adler, wählten einen Ausschuss von 12 Mitgliedern, welcher bei der erwarteten Vorverhandlung die Vollmachten übergeben und die Stimme des Seekreises vertreten sollte. Dieser Vorbereitung der Seekreiser hatte auf mein Ersuchen der Abgeordnete Sachs9 angewohnt. Als wir aber zur sogenannten Vorverhandlung auf dem Rathaussaal anlangten, war dessen kleiner Saal statt von Ausschüssen oder Abgeordneten der übrigen Kreise von einem gemischten Publikum angefüllt oder vielmehr überfüllt. Von einer geordneten Beratung konnte umso weniger die Rede sein, als die Zeit zur Hauptversammlung drängte. Man nahm weder Vollmachten ab noch sonst irgendeine Verhandlung vor, außer den Wahlvorschlägen für die Mitglieder der Zentralregierung. Die Hauptverhandlung selbst wurde durch Itzstein eröffnet, dessen Reden, so wie jene aller übrigen Sprecher, mit Ausnahme Gottschalk’s10, der Republik huldigten, aber meistens von der Besorgnis durchdrungen waren, dass man in einzelnen Landesteilen diese Staatsform zu früh erklären möchte, was man, um die Einheit mit dem übrigen Deutschland nicht zu verlieren, zu verhindern wünschte.
Die Stimmung im Volk war durchaus entschieden, was schon daraus hervorging, dass die am weitesten gehenden Anträge mit dem rauschendsten Beifall angenommen wurden. Der Eindruck, den die Behandlung der Versammlung auf mich machte, war sehr peinlich, ich darf sagen, eine Seelenqual; denn ich sah den Mut auf der Straße stehen und die Bedenklichkeit bei den Lenkern tagen. Überhaupt waren „Klugheit und Rücksichten“ die Schlagworte, welche mir hundertmal durch die Ohren gejagt wurden, und ich hätte ganz darauf verzichtet, das Wort zu ergreifen, wenn nicht Gottschalk mit seiner konstitutionellen Monarchie gekommen wäre, und man mich nicht dadurch einzuschüchtern versucht hätte, dass man mir vielfach sagte, dass ich durch komplottartiges Zusammenwirken ausgepfiffen würde, wenn ich mich als Sprecher blicken ließe. Mit wenig Worten trat ich daher Gottschalk entgegen und erklärte ferner: „Ich gehöre der äußersten republikanischen Richtung an“, und nur die Rücksicht darauf, dass der Strom der Ereignisse schon so in vollem Treiben sei, dass die nächsten Wochen unzweifelhaft Entscheidung herbeiführen werden, wozu selbst die von der Versammlung gefassten Beschlüsse mitwirken, so wie der Wunsch, die Einigkeit (der Führer) nicht zu stören, könne mich abhalten, heute die entsprechenden Anträge zu stellen. Dies ist die Wahrheit und nicht die Lügenberichte, welche sich gleichlautend mit wenigen Ausnahmen durch die gesamte deutsche Zeitungswelt ziehen, die Versammlung als unrepublikanisch schildern und mir sogar ein Bekenntnis in den Mund legen, als hätte ich mich zu einer Übereilung bekannt. Im Gegenteil war noch keine Sekunde in mir die Überzeugung erschüttert, dass ich noch nie einen richtigeren Blick in meinem ganzen vergangenen politischen Wirken gehabt, als über die Wirkungen, welche die französische Revolution auf Deutschland äußern würden, und über die Mittel, welche angewendet werden sollten, um die große Bewegung zur Wohlfahrt des Vaterlandes zu lenken. Von Tag zu Tag mehr wird meine Voraussicht bestätigt, und was ich in engeren und weiteren Kreisen wiederholt seit drei Wochen erklärte, lege ich hier in wenigen Worten nochmals nieder:
„An dem Sieg der republikanischen Bewegung in ganz Deutschland hege ich nicht mehr den geringsten Zweifel. Wenn aber die Regierungen noch vier Wochen fortfahren sollten, die Unhaltbarkeit ihrer Stellung zu verkennen, wenn ein Teil des besitzenden Bürgertums sich ferner offen oder geheim der Bewegung entgegenstemmt, wenn dasselbe verweigern sollte, die schwer misshandelten Proletarier (die Armen, Besitzlosen, Gedrückten) als Brüder aufzunehmen und ihnen eine bessere Zukunft anzubahnen, so wird dieses Proletariat ausschließlich die Bewegung an sich reißen, und ein gähnender Abgrund wird nicht allein die schlechten Staatsordnungen, sondern tausend und abertausend gute freiheits- und bruderliebende Bürger verschlingen, weil die lange Gedrückten von Rachedurst erfüllt, weder ein Ziel der Bewegung, noch eine Berechtigung irgendeines bestehenden Verhältnisses anerkennen werden. Dieser nur zerstörende, nicht aber aufbauende Kreislauf würde aber dann auch das Grab der Freiheit und das Unglück der Armen selbst sein, weil sie entweder in fortwährender Anarchie zugrunde gehen oder einem zur Herrschaft gelangenden Despotismus anheimfallen müssten. Noch ist es Zeit, das Schlimmste zu hindern, allein schon klopft der Mahner an der Tür, und noch hält die Verblendung jene für ihre Feinde, die ihr die Wahrheit sagen.
Konstanz, 30. März 1848
Fickler
1 Auf Initiative von u.a. Gustav Struve und Friedrich Hecker trafen sich am 12. September 1847 im badischen Offenburg zwischen 800 und 900 Menschen in und vor dem Gasthaus „Salmen“ zur ersten „Offenburger Versammlung“. Ergebnis der Veranstaltung war die Proklamation von 13 „Forderungen des Volkes in Baden“. Dieses Offenburger Programm war die programmatische Basis der demokratischen Bewegung des Vormärz.
2 Wilhelm Ludwig August, Prinz und Markgraf von Baden (1792-1859), war der Kommandeur der badischen Brigade in Napoleons Grande Armée, die 1812 in den Feldzug gegen Russland geschickt wurde. Von 1819 bis 1858 war Wilhelm Präsident der 1. Kammer der Badischen Ständeversammlung.
3 Karl Leopold I. Friedrich von Baden (1790-1852), von 1830 bis zu seinem Tod Großherzog von Baden.
4 Johann Baptist Bekk (1797-1855), badischer Jurist und Politiker, ab 1831 Mitglied in der Zweiten Kammer der Badischen Ständeversammlung und von 1842 bis 1846 ihr Präsident. 1846 trat Bekk als Staatsrat in die badische Regierung ein; im Dezember des gleichen Jahres wurde er zum Innenminister ernannt, was er bis zum 3. Juni 1849 blieb.
5 Die Heidelberger Versammlung war ein Treffen von 51 liberalen und demokratischen Politikern am 5. März 1848 im Gasthaus Badischer Hof in Heidelberg. Dazu eingeladen hatte der liberale Politiker Johann Adam von Itzstein. Die Versammlung war ein wesentlicher Impuls für das Vorparlament und damit für die Frankfurter Nationalversammlung. Wichtigstes Ergebnis dieses Treffens war die von Carl Theodor Welcker angeregte Einsetzung eines Siebenausschusses, der die Einladungen für das Vorparlament in Frankfurt am Main aussprach.
6 Clemens Grohe (1829-1900). Kaufmann und Politiker.
7 Sebastian Straub (1810-1883), Jurist und Politiker. Von 1844 bis 1848 Bürgermeister in Stockach, von 1845 bis 1848 liberaler Abgeordneter der Zweiten Kammer im Badischen Landtag. Straub war ein Freund von Friedrich Hecker, im Laufe der Zeit lehnte er jedoch die aus seiner Sicht radikale Einstellung von Hecker immer mehr ab, weshalb er noch im Jahr 1848 sein Landtagsmandat zurückgab und als Bürgermeister zurücktrat.
8 Der Publizist Adam von Itzstein (1775-1855) war einer der prominentesten Liberalen und gestaltete als Abgeordneter der zweiten badischen Kammer ab 1822 erste Reformen mit. Baden war zu dieser Zeit eines der wenigen Länder, das durch eine Verfassung bereits erste politische Mitbestimmung ermöglichte. Doch auch hier wurde die Opposition um Itzstein mit Zensur und Verfolgung belegt. Bald schied er ganz aus dem Verwaltungsdienst aus und betätigte sich nun publizistisch im Kreis um den Initiator des Hambacher Fests, Georg August Wirth. Als Itzstein 1837 ein großes Weingut im Rheingau erbte, gestalte er dies zu einem zentralen Treffpunkt der Liberalen. Hier trafen sich demokratische Vorkämpfer wie Robert Blum oder Johann Jacoby mit liberalen Juristen wie Carl Theodor Welcker oder Heinrich von Gagern. Dieser „Hallgartener Kreis“ wurde zum Sammelbecken der liberalen Opposition aus allen deutschen Ländern.
9 Wilhelm Sachs (1801-1866), Unternehmer und radikaler Demokrat. 1847 wurde er zum Abgeordneten in die Zweite Kammer der Badischen Ständeversammlung gewählt. Im Rahmen der Märzrevolution 1848 nahm er an der Heidelberger Versammlung teil und war Mitglied des Vorparlamentes und Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung.
10 Andreas Gottschalk (1815-1849), eine der markantesten Persönlichkeiten Kölns im 19. Jahrhundert, konvertierte vom Judentum zum Christentum, wobei für ihn die „Brüderlichkeit aller Menschen“ ein wichtiges Motiv war. Er erkannte Armut und Elend als Ursachen von Krankheiten, engagierte sich sozial und war als Gründer und Präsident des Kölner Arbeitervereins einer der Pioniere der Arbeiterbewegung. Als Arzt der Armen starb er an einer in Köln grassierenden Cholera-Seuche.
Wer nicht zu jener Klasse starrsinniger Menschen gehört, welche die Baufälligkeit ihres Hauses so lange leugnen, bis es einstürzt und sie unter den Trümmern begräbt, oder zu jener, welche in der ohnmächtigen Hand die Zügel behaupten wollen, obgleich der alte Staatswagen dem Abgrunde zu, in unaufhaltsamer Schnelligkeit rennt; der wird unbedingt zugeben, dass nur eine durchgreifende politische und gesellschaftliche (soziale) Umgestaltung das Hereinbrechen vollständiger Anarchie hindern und die Grundlage bilden könne, auf welcher die künftige Staatsordnung zu beruhen und das Vertrauen in den Bestand der Dinge, und mit demselben der öffentliche und der Privatkredit, wieder anzuwachsen vermögen, ohne welche alle wissenschaftlichen Ideen zur Beseitigung der Armut unfruchtbar sein werden, weil der Nerv aller Betriebsamkeit gelähmt und die Arbeitsstockung tiefer eingreifend ist als der beste Wille der Staatsmänner, die höchste Einsicht der Finanziers und selbst die öffentlichen Mittel des Staats dagegen zu wirken vermögen. Diese erforderliche durchgreifende Umgestaltung kann nach unserer innersten Überzeugung nur bewirkt werden durch Verwandlung der Monarchie in die Republik. Wir begründen diese Behauptung: Weiterlesen
Unter die vordersten Bedürfnisse des Volkes ist das einer einfachen und wohlfeilen Regierung zu zählen; es will Erleichterung der auf ihm ruhenden Lasten. Diese Lasten aber entspringen aus der Unterhaltung des stehenden Heeres; der übermäßigen Zahl von Beamten, welche zudem von 2000 Talern aufwärts fast alle zu hoch bezahlt sind; sie entspringen aus der übertriebenen Anzahl der Pensionäre, von welchen ein Teil wegen Unfähigkeit, ein anderer Teil aber deshalb von Amt und Stelle entfernt wurde, um Besserbegünstigten Platz zu machen; sie entspringen aus den Ansprüchen der Mediatisierten1 und des hohen und niederen Adels auf Staatseigentum oder auf Leistungen der Bürger; endlich entspringen sie aus den ungeheuren Apanagen und Zivillisten2 der fürstlichen Häupter.
Die Lasten aber drücken doppelt hart, weil sie nach einem gänzlich verkehrten Finanzsystem bemessen und ausgeteilt sind, auch die Überwachung ihrer Erhebung unverhältnismäßig teuer ist.
Das stehende Heer.
