KARL GUTZKOW
Abb.: Österreichische Nationalbibliothek
„Was Religion! Was Weltschöpfung! Was Unsterblichkeit! Rot oder blau zum Kleide, das ist die Frage.“ – Karl Gutzkows Roman über die mondäne und emanzipierte „Wally“, erschienen 1835, wird von den Kritikern als religionsfeindlich und blasphemisch verrissen. Verrisse, die die deutsche Literaturgeschichte verändern, denn sie sind der Beginn der politischen Verfolgung des „Jungen Deutschlands“, einer literarischen Gruppierung junger Dichter im Vormärz, zu denen neben Gutzkow auch Heinrich Heine zählt, und die sich für Demokratie und Freiheitsrechte einsetzen. Ihre Schriften werden im Deutschen Bund verboten, Gutzkow wird inhaftiert.
Seine Werke und sein politisches Denken sind geprägt von der Arbeit des Vaters in den Stallungen des Prinzen Wilhelm von Preußen, in ständiger Abhängigkeit durch die Aristokratie. In seinen Texten anlässlich der 1848er-Revolution fordert er Selbstemanzipation der Bevölkerung, für Freiheit und Volkssouveränität. Im Zuge der Revolution kandidiert er selbst, ergebnislos, für ein politisches Amt. Fortan widmet er sich weiter der Schriftstellerei und hinterlässt eine große Anzahl an Novellen, Romanen und Theaterstücken, die bis ins 20. Jahrhundert hinein adaptiert und aufgeführt werden, heute aber in Vergessenheit geraten sind.
Geburt am 17. März in Berlin als jüngstes von drei Kindern im alten Akademiekarree, das heute die Berliner Staatsbibliothek beherbergt. Gutzkow wächst unter ärmlichen, kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Sein Vater arbeitete für Prinz Wilhelm von Preußen als Pferdewart.
Gutzkow beginnt sein Studium an der Universität Berlin in den Fächern Philologie, Philosophie, Theologie und Rechtswissenschaften. Auch an den Universitäten Heidelberg und München wird er studieren. Ab 1932 promoviert er an der Universität Jena.
Unter dem Titel „Aus dem Tagebuche und Leben eines Subrektors“ erscheint Gutzkows erste Novelle.
Am Tag als die Nachrichten der Julirevolution in Paris Berlin erreichen (3. August), erhält Gutzkow eine Auszeichnung für seine akademische Arbeit „De diis fatalibus“. Überreicht wird der Preis von dem Berliner Philosophen und Universitätsrektor Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Die Julirevolution beeinflusst Gutzkows zukünftiges Leben und Schaffen.
Der bekannte Literaturkritiker Wolfgang Menzel schreibt einen Verriss über Gutzkows kürzlich erschienen Roman „Wally die Zweiflerin“. Der Verriss ist der Beginn eines politischen Feldzugs gegen Gutzkow und die „unmoralische Literatur“ des „Jungen Deutschlands“. Alle geschriebenen und zukünftigen Schriften von Gutzkow werden in Preußen verboten, er wird inhaftiert und im Februar 1836 aus Baden abgeschoben.
Anonym arbeitet Gutzkow für den Frankfurter Telegraph (später Telegraph für Deutschland), einer Kulturzeitschrift, an der viele vormärzliche Schriftsteller wie Friedrich Engels oder Georg Herwegh mitwirkten. Im Laufe der nächsten Jahre überwirft sich Gutzkow mit einigen der anderen jungdeutschen Schriftsteller wie Heinrich Heine, behält aber seine liberalen und reformatorischen Überzeugungen.
Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. hebt die Zensurverfügung gegen Gutzkow auf.
Gutzkow wird bis 1849 Dramaturg am Königlichen Theater Dresden.
Gutzkow erlebt den die Revolution in Berlin und den Maiaufstand in Dresden. Seine angestrebte Aufstellung als Wahlkandidat für die 2. Preußische Kammer in Berlin für einen niederschlesischen Wahlkreis kommt nicht zustande, weil ein einheimischer Kandidat bevorzugt wird.
Gutzkow ist Mitbegründer der Deutschen Schillerstiftung.
Nach einem Selbstmordversuch verbringt Gutzkow das Jahr in der Heilanstalt St. Gilgenberg bei Bayreuth.
Gutzkow verstirbt am 16. Dezember in Frankfurt a.M. / Sachsenhausen bei einem Schwelbrand in seinem Schlafzimmer. Er wird auf dem Frankfurter Stadtfriedhof beigesetzt.
Martina Lauster
Karl Gutzkow (1811-1878): Der einstige Stimmführer des ,Jungen Deutschland‘, der seine Fürsprache für religiöse und moralische Freiheit und seinen daraus erwachsenen Roman Wally, die Zweiflerin (1835) mit Gefängnishaft und Verbot seiner Schriften büßen musste, wandelte sich ab 1839 zum Autor für eine zeitgemäße deutsche Bühne. Im politisch aufgeheizten Klima der 1840er Jahre erwarb er sich einen Ruf als Dramatiker und wurde 1846/47 zum Dramaturgen des renommierten Dresdener Hoftheaters. Gutzkow brachte Stoffe, die zehn Jahre zuvor gewagt und avantgardistisch gewesen waren, einem stetig wachsenden städtischen Theaterpublikum nahe.
Sein im Dezember 1846 in Dresden uraufgeführtes Trauerspiel Uriel Acosta ging auf seine Erzählung Der Sadducäer von Amsterdam (1834) zurück, in der er die Kämpfe eines jüdischen Freidenkers aus dem 17. Jahrhundert zum Thema machte. Als Vormärzstück in der Tradition von Lessings Nathan wurde der Acosta ungleich kämpferischer. Gutzkow schien die Rolle von Frauen auf den Barrikaden vorwegzunehmen, indem er die Verlobte Acostas, Judith, als Streiterin für Gewissens- und Religionsfreiheit zur Seite ihres Geliebten treten ließ. In der Erzählung versagte die Frau daran, Acosta furchtlos zu unterstützen, im Drama proklamiert sie jedoch öffentlich in seinem Sinne die Religion der Liebe gegen die Autorität der Synagoge. Dass Judith letztlich nicht nach ihren Worten handeln kann, und dass auch Acosta scheitert, gibt beiden tragische Kraft. Ab 1847 zog Uriel Acosta im Triumph über deutsche Bühnen; das Stück sprach besonders das jüdische Publikum an und wurde bis ins 20. Jahrhundert gespielt. Weiterlesen
Die Pariser Revolution im Februar 1848, bei der der „Bürgerkönig“ Louis Philippe stürzte, veranlasste Gutzkow, sich von seinen dramaturgischen Aufgaben auf vier Wochen beurlauben zu lassen. Erst wollte er nach Paris reisen, um die Umwälzung vor Ort mitzuerleben, dann entschied er sich jedoch für seine Heimatstadt Berlin, wo die revolutionären Ereignisse, die sich über Europa ausbreiteten, am 18. und 19. März „in überraschendster Weise zum Ausbruch“ kamen.1
Aus seinen Erlebnissen der Berliner Märzrevolution hätte Gutzkow eine Tragödie machen können. Er und seine Frau Amalie wurden Zeugen eines noch nie dagewesenen Aufstands preußischer Untertanen gegen ihr absolutistisches System. Das plebejische Berlin revoltierte gegen das, was Preußen ausmachte: den Apparat aus Regierung, Beamten, Soldaten und Polizei. Geradezu elektrisierend wirkte dies auf die Frankfurterin Amalie: Mit „ihrer lebhaften süddeutschen politischen Empfänglichkeit“ geriet sie „in eine Exaltation, die nur einen Anlaß zu finden brauchte, um fast selbst auf die Barrikaden zu treten!“ – so beschrieb Gutzkow ihre Aufregung.2 Dabei war Amalie alles andere als robust, denn sie hatte im Winter eine Fehlgeburt erlitten und sorgte sich außerdem um ihren Jüngsten, der seit der Ankunft in Berlin krank im Bett lag. Der Familienvater aber mischte sich am 18. und 19. März mitten unter die Menge auf dem Schlossplatz, konnte den Gang der Dinge mitbestimmen und seiner Frau hautnah vom Geschehen berichten. Er ahnte nicht, dass gerade sein lebhaftes Erzählen in ihr „den still sich entwickelnden Todeskeim nähren sollte“.3 Ein geschwächter Körper, weiter herausgefordert durch eine Verkühlung an der frischen Luft, wurde mit dem Ansturm von außen nicht fertig. Amalie Gutzkow erlag am Karfreitag, dem 22. April 1848, einem „Nervenfieber“. 30 Jahre alt war sie geworden, ein Opfer der Berliner Märzrevolution, das gar nicht erst auf die Barrikaden zu steigen brauchte, um sich den Tod zu holen.
Gutzkows Bericht der Revolution, verfasst einige Monate nach den Ereignissen, liegt uns vor (siehe: „Retroperspektivischer Augenzeugenbericht“ in Was sie dachten und schrieben). Zu ihm gesellt sich seine Ende März 1848 als Flugschrift ausgegebene „Ansprache an das Volk“ (siehe in Was sie dachten und schrieben): beides Dokumente des Anteils, den der aus der Berliner ,Hefe‘ stammende Schriftsteller an der Erhebung seiner Heimatstadt nahm. Als Sohn eines Bediensteten in den hohenzollernschen Stallungen wusste er, wie es sich anfühlte, von selbstherrlichen aristokratischen, militärischen und bürokratischen Autoritäten niedrig gehalten zu werden. Seine gymnasiale und universitäre Bildung verdankte er einem ausgeprägten Lernwillen, der frühen Förderung durch einen Gönner und dann nur noch zähem Fleiß und dem Streben nach Selbstbestimmung. Gutzkow hielt das ,Volk‘, die ungebildete Mehrheit, für prinzipiell bildungsfähig. Genau hier setzte er als Aktiver in der Revolution an. Er begriff jene „Gesellen, Kleinbürger, Frauen“, die meinten, nun schieße man auf sie, und die daher „mit zornglühenden Mienen gen Himmel um Rache“ riefen. Ihr Schrei „Waffen! Waffen!“ kam aus dem Inneren und galt dem Ende der gesamten „anerzogenen Knechtschaft und Polizeifurcht“, dem Ende der „witzelnden Unbedeutsamkeit“, in der man die Berliner Bevölkerung seit Jahrzehnten hielt. Die königlichen Zugeständnisse vom Tag zuvor, unter anderem Pressefreiheit, bedeuteten diesen Menschen nichts; bei ihnen handelte es sich um das „einfache verletzte Menschenrecht“, und diese Erfahrung war es, die sie von einer Stunde auf die nächste „zu Politikern machte“. Gutzkow übertrug am 19. März auf dem Schlossplatz den Schrei der Untersten in die Forderung nach Volksbewaffnung. Sie wurde ,oben‘ gehört, und damit war die Spannung entschärft. Das Zeughaus wurde geöffnet, und eine Berliner Bürgerwehr trat ins Leben, – dies freilich, merkt Gutzkow an, mit längerfristig zweischneidigem Resultat, denn die Waffen ließen sich auch von Besitzbürgern zum Schutz von Hab und Gut führen. Dennoch sei die Bürgerwehr zum Garanten eines mentalen Umschwungs geworden, zum Hort des Widerstandes gegen den „Geist der Unterdrückung und der altpreußischen Servilität“. Die „politische Meinung des ,kleinen Mannes‘“ sei zwar in unzähligen Vereinen weiter gebildet worden, habe sich aber als „die eigentliche Kraft“ in der Bürgerwehr manifestiert. Eine Bildung, die unter die Haut ging, erfuhr auch der oberste Herrscher Preußens, König Friedrich Wilhelm IV., als man die Märzgefallenen, die ,kleinen Leute‘, Sarg für Sarg an ihm vorbeitrug. Hinter diese Lektion konnte der König auch nach der Niederschlagung der Revolution in Berlin nicht zurückfallen; eine Wiedererrichtung des Absolutismus war undenkbar.
Als politisch Engagierter ging Gutzkow vom Selbsterlebten und Selbsterkämpften aus: von dem, was einen Menschen von innen her bildet und ihm Selbstbewusstsein verleiht. Insofern konnte er an das waffenführende Volk als eine durch eigene Kraft emanzipierte Menge appellieren: „Hinausblickend auf die Plätze, Paläste und Straßen, in denen Ihr sonst nur wie geduldete Miether lebtet“, sollten die Berliner ihre Stadt nun voll in Besitz nehmen, und zwar als Bürger, die nicht „von oben herab“ mit Rechten versehen worden seien, sondern die ihrer Freiheit selbst von unten her das Fundament gelegt hätten. „Ihr mußtet in Euch fühlen, was Menschenrecht ist; Ihr mußtet Euch herauswickeln aus dieser Schnürbrust ewiger Bevormundung durch Gensd’armen und bewaffnete Knechte der Disciplin. Erst mußte Euch die Luft gehören, die Ihr athmet, eh’ ihr ein neues Deutschland und alle Wunder der Zeitungen besaßet. Diese Luft gehörte Euch in Preußen nicht!“
Dem Prinzip des ‚von innen nach außen‘ bzw. ‚von unten nach oben‘ folgte Gutzkow auch in seinen Erwägungen zur deutschen Einheit. Seine im September 1848 verfasste Schrift Deutschland am Vorabend seines Falles oder seiner Größe plädoyierte nachdrücklich für eine Festigung der inneren freiheitlichen Substanz der Nation, bevor diese überhaupt an eine Definition ihrer äußeren Grenzen denken könne. Die Priorität, die der letzteren Frage eingeräumt werde, offenbare nur die Schwäche des Liberalismus in Deutschland. Statt sich mit rechtsstaatlichen Prinzipien zu befassen, der Basis des nationalen Gemeinwesens. knüpfe man an den alten franzosenfeindlichen Patriotismus von 1813/15 an und wolle erst einmal Grenzlinien festlegen: „Wenn [...] ein Volk von vierzig Millionen politischer Einigung und gleicher Zunge“ immer nur „von seinen Gränzen, von seinen Stützpunkten, von den Nothwendigkeiten seiner Existenz spricht“, müsse man darin bloße „Phantasterei“ erkennen.4 Wie zum Beweis für sein basisdemokratisches Denken baut Gutzkow dann seinen bereits zitierten Augenzeugenbericht der Berliner Märzrevolution ein. So und nicht anders – von den Menschen auf der Straße aus – könne in Deutschland ein staatlicher Bau wachsen.
Nachdem die Berliner Revolution im November 1848 niedergeschlagen worden war, löste der König auch die Preußische Nationalversammlung auf, die zum ersten Mal aus allgemeinen gleichen Wahlen hervorgegangen war und eine Verfassung für Preußen ausarbeiten sollte. Statt einer parlamentarisch entstandenen Verfassung bevorzugte der Monarch jedoch eine von oben erlassene: wie Gutzkow sarkastisch bemerkt, ein Weihnachtsgeschenk des königlichen Vaters an seine politisch unmündig gebliebenen Untertanenkinder. Bei diesem Artikel (siehe „Herr Waldeck und das geheime Obertribunal“ in Was sie dachten und schrieben) handelt es sich um ein erst 2025 entdecktes Zeugnis von Gutzkows fundamental rechtsstaatlicher Überzeugung. Mit beißender Kritik greift er die „Servilität unterm Kreuz des Staatsdienstes“ an, welche preußische Juristen am Ende des Revolutionsjahres weiterhin an den Tag legten, und zwar an hoher und höchster Stelle (am Obergerichtshof bzw. einem Oberlandesgericht). Diese Beamten, konstatiert er, begingen Verrat an ihren eigenen Jugendidealen, die einmal einem konstitutionellen Preußen gegolten hatten. Diese Leute hätten nun nichts Eiligeres zu tun als ihre staatstreue Einstellung durch ein Plädoyer gegen Kollegen zu demonstrieren, die als entlassene Parlamentarier der Nationalversammlung ihren juristischen Beruf wieder aufnehmen wollten; Gutzkow nennt als Opfer dieser Machenschaften den Berliner Obertribunalrat Benedikt Waldeck und den Staatsanwalt Julius von Kirchmann aus Ratibor. Wo bleibe die Unverletzlichkeit des Amtes, die Selbständigkeit der Justiz, in einem Staat, der nun konstitutionell sein solle? Gutzkow klagt als demokratischer Journalist von der Basis her die Rechtsstaatlichkeit Preußens gegen seine eigenen Juristen ein. Solche Vertreter der Judikative, die sich bei der Staatsgewalt anbiedern, seien in ihrer Mentalität auf die Stufe „des Militärstaates und des Absolutismus“ zurückgefallen (wenn sie diese je verlassen hatten), auf eine „Niedrigkeit der Gesinnung“, die unter einer konstitutionellen Regierungsform nichts mehr zu suchen habe. Man könne nur zittern um die Zukunft Deutschlands, wenn die faktische „Hegemonie der preußischen Krone“ auch eine Dominanz des „altpreußischen Knechtssinnes“ mit sich bringen sollte. Dies würde das gesamte Projekt einer deutschen Nation untergraben. Letzteres könne nur Bestand haben, wenn Preußen sich „dem Geiste der Freiheit des übrigen Deutschland“ angleiche. Aber Gutzkow setzt Vertrauen auf die Kraft von unten, die öffentliche Meinung, auch in Preußen. Selbst bei der aufoktroyierten Verfassung könne sich die gesellschaftliche Basis nun in Wahlen aussprechen: „Kanonen sind die Waffen der Könige. Wahlen sind die friedlicheren Waffen der Völker.“
Kein Wunder, dass es Gutzkow drängte, sich als gewählter Parlamentarier forthin an der Gestaltung von Preußens Zukunft zu beteiligen. Die Tatsache ist so gut wie unbekannt, dass er sich Anfang 1849 zur Wahl für das Abgeordnetenhaus bewerben wollte, die Zweite Kammer im preußischen Landtag. In dem Sinne, dass der Staat keine abgehobene Sphäre, sondern ein Repräsentationsorgan des ,Volkes‘ inklusive der bildbaren Geringsten zu sein habe, stellte er sich in einem Bewerbungsbrief als „Demokrat“ vor (siehe Brief von Gutzkow an Heinrich Sommerbrodt in Was sie dachten und schrieben): „Ich fühle mehr für die Niedrigen als für die Hohen [... ] Ich glühe [...] für Freiheit, Vaterland, für Aufklärung, für allgemeine Bildung“. Die beschränkten Bahnen, welche die preußische Verfassung mit ihrem Dreiklassenwahlrecht für die Erste Kammer und mit ihrer königlichen Prärogative boten, schienen ihm immerhin „als Zugeständnis willkommen“. Die alte aristokratisch-militärische Selbstgewissheit der preußischen Führung war einmal erschüttert worden, und harte parlamentarische Arbeit konnte kleinschrittig weiterwirken. Es ist nicht bekannt, wie Gutzkow für seine erstrebte Kandidatur auf den schlesischen Wahlkreis Schweidnitz verfiel; wir wissen nur, dass man vor Ort einen lokalen Kandidaten wollte und sich der Plan zerschlug.
Politik betrieb Gutzkow hinfort wieder genau so, wie er es seit achtzehn Jahren getan hatte, nämlich als freier Schriftsteller, dem es um Bewusstseins- und Selbstbildung ging. 1850 protestierte er (siehe „Vorläufer oder Nachzügler“ in Was sie dachten und schrieben) gegen einen verantwortungslosen Journalisten, der die verzweifelten Kämpfe zur Rettung der Revolution und die Hinrichtungen in Baden 1849 achselzuckend als Nachzüglerdrama abgetan hatte. Eine solche Sprache verrate nur die Abstumpfung eines Sprechers, der beanspruche, für alle zu reden. Im Gegenteil, es gelte, aufmerksam zu bleiben auch auf die kleinsten Regungen des spiralförmigen, langsamen Ganges der Geschichte. Gutzkow selbst beschäftigte sich schon mit seinem nächsten literarischen Projekt, dem Monumentalroman Die Ritter vom Geiste, der die inneren Welten Berlins ausleuchtete: die Bewusstseinsstände, Verwirrungen und Hoffnungen einer Bevölkerung von den Höchsten bis zu den Niedrigsten, die der Zeitgeist von 1848/49 einmal ergriffen hatte. Es ist nicht als Eskapismus zu werten, wenn der Autor sich im Vorwort von nachrevolutionären Politikern abgrenzte: „Macht ihr Geschichte, [...] wir wollen Romane schreiben.“5 In den Rittern vom Geiste vertritt bezeichnenderweise nicht allein der liberale Jurist Dankmar Wildungen den Kampf für den „Sieg von Wahrheiten“ (siehe Ausschnitt in Was sie dachten und schrieben), sondern auch die Arbeiterin Louise Eisold, deren Bruder bei einer der ersten polizeilichen Maßnahmen des nachmärzlichen Ministeriums erschossen worden ist. Sie will ihre Anklagen auf der „Straße“, dem „Markt“ „ausschreien“ und bildet in ihrem Vertrauen auf „die freie Gemeinde“ der Rechtschaffenen ein Pendant zu Dankmars bildungsbürgerlichem Projekt der Geistesritter (siehe Ausschnitt in Was sie dachten und schrieben).
