JULIUS FRÖBEL
Abb.: Österreichische Nationalbibliothek
Julius Fröbel ist Vertreter einer Demokratie, in der die Bevölkerung durch öffentlichen Diskurs und öffentliche Kommunikation an der Demokratie teilhat und teilhaben kann. Er wird in dieser Überzeugung geprägt durch seinen Onkels Friedrich Fröbel, dem Erfinder des deutschen Kindergartens, der sich für eine umfassende Volksbildung als zentrale Maßnahme gegen Pauperismus und Verelendung der Bevölkerung und für Demokratisierung einsetzt.
Als Vorsitzender des ersten Demokratenkongresses arbeitet Fröbel aktiv an der Zusammenarbeit der zahlreichen lokalen Arbeiter-, Bauern- und Demokratenvereine und der Gründung einer demokratischen Partei mit.
Für Volkssouveränität und Demokratie riskiert er sein Leben. Zusammen mit Robert Blum kämpft er 1848 im Wiener Oktoberaufstand und wird zum Tode verurteilt. Anders als Blum wird er begnadigt – und muss ein Jahr später in die USA flüchten. Erst acht Jahre später kann er in seine Heimat zurückkehren.
Carl Ferdinand Julius Fröbel wird am 16. Juli in Griesheim im thüringischen Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt in einen Pfarrhaushalt geboren. Durch Freitische, eine Art Stipendium, eines Gutsherrn, kann Fröbel das Gymnasium besuchen.
Fröbel wird in die Keilhauer Erziehungsanstalt seines Onkels Friedrich Fröbel (der Erfinder des deutschen Kindergartens) aufgenommen. Obwohl Julius Fröbel die Ideen und Methoden seines Onkels immer wieder kritisiert, wird er von dessen Idee einer umfassenden Bildung für alle Menschen als Ausweg aus dem Pauperismus stark geprägt.
In Stuttgart wird Fröbel Teil des literarischen und politischen Kreises rund um das Ehepaar Schott. Dort erhält er wohl auch den Anstoß, Geografie und Mineralogie zu studieren.
Mit einem Empfehlungsschreiben von Alexander von Humboldt erhält Fröbel eine Privatdozentur für Mineralogie an der neu gegründeten Universität Zürich und wird drei Jahre später zum außerordentlichen Professor ernannt. Gleichzeitig unterrichtet er an der Züricher Cantonsschule Geografie. Dort erlebt er 1839 den von konservativen Geistlichen geführten Septemberputsch (oder Züriputsch) und wird dadurch stark politisiert.
Fröbel übernimmt den „Literarischen Comptoir Zürich und Winterthur“, einen politischen Buch- und Zeitschriftenverlag, der sich gegen die Reaktion in der Schweiz und in Deutschland richtet und von der deutschen Zensur betroffene Schriftsteller wie etwa Georg Herwegh veröffentlicht. Gleichzeitig arbeitet er bis zu seiner Ausreise nach der 1848er-Revolution für mehrere Zeitungen und Zeitschriften und als freier Schriftsteller.
Nachdem Fröbel 1843 bereits zu zwei Monate Haft aufgrund der in seinem Verlag erschienen Schriften verurteilt wurde, verbietet der deutsche Bundestag nun alle Schriften aus dem Verlag und lässt alle Bücher und Gelder beschlagnahmen. Fröbel tritt daraufhin aus der Verlagsleitung zurück.
Nach der Märzrevolution übernimmt Fröbel die „Deutsche Volkszeitung“ in Mannheim, muss aber nach dem gescheiterten Hecker-Aufstand aus Baden fliehen.
Fröbel wird Vorsitzender des ersten Demokratenkongresses in Frankfurt a.M. Außerdem setzte er sich für den Ausbau einer demokratischen Partei ein.
Als Nachfolger für den verstorbenen Johann Georg August Wirth zieht Fröbel in die Frankfurter Nationalversammlung ein (Fraktion Donnersberg). Zusammen mit Robert Blum beteiligt er sich am Wiener Oktoberaufstand und wird nach dessen Niederschlagung zum Tod verurteilt, allerdings kurz darauf begnadigt.
Nach seiner Teilnahme am badischen Aufstand und der endgültigen Niederschlagung der Revolution flüchtet Fröbel in die USA. Dort hält er sich unter anderem als Seifensieder, später als Journalist und Schrifsteller über Wasser und entwickelt eine neue politische Moral auf naturhistorischen und sozialdarwinistischen Theorien, in der er auch Sklaverei befürwortet.
Nach seiner Rückkehr nach Europa 1857 ist Fröbel am 26. Oktober Mitgründer des „Deutschen Reformvereins“, der sich hauptsächlich für eine großdeutsche Lösung unter Einschluss Österreichs einsetzt.
Fröbel stirbt am 6. November in Zürich.
Wenn man in diesem Augenblicke sich die Frage aufwirft, was der Gewinn ist, den das deutsche Volk dem bis jetzt durchlaufenen Teile seiner Revolution verdankt, so findet man, dass er einzig in der allgemeinen Anerkennung eines Gedankens besteht.
Die wirkliche Lage des Volkes hat sich nirgends wesentlich verbessert, und den Forderungen, in welchen sein richtiger Instinkt die Grundzüge einer demokratischen Staatsordnung niedergelegt hat, ist nur zum kleinsten Teile Genüge geschehen.
Noch sehen wir uns vergebens um nach einem demokratischen Steuersystem, welches mit allgemeiner Gleichheit der Rechte eine vernünftige Progression der Pflichten verbindet: - unverändert besteht das wahnsinnige System der umgekehrten Progression, nach welchem das Steuerverhältnis statt mit dem Reichtum mit der Armut wächst.
Noch sehen wir uns vergebens um nach einem demokratischen Schulwesen, welches einem Jeden im Volke die Bildung sichert, die dem vollberechtigten Staatsbürger unerlässlich ist: - unverändert seufzt der Volksschullehrer unter dem Druck einer elenden und unwürdigen Lage; - unverändert muss das Volk für seine Kinder mit dem armseligen Abfall der Bildung vorlieb nehmen; - unverändert spreizt sich der Dünkel beschränkter Hofräte und Professoren, und unsere Hochschulen sind nach wie vor die verderblichen Pflanzstätten der Unfreiheit und einer veralteten Weltansicht. Weiterlesen
Noch sehen wir uns vergebens um nach einem demokratischen Wehrwesen, welches den Gegensatz zwischen dem Militär und dem Bürgertum vollständig aufhebt: - unverändert ist der Soldat eine Maschine ohne freien Willen und die bewaffnete Macht ein furchtbares Werkzeug in der Hand der Machthaber; - unverändert besteht jener unheilvolle Gegensatz, und von den vernünftigen Bestimmungen, die in England den einzelnen Soldaten ohne Rücksicht auf den Befehl seines Oberen für den Gebrauch seiner Waffen persönlich verantwortlich machen, ist selbst in den fortgeschrittensten Staaten Deutschlands bis jetzt keine Rede.
Noch sehen wir uns vergebens um nach einer demokratischen Rechtspflege: - zur allgemeinen Einführung des öffentlichen Schwurgerichtes sind kaum die einleitenden Arbeiten begonnen, und sogenannte politische Verbrechen werden überall noch nach den alten von der Zeit verurteilten Rechtsformen gerichtet.
Ein Gewinn aber steht fest: - die Anerkennung des Gedankens der Volkssouveränität!
Dieser Gedanke ist unser einziger Gewinn, aber ein Gewinn von unermesslichem Gewicht. Er ist es, welcher der ganzen sittlichen Zukunft des Menschengeschlechtes seinen Stempel aufdrücken wird, und die Fortentwicklung der Staatsformen wie der sozialen Zustände wird nichts anderes sein als seine Aufklärung und die Ausarbeitung seiner Folgen.
Es ist also klar, dass wir auf sein richtiges Verständnis den größten Nachdruck legen müssen. Es beweist seinen herrschenden Einfluss, dass nicht nur der eine Teil des Volkes in seinem Namen die republikanische Staatsform fordert; - nein! – selbst die Monarchie will jetzt durch seine Kraft bestehen und gebraucht ihn als Waffe der Verteidigung gegen die Republikaner! […]
Die Souveränität ist die Vollkommenheit des Rechtes und der Macht in einer Gemeinschaft von Menschen. Durch diese Vollkommenheit, von der kein höheres Recht und keine höhere Macht anerkannt wird, erhält die Gemeinschaft die Natur des Staates, durch sie unterscheidet sich der Staat von jeder anderen Menschengemeinschaft. Hierüber ist nichts weiter zu sagen. Aber die Frage nach dem Ursprung und dem Sitze der Souveränität ist eine Streitfrage, um die sich der Hauptkampf der politischen Vorstellung dreht.
Ihren Sitz hat die Souveränität da im Staate, wo sich die drei Staatsgewalten vereinigt finden. Die Souveränität nämlich ist die ganze Rechts- und Machtvollkommenheit. Wenn aber Recht und Macht im Einzelnen wirksam werden, können sie es nur in bestimmten Verrichtungen, für die der Staat bestimmter Organe mit bestimmten Befugnissen bedarf. Von solchen Verrichtungen gibt es drei Hauptklassen: Verrichtungen der Gesetzgebung, Verrichtungen der Rechtsprechung und Verrichtung der Verwaltung. Die ersten stellen fest, was im Staat als Recht gelten soll, die zweiten beurteilen einzelne Fälle nach dem Maßstäbe des geltenden Rechtes, die dritten setzen in Wirklichkeit was das geltende Recht vorschreibt. Nach diesen drei Klassen von Verrichtungen des politischen Lebens zerfällt die Souveränität in die sogenannten drei Staatsgewalten: die gesetzgebende Gewalt, die richterliche Gewalt und die vollziehende Gewalt. Wo nun eine oder nur zwei dieser Gewalten vorhanden sind, da ist nur ein Ausfluss der Souveränität, aber nicht die Souveränität selbst. So in einer gesetzgebenden Versammlung, in einer richterlichen Behörde, in einem Verwaltungskollegium. Wo dagegen die drei Gewalten vereinigt sind, da ist die Souveränität, und es können in dieser Beziehung folgende Hauptfälle stattfinden: die drei Gewalten sind vereint zu finden entweder in einem einzelnen Menschen, oder in einer Mehrzahl von Personen, oder endlich in der Gesamtheit aller volljährigen Bürger des Staates, wonach der Staat im ersten Fall eine absolute Monarchie, im zweiten eine Aristokratie, um dritten eine Demokratie ist. Der Souverän, d.h. der Inhaber der Souveränität, ist im ersten Fall ein Fürst, im zweiten eine bevorzugte Volksklasse, im dritten das ganze vollberechtigte Volk, und die Volkssouveränität zeigt sich somit als das Staatsrechtsprinzip der Demokratie. […]
Liebster Herwegh!
