LOUISE OTTO-PETERS
Abb.: Sax.lips.art 127. Schröter, Hermann: Porträt Louise Otto-Peters, 1848, Lithografie - Stadt Leipzig. - Leipziger Städtische Bibliotheken
„Dem Staat werb‘ ich Bürgerinnen“ war das Motto, das Luise Otto-Peters ihrer „Frauen-Zeitung“ voranstellte. Sie war eine „bürgerliche“ Frauenrechtlerin und stellte das im 19. Jahrhundert vorherrschende Geschlechtsrollenverständnis nicht grundsätzlich infrage. Nicht Frauenfeindlichkeit und patriarchales Machtstreben machte sie vor allem den demokratisch gesinnten Männern zum Vorwurf, sondern Inkonsequenz. Denn: „Freiheit ist unteilbar!“ Sie wird verfehlt, wenn sie nur für eine Hälfte der Menschheit erkämpft wird. Den Frauen Bildung und Ausbildung und damit auch ihr „Recht auf Erwerb“, so der Titel ihrer wichtigsten Schrift, vorzuenthalten, steht jedem Fortschritt entgegen.
Als Initiatorin und erste Vorsitzende des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ (gegründet 1865) gilt Louise Otto-Peters als Begründerin der ersten organisierten Frauenbewegung in Deutschland.
Am 26. März wird Louise als jüngstes von fünf Kindern des Gerichtsdirektors und Senators Fürchtegott Wilhelm Otto und seiner Ehefrau Charlotte im sächsischen Meißen geboren.
Nach der Konfirmation ist ihre Schulzeit beendet. Auch den Töchtern des Bürgertums blieb der Zugang zu höheren Schulen verwehrt.
Beide Eltern erliegen in kurzem Abstand einer Lungenentzündung. Dank des Familienerbes kann die Vollwaise unter der Obhut einer Tante die nächsten Jahre im Haus der Familie verbleiben.
Louise verlobt sich mit dem Dresdner Advokaten und Dichter Gustav Müller. Heirat ist eine der wenigen Möglichkeiten für gebildete, alleinstehende „Bürgerstöchter“, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Als ihr Verlobter kurz darauf (1841) verstirbt, wendet sie sich einer anderen Möglichkeit zu: der Schriftstellerei.
Louise veröffentlicht ihren ersten Roman „Ludwig der Kellner“, in dem sie ihre Eindrücke von einer längeren Reise zur Schwester ins Erzgebirge verarbeitet, wo sie die Not der dortigen Weberinnen und das Elend des Industrieproletariats hautnah erlebt.
Bekanntschaft mit Robert Blum, für dessen „Vaterlandsblätter“ – wie auch für die vormärzliche Zeitschrift „Der Leuchthurm“ – sie in der Folge Texte über Frauenrechte schreibt, zum Teil unter dem Pseudonym „Otto Stern“.
Mit ihrem 1846 veröffentlichten Gedichtband „Lieder eines deutschen Mädchens“, dessen Texte sich vor allem den „einfachen“ Leuten und den Frauen zuwenden, wird Louise Otto deutschlandweit berühmt und als „Lerche des Völkerfrühlings“ verehrt.
Louise Otto gründet die erste „Frauen-Zeitung“, die kurz darauf aufgrund eines neuen Gesetzes verboten wird, wonach nur Männern die Herausgabe und Redaktion einer Zeitschrift erlaubt ist („Lex Otto“).
Verlobung mit dem Schriftsteller August Peters, während er als Teilnehmer des Zweiten Badischen Aufstand in Haft ist. Die Heirat findet erst nach seiner Entlassung acht Jahre später statt.
Am 18. Oktober gründet Louise Otto den „Allgemeinen Deutschen Frauenverein“ in Leipzig; das markiert den Beginn einer ersten organisierten Frauenbewegung in Deutschland. Zentrale Forderungen sind das Recht der Frauen auf gleiche Bildung sowie auf gleiche Chancen und Bezahlung am Arbeitsmarkt.
Am 13. März 1895 stirbt Louise Otto-Peters, kurz vor Vollendendung ihres 76. Lebensjahres, in Leipzig.
Helke Sander
Um begreiflich zu machen, was die Entdeckung von Luise Otto-Peters und vielen anderen Frauen der 1848er Jahre für uns bedeutete, muss ich zurück auf das Jahr 1968 gehen, zum „Republikanischen Club Berlin“, wo sich der im Januar desselben Jahres gegründete „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“ seither an jedem Mittwoch traf.
Ich kann mich an das hochrote Gesicht von Ingrid Schmidt-Harzbach erinnern, die mit fast überschlagener Stimme und gleichzeitigem Entdeckerstolz den anwesenden Frauen verkündete, dass sie ein Buch gefunden habe von einer gewissen Lily Braun, die darüber geschrieben habe, dass es schon im letzten Jahrhundert, also im 19., eine Frauenbewegung gegeben habe. Weiterlesen
Louise Otto-Peters
Wenn die Zeiten gewaltsam laut werden
Erschienen am 08.02.2024
Taschenbuch mit Klappen, 176 Seiten
€ (D) 14,– / € (A) 14,40
ISBN 978-3-462-50011-0
Wir waren alle platt. Dass es Arbeiterbewegungen gegeben hatte und auch noch gab, war gewissermaßen Bildungsstandard in den meist linken Kreisen, zu denen wir gefühlsmäßig auch als Frauen gehörten und aus denen normalerweise unsere Männer kamen. Zwei Frauen aus der DDR, die noch 1961 „rüber gemacht“ hatten, wussten allerdings mehr. Sie hatten in der Schule August Bebel „Die Frau und der Sozialismus“ lesen müssen und einiges von Clara Zetkin – Namen, die uns nichts sagten, aber bei den Ex-DDR-Frauen auch keinen großen Eindruck hinterlassen zu haben schienen. Immerhin wussten sie, dass es um reichlich diffus bleibende „proletarische“ und „bürgerliche“ Auseinandersetzungen ging.
Die anwesenden Frauen hatten allesamt Abitur, die meisten studierten oder hatten es zumindest vor („Wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind“), aber von Lily Braun und all den Namen, die allmählich auftauchten und die Angehörige einer früheren Frauenbewegung waren, die ihrerseits diverse Vorgängerinnen hatte, hatten wir bis auf die beiden erwähnten Ausnahmen nie etwas gehört. Aber auch deren Wissen reichte nicht bis an die 1848er Jahre heran, geschweige denn noch weiter zurück.
Nur eine brachte etwas zögernd das Gespräch auf die „Suffragetten“, ein Wort, das uns dem Namen nach bekannt war, aber etwas Anrüchiges an sich hatte. Suffragetten sollen Verrückte gewesen sein, die mit Regenschirmen auf Männer einprügelten. Ihr Ruf änderte sich erst, als wir selber ihre Texte gefunden hatten und zu lesen begannen.
Bald setzte ein regelrechter Boom an Neuentdeckungen ein, darunter auch Louise Otto-Peters. Es begann ein Run auf die Bibliotheken und auf immer neue Namen und Schriftstücke. Einigen Frauen ist es zu verdanken, systematisch die vielen Bruchstücke wieder bekannt gemacht und zusammengefügt zu haben.
Luise F. Pusch fing mit dem Sammeln frauenbiographischer Daten im Jahre 1982 an.1 Im Jahr 2001 gründete sie das Institut für Frauen-Biografieforschung, inzwischen ein gemeinnütziger Verein mit zehntausenden Biografien.
Renate Möhrmanns Habilitationsschrift, „Die andere Frau“2, die sich mit Schriftstellerinnen im Vormärz beschäftigte, wird von ihrem Buchverlag als „erste feministische Habilitationsschrift der Bundesrepublik“ bezeichnet; die Autorin hatte aber zunächst große Schwierigkeiten, das Thema bei ihren Professoren überhaupt durchsetzen zu können.
Kirsten „Kit“ Belgum befasste sich mit der Bedeutung der Zeitschrift „Die Gartenlaube“3, die von vielen nach Amerika geflüchteten 1848ern abonniert wurde und auch diverse Texte von Luise Otto Peters enthielt.
Dr. Ilse Reicke fasste in den 20ger Jahren des letzten Jahrhunderts ihre Kenntnisse in dem Buch „Die Frauenbewegung“ zusammen4, veröffentlicht bei Reclam, in dem sie sogar bis ins 16. Jahrhundert zurückgeht. Auch ihre Schrift war schon wieder vergessen. (Völlig unverständlich dagegen bleibt ihre Unterschrift und die weiterer 88 SchriftstellerInnen 1933 unter das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler).
Agnes von Zahn-Harnack schrieb ungefähr zur gleichen Zeit das Buch „Die Frauenbewegung. Geschichte, Probleme, Ziele“, Berlin 1928. Auch vergessen.
Claudia von Alemann drehte 1987 den Film „Das nächste Jahrhundert wird uns gehören“. Der Film ist Teil der Fernsehreihe „Unerhört – Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung von 1830 bis heute.“
Hannelore Schroeder gebührt die Ehre, 1972 die „Deklaration der Rechte der Frau und Bürgerin“, verfasst 1791 von Olympe de Gouges, wiederentdeckt zu haben. Sie erzählte mir einmal, dass sie die erste war, die das Dokument nach 181 Jahren Schlummern in der Pariser Bibliothek, ausgeliehen hatte. Es ist das einzige Dokument, das Frauen als gleichberechtigte Staatsbürgerinnen benennt. Die verschiedenen Erklärungen der Menschenrechte aus den revolutionären amerikanischen und französischen Jahren dieser und auch noch späterer Zeit sowie auch die Forderungen der männlichen 1848er taten das ausdrücklich nicht. Insofern folgen die „Schriften der frühen Demokraten und Demokratinnen“ durchaus unterschiedlichen Zielen.
Olympe de Gouges wurde für ihre Tat hingerichtet und lange Zeit vollständig aus der Erinnerung verbannt. Es gibt nur wenige deutsche Männer, die sich einigen der Forderungen der 1848er Frauen nach Bildung und Bürgerrechten angeschlossen oder sie hin und wieder unterstützt haben. Nicht selten hatte diese Unterstützung den Hauptgrund, das Eheleben weniger eintönig zu gestalten, weil die normal ungebildete Frau den Männern einfach zu langweilig war. Die damalige, allgemein akzeptierte Begründung hingegen, den Frauen das Recht auf Schulbildung und Berufsausbildung zu verweigern, können wir heute fast wortwörtlich bei den Taliban nachlesen, es fehlen bei ihnen nur die Argumente der gelangweilten Ehemänner.
Der Staatsmann Theodor Gottlieb Hippel sollte noch erwähnt werden, 1741 geboren, verfasste er 1774 die kritische, frauenfreundliche Schrift „Über die Ehe“5, wagte aber nicht, das Buch im Freundeskreis um den Philosophen Immanuel Kant, zu dem er gehörte, vorzustellen.
Diejenigen, die die neue Frauenbewegung Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts ins Leben gerufen hatten, kauften nun fortlaufend alles, was an Raubdrucken und hektografierten Texten nur irgendwie zugänglich wurde, staunten über das verloren gegangene Wissen und suchten nach den Ursachen für dieses Verschwinden, dessen Ausmaß uns erst in den folgenden Jahrzehnten richtig klar wurde.
Wir können nicht davon ausgehen, dass de Gouges‘ „Deklaration der Rechte der Frau und Bürgerin“ als Radikalforderung den Frauen 50 Jahre nach der Französischen Revolution, also den 1848erinnen, bekannt war. Es gab offenbar nur hin und wieder eine Namenserwähnung von de Gouges, die aber nicht mit dem Inhalt des Manifests verbunden war.
Trotz der ständigen massiven Verbote vieler von Frauen gegründeter Vereine, von Diskussionszirkeln, Zeitschriften und Büchern gab es doch immer wieder noch in die nächste und übernächste Generation reichende Bekanntheitsfäden, die ein völliges Vergessen verhinderten. Anders als die revolutionären 1848er Männer, die bis auf Ausnahmen ein abgeschlossenes Studium vorweisen konnten, waren die Frauen, auch die aus gebildeten Kreisen, im Schnitt kenntnisarm. Was sie verband, waren ihre Neugierde und ihr Wissensdurst. Es war schon beachtenswert, wenn die eine oder andere bis sie 14 Jahre alt war, eine rudimentäre Ausbildung erhielt und früh verheiratet werden konnte. Sie lernten Hauswirtschaft, stricken und nähen. Frauen durften sich nicht versammeln, keine Berufe erlernen und waren nicht an weiterbildenden Schulen zugelassen, was sowieso ihre Väter normalerweise verboten hätten – und sie waren vom politischen Leben praktisch ausgeschlossen.
Es dauerte noch einmal hundert Jahre, bevor die vier „Mütter“ des Grundgesetzes 1949 den Artikel 3 in das GG aufnehmen lassen konnten. Dazwischen lag die lange Zeit der zähen internationalen Bemühungen, um das Recht auf Bildung und Berufstätigkeit immer weiter durchzusetzen.