Dass Gutzkow sich im Alter nicht mehr zu seinem Bildungsidealismus bekennen konnte, lag an den Verhältnissen. Mit der Bismarckschen Reichsgründung waren die Grundlagen, auf denen der Nationalstaat beruhte, alles andere als von unten her erkämpft. An seinen Verleger schrieb er 1875: „Wer florirt? Der Offiziersstand! Sonst Niemand. Die Reichsfrage u der glückliche Krieg haben eine Roheit und Süffisance hervorgerufen, bei den jungen Männern, den Männern mittleren Alters u einem Theil der Frauen“.6 Er sah „Roheit und Süffisance“ auch auf die arbeitende Bevölkerung übergreifen. 1848/49 wäre für Gutzkow vielleicht der Zeitpunkt für ein allgemeines Stimmrecht gewesen; nach der Einführung dieses Rechtes für die Reichstagswahlen 1871 und bei der Dominanz Preußens im Kaiserreich hielt er es für „das Grauenhafteste“, „einen Humboldt neben einem Droschkenkutscher mit gleicher Wirkung abstimmen“ zu lassen.7 Zu den preußischen Übeln aristokratischer, bürokratischer und militärischer Kontrolle hatte sich eine kapitalistische Spekulanten- und Aufsteigerwirtschaft gesellt. Angesichts eines kläglichen Versagens liberaler Bildungsmodelle im Bürgertum, der „kulturelle(n) und publizistische(n) Elite“, die keine öffentliche Verantwortung mehr übernahm, blieben dem ‚kleinen Mann‘ nach Gutzkow nur materielle Verrohung und „sittliche Verwahrlosung“.8 Die ‚uniformierende‘, von der Sozialdemokratie erteilte Volksbildung sah er weit entfernt von der Führungskraft einer Arbeitertochter wie Louise Eisold aus den Rittern vom Geiste,9 der Verkünderin eines aus dem Inneren gewachsenen Wertsystems der unteren Klassen.
1 Karl Gutzkow: Ein Brief an Freunde. In: Feodor Wehl: Das Junge Deutschland. Ein kleiner Beitrag zur Literaturgeschichte unserer Zeit. Hamburg: J. F. Richter, 1886. S. 185-193. Zitat S. 186.
2 Ebd., S. 187.
3 Ebd.,
4 Karl Gutzkow: Deutschland am Vorabend seines Falles oder seiner Größe. Frankfurt a.M.: Literarische Anstalt, 1848. S. 27.
5 Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste. Roman in neun Büchern. Hg. von Thomas Neumann. 3 Bde. Frankfurt a.M.: Zweitausendeins, 1998. Bd. 1, S. 8.
6 William H. McClain, Lieselotte E. Kurth-Voigt: Karl Gutzkows Briefe an Hermann Costenoble. In: Archiv für die Geschichte des Buchwesens. Frankfurt a.M. Bd. 13, 1973, Sp. 186.
7 Karl Gutzkow: Die neuen Serapionsbrüder. Kommentarband. Hg. von Kurt Jauslin in Zusammenarbeit mit Martina Lauster. (Supplement zu Gutzkows Werke und Briefe. Hg. vom Editionsprojekt Karl Gutzkow. Erzählerische Werke, Bd. 17). Münster: Oktober Verl., 2015. S. 36.
8 Ebd., S. 144.
9 Ebd., S. 34.
Es war also am Abend des dreizehnten März. […] Noch glaubte man an Alles, nur nicht die Erschütterung des Preußischen Staates. Pressefreiheit stand auch hier in Aussicht […]. Das soziale Element der Pariser Umwälzung bahnte sich aber den Weg nicht durch die Ständekammern und Kaffeehäuser, sondern durch die Herbergen und von Werkstatt zu Werkstatt. Man las an den Straßenecken Aufforderungen zu Volksversammlungen. Eine solche sollte diesen Montag abends in den Zelten stattfinden. Eine Volksversammlung! Diese Änderung des preußischen Staates, dass in ihm hinfort Menschen, die keine Soldaten waren, sich öffentlich versammeln sollten, erschien den noch regierenden Gewalten, Thiele, Eichhorn, Bodelschwingh und dem militärischen und höfischen Anhang des Königs unerhört. Da um sieben Uhr werden aus ihrer friedlichen Lektüre plötzlich die Kaffeehausleser durch eine unruhige Bewegung in den Straßen aufgestört. Eine Schwadron Ulanen sprengt im Trabe an das Brandenburger Tor. Hinter ihnen schallt schon in der Ferne der Geschwindschritt der zu nächtlichem Bivouac und förmlichem Angriff gerüsteten Bataillone. […] Man gedachte ganz Europa zu zeigen, wie Preußen und Russland mit solchen Bewegungen der Widerspenstigkeit, der schon dreimal in Frankreich ein Thron erlegen war, umzuspringen wisse und wie man hier von oben her „seine Schuldigkeit“ täte, die man in Paris und überall vernachlässigt hätte. […]
Weil wir keinen rechten Feind sahen, weil dieser nur in den geheimen Drohbriefen, die vielleicht die Polizei empfing, existierte, so verlor selbst der loyale Bürger seinen Anteil an dieser militärischen Alarmierung der Straßen, die sich jeden Abend wiederholte und immer mehr Truppen in Tätigkeit brachte. Nun kam auch die Kunde, dass hie und da ein Stein geflogen, ein Säbelhieb tödlich gewesen war; der ruhige Beobachter überzeugte sich bald, dass die Soldaten, dieser nächtlichen Promenaden überdrüssig, erbittert und von ihren adligen Führern fanatisiert wurden. Wenn einige fünf oder sechs Menschen zusammentraten, die sich eine neue Nachricht mitteilten, sprengte im Nu ein Dutzend Kavalleristen heran und trennte sie mit einer Heftigkeit, die die immer zunehmende förmliche Kampflust dieser Leute verriet. Auf ein Spottwort, auf einen einzigen aus einem Menschenhaufen fliegenden Stein, ließ man ein ganzes Peloton-Feuer geben. […] Weiterlesen
Schon waren Verwundungen und einige Tote vorgekommen, als die Nachricht von den Wiener Vorgängen und Metternichs Sturz Alles elektrisierte. […] Es war am Sonnabendmittag um halb drei Uhr. Der schönste Frühlingssonnenschein lag auf dem Schlossplatze. Von der Königsstraße her vernimmt man schon das Rufen eines nicht übergroßen Menschenhaufens: Militär weg! Militär weg! Der König hatte so eben jene bedeutenden Zugeständnisse des 18. März gegeben. […]
Dies Schauspiel war vorbei, das Volk jubelte, aber es wollte nun noch das Letzte: Vertrauen an die Masse! Entfernung der Soldaten! Keine fernere Reizung, keine Provokation mehr! Die Soldaten standen an dem Königs- und dem Staatsratsportal, man muss eingestehen, mit rührender Geduld. Sie schienen, als wären es Ungarn, die in Italien dienen, den Ruf: Militär weg! kaum zu verstehen. Man verlangte das Letzte, das Zugeständnis der nunmehr überflüssigen Stütze auf Militär und Polizei und hatte dabei die Verwundeten und Toten der letzten Tage im Sinn. […] Eine von dort anrückende Infanteriekolonne hatte ohne Zweifel nur die Absicht, das Manöver einer Säuberung des Platzes und der Befreiung des Portales von den Militär-weg-Rufern auszuführen. Die Entschlossenheit dieser Bewegung, das laute Kommando, der nun schon fast seit acht Tagen panisch gewordene Schrecken über solche Evolutionen trieb die Menschenmenge, die am zweiten Portal ziemlich ruhig stand und sich nur um die Magistratsherren neugierig drängte, in wilder Flucht nach der breiten Straße hinüber. Und hier sollen jene zwei Schüsse des Missverständnisses gefallen sein. […]
Ohne Zweifel hatte ein Missverständnis stattgefunden. Aber die Menschen waren seit Montag gereizt, sie wollten sich nicht mehr aus-, nicht mehr einreden lassen. […] Wie ich Gesellen, Kleinbürger, Frauen so rennen, mit zornglühenden Mienen gen Himmel um Rache rufen hörte, wie ich sah, wie sich den Menschen das Weiße im Auge verkehrte und ihr Geschrei: Waffen! Waffen! Man verrät uns! zwar dem Wortlaute nach eine Reminiszenz der neusten Lektüre aus der Vossischen Zeitung war, aber die Vorstellung, die man damit verband, recht die ganze sich endlich lösende Last des polizeilichen Regimentes seit 1815, da fühlte ich, wenn hier ein äußeres Missverständnis stattfand, ein inneres war es nicht. Es sollte einmal zusammenbrechen diese alte Herrschaft des roten Kragens, es sollte einmal eine Bevölkerung aus ihrer faselnden und nur witzelnden Unbedeutsamkeit, aus ihrer anerzogenen Knechtschaft und Polizeifurcht sich erheben. […] Die Häuser wurden verriegelt und gleich nachdem die erste fliegende Militärkolonne vom Schlosse her durch die Jägerstraße an der Bank vorüber war, erhob sich hinter ihr zauberhaft, wie von selbst, die erste Barrikade, die den Namen einer solchen verdiente. Das Rollen der Fässer, das Aufheben der Kanaldielen hallte weithin durch alle Straßen.
[…] Erst jetzt, wo man alle Folgerungen eines demokratischen Staates überblickt, wird man begreifen, warum am 18. März grade vorzugsweise noch nachträglich die Macht der Bajonette gebrochen werden musste. Der Militärstand musste fühlen lernen, dass man sich nicht mehr in Stein verwandeln lässt, wenn uns sein starres Gorgonenhaupt anblickt. Der moralische Kredit der Armee, den das Volk, wenn er gegen den Feind geht, schon wieder heben wird, musste in seiner falschen sittlichen Bedeutung, in seiner Stellung zum innern Staate, ihr entzogen werden. Diese Armee musste aufhören, der Sitz, die Rücklehne des Absolutismus, das Spielzeug und die Nahrungsquelle eines anmaßenden Adeltums, der Schlupfwinkel einer geheimen schleichenden Reaktion zu sein. Der Grund der neuen preußischen Verfassung lag nicht auf dem Boden eines königlichen Tintenfasses. Er wurde dahin gelegt, wo man drei Tage darauf zweihundert und fünfzig Leichen versenkte, die Schatten des Friedrichshaines.
[…] Um halb fünf Uhr krachten die ersten Pelotonsalven. Man muss an sein Vaterland und die nächste engere Heimat einer Vaterstadt mit Banden des Gemütes und der Knabenerinnerung gefesselt sein, um den Schmerz nachzuempfinden, mit dem diese Erschütterungen der Luft auch das Herz erschütterten. Aber als man vom Widerstand erfuhr, als sich durch die Straßen das Gerücht verbreitete, man verteidigt sich, da war auch die Freude eine um so größere. Das feige Knechtsgewand war abgeworfen. Der Absolutismus erlebte, dass Sklavenseelen vor seinen Kanonen nicht mehr zitterten. […] Die ohne Zweifel siegreich vorgedrungenen Soldaten hatten eine moralische Niederlage erlebt; denn statt eines Pöbelhaufens, der ihnen gegenüberstand, zeigte der aufgehende Morgen das Gesicht der nächtlichen Kämpfer. Es waren jetzt die Bürger Berlins selbst und ihr Feldgeschrei lautete, wie der Schwur der Schweizer: „Wir stehen für unsre Häuser, unsre Weiber, unsre Kinder!“
[…] In den Stunden am Sonntag von 11 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags gab es in Preußen keine Regierung und jede Gestaltung war möglich. […] Eine Republik, das wäre noch nicht verstanden worden, eine Diktatur, dazu fehlten die Volkshäupter, an welchen in Berlin jetzt kein Mangel ist, eine Thronentsagung, dazu kam das Wagnis mit dem Prinzen von Preußen, auf den man, als einen plötzlich Abwesenden, mehr künstlich als natürlich, den Hass und die Erbitterung abgelenkt hatte.
[…] Zu diesen Arbeitern sprach man denn vom Schloss herab, oder, emporgetragen auf den Schultern der Masse, vom vereinigten Landtage! Welch’ ein Unsinn! Wuterfüllt wandten sie sich ab, weil das keine Antwort auf ihren Schmerz war. Ich sehe noch einen Arbeitsmann vor mir, der auf eine solche Rede und Anzeige unter Weinen sagte: „Das kann uns alles nichts helfen, das macht unsre Toten nicht wieder lebendig!“ […] Das Einzige, was in diesem kritischen Augenblick die Gemüter beruhigen und vom Nächsten ablenken konnte, war ein neuer Gedanke, eine vom Sonnabend noch übrig gebliebene neue Schöpfung. Als solche drängte sich die Volksbewaffnung auf. Ob meine Aufforderung, wegen Errichtung einer solchen, an den König gelangte, weiß ich nicht, Minutoli versicherte, dass man zu dieser Konzession sich nicht entschließen könne, auch noch nicht wüsste, wie man sie ohne Gefahr ins Leben rufen solle. „Was denken Sie sich unter einer Volksbewaffnung?“ fragte Graf Arnim, mit einem kalten und spitzen Polizeiblick seine Umgebung fixierend, als ihn im Schlosshofe das drängende Gewühl der Bürger umstand und die wenigen zurückgebliebenen Soldaten ruhig Gewehr beim Fuß hielten. „Gegen wen soll sich das Volk bewaffnen? Für wen? Warum soll überhaupt bewaffnet werden? Wir haben jetzt nur Eines nötig, die Menschen hier vom Schloss weg zu bringen! Können Sie das? Das ist das größte Verdienst, was sich Einer hier jetzt erwerben kann!“
Man sieht, der alte Polizeistandpunkt! „Das ist nur möglich,“ erlaubte ich mir zu erwidern, „durch eine neue Idee, die Sie schaffen, die Volksbewaffnung!“ Ein neuer Leichenzug, den man brachte, unterbrach diese Erörterungen. Die Hüte mussten abgenommen werden, selbst die Helme der Soldaten. Der Fürst vom Ehrenwort, der nimmer Ruhende, nie Verlegene, der in Berlin damals im besten Zuge war, ein Volksmann zu werden, sagte: „Reden Sie von der Volksbewaffnung. Das ist Etwas, was packt, und sie kommt auch!“ Das tat ich denn. Dieser für Preußen neue Begriff wurde mit Jubel begrüßt, alle schmerzlichen Empfindungen über das Verlorene, alle freudigen über das Errungene einigten sich in dem Gedanken an die gesetzmäßige Öffnung des Zeughauses und den eignen Schutz des Bürgers. Bald darauf hatte Graf Arnim (die Staatsmänner machten damals im Denken Fortschritte) die Möglichkeit dieses Institutes begriffen. Der König verkündigte es selbst. Man vergaß den Kanonendonner, das Blut und die Leichen, man fesselte die Aufmerksamkeit von ganz Berlin auf das Zeughaus, bot in den verteilten Gewehren schon um 4 Uhr nachmittags allen, die der am Abend kommenden Dinge mit Entsetzen harrten, eine amüsante Unterhaltung, einen soliden Trost und am Abend schwamm die Residenz im Lichtmeere einer Illumination.
Der Ruhm, an der Wiege und Taufe der preußischen Bürgerwehr gestanden zu haben, hat sich freilich in der Folge als etwas bedenklich herausgestellt. Diese neue Schöpfung schien sehr bald eine Waffe, die mehr gegen, als für die Freiheit geschmiedet war. „Das Eigentum ist bedroht!“ Unter diesem Bannerspruch versammelten sich die wohlhabenden Bürger, die in diesen Schreckenstagen sich verborgen gehalten hatten, die Beamten, Pensionärs, die alten, „Kameraden“ aus den Befreiungskriegen. […] Wer diese ersten gefährlichen Anzeichen dieser neuen Waffenfreiheit beobachtete, wird es kaum glaublich finden, dass sie sich erhalten hat. Wie oft schienen die Bürger nahe daran, sich ihrer selbst zu begeben! Die reichen Kaufleute und Hoflieferanten, die man ihrer Muße, ihres sichern Auftretens und ihrer stattlichen Figuren wegen zu Hauptleuten gewählt hatte, flößten dem Institut anfangs einen Geist ein, der bei den Offizieren der Garde nicht ärger sein konnte. Auf Klubs und bekannte politische Persönlichkeiten hetzte man förmliche Mordanfälle. Grade der neuen Freiheit und ihren Verfechtern gab man den stockenden Verkehr Schuld. Der alte Satz, jeder Preuße hätte in sich seinen geborenen Gendarmen, erlebte höchst klägliche Beweise. Doch von untenher erwuchs diesem Geist der Unterdrückung und der altpreußischen Servilität ein gefährlicher Gegner, innerhalb des Institutes selbst. Die zahllosen Vereine bildeten die politische Meinung des „kleinen Mannes“, der in einer verhältnismäßig überwiegend armen Stadt wie Berlin doch die eigentliche Kraft der Bürgerwehr bleiben musste. Sie fängt jetzt an, sich nicht nur als ein Wächter der Ordnung, sondern auch als Hüter der Freiheit zu fühlen, und ist ein vortreffliches Mittel, sich in seinen Ansichten kennen zu lernen und zu bestärken.
Ihr Alle habt gekämpft! Der Eine mit der Waffe, der Andre mit dem Wort, Alle mit der Gesinnung.
Der Sieg war Euer! Nicht durch die Niederlage des Gegners, nicht durch die Toten, die dem Feinde fielen; Ihr siegtet durch Euer eignes Blut, Ihr triumphiertet mit Euren eignen Toten.
Jahre werden vorüberrauschen, bis sich der Anblick jener Särge verwischt, welche der Schmerz mit Trauerflören, die Liebe mit Blumen, die Hoffnung mit bunten Fahnen schmückte. Nein! Nie wird er sich verwischen! Nie! Eure Kinder hobt Ihr empor und zeigtet ihnen die Märtyrer der neuen Freiheit, Eure Enkel stammelten Euch die Worte des Schmerzes nach, die auf Euren Lippen zuckten und die Ursache Eurer Tränen musstet Ihr ihnen enträtseln! Und in unser Gedächtnis, in unser Herz nicht nur sind diese Tage eingeschrieben, nein, ihr unsterblicher Stoff, ihre ätherische Idee muss sich einigend verflüchtigen mit unserm Blut, mit unserm Leben, unsrer Bildung, unsrer Erziehung, mit der Luft, die wir atmen, mit dem Brot, das wir essen.
Haltet vor allen Dingen fest, was Ihr in diesem Augenblick besitzt!
Was besitzt Ihr?
Ich will es Euch sagen.
Man gab Euch in diesen Tagen Freiheiten, deren Zweck und Ursprung Ihr nicht fasstet! Man nannte Euch neue Minister – Ihr kanntet ihre Namen kaum. Männer kamen und verkündeten: Freut Euch! Man sorgt für Euch, man gibt Euch neue Berater Eurer Wünsche, neue Tröster Eurer Leiden! Man sprach von Preußens Zukunft, von Deutschland, von Allem, – nur nicht von dem, was Euch in nächster Nähe ergriff. Die Freiheit der Presse – das war ein Wort, dessen Verlebendigung Ihr schon begriffet an den weißen Blättern, die lustig in den Straßen auf und ab flatterten: aber endlich gab man Euch Waffen! Das war Etwas, was sich halten und fassen lässt: ein Zauber, unmittelbar, durch alle Sehnen und Adern wie Genesung rieselnd, ein Zauber, der Euch plötzlich zu Männern machte!