Seit einigen Tagen bin ich hier und habe die Redaktion der „Deutschen Volkszeitung“ übernommen, von der am 26. die erste Nummer erscheinen soll. Sie wird die äußersten Konsequenzen der Freiheit vertreten und in gewisser Beziehung die Zeitung des deutschen Parlaments werden, welches am Ende dieses Monats in Frankfurt zusammentritt. Es ist ernst. Die deutsche Entwicklung ist unaufhaltsam. Vielleicht zieht der Strom in ruhiger Macht über das Land; aber sollte den Fürsten und ihrem Anhang ein Versuch einfallen, ihn zu dämmen, so werden wir in Deutschland die erhabenste Volkserhebung erleben, welche die Geschichte kennt. Der ganze Bauernstand ist von dem Gedanken der Freiheit ergriffen. In Thüringen waren es die Bauern, welche zu zehn- und zwanzigtausend nach Weimar, Rudolstadt, Erfurt zogen und an beiden ersten Orten die Volkswünsche durchsetzten. Die Plünderungen in Thüringen, Franken und Hessen sind sehr übertrieben worden, allein desto größere Hoffnung sind nur auf die Landbevölkerung zu setzen. Vorgestern waren in Offenburg 25 000 Menschen versammelt. Die Bauern aus dem Oberlande kamen auf vierspännigen Wagen, mit schwarzrotgoldenen Fahnen, mit Sensen bewaffnet, und die Proklamation der Republik lag in der Hand republikanisch gesinnter Volksführer, die ihre Gründe hatten, sie nicht zuzulassen. Das bedarf keiner Erklärung. Was von selbst, unaufhaltsam, fast wider Willen kommt, braucht nicht proklamiert zu werden. Nächsten Sonntag ist Volksversammlung in Heidelberg. Man wird so weit fortrücken, solange die Agitation keinen größeren Charakter annimmt. Aber das wird nicht lange dauern. Im ganzen Südwesten von Deutschland wird das Volk bewaffnet und das Militär vollständig mit dem bewaffneten Bürgertum verschmelzen. Sollte dann Preußen dem allgemeinen Geiste nicht weichen wollen, so wird sich von Westen ein Volkszug nach Osten in Bewegung setzen.
So stehen die Dinge. Ich schreibe Dir nun, um Dich um Mitteilung für die „Volkszeitung“ zu bitten. Nimm Dich der Sache an; sie ist wichtig! – Kannst du nicht selbst, so sorge für einen tüchtigen Korrespondenten, aber schnell, damit ich gleich in der ersten Nummer Pariser Artikel habe. Sie sollen nicht zu lang sein, immer die Quintessenz des Standes der Dinge enthalten, besonders in Bezug auf die soziale Frage und natürlich gut und populär geschrieben sein. Der Verleger wird Honorar zahlen, ich weiß aber nicht, nach welchem Maßstabe. Es ist H. Hoff.
Also erfülle meinen Wunsch, erfülle ihn sogleich und wo möglich selbst!
Ich musste so rasch von Dresden abreisen, dass ich meine Frau nicht mitnehmen konnte. Sie kommt in acht Tagen nach, wird dann einen Besuch in Zürich machen, wo unser Junge noch ist, und, wenn ich dann noch lebe, so bald als möglich wieder zu mir kommen.
Die nächsten Wochen werden für Deutschland entscheidende sein. Grüße Emma von mir! Dein Julius Fröbel
Als man hörte, dass die kaiserlichen Truppen durch mehrere Vorstädte hereingebrochen seien, steigerte sich die Aufregung bis zum Fanatismus, während der Ruf nach „Verrat“, mit mannigfaltigen Verwünschungen vermischt, durch die Massen lief.
Obgleich zahlreiche Frauen auf dem Platze waren, habe ich doch keinen Laut des Jammerns und der Klage, sondern nur die Töne der Wut vernommen. Bewaffnete Weiber mischten sich jetzt unter die Männer, und einige reihten sich, ohne sich durch etwas abhalten zu lassen, unter die aufgestellte Mannschaft meiner Kompagnie. Ein Schauer, ich gestehe es, durchlief mich, als die eine von ihnen, ein Bajonett als Dolch in der Hand, mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Exaltation von mir eine Muskete verlangte. „Ich bin Ungarin!“, rief sie, „ich habe schon Wölfe geschossen. Ich weiß die Waffe zu führen. Nur über meine Leiche geht der Weg in die Stadt!“
Eine andere, ein junges, hübsches Mädchen mit gutmütigem Ausdruck, war in ihrem Benehmen das Gegenteil dieser deklamierenden Amazone. Still und heiter, mit leuchtendem Auge, stand sie in der Reihe und schulterte einen Karabiner. Mehrmals von mir aus der Reihe entfernt, hatte sie sich immer eine Minute nachher an einer andern Stelle wieder eingedrängt, und als ich ungeduldig wurde, sah sich mich so bittend an, dass ich es nicht vermochte, Gewalt zu brauchen. Ich stellte ihr vor, dass sie zu schwach und ungeübt sei, um im Kampfe nützen zu können, dass sie aber mit den anderen Frauen uns begleiten möge, um Verwundeten beizustehen. „Nein, wir wollen auch mit sterben“, antwortete sie mir mit schüchterner Stimme, aber heiterem Ausdruck. Da war ich am Ende meiner Einwendungen.
Meine Herren! Sie haben beschlossen, den Bericht, welchen ich Ihrer Versammlung angeboten habe, anzuhören. […] Es ist Ihnen bekannt, ich brauche darüber kein Wort zu verlieren, was die Veranlassung meiner und Blums Reise nach Wien war. […] Nachdem der Antrag des Abgeordneten Berger gefallen war, dass die Nationalversammlung aussprechen solle, die Stadt Wien habe sich durch ihre letzte Erhebung um das Vaterland verdient gemacht, beschloss die linke Seite dieser Versammlung von sich aus eine Deputation nach Wien zu senden, um die Erklärung ihrer Sympathie mit der Wiener Revolution auszusprechen. Die beiden Fraktionen der Linken, welche im „Donnersberg“ und im „Deutschen Hof“ ihre Zusammenkünfte halten, vereinigten sich zu diesem Zwecke. Von der einen wurde Robert Blum, von der anderen ich gewählt, […] Zwei andere Mitglieder, die Herren Hartmann und Trampusch, haben uns begleitet, und sich unserer Deputation angeschlossen. Wir sind am 13. hier abgereist und am 17. in Wien angekommen. […] Nachdem wir die Tage des 17., 18. und 19. Oktober dazu verwendet hatten, unseren Auftrag zu vollziehen, waren wir am 20. bereit, Wien wieder zu verlassen. […] Ich bin hierauf zum Oberkommandanten gegangen, und habe mir für mich und meine drei Begleiter Passierscheine erbeten, die auf drei Tage lautete, und die ich bei mir führte, weil wir immer mit dem Gedanken umgingen, Wien zu verlassen. Wir führten ihn nicht aus, weil wir fortwährend hörten, dass es unmöglich sei, ohne Misshandlungen durch das Heer zu kommen. Die Tage vom 20sten bis zum 26sten vergingen auf diese Weise in der Ungewissheit, ob es möglich sei, abzureisen. […] Ich bin in der weiteren Erwartung der Dinge gewesen, und es war am 26sten, wo Blum und ich durch einen Hauptmann außer Diensten, Namens Hauk, welcher beordert war, ein Elitencorps zu bilden, aufgefordert wurden, diesem Corps beizutreten. Durch den genannten Kommandanten dieses Corps, welches aus vier Kompagnien bestand, sind wir zu Hauptleuten ernannt worden. Blum hatte die erste, ich die dritte Kompagnie. Nach dem Organisationspatente war dieses Corps dazu bestimmt, die Ruhe und Ordnung in der Stadt zu sichern. Es war dies eine höchst wichtige und nicht minder gefährliche Aufgabe, als den Truppen gegenüber zu stehen. Schon Tags vorher ist aus den Häusern auf Vorübergehende geschossen worden, […]. Blum und ich wurden voneinander getrennt. Wir kamen an die äußersten entgegengesetzten Punkte der Stadt, wo Barrikaden gebaut waren, an die gefährlichsten Orte, die überhaupt möglich waren. […] Wir hatten die Überzeugung, die sich nachher als richtig bestätigt hat, dass die Stadt sich nicht werde halten können, weil sie verraten war. […] Unsere Aktivitäten hatten am 26sten begonnen; am 28sten abends beschlossen wir, unsere Demission einzureichen. [….] Nachdem dieses vorüber war, haben wir an Dem, was weiter geschah, keinen Anteil genommen. Ich muss Sie hierauf aufmerksam machen, weil ich gehört habe, dass in Zeitungsberichten gesagt wurde, Blum hätte noch nach der Kapitulation und während der Einnahme der Stadt unter Waffen gestanden, und gefochten, das ist eine Unwahrheit. Wir haben die ganze Zeit, vom 29. Oktober bis zum 4. November in unserem Gasthause zugebracht, mit wenigen Ausgängen in die Stadt. An dem ersten Tage nämlich haben wir es noch mehrmals gewagt, auf die Straße zu gehen. Da aber in der Stadt Gräuel verübt wurden, und man Gefahr laufen konnte, massakriert zu werden, weil man eine Physiognomie hatte, die den Soldaten nicht gefiel, entschlossen wir uns, nicht mehr auszugehen, und haben uns ruhig zu Hause gehalten. […] am Morgen des 4ten um 6 Uhr erschien ein Beamter der Stadthauptmannschaft in Begleitung von einem Hauptmann mit sechs bis acht Mann Soldaten vor unserer Türe. Als wir öffneten, wurde uns der Verhaftbefehl vorgezeigt […]. Wir haben unsere Eigenschaft als Mitglieder der deutschen Nationalversammlung durch eine kurze mündliche Erklärung geltend gemacht, aber die Antwort erhalten, dass der Befehl zu unserer Verhaftung keine Rücksicht auf diese Protestation zulasse, worauf wir uns ruhig in das Gefängnis im Stabsstockhause haben abführen lassen. Dort haben wir vom 4ten bis zum 8ten abends bei einer ziemlich rücksichtsvollen Behandlung zugebracht. […] Der Protest aber, den wir am 8ten eingegeben haben, bildet eine entscheidende Wendung in der Sache. Dieser Protest ist allerdings berücksichtigt worden. Sie sehen es in dem Tode Blums, auf welche Weise. Blums Tod ist die augenblickliche Antwort auf diesen Protest. Der Protest wurde geschrieben um 4 Uhr, um 6 Uhr wurde Blum zu Verhöre gerufen, um 8 Uhr war das Verhör aus, am anderen Morgen um 6 Uhr früh wurde im das Urteil verkündigt, und er um 7 Uhr erschossen. Ich habe Blum nicht wieder gesehen, von dem Augenblicke, wo er zum Verhör geführt wurde, mit Ausnahme einer halben Minute, während er in das Zimmer trat. Er wurde aber sogleich wieder abgeführt. Ich habe in Bezug auf den Protest noch etwas zu bemerken. Sie mögen selbst beurteilen, welcher Wert darauf zu legen ist. Wir waren bis zum 8ten früh in dem Gefängnisse allein, da wurde ein anderer Gefangener zu uns herein getan, der uns erklärte, er sei General-Adjutant von Messenhauser gewesen, er sei auch in Untersuchung, und da im Haus kein Platz mehr sei, habe man ihn zu uns getan. Dieser Mann benahm sich sehr auffallend, er verlangte viel von den Profosen, die die Aufsicht über uns führten, und seinen Forderungen wurde auf sonderbare Weise Folge geleistet. Dieser Mann führte das Gespräch fortwährend auf die Zeit, wo wir Waffen geführt hatten, und trotz der Andeutungen, die ich Blum machte, war dieser offenherzig und teilte ihm Vieles mit. […] Kurz, es schien mir, als suche er gegen uns Beweismittel zu finden. Dieser Mann legte es Blum dringend ans Herz, dass wir einen Fehler begangen, indem wir nicht energisch genug protestierten, und unsere Eigenschaften als Deputierte nicht genug in den Vordergrund gestellt hätten. Sie kennen, sagte er, die österreichischen Behörden nicht. Wenn Sie energisch auftreten, so werden Sie sehen, dass Sie morgen frei sind. Ich war hierüber mit Blum verschiedener Meinung, und der Protest, welchen Blum aufsetzte, war mir nicht recht. […] Was mich selbst betrifft, so musste auch ich die Folgen des Protestes empfinden, denn Sie werden in der Art, wie ich behandelt wurde, eine gewisse Raffinerie bemerken, die ich so auslege, dass man mit einem Opfer schon genug zu haben glaubte, dass man aber mich wenigstens so empfindlich als möglich zu strafen suchte. Ich sehe sonst nicht ein, warum Robert Blum mild behandelt wurde bis zum letzten Augenblicke, während ich in die härteste Gefangenschaft kam, und vier Tage absichtlich in der Meinung gehalten wurde, dass ich den Tod durch den Strick zu erwarten habe. […] Nachdem mir meine Freiheit erklärt war, wurde ich aufgefordert, mich in Begleitung von einem Auditor und einem Leutnant nach der Stadthauptmannschaft zu begeben, wo ich von dem Stadthauptmann die Aufforderung erhielt, sogleich Wien zu verlassen. Es wurde mir ein Polizeibeamter in Zivilkleidern beigegeben, der in meiner Gegenwart den Auftrag erhielt, mich mit aller Rücksicht zu behandeln, und mich, ohne mich als Gefangenen zu betrachten, an die sächsische Grenze zu bringen. Mit diesem Beamten reiste ich augenblicklich ab und machte so schnell, als möglich, die Reise hierher. […]
1 Fröbel berichtet darin von seinen Erlebnissen bei der Wiener Oktoberrevolution und der dortigen Erschießung Robert Blums.