Eine dieser Mütter, Elisabeth Selbert, geb.,1896 lernte ebenfalls als Kind sticken, stricken und nähen. Ihr Ziel war es, Lehrerin zu werden. Auch dies scheiterte zunächst an fehlenden finanziellen Mitteln und am Vaterverbot. Diese Minimal-Forderungen, an der allgemeinen Schulbildung teilhaben zu können, erklären vielleicht, warum die viel radikaleren Forderungen des Manifests von de Gouges erst wieder von der neuen Frauenbewegung aufgegriffen werden konnten.
Nach 1968 entstanden Verlage, die in kleinen Auflagen und mit wenig Geld anfingen, einige dieser alten Texte zu verlegen, und es entstanden in vielen Städten Frauenbuchläden. Als dieses Gebiet kommerziell erfolgversprechend wurde, stiegen auch die großen Verlage in die Produktion ein.
In den Buchhandlungen landeten dann diese vielfältigen und sehr unterschiedlichen Produkte zunächst unter dem allgemeinen Titel „Frauenliteratur“ und nicht, wie bei Männern üblich, unter den gängigen Genres wie: Romane, Geschichte, Politik usw. Das wiederum veranlasste viele Frauen, alles daran zu setzen, nicht unter diesem Label „Frauenliteratur“ zu landen.
Wenn man sich heute die Bücherregale eher betagter intellektueller Männer anschaut – betagt deswegen, weil sich die Einrichtungen mit Bücherregalen bei jungen Leuten zugunsten digitaler Geräte reduziert haben –, dann findet man nur selten Texte von Frauen zu Fragen der Zeit. Frauen lasen diese neuen Bücher, Männer nur ausnahmsweise. Wenn die Bände dennoch in deren Regalen landeten, waren es häufig die ungelesenen Weihnachtsgeschenke ihrer Freundinnen.
Dieser lange Kampf um Gleichberechtigung zog sich durch das ganze 20. Jahrhundert mit einigen Erfolgen in der Weimarer Zeit und gesetzlich durchgesetzten Rückschlägen in der Nazizeit. Die Nachkriegszeit mit einem Frauenüberschuss von rund sieben Millionen Wählerinnen nahm die Kämpfe wieder auf, die es schon am Anfang des Jahrhunderts gegeben hatte und die sich hauptsächlich, vor allem beim politischen Katholizismus, vertreten durch CDU/ CSU, darum drehten, dass die Aufgaben von Männern und Frauen im Sakrament der Ehe verschieden verteilt seien und ihren entsprechenden Ausdruck in detailliert beschriebenen weiblichen Pflichten im BGB fanden, die dem Ehemann weitreichende Rechte über die Ehefrau garantierten und der „natürlichen Ordnung der Verhältnisse“ Genüge taten, damit aber die Kluft zwischen Gesetz und Wirklichkeit vertieften. Dazu gehörte das Entscheidungsrecht des Mannes in allen Fragen der Kindererziehung, sein Recht, Frauen die Berufstätigkeit zu verbieten, sein Recht, in Vermögensfragen zu bestimmen u.a.m. Der §6 Grundgesetz stellte Ehe und Familie in der christlichen Ausprägung mit dem Mann als Haupt der Familie unter besonderen Schutz. Das alles kollidierte eindeutig mit §3 GG – Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Die Auseinandersetzungen um diese Unvereinbarkeiten ziehen sich praktisch bis in die Gegenwart hin und spielen deshalb eine große Rolle nicht nur in den ständig wachsenden migrantischen Familien, sondern in der ganzen Gesellschaft.6
Mit dieser Aussage komme ich zurück auf eine der Vordenkerinnen, Luise Otto Peters, die in diesem Buch gewürdigt wird: „Immerhin soweit also wären wir, dass von allen, die dem wahren Fortschritt huldigen, es anerkannt ist: Die Teilnahme der weiblichen Welt am Staate ist eine Pflicht.“
1 Die Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch gilt als Begründerin der feministischen Linguistik in Deutschland und schreibt seit 1982 an einer „Frauenchronik“.
2 Renate Möhrmann: Die andere Frau. Emanzipationsansätze deutscher Schriftstellerinnen im Vorfeld der Achtundvierziger Revolution, Metzler Verlag, Stuttgart 1977.
3 Kursten Belgum: Popularizing the Nation: Audience, Representation, and the Production of Identity in Die Gartenlaube, 1853-1900. Lincoln, NE: University of Nebraska Press, 1998.
4 Ilse Reicke: Die Frauenbewegung. Ein geschichtlicher Überblick, Stuttgart 1929.
5 Theodor Gottlieb Hippel: Über die Ehe, Nachdruck in der Notos Verlagsbuchhandlung Gisela Aumann, 1976.
6 Mehr dazu in Robert G. Moeller: Geschützte Mütter, München 1997.
„Wenn sie Zeiten gewaltsam laut werden“ – schrieb ich früher –, „so kann es niemals fehlen, dass auch die Frauen ihre Stimme vernehmen und ihr gehorchen.“ Die Zeiten sind gewaltsam laut geworden! Der freie deutsche Geist ist aufgewacht, der schlummernd und gebunden in Ketten lag. Er ist aufgewacht und sieht, dass er Ketten trägt, und fasst in sie hinein und schüttelt sie ab – da fällt ein Ring nach dem anderen ab von diesen Ketten, und endlich werden sie alle, alle fallen – denn der freie deutsche Geist wird fortan keine Ketten mehr tragen wollen, und sobald er nicht mehr will, so muss er auch nicht. Es zieht eine heilige Frühlingsluft über das deutsche Land, welche seine Blütezeit verkündigt. Es ist Ostern und Pfingsten in Deutschland zugleich! Der freie Geist ist aus seinem Grab auferstanden, und die Begeisterung verkündigt ihn. Und das alles fühl‘ und sag‘ ich angesichts der Gräber auf Leipzigs Friedhof, denen man noch nicht einmal das schuldige Sühnopfer gebracht hat1 (…). Weiterlesen
Zuerst hat die politische Poesie die Frauen aufgeweckt. Schon zu Anfang des Jahres 1844 konnte ich schreiben: „Die politische Poesie hat die Frauen mit Interesse für die Fragen des Tages erfüllt. Dank Euch Poeten! Ihr habt die Völker aus dem Schlafe singen wollen, und die Frauen sind wirklich von Euern Liedern erwacht! – Halb liegt es in jener Verzärtelung, mit welcher die weiblichen Gemüter von Kind auf nur für das Weiche, Sanfte, Schmeichelnde gebildet werden, halb in der eigentlichen Natur des Weibes, welche meist dem warmen Ausbruch des Gefühls vor den kalten Schlüssen des Verstandes, dem Schönen vor dem Starken den Vorzug gibt, dass die Poesie den Weg zum weiblichen Herzen immer offen findet, während es oft der Sprache gemessener Auseinandersetzung unzugänglich ist –, und so drang der Sinn für Politik auf dem belebenden Flügelschlag der Taube Poesie in das weibliche Herz, während er auf dem breiten Gespann der Zeitungsblätter davor anzuhalten vergebens sich bemühte – er fand keinen Einlass. Es entspricht dies ganz der übrigen Art, wie man uns bildet, wenn die trockenen Schulstudien beendet sind; unsere Länderkunde schöpfen wir aus Reisenovellen, unsere Geschichtskunde aus geschichtlichen Romanen, unsere Kenntnis deutscher Sprechregeln aus der französischen Grammatik. Warum nicht unsere Politik aus Gedichten? Solange man uns noch ein systematisches Lernen und Fortlernen verweigert, solange müssen wir in allen spielend lernen – auch in der Politik. Der erste Schritt, die Frauen zur Teilnahme in den Angelegenheiten des Staates anzuregen, ist getan – ist durch die Poesie getan.“ (…) Einige wenige Beispiele werden genügen, um darzutun, dass ich mit Obigem Recht gehabt. (…)
Als Herwegh z. B. seine „Deutsche Flotte“, sein Lied für die „Partei“, sein „Die Lerche war’s, nicht die Nachtigall“ einzeln in die Welt sandte und andere seinem Beispiel folgend in Zeitschriften oder besonderen Abdrücken Gelegenheitsgedichte gaben, welche nichts weiter – aber auch dies gerade entschieden – sein wollten als politische Demonstrationen, so machten diese Lieder auch in den Frauenkreisen schnelle Runde und regten zur weiteren Kenntnisnahme und Besprechung der darin enthaltenen Zeitfragen an. Wer die Literaturerscheinungen nicht nur in ihren Wirkungen, welche sie in der literarischen Welt selbst, sondern in denen, welche sie im Volk hervorbringen, kennt, wird wissen, dass besonders was die Poesie betrifft, die Lesewelt und besonders die weibliche immer nachhinkt. Wir Schriftsteller haben oft schon längst als einen „überwundenen Standpunkt“ erklärt, woran die anderen noch eigensinnig festhalten. Als wir bei Heine waren, hingen sie nach an Tiedge, Ernst Schulze, Th. Körner u.a. – erhoben wir C. Beck, Lenau, Anastasius Grün u.a. auf unser Schild, so hielten sie es mit Heine – als Herwegh unsere Losung ward, so – doch hier ändert sich plötzlich die Sache, ändert sich aber durch die politische Poesie, die Frauen schwärmten für Herwegh so gut wie die jungen Männer, oder hielten es wenigstens für eine gesellige Pflicht, Kenntnis von ihm zu nehmen; und so hat die Poesie die Frauen aufgeweckt!
Dann haben die Landtage wesentlich dazu beigetragen, die Teilnahme der Frauen am Staate zu beleben.
Um die Sache zuerst von ihrer gewöhnlichsten und flachsten Weise darzustellen, so hat zuerst der Wunsch, ihre Gatten, Väter, Söhne und Freunde vor allem Volk sprechen zu sehen und zu hören, die Frauen veranlasst, dann und wann die Kammerverhandlungen selbst zu besuchen oder, wo ihnen dies unmöglich war, die Landtagsmitteilungen zur Hand zu nehmen. Wie unser Verfassungsleben weiter sich ausbildete, wie die Teilnahme des Volks an den Kammerverhandlungen eine immer ausgebreitetere, allgemeinere ward, so ist es auch bei den Frauen geworden, und namentlich während des letzten sächsischen Landtags hat es wohl unter den gebildeten sächsischen Frauen nur wenige gegeben, welche, wenn es ihnen an Zeit oder Ausdauer gebrach, die Landtagsmitteilungen selbst zu lesen, ihnen nicht wenigstens in den Auszügen, welche die Zeitschriften gaben, gefolgt wären. War dies einmal geschehen, so konnte es nicht fehlen, dass alle die politischen Gegenstände, welche auf dem Landtag verhandelt wurden, auch mit in den geselligen Kreisen der Frauen ihre Besprechung fanden – und so war ja schon für die Teilnehme der Frauen am Staat viel erreicht, wovon man vor wenig Jahren noch nichts sich träumen lassen konnte.
Aber vor allem ist es die religiöse Bewegung, welcher wir den schnellen Fortschritt der weiblichen Teilnahme an den Fragen der Zeit verdanken. Mit dem Deutschkatholizismus2 war die Losung gegeben einer allgemeinen geistigen Gleichheit vor Gott, von Priestern wie Laien, Gelehrten und Unwissenden, Männern und Frauen. Die neue Bewegung gilt der Religion – nicht der Kirche. Wäre sie nur eine Kirchenverbesserung, handelte es sich dabei um spitzfindige Lehrsätze, um äußere Formen, so würde sie vielleicht weniger, als es geschehen, die Begeisterung der Frauen geweckt haben, da diese eben freudiger einer einzigen großen Idee sich weiht (selbst wenn sie die ganze Größe der Idee nicht immer begreifen sollte) als einzelnen Formen und bestimmten Theorien. Der Deutschkatholizismus ist ja eben gar nichts anderes als die Emanzipation der Religion von der Kirche – und religiöses Fühlen nach freiem Herzensbedürfnis, nicht kirchliches Gehorchen ist es, was ich oben als Hauptzug der Weiblichkeit genannt habe.
Wie nun aber alle Bewegungen der Gegenwart am lautesten sich kundgeben in der Literatur, so sollte man meinen, dass auch die Schriftstellerinnen die Zeitfragen mit in den Kreis ihrer Erzeugnisse gezogen hätten und also vor allem auch diejenigen, welche die Stellung des Weibes am nächsten berühren. (…) Dazu ist der Roman gerade in der neueren Zeit, die wieder dem Tendenzroman das Wort redet, diejenige politische Gattung, durch welche es sich am leichtesten auf andere – und besonders auf die Frauen der höheren und mittleren Stände – am sichersten wirken lässt. Betrachten wir aber die deutschen Schriftstellerinnen, so kommt mir die Mehrzahl von diesen vor wie – unsere Professoren. Es ist, als hielten sie ein spezielleres Eingehen auf die Zeitfragen – unter ihrer Würde. (…)
So weit also wären wir, dass von allen, die dem wahren Fortschritt huldigen, es anerkannt ist: „Die Teilnahme der weiblichen Welt am Staate ist eine Pflicht.“ Es handelt sich nun nicht mehr darum, ein Prinzip festzustellen, sondern nur darum, das Prinzip auch im Leben geltend zu machen, es zu verwirklichen. Es ist Tatsache, dass die deutschen Frauen jetzt mehr Interesse an öffentlichen, nationalen und politischen Dingen bekunden. Einzelne Erscheinungen zeigen, dass man ihnen die Gelegenheit dazu nicht mehr verweigert hat und dass sie dieselbe nicht mehr ungenutzt gelassen haben wie früher. Woher auf einmal dies alles? Wenn die Zeiten gewaltsam laut werden, so kann es niemals fehlen, dass auch die Frauen ihre Stimme vernehmen und ihr gehorchen.