Seit einer langen Reihe von Jahren hat man fortwährend behauptet, dass die Last des stehenden Heeres ebenso hart drücke, als es unzureichend sei zum Schutz des Staates. Die Schwere dieses Drucks ist heute unwidersprochen, und ebenso liegt die Unmöglichkeit des stehenden Heeres zum Schutz des Staates gegen außen am Tag, wenn dasselbe nicht verknüpft ist mit einer allgemeinen Volksbewaffnung. Sobald aber eine allgemeine Volksbewaffnung eingeführt ist, bedürfen wir so wenig eines stehenden Heeres als die Schweiz, deren Bevölkerung die des Großherzogtums Baden etwa um die Hälfte übersteigt, und welche, wie die neuste Geschichte zeigt, innert 14 Tagen ein schlagfertiges Heer von 130.000 Mann ins Feld stellte. – Das deutsche Volk bedarf daher zu seinem Schutz keines stehenden Heeres, wohl aber glaubt jene oberste Regierungsgewalt, deren Interesse abweicht von jenem des Volkes (die Monarchie), zu ihrem Schutz gegen das Volk des stehenden Heeres zu bedürfen. Aus diesem Grund wird es schwer gehen, die Monarchie zur Aufhebung des stehenden Heeres zu vermögen, wenngleich die Beispiele der jüngsten Zeit sattsam zeigten, dass jene Tage ihrem Ende nahen, wo die Söhne zu Schlächtern ihrer eigenen Väter und Brüder sich gebrauchen ließen.
Die Republik und die Monarchie werden schwerlich lange im Frieden nebeneinanderstehen, weil ihre Grundsätze sich entgegenstreben, und jede dieser Staatsformen durch die andere sich bedroht glaubt; wie sehr nun auch Frankreich in materieller Hinsicht die Aufhebung seines stehenden Heeres wünschen mag, so wird sie aus den vorgebrachten Gründen schwerlich erfolgen. Wäre aber Deutschland, wenn auch nur teilweise, eine Republik, so würde gegenseitige Verständigung leicht sein, denn die Völker haben kein Interesse, sich zu bekriegen, sondern den friedlichen Verkehr zu pflegen. Frankreich und Deutschland haben beide sowohl Boden als andere Bedingungen genug, um glücklich zu sein; so bald gegenseitiges Vertrauen herrscht, wird der Frieden nicht in Gefahr stehen. Zur gegenseitigen Abschaffung der stehenden Heere ist also das einzige Hindernis: die Monarchie.
Die große Zahl und die hohen Besoldungen der Beamten.
Ein Staat, dessen peinliche und Zivilrechtspflege, dessen Verwaltung und Polizei auf sogenannten Wissenschaften beruhen, deren Begründung und Bekämpfung Hunderte, ja Tausende von Foliobänden in Anspruch genommen hat, deren Zahl wir durch die Bemühungen der ehrenwerten Gelehrtenzunft täglich noch zunehmen sehen, ein solcher Staat muss notwendig eine so verwickelte und vielfältige Gesetzgebung, ein so zusammengesetztes Triebwerk haben, dass es nur durch ein Heer von Beamten regiert werden kann, deren gesunder Verstand noch überdies in dem gleichen Grad verwirrt werden muss, je mehr sie sich in dem Wust der sogenannten Wissenschaft verirren. Wenn nun der Staat von jenen, welche sich seinem Dienst widmen, fünfzehn- bis zwanzigjährige Übung fordert, bis er sie zu einer unwiderruflichen Anstellung für fähig erachtet, so ist es begreiflich, dass diesen vorausgegangenen Opern auch eine entsprechende Entschädigung durch Besoldung, eine lockende Aussicht auf Beförderung vorschweben muss. Da aber das Volk eine Wissenschaft weder anerkennt noch wünscht, welche ihm eine Gesetzgebung aufnötigt, die zu weitläufig und zu verwickelt ist, als dass die große Masse der Bürger je dieselbe nur lesen, geschweige denn verstehen könnte, so verlangt es von seinen Beamten auch nicht die unfruchtbaren und kostspieligen Studien, es verlangt von ihnen nur Verstand und Rechtlichkeit, um einfache Gesetze, die es sich selbst geben wird, zu verstehen und anzuwenden. Damit fällt dann auch der Anspruch auf lebenslängliche Anstellungen und übermäßig hohe Besoldungen weg, welch letztere übrigens meistens doch nur den Begünstigten zukommen, da das Talent in der Regel mehr unterdrückt als hervorgehoben wird, weil es eher verschmäht, der Macht unterwürfig zu sein als die Mittelmäßigkeit. Wie ist es aber denkbar, dass unter der Monarchie, unter der Herrschaft von Leuten, die sich in ihrer Lage so wohl befinden, ein Wust von sogenannter Wissenschaft und dem darauf gebauten Machwerk, Gesetze und Verordnungen genannt, abgeschafft werden, wenn nicht das Volk durch die Männer seiner Wahl dies bewirkt. Wie ist es aber denkbar, dass je das Volk dazu komme, die Gesetze durch die Männer seiner Wahl machen und vollziehen zu lassen, als unter der Republik. Die Hauptschutzwehr der jetzigen Gesetzgebung, der Hauptwall für das stehende Heer der Beamten und für die hohen Besoldungen der „höheren“ Staatsdiener, wird daher stets sein: die Monarchie.
Das Heer der Pensionäre.
Aus dem gleichen Grund, welchem das Heer von Beamten und die hohen Besoldungen entsprießen, wächst auch das Heer der Pensionäre. Wenn die Leute 15-20 Jahre darangesetzt haben, zu einer Staatsanstellung zu gelangen, so wollen sie für den gehabten Aufwand an Zeit und Geld auf der anderen Seite auch Sicherheit haben gegen willkürliche Entlassung, von welcher Seite dieselbe auch veranlasst werden möchte. Daher die Staatsdienerpragmatiken, welche im Laufe der Zeit zu einer wahren Landplage geworden sind, weil auf ihren Grund hin nicht allein eine Menge Leute, deren Untauglichkeit im Staatsdienst sich erwies, sondern auch gar viele, welche bei voller Befähigung dem Staat noch gerne länger gedient hätten, auf den Pensionsetat gesetzt wurden, um anderen nachdrängenden oder begünstigten Anstellungslustigen Platz zu machen. Bei einem Gesetzgebungssystem, welches so große Vorauslagen bis zur Befähigung zum Staatsdienst erfordert, ist die Abschaffung des Pensionswesen ohne große Härten nicht denkbar, weil die entlassen werdenden Beamten, welche zu keinem anderen Lebensberufe sich befähigt haben, gleichsam als Bettler in die Welt gestellt wären, was aber nicht der Fall sein wird, wenn vier- bis höchstens sechsjährige Amtsdauer eingeführt wird, die Beamten meistens in dem Kreis ihrer Heimat gewählt werden und in der Regel nicht genötigt sind, ihrem Beruf zu entsagen, weil der größte Teil derselben nur zeitweilig sich der Amtstätigkeit zu widmen braucht, wie z. B. die Bezirks- und Kreisgerichte und die Geschworenen. Allein das Hindernis, diese einfache Gesetzgebung herbeizuführen, die Beamtenwahl in die Hand des Volkes zu legen und den Pensionsetat ganz zu beseitigen, ist wieder das alte. Die Beamtenwahl wird als Thronrecht beansprucht, das volkstümliche Prinzip steht im Widerspruch mit demselben, wir scheitern wieder an den Ansprüchen der Monarchie! (…)
Die Zivillisten und Apanagen
Durch jene berüchtigte Finanzwissenschaft, welche unter dem unschuldigen Titel: „mittelbare (indirekte) Abgaben“ ein ins tiefste Mark des Bürgers eindringendes Aussaugungssystem erfand, wurden die Zahlen der Staatseinnahmen auf eine Höhe getrieben, die man 30 Jahre früher auch nicht annähernd für erschwingbar gehalten hätte. Dies allein konnte auch Veranlassung sein, die Zivillisten und Apanagen der fürstlichen Familien auf eine Höhe zu schrauben, die in einem wahrhaft schrecklichen Gegensatz steht zu der herben Not so vieler Tausende in allen Staaten; von jenen Unglücklichen an, welche armutshalber von jeder Erziehung ausgeschlossen, sozusagen in der Wiege schon zu Verbrechern und Taugenichtsen bestimmt sind, bis zu jenen, welche in Schlesien an der Hungerpest starben.
An die beträchtliche Verringerung oder gar Abschaffung dieser großen Staatslast ist natürlich am wenigsten zu denken bei dem Fortbestand der Monarchie. (...) Man mag vielleicht einwenden, auch die Republik werde die Lasten nicht plötzlich wegblasen können; man werde die Beamten und Pensionäre nicht totschlagen oder dem Hungertod preisgeben. Und wir antworten darauf: Allerdings wird dies nicht geschehen. Man wird, indem man dem Elend eines Teils der Staatsangehörigen abzuhelfen sucht, nicht einen anderen an seine Stelle setzen (...). Wenn die Lasten bloß dem Armen und Arbeitenden abgenommen und auf die Besitzenden überwälzt werden in ihrer ganzen jetzigen Größe, so werden die Besitzenden in 25 Jahren ebenfalls verarmt sein. Dieses Kunststück zu bewirken, ist nicht unsere Absicht. Unser Wahlspruch war von vorneherein: Freiheit, Bildung, Wohlbehagen, Gerechtigkeit für alle. Diese Ansprüche aber können nur verwirklicht werden, wenn die Monarchie der Republik, die Fürstenherrschaft der Volksregierung weicht. – Wer besseren Rat weiß, der gebe ihn.
1 Mediatisierung („Mittelbarmachung“): Eingliederung von Reichsständen, Fürstentümern und Adeligen in die neuen Bundesstaaten.
2 Zivilliste, in älteren Texten auch Civilliste: der jährliche Betrag, der einem Monarchen und seinen Angehörigen aus der Staatskasse gewährt wird. Darin enthalten sind die Apanage – die Abfindung der nichtregierenden Mitglieder zur Deckung eines standesgemäßen Lebenswandels – und die Aufwendungen für den herrschaftlichen Haushalt.
Die Quellenlage zu Joseph Fickler ist äußerst kompliziert. Eigene Bücher hat er nicht verfasst, Briefe sind praktisch nicht erhalten und seine legendären Reden in Wirtshäusern, auf Marktplätzen und Volksversammlungen sind zwar durch Zeitzeugen beglaubigt, aber nicht dokumentiert. So bleibt sein „Hauptwerk“, die mehrmals wöchentlich erscheinende Zeitschrift „Seeblätter“, die er von 1837 bis 1849 leitete. Aber auch deren komplette Jahrgänge sind nirgends archiviert. Einzelne Jahrgänge oder eine Auswahl einzelner Ausgaben liegen in verschiedenen Archiven (etwa in der Badischen Landesbibliothek oder dem Bundesarchiv) als Mikrofilm vor – sind aber zum Teil nur schwer zu entziffern.
Alfred Diesbach: Josef Ficklers Rolle in der dritten badischen Volkserhebung, in: Badische Heimat, 54. Jahrg. 1974, Heft 2, S. 193–220 (pdf).
Alfred Diesbach: Das Konstanzer Wochenblatt 1832-1833 – das Porträt einer kämpferischen Zeitung, in: Jahrbuch Hegau, Band 20, 1965, S. 243–275 (pdf).
Michael Kitzing: Josef Fickler (1808–1865). Redakteur der Konstanzer Seeblätter und Protagonist der badischen Revolution 1848/1849, in: Badische Heimat, 1/2024, S. 95–102.
Patrick Oelze: Der Vergessene: Joseph Fickler, in: Patrick Oelze (Hrsg.): REVOLUTIONEN. Ein historisches Lesebuch, Berlin 2014, S. 169–173.
JOSEPH FICKLER
Abb.: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg, LMZ972042
Durch kluge Reden ändert sich wenig – das war Joseph Ficklers Maxime. Dafür nahm er auch den Vorwurf der „Derbheit“ seitens seiner akademisch gebildeten Mitstreiter in Kauf. Seine Zeitschrift Seeblätter, so Karl Marx, sei ein „graues Journal, dessen Gesinnung weiter reicht als seine Intelligenz und Kraft“. Aber die Wirkung, die Joseph Fickler zu seiner Zeit entfaltete, widerlegte den kritischen Philosophen. Der volksnahe, überaus populäre Verleger und Journalist gehörte zu den einflussreichsten Demokraten der Revolution. In seiner Zeitschrift, in Flugschriften und auf „Volksversammlungen“ begehrte er mit scharfer Wortklinge auf: „Fort mit den Fürsten: Wir wollen selbst regieren!“ Seine pointierten Texte, mit denen er gewissermaßen das Genre des „Leitartikels“ begründete, sind als demokratische Lehrstücke noch heute ein Lesegenuss.
Als er am 8. April 1848, bereits wenige Wochen nach dem Revolutionsausbruch, verhaftet wird, rufen Friedrich Hecker und Gustav Struve in Baden zu den Waffen.
Am 06. Februar wird Joseph-Ferdinand Fickler als eines von dreizehn Kindern von Jakob und Eva Fickler in Konstanz geboren. Über Kindheit, Schulzeit und Jugend ist wenig bekannt, eine höhere Schulbildung bleibt ihm aufgrund der Mittellosigkeit der Eltern versagt. Er macht früh eine Lehre und schlägt sich in verschiedenen Berufen durch.