Nur wenige Worte, lieber Meyen, um Deine Freundschaft zu erwidern. Die Pflicht, welche ich habe, denn eine solche ist es, in mehr als einer Beziehung, mich über die Wiener Vorgänge und meiner Erlebnisse näher auszusprechen, als es in meinem Bericht in der Nationalversammlung schicklich war, die Notwendigkeit, in den Verhandlungen unserer Versammlung früheres nachzulesen, nimmt meine ganze Zeit in Anspruch. Zudem – was soll man jetzt sich sagen? Zu dem einen ist es zu spät, zu dem anderen zu früh. Lange aber kann es nicht dauern, bis wird den unvermeidlichen Gang der weiteren Entwicklung erkennen werden. Hätte bei Euch, nach dem Fall von Wien, die Revolution gesiegt, so hätte sich Preußen mit dem mittleren und westlichen Deutschland verschmolzen, und Österreich wäre wieder erobert worden. Nun glaube ich, dass auch Preußen seinen abgesonderten Weg gehen wird; und Deutschland, wie ich es im März schon als die unvermeidliche erste Phase ansah, wird wahrscheinlich in drei Teile mit den Hauptstädten Wien, Berlin und Frankfurt zerfallen. Dass die österreichisch-slawischen und ungarischen Länder in Verbindung mit den deutschen bleiben oder in eine solche kommen, ist mir noch immer die große Lebensfrage für Europa, und ich halte die jetzige Absonderung von Österreich für kein zu großes Opfer, wen sie verhindern hilft, dass jene Länder den Russen in die Hände fallen. Meine Broschüre über Österreich wird nun wohl in Berlin zu haben sein.²
Hier ist sie im Buchhandel und in Leipzig auch. Ihr werdet nun wohl eine Verfassung oktroyiert erhalten haben. Ich bin begierig auf dieses Werk, welches in vieler Beziehung ein höchst interessantes Dokument werden wird. Wir wollen sehen, was die offizielle Intelligenz zu leisten versteht. Doch genug. Grüße die Bekannten, welche mir freundschaftlich gesinnt sind.
Dein Freund Julius Fröbel
2 Gemeint ist damit sein Werk „Wien, Deutschland und Europa“, erschienen 1848.
[…] Und Ihr Kaisertum, meine Herren, ist in der Tat ein greller Anachronismus, ein Anachronismus in Bezug auf die Idee der Erblichkeit, ein Anachronismus in Bezug auf die Natur der Würde. Was die Erblichkeit betrifft, so weiß ich sehr wohl, dass ich mit meinen politischen Freunden noch lange nicht im Stande bin, die Erbherrschaft ganz auszurotten; ich weiß, dass die Wurzeln von Formen, die durch Jahrtausende die Gesellschaft beherrscht haben, zu tief reichen, um von Stürmen, selbst wenn sie stärker wären, als die gegenwärtigen, sogleich ausgerissen zu werden. Allein, meine Herren, die Tatsache der Erbherrschaft ist für mich etwas Anderes als das Prinzip der Erbherrschaft. Ich kann eine Tatsache anerkennen, die Anerkennung des Prinzips ist für mich etwas ganz anderes. In Tatsachen kann ich mich fügen, und ich glaube, es würde mir nötigen Falles sogar gelingen, ein guter Untertan selbst eines absoluten Fürsten zu werden; aber eine neue Erbdynastie gründen zu helfen, dazu könnte ich mich unter keinen Umständen verstehen. Die erbliche Kaiserwürde ist aber, wie ich schon gesagt, auch ein Anachronismus auf die Natur der Würde, auf den in ihr involvierten wesentlichen Begriff. Dieser Begriff ist nämlich niemals in der Geschichte ein rein politischer gewesen, er war immer ein religiös-politischer, für uns eine romantische Idee, die dem ganzen Strome unserer Zeit vollständig widerstreitet; der Cäsar, meine Herren, Sie wissen das zum Teil viel besser als ich, war selbst eine Art von Gott; der mittelalterliche Kaiser war der andere Pol des Papstes und für einen protestantischen Kopf ein Unding. Nehmen Sie die katholische Auffassung hinweg, und der Kaiser ist ein Kalif oder ein Zar und nichts Anderes. Ein konstitutioneller Kaiser ist mir ein Gedanke, den ich, verzeihen Sie mir den Ausdruck, nicht vernünftiger finden kann, als den eines konstitutionellen Gottes. (Beifall auf der Linken. Heiterkeit auf der Rechten.) In der Idee des Kaisertums liegt ferner, wenigstens nach orthodoxem Begriff die Ausschließlichkeit; der orthodoxe Begriff eines Kaisers hat auf der Welt nur für einen Kaiser Platz, und jeder Kaiser, der seine Würde im strengen Sinne aufgefasst hat […] hat die Prätention gemacht, eigentlich von Rechtswegen der Einzige zu sein. – Und nun, meine Herren, sehen wir uns um, wie dem gegenüber Wirklichkeit beschaffen ist: wir haben einen Kaiser in Russland, wir haben einen Kaiser in Österreich, wir können vielleicht wieder einen Kaiser in Frankreich bekommen, da wären wir freilich sehr in der Kultur zurück, wenn wir nicht auch einen Kaiser hätten. (Bravo auf der Linken) Meine Herren! Es gibt auch noch einen Kaiser in Japan, einen Kaiser in China, einen Kaiser in Ägypten und sogar einen Kaiser in Fetz und Marokko. Es scheint, dass die Zeit kommt, wo ein Volk sich schämen muss, wenn es nicht auch einen Kaiser hat. (Auf der Linken: Sehr gut!) Es scheint mir, dass monarchische Prinzip wird altersschwach, und fängt an, ein wenig kindisch zu werden. (Beifall auf der Linken) Fragen Sie nun, meine Herren, wie ich und meine genaueren politischen Freunde zu dieser Frage uns verhalten, so kann ich Ihnen eine sehr einfache Antwort geben; dem, was wir für das Vernünftige und Zweckmäßige halten, wird die Majorität dieser Versammlung doch nicht beistimmen; wozu viele Worte verlieren? Geben Sie uns eine Majorität; und wir wollen unser Glück versuchen, so gut wie Sie es jetzt versuchen werden! Ich vermute, Sie, die Anhänger des Kaisertums werden bei der Abstimmung die Majorität haben. Ich kann mich damit zufrieden stellen; ich bin nicht betrübt über die Aussicht auf diesen Erfolg. Aber, erlauben Sie mir und denen, die mit mir gleichgesinnt sind, dass wir in diesem wichtigen Augenblicke, in diesem großen Wendepunkt der Geschichte unseres Vaterlandes, uns als die Fahnenträger der Zukunft betrachten; erlauben Sie, dass wir uns die Verpflichtung auferlegen, die Ideen und Ideale, in welchen das Volk angefangen hat, seine Zukunft zu erblicken, und den Glauben an ihre ungeschmälerte Geltung bei ihren Bekennern in dieser Versammlung rein zu erhalten und in die Zukunft zu retten, in welcher wir Zustände zu schaffen hoffen, die nach unseren Überzeugungen das Glück unseres Vaterlandes bedingen. Meine Herren! Die konservative Partei hat es Jahrzehnte hindurch zu ihrem Wahlspruche gemacht: „Nach uns die Sintflut“; erlauben Sie mir, dass ich ihn nach meiner Art für mich umstelle, indem ich Ihnen sage: „Und nach der Sintflut kommen wir!“
Liebe Freundin!
Der beigeschlossene Brief an Ihren Bruder, den ich zu besorgen bitte, sagt Ihnen was ich nicht besonders in diesen Zeilen zu wiederholen brauche. Ich bin seit einigen Tagen frei, und gestern folgte mir meine Frau nach, die ich in einem Winkel des Waldes zurückgelassen hatte. Durch die Unfähigkeit und Schlechtigkeit unserer eigenen Partei sind wir dahin gekommen, wo wir sind. Ich verzweifle nicht an Deutschland und Europa; allein so gern ich ausharren und das Schicksal Aller teilen möchte, so kann ich es nicht; denn es kann keinem Menschen und auch unserer Sache nichts nützen, wenn ich unwirksam in der Schweiz sitze, um Hunger zu leiden und die Meinigen leiden zu lassen. Und in Europa weiß ich kein Land, wo ich eine Existenz zu finden hoffen könnte. England und Norwegen wären vielleicht die einzigen; aber beiden muss man Amerika vorziehen. Ist es mir möglich meinen Plan auszuführen, so bin ich in 4 Wochen auf dem Meere. Natürlich schreibe ich Ihnen vorher noch. Ich fühle im Voraus den Schmerz, den ich jenseits des Meeres schon überwinden werde, denn mein ganzes Herz war bei unseren Kämpfen. Es muss aber sein.
Ihr Julius Fröbel
Meine Freunde!
Ich suche mit diesen Zeilen eine Pflicht zu erfüllen, in der sich mir alle die schweren Gedanken, alle die herben Gefühle zusammendrängen, zu denen die Lage unseres Vaterlandes Veranlassung gibt.