Die Zustände in Bezug auf Erziehung, Bildung und Stellung der Frauen sind noch ganz dieselben geblieben wie sonst, und wir haben noch keine Gewährung dafür, dass der Anteil, welchen die Frauen jetzt an den Zeitereignissen zu nehmen beginnen, nicht wieder wie der, den sie 18153 nahmen, in sein früheres Nichts zurücksinke, sobald die Zeitereignisse minder gewaltig und weltbewegend sind als jetzt. Es ist noch nichts getan für den Unterricht der weiblichen Jugend, es ist den Frauen noch keine selbstständigere Stellung in der Gesellschaft angewiesen als bisher. Noch immer gilt, was schon vor drei Jahren galt: Die Erziehung und Bildung der Frauen stehen mit unseren staatlichen und sozialen Verhältnissen im Widerspruch.
Es wird in unseren Schulen vielleicht alles gelehrt, was der weibliche Verstand bis in sein vierzehntes Jahr fassen kann – aber dann, in einem Alter, in dem alle Geisteskräfte sich erst recht zu entfalten beginnen, in dem wir erst die rechte Liebe zu wissenschaftlichen Interessen fassen, in dem wir erst einsehen können, wie notwendig es sei, sich Kenntnisse zu erwerben, wo wir erst die Fähigkeit gewinnen, nicht alles, was man uns sagt, auf Treu und Glauben blindlings hinzunehmen: In einem solchen Alter wird die weibliche Bildung für vollendet betrachtet. Da mögen nun die Mädchen hingehen und Gesundheit und reinen harmlosen Sinn den Göttern des Tanzes und sinnlichen Vergnügungen opfern (…) – mögen am Piano ihren Fingern eine mechanische Geschicklichkeit erwerben und unter diesen Mühen vergessen, was sie in der Schule gelernt – mögen unter mühevoller und künstlerischer Anfertigung ihres Putzes über dem Sirenengesang der Eitelkeit die sanfte Sprache des Herzens überhören und keine Zeit finden, den Geist mit nützlichen Kenntnissen zu bereichern – mögen es verlorene Zeit nennen, nach den Angelegenheiten des Vaterlandes und der Menschheit zu fragen: Das will alles so der Brauch und die Sitte, und was davon abweicht, nennt die Welt unweiblich.
Müssten sich die Mädchen nur ausbilden, um treffliche Hausfrauen zu werden – es möchte noch angehen! Aber es liegt selten im Plan ihrer Erziehung, sie zu Hausfrauen, sondern vielmehr sie zu Puppen zu erziehen, es wird ihnen nichts um der Sache selbst willen gelehrt, sondern nur, um damit zu glänzen in der Gesellschaft – zu Puppen der Männer werden sie gemacht und sollen doch ihre Gefährtinnen sein. „Die Sucht, bemerkt zu werden“ – „liebloses Urteilen über andere“ – „Halbwisserei“ – „Nachbeterei ohne Selbstdenken“ – dies wirft Ida Frick in Ihrem Buch „Der Frauen Sklaventum und Freiheit“4 mit Recht den jetzigen deutschen Mädchen und Frauen vor und nennt dies die Ursachen der weiblichen „Sklaverei“. Ja, aber diese vier Übel sind nicht die Ursachen unserer Bildung und Stellung, sie sind deren traurige Folgen. Wen man zu einer Puppe ausputzt – ich kann nicht sagen, anzieht – und als solche hinausschickt auf den Markt des Lebens, sich einen Käufer zu suchen, der muss wohl streben, bemerkt zu werden, wenn eben diese Schaustellung Zweck ist – wem man die Interessen für das Allgemeine, Höhere, das große Ganze nimmt, der muss wohl für Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten sich interessieren, wem man es tausendfach erschwert, etwas Ganzes zu lernen, der muss wohl zur Halbwisserei sich flüchten, und wen man niemals denken gelehrt, sondern es stets verwehrt, der kann endlich gar nichts anderes wagen als – nachzubeten.
So suche man das Übel von Grund aus zu heilen, und beginne mit einer veränderten Erziehung der weiblichen Jugend.
Selbständig müssen die deutschen Frauen werden, nur dann werden sie auch fähig sein, ihrer Pflicht, teilzunehmen an den Interessen des Staates, immer und auf die rechte Weise nachzukommen. Diese Selbstständigkeit kann aber nur durch individuelle Bildung befördert werden (…). Die meisten Frauen bleiben Zeit ihres Lebens hindurch – Kinder. Erst leben sie unter steter, ja, stündlicher Aufsicht im Elternhaus und wagen keine anderen Ansichten zu haben als die in der Familie herrschenden; dann werden sie Gattinnen, und lieben sie den Gatten, so ist die Umbildung ihrer früheren Ansichten in die seinen leicht geschehen, gleichviel, ob es ganz entgegengesetzte sind oder nicht; erst urteilten sie im Geist ihrer Eltern, nun urteilen sie im Geist ihres Mannes, sie sprachen erst jenen, nun sprechen sie diesem nach (…).
Die Frau muss fähig sein, selbstständig zu urteilen, oder sie verletzt die menschliche Würde und ihre Weiblichkeit, indem sie zum Papagei wird, der gedankenlos nachspricht, was der Gebieter ihm vorgesprochen. Mit dem selbstständigen Handeln der Frauen steht es ebenso schlimm wie mit ihren Urteilen, es ist eines die notwendige Folge des anderen. (…)
Und Ihr, deutsche Schwestern, die Ihr aufgewacht seid zu dem hellen Tag der Gegenwart, in dem unser ganzes Volk für seine heiligsten Rechte kämpft, vergesst es nie, dass auch an Euch das Vaterland heilige Forderungen hat, und so ruft die Schwestern wach, die noch träumen, und erzieht Eure Mädchen zu würdigen Gefährtinnen eines freien Volkes.
Alles, alles, was nach Freiheit strebt, muss einander heben und tragen – denn die Freiheit ist nur eine! Eine Sonne, die mit ihrem heiligen belebenden Hauch alle Glieder und Poren des Staatskörpers durchdringen muss und die ihm noch gar nicht aufgegangen!
1 Am 12. und 13 August 1845 war es in Leipzig zu Protesten gegen einen Besuch des sächsischen Prinzen Johann, Bruder des sächsischen Königs, gekommen. Das königliche Militär hatte daraufhin das Feuer eröffnet, acht Menschen erschossen und viele verletzt („Leipziger Gemetzel“). Am Folgetag verlangte Robert Blum als Mitglied einer Delegation im Rathaus eine ehrenvolle Bestattung der Toten. Dies wurde verwehrt.
2 Der Deutschkatholizismus war eine religiös-politische Bewegung der sogenannten Vormärz-Zeit, die in liberaler Opposition zu den feudal-autoritären Zuständen in Staat und Kirche stand.
3 1815 endete Napoleons Herrschaft und wurde die politische Landschaft in Europa neu geordnet.
4 Ida Frick (1808-1893) war eine deutsche Schriftstellerin. Ihr Buch „Der Frauen Sclaventhum und Freiheit. Ein Traum am Hans-Heiling-Felsen. Allen deutschen Frauen und Jungfrauen gewidmet“ erschien 1845.
Und ich bin nichts als ein gefesselt Weib!
Schillers »Jungfrau von Orleans.«
(März 1848)
Es lag ein dumpfer Fluch ob allen Landen,
Ein dumpfer Fluch auf jeder Menschenbrust;
Die Völker schmachteten in schweren Banden,
Wie Hohn klang jedes Wort von Glück und Lust,
Wie Hohn klang, was die Dichterseher sangen
Von neuer Zeiten gold‘nem Morgenrot –
Die Freiheitssonne war ja untergangen
Und alles ringsum nächtlich still und tot.
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Da hab' ich traurig oft zu Nacht gesessen
Im wilden Schmerz, der mich nicht schlafen ließ,
Und konnte nicht die Welt um mich vergessen,
Das Leben nicht, das doch nur Elend wies –
Doch immer hörte ich im Geist die Kunde:
Warum im Dunkeln zweifeln an dem Licht?
Geschrieben steht: »Ihr wisst nicht Tag und Stunde,
Doch kommt der Herr und hält ein Weltgericht.«
Und stark im Glauben und im innern Schauen
Warf ich mich wieder in das Weltgewühl,
Sang stolze Freiheitslieder im Vertrauen:
Bald wird zur Wahrheit, was jetzt nur Gefühl.
Und klagend ob der Zeiten schwer Verschulden
An aller Völker Ehre, Seel' und Leib,
Rief ich im Zorn ob schmählichem Erdulden:
»Und ich bin nichts als ein gefesselt Weib!«
Erfüllt ward, was die Bibelworte sagen:
»Will Gott ein Volk befrein,« spricht der Prophet,
»Wird er mit Blindheit seinen König schlagen« –
Da sehn wir, wie die Freiheit aufersteht.
Der Julikönig stürzt vom Herrschersitze,
Die Marseillaise wird sein Abschied'gruß,
Sein Purpurmantel schmückt als Freiheitsmütze
Das Mal des Sklavenführers Spartakus.
So ist in Frankreich Tag und Stunde kommen,
Die Weltgeschichte hält ihr Weltgericht;
Ein glorreich‘ Volk hat sich sein Recht genommen,
Ein Volk, das nicht allein mit Worten spricht,
Vor dessen Taten alle Throne beben –
Und alle Völker wagen diesen Ruf:
Wir wollen frei, ein Volk von Brüdern leben,
Tot ist die Zeit, die feige Sklaven schuf!
Und jubelvoll ringsum im deutschen Lande
Hallt es von Gleichheit und von Menschenrecht;
Die Herzen lodern auf im Freiheitsbrande;
Zum deutschen Bürger wird der deutsche Knecht;
Das Volk will nicht nach Blut und Aufruhr dürsten
Doch will es ein Gesetz aus eigner Wahl,
Vor dem es selbst sich beugt samt seinen Fürsten,
Was ihm gebührt – das will es allzumal!
Freiheit und Gleichheit in den deutschen Staaten
Und jedes Recht, das man uns vorenthielt,
Um das wir lang' als schwache Kinder baten,
Das man versprach und nimmer doch erfüllt:
Das muss uns heut, das muss uns allen werden!
Es kommt die neue Zeit mit ehrnem Gang,
Mit großem Aug' und mutigen Gebärden
Und einem heiligen Triumphgesang.
Arbeit und Brot! Ihr werdet's nicht vergessen –
Das ist die Losung dieser neuen Zeit!
Gebt dem sein Recht, der keines noch besessen!
Denkt an der Armut, an des Hungers Leid;
Pflegt wohl der Menschenliebe goldne Saaten
Und pflückt der Freiheitsbäume reife Frucht;
Ist dann des Landmanns Ernte auch missraten:
Vom Hungertod wird niemand heimgesucht!
O hohe Zeit! rings flicht man Bürgerkronen
Und feiert schon der Freiheit Ostertag,
Und jauchzt im »Männerstolz vor Königsthronen«,
Weckt auf das Volk, das nicht mehr schlafen mag.
O schöne Zeit! könnt' ich mit Euch erheben
Dies deutsche Land, dass frei es sei und bleib'!
Ich bet' um Segen nur für Euer Streben, –
»Denn ich bin nichts als ein gefesselt Weib!«
»Ists wahr? Ists möglich? klangs von Mund zu Munde!
Wie konnte solche schlimme Tat geschehen?«
So fragend Tausende betroffen stehen
Als man von Wien vernahm die Schreckenskunde.
»Ach es ist wahr!« tönt's jammernd in der Runde,
Zum Opfer wurde Robert Blum ersehen,
Als Märtyrer zum blutgen Tod zu gehen
Dem Volke treu bis zu der letzten Stunde.
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Dem deutschen Volke, das ihm fest vertraute
Das ihn gewählt zu seinen Abgesandten
Weil so wie er es keiner je verstanden.
Und jedes Herz sein Hoffen auf ihm baute!
Und Allen, die wie ich ihn ganz erkannten
Verstummt der Schmerz im dumpfen Jammerlaute.
Die Glocken hallen dumpf am Jahresende,
In diesen schweren unheilvollen Zeiten
Ins Grab die deutsche Freiheit zu geleiten –
Ach! ohne Hoffnung, dass ihr Los sich wende!
Gefängnis, Flucht und Tod – das ist die Spende
Für alle, die dem Vaterland sich weihten,
Dem Volke Recht und Einheit zu erstreiten,
Dass es zu einem Reiche sich verbände!
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Und doch, und doch! – Die Freiheit kann nicht sterben
Ein Volk, das sich so opferfroh gezeigt,
Kann nicht für immer, kann nicht ganz verderben!