Und diesen Zauber haltet fest! Auf dem Gewehr den Arm stützend und in stiller Mondnacht auf Eurem Wachtposten hinausblickend auf die Plätze, Paläste und Straßen, in denen Ihr sonst nur wie geduldete Mieter lebtet, überdenket, was Alles geschah, warum es geschah und wofür!
Die freie Presse, die Geschwornen-Gerichte, die freigewählten ständischen Vertreter, das enger geschürzte Band der deutschen Einheit, alle diese Gaben von oben herab, wie ausgeworfene Münzen geschenkt, das hätte keinen Bau gegeben von Dauer und von Kraft. Das Fundament musste gelegt werden durch Euch selbst! Und sehet! Darin erblick’ ich einen weisen Fingerzeig von Oben. Die ewige Weisheit kam der menschlichen zu Hülfe. Diese Blüten der Freiheit mussten aus Eurer eignen Empfindung sprießen, aus Eurem eignen Schweiß, aus Eurem eignen Blute.
Wer die Verantwortung für jene düstre Gräberreihe hat, die draußen vor dem Tor auf Jahrhunderte ein Wallfahrtsort der Freiheit bleiben soll – vielleicht gibt es Herzen, die hier in Wehmut und Reue in sich selber blicken – aber die alte Lehre sagt: Gott verkehrt die Weisheit der Menschen, um seiner eignen Weisheit Willen! Dies Blut musste vergossen werden und ich will Euch sagen: Warum?
Die Freiheiten, die man Euch schenkte, bedurften einen Grund und Boden. Dieser Grund und Boden war die Freiheit selbst. Ihr musstet in Euch fühlen, was Menschenrecht ist; Ihr musstet Euch herauswickeln aus dieser Schnürbrust ewiger Bevormundung durch Gendarmen und bewaffnete Knechte der Disziplin. Erst musste Euch die Luft gehören, die Ihr atmet, eh’ Ihr ein neues Deutschland und alle Wunder der Zeitungen besaßt. Diese Luft gehörte Euch in Preußen nicht! […]
Erinnert Ihr Euch jenes Abends, am 13. März, als die Reitergeschwader an das Brandenburger Tor sprengten und der Bataillone wuchtiger Geschwindschritt durch die Straßen dröhnte? Eine Versammlung auf freiem Raume, in Regen- und Frühlingsschauern, wollte dort von Dingen sprechen, die vielleicht Alles betrafen, nur nicht die Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung. […] Wir erkämpften die persönliche Freiheit, das Menschenrecht der freien Bewegung, der erlaubten Rührigkeit in unserer Meinung, in unserem Gehen und Stehen. Dem Bürger gehört nun die ganze Straße und nicht bloß der „Bürgersteig“! Willkommen sei uns der Krieger, der unser Sohn und Bruder ist; willkommen sei uns der Wächter der öffentlichen Ordnung, den wir bezahlen, aber beide müssen die von uns Geduldeten sein, nicht wir die von ihnen Geduldeten!
Man hat die Begebenheiten dieser Tage eine Revolution genannt. Sie ist es. Preußen reiht sich jetzt den Staaten an, welche auf den Grund des Volkswohles angelegt sind, und damit wir nie wieder zurückfallen in jenen Zustand lokaler Sklaverei und unterbundener persönlicher Freiheit, was ist zu tun?
Zunächst denkt Euch, dass der Staat nichts ist, was außer Euch lebt! Der Staat ist hinfort keine mit Fingern mehr zu zeigende fremde Existenz, die sich nur an jene Gebäude anknüpft, an welchen Ihr Schilderhäuser und Soldaten erblickt! Der Staat beginnt mit Euch selbst, mit Jedem von Euch! Er beginnt nicht mehr von Oben, senkt sich nicht mehr, wie eine gewölbte Gnadenkuppel über Euch herab, sondern von der breiten Basis des ganzen Volkes erhebt sich der Staat nur noch wie eine Pyramide. Jeder Staat ist so, wie er von unten auf angelegt wird. Die Gesinnung, die von unten emporlodert, gibt den Duft der Höhe, und es liegt an Euch, dass es ein wohlgefälliger Duft, ein Opferrauch der Freiheit ist.
Wehe den Gesetzgebern, die sich am 4. April versammeln und Euch eine Verfassung geben werden, wenn sie sagen sollten: Du Geringster dort in der Bluse, Du in der Mütze, die die Kugeln an der Barrikade durchlöcherten, sollst ausgeschlossen sein von Deinem Anteil am Staat! Der Staat ist auch Dein Leben, ist die Garantie Deines Menschenrechts, ist die Garantie aller Deiner Ansprüche auf Glück und Freiheit! […] Das allgemeinste Stimmrecht werde die friedliche Waffe, die jeder Deutsche, jeder Preuße in seiner Hand trage, und dies, wackrer Mitbürger, übe mit Vorsicht! Lies in den Zeitungen, wer im Rate der Stadt, wer bei gemeinnützigen Zwecken, Vereinen, Sammlungen ein gutes, für das Volk schlagendes Herz verrät! Der Mann, dem die Hofräte und Hoflieferanten am öftersten widersprechen, den merke Dir, dessen Namen trage im Herzen, dessen Chiffern wirf in die Urne, wenn sie Dich auffordern, einen Verordneten der Stadt, einen Verordneten des Landtags, vielleicht einen Verordneten jenes Reichstages zu wählen, der im Herzen Deutschlands für die gemeinsamen Angelegenheiten der Nation reden soll. Dies Stimmrecht ist Dein Stolz, ist Deine Ehre, und wenn Du es übst, ist es Deine Feierstunde, Deine Beeidigung als Bürger der geistigen Welt! Entflieh’ ihr nicht! Opfre nicht leichtsinnig Dein Recht, Ja oder Nein zu sagen! Es wird Dich heben, eine Ansicht aussprechen zu dürfen! Deine Meinung wird Deine Religion werden!
Die Waffe, die Du am 19. März empfingst, fordert der Staat nicht zurück. Er gab sie Dir als Zeichen der Lossprechung, als Zeichen Deiner Freiheit! Aber Du siehst Tausende in den Straßen wandeln, die rüstig sind wie Du, fordere, dass auch ihnen eine Waffe gegeben wird! […]
Der Friede ist die Sehnsucht aller Völker. Nur im Frieden blüht das Glück des Lebens. Preußen wird, wie alle andern deutschen Staaten, in einem erkräftigten Deutschland sich neu gebären. Wir werden keine Preußischen, keine Sächsischen, keine Dessauischen Truppen mehr haben: wir werden nur noch Deutsche haben unter dem schwarz-rot-goldenen Banner!
[…] Von unten herauf findet die Wahl der Offiziere statt. Auch hier wird das Wahlrecht, frei aus dem Herzen kommend, der schönste Orden, der die Brust des Bürgers schmückt. So erst wird Stadt- und Landwehr wahres Volkseigentum. Man sieht sich vereinigt für den Zweck der Freiheit und der Ordnung, für die Größe der Nation, die Würde unseres Namens. Und in diese Reihen darf keine Anmaßung sich drängen, kein von Oben dekretierter Major darf es wagen, Euch mit dem „vertraulichen Du“ zu begrüßen! […] Lasst Euch nicht zu viel von der Ordnung predigen! Die wahre Ordnung ist nur da, wo die Freiheit ist.
Vom Recht, die Waffe zu tragen, vom Recht, seine Stimme zu geben, erhebt sich der Bau des Gemeinwesens empor zur luftigeren Höhe. Um sich zurechtzufinden in den oft labyrinthischen Gängen dieses Gebäudes sucht Euer Urteil zu bilden, Eure Kenntnisse zu vermehren und wenn Ihr Wegweiser bedürft, wählt diejenigen Zeitungen, die nicht nur eine freie, sondern auch eine anregende Sprache führen. Die Presse ist frei; aber sie sei nicht frei, um nur in Stimmungen und Gefühlen sich zu ergehen und der bloßen Unbequemlichkeit einer zweiten Durchsicht durch einen albernen Zensor überhoben zu sein, sondern sie übernehme in dieser ernsten Zeit das Amt, mit- und vorzuarbeiten den Organisationen, den neuen Einrichtungen und Staatsformen! […] Eine freie Presse ist ein Aufruf an die Feder, nicht sich auszuruhen, sondern ihre Anstrengung zu verdoppeln.
Weit ist das Feld, wollt’ ich beginnen von Dem, was nun durch unsere errungene persönliche Freiheit zu erwirken ist. Die Welt raucht, hie und da steht sie schon in Flammen. Jeder Tag erschwert die Aufgabe des Löschens, denn immer neuer Zündstoff wird in die Glut geworfen und Tage, Stunden sogar, verändern die Gesichtspunkte. […]
Verliert über allen diesen gemeinsamen Fragen Eure nächste Aufgabe nicht! Duldet nicht, dass man von Versöhnung spricht, ehe Gerechtigkeit geworden! […] Ihr wollt Zeit für Eure Trauer, Zeit für Eure Vergebung. Was Berlin erlebt hat, das ist so denkwürdig in seinem innersten Gehalt, dass dieses sich auf die ganze Gesinnung der Stadt, des Landes ausdehnen muss. Verachtet die, welche zu früh den Takt anschlagen, dass Ihr fröhlich sein und tanzen sollt! Seid stolz auf diesen Ernst der Gemüter. Wahrlich, er tat Not in einer Stadt, die die erste Deutschlands sein sollte und so zerstreut in ihren Gesinnungen, so spielend und gedankenlos in ihrer Anteilnahme am großen Ganzen war! Und wenn Euch Lauheit überkommt, Sophisten und faselnde Witzlinge Euch ernüchtern wollen, so wallfahrtet hinaus in jenen Hain, wo, Euch erhebend und zu Taten mahnend, Eure unvergesslichen Toten ruhen!
Man wählte den Erzherzog Johann von Österreich. Im Grunde ist die Frage nach der persönlichen Befähigung dieses erlauchten Herrn, einen so schwierigen Posten zu behaupten, unwesentlich. Er sollte nur als Repräsentant dienen. Er sollte jenes Fähnlein sein, das man auf einem vermessenen Felde aufsteckt zum Zeichen, hier werde künftig ein Haus stehen oder eine Eisenbahn sich schlängeln. Das deutsche Volk fand an den biografischen Lebensmomenten dieses Fürsten Gefallen. Erzherzog Johann kann sich bei seiner Frau bedanken; die Postillionsstiefel der Postmeistertochter haben ihm mehr genützt als das Goldene Vlies seiner Ahnen. Selbst die Handwerksleute und Arbeiter, voll von der sozialen Frage, riefen ja: „Der weiß, wie dem gemeinen Mann zumute ist!“ Bedenklich waren freilich die vielen verlorenen Schlachten dieses ehemaligen Feldherrn, die Charakterzüge von Trotz und Eigenwillen, die man aus den Denkwürdigkeiten seines Bruders, des Erzherzogs Karl, nachweisen wollte; ja sein Exil im Steierland verlor viel vom Nimbus der Märtyrerschaft, wenn man sich dachte, ein eigentlich nicht verbannter, sondern nur von Eifersucht und dem Misstrauen des kaiserlichen Bruders gefürchteter Prinz entschlägt sich so ganz der Schicksale Österreichs, dass er seinen Kohl und seinen Rübenacker pflanzt und Metternich und die Jesuiten herrschen lässt, wie sie herrschen…
Mitnichten ist der Erzherzog Johann von Österreich die harmlose Persönlichkeit, die man sich in ihm vorstellte. Er kam nicht von seinem Meierhofe nach Frankfurt, sondern aus den kaiserlichen Gemächern der Wiener Hofburg. Er hatte seit dem März an den Schicksalen seines Vaterlandes den lebhaftesten Anteil genommen, und wer wollte ihm verdenken, dass er die Liebe für den Ruhm und die Größe seines Hauses mit nach Frankfurt bringt! […] Von einer eigentlichen volksfreundlichen, demokratischen und liberalen Gesinnung des Reichsverwesers ist noch nichts verlautet. Man kann versichert sein, dass er sämtlichen Monarchen Deutschlands im Stillen gesagt haben wird: „Erkennt mich nur als Bürgschaft der Ruhe und Ordnung Deutschlands an! Ich kann keine Erbmonarchie begründen, das wisst ihr ja; ich werde nirgendwo eure Rechte beeinträchtigen. Das deutsche Volk ist nun einmal aufgeregt, es will eine gewisse Kraft entwickeln. Bringt dieser Idee das Opfer, zuweilen etwas auszuführen, was ich euch auftragen werde! Die Hauptsache ist die Wiederherstellung der Sicherheit jedes Fürsten auf seinem Throne, Verbrüderung mit dem besseren Teile eurer Untertanen, allmähliche Vernichtung der republikanischen Ideen. In diesen Zwecken sind wir uns einig, folglich sind wir geborene Bundesgenossen.“ Aus einem solchen Geiste, dessen Sprache ihr doch auch wohl mit seinem Ohre gehört habt, mein ich, wird für Deutschland nicht viel Großes entstehen. Das Wahre davon hätte Herr von Gagern auch ausführen können, und dass es von einem Fürsten geschehen soll, ist gerade sehr schlimm; denn es ist der erste Schritt zur Reaktion.
Die neure preußische Geschichte ist reich an Aktenstücken, deren ein Volk, das der Freiheit würdig sein will, sich zu schämen hat. Von des Herrn von Rochow Erlass an den „beschränkten Untertanenverstand“ der Elbinger bis zu den neuesten Adressen der reaktionären Vereine und Danksagungen städtischer Körperschaften reiht sich eine ununterbrochene Folge von Kundgebungen eines angeboren scheinenden Knechtsinnes, der mit den Tatsachen, die in Preußen jetzt als öffentliche gelten sollen, im offensten Widerspruche steht. Ein Volk, vor dem man so schmeicheln, so danken, so sich verwahren darf, wie es täglich in den preußischen Zeitungen zu lesen, zeigt sich in der ersten Kindheit seines politischen Lebens und kann allerdings die Freiheit nicht anders als oktroyiert, d. h. zu Weihnachten geschenkt erhalten.
Auch das durch eine öffentliche Zuschrift seines Chefs kundgegebene Benehmen des höchsten Gerichtshofes im Lande gegen eines seiner Mitglieder ist ein denkwürdiges Beispiel jenes öffentlichen Geistes, nach welchem künftige Geschichtsschreiber die vormärzliche Periode dieses Landes beurteilen können. Ein Kollege will sich wieder nach langer Unterbrechung auf den Sessel seiner gewohnten Berufstätigkeit niederlassen. Er kommt aus einem anstrengenden Kampfe, zu dem ihn nicht eignes Gelüst, sondern der Ruf seiner Mitbürger aufgefordert hatte. Er kommt erschöpft, ermüdet, bestäubt von seinen Bemühungen, auf der großen Landstraße des Lebens die Wahrheit zu verfechten, die ihm als die einzige aufgegangen. Er mochte in den Augen Andersdenkender geirrt haben, aber diese, wenn sie seine Kollegen waren, mussten fühlen, dass sie ihrerseits in dieser Zeit nur die bequeme Mühe des Zuschauens gehabt hatten und ohne Versuchung und Anfechtung ihres innersten Menschen geblieben waren. Sie hatten mindestens den Ernst, die Mühe, die Aufgabe des Mannes zu ehren, der zu ihnen zurückkehrte. Sie konnten ihn schweigend empfangen, sie konnten die streitigen Punkte, die ihre Meinung von der seinigen trennten, mit Stillschweigen übergehen und ihn das sein lassen, was er war ohne sie und was er bleibt trotz ihrer. Priester, in diesem Falle sogar Hohepriester des Rechts, sollten sich für viel zu sehr geweiht halten, als dass durch irgendein Vorkommnis ihr eigentlicher Wert verloren gehen könnte, wie in der katholischen Kirche selbst der Geistliche, der ein Verbrechen beging, erst förmlich entweiht werden muss, ehe er irgendetwas von seiner priesterlichen Kraft und Würde verliert. Weiterlesen
Aber was Verbrechen! Was Entweihung! Diese Kollegen denken so gering von ihrer eignen Würde, dass sie diese im Andern beleidigen. Sie fühlen nicht, wie sehr sie sich jenes Glanzes entkleiden, der sie bisher wie ein undurchdringlicher Strahlenschleier umfloss. Sie nehmen Partei! Sie kümmern sich um das Ziel einer parlamentarischen Strömung, die sie an der Quelle nicht kennen lernten und deren Lauterkeit zu prüfen sie zur Stunde noch nicht aufgefordert worden sind. Sie verraten der geängstigten und zweifelnden Nation, dass sie, die Areopagiten eines obersten Gerichtshofes, sie, die Beisitzer der letzten Zufluchtsstätte Recht suchender Kränkungen, sich in die Strudel des Tages werfen, Meinungen haben statt Erkenntnisse, Zeitungen lesen statt Gesetzbücher, Partei nehmen für die Machthaber statt die Stimme der Unterdrückten zu hören. Es ist unwiderleglich, dass dies Benehmen des Obertribunals gegen eines seiner Mitglieder das Vertrauen auf die Selbstständigkeit und Unparteilichkeit des preußischen Richterstandes aufs Tiefste erschüttert, abgesehen davon, dass man in ihm einen Mangel an Urbanität und weltmännischer Conduite erkennen muss, den man in ähnlichem Falle z. B. in Frankreich niemals angetroffen haben würde, selbst in den schlechtesten Zeiten nicht, als ein Villèle und Polignac regierten.
Mit dem Einspruch eines Oberlandesgerichts gegen Herrn von Kirchmann hat es eine gleiche Bewandtnis. Wie können diese Herren in Ratibor sich ein Urteil über die Eventualitäten eines parlamentarischen Lebens erlauben, dessen Bedingungen und innere Vorkommnisse sie nicht kennen! Selbst in Ratibor sollte man doch wissen, dass die Politik, die auf der Oberfläche der Zeitungen so in die Studierstuben zuschwimmt, nur der obere, von der Welle rasch fortgetriebene Schaum der Ufer- und Klippenbrandung ist. Mögen diese Herren nach Sanssouci gehen und sich überzeugen, dass über die Gestaltung Deutschlands, Polens, Italiens dort in Möglichkeiten und Kombinationen gesprochen wird, von denen sich die Jurisprudenz von Ratibor noch nichts hat träumen lassen. Dass Herr Bassermann solche Möglichkeiten des 9. November, wie sie ihm konfidentiell und gesprächsweise auf einem Privatzimmer in Berlin mitgeteilt wurden, im Frankfurter Parlamente offen ausplauderte und Namen nannte, beweist nur das taktlose Ungeschick eines Mannes, der in den kleinen Verhältnissen des badischen Staates Fraubaserei für Politik zu halten lernte, nicht im Geringsten aber etwas Bedenkliches für einen Politiker, der sich auf dem Terrain der Tatsachen bewegte. Noble Männer, Männer von Takt und jener freien Ehrenhaftigkeit, die Ihr Alle besaßt, als Ihr noch Auskultatoren und Referendaren waret, würden Herrn v. Kirchmann bedauert haben, dass seine vom kritischen Augenblick bedingte und gedrängte Darstellung leicht möglicher Eventualitäten an einen so taktlosen politischen Stümper geraten musste. Dass Ihr nun auf eine solche Perfidie hin oder wenn man will, eine solche sentimentale Albernheit Herrn v. Kirchmann desavouiert, beweist nur, wie sehr Ihr von den noblen Auffassungen Eurer Jugend zurückgekommen seid und Euch mit traurigster Servilität unterm Kreuz des Staatsdienstes krümmen gelernt habt.
Es hat aber Wahrscheinlichkeit für sich, dass es mit Euern Adressen so gegangen ist, wie vor einigen Jahren mit der Berliner Akademie der Wissenschaften, als diese hochgelehrte Körperschaft dem Mitglied v. Raumer ein öffentliches Dementi gab. Ein Mitunterzeichner des damals erlassenen Briefes an den König, den Herr v. Raumer beleidigt haben sollte – sein späteres und jetziges Verhalten ist sehr reuevoll – ein Mitunterzeichner erklärte in diesem März, ein solcher Brief hätte damals sich von selbst verstanden, er wäre eine bloße formelle, innerhalb der Monarchie von dieser selbst prinzipiell vorausgesetzte Schicklichkeit gewesen und man hätte unterzeichnet, ohne den Brief gelesen zu haben! Diese für die Zeit des Militärstaates und des Absolutismus sich von selbst verstehende Niedrigkeit der Gesinnung sollte aber doch in einer konstitutionellen Regierungsform aufhören. Es sollte nicht mehr möglich sein, dass man solche Adressen von obenher zugesandt erhält und sie aus Furcht und Sorge für das leibliche Wohl unterschreibt.