In wenigen Tagen werde ich den Boden unseres Weltteils für einige Zeit verlassen haben, und indem ich in diesen letzten Stunden vor dem Scheiden an alles denke, was ich Teures zurücklasse, stehe mir lebendig die Stunde vor der Seele, in denen Ihr mich mit den Beweisen Eures Vertrauens und Eurer Liebe überhäuftet. Weiterlesen
Als in den ersten Monaten dieses Jahres die Arbeiten der Versammlung, in die mich Eure Wahl berufen hatte, sich ihrem Ende näherte, hoffte ich, in Kurzem wieder unter Euch zu stehen, Euch Rechenschaft zu geben über das, was ich mit gleichgesinnten Freunden zu bewirken gesucht und Euch über die ganze Lage Deutschlands meine Ansicht vorzutragen. Ich würde mit dem Bewusstsein unter Euch getreten sein, wenn auch, wie alle anderen Freunde des Volkes, ohne Erfolg, doch immer nach besten Kräften meine Pflicht getan, nie an mich selbst gedacht, nie einen anderen Zweck als den des Volkswohles vor Augen gehabt zu haben.
Die Ereignisse haben mir den Weg zu Euch verschlossen. Ich gehörte zu denen, welche die Aufgabe der Nationalversammlung für eine revolutionäre hielten und welche der Meinung waren, dass man eine Revolution entweder gar nicht unternehmen oder ganz durchzuführen versuchen müsse. Ich gehörte zu denen, welche es für ihre Pflicht hielten, die der Nationalversammlung anvertraute Souveränität des deutschen Volkes bis zur letzten Möglichkeit und mit allen Mitteln, selbst mit denen der Gewalt, zu verteidigen, alle Mittel anzuwenden, um ihren Beschlüssen Gehorsam zu verschaffen. Ich weiß, dass ich in Eurem Sinne dachte; ich weiß, dass ich Eure Zustimmung hatte, wenn ich bereit war, zur rechten Zeit vom Worte zur Tat überzugehen. So bin ich nun einer von den Tausenden, die eine Zeitlang den Boden des Vaterlandes werden meiden müssen und statt unter Euch stehen und zu Euch sprechen zu können, bleibt mir nur das Mittel dieser Zeilen übrig, Euch, schon aus fremden Lande, vom Ufer des Meeres, einen Abschiedsgrus zu senden.
Ich weiß, welche Pflichten mir durch die Liebe und das Vertrauen, die Ihr mir, als ich unter Euch war, so verschwenderisch bewiesen habt, auferlegt wurde. Ihr hattet ein Recht, von mir zu erwarten, dass ich bis zur letzten Möglichkeit im Vaterlande ausdauern würde. Ich habe es getan. Ich habe die Gefahr nicht gescheut, die ein Aufenthalt auf deutschem Boden in der letzten Zeit für mich hatte. Aber ich musste mich aus dem ganzen Gange der Dinge überzeugen, dass es zwecklos gewesen sein würde, es länger zu tun, - zwecklos, weil ich das, was mir für die Entwicklung des Republikanismus in Deutschland zu wirken für jetzt allein übrig bleibt, aus der Ferne so gut wie in der Nähe und durch einen Aufenthalt in Amerika vielleicht am besten wirken kann.
Und wirklich, meine Freunde, ich gehe nicht wie einer, der in einem Schiffbruche die Gefährten ihrem Schicksal überlässt und nur noch an seine eigene Rettung denkt. Ich gehe nur, weil ich die Zeit, die mir hier für Euch wie für mich selbst nutzlos verlorengehen würde, für mich wie für Euch fruchtbar zu machen suchen will. Auch kehre ich nicht mit Hass gegen unsere Zivilisation, nicht mit Ekel gegen unsere Zustände, der alten Welt den Rücken. Die alten Formen unserer Bildung, es ist wahr, sind unfähig, dem neuen Geiste zu dienen, der trotz aller Niederlagen sich am Ende dennoch siegreich aus dem großen Kampfe erheben wird. Aber ich werde nicht der Bildung, weil sie sich in einer Richtung erschöpft zu haben scheint, die Rohheit gegenüberstellen und mich für die letzte entscheiden. Die großen und edlen Gedanken, nach deren Verwirklichung wir gestrebt haben und noch streben, sind sie nicht ein Erzeugnis eben dieser Bildung, so sehr auch die Form derselben jetzt unseren Zwecken und Idealen im Weg steht? Ich weiß, dass dieser Bildung mit Widerwillen den Rücken kehren so viel ist als der eigentlichen Arbeit unserer Zeit aus dem Wege gehen – einer Arbeit, die in der Umformung dieser Bildung nach einem neuen Plane, nicht in ihrer Verneinung überhaupt besteht.
Es ist möglich, dass in manchen Beziehungen diese Umarbeitung in der neuen Welt besser gelingt als in der alten, und in anderen Beziehungen wird es umgekehrt sein. Eins ist deshalb notwendig – die lebendigste geistige Wechselwirkung zwischen beiden Weltteilen, vornehmlich durch das deutsche Volk. Zu dieser beizutragen, sind die Menschen berufen, welche in der jetzigen Krisis der europäischen Gesellschaft hinübergedrängt werden in die amerikanische, sei es, um sich in dieser einzubürgern, sei es, um, mit einem Gewinn neuer Anschauungen, Gedanken und Kräfte des Charakters bereichert, zurückzukehren, - zu dieser beizutragen ist der Zweck, den ich vor Augen habe, und glücklich werde ich mich schätzen, wenn mir das Los zuteil wird, es in der letzten Weise zu tun, um, wenn die Zeit dazu da sein wird, mit neuen Waffen des Geistes ausgerüstet, zu dem Kampfe auf dieser Seite des Meeres zurückzukehren. Behaltet mir Euer Andenken!
Julius Fröbel
Mein teurer Freund!
Ich bin am 9. des Monats hier angekommen und habe Deinen Brief vorgefunden. Es war eine Überraschung, für die ich Dir von Herzen danke. Der Abschied von Europa ist mir schwer geworden, und ich kann Dir die Bitterkeit des Schmerzes nicht beschreiben, den ich empfand, als Irlands letzte Berge sich für meine Augen unter den östlichen Horizont senkten. Ich war wohl der einzige unter vierhundert Menschen an Bord unseres Schiffes, der sich in diesem Augenblicke seiner bewusst war, und der einzige, bei dem sich das Bewusstsein der Mühe verlohnte. Wir hatten eine Ladung irischer Zuwanderer, von denen sich nicht ein Auge zurückwandte nach dem Lande, welches für seine Kinder nur Hunger und Elend gehabt hatte. Gedankenlos lagen oder standen sie auf dem Verdecke umher oder stierten in die untergehende Sonne, in deren Purpur sich das Vorderteil unseres Schiffes tauchte. Dort lag das ferne Ziel unserer Fahrt. Mein Blick aber, ich gestehe es, hing lange an dem östlichen Horizonte, lange noch, nachdem mein Auge keinen Gegenstand mehr unterschied, an den es sich heften konnte. Noch acht Tage später, als ich erfuhr, dass wir in der Nähe der azorischen Inseln seien, fühlte ich bei dem Gedanken, dass man sie noch zu Europa rechne, eine lebhaftere Bewegung meines Blutes. Fast kam ich mir kindisch vor; allein es ist so. Es ist schön, den offenen Raum einer neuen Welt und in ihr die Bahn einer ungehemmten Tätigkeit vor sich zu sehen, aber es tut dennoch weh, sich aus dem mütterlichen Boden zu lösen, aus welchem unser Wesen emporgewachsen ist. Es gibt vielleicht Menschen, die bei einem solchen Bekenntnis aus meinem Munde die Genugtuung der Schadenfreude empfinden würden. Ich habe nichts dawider. Wäre Deutschland, wäre die alte Welt überhaupt weniger unglücklich als sie ist, ich würde vielleicht nicht fühlen, dass ich sie liebe. […]
[…] Unsere Ansichten laufen nicht von einem Ausgangspunkte auseinander, sondern von verschiedenen Ausgangspunkten zusammen; und das scheint mir für ein politisches Wirken das rechte Verhältnis zu sein. Könnten wir die ganze Nation dahin bringen den Streit über die Gründe aufzugeben und sich an die Folgen zu halten, so würden nationale Einheit und Kraft bald gefunden sein. Es ist also nicht mein Zweck, Ihnen eine philosophische Diskussion zuzumuten, wenn ich bezeichne, worin ich den Hauptunterschied unserer Standpunkte finde, sondern ich wünsche nur. Sie in die nämliche Möglichkeit der Beurteilung in Bezug auf mich zu versetzen, in der ich mich in Bezug auf Sie befinde, da Sie Ihre Überzeugungen mehr oder minder genügend dargelegt haben, während von meiner Seite keine veröffentlichte Schrift existiert, welche den jetzigen Stand meiner Ansichten in gleicher Unzweideutigkeit enthielte.
Ich finde den Punkt, wo Ihre Auffassung des Staates von der meinigen abweicht, in Ihrer Fassung des Souveränitätsbegriffes. Sie sehen mit Recht in der Souveränität zwei Momente: die öffentliche Gewalt, und das Bewusstsein derselben. Dies ist richtig Sie scheinen mir hierbei aber entweder zu übersehen, oder wenigstens zu übergehen, dass das Bewusstsein der öffentlichen Gewalt die Idee des Rechtes in sich schließt. Nur die bewusstlose Gewalt steht außerhalb der Rechtsidee, die bewusste ist in Folge ihres Bewusstseins der inneren Notwendigkeit ausgesetzt, sich vor dem Recht zu legitimieren. So erscheint mir die Sache; weshalb mir die Souveränität die erweiterte Macht- und Rechtsvollkommenheit ist, in welcher das Recht durch die Macht und zugleich die Macht durch das Recht besteht. Für mich folgt hieraus, dass die sittlichen Momente nicht über dem Staate liegen wie Ihnen, sondern von Anfang an in dem Wesen des Staates selbst enthalten sind. Die Art wie Sie den hegelschen Gegensatz von »Staat und bürgerlicher Gesellschaft« festhalten, während für mich der Staat ein Stück geschichtlicher Menschheit mit Haut und Haar, Kind und Kegel ist, hängt unstreitig mit jener Fassung des Souveränitätsbegriffes zusammen. Alles dies, und was sonst daraus folgen mag, steht aber mit den praktischen Anforderungen, welche sich aus der politischen Weltlage für die deutsche Nation ergeben, nur in entfernter Verbindung und die Entscheidungen, deren die Welt bedarf sind mit mehr praktischen als theoretischen und in Bezug auf diese Anforderungen stimmen die Ergebnisse Ihrer Studien mit den Überzeugungen, zu welchen ich gelangt bin, auf eine Weise überein, die mir in der Tat überraschend gewesen ist, und die Zusammenwirken nicht nur zulässt, sondern natürlich, (recht) und ersprießlich erscheinen lässt auch wünschenswert und natürlich macht. […]
Monarchie oder Republik? Ein Urteil, Deutsche Volkszeitung, Mannheim 1848.
Wien, Deutschland und Europa, Wien 1848.
Die Republikaner: Ein historisches Drama in fünf Acten, Leipzig 1848.
Das Königtum und die Volkssouveränität, oder: Giebt es eine demokratische Monarchie?, Berlin 1848.
Neue Politik. Band 1, Mannheim 1846 (unter dem Pseudonym Carl Junius).
Neue Politik. Band 2, Mannheim 1846 (unter dem Pseudonym Carl Junius).