Nachdem er in den Konstanzer Bürgerausschuss gewählt wird und dort vor allem für die Belange der „kleinen Leute“ eintritt, macht er sich als Kommunalpolitiker einen Namen. Aber er möchte nicht „Funktionär“ sein, sondern die Bauern, Handwerker und Arbeiter ertüchtigen, selbst politisch aktiv zu werden. Deshalb gründet er 1832 – im Alter von 24 Jahren – das „Konstanzer Wochenblatt“, um in einfachen Worten politisch aufzuklären.
Seine selbst gegründete Zeitung muss er nach starken Zensur-Eingriffen wieder aufgeben. Er übernimmt stattdessen die Redaktion der ein Jahr zuvor gegründeten „Seeblätter“, des zu diesem Zeitpunkt einzigen Oppositionsblattes in Baden. Die Zeitschrift wird zu seinem publizistischen Lebensprojekt.
Schon ab 1842 fordert Fickler – stets im Kampf mit der Zensur – in seinen „Seeblättern“ eine Revolution mit „verfassungsmäßigen Mitteln“, denn mit der monarchischen Macht sei kein demokratischer Staat zu machen.
Ausrufung der (badischen) Republik. Doch viele Mitstreiter, allen voran Friedrich Hecker und Gustav Struve, zögern – und werden erst aktiv, als Fickler am 8. April in Karlsruhe verhaftet wird.
Nach dreizehnmonatiger Haft wirf er im Mai 1849 freigesprochen und begibt sich gleich wieder in die Politische Arena. Auf einer erneuten Volksversammlung in Offenburg wird er in die provisorische Regierung der nun ausgerufenen badischen Republik gewählt. Aber die Reaktion ist in vollem Gang. Fickler wird erneut verhaftet und flieht, gegen Kaution freigelassen, über die Schweiz nach England.
Von England aus emigriert Fickler im Winter 51/52 in die USA, wo er für einige Zeit das bei deutschen Emigranten beliebte „Shakespeare Hotel“ in New York leitet. Ansonsten ist über seine USA-Jahre nur wenig bekannt.
Nach der Generalamnestie für alle 48er kehrt Joseph Fickler im September 1865, praktisch unbemerkt, nach Konstanz zurück – und stirbt dort, aufgrund eines Magenkrebsleidens, nur zwei Monate später, am 26. November 1865, im Alter von 57 Jahren.
Dirk Kurbjuweit
Wie leichtfertig wird heute behauptet, man dürfe dieses oder jenes nicht sagen. Meist geht es um rechtspopulistische Positionen, um ablehnende Haltungen zum Feminismus oder zum Anti-Rassismus. Fast nie ist gemeint, man dürfe etwas nicht ansprechen, weil einen der Staat dann bestrafen würde. Wer heute behauptet, er oder sie dürfe dieses oder jenes nicht sagen, hat in der Regel keine Angst vor dem Staat, sondern vor Gegenwind in einer öffentlichen Diskussion oder schlimmstenfalls vor einem Shitstorm in sozialen Netzwerken. Weiterlesen
Auch ein Shitstorm kann unangenehm sein, keine Frage, aber der mächtigste Gegner, den eine Bürgerin oder ein Bürger haben kann, ist der Staat. Wer einen Unterdrückungsstaat gegen sich hat, ist ohne Schutz, denn es ist eine der wichtigsten Aufgaben von Staaten, die Menschen zu beschützen. Wer einen Unterdrückungsstaat gegen sich hat, ist allein, ist Willkür oder harschen Gesetzen ausgeliefert und kann in seinen Freiheiten stark beschränkt werden, bis zum Verlust des Lebens. Das wissen Dissidenten in China, in Russland, in Iran, in Saudi-Arabien. Das wussten über viele Jahrhunderte auch Deutsche, die nach Freiheit strebten.
Das erlebte Joseph Fickler, geboren 1808, von 1837 bis 1849 Herausgeber der „Seeblätter“ in Konstanz, ein Journalist – wie ich. Er lebte im Großherzogtum Baden, einem vergleichsweise milden Unterdrückungsstaat, aber auch hier galt die Zensur. Fickler konnte lange nicht all das schreiben, was er schreiben wollte
Bis dann als Folge der Februarrevolution 1848 in Frankreich die Zensur in Baden aufgehoben wurde. Die Franzosen hatten ihren König verjagt, nun plagte die deutschen Fürsten die Angst, auch sie könne dieses Schicksal ereilen. Schon war die Unruhe über den Rhein gesprungen, breitete sich im Großherzogtum Baden aus. Das Ende der Zensur sollte die rebellischen Geister beschwichtigen.
Kaum ein Text hat mich in den letzten Jahren so bewegt, wie Ficklers Essay zur neuen journalistischen Freiheit in seinen „Seeblättern“. Hier ist ein Auszug:
„Unendlich erleichternd auch für uns, die wir zwölf Jahre lang alle Pein und Schmach, alle Bedrückung und Entwürdigung der Zensur getragen. – Werden wir befähigt sein, ferner unsere Stimme zu erheben unter den erhabenen Geistern, welche jetzt ihre Tätigkeit einer freien Presse zuwenden werden? Ist unser Geist nicht entnervt unter dem Druck von mehr als einem Dutzend Gedankentötern (Zensoren)? Werden wir das gerade, männliche, freie Wort wieder finden, da wir fast ein halbes Menschenalter nur darauf sinnen mussten, ein bisschen Wahrheit in verzwickten und verkrüppelten Redensarten an das Tageslicht zu fördern? All diese Fragen treten uns in den Weg, da wir die ersten Zeilen in ein freies Blatt in unserer engeren Heimat niederlegen. Wir wagen nicht zu entscheiden, ob wir sie unbedingt bejahen dürfen, aber wir haben den Mut, uns daran zu versuchen.“
Diesen Absatz würde ich am liebsten auswendig lernen und ständig mit mir tragen. Kraftvoll drückt er aus, wie schrecklich es ist, unter einer Zensur zu leben: Pein, Schmach, Bedrückung, Entwürdigung, verzwickte und verkrüppelte Redensarten, um ein bisschen Wahrheit ans Tageslicht zu fördern. Ficklers Worte zeigen auch, wie schwer es ist, sich umzustellen auf die neue Freiheit, auf das, was man nicht gewöhnt ist. Fickler war so offen, seine Leserinnen und Leser an seinen verzagten Gedanken teilhaben zu lassen. Er wisse noch nicht, schrieb er, ob er den Mut habe, die neue Freiheit zu nutzen, aber er wolle es versuchen.
In wenigen Sätzen erleben wir den Übergang von der Unfreiheit zur Freiheit des Wortes. Für mich als Journalist ist das einer der größten Momente überhaupt.
Joseph Fickler nutzte die neue Freiheit des Wortes, schon in dem Text, in dem er über seine mögliche Verzagtheit räsonierte. Sofort zeigte er den Mut für radikale Forderungen. Und so blieb es. Fickler wollte nicht nur die Freiheit des Wortes, sondern die ganze Freiheit, wollte das Ende der Fürstenherrschaft, wollte die demokratische Republik, wollte die „Entlastung des Armen, Erleichterung des Mittelstandes, Besteuerung des Vermögens im vollsten Umfang. Aber auch Verminderung der Kosten der Staatsverwaltung um die Hälfte ihres gegenwärtigen Betrages. Unser Wunsch ist: Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlbehagen für alle.“ Das ist das ganze revolutionäre Programm. Hier dachte ein Bürger nicht nur an sich, sondern auch an die ärmeren Schichten.
Seine Waffe in diesem Kampf war das Wort, war die Feder, sein „Blitzschwert“, wie er es ausdrückte. Sein Stil war nicht zurückhaltend, nicht dezent, er schrieb „ein Deutsch ohne alle ‚Feinschleiferei und Verkritzelung‘“. Dafür wurde er von einigen Intellektuellen verachtet, sie fanden ihn zu derb, aber aus heutiger Sicht war er ein großer Stilist, der es schaffte, aus radikalen Gedanken und kräftigen Wörtern elegante Sätze zu bilden.
Fickler kannte die Grenzen des Wortes. Er wusste, dass eine Revolution gegen ein Unterdrückungsregime nicht ohne Gewalt auskommt, auf jeden Fall nicht ohne Gewaltandrohung. „Wir leben in den Tagen der Tat“, schrieb er. Seine Forderung: „Waffen jedem Bürger“.
Was man seinen Texten mehr und mehr anmerkt: Den Unmut über die Verzagtheit der Anderen, der Mitstreiter, sie sich zunächst mit einer halben Revolution zufriedengeben wollten, mit ein paar Freiheiten, die aber nicht den Sturz der Fürsten forderten, nicht die Republik ausrufen wollten. „Es ist Pflicht jedes Vaterlandsfreundes, jetzt mit Entschiedenheit aufzutreten“, fand Fickler, aber damit war er weitgehend allein.
Das zeigt sich vor allem in seinem Text „Die Volksversammlung zu Offenburg“, die am 19. März 1848 abgehalten wurde. Fickler zeigte sich hier als kompletter Journalist, der nicht nur die Meinungsformen beherrscht, sondern auch die Reportage, die anschauliche Beschreibung eines Ereignisses.
20.000 Menschen hatten sich in Offenburg versammelt, rebellisch gesinnt, darauf wartend, dass ihnen Anführer eine Richtung für ihren Unmut weisen würden. Doch die meisten dieser Anführer waren nicht radikal. In ihren Besprechungen dominierte Versöhnlichkeit, der Wunsch zum Kompromiss. Nicht die demokratische Republik war das Nahziel, sondern die konstitutionelle Monarchie. Fickler war anderer Meinung, stritt mit den Gefährten und unterlag. So hat er es geschildert.
In seinen Worten: „Der Eindruck, den die Behandlung der Versammlung auf mich machte, war sehr peinlich, ich darf sagen, eine Seelenqual; denn ich sah den Mut auf der Straße stehen und die Bedenklichkeit bei den Lenkern tagen.“
Doch auch Fickler fehlte die Entschlossenheit, die drei entscheidenden Wörter vor den versammelten Menschen auszurufen: „Baden ist Republik!“ Wir wissen nicht, was dann geschehen wäre, ob das Volk den Großherzog ins Exil getrieben hätte, so wie die Franzosen ihren König. Wir wissen nur, dass die halbe Revolution gescheitert ist. Auch in Berlin und anderswo in Deutschland brachten die Aufständischen im März 1848 nicht den Mut auf, den letzten Schritt zu gehen. Die Macht der Fürsten wurde erschüttert, aber nicht gebrochen.
Als Friedrich Hecker und Gustav Struve im April einsahen, dass sie mit Zögerlichkeit nur wenig erreichen würden und ihren Feldzug gegen den Großherzog von Baden begannen, war es zu spät. Er hatte sich militärisch gewappnet, hatte vielen Bürgern mit schnellen Reformen den revolutionären Willen abgekauft, so dass Hecker und Struve zu wenig Gefolgschaft fanden, um sich gegen die fürstlichen Heere durchsetzen zu können. Sie verloren ihre Schlachten und flohen ins Exil. Die deutsche Revolution hatte ihren großen Moment verpasst und scheiterte 1849 endgültig, nachdem es der preußische König abgelehnt hatte, die von der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche ausgearbeitete Verfassung anzunehmen und sich zum Kaiser krönen zu lassen.
Fickler war in Frankfurt nicht dabei. Am 9. April 1848 wurde er auf dem Bahnhof in Karlsruhe nach einer Intrige seines Mitstreiters Karl Mathy verhaftet. Die Freiheit des Wortes hat Fickler tragischerweise nur für ein paar Wochen genießen dürfen.
Hätte es einen Unterschied gemacht, wäre er in der Paulskirche dabei gewesen? Wohl kaum. Eine radikale Stimme mehr im Kampf der Worte, aber das hätte die Mehrheit nicht gedreht, die Republik nicht möglich gemacht. Dafür hätte es wohl im März 1848 einen entschiedenen Willen zu den Waffen gebraucht.
Joseph Fickler ist leider nahezu vergessen. Für mich ist er ein Vorbild als Bürger und in meiner Rolle als Chefredakteur des SPIEGEL. Sein nationaler Chauvinismus ist mir fremd, aber dagegen steht sein Eintreten für die Armen, für die Juden, für die ganze Freiheit. Er war ein liberaler Demokrat im besten Sinne des Wortes.
Meine Situation ist natürlich eine ganz andere als seine. Ich kann schreiben, was ich schreiben will. Ich kann die staatlichen Akteure kritisieren, ohne die Staatsmacht fürchten zu müssen. Ich fühle mich frei. Bei einem der Sätze Ficklers aus diesem Buch musste ich allerdings sehr an heute denken. In seiner Sprache sah er ein Mittel „der welterschütternden Wahrheit im Kampf mit der Lüge“. Diesen Kampf führen wir auch in diesen Tagen der „alternativen Fakten“, der Meinungsblasen in den sozialen Netzwerken, der Lügen rechtspopulistischer Politiker. Das alles untergräbt die liberale Demokratie.