Preußens Geschick scheint durch die deutsche Frage in eine neue große Phase einzutreten. Glaubt aber nicht, dass der tiefe Riss des Misstrauens, den die Hegemonie der preußischen Krone im deutschen Volke hervorrufen dürfte, je ausgefüllt werden wird, so lange diese Kundgebungen des altpreußischen Knechtssinnes fortfahren. Von der Agitation für die Republik bis zu solchem Rückfall in den alten „beschränkten Untertanenverstand“ gibt es soviel Mittelstufen für eine vernünftig gehaltene Meinungsäußerung, die Männern ziemt, dass Preußen wohl auf der Hut sein möge, sich auch wegen seiner inneren Vorzüge das zu erwerben, was ihm wegen seiner äußern jetzt vielleicht ein günstiger Zufall schenkt. Denn nicht diejenige Hegemonie wird lebensfähig sein, die nur das preußische Martialgesetz über Deutschland ausbreiten wird, sondern die, welche sich geistig und innerlich frei geworden dem Geiste und der Freiheit des übrigen Deutschland assimilieren kann. Die Herren v. Gagern mögen in ihrer Frankfurter Schmiede Preußen und Deutschland zusammenschweißen, die Fürsten sich in diesem eisernen Ringe der Einigung vorläufig sicherer fühlen, das deutsche Volk ist für dieses furchtbar gewagte Experiment nur dann zu gewinnen, wenn ihm dasjenige Preußen die Hand reicht, das am 9. November durch passiven Widerstand nicht einen Beweis, wie König Friedrich Wilhelm den Breslauern sagte, von Feigheit, sondern von einer wahrhaft königlichen Tugend, der Selbstbeherrschung, gab. Durch die Wahlen wird das Land sprechen. Kanonen sind die Waffen der Könige. Wahlen sind die friedlicheren Waffen der Völker.
Geehrter Herr!
Man hat den Unterzeichneten in Kenntnis gesetzt, dass Sie auf den politischen Geist Ihres Wohnortes von nicht geringem Einfluss sind. Wenn Sie sich an dem Komitee beteiligt haben, das für Ihren und die umliegenden Kreise zur Wahlbewegung auffordert, so werden Sie vielleicht schon wissen, dass sich der Unterzeichnete für die Zweite Kammer angeboten hat. Über alles Persönliche verweise ich Sie deshalb auf meine Eingabe, einige anliegende Dokumente meiner Gesinnung, einige Andeutungen meiner Auffassung der schwebenden preußischen Streitfrage. Ich wiederhole, dass ich durch einen vom 17. Dezember vorigen Jahres ausgestellten Heimatsschein für fernere drei Jahre preußischer Untertan, also wählbar bin.
Ich bin kein Kommunist, kein Anarchist. Ich würde mich in eine Republik finden können, wenn eine solche durch ein Geschick des Himmels verhängt würde. Eine Republik herbeiführen wollen, ist kein Werk künstlicher Agitation. Ich bin Demokrat in dem Sinne, dass mir der Staat und seine Form nur des Volkes wegen da ist. Ich anerkenne nur das Recht der Könige, das ihnen die Rücksicht für das Wohl aller übertragen hat. Die preußische Dynastie leidet noch zu sehr an der Selbstüberhebung der Eitelkeit, am Stolz angeborener Einbildungen. Diese sind zu bekämpfen, diesen gegenüber ist das freie Bürgerbewusstsein mit edlem Mute aufrecht zu erhalten, mit aller Entsagung geltend zu machen. Doch wollen wir uns hüten, den preußischen Staat gerade jetzt, wo er Deutschland und der Welt gegenüber eine so große Aufgabe zu lösen hat, innerlich zu schwächen. Der Prinzipienstreit darf das Gewicht nicht schmälern, mit welchem Preußen seinen Einfluss, seine Geltung in die Waagschale der Entscheidung zu legen hat. Deshalb bin ich nicht dafür, dass die neuen Vertreter mit zuviel Leidenschaft an dasjenige Werk anknüpfen sollen, das am 9. November in Berlin stehen geblieben ist. Eine großartige Satisfaktion muss der intelligente Teil unsers Vaterlandes den Deputierten geben, die nach dem 9. November unter den Bajonetten fortzutagen wagten – das ist Ehrenpflicht, der jämmerlichen reaktionären Wühlerei gegenüber – aber eine Persönlichkeitsfrage darf die allgemeine Sache des Landes nicht werden. Die Krone soll erfahren, dass sie Unrecht getan hat die eben erst grünenden Keime eines neuen aus der Märzrevolution hervorblühenden Rechtes, das Recht der Vereinbarung, zertreten zu haben. Sie soll wissen, dass sie die Gefahren vergrößerte, die Unfreiheit der Versammlung in Berlin übertrieb, nur um ihre alte einseitige Kraft zu zeigen und dem Soldatengeiste, der nach Wiedereinsetzung in seine alte Herrlichkeit verlangte, eine Genugtuung zu geben. Die oktroyierte Verfassung soll uns als ein Zugeständnis willkommen sein, keineswegs aber als ein Gesetz. […]
Ich habe achtzehn Jahre unabhängig gelebt, ich habe keinen andern Ehrgeiz, als die Wahrheit zu befördern. Ich gehe ruhig meinen Weg, aber ich gehe ihn fest und unerschrocken. Ich fühle mehr für die Niedrigen als für die Hohen, ich gestehe, dass ich den Übermut der letzteren hasse, ebenso wie ich mich nimmermehr unterfangen würde, von unsrer irdischen Bestimmung zu sagen, sie könne eine ganz vollkommene werden. Man soll dem Armen Hilfe geben, aber nicht mit Glückseligkeiten quälen, die keine menschliche Hand beschaffen kann.
Ich glühe für die großen und schönen Zwecke des Lebens, für Freiheit, Vaterland, für Aufklärung, für allgemeine Bildung. Was diesen Zwecken im Wege steht, ist mir verhasst, und nimmer würd’ ich ruhen, es zu verfolgen. Aber ich prüfe gern, ich höre gern beide Ansichten, ich urteile erst, wenn ich die Tatsachen übersehen habe. Vielleicht gibt mir diese Stimmung Beruf zum Gesetzgeber, Beruf zum Anwalt des Volkes; denn das Volk ist eben der Ausdruck der widerstreitendsten Interessen.
Hätt’ ich die Garantie, dass in den oben genannten Wahlkreisen eine Zahl Stimmen entschieden geneigt wäre, auf mich zu reflektieren, so käme ich und redete, wie mir ums Herz ist. Lieber freilich wäre mirs, ich fände schon vorher so viel Vertrauen, dass ich erst käme, wenn ich gewählt wäre, und dann jedes braven Mannes, der sich mir vertrauen will, Sache und Anliegenheit zur meinigen machte, hörte und forschte, was von Lokalbedürfnissen, Lokalbeschwerden Berücksichtigung verlangen darf. Antworten Sie mir hierüber, geehrter Herr, gefälligst in kürzester Zeit! Auch diesen Brief mögen Sie als einen offenen betrachten und ihn jedem zeigen, der sich über mich genauer unterrichten möchte, auch drucken und verteilen lassen, wenn Sie wollen. […]
Ich lese irgendwo:
„Die Badener Bluturteile rühren Niemanden, sie sind verdient, sie erregen nicht einmal Interesse, es sterben dort nur die Nachzügler der Bewegung, keine Vorläufer, ebenso wie die Wiedertäufer nur Nachzügler der Reformation waren; ihr Blut wird keine neuen Saaten düngen. Die Trauerbilder um Kinkel mögen in künftiger Zeit die elegische Literatur bereichern, in der politischen Atmosphäre von heut verhallen sie.“¹
Ich gestehe, dass mir die Sprache des Blasé in der Politik die widerlichste ist. Er selbst ist erschöpft, darum soll es die Geschichte auch sein? Ihm selbst schwinden seine Anknüpfungen, seine Standpunkte werden unsicher, so ergreift er die Flucht und leugnet deshalb die Erscheinungen, weil er sie nicht mehr sehen will? Freilich wohl, die Erscheinungen fangen an, auf neue Wurzeln hinzuweisen! Von der Oberfläche wird man bald nichts mehr abschöpfen können, um täglich seinen Leitartikel für eine Zeitung zu schreiben. Diese Zeit fängt an eisern zu werden und erfordert Männer. Da soll sich ein solcher blasierter Publizist auf seine Ottomane werfen dürfen? Die Feder bleibt ihm in der schreckgelähmten Hand! Er soll jetzt aufflammen mit neuen Ratschlägen, er soll der hoffenden, zagenden, verzweifelnden Menschheit einen Lichtschimmer durch die dunkle Gegenwart in die Zukunft zeigen. Der Trommelwirbel der Hinrichtungen dringt an sein Ohr und von Entsetzen ergriffen schreibt er:
„Die Bewegung hat sich überlebt, kein Mitleid, keine Trane, höchstens eine Bereicherung der künftigen elegischen Literatur!“
1 Augsburger Allgemeine Zeitung, 1849, Nr. 226.
O, ich glaube nicht, dass dieser Sprecher, der mit den Trauerweiden der Gegenwart wenigstens den Park der elegischen Literatur der Zukunft geziert sieht, zu den Seelen gehört, die Schiller Lavendelseelen nannte. Unsere Zeit kann keine Lavendelseelen mehr haben. Unmöglich! Wir haben zu Vieles erlebt. Zu wild stürmte es durch die große Windharfe der Zeit. Wer will fliehen? Wer will nicht sagen, dass mit dem Trommelwirbel der Hinrichtungen eine ganz neue Melodie in unsere gegenwärtige Bewegung kommt? Es mag still werden, einsam, schauerlich still, so gespenstisch, wie es morgens vier Uhr da drüben in Rastatt gewesen sein mochte, als zwischen dem Knall der Büchsen nur die Hähne der Frühe krähten; aber diese Stille im deutschen politischen Leben scheint mir viel bedenklicher, als der frühere schwatzhafte Lärm der Berliner und Wiener Straßenbewegung. Es ist eine Stille, die jenen Blase zum Nachdenken hätte auffordern sollen, wenigstens zur aufrichtigen Beantwortung der Frage: Ob wir jetzt wohl in der rechten Erkenntnis sind, Deutschland zur Ruhe und zur Einheit zu führen?
[…] Ehre Dem, der den Mut behielt, dem Zeitgeist Rede zu stehen und im Chor der hunderttausend Narren die Schellenkappe seiner Überzeugung, wenigstens nicht die Nachtmütze der Resignation, über das Ohr zu ziehen. […]
Der blasierte Publizist erklärt die Demokratie für erschöpft, für erloschen und bewundert nur noch die schnelle, zauberhafte Entwickelung militärischer Kräfte, die uns so imposante kriegerische Schauspiele aufgeführt haben. Wer kann allerdings die Demokratie nach der Art, wie sie sich toll genug gebärdete, als ein Dauerberechtigtes anerkennen? Wenn sich aber eine Idee von ihren Schlacken reinigt, ist sie darum erloschen? […] Gerade jetzt, im Angesicht des Treubundes, im Angesicht des gedankenlosen Rückfalls in den alten beschränkten Untertanenverstand und die alte soldatische und bürgerliche Sondereitelkeit der Stämme, beginnt die schöne Aufgabe eines freien und selbständigen Publizisten. Wer jetzt ausruft: Alles ist verloren, Alles ist eitel, und sich die Dinge gefallen lässt, wie sie sind, der war entweder nicht berufen, während des allgemeinen allerdings wüsten Lärmes mitzusprechen und der Nation eine Beachtung seiner Meinung zuzumuten, oder er hat sich für immer eine zu große, zu schwere Aufgabe auf seine schwachen Schultern geladen.
Die Demokratie war leider fast überall eine in den Märztagen zu rasch aufgeschossene Wucherpflanze. Berlin war im März 1848 völlig unreif, Politik zu treiben. Die Beamten sogar wurden dort demokratisch, weil es ihnen der König zu werden schien. Man gab von obenher Zugeständnisse an einen Geist, der nach unten hin mit solchen Forderungen gar nicht vorhanden war. Die Minister und Ratgeber des Königs verrieten sehr wohl, dass sie die französischen Ideen kannten, sie von geheimen Umtrieben auf Schulen und Universitäten wussten, sie die verbotenen Zeitungen gelesen hatten, und bewilligten Dinge, die man im Volk kaum dem Namen nach kannte. Da kam denn eine demokratische Gärung zu Stande, deren traurigen Niederschlag wir jetzt sehen […].Als wir die Zensur hatten, durften wir denn da die Feder aus der Hand legen? Konnten wir denn damals sagen: Wir schweigen, bis wir Pressefreiheit haben? Und wenn die Reaktion die Pressefreiheit genommen haben wird, werden wir da wirklich auch verstummen und uns der Presse für unsere Meinungen nicht mehr bedienen?
Wir wissen nicht, bis wie weit die Reaktion gehen wird. Eine Reaktion gibt es, die gerechtfertigt und natürlich ist. Es ist dies die Reaktion der im Kreise, aber aufwärts gehenden Spirallinie. Jedes ausgetretene Wasser kehrt naturgemäß in sein Bett zurück. Noch keine Idee hat die Welt im ersten Anlauf umgestalten können. Wer Staatsmann war in diesen letzten beiden Jahren hatte unverkennbar die Pflicht, diese natürliche Reaktion anzubahnen, die eben darin besteht, dass man mit der Gesellschaft und ihrer nächsten Ordnung keinen andauernden Zustand des Experimentes dulden kann. Ob aber für die Reaktion, die über dies natürliche Maß noch hinaus will und sich einbildet, die Februarrevolution und ihre Folgen wären das Werk eines Versehens, eines tollen unbegründeten Missverständnisses gewesen, ob für diese Reaktion die wilde geballte Faust des Jahres 1849 nur das ohnmächtige Höhnen der Nachzügler gewesen, muss die Zukunft lehren. Der Anwalt der großen Zeitfrage darf nicht vor dem furchtsam zusammen schrecken, was allerdings das Menschenherz erzittern lässt. Er muss das Schreckliche prüfen, nicht mit dem Riechfläschchen fliehen und in der eigenen Ohnmacht, die ihn wohl bei dem Rückblick auf das schreckensvolle Jahr 1849 befallen kann, auch die Ohnmacht eines Prinzips sehen. […]
Ritter vom Geiste sind Mitglieder eines geheimen Bundes, den ich lieber Brüder vom Geiste nennen würde, wenn ich nicht streitbare gewaffnete Brüder begehrte. Ich will einen Bund von Männern, die ihr Leben, ihre nächsten und entfernten Pflichten nur auf ein Ziel beziehen, den endlichen Sieg von Wahrheiten, die leider noch immer in Frage stehen, noch immer von Willkür beanstandet werden. [...] Die Wahrheiten liegen auf der Hand; aber Tausende entziehen sich ihnen! Die Blätter der Geschichte sind aufgeschlagen. Man will sie nicht lesen. Wir wissen, wohin die Menschheit steuert, und stecken falsche Flaggen, falsche Leuchtflammen auf. Oder sollte es so schwer sein, das Wesen der Gesinnung auf einige große Wahrheiten zu abstrahieren, die feststehen, wie den Völkern Jahrhunderte lang die Wahrheiten der Bibel feststanden? Es mögen nur wenige Sätze sein. Aber einige Tausend Menschen in allen Teilen der Erde auf diese wenigen Sätze in Eid und Pflicht genommen, macht, dass gewisse Gebäude umstürzen wie Aschenhaufen, zerreißt dichte Vorhänge wie Spinnweben, lockert die Lüge von selber ohne Handanrühren. Jetzt gewinnt man plötzlich Menschen, die sonst ruhten, für die Arbeit des Geistes. Jetzt sieht man Kämpfer, die kämpfen müssen aus Ehrgefühl! Jetzt wird es heißen: Nicht mehr beten für die gute Sache sollt Ihr, sondern auch arbeiten für sie!
[...]
Der Katechismus der Grundwahrheiten des neunzehnten Jahrhunderts ist so groß nicht. Man hat über des deutschen Volkes Grundrechte sich geeinigt, man hat einst in Frankreich die Menschenrechte zusammengefasst, als die Revolution dort noch gehalten und eine historische Offenbarung war. Die Grundrechte aller Völker sind den Rittern vom Geiste Grundpflichten. In schwierigen Dilemmen, die eine Tagesfrage wohl veranlassen könnte, würde unbedingter Gehorsam gegen die Vorschriften des höchsten Ordens-Kapitels unerlässlich sein.
1 Dankmar Wildungen hält im Kreis von Gesinnungsfreunden eine Rede zur Gründung eines Geheimbundes, der „Ritter vom Geiste“.
Haben sie dich gemordet, Karl? Dich nun auch, wie so Viele, die in den zwei Jahren² hingingen? Bist auch gefallen, wie schon die Tausend?
Mamsell! sagte Mullrich, gehen Sie nach Hause!
Lügt Ihr Menschen? fuhr sie fort, versteckt Ihr Euch hinter Eurer Furcht! Ihr Alle zittert und bebt vor dem Fluch, der über uns gekommen ist! Was haben wir Armen?
Geht, geht, Mamsell! drängte Kümmerlein...
Die Halle füllte sich von Menschen...
Die Kinder und die Alten, fuhr Louise mit bitterster, aus ihrem Innersten hervorbrechender Wehklage fort, die Kinder und die Alten holt die Krankheit, die uns Arme dahinrafft, die Jungen, unsre Brüder und Söhne, trifft die Kugel...
Laßt’s jetzt gut sein! sagte Mullrich. Geht Kinder, geht nach Hause!
[...]
Auf die Straße will ich, rief Louise, auf dem Markt will ich ausschreien: Rache! Rache! Ihr habt meinen Bruder gemordet! Was tat er Euch?
Man wollte das Mädchen mit Gewalt hinausführen. [...] Das aus der Halle getriebene Volk mehrte sich nun draußen zu dichten Haufen am Eingang...
Lasst mich! schrie Louise und warf sich wieder auf den Bruder. Karl! Nicht einmal eine arme Hütte haben wir, in die wir dich tragen dürfen, wo du drei Tage bei uns bleibst, bis sie dich unter die Erde holen! [...] An deine Grube sollen die Freunde treten, die freie Gemeinde soll singen, der Prediger reden und die Frauen werden Blumen bringen!
[...]
Und wenn Ihr Euch rüstet mit Kanonen und Mordfackeln gegen Weiber und arme Kinder! rief sie. Euer Tag wird hereinbrechen! Eure Haare sind gezählt, nicht bloß von Gott, auch von uns! [...] Eure kostbaren Gewänder werden Euch wie Spinnweben zerrissen werden und Euer Purpur wird Euch von den Schultern fallen! Auch unser Gott ist langmütig, aber sein Gericht wird schrecklich sein, Ihr Tyrannen, Meineidigen, Gottesleugner!
1 Die Arbeiterin Louise Eisold findet ihren sechzehnjährigen Bruder Karl, einen Arbeiter in der Willingschen Maschinenfabrik (Vorlage hierzu bildeten die Berliner Borsig-Werke), erschossen auf. Er hatte an einer Versammlung des Maschinenbauervereins teilgenommen, die auf Regierungsbefehl gesprengt wurde. Louises Rede vor Zuschauern, in der sie die Opfer der Märzrevolution in Erinnerung ruft, wird von Polizeidienern unterbrochen, die die Menge zu zerstreuen versuchen. Als Anhängerin der „freien Gemeinde“ von Deutschkatholiken prophezeit Louise göttliche Rache an den Besitzenden.
2 1848 und 1849
Wally, die Zweiflerin, Mannheim 1835.
Die Zeitgenossen, 2 Bände, 1837.
Uriel Acosta, 1846.
Der Königsleutnant. Dramatisches Zeitgemälde aus Goethe’s Jugend in fünf Auszügen, 1849/52.
Die Ritter vom Geiste, 9 Bände, Leipzig 1850/51.
Der Zauberer von Rom, 9 Bände, Leipzig 1858/61.
Rückblicke auf mein Leben, Berlin 1875.