System der socialen Politik. Band 1, Leipzig 1850.
System der socialen Politik, Band 2, Band 2, Leipzig 1850.
Amerika, Europa und die politischen Geschichtspunkte der Gegenwart, 1859.
Kleine politische Schriften. Band 1, Stuttgart 1866.
Kleine politische Schriften. Band 2, Stuttgart 1866.
Ein Lebenslauf: Aufzeichnungen, Erinnerungen und Bekenntnisse,
Carlin, Herbert P.: The Repentant Forty-Eighter. Julius Froebel and the Politics of Federalism, Diss., Virginia 1976.
Erbentraut, Philipp: Radikaldemokratisches Denken im Vormärz: Zur Aktualität der Parteientheorie Julius Fröbels, in: MIP 15, 2008/2009, S. 5-15.
Feut, Ernst: Julius Fröbel. Seine politische Entwicklung bis 1849. Ein Beitrag zur Geschichte des Vormärz, Diss., Bern 1932.
Habermas, Jürgen: Volkssouveränität als Verfahren, in: Faktizität und Geltung: Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats, hg. von Jürgen Habermas, Frankfurt a.M. 1992, S. 600-613.
Lüfling, Hans: Die Entwicklung von Julius Fröbels politischen Anschauungen in den Jahren 1863-1871 mit besonderer Berücksichtigung der deutschen Frage, Diss., Leipzig 1931.
Matthes, Helfried: Der Vielgereiste und Vielerfahrende aus Griesheim. Dr. Carl Ferdinand Julius Fröbel (1805-1893), in: Am Webstuhl des Lebens. Ein Lesebuch für die christliche Familie, Berlin 1960, S. 154ff.
Müseler, Werner: Julius Fröbels Gedanken zur Kulturphilosophie in seiner reifen Periode, Diss., Berlin 1931.
Sander, Ferdinand: Fröbel, Julius, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 49, 1904, https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Fr%C3%B6bel,_Julius.
Schuler, Dietmar: Staat, Gesellschaft und Deutsche Frage bei Julius Fröbel (1805-1893). Studien zu Ursprung und Entwicklung des deutschen Liberalismus im 19. Jahrhundert, Diss., Innsbruck 1984.
Schuler, Dietmar: Julius Fröbel (1805-1893). Ein Leben zwischen liberalem Anspruch und nationaler Realpolitik, in: Innsbrucker Historische Studien (Band 7/8), Innsbruck 1985, S. 179-261.
Zinnel, Jürgen: Julius Fröbel und die deutsche Verfassung, in: Utopie und Zeitgeschichte. Materialien, Dokumente, Impulse, Diskussionen (Band 3), Basel 2000, S. 3-6.
JULIUS FRÖBEL
Abb.: Österreichische Nationalbibliothek
Julius Fröbel ist Vertreter einer Demokratie, in der die Bevölkerung durch öffentlichen Diskurs und öffentliche Kommunikation an der Demokratie teilhat und teilhaben kann. Er wird in dieser Überzeugung geprägt durch seinen Onkels Friedrich Fröbel, dem Erfinder des deutschen Kindergartens, der sich für eine umfassende Volksbildung als zentrale Maßnahme gegen Pauperismus und Verelendung der Bevölkerung und für Demokratisierung einsetzt.
Als Vorsitzender des ersten Demokratenkongresses arbeitet Fröbel aktiv an der Zusammenarbeit der zahlreichen lokalen Arbeiter-, Bauern- und Demokratenvereine und der Gründung einer demokratischen Partei mit.
Für Volkssouveränität und Demokratie riskiert er sein Leben. Zusammen mit Robert Blum kämpft er 1848 im Wiener Oktoberaufstand und wird zum Tode verurteilt. Anders als Blum wird er begnadigt – und muss ein Jahr später in die USA flüchten. Erst acht Jahre später kann er in seine Heimat zurückkehren.
Carl Ferdinand Julius Fröbel wird am 16. Juli in Griesheim im thüringischen Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt in einen Pfarrhaushalt geboren. Durch Freitische, eine Art Stipendium, eines Gutsherrn, kann Fröbel das Gymnasium besuchen.
Fröbel wird in die Keilhauer Erziehungsanstalt seines Onkels Friedrich Fröbel (der Erfinder des deutschen Kindergartens) aufgenommen. Obwohl Julius Fröbel die Ideen und Methoden seines Onkels immer wieder kritisiert, wird er von dessen Idee einer umfassenden Bildung für alle Menschen als Ausweg aus dem Pauperismus stark geprägt.
In Stuttgart wird Fröbel Teil des literarischen und politischen Kreises rund um das Ehepaar Schott. Dort erhält er wohl auch den Anstoß, Geografie und Mineralogie zu studieren.
Mit einem Empfehlungsschreiben von Alexander von Humboldt erhält Fröbel eine Privatdozentur für Mineralogie an der neu gegründeten Universität Zürich und wird drei Jahre später zum außerordentlichen Professor ernannt. Gleichzeitig unterrichtet er an der Züricher Cantonsschule Geografie. Dort erlebt er 1839 den von konservativen Geistlichen geführten Septemberputsch (oder Züriputsch) und wird dadurch stark politisiert.
Fröbel übernimmt den „Literarischen Comptoir Zürich und Winterthur“, einen politischen Buch- und Zeitschriftenverlag, der sich gegen die Reaktion in der Schweiz und in Deutschland richtet und von der deutschen Zensur betroffene Schriftsteller wie etwa Georg Herwegh veröffentlicht. Gleichzeitig arbeitet er bis zu seiner Ausreise nach der 1848er-Revolution für mehrere Zeitungen und Zeitschriften und als freier Schriftsteller.
Nachdem Fröbel 1843 bereits zu zwei Monate Haft aufgrund der in seinem Verlag erschienen Schriften verurteilt wurde, verbietet der deutsche Bundestag nun alle Schriften aus dem Verlag und lässt alle Bücher und Gelder beschlagnahmen. Fröbel tritt daraufhin aus der Verlagsleitung zurück.
Nach der Märzrevolution übernimmt Fröbel die „Deutsche Volkszeitung“ in Mannheim, muss aber nach dem gescheiterten Hecker-Aufstand aus Baden fliehen.
Fröbel wird Vorsitzender des ersten Demokratenkongresses in Frankfurt a.M. Außerdem setzte er sich für den Ausbau einer demokratischen Partei ein.
Als Nachfolger für den verstorbenen Johann Georg August Wirth zieht Fröbel in die Frankfurter Nationalversammlung ein (Fraktion Donnersberg). Zusammen mit Robert Blum beteiligt er sich am Wiener Oktoberaufstand und wird nach dessen Niederschlagung zum Tod verurteilt, allerdings kurz darauf begnadigt.
Nach seiner Teilnahme am badischen Aufstand und der endgültigen Niederschlagung der Revolution flüchtet Fröbel in die USA. Dort hält er sich unter anderem als Seifensieder, später als Journalist und Schrifsteller über Wasser und entwickelt eine neue politische Moral auf naturhistorischen und sozialdarwinistischen Theorien, in der er auch Sklaverei befürwortet.
Nach seiner Rückkehr nach Europa 1857 ist Fröbel am 26. Oktober Mitgründer des „Deutschen Reformvereins“, der sich hauptsächlich für eine großdeutsche Lösung unter Einschluss Österreichs einsetzt.
Fröbel stirbt am 6. November in Zürich.
Wenn man in diesem Augenblicke sich die Frage aufwirft, was der Gewinn ist, den das deutsche Volk dem bis jetzt durchlaufenen Teile seiner Revolution verdankt, so findet man, dass er einzig in der allgemeinen Anerkennung eines Gedankens besteht.
Die wirkliche Lage des Volkes hat sich nirgends wesentlich verbessert, und den Forderungen, in welchen sein richtiger Instinkt die Grundzüge einer demokratischen Staatsordnung niedergelegt hat, ist nur zum kleinsten Teile Genüge geschehen.
Noch sehen wir uns vergebens um nach einem demokratischen Steuersystem, welches mit allgemeiner Gleichheit der Rechte eine vernünftige Progression der Pflichten verbindet: - unverändert besteht das wahnsinnige System der umgekehrten Progression, nach welchem das Steuerverhältnis statt mit dem Reichtum mit der Armut wächst.
Noch sehen wir uns vergebens um nach einem demokratischen Schulwesen, welches einem Jeden im Volke die Bildung sichert, die dem vollberechtigten Staatsbürger unerlässlich ist: - unverändert seufzt der Volksschullehrer unter dem Druck einer elenden und unwürdigen Lage; - unverändert muss das Volk für seine Kinder mit dem armseligen Abfall der Bildung vorlieb nehmen; - unverändert spreizt sich der Dünkel beschränkter Hofräte und Professoren, und unsere Hochschulen sind nach wie vor die verderblichen Pflanzstätten der Unfreiheit und einer veralteten Weltansicht. Weiterlesen
Liebster Herwegh!
Seit einigen Tagen bin ich hier und habe die Redaktion der „Deutschen Volkszeitung“ übernommen, von der am 26. die erste Nummer erscheinen soll. Sie wird die äußersten Konsequenzen der Freiheit vertreten und in gewisser Beziehung die Zeitung des deutschen Parlaments werden, welches am Ende dieses Monats in Frankfurt zusammentritt. Es ist ernst. Die deutsche Entwicklung ist unaufhaltsam. Vielleicht zieht der Strom in ruhiger Macht über das Land; aber sollte den Fürsten und ihrem Anhang ein Versuch einfallen, ihn zu dämmen, so werden wir in Deutschland die erhabenste Volkserhebung erleben, welche die Geschichte kennt. Der ganze Bauernstand ist von dem Gedanken der Freiheit ergriffen. In Thüringen waren es die Bauern, welche zu zehn- und zwanzigtausend nach Weimar, Rudolstadt, Erfurt zogen und an beiden ersten Orten die Volkswünsche durchsetzten. Die Plünderungen in Thüringen, Franken und Hessen sind sehr übertrieben worden, allein desto größere Hoffnung sind nur auf die Landbevölkerung zu setzen. Vorgestern waren in Offenburg 25 000 Menschen versammelt. Die Bauern aus dem Oberlande kamen auf vierspännigen Wagen, mit schwarzrotgoldenen Fahnen, mit Sensen bewaffnet, und die Proklamation der Republik lag in der Hand republikanisch gesinnter Volksführer, die ihre Gründe hatten, sie nicht zuzulassen. Das bedarf keiner Erklärung. Was von selbst, unaufhaltsam, fast wider Willen kommt, braucht nicht proklamiert zu werden. Nächsten Sonntag ist Volksversammlung in Heidelberg. Man wird so weit fortrücken, solange die Agitation keinen größeren Charakter annimmt. Aber das wird nicht lange dauern. Im ganzen Südwesten von Deutschland wird das Volk bewaffnet und das Militär vollständig mit dem bewaffneten Bürgertum verschmelzen. Sollte dann Preußen dem allgemeinen Geiste nicht weichen wollen, so wird sich von Westen ein Volkszug nach Osten in Bewegung setzen.