Und wenn auch jetzt der Hoffnung Saat verblüht –
Wir säten doch – das Volk wird einst noch erben
Um was wir kämpfen und noch nicht erreicht.
Programm (Editorial der ersten Ausgabe)
Die Geschichte aller Zeiten, und die heutige ganz besonders, lehrt, dass diejenigen auch vergessen wurden, welche an sich selbst zu denken vergaßen! – Das schrieb ich im Mai des Jahres 1848 hinaus in die Welt, als ich zunächst meine Worte an die Männer richtete, die sich in Sachsen mit der Frage der Arbeit beschäftigten. Ich mahnte sie damit an die armen Arbeiterinnen, indem ich für meine Schwestern das Wort ergriff, auf dass sie nicht vergessen wurden!
Dieser selbe Erfahrungssatz ist es, welcher mich zur Herausgabe einer Frauen-Zeitung veranlasst. Mitten in den großen Umwälzungen, in denen wir uns alle befinden, werden sich die Frauen vergessen sehen, wenn sie selbst an sich zu denken vergessen! Weiterlesen
Wohl auf denn, meine Schwestern, vereinigt euch mit mir, damit wir nicht zurückbleiben, wo alle und alles um uns und neben uns vorwärtsdrängt und kämpft. Wir wollen auch unser Teil fordern und verdienen an der großen Welt-Erlösung, welche der ganzen Menschheit, deren eine Hälfte wir sind, endlich werden muss.
Wir wollen unser Teil fordern: das Recht, das Rein-Menschliche in uns in freier Entwickelung aller unserer Kräfte auszubilden, und das Recht der Mündigkeit und Selbständigkeit im Staat.
Wir wollen unser Teil verdienen: Wir wollen unsere Kräfte aufbieten, das Werk der Welt-Erlösung zu fördern, zunächst dadurch, dass wir den großen Gedanken der Zukunft: Freiheit und Humanität (was im Grunde zwei gleichbedeutende Worte sind) auszubreiten suchen in allen Kreisen, welche uns zugänglich sind, in den weiteren des größeren Lebens durch die Presse, in den engeren der Familie durch Beispiel, Belehrung und Erziehung. Wir wollen unser Teil aber auch dadurch verdienen, dass wir nicht vereinzelt streben nur jede für sich, sondern vielmehr jede für alle, und dass wir vor allem derer zumeist uns annehmen, welche in Armut, Elend und Unwissenheit vergessen und vernachlässigt schmachten.
Wohl auf, meine Schwestern, helft mir zu diesem Werk! Helft mir für die hier angedeuteten Ideen zunächst durch diese Zeitung wirken! –
Ich meine nun zwar alles gesagt zu haben, was über die Tendenz dieser Zeitung zu sagen ist – aber leider muss ich denen Recht geben, welche mir zuflüstern, umgekehrt von der gewöhnlichen Redensart, »es sei mit dem Positiven nicht genug«: Ich müsse auch noch Negatives hinzufügen – will hier sagen: Ich müsse mich und diese Zeitung vor Missverständnissen schützen. – Nein! ich kann darüber keine Worte machen! Ich berufe mich auf mein Leben, auf mein schriftstellerisches Wirken seit 1843. Wer etwas davon kennt, wird wissen, dass ich nicht zu den sogenannten »Emanzipierten« gehöre, zu denen, welche das Wort »Frauen-Emanzipation« in Misskredit gebracht haben, indem sie das Weib zur Karikatur des Mannes herabwürdigten. Für diejenigen, die noch nichts von mir wissen, möge einstweilen die Versicherung genügen, dass ich eben durch die Tendenz dieser Zeitung dem Irrtum entgegenzuarbeiten hoffe, welcher oft gerade die begabtesten Frauen veranlasste, ihr Streben nach geistiger Freiheit in der Zügellosigkeit der Leidenschaften zu befriedigen. – Man wird also weder mich noch meine mitarbeitenden Schwestern zu diesen »Emanzipierten« werfen können, wohl aber werden wir stolz darauf sein, wenn man uns Nachfolgerinnen jener edlen Jungfrau aus Bethanien nennt, von welcher das leuchtende Vorbild aller Menschen sagte: »Maria hat das bessere Teil erwählt!«
So fordere ich denn hiermit alle gleichgesinnten Schriftstellerinnen und Schriftsteller, welche für die Rechte der Frauen in die Schranken traten, auf, mich bei diesem Unternehmen durch Beiträge zu unterstützen. Ich bitte auch diejenigen meiner Schwestern, die nicht Schriftstellerinnen sind, um Mitteilungen, zunächst die Bedrückten, die armen Arbeiterinnen, auch wenn sie sich nicht geschickt zum stilisierten Schreiben fühlen; ich werde ihre einfachen Äußerungen gern, wenn nötig, verdolmetschen – aber es liegt mir daran, dass gerade ihre Angelegenheiten vor die Öffentlichkeit kommen, so kann ihnen am ersten geholfen werden.
Alle Gesinnungsgleichen lade ich zum recht zahlreichen Abonnement ein, damit das Unternehmen gedeihen könne!
Louise Otto
Die Freiheit ist unteilbar! – Dies ist ein so einfacher Lehrsatz, dass er der erste Artikel in jedem Glaubensbekenntnis sein sollte. Gleichwohl müssen wir es täglich erfahren, dass er noch nicht überall Eingang gefunden, vielmehr nur bei gar wenigen Fleisch und Blut geworden ist. Es meinen viele, sich Freiheitskämpfer nennen zu dürfen, welche doch von dem Ideal der Freiheit mit ihren Gedanken fern sind und nur von einzelnen Freiheiten etwas wissen wollen, für deren Erringung sie sich abmühen. Wieviel z.B. ist in unserem Deutschland besonders nicht für Glaubensfreiheit gekämpft und gelitten worden, wieviel edle Männer und Frauen sind nicht dafür in den Tod gegangen. Sie nannten sich Freiheitskämpfer und wollten doch weiter nichts als die Freiheit, Gott anzubeten und ihm zu dienen, je nach ihrem Bedürfnis. Weiter fragten sie nach nichts. So gibt es heute noch viele – ja, selbst unter den Lichtfreunden und Deutschkatholiken –, welche sich nicht scheuen, selbstgefällig zu erklären, dass ihr Streben nach religiöser Freiheit nichts gemein habe mit dem Streben nach politischer Freiheit, ja, dass sie selbst ohne diese, sobald man ihnen nur eben jene garantiere, ganz zufrieden zu leben vermöchten. Höchstens bringt man diese heute mit der Frage in Verlegenheit, ob sie denn allen Ernstes einen so kindlichen Glauben haben, dass es ihnen nie einfällt zu bedenken, ob ein Staat, der nicht auf den Grundpfeilern der Freiheit ruht, in seinen engherzigen, bevormundenden Institutionen auch wirklich die religiöse Freiheit garantieren könne, davon noch gar nicht zu sprechen, ob er es wolle. Besonders aber meinen diejenigen sich Freiheitskämpfer vor allen anderen nennen zu dürfen, welche nur den politischen Fortschritt im Auge haben und ihm allein dienen. Dazu gehören vor allen die Liberalen vor dem März, die nur nach einzelnen Freiheiten rangen, wie Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit usw., und die man deshalb damals, als wir sogar dieser Güter noch entbehren mussten, für Freiheitshelden hielt. Einige von ihnen, die Beschränkten und Engherzigen, deren Blicke nie über den engen Horizont des Konstitutionalismus hinausgingen, sind auf derselben Stufe stehengeblieben, auf der sie damals standen, und wer vor dem März als Freiheitsmärtyrer dastand, erweist sich jetzt als gutgesinnter Reaktionär. – Andere hingegen von diesen Politikern setzen mit den errungenen einzelnen Freiheiten, wie Pressefreiheit usw., den Kampf um andere einzelne Freiheiten fort, sie kämpfen für die Republik, nehmen sich die Freiheit, den Adel abzuschaffen und sich selbst, die Bourgeoisie, an dessen Stelle zu setzen – aber sie beweisen durch all diese Bestrebungen, dass sie nichts wissen von der einen unteilbaren Freiheit! Und die Sozialisten? Und die soziale Freiheit? Die Sozialisten, welche meinen, ihre Utopien mit Hilfe einer Zwingherrschaft gründen zu können, welche über den politischen Fortschritt geringschätzend lächeln und an die Stelle religiöser Freiheit einen erzwungenen Atheismus setzen wollen – die freilich sind eben so fern von der Erkenntnis des Satzes: Die Freiheit ist unteilbar! Sie kann nicht in dem einen Zustande sein und in dem andern mangeln – die wahre Freiheit ist eben die Gottheit, die man nicht auf dem oder jenem Berge nur anbeten kann, sondern die man verehren und ihr dienen muss und kann allenthalben, wo ihr auch noch kein Tempel errichtet ist. Weiterlesen
Und nun lasst uns einmal fragen, wie viel Männer gibt es denn, welche, wenn sie durchdrungen sind von dem Gedanken, für die Freiheit zu leben und zu sterben, diese eben für alles Volk und alle Menschen erkämpfen wollen? Sie antworten gar leicht zu Tausenden mit Ja! Aber sie denken bei all ihren endlichen Bestrebungen nur an eine Hälfte des Menschengeschlechts - nur an die Männer. Wo sie das Volk meinen, da zählen die Frauen nicht mit.
Aber die Freiheit ist unteilbar! Also freie Männer dürfen keine Sklaven neben sich dulden – also auch keine Sklavinnen. Wir müssen den redlichen Willen oder die Geisteskräfte aller Freiheitskämpfer in Frage stellen, welche nur die Rechte der Männer, aber nicht zugleich auch die der Frauen vertreten. Wir können so wenig wie sie uns selbst zu Bundesgenossinnen haben wollen, sie die Bundesgenossen der Fahnenträger der Freiheit nennen! Sie werden ewig zu dem »Halben« gehören, und wenn sie auch noch so stolz auf ihre entschiedene Gesinnung sein sollten.
»Verbrüderung!« Das Losungswort ist gefallen, »Verbrüderung aller Arbeiter!« Ihr habt es selbst hinausgerufen in die Welt, ihr Arbeiter, und ihr habt es nicht ausgesprochen als eine Phrase, sondern als einen Aufruf, dem die Tat auf dem Fuße folgen soll. Weiterlesen
Da liegen sie vor mir, die Beschlüsse des Berliner Arbeiter-Kongresses, und ich neige mein Haupt voll Ehrerbietung vor dem kleinen Buch. Ich denke an das alte Gleichnis vom Senfkorn, aus dem ein großer Baum erwuchs, der die Lande weithin überschattete und darinnen die Vögel des Himmels nisteten. So möge euer Kongress mit seinen Beschlüssen der Keim sein, aus dem ein lebendiger Freiheitsbaum erwachse, ein Baum, der alle Arbeiter in seinen Schutz nehme, der über alle Lande den Schatten des Friedens breite und aus dessen Zweigen die Triumphgesänge der Freiheit und Liebe hervorschallen!
Der zweite Teil der »Beschlüsse« handelt von der »Selbsthilfe der Arbeiter« und schließt mit dem »§. 29: Von allen diesen Bestimmungen sind die weiblichen Arbeiter nicht ausgeschlossen und genießen unter gleicher Verpflichtung gleiche Rechte.«
Mit diesem habt ihr es ausgesprochen, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind, nach der Gleichheit der Arbeit. Ihr habt mit diesem Paragraphen den ganzen unsinnigen Fluch aufgehoben, der auf der einen Hälfte des Menschengeschlechts liegt: unberechtigt zu sein und unterdrückt von der anderen Hälfte nach dem sogenannten Recht des Stärkeren, welches nichts ist als die rohe Gewalt und also nicht ihr Recht, sondern ihr Unrecht. Arbeiter! Ihr habt damit die anderen Männer beschämt, die Männer der Wissenschaft, des Staats, der Geschäfte usw., welche niemals daran denken, dass neben ihnen noch eine gleich große Zahl menschlicher Wesen existiert, welche auch zur Freiheit und Selbständigkeit geboren sind wie sie, ebenbürtige Wesen. Nur der Wahnsinn alten Vorurteils und die irrtümlichen Anschauungen überwundener Standpunkte der vergangenen Zeit konnten es geschehen lassen, dass ein Mensch den anderen zu seinem Eigentum, seinem Sklaven oder, wenn ihr wollt, seiner Sklavin machte, diese Zeit ist vorüber, ein neuer Tag ist angebrochen.
So bin ich es denn gewiss: Ihr habt es nicht vergessen, dass ihr nicht nur Brüder seid untereinander, sondern dass ihr auch Schwestern habt. Schwestern, die wie ihr leiden unter den Herrenrechten des Geldes, unter der Übermacht des Kapitals, unter dem Druck tyrannischer Arbeitgeber und eines Übermaßes von Konkurrenz; Schwestern, die nicht nur gezwungen sind, ihre Arbeitskraft für einen kargen Lohn, der zum Leben nicht ausreicht, zu verkaufen, sondern die oft nur zu leben vermögen, indem sie sich der Schande preisgeben, den fluchwürdigsten Sündensold zu erwerben.