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KARL GUTZKOW
Abb.: Österreichische Nationalbibliothek
„Was Religion! Was Weltschöpfung! Was Unsterblichkeit! Rot oder blau zum Kleide, das ist die Frage.“ – Karl Gutzkows Roman über die mondäne und emanzipierte „Wally“, erschienen 1835, wird von den Kritikern als religionsfeindlich und blasphemisch verrissen. Verrisse, die die deutsche Literaturgeschichte verändern, denn sie sind der Beginn der politischen Verfolgung des „Jungen Deutschlands“, einer literarischen Gruppierung junger Dichter im Vormärz, zu denen neben Gutzkow auch Heinrich Heine zählt, und die sich für Demokratie und Freiheitsrechte einsetzen. Ihre Schriften werden im Deutschen Bund verboten, Gutzkow wird inhaftiert.
Seine Werke und sein politisches Denken sind geprägt von der Arbeit des Vaters in den Stallungen des Prinzen Wilhelm von Preußen, in ständiger Abhängigkeit durch die Aristokratie. In seinen Texten anlässlich der 1848er-Revolution fordert er Selbstemanzipation der Bevölkerung, für Freiheit und Volkssouveränität. Im Zuge der Revolution kandidiert er selbst, ergebnislos, für ein politisches Amt. Fortan widmet er sich weiter der Schriftstellerei und hinterlässt eine große Anzahl an Novellen, Romanen und Theaterstücken, die bis ins 20. Jahrhundert hinein adaptiert und aufgeführt werden, heute aber in Vergessenheit geraten sind.
Geburt am 17. März in Berlin als jüngstes von drei Kindern im alten Akademiekarree, das heute die Berliner Staatsbibliothek beherbergt. Gutzkow wächst unter ärmlichen, kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Sein Vater arbeitete für Prinz Wilhelm von Preußen als Pferdewart.
Gutzkow beginnt sein Studium an der Universität Berlin in den Fächern Philologie, Philosophie, Theologie und Rechtswissenschaften. Auch an den Universitäten Heidelberg und München wird er studieren. Ab 1932 promoviert er an der Universität Jena.
Unter dem Titel „Aus dem Tagebuche und Leben eines Subrektors“ erscheint Gutzkows erste Novelle.
Am Tag als die Nachrichten der Julirevolution in Paris Berlin erreichen (3. August), erhält Gutzkow eine Auszeichnung für seine akademische Arbeit „De diis fatalibus“. Überreicht wird der Preis von dem Berliner Philosophen und Universitätsrektor Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Die Julirevolution beeinflusst Gutzkows zukünftiges Leben und Schaffen.
Der bekannte Literaturkritiker Wolfgang Menzel schreibt einen Verriss über Gutzkows kürzlich erschienen Roman „Wally die Zweiflerin“. Der Verriss ist der Beginn eines politischen Feldzugs gegen Gutzkow und die „unmoralische Literatur“ des „Jungen Deutschlands“. Alle geschriebenen und zukünftigen Schriften von Gutzkow werden in Preußen verboten, er wird inhaftiert und im Februar 1836 aus Baden abgeschoben.
Anonym arbeitet Gutzkow für den Frankfurter Telegraph (später Telegraph für Deutschland), einer Kulturzeitschrift, an der viele vormärzliche Schriftsteller wie Friedrich Engels oder Georg Herwegh mitwirkten. Im Laufe der nächsten Jahre überwirft sich Gutzkow mit einigen der anderen jungdeutschen Schriftsteller wie Heinrich Heine, behält aber seine liberalen und reformatorischen Überzeugungen.
Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. hebt die Zensurverfügung gegen Gutzkow auf.
Gutzkow wird bis 1849 Dramaturg am Königlichen Theater Dresden.
Gutzkow erlebt den die Revolution in Berlin und den Maiaufstand in Dresden. Seine angestrebte Aufstellung als Wahlkandidat für die 2. Preußische Kammer in Berlin für einen niederschlesischen Wahlkreis kommt nicht zustande, weil ein einheimischer Kandidat bevorzugt wird.
Gutzkow ist Mitbegründer der Deutschen Schillerstiftung.
Nach einem Selbstmordversuch verbringt Gutzkow das Jahr in der Heilanstalt St. Gilgenberg bei Bayreuth.
Gutzkow verstirbt am 16. Dezember in Frankfurt a.M. / Sachsenhausen bei einem Schwelbrand in seinem Schlafzimmer. Er wird auf dem Frankfurter Stadtfriedhof beigesetzt.
Martina Lauster
Karl Gutzkow (1811-1878): Der einstige Stimmführer des ,Jungen Deutschland‘, der seine Fürsprache für religiöse und moralische Freiheit und seinen daraus erwachsenen Roman Wally, die Zweiflerin (1835) mit Gefängnishaft und Verbot seiner Schriften büßen musste, wandelte sich ab 1839 zum Autor für eine zeitgemäße deutsche Bühne. Im politisch aufgeheizten Klima der 1840er Jahre erwarb er sich einen Ruf als Dramatiker und wurde 1846/47 zum Dramaturgen des renommierten Dresdener Hoftheaters. Gutzkow brachte Stoffe, die zehn Jahre zuvor gewagt und avantgardistisch gewesen waren, einem stetig wachsenden städtischen Theaterpublikum nahe.
Sein im Dezember 1846 in Dresden uraufgeführtes Trauerspiel Uriel Acosta ging auf seine Erzählung Der Sadducäer von Amsterdam (1834) zurück, in der er die Kämpfe eines jüdischen Freidenkers aus dem 17. Jahrhundert zum Thema machte. Als Vormärzstück in der Tradition von Lessings Nathan wurde der Acosta ungleich kämpferischer. Gutzkow schien die Rolle von Frauen auf den Barrikaden vorwegzunehmen, indem er die Verlobte Acostas, Judith, als Streiterin für Gewissens- und Religionsfreiheit zur Seite ihres Geliebten treten ließ. In der Erzählung versagte die Frau daran, Acosta furchtlos zu unterstützen, im Drama proklamiert sie jedoch öffentlich in seinem Sinne die Religion der Liebe gegen die Autorität der Synagoge. Dass Judith letztlich nicht nach ihren Worten handeln kann, und dass auch Acosta scheitert, gibt beiden tragische Kraft. Ab 1847 zog Uriel Acosta im Triumph über deutsche Bühnen; das Stück sprach besonders das jüdische Publikum an und wurde bis ins 20. Jahrhundert gespielt. Weiterlesen
Die Pariser Revolution im Februar 1848, bei der der „Bürgerkönig“ Louis Philippe stürzte, veranlasste Gutzkow, sich von seinen dramaturgischen Aufgaben auf vier Wochen beurlauben zu lassen. Erst wollte er nach Paris reisen, um die Umwälzung vor Ort mitzuerleben, dann entschied er sich jedoch für seine Heimatstadt Berlin, wo die revolutionären Ereignisse, die sich über Europa ausbreiteten, am 18. und 19. März „in überraschendster Weise zum Ausbruch“ kamen.1
Aus seinen Erlebnissen der Berliner Märzrevolution hätte Gutzkow eine Tragödie machen können. Er und seine Frau Amalie wurden Zeugen eines noch nie dagewesenen Aufstands preußischer Untertanen gegen ihr absolutistisches System. Das plebejische Berlin revoltierte gegen das, was Preußen ausmachte: den Apparat aus Regierung, Beamten, Soldaten und Polizei. Geradezu elektrisierend wirkte dies auf die Frankfurterin Amalie: Mit „ihrer lebhaften süddeutschen politischen Empfänglichkeit“ geriet sie „in eine Exaltation, die nur einen Anlaß zu finden brauchte, um fast selbst auf die Barrikaden zu treten!“ – so beschrieb Gutzkow ihre Aufregung.2 Dabei war Amalie alles andere als robust, denn sie hatte im Winter eine Fehlgeburt erlitten und sorgte sich außerdem um ihren Jüngsten, der seit der Ankunft in Berlin krank im Bett lag. Der Familienvater aber mischte sich am 18. und 19. März mitten unter die Menge auf dem Schlossplatz, konnte den Gang der Dinge mitbestimmen und seiner Frau hautnah vom Geschehen berichten. Er ahnte nicht, dass gerade sein lebhaftes Erzählen in ihr „den still sich entwickelnden Todeskeim nähren sollte“.3 Ein geschwächter Körper, weiter herausgefordert durch eine Verkühlung an der frischen Luft, wurde mit dem Ansturm von außen nicht fertig. Amalie Gutzkow erlag am Karfreitag, dem 22. April 1848, einem „Nervenfieber“. 30 Jahre alt war sie geworden, ein Opfer der Berliner Märzrevolution, das gar nicht erst auf die Barrikaden zu steigen brauchte, um sich den Tod zu holen.
Gutzkows Bericht der Revolution, verfasst einige Monate nach den Ereignissen, liegt uns vor (siehe: „Retroperspektivischer Augenzeugenbericht“ in Was sie dachten und schrieben). Zu ihm gesellt sich seine Ende März 1848 als Flugschrift ausgegebene „Ansprache an das Volk“ (siehe in Was sie dachten und schrieben): beides Dokumente des Anteils, den der aus der Berliner ,Hefe‘ stammende Schriftsteller an der Erhebung seiner Heimatstadt nahm. Als Sohn eines Bediensteten in den hohenzollernschen Stallungen wusste er, wie es sich anfühlte, von selbstherrlichen aristokratischen, militärischen und bürokratischen Autoritäten niedrig gehalten zu werden. Seine gymnasiale und universitäre Bildung verdankte er einem ausgeprägten Lernwillen, der frühen Förderung durch einen Gönner und dann nur noch zähem Fleiß und dem Streben nach Selbstbestimmung. Gutzkow hielt das ,Volk‘, die ungebildete Mehrheit, für prinzipiell bildungsfähig. Genau hier setzte er als Aktiver in der Revolution an. Er begriff jene „Gesellen, Kleinbürger, Frauen“, die meinten, nun schieße man auf sie, und die daher „mit zornglühenden Mienen gen Himmel um Rache“ riefen. Ihr Schrei „Waffen! Waffen!“ kam aus dem Inneren und galt dem Ende der gesamten „anerzogenen Knechtschaft und Polizeifurcht“, dem Ende der „witzelnden Unbedeutsamkeit“, in der man die Berliner Bevölkerung seit Jahrzehnten hielt. Die königlichen Zugeständnisse vom Tag zuvor, unter anderem Pressefreiheit, bedeuteten diesen Menschen nichts; bei ihnen handelte es sich um das „einfache verletzte Menschenrecht“, und diese Erfahrung war es, die sie von einer Stunde auf die nächste „zu Politikern machte“. Gutzkow übertrug am 19. März auf dem Schlossplatz den Schrei der Untersten in die Forderung nach Volksbewaffnung. Sie wurde ,oben‘ gehört, und damit war die Spannung entschärft. Das Zeughaus wurde geöffnet, und eine Berliner Bürgerwehr trat ins Leben, – dies freilich, merkt Gutzkow an, mit längerfristig zweischneidigem Resultat, denn die Waffen ließen sich auch von Besitzbürgern zum Schutz von Hab und Gut führen. Dennoch sei die Bürgerwehr zum Garanten eines mentalen Umschwungs geworden, zum Hort des Widerstandes gegen den „Geist der Unterdrückung und der altpreußischen Servilität“. Die „politische Meinung des ,kleinen Mannes‘“ sei zwar in unzähligen Vereinen weiter gebildet worden, habe sich aber als „die eigentliche Kraft“ in der Bürgerwehr manifestiert. Eine Bildung, die unter die Haut ging, erfuhr auch der oberste Herrscher Preußens, König Friedrich Wilhelm IV., als man die Märzgefallenen, die ,kleinen Leute‘, Sarg für Sarg an ihm vorbeitrug. Hinter diese Lektion konnte der König auch nach der Niederschlagung der Revolution in Berlin nicht zurückfallen; eine Wiedererrichtung des Absolutismus war undenkbar.
Als politisch Engagierter ging Gutzkow vom Selbsterlebten und Selbsterkämpften aus: von dem, was einen Menschen von innen her bildet und ihm Selbstbewusstsein verleiht. Insofern konnte er an das waffenführende Volk als eine durch eigene Kraft emanzipierte Menge appellieren: „Hinausblickend auf die Plätze, Paläste und Straßen, in denen Ihr sonst nur wie geduldete Miether lebtet“, sollten die Berliner ihre Stadt nun voll in Besitz nehmen, und zwar als Bürger, die nicht „von oben herab“ mit Rechten versehen worden seien, sondern die ihrer Freiheit selbst von unten her das Fundament gelegt hätten. „Ihr mußtet in Euch fühlen, was Menschenrecht ist; Ihr mußtet Euch herauswickeln aus dieser Schnürbrust ewiger Bevormundung durch Gensd’armen und bewaffnete Knechte der Disciplin. Erst mußte Euch die Luft gehören, die Ihr athmet, eh’ ihr ein neues Deutschland und alle Wunder der Zeitungen besaßet. Diese Luft gehörte Euch in Preußen nicht!“
Dem Prinzip des ‚von innen nach außen‘ bzw. ‚von unten nach oben‘ folgte Gutzkow auch in seinen Erwägungen zur deutschen Einheit. Seine im September 1848 verfasste Schrift Deutschland am Vorabend seines Falles oder seiner Größe plädoyierte nachdrücklich für eine Festigung der inneren freiheitlichen Substanz der Nation, bevor diese überhaupt an eine Definition ihrer äußeren Grenzen denken könne. Die Priorität, die der letzteren Frage eingeräumt werde, offenbare nur die Schwäche des Liberalismus in Deutschland. Statt sich mit rechtsstaatlichen Prinzipien zu befassen, der Basis des nationalen Gemeinwesens. knüpfe man an den alten franzosenfeindlichen Patriotismus von 1813/15 an und wolle erst einmal Grenzlinien festlegen: „Wenn [...] ein Volk von vierzig Millionen politischer Einigung und gleicher Zunge“ immer nur „von seinen Gränzen, von seinen Stützpunkten, von den Nothwendigkeiten seiner Existenz spricht“, müsse man darin bloße „Phantasterei“ erkennen.4 Wie zum Beweis für sein basisdemokratisches Denken baut Gutzkow dann seinen bereits zitierten Augenzeugenbericht der Berliner Märzrevolution ein. So und nicht anders – von den Menschen auf der Straße aus – könne in Deutschland ein staatlicher Bau wachsen.
Nachdem die Berliner Revolution im November 1848 niedergeschlagen worden war, löste der König auch die Preußische Nationalversammlung auf, die zum ersten Mal aus allgemeinen gleichen Wahlen hervorgegangen war und eine Verfassung für Preußen ausarbeiten sollte. Statt einer parlamentarisch entstandenen Verfassung bevorzugte der Monarch jedoch eine von oben erlassene: wie Gutzkow sarkastisch bemerkt, ein Weihnachtsgeschenk des königlichen Vaters an seine politisch unmündig gebliebenen Untertanenkinder. Bei diesem Artikel (siehe „Herr Waldeck und das geheime Obertribunal“ in Was sie dachten und schrieben) handelt es sich um ein erst 2025 entdecktes Zeugnis von Gutzkows fundamental rechtsstaatlicher Überzeugung. Mit beißender Kritik greift er die „Servilität unterm Kreuz des Staatsdienstes“ an, welche preußische Juristen am Ende des Revolutionsjahres weiterhin an den Tag legten, und zwar an hoher und höchster Stelle (am Obergerichtshof bzw. einem Oberlandesgericht). Diese Beamten, konstatiert er, begingen Verrat an ihren eigenen Jugendidealen, die einmal einem konstitutionellen Preußen gegolten hatten. Diese Leute hätten nun nichts Eiligeres zu tun als ihre staatstreue Einstellung durch ein Plädoyer gegen Kollegen zu demonstrieren, die als entlassene Parlamentarier der Nationalversammlung ihren juristischen Beruf wieder aufnehmen wollten; Gutzkow nennt als Opfer dieser Machenschaften den Berliner Obertribunalrat Benedikt Waldeck und den Staatsanwalt Julius von Kirchmann aus Ratibor. Wo bleibe die Unverletzlichkeit des Amtes, die Selbständigkeit der Justiz, in einem Staat, der nun konstitutionell sein solle? Gutzkow klagt als demokratischer Journalist von der Basis her die Rechtsstaatlichkeit Preußens gegen seine eigenen Juristen ein. Solche Vertreter der Judikative, die sich bei der Staatsgewalt anbiedern, seien in ihrer Mentalität auf die Stufe „des Militärstaates und des Absolutismus“ zurückgefallen (wenn sie diese je verlassen hatten), auf eine „Niedrigkeit der Gesinnung“, die unter einer konstitutionellen Regierungsform nichts mehr zu suchen habe. Man könne nur zittern um die Zukunft Deutschlands, wenn die faktische „Hegemonie der preußischen Krone“ auch eine Dominanz des „altpreußischen Knechtssinnes“ mit sich bringen sollte. Dies würde das gesamte Projekt einer deutschen Nation untergraben. Letzteres könne nur Bestand haben, wenn Preußen sich „dem Geiste der Freiheit des übrigen Deutschland“ angleiche. Aber Gutzkow setzt Vertrauen auf die Kraft von unten, die öffentliche Meinung, auch in Preußen. Selbst bei der aufoktroyierten Verfassung könne sich die gesellschaftliche Basis nun in Wahlen aussprechen: „Kanonen sind die Waffen der Könige. Wahlen sind die friedlicheren Waffen der Völker.“
Kein Wunder, dass es Gutzkow drängte, sich als gewählter Parlamentarier forthin an der Gestaltung von Preußens Zukunft zu beteiligen. Die Tatsache ist so gut wie unbekannt, dass er sich Anfang 1849 zur Wahl für das Abgeordnetenhaus bewerben wollte, die Zweite Kammer im preußischen Landtag. In dem Sinne, dass der Staat keine abgehobene Sphäre, sondern ein Repräsentationsorgan des ,Volkes‘ inklusive der bildbaren Geringsten zu sein habe, stellte er sich in einem Bewerbungsbrief als „Demokrat“ vor (siehe Brief von Gutzkow an Heinrich Sommerbrodt in Was sie dachten und schrieben): „Ich fühle mehr für die Niedrigen als für die Hohen [... ] Ich glühe [...] für Freiheit, Vaterland, für Aufklärung, für allgemeine Bildung“. Die beschränkten Bahnen, welche die preußische Verfassung mit ihrem Dreiklassenwahlrecht für die Erste Kammer und mit ihrer königlichen Prärogative boten, schienen ihm immerhin „als Zugeständnis willkommen“. Die alte aristokratisch-militärische Selbstgewissheit der preußischen Führung war einmal erschüttert worden, und harte parlamentarische Arbeit konnte kleinschrittig weiterwirken. Es ist nicht bekannt, wie Gutzkow für seine erstrebte Kandidatur auf den schlesischen Wahlkreis Schweidnitz verfiel; wir wissen nur, dass man vor Ort einen lokalen Kandidaten wollte und sich der Plan zerschlug.
Politik betrieb Gutzkow hinfort wieder genau so, wie er es seit achtzehn Jahren getan hatte, nämlich als freier Schriftsteller, dem es um Bewusstseins- und Selbstbildung ging. 1850 protestierte er (siehe „Vorläufer oder Nachzügler“ in Was sie dachten und schrieben) gegen einen verantwortungslosen Journalisten, der die verzweifelten Kämpfe zur Rettung der Revolution und die Hinrichtungen in Baden 1849 achselzuckend als Nachzüglerdrama abgetan hatte. Eine solche Sprache verrate nur die Abstumpfung eines Sprechers, der beanspruche, für alle zu reden. Im Gegenteil, es gelte, aufmerksam zu bleiben auch auf die kleinsten Regungen des spiralförmigen, langsamen Ganges der Geschichte. Gutzkow selbst beschäftigte sich schon mit seinem nächsten literarischen Projekt, dem Monumentalroman Die Ritter vom Geiste, der die inneren Welten Berlins ausleuchtete: die Bewusstseinsstände, Verwirrungen und Hoffnungen einer Bevölkerung von den Höchsten bis zu den Niedrigsten, die der Zeitgeist von 1848/49 einmal ergriffen hatte. Es ist nicht als Eskapismus zu werten, wenn der Autor sich im Vorwort von nachrevolutionären Politikern abgrenzte: „Macht ihr Geschichte, [...] wir wollen Romane schreiben.“5 In den Rittern vom Geiste vertritt bezeichnenderweise nicht allein der liberale Jurist Dankmar Wildungen den Kampf für den „Sieg von Wahrheiten“ (siehe Ausschnitt in Was sie dachten und schrieben), sondern auch die Arbeiterin Louise Eisold, deren Bruder bei einer der ersten polizeilichen Maßnahmen des nachmärzlichen Ministeriums erschossen worden ist. Sie will ihre Anklagen auf der „Straße“, dem „Markt“ „ausschreien“ und bildet in ihrem Vertrauen auf „die freie Gemeinde“ der Rechtschaffenen ein Pendant zu Dankmars bildungsbürgerlichem Projekt der Geistesritter (siehe Ausschnitt in Was sie dachten und schrieben).