Die Freiheit ist in Deutschland nicht unmittelbar bedroht, aber es hat sich eine starke Opposition zur liberalen Demokratie gebildet. Anders als Fickler müssen wir die Demokratie nicht erringen, wir müssen sie verteidigen. Das ist eine weit bessere Position. Aber wir müssen wachsam sein, damit Deutsche nie wieder gegen einen Unterdrückungsstaat kämpfen müssen. Ist er einmal etabliert, ist es schwer, ihn zu beseitigen. Die 1848er mussten das erleben.
Joseph Fickler
Wesen und Zweck des Staates ist der Mensch
Erschienen am 05.10.2023
Taschenbuch mit Klappen, 160 Seiten
€ (D) 14,– / € (A) 14,40
ISBN 978-3-462-50008-0
Die freien Für und Wider und die unbeschränkten Äußerungen über öffentliche Maßregeln sind – meines Bedünkens – dem Staat zu seinem Wohlsein ebenso notwendig wie Nahrung und Bewegung dem Körper. Wo über alle öffentlichen Angelegenheiten freie Meinungen erlaubt sind, da findet man selten Missbrauch der Gewalt. Man erhebe nur einmal Menschen über alle Furcht vor Rechenschaft, so werden sie, es sei, wo es wolle, Tyrannen. Warum hat Spanien nicht ebenso viele große Leute als England. Weil die Inquisition weder frei sprechen noch schreiben lässt. – So schrieb der Engländer Heinrich Mansen im Jahre 1794, und so oft diese Wahrheiten schon gesagt worden sind, man kann sie nie genug wiederholen, denn es scheint das Verhängnis all derer, die an die Spitzen großer oder kleiner Verwaltungen kommen, zu sein, dass sich ihr Herz verengt und ihre Grundsätze verwandeln; darum wird auch unser Blatt seinen opponenten Charakter im neuen Jahr behalten; und wenn die Sphäre seines Wirkens gleich sehr beschränkt ist, so wollen wir sie als das Fegefeuer betrachten, aus dem wir noch einmal bei günstiger Zeit erlöst und in die himmlischen Hallen eingeführt werden. (…) Weiterlesen
Infolge einer von der hiesigen Kreisregierung erlassenen, inkompetenten, gesetz- und verfassungswidrigen Ordonnanz, welcher sich der Zensor, Oberamtmann von Ittner, wie es scheint, gerne unterzieht, darf auch keine Zensurlücke gelassen werden, und es ist uns nicht einmal das elende Recht des Sklaven vergönnt, mit den Ketten, die uns belasten, zu klirren. Wir wollen indessen die Sache weiters zur Notiznahme bekannt machen.1
Die Redaktion
Sollten die Presseverhältnisse sich erfreulicher gestalten, so werden wir unseren Wirkungskreis umso lieber erweitern, als wir überzeugt sind, dass in dem weiten Kreis politischer Räsonnements leichter und kräftiger zu wirken ist als in dem uns bis jetzt vorgezeichneten engen Bezirk. Sollten aber, was leider wahrscheinlicher ist, die lästigen Schranken, die das freie Wort einengen, ja unterdrücken, noch länger stehen, so wollen wir dennoch nicht ermüden, in denselben nützlich fortzuwirken. (...)
Es erscheint heute die letzte Nummer des Wochenblattes. Die Beschränkungen, innerhalb welchen es seit mehreren Wochen redigiert werden musste, benehmen mir die Lust und die Möglichkeit, es wirksam fortzusetzen. Wahrscheinlich wird an seiner Stelle innerhalb der ersten Monate des künftigen Jahres ein politisches Blatt treten. Unterdessen empfehle ich den Lesern des Wochenblattes den „Wächter von Weinfelden“2, der, wie ich hoffe, seine Spalten auch solchen Artikeln aus dem Badischen öffnen wird, die weder von der Zensur verstümmelt noch durch das Pressgesetz geschreckt sind.
1 In vielen Nummern des Konstanzer Wochenblattes erschienen freie Flächen, sogenannte „Zensurlücken“, also Hinweise auf von der Zensur gestrichene Texte. Doch auch das wurde verboten. Dennoch ließ Fickler am 3. Januar 1833 ein „Censur-Lückchen“ auf dem Titelblatt.
2 „Der Wächter“ war eine im schweizerischen Weinfelden erscheinende oppositionelle Zeitung.
Ihr habt anno 15 in Frankfurt gegründet
Den deutschen Bund 1, und den Deutschen verkündet:
Jetzt würden sie frei und glücklich erst sein –
Doch den Michel, den schläfert Ihr nie wieder ein!
Der jetzige Zeitmoment verschafft dem Satz, von Struve aufgestellt, seine richtige Geltung: „Je größer die Anzahl der Männer im Volke ist, welche an den Angelegenheiten des Vaterlandes tätigen Anteil zu nehmen imstande sind und sich dazu berufen fühlen, desto weiter ist die Entwicklung des Volkes gediehen.“ – Die Staatsformen, in welchen sich die Völker bewegen, richten sich genau nach den Eigenschaften der Individuen, nach ihrer Bildungsstufe; mit jeder neuen erweiterten geistigen Entwicklung im Volk werden Änderungen in der Staatseinrichtung notwendig; die Volksfreunde streben nach Einführung derselben, allein ihren Bestrebungen stehen die Anhänger der Monarchie mit der größten Starrigkeit entgegen; dennoch aber, ungeachtet der Despotie, erweitern sich die gerechten, mit der zunehmenden Bildung gleichen Schritt haltenden Anforderungen des Volkes, und gelangen so auf eine Stufe, wo man mit Gewalt und Energie den Zeitforderungen Geltung verschafft. Weiterlesen
Wir sind unter dem elendesten Druck der Tyrannen dennoch in eine Periode eingetreten, in der man die Monarchie samt ihren Verbesserungen, die repräsentative und konstitutionelle Monarchie, als ein dem Aufstreben unserer freien Entwicklung gefährliches Hindernis deutlich erkennt. Schon Plato erklärte die Monarchie als Tyrannei, wo einer an der Spitze steht und wie ein Fuchs milde scheint, dass man ihn Vater des Vaterlandes nennt, endlich aber, wie ein Wolf und Tiger um sich frisst, seine Hände mit Menschenblut befleckt, die Tempel beraubt, eine Bande fremder Lohnknechte zu Trabanten hat, und dadurch zum allgemeinen Abscheu wird. – Die Schweiz hat mit Waffengewalt der pfäffischen Verdummung seines Volkes Schranken gesetzt. – Italien erkämpft sich Konstitutionen. – Frankreich hat dem so mächtigen Louis Philippe die Krone mit Gewalt genommen und die Republik proklamiert. Das Volk fühlte sich reif zur Ausführung, zur Feststellung seiner Rechte, denn davon zeugt der so ehrenhaft geführte Kampf und die nach errungener Freiheit eingetretene Ruhe und Zurückkehr zu den Geschäften. – Belgien hat ebenfalls dem Königtum den Garaus gemacht. – Diesen vorausgegangenen Umwälzungen scheinen in Bälde andere auf dem Fuße zu folgen; das deutsche zersplitterte Volk beginnt sich zu einen, um durch ein deutsches Parlament seine Rechte und seine Geltung nach außen zu gründen. – Unsere Bürger versammeln sich, um durch schriftliche Forderungen jetzt endlich einmal von der Regierung die schon längst zurückgehaltenen, wiewohl versprochenen Rechte anzusprechen. Als oberste Forderung bezeichne ich die schleunigste Einführung eines deutschen Parlaments, als das dringendste Verlangen des deutschen Volkes und als Übergang zur Volksherrschaft in ihrer Reinheit. – Unsere Regierung zeigt sich willig, beim Bundestag mit aller Kraft dahin zu wirken, dass diesem Verlangen vollkommen willfahren werde. – Allein hierin liegt keine Bürgschaft; der Deutsche ist mit Recht misstrauisch geworden, wozu ihm vielseitige Veranlassungen gegeben wurden. Das Volk fordert von seinen Vertretern das entschiedenste Auftreten, das schleunigste und strengste Verlangen, und sichert ihnen die treuste Unterstützung mit Gut und Blut. – Das Volk zeigt den Weg in dem gerechten Verlangen. dass die Opposition mit den gleichgesinnten Abgeordneten der anderen deutschen Bundesstaaten sich zusammenschare und dass diese Gesamtheit die schleunigste Einführung des deutschen Parlaments, ohne nachzugeben, verlange. Dies ist der Wille des Volkes!
1 Der Deutsche Bund war ein Staatenbund, auf den sich im Jahr 1815 die „souveränen Fürsten und freien Städte Deutschlands“ mit Einschluss des Kaisers von Österreich und der Könige von Preußen, von Dänemark und der Niederlande geeinigt hatten. Dieser Bund existierte von 1815 bis 1866. Der Bund hatte als Aufgabe, die innere und äußere Sicherheit der Gliedstaaten zu gewährleisten, und scheiterte schließlich an den unterschiedlichen Vorstellungen von Staat und Gesellschaft, vor allem aber am politischen Machtkampf zwischen Preußen und Österreich.
Die Deutsche Zeitung1 anerkennt die französische Republik nicht, aber sie duldet sie; hingegen hat der nordamerikanische Gesandte sie anerkannt, und wir anerkennen sie auch. Die Ereignisse, welche in Frankreich stattgefunden haben, werden Einfluss üben auf alle Völker des gesitteten Europas. Unsere Frage ist nicht, ob die Republik in Frankreich sich halten könne, dafür lassen wir die französischen Männer sorgen, welche das Geschick ihres Landes sicherlich unabhängig fühlen werden von dem Urteil einer angsterfüllten Gelehrtenseele. Unsere Frage ist: Was hat Deutschland zu tun – nach außen und nach innen? Das Interesse Deutschlands erfordert, dass es die Freiheit und Unabhängigkeit aller Völker wünsche und anerkenne, weil in der Unterdrückung der Nationalitäten und der Unterjochung derselben der Keim zu fortwährenden Befreiungsversuchen und Kriegen, folglich Grund zur fortwährenden Unterhaltung der stehenden Heere liegt, und weil in der Freiheit der übrigen Völker allein die Freiheit Deutschlands eine Gewähr findet. Wir wünschen deshalb Freiheit und Unabhängigkeit allen Völkern, die sich danach sehnen und danach streben; auf welche Weise sie dieselbe erringen und unter welcher Form sie dieselbe genießen wollen, das überlassen wir lediglich ihnen selbst. Die Ehre Deutschlands fordert, dass es zu keiner Unterdrückung die Hand biete. Die Ehre und der Nutzen Deutschlands erfordern aber auch, dass es seine eigene Unabhängigkeit nach außen und seine Freiheit nach innen bewahre und erringe. Wir wollen keinen Fuß Boden unseres Landes verlieren, keine Abhängigkeit, keine Schutzherrschaft von außen aufkommen lassen. Allein als verständige Männer wollen wir die Gunst der äußeren Umstände benutzen, um die Freiheit im Innern selbst zu erringen. Wir wollen nicht, wie die Deutsche Zeitung, warten, ob durch Gottes erbarmungsvolle Fügung der Großen Gnade uns zuteil wird, was uns zurecht gebührt, sondern wir wollen es erringen als Bürger und Männer, als selbstbewusste Glieder des Staats. Allein wir wollen nicht bloß Anerkennung der Freiheit und Unabhängigkeit von außen und im Innern, in Durchführung der Grundsätze im Allgemeinen, sondern wir verlangen auch, dass der Einzelne diese Freiheit genieße und ihrer froh werde. Dazu ist vor allem nötig die Erleichterung und Verbesserung der Lage der arbeitenden und gewerbetreibenden Klassen; denn was nützt dem Armen die Freiheit, wenn er die Abgaben nicht zu erschwingen vermag, wenn er für tagelange Arbeit kaum so viel erhält, dass er den Hunger stillen kann, und nichts mehr übrig behält, um seine übrigen leiblichen Bedürfnisse zu befriedigen; welchen Genuss von der Freiheit hat er, wenn er abends mit Kummer für den folgenden Tag sich ins Bett legen und am Morgen erwachen muss mit Sorge für das Brot des folgenden Tages? Neben den Gütern der Freiheit müssen wir somit unzertrennlich erstreben: Entlastung des Armen, Erleichterung des Mittelstandes, Besteuerung des Vermögens im vollsten Umfang. Aber auch Verminderung der Kosten der Staatsverwaltung um die Hälfte ihres gegenwärtigen Betrages. Unser Wunsch ist: Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlbehagen für alle, und diesen Wunsch zu verwirklichen, erachten wir für die Pflicht und die Aufgabe unserer Tage.