Aber, wie die Natur zwei verschiedene Geschlechter schuf, so hat sie denselben für diese Verschiedenheit auch verschiedene Wirkungskreise und körperliche Fähigkeiten zugewiesen. Ihr werdet also nicht meinen, dass mir es einfallen könnte, für die Frauen das ganz Gleiche zu fordern wie für die Männer. So wenig, wie eine Frau zur Besetzung eines Staatsamtes sich eignen würde, so wenig wird sie sich auch eignen, ein Schlossermeister oder Schmied zu werden. Ebenso ist nicht zu leugnen, dass, wie jetzt die Sachen stehen, wie die Bildung der Frauen hinter der Bildung der Männer zurückgeblieben, es auch den Frauen schwer werden würde, in gleicher Weise, wie ihr es tut, Assoziationen zu bilden und sich selbst zu helfen.
Es liegt also das Los der Arbeiterinnen mit in eurer Hand, Arbeiter! Sie können sich nicht allein helfen, ihr müsst euch ihrer annehmen und sie wenigstens führen und ihnen bei der Anordnung ihrer eigenen Angelegenheiten hilfreich an die Hand gehen! Ich bin gewiss, dass ihr dies tun werdet, da ihr einmal jenen Paragraphen in eure Beschlüsse aufgenommen und am besten wisst, wie schlimm es um eure Schwestern steht. Wollt ihr mir gestatten, unter euch, wie ich es schon früher getan, die Sache unserer armen Schwestern zu vertreten, so wird es mein Stolz und meine Freude sein, für sie und zu euch zu sprechen als eure treue Schwester.
»Jeder für sich!« Das war der verderbliche, unmenschliche und unchristliche Grundsatz, der lange Zeit die Gesellschaft regierte – sie bis auf den heutigen Tag noch beherrscht – und an den Rand des Verderbens gebracht hat. Wer aber einmal an dem Abgrund steht und ihn vor sich sieht, der wird sich wohl hüten, sich selbst hineinzustürzen oder sich ohne Gegenwehr hineindrängen zu lassen. Er handelt eben auch nach dem Grundsatz: »Jeder für sich!«, er wehrt sich, und so kommt es denn zum Kampf Aller gegen Alle. Damit ist keineswegs ein offener Bürgerkrieg gemeint, sondern der anarchische Zustand der freien Konkurrenz im Großen wie im Kleinen, der in der ganzen langen europäischen »glücklichen« Friedenszeit das Proletariat um Millionen von Seelen vermehrt und das unheimliche Wort Pauperismus geschaffen hat. Was aber diejenigen, welche die gesellschaftlichen Zustände mit aufmerksamem Auge betrachteten, längst in die Welt hinausriefen: dass die einzige Rettung in dem Wahlspruch der Humanität liege: »Alle für Alle!«. Das war lange Zeit ein vergebliches Rufen, weil die Regierungen nichts dulden wollten, das nur einen Zoll breit von der alten Ordnung (oder vielmehr Unordnung) abwich. Jetzt endlich ist das anders geworden, und wenigstens diejenigen, welche am nächsten an dem Abgrund stehen, müssen und werden, um sich und ihre Brüder und Schwestern zu retten, das Prinzip des Verderbens. »Alle gegen Alle und Jeder für sich« aufgeben und fortan Alle für Alle einstehen. Weiterlesen
»Die Assoziation ist frei!« Das war das Zauber-Wort, das in jenem größten März, den wir noch erlebten, die gepressten Herzen der verzweifelnden Arbeiter erleichterte und allen Bedrückten neuen Mut, neue Hoffnung gab. Ja, in der Assoziation liegt auch ihre einzige Rettung – die Rettung der armen Arbeiter und Arbeiterinnen; in der Assoziation liegt ihre ganze Zukunft!
Assoziationen für Alle! Es ist nicht genug, dass die Männer sich assoziieren, auch die Frauen müssen es tun; sie müssen entweder mit den Männern vereint handeln oder, wo die Interessen auseinandergehen, sich unter sich verbinden.
Schon mehrmals habe ich darauf hingewiesen, dass, wie die Arbeiter durch die »Berliner Beschlüsse« und durch die Einsetzung des »Zentralkomitees aller Arbeiter« in Leipzig selbst einen großartigen Anfang zur »Organisation aller Arbeiter« gemacht haben, sie auch darin würdig vorangingen, dass sie das Los der Arbeiterinnen berücksichtigten und ihnen unter gleichen Verhältnissen auch gleiche Rechte zusprechen. So soll den Bezirkskomitees der Arbeiter auch ein Komitee für Arbeiterinnen beigegeben werden. – Es gilt, zur Verwirklichung dieser Beschlüsse wirken zu helfen, und zwar von Seiten der Frauen selbst.
Die für die Stellung der Frauen als Arbeiterinnen wie im bürgerlichen Leben überhaupt gefährlichste Ansicht ist diejenige, welche ihr Los nicht direkt, sondern nur indirekt zu verbessern strebt. Wenn die Männer durch die Assoziation zu besserem und namentlich gesicherterem Verdienst gelangen, so wird natürlich auch das Los ihrer Frauen ein besseres werden – so wäre ihnen indirekt geholfen. Wir lassen uns gern diese indirekte Hilfe für die Gattinnen und unmündigen Töchter gefallen – aber den anderen Frauen, die nicht in diesen Verhältnissen stehen, dem ganzen weiblichen Geschlecht als solchem wäre damit nicht genützt, ja, sie wäre dessen unwürdig. In der neuen Gesellschaft, die wir konstituieren wollen und werden und der wir entgegengereift sind, auch wenn es noch nicht allgemein erkannt wäre, kann nicht mehr das rohe Recht des Stärkeren herrschen, das ein Geschlecht zum Eigentum des anderen gemacht hat, da gibt es nur Brüder und Schwestern, Arbeiter und Arbeiterinnen. Eben deshalb ist es an der Zeit, neben der Organisation der Arbeiter auch die Organisation der Arbeiterinnen vorzunehmen, und zwar diese wie jene auf dem friedlichen Wege der Assoziation. Das ist die direkte Hilfe, welche auch den Frauen gebührt.
Wir verhehlen uns die Schwierigkeiten nicht, welche dies Unternehmen bietet – Schwierigkeiten, die tausendmal größer sind als diejenigen, die bei der Organisation der Arbeiter angetroffen werden –, aber wer etwas Gutes ernstlich will, ist noch vor keiner Schwierigkeit zurückgeschreckt, sobald die Möglichkeit gegeben ist, sie, wenn auch nach langen Mühen und Kämpfen, zu überwinden! Nehmen wir diese Unruhe, diesen Kampf nicht auf uns, so bleibt uns dafür nichts als die Gewissheit, dass dann das Los der Arbeiterinnen immer bleiben wird, wie es gewesen: ein Los des Elends und vergeblichen Ringens, ein Los voll steter Quälereien und Demütigungen, daneben immer ganz dicht nur durch einen Schritt getrennt der scheinbar rettende Weg des Verbrechens und der Schande, im besten Falle aber ein Los der Unterdrückung und Abhängigkeit. Wollen wir unseren Schwestern, uns selbst, kein besseres verschaffen, weil es Mühe kosten wird?
Indes die Assoziation der Arbeiter leicht ist, da diese immer bestimmte Korporationen bildeten, als Gesellen und Zunft-Genossen schon immer in einer Art von Verbindung waren, fehlt es für die Assoziation der Arbeiterinnen an jedem solchen Anknüpfungspunkt. Eben deshalb ist sie aber gerade umso nötiger. Die Mädchen haben ihren Verdienst immer nur suchen müssen aufs Geradewohl, ohne sich gehörig auf das vorbereiten zu können, was zu ihrem Erwerb, ihrem Lebensunterhalt dienen sollte. Daher die Klage der Arbeitgebenden und sogenannten »Herrschaften«, dass es unter den arbeit- und dienstsuchenden Mädchen so viele »unbrauchbare« gäbe. Dieser Vorwurf über Unbrauchbarkeit ist zwar oft genug begründet, aber er trifft weniger die Mädchen, denen man ja die Gelegenheit, etwas Brauchbares zu lernen, abschnitt, als vielmehr die gesellschaftlichen Einrichtungen, welche hiervon die Schuld tragen. Der Staat hat den Arbeiterinnen nicht einmal einen Schatten derselben wenigen Rechte gegeben, welche er doch den Arbeitern gewährleistete; der Staat hat sich höchstens um die Dienstmädchen gekümmert und durch Überwachung ihrer Gesinde-Bücher sie der willkürlichen Rache ihrer Herrschaften preisgegeben oder um sie von der Polizei ausweisen zu lassen, wenn sie nicht gleich einen Dienst fanden (…). Was aber fragt der Staat nach dem Elend der Näherinnen, Stickerinnen, Klöpplerinnen etc.? – Nur durch die Assoziation helfen sich die Arbeiter auch allein und ohne die spezielle Mitwirkung des Staats: So mögen die Arbeiterinnen das gleiche versuchen; durch die »Berliner Beschlüsse« sind ihnen die Arbeiter entgegengekommen, nun mögen sie auch das ihrige tun! - In den Städten aber, wo Frauen-Vereine bestehen, wäre es Pflicht derselben, zunächst diese Sache in die Hand zu nehmen!
Vor ziemlich zwei Jahren war es, als ich diese Zeitung gründete und im Programm derselben schrieb: »Die Geschichte aller Zeiten und die heutige ganz besonders lehrt: dass diejenigen auch vergessen wurden, welche an sich selbst zu denken vergaßen.«
»Wohlauf, meine Schwestern, vereinigt euch mit mir, damit wir nicht zurückbleiben, wo alle und alles um uns und neben uns vorwärtsdrängt und kämpft. Wir wollen auch unser Teil fordern und verdienen an der großen Welt-Erlösung, welche der ganzen Menschheit, deren eine Hälfte wir sind, endlich werden muss.«
»Wir wollen unser Teil fordern: das Recht, das Rein-Menschliche, in uns in freier Entwickelung aller unserer Kräfte auszubilden und das Recht der Mündigkeit und Selbständigkeit im Staat.« Weiterlesen
»Wir wollen unser Teil verdienen: Wir wollen unsere Kräfte aufbieten, das Werk der Welt-Erlösung zu fördern, zunächst dadurch, dass wir den großen Gedanken der Zukunft: Freiheit und Humanität (was im Grunde zwei gleichbedeutende Worte sind) auszubreiten suchen in allen Kreisen, welche uns zugänglich sind, in den weitern des größeren Lebens durch die Presse, in den engeren der Familie durch Beispiel, Belehrung und Erziehung. Wir wollen unser Teil aber auch dadurch verdienen, dass wir nicht vereinzelt streben, nur jede für sich, sondern vielmehr jede für alle; und dass wir vor allem derer zumeist uns annehmen, welche in Armut, Elend und Unwissenheit vergessen und vernachlässigt schmachten.«
Zwei Jahrgänge dieser Zeitung liegen dem Publikum zur Beurteilung vor. Es wird ihr das Zeugnis geben müssen, treu an diesem Programm festgehalten zu haben, und die stets wachsende Teilnahme, welche dieselbe durch Abonnenten und Mitarbeiter-Kräfte fand, und zwar fand unter den ungünstigsten Verhältnissen, welche eine demokratische Zeitschrift nur haben konnte (das sächsische Blatt begann im April 1849, die dritte Nr. erschien unterm Belagerungszustand), wird es selbstredend bestätigen, dass dies Programm nicht vergebens geschrieben ward.
Es ist nicht Eitelkeit und Selbstlob: Es ist die Freudigkeit der Erfahrung zweier Jahre, mit der ich heute sagen darf: Die Frauen-Zeitung hat gehalten, was sie versprochen; was sie beabsichtigt und gewollt, hat sie erreicht und bezweckt. Sie hat »dem Reich der Freiheit Bürgerinnen geworben«, sie hat unzählige Frauen aufgeweckt aus ihrem Halbschlummer und angeregt, »ihr Teil zu fordern«, und noch mehr, »ihr Teil zu verdienen«, sie hat vor allem es dahin gebracht, dass nicht mehr nur »jede für sich« strebte, sondern vielmehr »jede für alle«; sie hat es auch dahin gebracht, »dass diejenigen, die nicht vergaßen, an sich selbst zu denken, auch nicht vergessen worden sind«. Die Erfahrungen der letzten Zeit und das neue Preßgesetz selbst bestätigen dies.
Weit entfernt von der allgemeinen Ausdrucksweise anderer Gesetze, hebt es § 12. des Preßgesetzes besonders hervor, dass nur »männliche Personen« Redaktionen von Zeitschriften führen dürfen. Es ist also kein Zweifel, dass man an die Frauen diesmal nicht zu denken vergessen hat. Insofern haben wir durch unsere Bestrebungen der letzten Jahre es wirklich dahin gebracht, dass man Rücksichten auf die Frauen nimmt, wie sie früher niemals genommen worden sind. – Als wir vor zwei Jahren unser Programm versendeten, dachten wir freilich bei jener Stelle nur an die Austeilung von Rechten an alle Staatsangehörige, wobei wir nicht vergessen sein wollten; wie jetzt die Sachen stehen, handelt es sich im Gegensatz um Entziehung von Rechten, und von unserem Standpunkt aus ist es jetzt nicht minder ehrenvoll für uns: auch dabei nicht vergessen worden zu sein, als es bei den früheren Verhältnissen, im umgekehrten Fall, das Gleiche gewesen wäre.