Dass Gutzkow sich im Alter nicht mehr zu seinem Bildungsidealismus bekennen konnte, lag an den Verhältnissen. Mit der Bismarckschen Reichsgründung waren die Grundlagen, auf denen der Nationalstaat beruhte, alles andere als von unten her erkämpft. An seinen Verleger schrieb er 1875: „Wer florirt? Der Offiziersstand! Sonst Niemand. Die Reichsfrage u der glückliche Krieg haben eine Roheit und Süffisance hervorgerufen, bei den jungen Männern, den Männern mittleren Alters u einem Theil der Frauen“.6 Er sah „Roheit und Süffisance“ auch auf die arbeitende Bevölkerung übergreifen. 1848/49 wäre für Gutzkow vielleicht der Zeitpunkt für ein allgemeines Stimmrecht gewesen; nach der Einführung dieses Rechtes für die Reichstagswahlen 1871 und bei der Dominanz Preußens im Kaiserreich hielt er es für „das Grauenhafteste“, „einen Humboldt neben einem Droschkenkutscher mit gleicher Wirkung abstimmen“ zu lassen.7 Zu den preußischen Übeln aristokratischer, bürokratischer und militärischer Kontrolle hatte sich eine kapitalistische Spekulanten- und Aufsteigerwirtschaft gesellt. Angesichts eines kläglichen Versagens liberaler Bildungsmodelle im Bürgertum, der „kulturelle(n) und publizistische(n) Elite“, die keine öffentliche Verantwortung mehr übernahm, blieben dem ‚kleinen Mann‘ nach Gutzkow nur materielle Verrohung und „sittliche Verwahrlosung“.8 Die ‚uniformierende‘, von der Sozialdemokratie erteilte Volksbildung sah er weit entfernt von der Führungskraft einer Arbeitertochter wie Louise Eisold aus den Rittern vom Geiste,9 der Verkünderin eines aus dem Inneren gewachsenen Wertsystems der unteren Klassen.
1 Karl Gutzkow: Ein Brief an Freunde. In: Feodor Wehl: Das Junge Deutschland. Ein kleiner Beitrag zur Literaturgeschichte unserer Zeit. Hamburg: J. F. Richter, 1886. S. 185-193. Zitat S. 186.
2 Ebd., S. 187.
3 Ebd.,
4 Karl Gutzkow: Deutschland am Vorabend seines Falles oder seiner Größe. Frankfurt a.M.: Literarische Anstalt, 1848. S. 27.
5 Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste. Roman in neun Büchern. Hg. von Thomas Neumann. 3 Bde. Frankfurt a.M.: Zweitausendeins, 1998. Bd. 1, S. 8.
6 William H. McClain, Lieselotte E. Kurth-Voigt: Karl Gutzkows Briefe an Hermann Costenoble. In: Archiv für die Geschichte des Buchwesens. Frankfurt a.M. Bd. 13, 1973, Sp. 186.
7 Karl Gutzkow: Die neuen Serapionsbrüder. Kommentarband. Hg. von Kurt Jauslin in Zusammenarbeit mit Martina Lauster. (Supplement zu Gutzkows Werke und Briefe. Hg. vom Editionsprojekt Karl Gutzkow. Erzählerische Werke, Bd. 17). Münster: Oktober Verl., 2015. S. 36.
8 Ebd., S. 144.
9 Ebd., S. 34.
Es war also am Abend des dreizehnten März. […] Noch glaubte man an Alles, nur nicht die Erschütterung des Preußischen Staates. Pressefreiheit stand auch hier in Aussicht […]. Das soziale Element der Pariser Umwälzung bahnte sich aber den Weg nicht durch die Ständekammern und Kaffeehäuser, sondern durch die Herbergen und von Werkstatt zu Werkstatt. Man las an den Straßenecken Aufforderungen zu Volksversammlungen. Eine solche sollte diesen Montag abends in den Zelten stattfinden. Eine Volksversammlung! Diese Änderung des preußischen Staates, dass in ihm hinfort Menschen, die keine Soldaten waren, sich öffentlich versammeln sollten, erschien den noch regierenden Gewalten, Thiele, Eichhorn, Bodelschwingh und dem militärischen und höfischen Anhang des Königs unerhört. Da um sieben Uhr werden aus ihrer friedlichen Lektüre plötzlich die Kaffeehausleser durch eine unruhige Bewegung in den Straßen aufgestört. Eine Schwadron Ulanen sprengt im Trabe an das Brandenburger Tor. Hinter ihnen schallt schon in der Ferne der Geschwindschritt der zu nächtlichem Bivouac und förmlichem Angriff gerüsteten Bataillone. […] Man gedachte ganz Europa zu zeigen, wie Preußen und Russland mit solchen Bewegungen der Widerspenstigkeit, der schon dreimal in Frankreich ein Thron erlegen war, umzuspringen wisse und wie man hier von oben her „seine Schuldigkeit“ täte, die man in Paris und überall vernachlässigt hätte. […]
Weil wir keinen rechten Feind sahen, weil dieser nur in den geheimen Drohbriefen, die vielleicht die Polizei empfing, existierte, so verlor selbst der loyale Bürger seinen Anteil an dieser militärischen Alarmierung der Straßen, die sich jeden Abend wiederholte und immer mehr Truppen in Tätigkeit brachte. Nun kam auch die Kunde, dass hie und da ein Stein geflogen, ein Säbelhieb tödlich gewesen war; der ruhige Beobachter überzeugte sich bald, dass die Soldaten, dieser nächtlichen Promenaden überdrüssig, erbittert und von ihren adligen Führern fanatisiert wurden. Wenn einige fünf oder sechs Menschen zusammentraten, die sich eine neue Nachricht mitteilten, sprengte im Nu ein Dutzend Kavalleristen heran und trennte sie mit einer Heftigkeit, die die immer zunehmende förmliche Kampflust dieser Leute verriet. Auf ein Spottwort, auf einen einzigen aus einem Menschenhaufen fliegenden Stein, ließ man ein ganzes Peloton-Feuer geben. […] Weiterlesen
Schon waren Verwundungen und einige Tote vorgekommen, als die Nachricht von den Wiener Vorgängen und Metternichs Sturz Alles elektrisierte. […] Es war am Sonnabendmittag um halb drei Uhr. Der schönste Frühlingssonnenschein lag auf dem Schlossplatze. Von der Königsstraße her vernimmt man schon das Rufen eines nicht übergroßen Menschenhaufens: Militär weg! Militär weg! Der König hatte so eben jene bedeutenden Zugeständnisse des 18. März gegeben. […]
Dies Schauspiel war vorbei, das Volk jubelte, aber es wollte nun noch das Letzte: Vertrauen an die Masse! Entfernung der Soldaten! Keine fernere Reizung, keine Provokation mehr! Die Soldaten standen an dem Königs- und dem Staatsratsportal, man muss eingestehen, mit rührender Geduld. Sie schienen, als wären es Ungarn, die in Italien dienen, den Ruf: Militär weg! kaum zu verstehen. Man verlangte das Letzte, das Zugeständnis der nunmehr überflüssigen Stütze auf Militär und Polizei und hatte dabei die Verwundeten und Toten der letzten Tage im Sinn. […] Eine von dort anrückende Infanteriekolonne hatte ohne Zweifel nur die Absicht, das Manöver einer Säuberung des Platzes und der Befreiung des Portales von den Militär-weg-Rufern auszuführen. Die Entschlossenheit dieser Bewegung, das laute Kommando, der nun schon fast seit acht Tagen panisch gewordene Schrecken über solche Evolutionen trieb die Menschenmenge, die am zweiten Portal ziemlich ruhig stand und sich nur um die Magistratsherren neugierig drängte, in wilder Flucht nach der breiten Straße hinüber. Und hier sollen jene zwei Schüsse des Missverständnisses gefallen sein. […]
Ohne Zweifel hatte ein Missverständnis stattgefunden. Aber die Menschen waren seit Montag gereizt, sie wollten sich nicht mehr aus-, nicht mehr einreden lassen. […] Wie ich Gesellen, Kleinbürger, Frauen so rennen, mit zornglühenden Mienen gen Himmel um Rache rufen hörte, wie ich sah, wie sich den Menschen das Weiße im Auge verkehrte und ihr Geschrei: Waffen! Waffen! Man verrät uns! zwar dem Wortlaute nach eine Reminiszenz der neusten Lektüre aus der Vossischen Zeitung war, aber die Vorstellung, die man damit verband, recht die ganze sich endlich lösende Last des polizeilichen Regimentes seit 1815, da fühlte ich, wenn hier ein äußeres Missverständnis stattfand, ein inneres war es nicht. Es sollte einmal zusammenbrechen diese alte Herrschaft des roten Kragens, es sollte einmal eine Bevölkerung aus ihrer faselnden und nur witzelnden Unbedeutsamkeit, aus ihrer anerzogenen Knechtschaft und Polizeifurcht sich erheben. […] Die Häuser wurden verriegelt und gleich nachdem die erste fliegende Militärkolonne vom Schlosse her durch die Jägerstraße an der Bank vorüber war, erhob sich hinter ihr zauberhaft, wie von selbst, die erste Barrikade, die den Namen einer solchen verdiente. Das Rollen der Fässer, das Aufheben der Kanaldielen hallte weithin durch alle Straßen.
[…] Erst jetzt, wo man alle Folgerungen eines demokratischen Staates überblickt, wird man begreifen, warum am 18. März grade vorzugsweise noch nachträglich die Macht der Bajonette gebrochen werden musste. Der Militärstand musste fühlen lernen, dass man sich nicht mehr in Stein verwandeln lässt, wenn uns sein starres Gorgonenhaupt anblickt. Der moralische Kredit der Armee, den das Volk, wenn er gegen den Feind geht, schon wieder heben wird, musste in seiner falschen sittlichen Bedeutung, in seiner Stellung zum innern Staate, ihr entzogen werden. Diese Armee musste aufhören, der Sitz, die Rücklehne des Absolutismus, das Spielzeug und die Nahrungsquelle eines anmaßenden Adeltums, der Schlupfwinkel einer geheimen schleichenden Reaktion zu sein. Der Grund der neuen preußischen Verfassung lag nicht auf dem Boden eines königlichen Tintenfasses. Er wurde dahin gelegt, wo man drei Tage darauf zweihundert und fünfzig Leichen versenkte, die Schatten des Friedrichshaines.
[…] Um halb fünf Uhr krachten die ersten Pelotonsalven. Man muss an sein Vaterland und die nächste engere Heimat einer Vaterstadt mit Banden des Gemütes und der Knabenerinnerung gefesselt sein, um den Schmerz nachzuempfinden, mit dem diese Erschütterungen der Luft auch das Herz erschütterten. Aber als man vom Widerstand erfuhr, als sich durch die Straßen das Gerücht verbreitete, man verteidigt sich, da war auch die Freude eine um so größere. Das feige Knechtsgewand war abgeworfen. Der Absolutismus erlebte, dass Sklavenseelen vor seinen Kanonen nicht mehr zitterten. […] Die ohne Zweifel siegreich vorgedrungenen Soldaten hatten eine moralische Niederlage erlebt; denn statt eines Pöbelhaufens, der ihnen gegenüberstand, zeigte der aufgehende Morgen das Gesicht der nächtlichen Kämpfer. Es waren jetzt die Bürger Berlins selbst und ihr Feldgeschrei lautete, wie der Schwur der Schweizer: „Wir stehen für unsre Häuser, unsre Weiber, unsre Kinder!“
[…] In den Stunden am Sonntag von 11 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags gab es in Preußen keine Regierung und jede Gestaltung war möglich. […] Eine Republik, das wäre noch nicht verstanden worden, eine Diktatur, dazu fehlten die Volkshäupter, an welchen in Berlin jetzt kein Mangel ist, eine Thronentsagung, dazu kam das Wagnis mit dem Prinzen von Preußen, auf den man, als einen plötzlich Abwesenden, mehr künstlich als natürlich, den Hass und die Erbitterung abgelenkt hatte.
[…] Zu diesen Arbeitern sprach man denn vom Schloss herab, oder, emporgetragen auf den Schultern der Masse, vom vereinigten Landtage! Welch’ ein Unsinn! Wuterfüllt wandten sie sich ab, weil das keine Antwort auf ihren Schmerz war. Ich sehe noch einen Arbeitsmann vor mir, der auf eine solche Rede und Anzeige unter Weinen sagte: „Das kann uns alles nichts helfen, das macht unsre Toten nicht wieder lebendig!“ […] Das Einzige, was in diesem kritischen Augenblick die Gemüter beruhigen und vom Nächsten ablenken konnte, war ein neuer Gedanke, eine vom Sonnabend noch übrig gebliebene neue Schöpfung. Als solche drängte sich die Volksbewaffnung auf. Ob meine Aufforderung, wegen Errichtung einer solchen, an den König gelangte, weiß ich nicht, Minutoli versicherte, dass man zu dieser Konzession sich nicht entschließen könne, auch noch nicht wüsste, wie man sie ohne Gefahr ins Leben rufen solle. „Was denken Sie sich unter einer Volksbewaffnung?“ fragte Graf Arnim, mit einem kalten und spitzen Polizeiblick seine Umgebung fixierend, als ihn im Schlosshofe das drängende Gewühl der Bürger umstand und die wenigen zurückgebliebenen Soldaten ruhig Gewehr beim Fuß hielten. „Gegen wen soll sich das Volk bewaffnen? Für wen? Warum soll überhaupt bewaffnet werden? Wir haben jetzt nur Eines nötig, die Menschen hier vom Schloss weg zu bringen! Können Sie das? Das ist das größte Verdienst, was sich Einer hier jetzt erwerben kann!“
Man sieht, der alte Polizeistandpunkt! „Das ist nur möglich,“ erlaubte ich mir zu erwidern, „durch eine neue Idee, die Sie schaffen, die Volksbewaffnung!“ Ein neuer Leichenzug, den man brachte, unterbrach diese Erörterungen. Die Hüte mussten abgenommen werden, selbst die Helme der Soldaten. Der Fürst vom Ehrenwort, der nimmer Ruhende, nie Verlegene, der in Berlin damals im besten Zuge war, ein Volksmann zu werden, sagte: „Reden Sie von der Volksbewaffnung. Das ist Etwas, was packt, und sie kommt auch!“ Das tat ich denn. Dieser für Preußen neue Begriff wurde mit Jubel begrüßt, alle schmerzlichen Empfindungen über das Verlorene, alle freudigen über das Errungene einigten sich in dem Gedanken an die gesetzmäßige Öffnung des Zeughauses und den eignen Schutz des Bürgers. Bald darauf hatte Graf Arnim (die Staatsmänner machten damals im Denken Fortschritte) die Möglichkeit dieses Institutes begriffen. Der König verkündigte es selbst. Man vergaß den Kanonendonner, das Blut und die Leichen, man fesselte die Aufmerksamkeit von ganz Berlin auf das Zeughaus, bot in den verteilten Gewehren schon um 4 Uhr nachmittags allen, die der am Abend kommenden Dinge mit Entsetzen harrten, eine amüsante Unterhaltung, einen soliden Trost und am Abend schwamm die Residenz im Lichtmeere einer Illumination.
Der Ruhm, an der Wiege und Taufe der preußischen Bürgerwehr gestanden zu haben, hat sich freilich in der Folge als etwas bedenklich herausgestellt. Diese neue Schöpfung schien sehr bald eine Waffe, die mehr gegen, als für die Freiheit geschmiedet war. „Das Eigentum ist bedroht!“ Unter diesem Bannerspruch versammelten sich die wohlhabenden Bürger, die in diesen Schreckenstagen sich verborgen gehalten hatten, die Beamten, Pensionärs, die alten, „Kameraden“ aus den Befreiungskriegen. […] Wer diese ersten gefährlichen Anzeichen dieser neuen Waffenfreiheit beobachtete, wird es kaum glaublich finden, dass sie sich erhalten hat. Wie oft schienen die Bürger nahe daran, sich ihrer selbst zu begeben! Die reichen Kaufleute und Hoflieferanten, die man ihrer Muße, ihres sichern Auftretens und ihrer stattlichen Figuren wegen zu Hauptleuten gewählt hatte, flößten dem Institut anfangs einen Geist ein, der bei den Offizieren der Garde nicht ärger sein konnte. Auf Klubs und bekannte politische Persönlichkeiten hetzte man förmliche Mordanfälle. Grade der neuen Freiheit und ihren Verfechtern gab man den stockenden Verkehr Schuld. Der alte Satz, jeder Preuße hätte in sich seinen geborenen Gendarmen, erlebte höchst klägliche Beweise. Doch von untenher erwuchs diesem Geist der Unterdrückung und der altpreußischen Servilität ein gefährlicher Gegner, innerhalb des Institutes selbst. Die zahllosen Vereine bildeten die politische Meinung des „kleinen Mannes“, der in einer verhältnismäßig überwiegend armen Stadt wie Berlin doch die eigentliche Kraft der Bürgerwehr bleiben musste. Sie fängt jetzt an, sich nicht nur als ein Wächter der Ordnung, sondern auch als Hüter der Freiheit zu fühlen, und ist ein vortreffliches Mittel, sich in seinen Ansichten kennen zu lernen und zu bestärken.
Ihr Alle habt gekämpft! Der Eine mit der Waffe, der Andre mit dem Wort, Alle mit der Gesinnung.
Der Sieg war Euer! Nicht durch die Niederlage des Gegners, nicht durch die Toten, die dem Feinde fielen; Ihr siegtet durch Euer eignes Blut, Ihr triumphiertet mit Euren eignen Toten.
Jahre werden vorüberrauschen, bis sich der Anblick jener Särge verwischt, welche der Schmerz mit Trauerflören, die Liebe mit Blumen, die Hoffnung mit bunten Fahnen schmückte. Nein! Nie wird er sich verwischen! Nie! Eure Kinder hobt Ihr empor und zeigtet ihnen die Märtyrer der neuen Freiheit, Eure Enkel stammelten Euch die Worte des Schmerzes nach, die auf Euren Lippen zuckten und die Ursache Eurer Tränen musstet Ihr ihnen enträtseln! Und in unser Gedächtnis, in unser Herz nicht nur sind diese Tage eingeschrieben, nein, ihr unsterblicher Stoff, ihre ätherische Idee muss sich einigend verflüchtigen mit unserm Blut, mit unserm Leben, unsrer Bildung, unsrer Erziehung, mit der Luft, die wir atmen, mit dem Brot, das wir essen.
Haltet vor allen Dingen fest, was Ihr in diesem Augenblick besitzt!
Was besitzt Ihr?
Ich will es Euch sagen.
Man gab Euch in diesen Tagen Freiheiten, deren Zweck und Ursprung Ihr nicht fasstet! Man nannte Euch neue Minister – Ihr kanntet ihre Namen kaum. Männer kamen und verkündeten: Freut Euch! Man sorgt für Euch, man gibt Euch neue Berater Eurer Wünsche, neue Tröster Eurer Leiden! Man sprach von Preußens Zukunft, von Deutschland, von Allem, – nur nicht von dem, was Euch in nächster Nähe ergriff. Die Freiheit der Presse – das war ein Wort, dessen Verlebendigung Ihr schon begriffet an den weißen Blättern, die lustig in den Straßen auf und ab flatterten: aber endlich gab man Euch Waffen! Das war Etwas, was sich halten und fassen lässt: ein Zauber, unmittelbar, durch alle Sehnen und Adern wie Genesung rieselnd, ein Zauber, der Euch plötzlich zu Männern machte!