1 Die Deutsche Zeitung war eine vom 1. Juli 1847 bis Ende September 1850 bestehende bürgerlich-liberale Zeitung. Die programmatische Ausrichtung des Blattes auf ganz Deutschland war ungewöhnlich, denn Deutschland bestand noch aus Einzelstaaten. Die Gründung der Zeitung war das Ergebnis eines Treffens oppositioneller badischer Abgeordneter am 29. November 1846 in Durlach. Friedrich Daniel Bassermann und Karl Mathy, die gemeinsam die Bassermannsche Verlagsbuchhandlung betrieben, kümmerten sich anschließend um den Aufbau eines Korrespondentennetzes aus dem gesamten Deutschen Bund.
Die untertänigsten Bitten der Deutschen um Pressefreiheit, Schwurgerichte etc. fliegen jetzt wie fromme Schwalben, und die Königs- und Fürstenhäuser und nur wenige zeigen den Mut, sich in dreiste, kampfbereite Adler zu verwandeln, wenn man sie wie zudringliche Bettler von der Türe weist. Weiterlesen
Die Leipziger, die Hannoveraner, die Braunschweiger, die Kurhessen und auch die Hessen-Homburger etc. erheben ihre Bitthände und erflehen von den Menschen „von Gottesgnaden“ ihre seit geraumen Jahren von Diebeslist und Räubergewalt mit Beschlag belegten Menschen- und Bürgerrechte zurück. Wie noch heute ein großer Teil des deutschen Volkes in der Nacht des religiösen Aberglaubens an die übermenschliche Heiligkeit und Unverletzlichkeit des ausgearteten Priestertums gefangen liegt, so steckt noch ein größerer Teil des deutschen Volkes tief im Schlamme des politischen Aberglaubens an die Heiligkeit und Unverletzlichkeit des ausgearteten Königtums.
Kein pflicht- und ehrvergessener, kein sittenloser und wortbrüchiger Mann, und wenn er äußerlich auch noch so hochgestellt wäre, soll ferner heilig und unverletzlich heißen, und den Höchsten wie den Niedrigsten treffe bei jedem Vergehen das gleiche Gericht sowohl der Sitten als des Rechtes! Nur Tugend und Rechtschaffenheit haben fortan gerechten Anspruch auf Würde und Heiligkeit; nicht aber der blinde Zufall der Geburt, nicht die zufällige Stellung und das Kleid, sondern der edle Charakter des Mannes, sein segenvolles Wirken zum allgemeinen Besten, die ehrenhafte Gesinnung, die redliche Absicht als innerer Kern der äußern Tat.
Das deutsche Volk muss sich als ebenbürtig fühlen und begreifen lernen in allen wesentlichen Gütern der Menschheit, als gleichberechtigt mit allen Herren, Fürsten und Priestern. Dann erst kann und wird es den entehrenden Aberglauben seiner anerzogenen tierischen Untertänigkeit mit Abscheu aus seiner Seele werfen und frei und stolz verlangen und fordern, wo es bisher gefleht und gewinselt hat.
Der Stolz des selbstbewussten und selbständigen Mannes soll erst Wurzel fassen im Herzen des deutschen Volkes; erkennen soll es sich als ein gottbestimmtes Volk, die Fahne der sittlichen und politischen Freiheit als eine heilige Gottessache in alle Welt zu tragen! Ist dieser Mannesstolz zur festen Eiche in ihm gewachsen, hat er sich als göttliches Werkzeug zur Beglückung aller Menschheit im heiligen Bunde mit allen gleich strebenden Völkern erkannt, dann folgen auch von selbst und in rascher Entwicklung die gott- und menschenwürdigen Taten.
Wir sprechen hier nicht von der großen Anzahl ehrenhafter Männer, denen gewisse Verhältnisse, amtliche Stellung, Familienrücksichten und dergleichen früher es unmöglich gemacht haben, sich mit Entschiedenheit, laut und öffentlich der Partei der Freiheit und des vernünftigen Fortschrittes anzuschließen; auch sprechen wir nicht von den Irrgeführten, von den Belogenen und Betrogenen, die von nichtswürdigen Menschen missbraucht worden sind, um ihre eigene Stimme für die Verewigung ihrer eigenen Knechtschaft zu erheben; auch sprechen wir nicht von jenen, die bloß wegen Hasses gegen gewisse Personen, aus einseitiger Parteileidenschaft sich hinüberziehen ließen auf die Seite der Finsterlinge und Volksverdummer. Diese alle, die nur der Drang der Verhältnisse, flüchtiger Irrtum und aufbrausende Leidenschaft auf eine Weile seitwärts geführt, sind uns nur von Herzen in unserem Lager willkommen, und unser offenes Auge und der eidliche Handschlag zur Versöhnung soll es ihnen sagen, dass wir aufrichtig vergessen können und Unterschied zu machen wissen zwischen dem, was der Mann wirklich ist, und was er scheint oder scheinen muss. Aber nicht so brüderlich wollen wir es gehalten wissen mit jenem charakterlosen Apostatengesindel, das eben zur Zeit, als es Not tat, die Feuerprobe zu bestehen, die Fahne der Freiheit schmählich verließ, und sich als Söldling an den Volksfeind verkaufte, um nun der Willkür gegen das Gesetz, der Tyrannei gegen die Freiheit zu dienen. Nicht so brüderlich wollen wir es gehalten wissen mit jenen zigeunerhaften Überläufern, die nur so lange, als ihnen das deutsche Volk ihre Schwelg- und Sauftische weidlich besetzte und Tausende an sie verschwendete, in den Grimassen grimmiger, unbezähmbarer Löwen sich gefielen, (...) zähnefletschend gegen Volksdruck und Knechtschaft. Wir meinen hier namentlich die berüchtigten Fürstenfresser und Fürstenfressers-Söhne, die im Interesse einer ministeriellen Futterkrippe die Löwenhaut gegen die Fuchs- und Schafhaut gewechselt haben, und nunmehr so zahm geworden sind wie jedes andere durch Prügel und Hunger gebändigte Stallvieh. Weiterlesen
Diese Gesellen nun, deren Bestienschlauheit so leicht herabsinkt zur Eselsdummheit, werden wohl bei dem so plötzlichen Umschlagen der politischen Witterung ihre liebe Angst und Not haben, die als fürstliche Bedientenkleidung umhängten Schafhäute, Fuchs- und Hundebälge wieder abzuwerfen und die Löwenhäute wieder umzuhängen. Die traurige Aussicht, die Fürstenkrippen könnten leer werden und die ausgeplünderten Tischladen, Speisekammern und Tröge des Volkes über Nacht sich wieder füllen, wird die Leib- und Seelenverkäuferbande wohl nötigen zu diesem Schritt der Verzweiflung. Wie aber das bei unserer glaubensarmen Zeit, ohne Glauben an Wunder, geschehen mag, dass die heutigen Fürstenlecker nur auch mit einem Schein von Ehre und ohne, dass die schadenfrohe Welt es merkte, wieder in Fürstenfresser sich sollten verwandeln können, ist mit keinem Scharfsinn vorauszubestimmen. Die Taschenspielerkunst solcher Verwandlung wird schwieriger von Tag zu Tag; denn das Volk, wie freiheitstrunken es auch ist, ist doch fürchterlich nüchtern und hat wasserhelle Augen, wenn es darauf ankommt, einen charakterlosen politischen Vagabunden von einem festgewurzelten Ehrenmann zu unterscheiden.
Schon die nächste Stunde kann das jetzt noch verworrene Rätsel lösen, und das Volk wird Richter sein zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen den Verrätern und den Getreuen, die eingestanden sind mit ihrem ungefälschten Herzblut für die Sache des Volkes, in den Tagen der Not wie in den Tagen des Glückes; die lieber Armut, Schmach und Verfolgung getragen mit innerer Mannesfreude, als dass sie dem Freisinn und der Menschenwürde untreu und abtrünnig geworden wären, dem ewigen Natur- und Vernunftgesetz, worin Gott, als der urfreie Urheber aller Freiheit, nicht für Fürstenmajestät, sondern für die Majestät der Völker sich ausspricht.
Die Frage ist sehr einfach: Können wir frei werden und einig und wohlfrei regiert unter 34 Fürsten?
Die Zivillisten der Fürsten, die Apanagen der Prinzen und Prinzessinnen, die ungeheure Militärlast, das Heer von Beamten, die Massen von Pensionärs, die teuren Minister, die teuren und nutzlosen Gesandten, die Menge von öffentlichen und geheimen Polizeidienern, die Spione, die Notwendigkeit der Versorgung von Herrenhuren, die Menge von Wächtern über das indirekte Abgabensystem, alles dieses hängt an der Erhaltung der monarchischen Regierungsform. Mehrere hundert Millionen Gulden werden hierdurch jährlich verschlungen. Die Last der Abgaben erdrückt das Volk; ein gedrücktes Volk aber ist nie frei! Und wenn seine Führer glauben, das Volk sei zufrieden mit den schönen Reden, welche sie seit Jahren gehalten; wenn sie glauben, es lasse sich heute, da man alles erlangen kann, noch länger vertrösten und hinhalten, so wird es sich bald zeigen, dass sie sich irren, und dass das Volk sich von den bisherigen Führern trennt und auf eigene Faust handelt! Schon hat dies begonnen, und es wird sich weiterverbreiten und allgemein werden. Das Volk wird also auf diese Weise die Einigkeit erlangen. Weiterlesen
Ob die Führer heute das Rätsel lösen, wie das Volk mit seinen Fürsten wohlfrei regiert werden könne, wollen wir sehen; wir wissen aber zum Voraus, dass dies unmöglich ist. Wir werden unter der bisherigen Fürstenherrschaft also weder frei noch einig noch wohlfrei regiert sein, und alle Wünsche des Volkes zerfielen somit in Nichts. Darum Volk, mahne deinen Führer ernsthaft: Mut und Entschlossenheit zu zeigen, oder handle selbst.
Wenn die Führer den Mut nicht haben, so rufe du aus:
Fort mit den Fürsten und ihrem Anhang; wir wollen uns selbst regieren, einig, frei und wohlfrei.
Es lebe die Republik!
Offenburg, 19. März 1848
Bereits unterm 12. September des Vorjahres stellte die Versammlung zu Offenburg die Forderungen des Volkes fest.1 Sie verlangte damals schon unter anderem namentlich eine volkstümliche Wehrverfassung, eine gerechte Besteuerung, Ausgleichung des Missverhältnisses zwischen Arbeit und Kapital und Abschaffung aller Vorrechte. Die Regierung hat diesen Forderungen mit Hochverratsprozessen geantwortet, allein das Volk hat sie beim Zusammentritt des Landtages erneuert und nach dem gewaltigen Umsturz im Westen mit gesteigerter Kraft auf deren Erfüllung gedrungen. Diesem unwiderstehlichen Drang nachgebend haben dieselben Regierungsmänner, welche die Redner der Offenburger Versammlung vom 12. September mit Hochverratsprozessen verfolgt hatten, Zugeständnisse gemacht, deren Halbheit nur schlecht den Hintergedanken verhüllte. Bei günstiger Gelegenheit, wie in den dreißiger Jahren, die abgerungenen Zugeständnisse zurückzunehmen und in ihr Gegenteil zu verkehren. Weiterlesen
Das Volk hat erkannt, dass die ihm zuteil gewordenen Zugeständnisse nicht der staatsmännischen Einsicht und dem guten Willen der Machthaber, sondern den gewaltigen Bewegungen des Volkes, der äußeren Anregung der französischen Revolution und den Kundgebungen vom 1. und 2. März des Jahres zuzuschreiben seien.
Jeder denkende Freund des Vaterlandes erkennt klar und deutlich, dass in den Pariser Februartagen nur der Anfang einer Völkerbewegung gemacht worden sei, welcher mit unabweisbarer Notwendigkeit seine Fortsetzung in allen Staaten Europas erlangen müsse.
Der Kampf der Volksherrschaft und der Einherrschaft hat begonnen. Deutschland, seit Jahrhunderten das große Schlachtfeld aller staatlichen und kirchlichen Kämpfe, wird auch jetzt wiederum den Zusammenstoß zwischen einem despotischen Nordosten und dem freigesinnten Südwesten Europas am schwersten empfinden. Darum tut es not, dass unser Vaterland beizeiten eine feste Stellung seinen auswärtigen und inneren Feinden gegenüber einnehme.
Das verlangt daher vor allen Dingen: Ein deutsches Parlament, welches im Großen seine Verhältnisse nach innen und außen kräftig ordne und frei gestalte, und dessen erste Aufgabe sein wird, der deutschen Nationalität und Selbstständigkeit Anerkennung zu verschaffen.
Was insbesondere unsere badischen Angelegenheiten betrifft, so erklärt die Volksversammlung von Offenburg:
I. Mehrere Mitglieder der Regierung und der größte Teil der Beamten besitzen das Vertrauen des Volkes nicht, weil einzelnen der gute Wille, anderen die erforderliche Kraft fehlt.