Ich bin hier zur Anführung des Grundes gekommen, aus dem ich die Frauen-Zeitung eingehen lassen und heute dies Abschiedswort schreiben muss.
Er ist enthalten in § 12. des Preßgesetz-Entwurfes: »Die verantwortliche Redaktion einer Zeitschrift dürfen nur solche im Königreich Sachsen wohnhafte männliche Personen führen«. Die übrigen Bedingungen der Redaktionsübernahme sind nicht nötig zu wiederholen, diese eine erklärt die Unmöglichkeit des längeren Bestehens einer »Frauen-Zeitung«, da auch »bei der Mitredaktion beteiligte Personen dieselben Eigenschaften haben müssen«. Alle den anderen nachfolgenden Bedingungen zur Fortführung der Redaktion würde ich haben genügen können, auch die Stellung der Kaution würde uns kein Hindernis gewesen sein – aber Frauen sind ein- für allemal nicht mehr zu einer Redaktion zulässig, und so bleibt mir nichts übrig, als samt der Frauen-Zeitung Abschied zu nehmen von ihren Lesern und Leserinnen.
Es fällt mir nicht ein, den Einflüsterungen klügelnder Schmeichler zu glauben, welche mir einreden wollen, man habe (weil eben noch nirgends und durch kein anderes deutsches Preßgesetz den Frauen die Führung von Redaktionen verboten worden) in dem betreffenden sächsischen Preßgesetz-Entwurf auf mich speziell Rücksicht genommen – allein ich kann nicht umhin, darin eine Anerkennung des Wirkens der »Frauen-Zeitung« zu finden, denn ehe sie bestand und ehe die Frauen selbst sich fühlen lernten als Frauen eines Volkes und sich berufen fühlten, seiner Sache zu dienen mit gleicher Begeisterung wie die Männer, wenn auch in anderer Weise, hätte allerdings so leicht kein Gesetz »zur Zügelung und gegen den Missbrauch der Presse« es berücksichtigt, dass diese Schutzwehr auch mit gegen die Frauen aufzurichten sei.
Scheinbar nur in die alte Unmündigkeit zurückgeworfen, sind die Frauen nie für mündiger in den Dingen des Staats erklärt worden als durch diesen Gesetzesparagraphen. Sie werden an Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen gewinnen, was man ihnen jetzt durch Entziehung eines Rechts geraubt hat.
Noch zwar ist jener Preßgesetz-Entwurf nicht als Gesetz publiziert, aber wir haben dies jedenfalls in kürzester Frist zu erwarten, und so hielten wir es für unangemessen, erst ein neues Quartal zu beginnen. Vielleicht aber kann man fragen: Warum, wenn ich auch gezwungen bin, von der Redaktion zurückzutreten, die »Frauen-Zeitung« nicht dennoch forterscheine unter einem zulässigen Redakteur?
Ich bin gewiss, dass wenigstens die Frauen nicht so fragen werden, welche von der Tendenz und den leitenden Prinzipien der »Frauen-Zeitung« durchdrungen sind. Wir wollten und wollen unser Recht uns selbst verschaffen und verdienen – und wir weichen lieber der Gewalt, als dass wir als unmündige Kinder unsere Zuflucht zu einem Schirmherrn nehmen, dessen wir nicht mehr bedürfen. Wir unterwerfen uns freiwillig keinen Oktroyierungen. Wissen wir nun doch, dass die Ideen, welchen unsere Zeitung das Wort geredet, nicht getötet werden können, wie dies arme Blatt – das ja auch selbst, wenn es heute stirbt, vielleicht nicht allzu lange seiner Auferstehung entgegenzuschlummern hat.
Dennoch, obwohl ich diese freudige Gewissheit mit mir nehme, und obwohl ich in diesem augenblicklichen Untergang der Frauen-Zeitung keinen Untergang sehe für die Prinzipien, denen sie diente, kann ich nicht ohne Wehmut, ja, sogar nicht ohne Schmerz dies Abschiedswort schreiben, und darum gestatte man mir, dass ich so lange dabei verweile, wie man Abschied nimmt von einem treuen Gefährten und zugleich, wie von ihm, aus einem ganzen großen lieb gewordenen Kreis scheidet.
Als ich die Zeitung begann, zweifelten viele an dem Gelingen des Unternehmens und andere daran, dass es wirklich ein Bedürfnis sei. Die Zweifel beider haben durch die gemachten Erfahrungen verstummen müssen. Wir begannen zu einer Zeit, wo die Verhältnisse für die demokratische Presse immer ungünstiger wurden, aber wir haben ihnen standgehalten, wir haben unserer Sache Opfer gebracht, aber andere mit uns haben dies auch getan, und wir danken allen, welche unsere Bestrebungen und unsern redlichen Willen unterstützten. Wie sehr aber eine Zeitung wie diese ein Bedürfnis war, dafür bürgt die weite Verbreitung, welche sie erhielt, dafür bürgen unzählige Briefe begeisterter Frauen von nah und fern, die ihre Zustimmung, ihre Freude zu erkennen gaben, dass endlich ein Organ geschaffen sei für ihre Interessen, ein Organ, welches mit ihren höheren Angelegenheiten sich beschäftigte und zugleich ein Band der Vereinigung webe für die gleichen und bisher doch vereinzelten Elemente. Viele unserer besten Schriftsteller und Schriftstellerinnen wendeten ihre Tätigkeit dem Blatte zu und bewiesen durch diese Unterstützung des Unternehmens, wie zeitgemäß dasselbe sei. (…) Korrespondenten und Korrespondentinnen, und zwar in den gesperrt gedruckten Städten regelmäßige, hatten wir in Altenburg, Aarau, Altona, Breslau, Berlin, Braunschweig, böhmische Grenze, Coburg, Chemnitz, Dresden, Erzgebirge, Freiberg, Großstrelitz, Hamburg, Hirschberg, Hanau, Kiel, Königsberg, Leipzig, Lausitz, Mecklenburg, Mainz, Meißen, Marggrabowo, Nancy, New-York, Provinz Preußen, Plauen, Oberschlesien, Rastatt, vom Rhein, Ravendsberg, Straßburg, Schleswig, Wien, Voigtland, Zürich u.a.
Zu scheiden aus diesem Kreis, dessen Mittelpunkt ich bis jetzt war, auseinanderfallen zu sehen, was nicht ohne Müh' geeinigt worden, aufzugeben eine Arbeit, die ziemlich zwei Jahre lang mein größtes Glück war und deren befriedigende Resultate, wo es sich um die Verbreitung und weitere Entwickelung unserer Tendenzen handelte, mich für vieles Trübe entschädigen, was diese traurige Zeit uns allen bietet – ich fühle es heute, wie schwer dies ist. Ich werde aus diesem teuren Kreis meiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Leser und Leserinnen scheiden, aus diesem bewegten Leben der Journalistik zurückkehren in die stumme Einsamkeit, und man wird wenig von mir hören, vielleicht mich vergessen. Aber ich nehme den Trost mit mir, dass ich nach Kräften das beste gewollt und erstrebt und dass der Samen, welchen die »Frauen-Zeitung« ringsum ausgestreut, nicht überall auf dürres Land gefallen ist und aufgehen, keimen und fortblühen wird, wenn die Hand, die ihn streute, auch vergessen ist und keinen neuen hinzufügen kann. Und ich nehme noch etwas mehr mit als diesen Trost: die Hoffnung, dass die Frauen-Zeitung heute nicht für immer begraben wird.
Ich betrachte das heutige Aufhören dieser Zeitschrift eigentlich mehr nur als eine Suspensation. Es ist jetzt in Deutschland, in Sachsen ja beinah alles suspendiert. Warum nicht auch die Frauen-Zeitung? Es werden wieder andere, menschlichere Zeiten kommen, wo diese Suspensierungen aufhören, auch die der Preßfreiheit – dann werden wir wieder an unserem Platz sein. Dann wird die »Frauen-Zeitung« wieder erstehen mit neuer Kraft in dem alten Geiste – und dann wird er nicht mehr gehemmt sein durch Verordnungen, Verbote, Verwarnungen und Konfiskationen, dann werden wir wieder frei sprechen und schreiben dürfen, und wie man jetzt ein Recht uns weigert, das bisher noch niemals in Frage kam, wird man dann keines mehr uns weigern von alle den Rechten, die jetzt vielleicht noch in Frage sind. – Bis dahin, deutsche Schwestern, wollen wir in der Stille wirken im Dienst der Freiheit, der allgemeinen, und darum auch der unseren, wir wollen ihr Bürgerinnen werben im Haus, in der Familie, wir werden es noch überall vermögen, wenn es auch durch die Presse nicht mehr wie vordem geschehen kann. Und wenn dann die Stunde der Erlösung kommt, auf die wir alle warten, so werden wir derselben besser dienen können und würdiger auf sie vorbereitet sein, als wie es vor Jahren der Fall war.
Bis dahin, lebet wohl – auf Wiedersehen!
Die Redaktion
Ludwig der Kellner, Meißen 1842
Kathinka, Leipzig 1844
Die Freunde, Leipzig 1845
Aus der neuen Zeit. Erzählungen, Leipzig 1845
Schloß und Fabrik. Roman, 1846 (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv). Überarbeitete und erweiterte Neuauflage 2021, herausgegeben von der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. Mit einem Vorwort von Godula Kosack und einer Einführung von Gisela Notz, Hentrich & Hentrich Verlag, Leipzig 2021.
Römisch und Deutsch, Leipzig 1847.
Über die Teilnahme der Frauen am Staatsleben, in: Vorwärts. Volkstaschenbuch für das Jahr 1847, hrsg. von Robert Blum, Leipzig 1847, S. 41-62.
Lieder eines deutschen Mädchens, Leipzig 1847.
Ein Bauernsohn, Leipzig 1849 (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv).
Die Kunst und unsere Zeit, Großenhain 1852.
Das Recht der Frauen auf Erwerb, Hamburg (Hoffmann und Campe) 1866; Neudruck als Sonderausgabe der „Sammlung Hofenberg“, Berlin 2015.
Zerstörter Friede. Roman. Jena 1866.
Frauenleben im Deutschen Reich: Erinnerungen aus der Vergangenheit mit Hinweis auf Gegenwart und Zukunft, Leipzig 1876; Nachdruck: Sonderausgabe, Berlin 2015.
Geistliche Fürsten und Herren in Deutschland bis zur Säkularisation 1803 Leipzig 1869.
Die Nachtigall von Werawag (Roman), Freiburg 1887.
Das erste Vierteljahrhundert des Allgemeinen deutschen Frauenvereins, Leipzig 1890.
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten, Leipzig 1893.
Artikel in der „Frauen-Zeitung“: Einzelne Ausgaben der „Frauen-Zeitung“ sind in verschiedenen Archiven zu finden, so z. B. im Berliner Bundesarchiv, in der Staats- und Universitätsbibliothek Dresden oder im FrauenMediaTurm, Köln. Die kompletten Ausgaben lassen sich u. a. im Archiv der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. sowie (auch als Digitalisate) in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (www.slub-dresden.de) einsehen.
Anja Zimmer: Ich habe Licht gebracht!: Louise Otto-Peters. Eine deutsche Revolutionärin. Roman, Sax Verlag 2019.
Ilse Nagelschmidt, Johanna Ludwig (Hrsg.): Louise Otto-Peters. Politische Denkerin und Wegbereiterin der deutschen Frauenbewegung, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden 1996.
Johanna Ludwig, Rita Janek (Hrsg.): Louise Otto-Peters. Literarisches und publizistisches Werk. Katalog zur Ausstellung, Leipziger Universitätsverlag 1995.
Christine Otto: Variationen des „poetischen Tendenzromans“. Das Erzählwerk von Louise Otto-Peters, Pfaffenweiler 1995.
Ruth-Ellen Boetcher Joeres: Die Anfänge der deutschen Frauenbewegung: Louise Otto-Peters, Frankfurt 1983.
Cordula Koepcke: Louise Otto-Peters. Die rote Demokratin. Freiburg 1981.
Ute Gerhard, Elisabeth Hannover-Drück, Romina Schmitter (Hrsg.): „Dem Reich der Freiheit werb’ ich Bürgerinnen“. Die „Frauen-Zeitung“ von Louise Otto, Frankfurt 1979.
Jeanne Berta Semmig: Louise Otto-Peters. Lebensbild einer deutschen Kämpferin. Union Verlag, Berlin 1957.