Und diesen Zauber haltet fest! Auf dem Gewehr den Arm stützend und in stiller Mondnacht auf Eurem Wachtposten hinausblickend auf die Plätze, Paläste und Straßen, in denen Ihr sonst nur wie geduldete Mieter lebtet, überdenket, was Alles geschah, warum es geschah und wofür!
Die freie Presse, die Geschwornen-Gerichte, die freigewählten ständischen Vertreter, das enger geschürzte Band der deutschen Einheit, alle diese Gaben von oben herab, wie ausgeworfene Münzen geschenkt, das hätte keinen Bau gegeben von Dauer und von Kraft. Das Fundament musste gelegt werden durch Euch selbst! Und sehet! Darin erblick’ ich einen weisen Fingerzeig von Oben. Die ewige Weisheit kam der menschlichen zu Hülfe. Diese Blüten der Freiheit mussten aus Eurer eignen Empfindung sprießen, aus Eurem eignen Schweiß, aus Eurem eignen Blute.
Wer die Verantwortung für jene düstre Gräberreihe hat, die draußen vor dem Tor auf Jahrhunderte ein Wallfahrtsort der Freiheit bleiben soll – vielleicht gibt es Herzen, die hier in Wehmut und Reue in sich selber blicken – aber die alte Lehre sagt: Gott verkehrt die Weisheit der Menschen, um seiner eignen Weisheit Willen! Dies Blut musste vergossen werden und ich will Euch sagen: Warum?
Die Freiheiten, die man Euch schenkte, bedurften einen Grund und Boden. Dieser Grund und Boden war die Freiheit selbst. Ihr musstet in Euch fühlen, was Menschenrecht ist; Ihr musstet Euch herauswickeln aus dieser Schnürbrust ewiger Bevormundung durch Gendarmen und bewaffnete Knechte der Disziplin. Erst musste Euch die Luft gehören, die Ihr atmet, eh’ Ihr ein neues Deutschland und alle Wunder der Zeitungen besaßt. Diese Luft gehörte Euch in Preußen nicht! […]
Erinnert Ihr Euch jenes Abends, am 13. März, als die Reitergeschwader an das Brandenburger Tor sprengten und der Bataillone wuchtiger Geschwindschritt durch die Straßen dröhnte? Eine Versammlung auf freiem Raume, in Regen- und Frühlingsschauern, wollte dort von Dingen sprechen, die vielleicht Alles betrafen, nur nicht die Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung. […] Wir erkämpften die persönliche Freiheit, das Menschenrecht der freien Bewegung, der erlaubten Rührigkeit in unserer Meinung, in unserem Gehen und Stehen. Dem Bürger gehört nun die ganze Straße und nicht bloß der „Bürgersteig“! Willkommen sei uns der Krieger, der unser Sohn und Bruder ist; willkommen sei uns der Wächter der öffentlichen Ordnung, den wir bezahlen, aber beide müssen die von uns Geduldeten sein, nicht wir die von ihnen Geduldeten!
Man hat die Begebenheiten dieser Tage eine Revolution genannt. Sie ist es. Preußen reiht sich jetzt den Staaten an, welche auf den Grund des Volkswohles angelegt sind, und damit wir nie wieder zurückfallen in jenen Zustand lokaler Sklaverei und unterbundener persönlicher Freiheit, was ist zu tun?
Zunächst denkt Euch, dass der Staat nichts ist, was außer Euch lebt! Der Staat ist hinfort keine mit Fingern mehr zu zeigende fremde Existenz, die sich nur an jene Gebäude anknüpft, an welchen Ihr Schilderhäuser und Soldaten erblickt! Der Staat beginnt mit Euch selbst, mit Jedem von Euch! Er beginnt nicht mehr von Oben, senkt sich nicht mehr, wie eine gewölbte Gnadenkuppel über Euch herab, sondern von der breiten Basis des ganzen Volkes erhebt sich der Staat nur noch wie eine Pyramide. Jeder Staat ist so, wie er von unten auf angelegt wird. Die Gesinnung, die von unten emporlodert, gibt den Duft der Höhe, und es liegt an Euch, dass es ein wohlgefälliger Duft, ein Opferrauch der Freiheit ist.
Wehe den Gesetzgebern, die sich am 4. April versammeln und Euch eine Verfassung geben werden, wenn sie sagen sollten: Du Geringster dort in der Bluse, Du in der Mütze, die die Kugeln an der Barrikade durchlöcherten, sollst ausgeschlossen sein von Deinem Anteil am Staat! Der Staat ist auch Dein Leben, ist die Garantie Deines Menschenrechts, ist die Garantie aller Deiner Ansprüche auf Glück und Freiheit! […] Das allgemeinste Stimmrecht werde die friedliche Waffe, die jeder Deutsche, jeder Preuße in seiner Hand trage, und dies, wackrer Mitbürger, übe mit Vorsicht! Lies in den Zeitungen, wer im Rate der Stadt, wer bei gemeinnützigen Zwecken, Vereinen, Sammlungen ein gutes, für das Volk schlagendes Herz verrät! Der Mann, dem die Hofräte und Hoflieferanten am öftersten widersprechen, den merke Dir, dessen Namen trage im Herzen, dessen Chiffern wirf in die Urne, wenn sie Dich auffordern, einen Verordneten der Stadt, einen Verordneten des Landtags, vielleicht einen Verordneten jenes Reichstages zu wählen, der im Herzen Deutschlands für die gemeinsamen Angelegenheiten der Nation reden soll. Dies Stimmrecht ist Dein Stolz, ist Deine Ehre, und wenn Du es übst, ist es Deine Feierstunde, Deine Beeidigung als Bürger der geistigen Welt! Entflieh’ ihr nicht! Opfre nicht leichtsinnig Dein Recht, Ja oder Nein zu sagen! Es wird Dich heben, eine Ansicht aussprechen zu dürfen! Deine Meinung wird Deine Religion werden!
Die Waffe, die Du am 19. März empfingst, fordert der Staat nicht zurück. Er gab sie Dir als Zeichen der Lossprechung, als Zeichen Deiner Freiheit! Aber Du siehst Tausende in den Straßen wandeln, die rüstig sind wie Du, fordere, dass auch ihnen eine Waffe gegeben wird! […]
Der Friede ist die Sehnsucht aller Völker. Nur im Frieden blüht das Glück des Lebens. Preußen wird, wie alle andern deutschen Staaten, in einem erkräftigten Deutschland sich neu gebären. Wir werden keine Preußischen, keine Sächsischen, keine Dessauischen Truppen mehr haben: wir werden nur noch Deutsche haben unter dem schwarz-rot-goldenen Banner!
[…] Von unten herauf findet die Wahl der Offiziere statt. Auch hier wird das Wahlrecht, frei aus dem Herzen kommend, der schönste Orden, der die Brust des Bürgers schmückt. So erst wird Stadt- und Landwehr wahres Volkseigentum. Man sieht sich vereinigt für den Zweck der Freiheit und der Ordnung, für die Größe der Nation, die Würde unseres Namens. Und in diese Reihen darf keine Anmaßung sich drängen, kein von Oben dekretierter Major darf es wagen, Euch mit dem „vertraulichen Du“ zu begrüßen! […] Lasst Euch nicht zu viel von der Ordnung predigen! Die wahre Ordnung ist nur da, wo die Freiheit ist.
Vom Recht, die Waffe zu tragen, vom Recht, seine Stimme zu geben, erhebt sich der Bau des Gemeinwesens empor zur luftigeren Höhe. Um sich zurechtzufinden in den oft labyrinthischen Gängen dieses Gebäudes sucht Euer Urteil zu bilden, Eure Kenntnisse zu vermehren und wenn Ihr Wegweiser bedürft, wählt diejenigen Zeitungen, die nicht nur eine freie, sondern auch eine anregende Sprache führen. Die Presse ist frei; aber sie sei nicht frei, um nur in Stimmungen und Gefühlen sich zu ergehen und der bloßen Unbequemlichkeit einer zweiten Durchsicht durch einen albernen Zensor überhoben zu sein, sondern sie übernehme in dieser ernsten Zeit das Amt, mit- und vorzuarbeiten den Organisationen, den neuen Einrichtungen und Staatsformen! […] Eine freie Presse ist ein Aufruf an die Feder, nicht sich auszuruhen, sondern ihre Anstrengung zu verdoppeln.
Weit ist das Feld, wollt’ ich beginnen von Dem, was nun durch unsere errungene persönliche Freiheit zu erwirken ist. Die Welt raucht, hie und da steht sie schon in Flammen. Jeder Tag erschwert die Aufgabe des Löschens, denn immer neuer Zündstoff wird in die Glut geworfen und Tage, Stunden sogar, verändern die Gesichtspunkte. […]
Verliert über allen diesen gemeinsamen Fragen Eure nächste Aufgabe nicht! Duldet nicht, dass man von Versöhnung spricht, ehe Gerechtigkeit geworden! […] Ihr wollt Zeit für Eure Trauer, Zeit für Eure Vergebung. Was Berlin erlebt hat, das ist so denkwürdig in seinem innersten Gehalt, dass dieses sich auf die ganze Gesinnung der Stadt, des Landes ausdehnen muss. Verachtet die, welche zu früh den Takt anschlagen, dass Ihr fröhlich sein und tanzen sollt! Seid stolz auf diesen Ernst der Gemüter. Wahrlich, er tat Not in einer Stadt, die die erste Deutschlands sein sollte und so zerstreut in ihren Gesinnungen, so spielend und gedankenlos in ihrer Anteilnahme am großen Ganzen war! Und wenn Euch Lauheit überkommt, Sophisten und faselnde Witzlinge Euch ernüchtern wollen, so wallfahrtet hinaus in jenen Hain, wo, Euch erhebend und zu Taten mahnend, Eure unvergesslichen Toten ruhen!
Man wählte den Erzherzog Johann von Österreich. Im Grunde ist die Frage nach der persönlichen Befähigung dieses erlauchten Herrn, einen so schwierigen Posten zu behaupten, unwesentlich. Er sollte nur als Repräsentant dienen. Er sollte jenes Fähnlein sein, das man auf einem vermessenen Felde aufsteckt zum Zeichen, hier werde künftig ein Haus stehen oder eine Eisenbahn sich schlängeln. Das deutsche Volk fand an den biografischen Lebensmomenten dieses Fürsten Gefallen. Erzherzog Johann kann sich bei seiner Frau bedanken; die Postillionsstiefel der Postmeistertochter haben ihm mehr genützt als das Goldene Vlies seiner Ahnen. Selbst die Handwerksleute und Arbeiter, voll von der sozialen Frage, riefen ja: „Der weiß, wie dem gemeinen Mann zumute ist!“ Bedenklich waren freilich die vielen verlorenen Schlachten dieses ehemaligen Feldherrn, die Charakterzüge von Trotz und Eigenwillen, die man aus den Denkwürdigkeiten seines Bruders, des Erzherzogs Karl, nachweisen wollte; ja sein Exil im Steierland verlor viel vom Nimbus der Märtyrerschaft, wenn man sich dachte, ein eigentlich nicht verbannter, sondern nur von Eifersucht und dem Misstrauen des kaiserlichen Bruders gefürchteter Prinz entschlägt sich so ganz der Schicksale Österreichs, dass er seinen Kohl und seinen Rübenacker pflanzt und Metternich und die Jesuiten herrschen lässt, wie sie herrschen…
Mitnichten ist der Erzherzog Johann von Österreich die harmlose Persönlichkeit, die man sich in ihm vorstellte. Er kam nicht von seinem Meierhofe nach Frankfurt, sondern aus den kaiserlichen Gemächern der Wiener Hofburg. Er hatte seit dem März an den Schicksalen seines Vaterlandes den lebhaftesten Anteil genommen, und wer wollte ihm verdenken, dass er die Liebe für den Ruhm und die Größe seines Hauses mit nach Frankfurt bringt! […] Von einer eigentlichen volksfreundlichen, demokratischen und liberalen Gesinnung des Reichsverwesers ist noch nichts verlautet. Man kann versichert sein, dass er sämtlichen Monarchen Deutschlands im Stillen gesagt haben wird: „Erkennt mich nur als Bürgschaft der Ruhe und Ordnung Deutschlands an! Ich kann keine Erbmonarchie begründen, das wisst ihr ja; ich werde nirgendwo eure Rechte beeinträchtigen. Das deutsche Volk ist nun einmal aufgeregt, es will eine gewisse Kraft entwickeln. Bringt dieser Idee das Opfer, zuweilen etwas auszuführen, was ich euch auftragen werde! Die Hauptsache ist die Wiederherstellung der Sicherheit jedes Fürsten auf seinem Throne, Verbrüderung mit dem besseren Teile eurer Untertanen, allmähliche Vernichtung der republikanischen Ideen. In diesen Zwecken sind wir uns einig, folglich sind wir geborene Bundesgenossen.“ Aus einem solchen Geiste, dessen Sprache ihr doch auch wohl mit seinem Ohre gehört habt, mein ich, wird für Deutschland nicht viel Großes entstehen. Das Wahre davon hätte Herr von Gagern auch ausführen können, und dass es von einem Fürsten geschehen soll, ist gerade sehr schlimm; denn es ist der erste Schritt zur Reaktion.
Die neure preußische Geschichte ist reich an Aktenstücken, deren ein Volk, das der Freiheit würdig sein will, sich zu schämen hat. Von des Herrn von Rochow Erlass an den „beschränkten Untertanenverstand“ der Elbinger bis zu den neuesten Adressen der reaktionären Vereine und Danksagungen städtischer Körperschaften reiht sich eine ununterbrochene Folge von Kundgebungen eines angeboren scheinenden Knechtsinnes, der mit den Tatsachen, die in Preußen jetzt als öffentliche gelten sollen, im offensten Widerspruche steht. Ein Volk, vor dem man so schmeicheln, so danken, so sich verwahren darf, wie es täglich in den preußischen Zeitungen zu lesen, zeigt sich in der ersten Kindheit seines politischen Lebens und kann allerdings die Freiheit nicht anders als oktroyiert, d. h. zu Weihnachten geschenkt erhalten.
Auch das durch eine öffentliche Zuschrift seines Chefs kundgegebene Benehmen des höchsten Gerichtshofes im Lande gegen eines seiner Mitglieder ist ein denkwürdiges Beispiel jenes öffentlichen Geistes, nach welchem künftige Geschichtsschreiber die vormärzliche Periode dieses Landes beurteilen können. Ein Kollege will sich wieder nach langer Unterbrechung auf den Sessel seiner gewohnten Berufstätigkeit niederlassen. Er kommt aus einem anstrengenden Kampfe, zu dem ihn nicht eignes Gelüst, sondern der Ruf seiner Mitbürger aufgefordert hatte. Er kommt erschöpft, ermüdet, bestäubt von seinen Bemühungen, auf der großen Landstraße des Lebens die Wahrheit zu verfechten, die ihm als die einzige aufgegangen. Er mochte in den Augen Andersdenkender geirrt haben, aber diese, wenn sie seine Kollegen waren, mussten fühlen, dass sie ihrerseits in dieser Zeit nur die bequeme Mühe des Zuschauens gehabt hatten und ohne Versuchung und Anfechtung ihres innersten Menschen geblieben waren. Sie hatten mindestens den Ernst, die Mühe, die Aufgabe des Mannes zu ehren, der zu ihnen zurückkehrte. Sie konnten ihn schweigend empfangen, sie konnten die streitigen Punkte, die ihre Meinung von der seinigen trennten, mit Stillschweigen übergehen und ihn das sein lassen, was er war ohne sie und was er bleibt trotz ihrer. Priester, in diesem Falle sogar Hohepriester des Rechts, sollten sich für viel zu sehr geweiht halten, als dass durch irgendein Vorkommnis ihr eigentlicher Wert verloren gehen könnte, wie in der katholischen Kirche selbst der Geistliche, der ein Verbrechen beging, erst förmlich entweiht werden muss, ehe er irgendetwas von seiner priesterlichen Kraft und Würde verliert. Weiterlesen
Aber was Verbrechen! Was Entweihung! Diese Kollegen denken so gering von ihrer eignen Würde, dass sie diese im Andern beleidigen. Sie fühlen nicht, wie sehr sie sich jenes Glanzes entkleiden, der sie bisher wie ein undurchdringlicher Strahlenschleier umfloss. Sie nehmen Partei! Sie kümmern sich um das Ziel einer parlamentarischen Strömung, die sie an der Quelle nicht kennen lernten und deren Lauterkeit zu prüfen sie zur Stunde noch nicht aufgefordert worden sind. Sie verraten der geängstigten und zweifelnden Nation, dass sie, die Areopagiten eines obersten Gerichtshofes, sie, die Beisitzer der letzten Zufluchtsstätte Recht suchender Kränkungen, sich in die Strudel des Tages werfen, Meinungen haben statt Erkenntnisse, Zeitungen lesen statt Gesetzbücher, Partei nehmen für die Machthaber statt die Stimme der Unterdrückten zu hören. Es ist unwiderleglich, dass dies Benehmen des Obertribunals gegen eines seiner Mitglieder das Vertrauen auf die Selbstständigkeit und Unparteilichkeit des preußischen Richterstandes aufs Tiefste erschüttert, abgesehen davon, dass man in ihm einen Mangel an Urbanität und weltmännischer Conduite erkennen muss, den man in ähnlichem Falle z. B. in Frankreich niemals angetroffen haben würde, selbst in den schlechtesten Zeiten nicht, als ein Villèle und Polignac regierten.
Mit dem Einspruch eines Oberlandesgerichts gegen Herrn von Kirchmann hat es eine gleiche Bewandtnis. Wie können diese Herren in Ratibor sich ein Urteil über die Eventualitäten eines parlamentarischen Lebens erlauben, dessen Bedingungen und innere Vorkommnisse sie nicht kennen! Selbst in Ratibor sollte man doch wissen, dass die Politik, die auf der Oberfläche der Zeitungen so in die Studierstuben zuschwimmt, nur der obere, von der Welle rasch fortgetriebene Schaum der Ufer- und Klippenbrandung ist. Mögen diese Herren nach Sanssouci gehen und sich überzeugen, dass über die Gestaltung Deutschlands, Polens, Italiens dort in Möglichkeiten und Kombinationen gesprochen wird, von denen sich die Jurisprudenz von Ratibor noch nichts hat träumen lassen. Dass Herr Bassermann solche Möglichkeiten des 9. November, wie sie ihm konfidentiell und gesprächsweise auf einem Privatzimmer in Berlin mitgeteilt wurden, im Frankfurter Parlamente offen ausplauderte und Namen nannte, beweist nur das taktlose Ungeschick eines Mannes, der in den kleinen Verhältnissen des badischen Staates Fraubaserei für Politik zu halten lernte, nicht im Geringsten aber etwas Bedenkliches für einen Politiker, der sich auf dem Terrain der Tatsachen bewegte. Noble Männer, Männer von Takt und jener freien Ehrenhaftigkeit, die Ihr Alle besaßt, als Ihr noch Auskultatoren und Referendaren waret, würden Herrn v. Kirchmann bedauert haben, dass seine vom kritischen Augenblick bedingte und gedrängte Darstellung leicht möglicher Eventualitäten an einen so taktlosen politischen Stümper geraten musste. Dass Ihr nun auf eine solche Perfidie hin oder wenn man will, eine solche sentimentale Albernheit Herrn v. Kirchmann desavouiert, beweist nur, wie sehr Ihr von den noblen Auffassungen Eurer Jugend zurückgekommen seid und Euch mit traurigster Servilität unterm Kreuz des Staatsdienstes krümmen gelernt habt.
Es hat aber Wahrscheinlichkeit für sich, dass es mit Euern Adressen so gegangen ist, wie vor einigen Jahren mit der Berliner Akademie der Wissenschaften, als diese hochgelehrte Körperschaft dem Mitglied v. Raumer ein öffentliches Dementi gab. Ein Mitunterzeichner des damals erlassenen Briefes an den König, den Herr v. Raumer beleidigt haben sollte – sein späteres und jetziges Verhalten ist sehr reuevoll – ein Mitunterzeichner erklärte in diesem März, ein solcher Brief hätte damals sich von selbst verstanden, er wäre eine bloße formelle, innerhalb der Monarchie von dieser selbst prinzipiell vorausgesetzte Schicklichkeit gewesen und man hätte unterzeichnet, ohne den Brief gelesen zu haben! Diese für die Zeit des Militärstaates und des Absolutismus sich von selbst verstehende Niedrigkeit der Gesinnung sollte aber doch in einer konstitutionellen Regierungsform aufhören. Es sollte nicht mehr möglich sein, dass man solche Adressen von obenher zugesandt erhält und sie aus Furcht und Sorge für das leibliche Wohl unterschreibt.