So stehen die Dinge. Ich schreibe Dir nun, um Dich um Mitteilung für die „Volkszeitung“ zu bitten. Nimm Dich der Sache an; sie ist wichtig! – Kannst du nicht selbst, so sorge für einen tüchtigen Korrespondenten, aber schnell, damit ich gleich in der ersten Nummer Pariser Artikel habe. Sie sollen nicht zu lang sein, immer die Quintessenz des Standes der Dinge enthalten, besonders in Bezug auf die soziale Frage und natürlich gut und populär geschrieben sein. Der Verleger wird Honorar zahlen, ich weiß aber nicht, nach welchem Maßstabe. Es ist H. Hoff.
Also erfülle meinen Wunsch, erfülle ihn sogleich und wo möglich selbst!
Ich musste so rasch von Dresden abreisen, dass ich meine Frau nicht mitnehmen konnte. Sie kommt in acht Tagen nach, wird dann einen Besuch in Zürich machen, wo unser Junge noch ist, und, wenn ich dann noch lebe, so bald als möglich wieder zu mir kommen.
Die nächsten Wochen werden für Deutschland entscheidende sein. Grüße Emma von mir! Dein Julius Fröbel
Als man hörte, dass die kaiserlichen Truppen durch mehrere Vorstädte hereingebrochen seien, steigerte sich die Aufregung bis zum Fanatismus, während der Ruf nach „Verrat“, mit mannigfaltigen Verwünschungen vermischt, durch die Massen lief.
Obgleich zahlreiche Frauen auf dem Platze waren, habe ich doch keinen Laut des Jammerns und der Klage, sondern nur die Töne der Wut vernommen. Bewaffnete Weiber mischten sich jetzt unter die Männer, und einige reihten sich, ohne sich durch etwas abhalten zu lassen, unter die aufgestellte Mannschaft meiner Kompagnie. Ein Schauer, ich gestehe es, durchlief mich, als die eine von ihnen, ein Bajonett als Dolch in der Hand, mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Exaltation von mir eine Muskete verlangte. „Ich bin Ungarin!“, rief sie, „ich habe schon Wölfe geschossen. Ich weiß die Waffe zu führen. Nur über meine Leiche geht der Weg in die Stadt!“
Eine andere, ein junges, hübsches Mädchen mit gutmütigem Ausdruck, war in ihrem Benehmen das Gegenteil dieser deklamierenden Amazone. Still und heiter, mit leuchtendem Auge, stand sie in der Reihe und schulterte einen Karabiner. Mehrmals von mir aus der Reihe entfernt, hatte sie sich immer eine Minute nachher an einer andern Stelle wieder eingedrängt, und als ich ungeduldig wurde, sah sich mich so bittend an, dass ich es nicht vermochte, Gewalt zu brauchen. Ich stellte ihr vor, dass sie zu schwach und ungeübt sei, um im Kampfe nützen zu können, dass sie aber mit den anderen Frauen uns begleiten möge, um Verwundeten beizustehen. „Nein, wir wollen auch mit sterben“, antwortete sie mir mit schüchterner Stimme, aber heiterem Ausdruck. Da war ich am Ende meiner Einwendungen.
Meine Herren! Sie haben beschlossen, den Bericht, welchen ich Ihrer Versammlung angeboten habe, anzuhören. […] Es ist Ihnen bekannt, ich brauche darüber kein Wort zu verlieren, was die Veranlassung meiner und Blums Reise nach Wien war. […] Nachdem der Antrag des Abgeordneten Berger gefallen war, dass die Nationalversammlung aussprechen solle, die Stadt Wien habe sich durch ihre letzte Erhebung um das Vaterland verdient gemacht, beschloss die linke Seite dieser Versammlung von sich aus eine Deputation nach Wien zu senden, um die Erklärung ihrer Sympathie mit der Wiener Revolution auszusprechen. Die beiden Fraktionen der Linken, welche im „Donnersberg“ und im „Deutschen Hof“ ihre Zusammenkünfte halten, vereinigten sich zu diesem Zwecke. Von der einen wurde Robert Blum, von der anderen ich gewählt, […] Zwei andere Mitglieder, die Herren Hartmann und Trampusch, haben uns begleitet, und sich unserer Deputation angeschlossen. Wir sind am 13. hier abgereist und am 17. in Wien angekommen. […] Nachdem wir die Tage des 17., 18. und 19. Oktober dazu verwendet hatten, unseren Auftrag zu vollziehen, waren wir am 20. bereit, Wien wieder zu verlassen. […] Ich bin hierauf zum Oberkommandanten gegangen, und habe mir für mich und meine drei Begleiter Passierscheine erbeten, die auf drei Tage lautete, und die ich bei mir führte, weil wir immer mit dem Gedanken umgingen, Wien zu verlassen. Wir führten ihn nicht aus, weil wir fortwährend hörten, dass es unmöglich sei, ohne Misshandlungen durch das Heer zu kommen. Die Tage vom 20sten bis zum 26sten vergingen auf diese Weise in der Ungewissheit, ob es möglich sei, abzureisen. […] Ich bin in der weiteren Erwartung der Dinge gewesen, und es war am 26sten, wo Blum und ich durch einen Hauptmann außer Diensten, Namens Hauk, welcher beordert war, ein Elitencorps zu bilden, aufgefordert wurden, diesem Corps beizutreten. Durch den genannten Kommandanten dieses Corps, welches aus vier Kompagnien bestand, sind wir zu Hauptleuten ernannt worden. Blum hatte die erste, ich die dritte Kompagnie. Nach dem Organisationspatente war dieses Corps dazu bestimmt, die Ruhe und Ordnung in der Stadt zu sichern. Es war dies eine höchst wichtige und nicht minder gefährliche Aufgabe, als den Truppen gegenüber zu stehen. Schon Tags vorher ist aus den Häusern auf Vorübergehende geschossen worden, […]. Blum und ich wurden voneinander getrennt. Wir kamen an die äußersten entgegengesetzten Punkte der Stadt, wo Barrikaden gebaut waren, an die gefährlichsten Orte, die überhaupt möglich waren. […] Wir hatten die Überzeugung, die sich nachher als richtig bestätigt hat, dass die Stadt sich nicht werde halten können, weil sie verraten war. […] Unsere Aktivitäten hatten am 26sten begonnen; am 28sten abends beschlossen wir, unsere Demission einzureichen. [….] Nachdem dieses vorüber war, haben wir an Dem, was weiter geschah, keinen Anteil genommen. Ich muss Sie hierauf aufmerksam machen, weil ich gehört habe, dass in Zeitungsberichten gesagt wurde, Blum hätte noch nach der Kapitulation und während der Einnahme der Stadt unter Waffen gestanden, und gefochten, das ist eine Unwahrheit. Wir haben die ganze Zeit, vom 29. Oktober bis zum 4. November in unserem Gasthause zugebracht, mit wenigen Ausgängen in die Stadt. An dem ersten Tage nämlich haben wir es noch mehrmals gewagt, auf die Straße zu gehen. Da aber in der Stadt Gräuel verübt wurden, und man Gefahr laufen konnte, massakriert zu werden, weil man eine Physiognomie hatte, die den Soldaten nicht gefiel, entschlossen wir uns, nicht mehr auszugehen, und haben uns ruhig zu Hause gehalten. […] am Morgen des 4ten um 6 Uhr erschien ein Beamter der Stadthauptmannschaft in Begleitung von einem Hauptmann mit sechs bis acht Mann Soldaten vor unserer Türe. Als wir öffneten, wurde uns der Verhaftbefehl vorgezeigt […]. Wir haben unsere Eigenschaft als Mitglieder der deutschen Nationalversammlung durch eine kurze mündliche Erklärung geltend gemacht, aber die Antwort erhalten, dass der Befehl zu unserer Verhaftung keine Rücksicht auf diese Protestation zulasse, worauf wir uns ruhig in das Gefängnis im Stabsstockhause haben abführen lassen. Dort haben wir vom 4ten bis zum 8ten abends bei einer ziemlich rücksichtsvollen Behandlung zugebracht. […] Der Protest aber, den wir am 8ten eingegeben haben, bildet eine entscheidende Wendung in der Sache. Dieser Protest ist allerdings berücksichtigt worden. Sie sehen es in dem Tode Blums, auf welche Weise. Blums Tod ist die augenblickliche Antwort auf diesen Protest. Der Protest wurde geschrieben um 4 Uhr, um 6 Uhr wurde Blum zu Verhöre gerufen, um 8 Uhr war das Verhör aus, am anderen Morgen um 6 Uhr früh wurde im das Urteil verkündigt, und er um 7 Uhr erschossen. Ich habe Blum nicht wieder gesehen, von dem Augenblicke, wo er zum Verhör geführt wurde, mit Ausnahme einer halben Minute, während er in das Zimmer trat. Er wurde aber sogleich wieder abgeführt. Ich habe in Bezug auf den Protest noch etwas zu bemerken. Sie mögen selbst beurteilen, welcher Wert darauf zu legen ist. Wir waren bis zum 8ten früh in dem Gefängnisse allein, da wurde ein anderer Gefangener zu uns herein getan, der uns erklärte, er sei General-Adjutant von Messenhauser gewesen, er sei auch in Untersuchung, und da im Haus kein Platz mehr sei, habe man ihn zu uns getan. Dieser Mann benahm sich sehr auffallend, er verlangte viel von den Profosen, die die Aufsicht über uns führten, und seinen Forderungen wurde auf sonderbare Weise Folge geleistet. Dieser Mann führte das Gespräch fortwährend auf die Zeit, wo wir Waffen geführt hatten, und trotz der Andeutungen, die ich Blum machte, war dieser offenherzig und teilte ihm Vieles mit. […] Kurz, es schien mir, als suche er gegen uns Beweismittel zu finden. Dieser Mann legte es Blum dringend ans Herz, dass wir einen Fehler begangen, indem wir nicht energisch genug protestierten, und unsere Eigenschaften als Deputierte nicht genug in den Vordergrund gestellt hätten. Sie kennen, sagte er, die österreichischen Behörden nicht. Wenn Sie energisch auftreten, so werden Sie sehen, dass Sie morgen frei sind. Ich war hierüber mit Blum verschiedener Meinung, und der Protest, welchen Blum aufsetzte, war mir nicht recht. […] Was mich selbst betrifft, so musste auch ich die Folgen des Protestes empfinden, denn Sie werden in der Art, wie ich behandelt wurde, eine gewisse Raffinerie bemerken, die ich so auslege, dass man mit einem Opfer schon genug zu haben glaubte, dass man aber mich wenigstens so empfindlich als möglich zu strafen suchte. Ich sehe sonst nicht ein, warum Robert Blum mild behandelt wurde bis zum letzten Augenblicke, während ich in die härteste Gefangenschaft kam, und vier Tage absichtlich in der Meinung gehalten wurde, dass ich den Tod durch den Strick zu erwarten habe. […] Nachdem mir meine Freiheit erklärt war, wurde ich aufgefordert, mich in Begleitung von einem Auditor und einem Leutnant nach der Stadthauptmannschaft zu begeben, wo ich von dem Stadthauptmann die Aufforderung erhielt, sogleich Wien zu verlassen. Es wurde mir ein Polizeibeamter in Zivilkleidern beigegeben, der in meiner Gegenwart den Auftrag erhielt, mich mit aller Rücksicht zu behandeln, und mich, ohne mich als Gefangenen zu betrachten, an die sächsische Grenze zu bringen. Mit diesem Beamten reiste ich augenblicklich ab und machte so schnell, als möglich, die Reise hierher. […]
Nur wenige Worte, lieber Meyen, um Deine Freundschaft zu erwidern. Die Pflicht, welche ich habe, denn eine solche ist es, in mehr als einer Beziehung, mich über die Wiener Vorgänge und meiner Erlebnisse näher auszusprechen, als es in meinem Bericht in der Nationalversammlung schicklich war, die Notwendigkeit, in den Verhandlungen unserer Versammlung früheres nachzulesen, nimmt meine ganze Zeit in Anspruch. Zudem – was soll man jetzt sich sagen? Zu dem einen ist es zu spät, zu dem anderen zu früh. Lange aber kann es nicht dauern, bis wird den unvermeidlichen Gang der weiteren Entwicklung erkennen werden. Hätte bei Euch, nach dem Fall von Wien, die Revolution gesiegt, so hätte sich Preußen mit dem mittleren und westlichen Deutschland verschmolzen, und Österreich wäre wieder erobert worden. Nun glaube ich, dass auch Preußen seinen abgesonderten Weg gehen wird; und Deutschland, wie ich es im März schon als die unvermeidliche erste Phase ansah, wird wahrscheinlich in drei Teile mit den Hauptstädten Wien, Berlin und Frankfurt zerfallen. Dass die österreichisch-slawischen und ungarischen Länder in Verbindung mit den deutschen bleiben oder in eine solche kommen, ist mir noch immer die große Lebensfrage für Europa, und ich halte die jetzige Absonderung von Österreich für kein zu großes Opfer, wen sie verhindern hilft, dass jene Länder den Russen in die Hände fallen. Meine Broschüre über Österreich wird nun wohl in Berlin zu haben sein.²
Hier ist sie im Buchhandel und in Leipzig auch. Ihr werdet nun wohl eine Verfassung oktroyiert erhalten haben. Ich bin begierig auf dieses Werk, welches in vieler Beziehung ein höchst interessantes Dokument werden wird. Wir wollen sehen, was die offizielle Intelligenz zu leisten versteht. Doch genug. Grüße die Bekannten, welche mir freundschaftlich gesinnt sind.