LOUISE OTTO-PETERS
Abb.: Sax.lips.art 127. Schröter, Hermann: Porträt Louise Otto-Peters, 1848, Lithografie - Stadt Leipzig. - Leipziger Städtische Bibliotheken
„Dem Staat werb‘ ich Bürgerinnen“ war das Motto, das Luise Otto-Peters ihrer „Frauen-Zeitung“ voranstellte. Sie war eine „bürgerliche“ Frauenrechtlerin und stellte das im 19. Jahrhundert vorherrschende Geschlechtsrollenverständnis nicht grundsätzlich infrage. Nicht Frauenfeindlichkeit und patriarchales Machtstreben machte sie vor allem den demokratisch gesinnten Männern zum Vorwurf, sondern Inkonsequenz. Denn: „Freiheit ist unteilbar!“ Sie wird verfehlt, wenn sie nur für eine Hälfte der Menschheit erkämpft wird. Den Frauen Bildung und Ausbildung und damit auch ihr „Recht auf Erwerb“, so der Titel ihrer wichtigsten Schrift, vorzuenthalten, steht jedem Fortschritt entgegen.
Als Initiatorin und erste Vorsitzende des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ (gegründet 1865) gilt Louise Otto-Peters als Begründerin der ersten organisierten Frauenbewegung in Deutschland.
Am 26. März wird Louise als jüngstes von fünf Kindern des Gerichtsdirektors und Senators Fürchtegott Wilhelm Otto und seiner Ehefrau Charlotte im sächsischen Meißen geboren.
Nach der Konfirmation ist ihre Schulzeit beendet. Auch den Töchtern des Bürgertums blieb der Zugang zu höheren Schulen verwehrt.
Beide Eltern erliegen in kurzem Abstand einer Lungenentzündung. Dank des Familienerbes kann die Vollwaise unter der Obhut einer Tante die nächsten Jahre im Haus der Familie verbleiben.
Louise verlobt sich mit dem Dresdner Advokaten und Dichter Gustav Müller. Heirat ist eine der wenigen Möglichkeiten für gebildete, alleinstehende „Bürgerstöchter“, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Als ihr Verlobter kurz darauf (1841) verstirbt, wendet sie sich einer anderen Möglichkeit zu: der Schriftstellerei.
Louise veröffentlicht ihren ersten Roman „Ludwig der Kellner“, in dem sie ihre Eindrücke von einer längeren Reise zur Schwester ins Erzgebirge verarbeitet, wo sie die Not der dortigen Weberinnen und das Elend des Industrieproletariats hautnah erlebt.
Bekanntschaft mit Robert Blum, für dessen „Vaterlandsblätter“ – wie auch für die vormärzliche Zeitschrift „Der Leuchthurm“ – sie in der Folge Texte über Frauenrechte schreibt, zum Teil unter dem Pseudonym „Otto Stern“.
Mit ihrem 1846 veröffentlichten Gedichtband „Lieder eines deutschen Mädchens“, dessen Texte sich vor allem den „einfachen“ Leuten und den Frauen zuwenden, wird Louise Otto deutschlandweit berühmt und als „Lerche des Völkerfrühlings“ verehrt.
Louise Otto gründet die erste „Frauen-Zeitung“, die kurz darauf aufgrund eines neuen Gesetzes verboten wird, wonach nur Männern die Herausgabe und Redaktion einer Zeitschrift erlaubt ist („Lex Otto“).
Verlobung mit dem Schriftsteller August Peters, während er als Teilnehmer des Zweiten Badischen Aufstand in Haft ist. Die Heirat findet erst nach seiner Entlassung acht Jahre später statt.
Am 18. Oktober gründet Louise Otto den „Allgemeinen Deutschen Frauenverein“ in Leipzig; das markiert den Beginn einer ersten organisierten Frauenbewegung in Deutschland. Zentrale Forderungen sind das Recht der Frauen auf gleiche Bildung sowie auf gleiche Chancen und Bezahlung am Arbeitsmarkt.
Am 13. März 1895 stirbt Louise Otto-Peters, kurz vor Vollendendung ihres 76. Lebensjahres, in Leipzig.
Helke Sander
Um begreiflich zu machen, was die Entdeckung von Luise Otto-Peters und vielen anderen Frauen der 1848er Jahre für uns bedeutete, muss ich zurück auf das Jahr 1968 gehen, zum „Republikanischen Club Berlin“, wo sich der im Januar desselben Jahres gegründete „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“ seither an jedem Mittwoch traf.
Ich kann mich an das hochrote Gesicht von Ingrid Schmidt-Harzbach erinnern, die mit fast überschlagener Stimme und gleichzeitigem Entdeckerstolz den anwesenden Frauen verkündete, dass sie ein Buch gefunden habe von einer gewissen Lily Braun, die darüber geschrieben habe, dass es schon im letzten Jahrhundert, also im 19., eine Frauenbewegung gegeben habe. Weiterlesen
Wir waren alle platt. Dass es Arbeiterbewegungen gegeben hatte und auch noch gab, war gewissermaßen Bildungsstandard in den meist linken Kreisen, zu denen wir gefühlsmäßig auch als Frauen gehörten und aus denen normalerweise unsere Männer kamen. Zwei Frauen aus der DDR, die noch 1961 „rüber gemacht“ hatten, wussten allerdings mehr. Sie hatten in der Schule August Bebel „Die Frau und der Sozialismus“ lesen müssen und einiges von Clara Zetkin – Namen, die uns nichts sagten, aber bei den Ex-DDR-Frauen auch keinen großen Eindruck hinterlassen zu haben schienen. Immerhin wussten sie, dass es um reichlich diffus bleibende „proletarische“ und „bürgerliche“ Auseinandersetzungen ging.
Die anwesenden Frauen hatten allesamt Abitur, die meisten studierten oder hatten es zumindest vor („Wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind“), aber von Lily Braun und all den Namen, die allmählich auftauchten und die Angehörige einer früheren Frauenbewegung waren, die ihrerseits diverse Vorgängerinnen hatte, hatten wir bis auf die beiden erwähnten Ausnahmen nie etwas gehört. Aber auch deren Wissen reichte nicht bis an die 1848er Jahre heran, geschweige denn noch weiter zurück.
Nur eine brachte etwas zögernd das Gespräch auf die „Suffragetten“, ein Wort, das uns dem Namen nach bekannt war, aber etwas Anrüchiges an sich hatte. Suffragetten sollen Verrückte gewesen sein, die mit Regenschirmen auf Männer einprügelten. Ihr Ruf änderte sich erst, als wir selber ihre Texte gefunden hatten und zu lesen begannen.
Bald setzte ein regelrechter Boom an Neuentdeckungen ein, darunter auch Louise Otto-Peters. Es begann ein Run auf die Bibliotheken und auf immer neue Namen und Schriftstücke. Einigen Frauen ist es zu verdanken, systematisch die vielen Bruchstücke wieder bekannt gemacht und zusammengefügt zu haben.
Luise F. Pusch fing mit dem Sammeln frauenbiographischer Daten im Jahre 1982 an.1 Im Jahr 2001 gründete sie das Institut für Frauen-Biografieforschung, inzwischen ein gemeinnütziger Verein mit zehntausenden Biografien.
Renate Möhrmanns Habilitationsschrift, „Die andere Frau“2, die sich mit Schriftstellerinnen im Vormärz beschäftigte, wird von ihrem Buchverlag als „erste feministische Habilitationsschrift der Bundesrepublik“ bezeichnet; die Autorin hatte aber zunächst große Schwierigkeiten, das Thema bei ihren Professoren überhaupt durchsetzen zu können.
Kirsten „Kit“ Belgum befasste sich mit der Bedeutung der Zeitschrift „Die Gartenlaube“3, die von vielen nach Amerika geflüchteten 1848ern abonniert wurde und auch diverse Texte von Luise Otto Peters enthielt.
Dr. Ilse Reicke fasste in den 20ger Jahren des letzten Jahrhunderts ihre Kenntnisse in dem Buch „Die Frauenbewegung“ zusammen4, veröffentlicht bei Reclam, in dem sie sogar bis ins 16. Jahrhundert zurückgeht. Auch ihre Schrift war schon wieder vergessen. (Völlig unverständlich dagegen bleibt ihre Unterschrift und die weiterer 88 SchriftstellerInnen 1933 unter das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler).
Agnes von Zahn-Harnack schrieb ungefähr zur gleichen Zeit das Buch „Die Frauenbewegung. Geschichte, Probleme, Ziele“, Berlin 1928. Auch vergessen.
Claudia von Alemann drehte 1987 den Film „Das nächste Jahrhundert wird uns gehören“. Der Film ist Teil der Fernsehreihe „Unerhört – Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung von 1830 bis heute.“
Hannelore Schroeder gebührt die Ehre, 1972 die „Deklaration der Rechte der Frau und Bürgerin“, verfasst 1791 von Olympe de Gouges, wiederentdeckt zu haben. Sie erzählte mir einmal, dass sie die erste war, die das Dokument nach 181 Jahren Schlummern in der Pariser Bibliothek, ausgeliehen hatte. Es ist das einzige Dokument, das Frauen als gleichberechtigte Staatsbürgerinnen benennt. Die verschiedenen Erklärungen der Menschenrechte aus den revolutionären amerikanischen und französischen Jahren dieser und auch noch späterer Zeit sowie auch die Forderungen der männlichen 1848er taten das ausdrücklich nicht. Insofern folgen die „Schriften der frühen Demokraten und Demokratinnen“ durchaus unterschiedlichen Zielen.
Olympe de Gouges wurde für ihre Tat hingerichtet und lange Zeit vollständig aus der Erinnerung verbannt. Es gibt nur wenige deutsche Männer, die sich einigen der Forderungen der 1848er Frauen nach Bildung und Bürgerrechten angeschlossen oder sie hin und wieder unterstützt haben. Nicht selten hatte diese Unterstützung den Hauptgrund, das Eheleben weniger eintönig zu gestalten, weil die normal ungebildete Frau den Männern einfach zu langweilig war. Die damalige, allgemein akzeptierte Begründung hingegen, den Frauen das Recht auf Schulbildung und Berufsausbildung zu verweigern, können wir heute fast wortwörtlich bei den Taliban nachlesen, es fehlen bei ihnen nur die Argumente der gelangweilten Ehemänner.
Der Staatsmann Theodor Gottlieb Hippel sollte noch erwähnt werden, 1741 geboren, verfasste er 1774 die kritische, frauenfreundliche Schrift „Über die Ehe“5, wagte aber nicht, das Buch im Freundeskreis um den Philosophen Immanuel Kant, zu dem er gehörte, vorzustellen.
Diejenigen, die die neue Frauenbewegung Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts ins Leben gerufen hatten, kauften nun fortlaufend alles, was an Raubdrucken und hektografierten Texten nur irgendwie zugänglich wurde, staunten über das verloren gegangene Wissen und suchten nach den Ursachen für dieses Verschwinden, dessen Ausmaß uns erst in den folgenden Jahrzehnten richtig klar wurde.
Wir können nicht davon ausgehen, dass de Gouges‘ „Deklaration der Rechte der Frau und Bürgerin“ als Radikalforderung den Frauen 50 Jahre nach der Französischen Revolution, also den 1848erinnen, bekannt war. Es gab offenbar nur hin und wieder eine Namenserwähnung von de Gouges, die aber nicht mit dem Inhalt des Manifests verbunden war.
Trotz der ständigen massiven Verbote vieler von Frauen gegründeter Vereine, von Diskussionszirkeln, Zeitschriften und Büchern gab es doch immer wieder noch in die nächste und übernächste Generation reichende Bekanntheitsfäden, die ein völliges Vergessen verhinderten. Anders als die revolutionären 1848er Männer, die bis auf Ausnahmen ein abgeschlossenes Studium vorweisen konnten, waren die Frauen, auch die aus gebildeten Kreisen, im Schnitt kenntnisarm. Was sie verband, waren ihre Neugierde und ihr Wissensdurst. Es war schon beachtenswert, wenn die eine oder andere bis sie 14 Jahre alt war, eine rudimentäre Ausbildung erhielt und früh verheiratet werden konnte. Sie lernten Hauswirtschaft, stricken und nähen. Frauen durften sich nicht versammeln, keine Berufe erlernen und waren nicht an weiterbildenden Schulen zugelassen, was sowieso ihre Väter normalerweise verboten hätten – und sie waren vom politischen Leben praktisch ausgeschlossen.
Es dauerte noch einmal hundert Jahre, bevor die vier „Mütter“ des Grundgesetzes 1949 den Artikel 3 in das GG aufnehmen lassen konnten. Dazwischen lag die lange Zeit der zähen internationalen Bemühungen, um das Recht auf Bildung und Berufstätigkeit immer weiter durchzusetzen.
Eine dieser Mütter, Elisabeth Selbert, geb.,1896 lernte ebenfalls als Kind sticken, stricken und nähen. Ihr Ziel war es, Lehrerin zu werden. Auch dies scheiterte zunächst an fehlenden finanziellen Mitteln und am Vaterverbot. Diese Minimal-Forderungen, an der allgemeinen Schulbildung teilhaben zu können, erklären vielleicht, warum die viel radikaleren Forderungen des Manifests von de Gouges erst wieder von der neuen Frauenbewegung aufgegriffen werden konnten.
Nach 1968 entstanden Verlage, die in kleinen Auflagen und mit wenig Geld anfingen, einige dieser alten Texte zu verlegen, und es entstanden in vielen Städten Frauenbuchläden. Als dieses Gebiet kommerziell erfolgversprechend wurde, stiegen auch die großen Verlage in die Produktion ein.