Preußens Geschick scheint durch die deutsche Frage in eine neue große Phase einzutreten. Glaubt aber nicht, dass der tiefe Riss des Misstrauens, den die Hegemonie der preußischen Krone im deutschen Volke hervorrufen dürfte, je ausgefüllt werden wird, so lange diese Kundgebungen des altpreußischen Knechtssinnes fortfahren. Von der Agitation für die Republik bis zu solchem Rückfall in den alten „beschränkten Untertanenverstand“ gibt es soviel Mittelstufen für eine vernünftig gehaltene Meinungsäußerung, die Männern ziemt, dass Preußen wohl auf der Hut sein möge, sich auch wegen seiner inneren Vorzüge das zu erwerben, was ihm wegen seiner äußern jetzt vielleicht ein günstiger Zufall schenkt. Denn nicht diejenige Hegemonie wird lebensfähig sein, die nur das preußische Martialgesetz über Deutschland ausbreiten wird, sondern die, welche sich geistig und innerlich frei geworden dem Geiste und der Freiheit des übrigen Deutschland assimilieren kann. Die Herren v. Gagern mögen in ihrer Frankfurter Schmiede Preußen und Deutschland zusammenschweißen, die Fürsten sich in diesem eisernen Ringe der Einigung vorläufig sicherer fühlen, das deutsche Volk ist für dieses furchtbar gewagte Experiment nur dann zu gewinnen, wenn ihm dasjenige Preußen die Hand reicht, das am 9. November durch passiven Widerstand nicht einen Beweis, wie König Friedrich Wilhelm den Breslauern sagte, von Feigheit, sondern von einer wahrhaft königlichen Tugend, der Selbstbeherrschung, gab. Durch die Wahlen wird das Land sprechen. Kanonen sind die Waffen der Könige. Wahlen sind die friedlicheren Waffen der Völker.
Geehrter Herr!
Man hat den Unterzeichneten in Kenntnis gesetzt, dass Sie auf den politischen Geist Ihres Wohnortes von nicht geringem Einfluss sind. Wenn Sie sich an dem Komitee beteiligt haben, das für Ihren und die umliegenden Kreise zur Wahlbewegung auffordert, so werden Sie vielleicht schon wissen, dass sich der Unterzeichnete für die Zweite Kammer angeboten hat. Über alles Persönliche verweise ich Sie deshalb auf meine Eingabe, einige anliegende Dokumente meiner Gesinnung, einige Andeutungen meiner Auffassung der schwebenden preußischen Streitfrage. Ich wiederhole, dass ich durch einen vom 17. Dezember vorigen Jahres ausgestellten Heimatsschein für fernere drei Jahre preußischer Untertan, also wählbar bin.
Ich bin kein Kommunist, kein Anarchist. Ich würde mich in eine Republik finden können, wenn eine solche durch ein Geschick des Himmels verhängt würde. Eine Republik herbeiführen wollen, ist kein Werk künstlicher Agitation. Ich bin Demokrat in dem Sinne, dass mir der Staat und seine Form nur des Volkes wegen da ist. Ich anerkenne nur das Recht der Könige, das ihnen die Rücksicht für das Wohl aller übertragen hat. Die preußische Dynastie leidet noch zu sehr an der Selbstüberhebung der Eitelkeit, am Stolz angeborener Einbildungen. Diese sind zu bekämpfen, diesen gegenüber ist das freie Bürgerbewusstsein mit edlem Mute aufrecht zu erhalten, mit aller Entsagung geltend zu machen. Doch wollen wir uns hüten, den preußischen Staat gerade jetzt, wo er Deutschland und der Welt gegenüber eine so große Aufgabe zu lösen hat, innerlich zu schwächen. Der Prinzipienstreit darf das Gewicht nicht schmälern, mit welchem Preußen seinen Einfluss, seine Geltung in die Waagschale der Entscheidung zu legen hat. Deshalb bin ich nicht dafür, dass die neuen Vertreter mit zuviel Leidenschaft an dasjenige Werk anknüpfen sollen, das am 9. November in Berlin stehen geblieben ist. Eine großartige Satisfaktion muss der intelligente Teil unsers Vaterlandes den Deputierten geben, die nach dem 9. November unter den Bajonetten fortzutagen wagten – das ist Ehrenpflicht, der jämmerlichen reaktionären Wühlerei gegenüber – aber eine Persönlichkeitsfrage darf die allgemeine Sache des Landes nicht werden. Die Krone soll erfahren, dass sie Unrecht getan hat die eben erst grünenden Keime eines neuen aus der Märzrevolution hervorblühenden Rechtes, das Recht der Vereinbarung, zertreten zu haben. Sie soll wissen, dass sie die Gefahren vergrößerte, die Unfreiheit der Versammlung in Berlin übertrieb, nur um ihre alte einseitige Kraft zu zeigen und dem Soldatengeiste, der nach Wiedereinsetzung in seine alte Herrlichkeit verlangte, eine Genugtuung zu geben. Die oktroyierte Verfassung soll uns als ein Zugeständnis willkommen sein, keineswegs aber als ein Gesetz. […]
Ich habe achtzehn Jahre unabhängig gelebt, ich habe keinen andern Ehrgeiz, als die Wahrheit zu befördern. Ich gehe ruhig meinen Weg, aber ich gehe ihn fest und unerschrocken. Ich fühle mehr für die Niedrigen als für die Hohen, ich gestehe, dass ich den Übermut der letzteren hasse, ebenso wie ich mich nimmermehr unterfangen würde, von unsrer irdischen Bestimmung zu sagen, sie könne eine ganz vollkommene werden. Man soll dem Armen Hilfe geben, aber nicht mit Glückseligkeiten quälen, die keine menschliche Hand beschaffen kann.
Ich glühe für die großen und schönen Zwecke des Lebens, für Freiheit, Vaterland, für Aufklärung, für allgemeine Bildung. Was diesen Zwecken im Wege steht, ist mir verhasst, und nimmer würd’ ich ruhen, es zu verfolgen. Aber ich prüfe gern, ich höre gern beide Ansichten, ich urteile erst, wenn ich die Tatsachen übersehen habe. Vielleicht gibt mir diese Stimmung Beruf zum Gesetzgeber, Beruf zum Anwalt des Volkes; denn das Volk ist eben der Ausdruck der widerstreitendsten Interessen.
Hätt’ ich die Garantie, dass in den oben genannten Wahlkreisen eine Zahl Stimmen entschieden geneigt wäre, auf mich zu reflektieren, so käme ich und redete, wie mir ums Herz ist. Lieber freilich wäre mirs, ich fände schon vorher so viel Vertrauen, dass ich erst käme, wenn ich gewählt wäre, und dann jedes braven Mannes, der sich mir vertrauen will, Sache und Anliegenheit zur meinigen machte, hörte und forschte, was von Lokalbedürfnissen, Lokalbeschwerden Berücksichtigung verlangen darf. Antworten Sie mir hierüber, geehrter Herr, gefälligst in kürzester Zeit! Auch diesen Brief mögen Sie als einen offenen betrachten und ihn jedem zeigen, der sich über mich genauer unterrichten möchte, auch drucken und verteilen lassen, wenn Sie wollen. […]
Ich lese irgendwo:
„Die Badener Bluturteile rühren Niemanden, sie sind verdient, sie erregen nicht einmal Interesse, es sterben dort nur die Nachzügler der Bewegung, keine Vorläufer, ebenso wie die Wiedertäufer nur Nachzügler der Reformation waren; ihr Blut wird keine neuen Saaten düngen. Die Trauerbilder um Kinkel mögen in künftiger Zeit die elegische Literatur bereichern, in der politischen Atmosphäre von heut verhallen sie.“¹
Ich gestehe, dass mir die Sprache des Blasé in der Politik die widerlichste ist. Er selbst ist erschöpft, darum soll es die Geschichte auch sein? Ihm selbst schwinden seine Anknüpfungen, seine Standpunkte werden unsicher, so ergreift er die Flucht und leugnet deshalb die Erscheinungen, weil er sie nicht mehr sehen will? Freilich wohl, die Erscheinungen fangen an, auf neue Wurzeln hinzuweisen! Von der Oberfläche wird man bald nichts mehr abschöpfen können, um täglich seinen Leitartikel für eine Zeitung zu schreiben. Diese Zeit fängt an eisern zu werden und erfordert Männer. Da soll sich ein solcher blasierter Publizist auf seine Ottomane werfen dürfen? Die Feder bleibt ihm in der schreckgelähmten Hand! Er soll jetzt aufflammen mit neuen Ratschlägen, er soll der hoffenden, zagenden, verzweifelnden Menschheit einen Lichtschimmer durch die dunkle Gegenwart in die Zukunft zeigen. Der Trommelwirbel der Hinrichtungen dringt an sein Ohr und von Entsetzen ergriffen schreibt er:
„Die Bewegung hat sich überlebt, kein Mitleid, keine Trane, höchstens eine Bereicherung der künftigen elegischen Literatur!“
O, ich glaube nicht, dass dieser Sprecher, der mit den Trauerweiden der Gegenwart wenigstens den Park der elegischen Literatur der Zukunft geziert sieht, zu den Seelen gehört, die Schiller Lavendelseelen nannte. Unsere Zeit kann keine Lavendelseelen mehr haben. Unmöglich! Wir haben zu Vieles erlebt. Zu wild stürmte es durch die große Windharfe der Zeit. Wer will fliehen? Wer will nicht sagen, dass mit dem Trommelwirbel der Hinrichtungen eine ganz neue Melodie in unsere gegenwärtige Bewegung kommt? Es mag still werden, einsam, schauerlich still, so gespenstisch, wie es morgens vier Uhr da drüben in Rastatt gewesen sein mochte, als zwischen dem Knall der Büchsen nur die Hähne der Frühe krähten; aber diese Stille im deutschen politischen Leben scheint mir viel bedenklicher, als der frühere schwatzhafte Lärm der Berliner und Wiener Straßenbewegung. Es ist eine Stille, die jenen Blase zum Nachdenken hätte auffordern sollen, wenigstens zur aufrichtigen Beantwortung der Frage: Ob wir jetzt wohl in der rechten Erkenntnis sind, Deutschland zur Ruhe und zur Einheit zu führen?
[…] Ehre Dem, der den Mut behielt, dem Zeitgeist Rede zu stehen und im Chor der hunderttausend Narren die Schellenkappe seiner Überzeugung, wenigstens nicht die Nachtmütze der Resignation, über das Ohr zu ziehen. […]
Der blasierte Publizist erklärt die Demokratie für erschöpft, für erloschen und bewundert nur noch die schnelle, zauberhafte Entwickelung militärischer Kräfte, die uns so imposante kriegerische Schauspiele aufgeführt haben. Wer kann allerdings die Demokratie nach der Art, wie sie sich toll genug gebärdete, als ein Dauerberechtigtes anerkennen? Wenn sich aber eine Idee von ihren Schlacken reinigt, ist sie darum erloschen? […] Gerade jetzt, im Angesicht des Treubundes, im Angesicht des gedankenlosen Rückfalls in den alten beschränkten Untertanenverstand und die alte soldatische und bürgerliche Sondereitelkeit der Stämme, beginnt die schöne Aufgabe eines freien und selbständigen Publizisten. Wer jetzt ausruft: Alles ist verloren, Alles ist eitel, und sich die Dinge gefallen lässt, wie sie sind, der war entweder nicht berufen, während des allgemeinen allerdings wüsten Lärmes mitzusprechen und der Nation eine Beachtung seiner Meinung zuzumuten, oder er hat sich für immer eine zu große, zu schwere Aufgabe auf seine schwachen Schultern geladen.
Die Demokratie war leider fast überall eine in den Märztagen zu rasch aufgeschossene Wucherpflanze. Berlin war im März 1848 völlig unreif, Politik zu treiben. Die Beamten sogar wurden dort demokratisch, weil es ihnen der König zu werden schien. Man gab von obenher Zugeständnisse an einen Geist, der nach unten hin mit solchen Forderungen gar nicht vorhanden war. Die Minister und Ratgeber des Königs verrieten sehr wohl, dass sie die französischen Ideen kannten, sie von geheimen Umtrieben auf Schulen und Universitäten wussten, sie die verbotenen Zeitungen gelesen hatten, und bewilligten Dinge, die man im Volk kaum dem Namen nach kannte. Da kam denn eine demokratische Gärung zu Stande, deren traurigen Niederschlag wir jetzt sehen […].Als wir die Zensur hatten, durften wir denn da die Feder aus der Hand legen? Konnten wir denn damals sagen: Wir schweigen, bis wir Pressefreiheit haben? Und wenn die Reaktion die Pressefreiheit genommen haben wird, werden wir da wirklich auch verstummen und uns der Presse für unsere Meinungen nicht mehr bedienen?
Wir wissen nicht, bis wie weit die Reaktion gehen wird. Eine Reaktion gibt es, die gerechtfertigt und natürlich ist. Es ist dies die Reaktion der im Kreise, aber aufwärts gehenden Spirallinie. Jedes ausgetretene Wasser kehrt naturgemäß in sein Bett zurück. Noch keine Idee hat die Welt im ersten Anlauf umgestalten können. Wer Staatsmann war in diesen letzten beiden Jahren hatte unverkennbar die Pflicht, diese natürliche Reaktion anzubahnen, die eben darin besteht, dass man mit der Gesellschaft und ihrer nächsten Ordnung keinen andauernden Zustand des Experimentes dulden kann. Ob aber für die Reaktion, die über dies natürliche Maß noch hinaus will und sich einbildet, die Februarrevolution und ihre Folgen wären das Werk eines Versehens, eines tollen unbegründeten Missverständnisses gewesen, ob für diese Reaktion die wilde geballte Faust des Jahres 1849 nur das ohnmächtige Höhnen der Nachzügler gewesen, muss die Zukunft lehren. Der Anwalt der großen Zeitfrage darf nicht vor dem furchtsam zusammen schrecken, was allerdings das Menschenherz erzittern lässt. Er muss das Schreckliche prüfen, nicht mit dem Riechfläschchen fliehen und in der eigenen Ohnmacht, die ihn wohl bei dem Rückblick auf das schreckensvolle Jahr 1849 befallen kann, auch die Ohnmacht eines Prinzips sehen. […]
1 Augsburger Allgemeine Zeitung, 1849, Nr. 226.
Ritter vom Geiste sind Mitglieder eines geheimen Bundes, den ich lieber Brüder vom Geiste nennen würde, wenn ich nicht streitbare gewaffnete Brüder begehrte. Ich will einen Bund von Männern, die ihr Leben, ihre nächsten und entfernten Pflichten nur auf ein Ziel beziehen, den endlichen Sieg von Wahrheiten, die leider noch immer in Frage stehen, noch immer von Willkür beanstandet werden. [...] Die Wahrheiten liegen auf der Hand; aber Tausende entziehen sich ihnen! Die Blätter der Geschichte sind aufgeschlagen. Man will sie nicht lesen. Wir wissen, wohin die Menschheit steuert, und stecken falsche Flaggen, falsche Leuchtflammen auf. Oder sollte es so schwer sein, das Wesen der Gesinnung auf einige große Wahrheiten zu abstrahieren, die feststehen, wie den Völkern Jahrhunderte lang die Wahrheiten der Bibel feststanden? Es mögen nur wenige Sätze sein. Aber einige Tausend Menschen in allen Teilen der Erde auf diese wenigen Sätze in Eid und Pflicht genommen, macht, dass gewisse Gebäude umstürzen wie Aschenhaufen, zerreißt dichte Vorhänge wie Spinnweben, lockert die Lüge von selber ohne Handanrühren. Jetzt gewinnt man plötzlich Menschen, die sonst ruhten, für die Arbeit des Geistes. Jetzt sieht man Kämpfer, die kämpfen müssen aus Ehrgefühl! Jetzt wird es heißen: Nicht mehr beten für die gute Sache sollt Ihr, sondern auch arbeiten für sie!
[...]
Der Katechismus der Grundwahrheiten des neunzehnten Jahrhunderts ist so groß nicht. Man hat über des deutschen Volkes Grundrechte sich geeinigt, man hat einst in Frankreich die Menschenrechte zusammengefasst, als die Revolution dort noch gehalten und eine historische Offenbarung war. Die Grundrechte aller Völker sind den Rittern vom Geiste Grundpflichten. In schwierigen Dilemmen, die eine Tagesfrage wohl veranlassen könnte, würde unbedingter Gehorsam gegen die Vorschriften des höchsten Ordens-Kapitels unerlässlich sein.
1 Dankmar Wildungen hält im Kreis von Gesinnungsfreunden eine Rede zur Gründung eines Geheimbundes, der „Ritter vom Geiste“.
Haben sie dich gemordet, Karl? Dich nun auch, wie so Viele, die in den zwei Jahren² hingingen? Bist auch gefallen, wie schon die Tausend?
Mamsell! sagte Mullrich, gehen Sie nach Hause!
Lügt Ihr Menschen? fuhr sie fort, versteckt Ihr Euch hinter Eurer Furcht! Ihr Alle zittert und bebt vor dem Fluch, der über uns gekommen ist! Was haben wir Armen?
Geht, geht, Mamsell! drängte Kümmerlein...
Die Halle füllte sich von Menschen...
Die Kinder und die Alten, fuhr Louise mit bitterster, aus ihrem Innersten hervorbrechender Wehklage fort, die Kinder und die Alten holt die Krankheit, die uns Arme dahinrafft, die Jungen, unsre Brüder und Söhne, trifft die Kugel...
Laßt’s jetzt gut sein! sagte Mullrich. Geht Kinder, geht nach Hause!
[...]
Auf die Straße will ich, rief Louise, auf dem Markt will ich ausschreien: Rache! Rache! Ihr habt meinen Bruder gemordet! Was tat er Euch?
Man wollte das Mädchen mit Gewalt hinausführen. [...] Das aus der Halle getriebene Volk mehrte sich nun draußen zu dichten Haufen am Eingang...
Lasst mich! schrie Louise und warf sich wieder auf den Bruder. Karl! Nicht einmal eine arme Hütte haben wir, in die wir dich tragen dürfen, wo du drei Tage bei uns bleibst, bis sie dich unter die Erde holen! [...] An deine Grube sollen die Freunde treten, die freie Gemeinde soll singen, der Prediger reden und die Frauen werden Blumen bringen!
[...]
Und wenn Ihr Euch rüstet mit Kanonen und Mordfackeln gegen Weiber und arme Kinder! rief sie. Euer Tag wird hereinbrechen! Eure Haare sind gezählt, nicht bloß von Gott, auch von uns! [...] Eure kostbaren Gewänder werden Euch wie Spinnweben zerrissen werden und Euer Purpur wird Euch von den Schultern fallen! Auch unser Gott ist langmütig, aber sein Gericht wird schrecklich sein, Ihr Tyrannen, Meineidigen, Gottesleugner!
1 Die Arbeiterin Louise Eisold findet ihren sechzehnjährigen Bruder Karl, einen Arbeiter in der Willingschen Maschinenfabrik (Vorlage hierzu bildeten die Berliner Borsig-Werke), erschossen auf. Er hatte an einer Versammlung des Maschinenbauervereins teilgenommen, die auf Regierungsbefehl gesprengt wurde. Louises Rede vor Zuschauern, in der sie die Opfer der Märzrevolution in Erinnerung ruft, wird von Polizeidienern unterbrochen, die die Menge zu zerstreuen versuchen. Als Anhängerin der „freien Gemeinde“ von Deutschkatholiken prophezeit Louise göttliche Rache an den Besitzenden.
2 1848 und 1849
Wally, die Zweiflerin, Mannheim 1835.
Die Zeitgenossen, 2 Bände, 1837.
Uriel Acosta, 1846.
Der Königsleutnant. Dramatisches Zeitgemälde aus Goethe’s Jugend in fünf Auszügen, 1849/52.
Die Ritter vom Geiste, 9 Bände, Leipzig 1850/51.
Der Zauberer von Rom, 9 Bände, Leipzig 1858/61.
Rückblicke auf mein Leben, Berlin 1875.
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