Dein Freund Julius Fröbel
2 Gemeint ist damit sein Werk „Wien, Deutschland und Europa“, erschienen 1848.
[…] Und Ihr Kaisertum, meine Herren, ist in der Tat ein greller Anachronismus, ein Anachronismus in Bezug auf die Idee der Erblichkeit, ein Anachronismus in Bezug auf die Natur der Würde. Was die Erblichkeit betrifft, so weiß ich sehr wohl, dass ich mit meinen politischen Freunden noch lange nicht im Stande bin, die Erbherrschaft ganz auszurotten; ich weiß, dass die Wurzeln von Formen, die durch Jahrtausende die Gesellschaft beherrscht haben, zu tief reichen, um von Stürmen, selbst wenn sie stärker wären, als die gegenwärtigen, sogleich ausgerissen zu werden. Allein, meine Herren, die Tatsache der Erbherrschaft ist für mich etwas Anderes als das Prinzip der Erbherrschaft. Ich kann eine Tatsache anerkennen, die Anerkennung des Prinzips ist für mich etwas ganz anderes. In Tatsachen kann ich mich fügen, und ich glaube, es würde mir nötigen Falles sogar gelingen, ein guter Untertan selbst eines absoluten Fürsten zu werden; aber eine neue Erbdynastie gründen zu helfen, dazu könnte ich mich unter keinen Umständen verstehen. Die erbliche Kaiserwürde ist aber, wie ich schon gesagt, auch ein Anachronismus auf die Natur der Würde, auf den in ihr involvierten wesentlichen Begriff. Dieser Begriff ist nämlich niemals in der Geschichte ein rein politischer gewesen, er war immer ein religiös-politischer, für uns eine romantische Idee, die dem ganzen Strome unserer Zeit vollständig widerstreitet; der Cäsar, meine Herren, Sie wissen das zum Teil viel besser als ich, war selbst eine Art von Gott; der mittelalterliche Kaiser war der andere Pol des Papstes und für einen protestantischen Kopf ein Unding. Nehmen Sie die katholische Auffassung hinweg, und der Kaiser ist ein Kalif oder ein Zar und nichts Anderes. Ein konstitutioneller Kaiser ist mir ein Gedanke, den ich, verzeihen Sie mir den Ausdruck, nicht vernünftiger finden kann, als den eines konstitutionellen Gottes. (Beifall auf der Linken. Heiterkeit auf der Rechten.) In der Idee des Kaisertums liegt ferner, wenigstens nach orthodoxem Begriff die Ausschließlichkeit; der orthodoxe Begriff eines Kaisers hat auf der Welt nur für einen Kaiser Platz, und jeder Kaiser, der seine Würde im strengen Sinne aufgefasst hat […] hat die Prätention gemacht, eigentlich von Rechtswegen der Einzige zu sein. – Und nun, meine Herren, sehen wir uns um, wie dem gegenüber Wirklichkeit beschaffen ist: wir haben einen Kaiser in Russland, wir haben einen Kaiser in Österreich, wir können vielleicht wieder einen Kaiser in Frankreich bekommen, da wären wir freilich sehr in der Kultur zurück, wenn wir nicht auch einen Kaiser hätten. (Bravo auf der Linken) Meine Herren! Es gibt auch noch einen Kaiser in Japan, einen Kaiser in China, einen Kaiser in Ägypten und sogar einen Kaiser in Fetz und Marokko. Es scheint, dass die Zeit kommt, wo ein Volk sich schämen muss, wenn es nicht auch einen Kaiser hat. (Auf der Linken: Sehr gut!) Es scheint mir, dass monarchische Prinzip wird altersschwach, und fängt an, ein wenig kindisch zu werden. (Beifall auf der Linken) Fragen Sie nun, meine Herren, wie ich und meine genaueren politischen Freunde zu dieser Frage uns verhalten, so kann ich Ihnen eine sehr einfache Antwort geben; dem, was wir für das Vernünftige und Zweckmäßige halten, wird die Majorität dieser Versammlung doch nicht beistimmen; wozu viele Worte verlieren? Geben Sie uns eine Majorität; und wir wollen unser Glück versuchen, so gut wie Sie es jetzt versuchen werden! Ich vermute, Sie, die Anhänger des Kaisertums werden bei der Abstimmung die Majorität haben. Ich kann mich damit zufrieden stellen; ich bin nicht betrübt über die Aussicht auf diesen Erfolg. Aber, erlauben Sie mir und denen, die mit mir gleichgesinnt sind, dass wir in diesem wichtigen Augenblicke, in diesem großen Wendepunkt der Geschichte unseres Vaterlandes, uns als die Fahnenträger der Zukunft betrachten; erlauben Sie, dass wir uns die Verpflichtung auferlegen, die Ideen und Ideale, in welchen das Volk angefangen hat, seine Zukunft zu erblicken, und den Glauben an ihre ungeschmälerte Geltung bei ihren Bekennern in dieser Versammlung rein zu erhalten und in die Zukunft zu retten, in welcher wir Zustände zu schaffen hoffen, die nach unseren Überzeugungen das Glück unseres Vaterlandes bedingen. Meine Herren! Die konservative Partei hat es Jahrzehnte hindurch zu ihrem Wahlspruche gemacht: „Nach uns die Sintflut“; erlauben Sie mir, dass ich ihn nach meiner Art für mich umstelle, indem ich Ihnen sage: „Und nach der Sintflut kommen wir!“
Liebe Freundin!
Der beigeschlossene Brief an Ihren Bruder, den ich zu besorgen bitte, sagt Ihnen was ich nicht besonders in diesen Zeilen zu wiederholen brauche. Ich bin seit einigen Tagen frei, und gestern folgte mir meine Frau nach, die ich in einem Winkel des Waldes zurückgelassen hatte. Durch die Unfähigkeit und Schlechtigkeit unserer eigenen Partei sind wir dahin gekommen, wo wir sind. Ich verzweifle nicht an Deutschland und Europa; allein so gern ich ausharren und das Schicksal Aller teilen möchte, so kann ich es nicht; denn es kann keinem Menschen und auch unserer Sache nichts nützen, wenn ich unwirksam in der Schweiz sitze, um Hunger zu leiden und die Meinigen leiden zu lassen. Und in Europa weiß ich kein Land, wo ich eine Existenz zu finden hoffen könnte. England und Norwegen wären vielleicht die einzigen; aber beiden muss man Amerika vorziehen. Ist es mir möglich meinen Plan auszuführen, so bin ich in 4 Wochen auf dem Meere. Natürlich schreibe ich Ihnen vorher noch. Ich fühle im Voraus den Schmerz, den ich jenseits des Meeres schon überwinden werde, denn mein ganzes Herz war bei unseren Kämpfen. Es muss aber sein.
Ihr Julius Fröbel
Meine Freunde!
Ich suche mit diesen Zeilen eine Pflicht zu erfüllen, in der sich mir alle die schweren Gedanken, alle die herben Gefühle zusammendrängen, zu denen die Lage unseres Vaterlandes Veranlassung gibt.
In wenigen Tagen werde ich den Boden unseres Weltteils für einige Zeit verlassen haben, und indem ich in diesen letzten Stunden vor dem Scheiden an alles denke, was ich Teures zurücklasse, stehe mir lebendig die Stunde vor der Seele, in denen Ihr mich mit den Beweisen Eures Vertrauens und Eurer Liebe überhäuftet. Weiterlesen
Als in den ersten Monaten dieses Jahres die Arbeiten der Versammlung, in die mich Eure Wahl berufen hatte, sich ihrem Ende näherte, hoffte ich, in Kurzem wieder unter Euch zu stehen, Euch Rechenschaft zu geben über das, was ich mit gleichgesinnten Freunden zu bewirken gesucht und Euch über die ganze Lage Deutschlands meine Ansicht vorzutragen. Ich würde mit dem Bewusstsein unter Euch getreten sein, wenn auch, wie alle anderen Freunde des Volkes, ohne Erfolg, doch immer nach besten Kräften meine Pflicht getan, nie an mich selbst gedacht, nie einen anderen Zweck als den des Volkswohles vor Augen gehabt zu haben.
Die Ereignisse haben mir den Weg zu Euch verschlossen. Ich gehörte zu denen, welche die Aufgabe der Nationalversammlung für eine revolutionäre hielten und welche der Meinung waren, dass man eine Revolution entweder gar nicht unternehmen oder ganz durchzuführen versuchen müsse. Ich gehörte zu denen, welche es für ihre Pflicht hielten, die der Nationalversammlung anvertraute Souveränität des deutschen Volkes bis zur letzten Möglichkeit und mit allen Mitteln, selbst mit denen der Gewalt, zu verteidigen, alle Mittel anzuwenden, um ihren Beschlüssen Gehorsam zu verschaffen. Ich weiß, dass ich in Eurem Sinne dachte; ich weiß, dass ich Eure Zustimmung hatte, wenn ich bereit war, zur rechten Zeit vom Worte zur Tat überzugehen. So bin ich nun einer von den Tausenden, die eine Zeitlang den Boden des Vaterlandes werden meiden müssen und statt unter Euch stehen und zu Euch sprechen zu können, bleibt mir nur das Mittel dieser Zeilen übrig, Euch, schon aus fremden Lande, vom Ufer des Meeres, einen Abschiedsgrus zu senden.