Das Volk (...) lässt sich nicht täuschen durch das Vorschieben liberaler Persönlichkeiten. Anstößig ist dem Volk namentlich der Einfluss, welchen der Markgraf Wilhelm2 seit langer Zeit auf die Staatsgeschäfte überhaupt und das Militärwesen insbesondere ausgeübt hat. Nicht minder anstößig ist ihm der Einfluss einiger Personen aus der nächsten Umgebung des Großherzogs3, welche man mit dem Namen Kamarilla zu bezeichnen pflegt.
II. Das Volk hat kein Vertrauen zu der ersten Kammer der Ständeversammlung, da dieselbe aus Privilegierten besteht, welche ihren Sonderinteressen das Wohl des Volkes stets geopfert haben. – Das Volk verlangt Abhilfe gegen diesen Überstand vermittelst einer Revision der Verfassung.
III. Das Volk hat kein Vertrauen zu einer großen Anzahl der Mitglieder der zweiten Kammer, da dieselben durch Wahlbeherrschung und Wahlverfälschung unter dem Einfluss der Zensur und der Polizei gewählt wurden und sich als blinde Werkzeuge in den Händen jedes Ministeriums erwiesen haben. – Das Volk verlangt den Rücktritt der reaktionären und gesinnungslosen Partei der zweiten Kammer.
IV. Das Volk besitzt durchaus keine Bürgschaften für die Verwirklichung seiner Forderungen und die Begründung eines dauerhaften Zustandes der Freiheit. Es muss sich diese Bürgschaften selbst verschaffen.
Demzufolge bildet sich:
1) In jeder Gemeinde des badischen Landes ein vaterländischer Verein, dessen Aufgabe ist, für die Bewaffnung, die politische und soziale Bildung des Volkes, sowie für die Verwirklichung aller seiner Rechte Sorge zu tragen.
2) Sämtliche Vereine eines Wahlbezirkes bilden einen Bezirksverein, sämtliche Bezirksvereine einen Kreisverein, die vier Kreisvereine einen Landesverein.
3) An der Spitze jedes dieser Vereine steht ein leitender Ausschuss.
4) Für jeden dieser Vereine bildet sich sofort eine Vereinskasse zur Bestreitung der notwendigen Auslagen.
5) Alle Provinzen Deutschlands sollen aufgefordert werden, ähnliche Vereine zu bilden und mit dem badischen Landesverein in freundschaftlichen Verkehr zu treten.
V. Das Volk verlangt von der Ständeversammlung, dass sie die entschiedensten Maßregeln treffe, um zu bewirken, dass die Regierung:
1) Sofort eine Verschmelzung des stehenden Heeres und der Bürgerwehr durchführe, zum Behufe der Bildung einer wahren, alle waffenfähigen Männer umfassenden Bürgerwehr.
2) Alsbald alle Abgaben abschaffe, außer den Zollvereinsabgaben und etwa der direkten Steuern, und ihre Ausgabe decke durch eine progressive Einkommens- und Vermögenssteuer.
3) Dass sofort alle Vorrechte, welchen Namen sie tragen, abgeschafft werden.
4) Dass ungesäumt die Schule von der Kirche getrennt werde.
Vorstehende Anträge wurden der Volksversammlung vorgelegt und von derselben mit nachfolgenden Abänderungen und Zusätzen mit überwältigender Stimmenmehrheit angenommen.
Zu I. wurde beschlossen, statt „mehrere Mitglieder der Regierung“ zu setzen: der Präsident des Kriegsministeriums.
Zu II. wurde angenommen mit dem Zusatz: das Volk will nur eine Kammer.
Zu V. 1) wurde angenommen mit der Abänderung, statt „sofort“: „unverzüglich“ oder „auf der Stelle“.
Zu V. 2) wurde angenommen mit dem Zusatz: wir wollen eine wohlfeile Regierung, Abschaffung der Apanagen und unverdienter Pensionen.
Zu V. 4) wurde angenommen mit dem Zusatz: die Pfaffen haben zu viel, die Lehrer zu wenig. Wir wollen gerechte Ausgleichung dieses Missverhältnisses.
In einer so schweren und bewegten Zeit, da jede Stunde das Volk aufrufen kann, Gut und Blut zu opfern auf dem Altar des deutschen Vaterlandes, darf kein hinterhältiger Gedanke (...) stattfinden, weshalb ich, so weit meine Wahrnehmungen gehen, den Lesern einen Faden an die Hand geben will, der sie auf den Irrgängen der Zweifel, Vermutungen, Gerüchte und Lügen zur Tageshelle der Wahrheit leitet.
Die offene und entschiedene Verhandlung des größten Teils des Seekreises über die Frage: ob Monarchie, ob Republik, hatte ziemlichen Schrecken in die Regierungen sowohl, als in die Liberalen der zweiten Kammer gebracht, von den Ministeriellen zu schweigen. In die Regierung vermutlich aus dem Grunde, weil sie nicht republikanisch gesinnt sein mag, in die liberalen Kammermitglieder, weil sie fürchteten, dass voreilige Schritte eine Spaltung im Lande und eine Vereitelung ihrer Pläne zur Folge haben könnten, auch weil die Lüge ausgestreut worden war, als sei beantragt, dass Konstanz, dass der Seekreis sich vom übrigen Land trennen wolle. Der Herr Minister Bekk4 erließ daher einerseits einen Verhaltungsbefehl hinsichtlich meines Wirkens und sandte anderseits die Abgeordneten Mathy und Straub in den Seekreis, um die entstandene Bewegung zu dämpfen. Die Ausführung des Ersteren wurde unredlich gefunden, die Bemühungen der Letzteren schlugen gegen sie aus, so dass sie auf ihrem Rückweg solche Äußerungen des Volksunwillens erfuhren, welche ihnen genugsam zeigten, welch’ großen Missgriff sie mit Übernahme ihrer Mission gemacht. (...)
Zu gleicher Zeit langten Briefe des Abgeordneten Welcker in seinem Wahlbezirk an, welche vor übereilten Schritten warnten, und mit denselben erschien eine Erklärung mehrerer Abgeordneter in der Karlsruher Zeitung, welche lautet wie folgt:
„Es ist durch Wort und Schrift das Gerücht verbreitet worden, in der am 5. des Monats zu Heidelberg abgehaltenen Versammlung5, von welcher die Erklärung wegen eines deutschen Parlaments ausgegangen, habe man die Gründung einer deutschen Republik insgeheim beschlossen. Die Unterzeichneten, welche der erwähnten Versammlung beigewohnt, erklären dieses Gerücht für eine Unwahrheit. Karlsruhe, den 15. März 1848. Soiron. Stöffer. Bissing. Bassermann. Schmidt. Weller. Welcker. Kapp. Itzstein.“
Alle diese Umstände waren geeignet, einige Verwirrung und Zwiespalt nicht allein im Seekreis, sondern auch im Land überhaupt hervorzubringen. Unter diesen Verhältnissen trat ein Teil der Konstanzer Abordnung, welcher ich mich beigesellte, die Reise nach Offenburg an. In Villingen war zwei Tage zuvor eine Volksversammlung gewesen, welcher Mathy und Straub angewohnt hatten, und deren Geist am besten dadurch sich bekundete, dass, als Mathy sich äußerte: wir kommen nun zur „Besprechung der republikanischen Regierungsform“, die Versammlung in jubelnde Lebehochs ausbrach, welche dann freilich auf Mathy’s weiteren Vortrag, der gegen die Republik gegangen sein soll, etwas umgestimmt worden. Irgendeine Behelligung der Konstanzer Abordnung oder einer Person derselben in Villingen, wie lügenhafterweise ausgestreut worden, um der Sache zu schaden, fand so wenig statt, als überhaupt ein unfreundliches Wort gewechselt worden. In Föhrenbach zeigte die daselbst anwesende Versammlung von Bürgern aus der Umgebung in ihrer großen Mehrheit entschiedene Übereinstimmung für die Republik.
Die Abordnung beeilte sich nun, um zur Vorberatung nach Offenburg zu kommen, welches sie Samstag, den 18., des Nachmittags erreichte.
Da die Mannheimer noch nicht eingetroffen waren, wurden die Stunden, welche man übrig hatte, benützt zu Besprechungen mit Freunden, Bekannten und Männern aller Klassen aus dem Volke, um sich über den Stand der Sache zu unterrichten, und es war jedem, dem die Sache wahrhaft am Herzen lag, wohltuend, durchweg die Wahrnehmung zu machen, dass der Gewerbestand und der Bauer wie der gedrückte Proletarier nicht bloß den sehr einfachen Gedanken der Republik schnell begriffen hatten und ihm innig anhingen, sondern dass mit dieser Gesinnung auch der Mut und die Tatbereitschaft verbunden war, sie auf den ersten Ruf durchzuführen. Jene Redensarten, welche stets von Anhänglichkeit an den republikanischen Grundsatz überfließen, aber hinsichtlich der Zeit der Ausführung sich hinter „Rücksichten“, „Klugheit“ und Wegleugnung der Volksgesinnung verschanzten, waren nur zu vernehmen von der Angehörigen der sogenannten höheren Stände von „gebildeten“ Leuten, welche glauben, dass dem Volk mit schönen Reden geholfen sei, und welche höchstens wünschen, dass die „Ereignisse“, d. h. der Mut des Volkes anderwärts die Republik herbeiführen, ohne dass sie, die dann doch an der Spitze glänzen möchten, ihre Köpfe einsetzen müssten. Mit Ausbruch der Nacht langten die Mannheimer Kammer-Abgeordneten an, mit ihnen der unermüdete Struve und Grohe6, der Zauderer. Die Konstanzer Abordnung hatte sich zerstreut, und ich war allein zugegen, als sie im Gasthof anlangten.
Mein persönliches Benehmen gegen dieselben mang etwas schroff gewesen sein, da ich einesteils nicht einverstanden war mit der Art und Weise, wie sie die Offenburger Versammlung zu lenken gedachten, und andernteils ich der Meinung war, Mathy und Straub7 hätten, wie ersterer hier selbst behauptet, im Einverständnis mit ihren Kollegen gehandelt, als sie die Sendung nach der Seegegend übernahmen. Dies führte meinerseits zu heftigen Erklärungen gegen dieselben und zu dem Entschluss, mit ihnen gar nicht zu verkehren, sondern unmittelbar vor das Volk zu bringen, was mir auf dem Herzen lag. Hierin wurde ich bestärkt durch das zahlreiche Eintreffen der mit Vollmachten ihrer Gemeinden versehenen Abgeordneten aus dem Seekreis, welche den entschiedenen Geist mitbrachten und erklärten, dass sie nicht halben, sondern ganzen Maßregeln beistimmen und dieselben mit Gut und Blut unterstützen würden. Struve und der Abgeordnete Sachs drangen mir aber mit wiederholten Vorstellungen im Interesse der Sache, welcher wir dienen und welche nur durch Einigkeit zum Ziel gelangen könne, die Zusage ab, einer Beratung auf Itzsteins8 Zimmer anzuwohnen.
Hier waren etwa an zwei Dutzend Kammerglieder und Gemeindeabgeordnete versammelt. Struve verlas den der Volksversammlung zu machenden Vorschlag, welcher in Mannheim vorberaten worden war. Alle Anwesenden erklärten, Republikaner zu sein, hielten aber, teils wegen noch mangelnder Bewaffnung des Volkes, teils wegen mangelnder Organisation, teils weil der Gedanke einer Republik in den übrigen deutschen Ländern noch nicht vorbereitet genug sei, den Zeitpunkt für zu früh, um die Volksversammlung zu einer republikanischen Erklärung zu veranlassen. Aber so nah am Abgrund des Verderbens liegt die Monarchie, dass nicht einer der Anwesenden sich getraute, ihr das Wort zu sprechen, sondern alle anerkannten: „Sie habe sich selbst untergraben und müsse stürzen“, nur glaubten sie den Zeitpunkt dazu heute noch nicht gekommen, die Republik zu erklären.
Ich verfocht die gegenteilige Ansicht, davon ausgehend, wenn die Monarchie wurzellos dastehe, der Boden nur für die Republik geeignet sein könne; dass das Volk überall nicht bloß Einheit und Freiheit, sondern Erleichterung der Lasten und wohlfeile Regierung verlange; dass aber nie eine Fürstenregierung, sondern nur eine Volksregierung einfach und wohlfeil sein könne; dass die Verlängerung des gegenwärtigen provisorischen Zustands, die Stockung in Handarbeit, Gewerben, Handel, Kreditverhältnissen und die fortwährende Furcht vor neuer Umwälzung und Änderung der Staatsverhältnisse weit schlimmer sei, als eine plötzliche Revolution, aus welcher sogleich eine bestimmte Gestaltung der Dinge hervorgehen müsse; dass bei Staatsumwälzungen nicht immer Klugheit und Rücksichten, sondern auch Kühnheit und kecke Griffe zum Ziel führen; dass gegenwärtig die Regierungen kein Widerstandsmittel haben, und das Losungswort, von einem deutschen Staat ausgesprochen, seine zauberhafte Wirkung in ganz Süddeutschland nicht verfehlen, dass es im Osten wie im Norden Anklang finden würde; dass hingegen ein deutsches Parlament, besonders wie es vorgeschlagen sei, weder fähig erachtet werden könne, Deutschlands Gesinnungen auszudrücken, noch dass es Bürgschaften gebe, im Sinne der Nation zu handeln, und dasselbe kein Vertrauen im Volk habe. Da sich viele Widersprüche nicht vereinigen konnten, so stellte ich nach Rücksprache mit dem Mitabgeordneten Dr. Stephani und den Abgeordneten von Überlingen die letzte Bedingung dahin, dass dem Vorschlag an die Volksversammlung jedenfalls der Zusatz gemacht werden müsse:
Das Volk verlangt von der Ständeversammlung, dass sie die entschiedensten Maßregeln treffe, um zu bewirken, dass die Regierung:
1) Sofort eine Verschmelzung des stehenden Heeres und der Bürgerwehr durchführe, zum Behufe der Bildung einer wahren, alle waffenfähigen Männer umfassenden Bürgerwehr.