Ich weiß, welche Pflichten mir durch die Liebe und das Vertrauen, die Ihr mir, als ich unter Euch war, so verschwenderisch bewiesen habt, auferlegt wurde. Ihr hattet ein Recht, von mir zu erwarten, dass ich bis zur letzten Möglichkeit im Vaterlande ausdauern würde. Ich habe es getan. Ich habe die Gefahr nicht gescheut, die ein Aufenthalt auf deutschem Boden in der letzten Zeit für mich hatte. Aber ich musste mich aus dem ganzen Gange der Dinge überzeugen, dass es zwecklos gewesen sein würde, es länger zu tun, - zwecklos, weil ich das, was mir für die Entwicklung des Republikanismus in Deutschland zu wirken für jetzt allein übrig bleibt, aus der Ferne so gut wie in der Nähe und durch einen Aufenthalt in Amerika vielleicht am besten wirken kann.
Und wirklich, meine Freunde, ich gehe nicht wie einer, der in einem Schiffbruche die Gefährten ihrem Schicksal überlässt und nur noch an seine eigene Rettung denkt. Ich gehe nur, weil ich die Zeit, die mir hier für Euch wie für mich selbst nutzlos verlorengehen würde, für mich wie für Euch fruchtbar zu machen suchen will. Auch kehre ich nicht mit Hass gegen unsere Zivilisation, nicht mit Ekel gegen unsere Zustände, der alten Welt den Rücken. Die alten Formen unserer Bildung, es ist wahr, sind unfähig, dem neuen Geiste zu dienen, der trotz aller Niederlagen sich am Ende dennoch siegreich aus dem großen Kampfe erheben wird. Aber ich werde nicht der Bildung, weil sie sich in einer Richtung erschöpft zu haben scheint, die Rohheit gegenüberstellen und mich für die letzte entscheiden. Die großen und edlen Gedanken, nach deren Verwirklichung wir gestrebt haben und noch streben, sind sie nicht ein Erzeugnis eben dieser Bildung, so sehr auch die Form derselben jetzt unseren Zwecken und Idealen im Weg steht? Ich weiß, dass dieser Bildung mit Widerwillen den Rücken kehren so viel ist als der eigentlichen Arbeit unserer Zeit aus dem Wege gehen – einer Arbeit, die in der Umformung dieser Bildung nach einem neuen Plane, nicht in ihrer Verneinung überhaupt besteht.
Es ist möglich, dass in manchen Beziehungen diese Umarbeitung in der neuen Welt besser gelingt als in der alten, und in anderen Beziehungen wird es umgekehrt sein. Eins ist deshalb notwendig – die lebendigste geistige Wechselwirkung zwischen beiden Weltteilen, vornehmlich durch das deutsche Volk. Zu dieser beizutragen, sind die Menschen berufen, welche in der jetzigen Krisis der europäischen Gesellschaft hinübergedrängt werden in die amerikanische, sei es, um sich in dieser einzubürgern, sei es, um, mit einem Gewinn neuer Anschauungen, Gedanken und Kräfte des Charakters bereichert, zurückzukehren, - zu dieser beizutragen ist der Zweck, den ich vor Augen habe, und glücklich werde ich mich schätzen, wenn mir das Los zuteil wird, es in der letzten Weise zu tun, um, wenn die Zeit dazu da sein wird, mit neuen Waffen des Geistes ausgerüstet, zu dem Kampfe auf dieser Seite des Meeres zurückzukehren. Behaltet mir Euer Andenken!
Julius Fröbel
Mein teurer Freund!
Ich bin am 9. des Monats hier angekommen und habe Deinen Brief vorgefunden. Es war eine Überraschung, für die ich Dir von Herzen danke. Der Abschied von Europa ist mir schwer geworden, und ich kann Dir die Bitterkeit des Schmerzes nicht beschreiben, den ich empfand, als Irlands letzte Berge sich für meine Augen unter den östlichen Horizont senkten. Ich war wohl der einzige unter vierhundert Menschen an Bord unseres Schiffes, der sich in diesem Augenblicke seiner bewusst war, und der einzige, bei dem sich das Bewusstsein der Mühe verlohnte. Wir hatten eine Ladung irischer Zuwanderer, von denen sich nicht ein Auge zurückwandte nach dem Lande, welches für seine Kinder nur Hunger und Elend gehabt hatte. Gedankenlos lagen oder standen sie auf dem Verdecke umher oder stierten in die untergehende Sonne, in deren Purpur sich das Vorderteil unseres Schiffes tauchte. Dort lag das ferne Ziel unserer Fahrt. Mein Blick aber, ich gestehe es, hing lange an dem östlichen Horizonte, lange noch, nachdem mein Auge keinen Gegenstand mehr unterschied, an den es sich heften konnte. Noch acht Tage später, als ich erfuhr, dass wir in der Nähe der azorischen Inseln seien, fühlte ich bei dem Gedanken, dass man sie noch zu Europa rechne, eine lebhaftere Bewegung meines Blutes. Fast kam ich mir kindisch vor; allein es ist so. Es ist schön, den offenen Raum einer neuen Welt und in ihr die Bahn einer ungehemmten Tätigkeit vor sich zu sehen, aber es tut dennoch weh, sich aus dem mütterlichen Boden zu lösen, aus welchem unser Wesen emporgewachsen ist. Es gibt vielleicht Menschen, die bei einem solchen Bekenntnis aus meinem Munde die Genugtuung der Schadenfreude empfinden würden. Ich habe nichts dawider. Wäre Deutschland, wäre die alte Welt überhaupt weniger unglücklich als sie ist, ich würde vielleicht nicht fühlen, dass ich sie liebe. […]
[…] Unsere Ansichten laufen nicht von einem Ausgangspunkte auseinander, sondern von verschiedenen Ausgangspunkten zusammen; und das scheint mir für ein politisches Wirken das rechte Verhältnis zu sein. Könnten wir die ganze Nation dahin bringen den Streit über die Gründe aufzugeben und sich an die Folgen zu halten, so würden nationale Einheit und Kraft bald gefunden sein. Es ist also nicht mein Zweck, Ihnen eine philosophische Diskussion zuzumuten, wenn ich bezeichne, worin ich den Hauptunterschied unserer Standpunkte finde, sondern ich wünsche nur. Sie in die nämliche Möglichkeit der Beurteilung in Bezug auf mich zu versetzen, in der ich mich in Bezug auf Sie befinde, da Sie Ihre Überzeugungen mehr oder minder genügend dargelegt haben, während von meiner Seite keine veröffentlichte Schrift existiert, welche den jetzigen Stand meiner Ansichten in gleicher Unzweideutigkeit enthielte.
Ich finde den Punkt, wo Ihre Auffassung des Staates von der meinigen abweicht, in Ihrer Fassung des Souveränitätsbegriffes. Sie sehen mit Recht in der Souveränität zwei Momente: die öffentliche Gewalt, und das Bewusstsein derselben. Dies ist richtig Sie scheinen mir hierbei aber entweder zu übersehen, oder wenigstens zu übergehen, dass das Bewusstsein der öffentlichen Gewalt die Idee des Rechtes in sich schließt. Nur die bewusstlose Gewalt steht außerhalb der Rechtsidee, die bewusste ist in Folge ihres Bewusstseins der inneren Notwendigkeit ausgesetzt, sich vor dem Recht zu legitimieren. So erscheint mir die Sache; weshalb mir die Souveränität die erweiterte Macht- und Rechtsvollkommenheit ist, in welcher das Recht durch die Macht und zugleich die Macht durch das Recht besteht. Für mich folgt hieraus, dass die sittlichen Momente nicht über dem Staate liegen wie Ihnen, sondern von Anfang an in dem Wesen des Staates selbst enthalten sind. Die Art wie Sie den hegelschen Gegensatz von »Staat und bürgerlicher Gesellschaft« festhalten, während für mich der Staat ein Stück geschichtlicher Menschheit mit Haut und Haar, Kind und Kegel ist, hängt unstreitig mit jener Fassung des Souveränitätsbegriffes zusammen. Alles dies, und was sonst daraus folgen mag, steht aber mit den praktischen Anforderungen, welche sich aus der politischen Weltlage für die deutsche Nation ergeben, nur in entfernter Verbindung und die Entscheidungen, deren die Welt bedarf sind mit mehr praktischen als theoretischen und in Bezug auf diese Anforderungen stimmen die Ergebnisse Ihrer Studien mit den Überzeugungen, zu welchen ich gelangt bin, auf eine Weise überein, die mir in der Tat überraschend gewesen ist, und die Zusammenwirken nicht nur zulässt, sondern natürlich, (recht) und ersprießlich erscheinen lässt auch wünschenswert und natürlich macht. […]
Monarchie oder Republik? Ein Urteil, Deutsche Volkszeitung, Mannheim 1848.
Wien, Deutschland und Europa, Wien 1848.
Die Republikaner: Ein historisches Drama in fünf Acten, Leipzig 1848.
Das Königtum und die Volkssouveränität, oder: Giebt es eine demokratische Monarchie?, Berlin 1848.
Neue Politik. Band 1, Mannheim 1846 (unter dem Pseudonym Carl Junius).
Neue Politik. Band 2, Mannheim 1846 (unter dem Pseudonym Carl Junius).
System der socialen Politik. Band 1, Leipzig 1850.
System der socialen Politik, Band 2, Band 2, Leipzig 1850.
Amerika, Europa und die politischen Geschichtspunkte der Gegenwart, 1859.
Kleine politische Schriften. Band 1, Stuttgart 1866.
Kleine politische Schriften. Band 2, Stuttgart 1866.
Ein Lebenslauf: Aufzeichnungen, Erinnerungen und Bekenntnisse,
Carlin, Herbert P.: The Repentant Forty-Eighter. Julius Froebel and the Politics of Federalism, Diss., Virginia 1976.
Erbentraut, Philipp: Radikaldemokratisches Denken im Vormärz: Zur Aktualität der Parteientheorie Julius Fröbels, in: MIP 15, 2008/2009, S. 5-15.
Feut, Ernst: Julius Fröbel. Seine politische Entwicklung bis 1849. Ein Beitrag zur Geschichte des Vormärz, Diss., Bern 1932.
Habermas, Jürgen: Volkssouveränität als Verfahren, in: Faktizität und Geltung: Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats, hg. von Jürgen Habermas, Frankfurt a.M. 1992, S. 600-613.
Lüfling, Hans: Die Entwicklung von Julius Fröbels politischen Anschauungen in den Jahren 1863-1871 mit besonderer Berücksichtigung der deutschen Frage, Diss., Leipzig 1931.
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Schuler, Dietmar: Staat, Gesellschaft und Deutsche Frage bei Julius Fröbel (1805-1893). Studien zu Ursprung und Entwicklung des deutschen Liberalismus im 19. Jahrhundert, Diss., Innsbruck 1984.
Schuler, Dietmar: Julius Fröbel (1805-1893). Ein Leben zwischen liberalem Anspruch und nationaler Realpolitik, in: Innsbrucker Historische Studien (Band 7/8), Innsbruck 1985, S. 179-261.
Zinnel, Jürgen: Julius Fröbel und die deutsche Verfassung, in: Utopie und Zeitgeschichte. Materialien, Dokumente, Impulse, Diskussionen (Band 3), Basel 2000, S. 3-6.
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