2) Alsbald alle Abgaben abschaffe, außer den Zollvereinsabgaben und etwa der direkten Steuern, und ihre Ausgaben decke durch eine progressive Einkommens- und Vermögenssteuer.
Diese Anträge wurden angenommen und nach einer weiteren, allgemeinen Debatte über den Stand der Sache und der Zweckmäßigkeit des eingeschlagenen Weges, trennte sich lange nach Mitternacht die Versammlung.
Am Morgen des 19. zeigte sich erst recht fühlbar der Mangel an Anordnung einer Vorberatung. Nur die Abgeordneten des Seekreises, fast alle mit schriftlichen Vollmachten ihrer Gemeinden versehen, versammelten sich im Saal zum Adler, wählten einen Ausschuss von 12 Mitgliedern, welcher bei der erwarteten Vorverhandlung die Vollmachten übergeben und die Stimme des Seekreises vertreten sollte. Dieser Vorbereitung der Seekreiser hatte auf mein Ersuchen der Abgeordnete Sachs9 angewohnt. Als wir aber zur sogenannten Vorverhandlung auf dem Rathaussaal anlangten, war dessen kleiner Saal statt von Ausschüssen oder Abgeordneten der übrigen Kreise von einem gemischten Publikum angefüllt oder vielmehr überfüllt. Von einer geordneten Beratung konnte umso weniger die Rede sein, als die Zeit zur Hauptversammlung drängte. Man nahm weder Vollmachten ab noch sonst irgendeine Verhandlung vor, außer den Wahlvorschlägen für die Mitglieder der Zentralregierung. Die Hauptverhandlung selbst wurde durch Itzstein eröffnet, dessen Reden, so wie jene aller übrigen Sprecher, mit Ausnahme Gottschalk’s10, der Republik huldigten, aber meistens von der Besorgnis durchdrungen waren, dass man in einzelnen Landesteilen diese Staatsform zu früh erklären möchte, was man, um die Einheit mit dem übrigen Deutschland nicht zu verlieren, zu verhindern wünschte.
Die Stimmung im Volk war durchaus entschieden, was schon daraus hervorging, dass die am weitesten gehenden Anträge mit dem rauschendsten Beifall angenommen wurden. Der Eindruck, den die Behandlung der Versammlung auf mich machte, war sehr peinlich, ich darf sagen, eine Seelenqual; denn ich sah den Mut auf der Straße stehen und die Bedenklichkeit bei den Lenkern tagen. Überhaupt waren „Klugheit und Rücksichten“ die Schlagworte, welche mir hundertmal durch die Ohren gejagt wurden, und ich hätte ganz darauf verzichtet, das Wort zu ergreifen, wenn nicht Gottschalk mit seiner konstitutionellen Monarchie gekommen wäre, und man mich nicht dadurch einzuschüchtern versucht hätte, dass man mir vielfach sagte, dass ich durch komplottartiges Zusammenwirken ausgepfiffen würde, wenn ich mich als Sprecher blicken ließe. Mit wenig Worten trat ich daher Gottschalk entgegen und erklärte ferner: „Ich gehöre der äußersten republikanischen Richtung an“, und nur die Rücksicht darauf, dass der Strom der Ereignisse schon so in vollem Treiben sei, dass die nächsten Wochen unzweifelhaft Entscheidung herbeiführen werden, wozu selbst die von der Versammlung gefassten Beschlüsse mitwirken, so wie der Wunsch, die Einigkeit (der Führer) nicht zu stören, könne mich abhalten, heute die entsprechenden Anträge zu stellen. Dies ist die Wahrheit und nicht die Lügenberichte, welche sich gleichlautend mit wenigen Ausnahmen durch die gesamte deutsche Zeitungswelt ziehen, die Versammlung als unrepublikanisch schildern und mir sogar ein Bekenntnis in den Mund legen, als hätte ich mich zu einer Übereilung bekannt. Im Gegenteil war noch keine Sekunde in mir die Überzeugung erschüttert, dass ich noch nie einen richtigeren Blick in meinem ganzen vergangenen politischen Wirken gehabt, als über die Wirkungen, welche die französische Revolution auf Deutschland äußern würden, und über die Mittel, welche angewendet werden sollten, um die große Bewegung zur Wohlfahrt des Vaterlandes zu lenken. Von Tag zu Tag mehr wird meine Voraussicht bestätigt, und was ich in engeren und weiteren Kreisen wiederholt seit drei Wochen erklärte, lege ich hier in wenigen Worten nochmals nieder:
„An dem Sieg der republikanischen Bewegung in ganz Deutschland hege ich nicht mehr den geringsten Zweifel. Wenn aber die Regierungen noch vier Wochen fortfahren sollten, die Unhaltbarkeit ihrer Stellung zu verkennen, wenn ein Teil des besitzenden Bürgertums sich ferner offen oder geheim der Bewegung entgegenstemmt, wenn dasselbe verweigern sollte, die schwer misshandelten Proletarier (die Armen, Besitzlosen, Gedrückten) als Brüder aufzunehmen und ihnen eine bessere Zukunft anzubahnen, so wird dieses Proletariat ausschließlich die Bewegung an sich reißen, und ein gähnender Abgrund wird nicht allein die schlechten Staatsordnungen, sondern tausend und abertausend gute freiheits- und bruderliebende Bürger verschlingen, weil die lange Gedrückten von Rachedurst erfüllt, weder ein Ziel der Bewegung, noch eine Berechtigung irgendeines bestehenden Verhältnisses anerkennen werden. Dieser nur zerstörende, nicht aber aufbauende Kreislauf würde aber dann auch das Grab der Freiheit und das Unglück der Armen selbst sein, weil sie entweder in fortwährender Anarchie zugrunde gehen oder einem zur Herrschaft gelangenden Despotismus anheimfallen müssten. Noch ist es Zeit, das Schlimmste zu hindern, allein schon klopft der Mahner an der Tür, und noch hält die Verblendung jene für ihre Feinde, die ihr die Wahrheit sagen.
Konstanz, 30. März 1848
Fickler
1 Auf Initiative von u.a. Gustav Struve und Friedrich Hecker trafen sich am 12. September 1847 im badischen Offenburg zwischen 800 und 900 Menschen in und vor dem Gasthaus „Salmen“ zur ersten „Offenburger Versammlung“. Ergebnis der Veranstaltung war die Proklamation von 13 „Forderungen des Volkes in Baden“. Dieses Offenburger Programm war die programmatische Basis der demokratischen Bewegung des Vormärz.
2 Wilhelm Ludwig August, Prinz und Markgraf von Baden (1792-1859), war der Kommandeur der badischen Brigade in Napoleons Grande Armée, die 1812 in den Feldzug gegen Russland geschickt wurde. Von 1819 bis 1858 war Wilhelm Präsident der 1. Kammer der Badischen Ständeversammlung.
3 Karl Leopold I. Friedrich von Baden (1790-1852), von 1830 bis zu seinem Tod Großherzog von Baden.
4 Johann Baptist Bekk (1797-1855), badischer Jurist und Politiker, ab 1831 Mitglied in der Zweiten Kammer der Badischen Ständeversammlung und von 1842 bis 1846 ihr Präsident. 1846 trat Bekk als Staatsrat in die badische Regierung ein; im Dezember des gleichen Jahres wurde er zum Innenminister ernannt, was er bis zum 3. Juni 1849 blieb.
5 Die Heidelberger Versammlung war ein Treffen von 51 liberalen und demokratischen Politikern am 5. März 1848 im Gasthaus Badischer Hof in Heidelberg. Dazu eingeladen hatte der liberale Politiker Johann Adam von Itzstein. Die Versammlung war ein wesentlicher Impuls für das Vorparlament und damit für die Frankfurter Nationalversammlung. Wichtigstes Ergebnis dieses Treffens war die von Carl Theodor Welcker angeregte Einsetzung eines Siebenausschusses, der die Einladungen für das Vorparlament in Frankfurt am Main aussprach.
6 Clemens Grohe (1829-1900). Kaufmann und Politiker.
7 Sebastian Straub (1810-1883), Jurist und Politiker. Von 1844 bis 1848 Bürgermeister in Stockach, von 1845 bis 1848 liberaler Abgeordneter der Zweiten Kammer im Badischen Landtag. Straub war ein Freund von Friedrich Hecker, im Laufe der Zeit lehnte er jedoch die aus seiner Sicht radikale Einstellung von Hecker immer mehr ab, weshalb er noch im Jahr 1848 sein Landtagsmandat zurückgab und als Bürgermeister zurücktrat.
8 Der Publizist Adam von Itzstein (1775-1855) war einer der prominentesten Liberalen und gestaltete als Abgeordneter der zweiten badischen Kammer ab 1822 erste Reformen mit. Baden war zu dieser Zeit eines der wenigen Länder, das durch eine Verfassung bereits erste politische Mitbestimmung ermöglichte. Doch auch hier wurde die Opposition um Itzstein mit Zensur und Verfolgung belegt. Bald schied er ganz aus dem Verwaltungsdienst aus und betätigte sich nun publizistisch im Kreis um den Initiator des Hambacher Fests, Georg August Wirth. Als Itzstein 1837 ein großes Weingut im Rheingau erbte, gestalte er dies zu einem zentralen Treffpunkt der Liberalen. Hier trafen sich demokratische Vorkämpfer wie Robert Blum oder Johann Jacoby mit liberalen Juristen wie Carl Theodor Welcker oder Heinrich von Gagern. Dieser „Hallgartener Kreis“ wurde zum Sammelbecken der liberalen Opposition aus allen deutschen Ländern.
9 Wilhelm Sachs (1801-1866), Unternehmer und radikaler Demokrat. 1847 wurde er zum Abgeordneten in die Zweite Kammer der Badischen Ständeversammlung gewählt. Im Rahmen der Märzrevolution 1848 nahm er an der Heidelberger Versammlung teil und war Mitglied des Vorparlamentes und Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung.
10 Andreas Gottschalk (1815-1849), eine der markantesten Persönlichkeiten Kölns im 19. Jahrhundert, konvertierte vom Judentum zum Christentum, wobei für ihn die „Brüderlichkeit aller Menschen“ ein wichtiges Motiv war. Er erkannte Armut und Elend als Ursachen von Krankheiten, engagierte sich sozial und war als Gründer und Präsident des Kölner Arbeitervereins einer der Pioniere der Arbeiterbewegung. Als Arzt der Armen starb er an einer in Köln grassierenden Cholera-Seuche.
Wer nicht zu jener Klasse starrsinniger Menschen gehört, welche die Baufälligkeit ihres Hauses so lange leugnen, bis es einstürzt und sie unter den Trümmern begräbt, oder zu jener, welche in der ohnmächtigen Hand die Zügel behaupten wollen, obgleich der alte Staatswagen dem Abgrunde zu, in unaufhaltsamer Schnelligkeit rennt; der wird unbedingt zugeben, dass nur eine durchgreifende politische und gesellschaftliche (soziale) Umgestaltung das Hereinbrechen vollständiger Anarchie hindern und die Grundlage bilden könne, auf welcher die künftige Staatsordnung zu beruhen und das Vertrauen in den Bestand der Dinge, und mit demselben der öffentliche und der Privatkredit, wieder anzuwachsen vermögen, ohne welche alle wissenschaftlichen Ideen zur Beseitigung der Armut unfruchtbar sein werden, weil der Nerv aller Betriebsamkeit gelähmt und die Arbeitsstockung tiefer eingreifend ist als der beste Wille der Staatsmänner, die höchste Einsicht der Finanziers und selbst die öffentlichen Mittel des Staats dagegen zu wirken vermögen. Diese erforderliche durchgreifende Umgestaltung kann nach unserer innersten Überzeugung nur bewirkt werden durch Verwandlung der Monarchie in die Republik. Wir begründen diese Behauptung: Weiterlesen
Unter die vordersten Bedürfnisse des Volkes ist das einer einfachen und wohlfeilen Regierung zu zählen; es will Erleichterung der auf ihm ruhenden Lasten. Diese Lasten aber entspringen aus der Unterhaltung des stehenden Heeres; der übermäßigen Zahl von Beamten, welche zudem von 2000 Talern aufwärts fast alle zu hoch bezahlt sind; sie entspringen aus der übertriebenen Anzahl der Pensionäre, von welchen ein Teil wegen Unfähigkeit, ein anderer Teil aber deshalb von Amt und Stelle entfernt wurde, um Besserbegünstigten Platz zu machen; sie entspringen aus den Ansprüchen der Mediatisierten1 und des hohen und niederen Adels auf Staatseigentum oder auf Leistungen der Bürger; endlich entspringen sie aus den ungeheuren Apanagen und Zivillisten2 der fürstlichen Häupter.
Die Lasten aber drücken doppelt hart, weil sie nach einem gänzlich verkehrten Finanzsystem bemessen und ausgeteilt sind, auch die Überwachung ihrer Erhebung unverhältnismäßig teuer ist.
Das stehende Heer.
Seit einer langen Reihe von Jahren hat man fortwährend behauptet, dass die Last des stehenden Heeres ebenso hart drücke, als es unzureichend sei zum Schutz des Staates. Die Schwere dieses Drucks ist heute unwidersprochen, und ebenso liegt die Unmöglichkeit des stehenden Heeres zum Schutz des Staates gegen außen am Tag, wenn dasselbe nicht verknüpft ist mit einer allgemeinen Volksbewaffnung. Sobald aber eine allgemeine Volksbewaffnung eingeführt ist, bedürfen wir so wenig eines stehenden Heeres als die Schweiz, deren Bevölkerung die des Großherzogtums Baden etwa um die Hälfte übersteigt, und welche, wie die neuste Geschichte zeigt, innert 14 Tagen ein schlagfertiges Heer von 130.000 Mann ins Feld stellte. – Das deutsche Volk bedarf daher zu seinem Schutz keines stehenden Heeres, wohl aber glaubt jene oberste Regierungsgewalt, deren Interesse abweicht von jenem des Volkes (die Monarchie), zu ihrem Schutz gegen das Volk des stehenden Heeres zu bedürfen. Aus diesem Grund wird es schwer gehen, die Monarchie zur Aufhebung des stehenden Heeres zu vermögen, wenngleich die Beispiele der jüngsten Zeit sattsam zeigten, dass jene Tage ihrem Ende nahen, wo die Söhne zu Schlächtern ihrer eigenen Väter und Brüder sich gebrauchen ließen.
Die Republik und die Monarchie werden schwerlich lange im Frieden nebeneinanderstehen, weil ihre Grundsätze sich entgegenstreben, und jede dieser Staatsformen durch die andere sich bedroht glaubt; wie sehr nun auch Frankreich in materieller Hinsicht die Aufhebung seines stehenden Heeres wünschen mag, so wird sie aus den vorgebrachten Gründen schwerlich erfolgen. Wäre aber Deutschland, wenn auch nur teilweise, eine Republik, so würde gegenseitige Verständigung leicht sein, denn die Völker haben kein Interesse, sich zu bekriegen, sondern den friedlichen Verkehr zu pflegen. Frankreich und Deutschland haben beide sowohl Boden als andere Bedingungen genug, um glücklich zu sein; so bald gegenseitiges Vertrauen herrscht, wird der Frieden nicht in Gefahr stehen. Zur gegenseitigen Abschaffung der stehenden Heere ist also das einzige Hindernis: die Monarchie.
Die große Zahl und die hohen Besoldungen der Beamten.
Ein Staat, dessen peinliche und Zivilrechtspflege, dessen Verwaltung und Polizei auf sogenannten Wissenschaften beruhen, deren Begründung und Bekämpfung Hunderte, ja Tausende von Foliobänden in Anspruch genommen hat, deren Zahl wir durch die Bemühungen der ehrenwerten Gelehrtenzunft täglich noch zunehmen sehen, ein solcher Staat muss notwendig eine so verwickelte und vielfältige Gesetzgebung, ein so zusammengesetztes Triebwerk haben, dass es nur durch ein Heer von Beamten regiert werden kann, deren gesunder Verstand noch überdies in dem gleichen Grad verwirrt werden muss, je mehr sie sich in dem Wust der sogenannten Wissenschaft verirren. Wenn nun der Staat von jenen, welche sich seinem Dienst widmen, fünfzehn- bis zwanzigjährige Übung fordert, bis er sie zu einer unwiderruflichen Anstellung für fähig erachtet, so ist es begreiflich, dass diesen vorausgegangenen Opern auch eine entsprechende Entschädigung durch Besoldung, eine lockende Aussicht auf Beförderung vorschweben muss. Da aber das Volk eine Wissenschaft weder anerkennt noch wünscht, welche ihm eine Gesetzgebung aufnötigt, die zu weitläufig und zu verwickelt ist, als dass die große Masse der Bürger je dieselbe nur lesen, geschweige denn verstehen könnte, so verlangt es von seinen Beamten auch nicht die unfruchtbaren und kostspieligen Studien, es verlangt von ihnen nur Verstand und Rechtlichkeit, um einfache Gesetze, die es sich selbst geben wird, zu verstehen und anzuwenden. Damit fällt dann auch der Anspruch auf lebenslängliche Anstellungen und übermäßig hohe Besoldungen weg, welch letztere übrigens meistens doch nur den Begünstigten zukommen, da das Talent in der Regel mehr unterdrückt als hervorgehoben wird, weil es eher verschmäht, der Macht unterwürfig zu sein als die Mittelmäßigkeit. Wie ist es aber denkbar, dass unter der Monarchie, unter der Herrschaft von Leuten, die sich in ihrer Lage so wohl befinden, ein Wust von sogenannter Wissenschaft und dem darauf gebauten Machwerk, Gesetze und Verordnungen genannt, abgeschafft werden, wenn nicht das Volk durch die Männer seiner Wahl dies bewirkt. Wie ist es aber denkbar, dass je das Volk dazu komme, die Gesetze durch die Männer seiner Wahl machen und vollziehen zu lassen, als unter der Republik. Die Hauptschutzwehr der jetzigen Gesetzgebung, der Hauptwall für das stehende Heer der Beamten und für die hohen Besoldungen der „höheren“ Staatsdiener, wird daher stets sein: die Monarchie.
Das Heer der Pensionäre.
Aus dem gleichen Grund, welchem das Heer von Beamten und die hohen Besoldungen entsprießen, wächst auch das Heer der Pensionäre. Wenn die Leute 15-20 Jahre darangesetzt haben, zu einer Staatsanstellung zu gelangen, so wollen sie für den gehabten Aufwand an Zeit und Geld auf der anderen Seite auch Sicherheit haben gegen willkürliche Entlassung, von welcher Seite dieselbe auch veranlasst werden möchte. Daher die Staatsdienerpragmatiken, welche im Laufe der Zeit zu einer wahren Landplage geworden sind, weil auf ihren Grund hin nicht allein eine Menge Leute, deren Untauglichkeit im Staatsdienst sich erwies, sondern auch gar viele, welche bei voller Befähigung dem Staat noch gerne länger gedient hätten, auf den Pensionsetat gesetzt wurden, um anderen nachdrängenden oder begünstigten Anstellungslustigen Platz zu machen. Bei einem Gesetzgebungssystem, welches so große Vorauslagen bis zur Befähigung zum Staatsdienst erfordert, ist die Abschaffung des Pensionswesen ohne große Härten nicht denkbar, weil die entlassen werdenden Beamten, welche zu keinem anderen Lebensberufe sich befähigt haben, gleichsam als Bettler in die Welt gestellt wären, was aber nicht der Fall sein wird, wenn vier- bis höchstens sechsjährige Amtsdauer eingeführt wird, die Beamten meistens in dem Kreis ihrer Heimat gewählt werden und in der Regel nicht genötigt sind, ihrem Beruf zu entsagen, weil der größte Teil derselben nur zeitweilig sich der Amtstätigkeit zu widmen braucht, wie z. B. die Bezirks- und Kreisgerichte und die Geschworenen. Allein das Hindernis, diese einfache Gesetzgebung herbeizuführen, die Beamtenwahl in die Hand des Volkes zu legen und den Pensionsetat ganz zu beseitigen, ist wieder das alte. Die Beamtenwahl wird als Thronrecht beansprucht, das volkstümliche Prinzip steht im Widerspruch mit demselben, wir scheitern wieder an den Ansprüchen der Monarchie! (…)
Die Zivillisten und Apanagen
Durch jene berüchtigte Finanzwissenschaft, welche unter dem unschuldigen Titel: „mittelbare (indirekte) Abgaben“ ein ins tiefste Mark des Bürgers eindringendes Aussaugungssystem erfand, wurden die Zahlen der Staatseinnahmen auf eine Höhe getrieben, die man 30 Jahre früher auch nicht annähernd für erschwingbar gehalten hätte. Dies allein konnte auch Veranlassung sein, die Zivillisten und Apanagen der fürstlichen Familien auf eine Höhe zu schrauben, die in einem wahrhaft schrecklichen Gegensatz steht zu der herben Not so vieler Tausende in allen Staaten; von jenen Unglücklichen an, welche armutshalber von jeder Erziehung ausgeschlossen, sozusagen in der Wiege schon zu Verbrechern und Taugenichtsen bestimmt sind, bis zu jenen, welche in Schlesien an der Hungerpest starben.
An die beträchtliche Verringerung oder gar Abschaffung dieser großen Staatslast ist natürlich am wenigsten zu denken bei dem Fortbestand der Monarchie. (...) Man mag vielleicht einwenden, auch die Republik werde die Lasten nicht plötzlich wegblasen können; man werde die Beamten und Pensionäre nicht totschlagen oder dem Hungertod preisgeben. Und wir antworten darauf: Allerdings wird dies nicht geschehen. Man wird, indem man dem Elend eines Teils der Staatsangehörigen abzuhelfen sucht, nicht einen anderen an seine Stelle setzen (...). Wenn die Lasten bloß dem Armen und Arbeitenden abgenommen und auf die Besitzenden überwälzt werden in ihrer ganzen jetzigen Größe, so werden die Besitzenden in 25 Jahren ebenfalls verarmt sein. Dieses Kunststück zu bewirken, ist nicht unsere Absicht. Unser Wahlspruch war von vorneherein: Freiheit, Bildung, Wohlbehagen, Gerechtigkeit für alle. Diese Ansprüche aber können nur verwirklicht werden, wenn die Monarchie der Republik, die Fürstenherrschaft der Volksregierung weicht. – Wer besseren Rat weiß, der gebe ihn.
1 Mediatisierung („Mittelbarmachung“): Eingliederung von Reichsständen, Fürstentümern und Adeligen in die neuen Bundesstaaten.
2 Zivilliste, in älteren Texten auch Civilliste: der jährliche Betrag, der einem Monarchen und seinen Angehörigen aus der Staatskasse gewährt wird. Darin enthalten sind die Apanage – die Abfindung der nichtregierenden Mitglieder zur Deckung eines standesgemäßen Lebenswandels – und die Aufwendungen für den herrschaftlichen Haushalt.
Die Quellenlage zu Joseph Fickler ist äußerst kompliziert. Eigene Bücher hat er nicht verfasst, Briefe sind praktisch nicht erhalten und seine legendären Reden in Wirtshäusern, auf Marktplätzen und Volksversammlungen sind zwar durch Zeitzeugen beglaubigt, aber nicht dokumentiert. So bleibt sein „Hauptwerk“, die mehrmals wöchentlich erscheinende Zeitschrift „Seeblätter“, die er von 1837 bis 1849 leitete. Aber auch deren komplette Jahrgänge sind nirgends archiviert. Einzelne Jahrgänge oder eine Auswahl einzelner Ausgaben liegen in verschiedenen Archiven (etwa in der Badischen Landesbibliothek oder dem Bundesarchiv) als Mikrofilm vor – sind aber zum Teil nur schwer zu entziffern.
Alfred Diesbach: Josef Ficklers Rolle in der dritten badischen Volkserhebung, in: Badische Heimat, 54. Jahrg. 1974, Heft 2, S. 193–220 (pdf).
Alfred Diesbach: Das Konstanzer Wochenblatt 1832-1833 – das Porträt einer kämpferischen Zeitung, in: Jahrbuch Hegau, Band 20, 1965, S. 243–275 (pdf).
Michael Kitzing: Josef Fickler (1808–1865). Redakteur der Konstanzer Seeblätter und Protagonist der badischen Revolution 1848/1849, in: Badische Heimat, 1/2024, S. 95–102.
Patrick Oelze: Der Vergessene: Joseph Fickler, in: Patrick Oelze (Hrsg.): REVOLUTIONEN. Ein historisches Lesebuch, Berlin 2014, S. 169–173.
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