In den Buchhandlungen landeten dann diese vielfältigen und sehr unterschiedlichen Produkte zunächst unter dem allgemeinen Titel „Frauenliteratur“ und nicht, wie bei Männern üblich, unter den gängigen Genres wie: Romane, Geschichte, Politik usw. Das wiederum veranlasste viele Frauen, alles daran zu setzen, nicht unter diesem Label „Frauenliteratur“ zu landen.
Wenn man sich heute die Bücherregale eher betagter intellektueller Männer anschaut – betagt deswegen, weil sich die Einrichtungen mit Bücherregalen bei jungen Leuten zugunsten digitaler Geräte reduziert haben –, dann findet man nur selten Texte von Frauen zu Fragen der Zeit. Frauen lasen diese neuen Bücher, Männer nur ausnahmsweise. Wenn die Bände dennoch in deren Regalen landeten, waren es häufig die ungelesenen Weihnachtsgeschenke ihrer Freundinnen.
Dieser lange Kampf um Gleichberechtigung zog sich durch das ganze 20. Jahrhundert mit einigen Erfolgen in der Weimarer Zeit und gesetzlich durchgesetzten Rückschlägen in der Nazizeit. Die Nachkriegszeit mit einem Frauenüberschuss von rund sieben Millionen Wählerinnen nahm die Kämpfe wieder auf, die es schon am Anfang des Jahrhunderts gegeben hatte und die sich hauptsächlich, vor allem beim politischen Katholizismus, vertreten durch CDU/ CSU, darum drehten, dass die Aufgaben von Männern und Frauen im Sakrament der Ehe verschieden verteilt seien und ihren entsprechenden Ausdruck in detailliert beschriebenen weiblichen Pflichten im BGB fanden, die dem Ehemann weitreichende Rechte über die Ehefrau garantierten und der „natürlichen Ordnung der Verhältnisse“ Genüge taten, damit aber die Kluft zwischen Gesetz und Wirklichkeit vertieften. Dazu gehörte das Entscheidungsrecht des Mannes in allen Fragen der Kindererziehung, sein Recht, Frauen die Berufstätigkeit zu verbieten, sein Recht, in Vermögensfragen zu bestimmen u.a.m. Der §6 Grundgesetz stellte Ehe und Familie in der christlichen Ausprägung mit dem Mann als Haupt der Familie unter besonderen Schutz. Das alles kollidierte eindeutig mit §3 GG – Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Die Auseinandersetzungen um diese Unvereinbarkeiten ziehen sich praktisch bis in die Gegenwart hin und spielen deshalb eine große Rolle nicht nur in den ständig wachsenden migrantischen Familien, sondern in der ganzen Gesellschaft.6
Mit dieser Aussage komme ich zurück auf eine der Vordenkerinnen, Luise Otto Peters, die in diesem Buch gewürdigt wird: „Immerhin soweit also wären wir, dass von allen, die dem wahren Fortschritt huldigen, es anerkannt ist: Die Teilnahme der weiblichen Welt am Staate ist eine Pflicht.“
1 Die Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch gilt als Begründerin der feministischen Linguistik in Deutschland und schreibt seit 1982 an einer „Frauenchronik“.
2 Renate Möhrmann: Die andere Frau. Emanzipationsansätze deutscher Schriftstellerinnen im Vorfeld der Achtundvierziger Revolution, Metzler Verlag, Stuttgart 1977.
3 Kursten Belgum: Popularizing the Nation: Audience, Representation, and the Production of Identity in Die Gartenlaube, 1853-1900. Lincoln, NE: University of Nebraska Press, 1998.
4 Ilse Reicke: Die Frauenbewegung. Ein geschichtlicher Überblick, Stuttgart 1929.
5 Theodor Gottlieb Hippel: Über die Ehe, Nachdruck in der Notos Verlagsbuchhandlung Gisela Aumann, 1976.
6 Mehr dazu in Robert G. Moeller: Geschützte Mütter, München 1997.
Louise Otto-Peters
Wenn die Zeiten gewaltsam laut werden
Erschienen am 08.02.2024
Taschenbuch mit Klappen, 176 Seiten
€ (D) 14,– / € (A) 14,40
ISBN 978-3-462-50011-0
„Wenn sie Zeiten gewaltsam laut werden“ – schrieb ich früher –, „so kann es niemals fehlen, dass auch die Frauen ihre Stimme vernehmen und ihr gehorchen.“ Die Zeiten sind gewaltsam laut geworden! Der freie deutsche Geist ist aufgewacht, der schlummernd und gebunden in Ketten lag. Er ist aufgewacht und sieht, dass er Ketten trägt, und fasst in sie hinein und schüttelt sie ab – da fällt ein Ring nach dem anderen ab von diesen Ketten, und endlich werden sie alle, alle fallen – denn der freie deutsche Geist wird fortan keine Ketten mehr tragen wollen, und sobald er nicht mehr will, so muss er auch nicht. Es zieht eine heilige Frühlingsluft über das deutsche Land, welche seine Blütezeit verkündigt. Es ist Ostern und Pfingsten in Deutschland zugleich! Der freie Geist ist aus seinem Grab auferstanden, und die Begeisterung verkündigt ihn. Und das alles fühl‘ und sag‘ ich angesichts der Gräber auf Leipzigs Friedhof, denen man noch nicht einmal das schuldige Sühnopfer gebracht hat1 (…). Weiterlesen
Zuerst hat die politische Poesie die Frauen aufgeweckt. Schon zu Anfang des Jahres 1844 konnte ich schreiben: „Die politische Poesie hat die Frauen mit Interesse für die Fragen des Tages erfüllt. Dank Euch Poeten! Ihr habt die Völker aus dem Schlafe singen wollen, und die Frauen sind wirklich von Euern Liedern erwacht! – Halb liegt es in jener Verzärtelung, mit welcher die weiblichen Gemüter von Kind auf nur für das Weiche, Sanfte, Schmeichelnde gebildet werden, halb in der eigentlichen Natur des Weibes, welche meist dem warmen Ausbruch des Gefühls vor den kalten Schlüssen des Verstandes, dem Schönen vor dem Starken den Vorzug gibt, dass die Poesie den Weg zum weiblichen Herzen immer offen findet, während es oft der Sprache gemessener Auseinandersetzung unzugänglich ist –, und so drang der Sinn für Politik auf dem belebenden Flügelschlag der Taube Poesie in das weibliche Herz, während er auf dem breiten Gespann der Zeitungsblätter davor anzuhalten vergebens sich bemühte – er fand keinen Einlass. Es entspricht dies ganz der übrigen Art, wie man uns bildet, wenn die trockenen Schulstudien beendet sind; unsere Länderkunde schöpfen wir aus Reisenovellen, unsere Geschichtskunde aus geschichtlichen Romanen, unsere Kenntnis deutscher Sprechregeln aus der französischen Grammatik. Warum nicht unsere Politik aus Gedichten? Solange man uns noch ein systematisches Lernen und Fortlernen verweigert, solange müssen wir in allen spielend lernen – auch in der Politik. Der erste Schritt, die Frauen zur Teilnahme in den Angelegenheiten des Staates anzuregen, ist getan – ist durch die Poesie getan.“ (…) Einige wenige Beispiele werden genügen, um darzutun, dass ich mit Obigem Recht gehabt. (…)
Als Herwegh z. B. seine „Deutsche Flotte“, sein Lied für die „Partei“, sein „Die Lerche war’s, nicht die Nachtigall“ einzeln in die Welt sandte und andere seinem Beispiel folgend in Zeitschriften oder besonderen Abdrücken Gelegenheitsgedichte gaben, welche nichts weiter – aber auch dies gerade entschieden – sein wollten als politische Demonstrationen, so machten diese Lieder auch in den Frauenkreisen schnelle Runde und regten zur weiteren Kenntnisnahme und Besprechung der darin enthaltenen Zeitfragen an. Wer die Literaturerscheinungen nicht nur in ihren Wirkungen, welche sie in der literarischen Welt selbst, sondern in denen, welche sie im Volk hervorbringen, kennt, wird wissen, dass besonders was die Poesie betrifft, die Lesewelt und besonders die weibliche immer nachhinkt. Wir Schriftsteller haben oft schon längst als einen „überwundenen Standpunkt“ erklärt, woran die anderen noch eigensinnig festhalten. Als wir bei Heine waren, hingen sie nach an Tiedge, Ernst Schulze, Th. Körner u.a. – erhoben wir C. Beck, Lenau, Anastasius Grün u.a. auf unser Schild, so hielten sie es mit Heine – als Herwegh unsere Losung ward, so – doch hier ändert sich plötzlich die Sache, ändert sich aber durch die politische Poesie, die Frauen schwärmten für Herwegh so gut wie die jungen Männer, oder hielten es wenigstens für eine gesellige Pflicht, Kenntnis von ihm zu nehmen; und so hat die Poesie die Frauen aufgeweckt!
Dann haben die Landtage wesentlich dazu beigetragen, die Teilnahme der Frauen am Staate zu beleben.
Um die Sache zuerst von ihrer gewöhnlichsten und flachsten Weise darzustellen, so hat zuerst der Wunsch, ihre Gatten, Väter, Söhne und Freunde vor allem Volk sprechen zu sehen und zu hören, die Frauen veranlasst, dann und wann die Kammerverhandlungen selbst zu besuchen oder, wo ihnen dies unmöglich war, die Landtagsmitteilungen zur Hand zu nehmen. Wie unser Verfassungsleben weiter sich ausbildete, wie die Teilnahme des Volks an den Kammerverhandlungen eine immer ausgebreitetere, allgemeinere ward, so ist es auch bei den Frauen geworden, und namentlich während des letzten sächsischen Landtags hat es wohl unter den gebildeten sächsischen Frauen nur wenige gegeben, welche, wenn es ihnen an Zeit oder Ausdauer gebrach, die Landtagsmitteilungen selbst zu lesen, ihnen nicht wenigstens in den Auszügen, welche die Zeitschriften gaben, gefolgt wären. War dies einmal geschehen, so konnte es nicht fehlen, dass alle die politischen Gegenstände, welche auf dem Landtag verhandelt wurden, auch mit in den geselligen Kreisen der Frauen ihre Besprechung fanden – und so war ja schon für die Teilnehme der Frauen am Staat viel erreicht, wovon man vor wenig Jahren noch nichts sich träumen lassen konnte.
Aber vor allem ist es die religiöse Bewegung, welcher wir den schnellen Fortschritt der weiblichen Teilnahme an den Fragen der Zeit verdanken. Mit dem Deutschkatholizismus2 war die Losung gegeben einer allgemeinen geistigen Gleichheit vor Gott, von Priestern wie Laien, Gelehrten und Unwissenden, Männern und Frauen. Die neue Bewegung gilt der Religion – nicht der Kirche. Wäre sie nur eine Kirchenverbesserung, handelte es sich dabei um spitzfindige Lehrsätze, um äußere Formen, so würde sie vielleicht weniger, als es geschehen, die Begeisterung der Frauen geweckt haben, da diese eben freudiger einer einzigen großen Idee sich weiht (selbst wenn sie die ganze Größe der Idee nicht immer begreifen sollte) als einzelnen Formen und bestimmten Theorien. Der Deutschkatholizismus ist ja eben gar nichts anderes als die Emanzipation der Religion von der Kirche – und religiöses Fühlen nach freiem Herzensbedürfnis, nicht kirchliches Gehorchen ist es, was ich oben als Hauptzug der Weiblichkeit genannt habe.
Wie nun aber alle Bewegungen der Gegenwart am lautesten sich kundgeben in der Literatur, so sollte man meinen, dass auch die Schriftstellerinnen die Zeitfragen mit in den Kreis ihrer Erzeugnisse gezogen hätten und also vor allem auch diejenigen, welche die Stellung des Weibes am nächsten berühren. (…) Dazu ist der Roman gerade in der neueren Zeit, die wieder dem Tendenzroman das Wort redet, diejenige politische Gattung, durch welche es sich am leichtesten auf andere – und besonders auf die Frauen der höheren und mittleren Stände – am sichersten wirken lässt. Betrachten wir aber die deutschen Schriftstellerinnen, so kommt mir die Mehrzahl von diesen vor wie – unsere Professoren. Es ist, als hielten sie ein spezielleres Eingehen auf die Zeitfragen – unter ihrer Würde. (…)
So weit also wären wir, dass von allen, die dem wahren Fortschritt huldigen, es anerkannt ist: „Die Teilnahme der weiblichen Welt am Staate ist eine Pflicht.“ Es handelt sich nun nicht mehr darum, ein Prinzip festzustellen, sondern nur darum, das Prinzip auch im Leben geltend zu machen, es zu verwirklichen. Es ist Tatsache, dass die deutschen Frauen jetzt mehr Interesse an öffentlichen, nationalen und politischen Dingen bekunden. Einzelne Erscheinungen zeigen, dass man ihnen die Gelegenheit dazu nicht mehr verweigert hat und dass sie dieselbe nicht mehr ungenutzt gelassen haben wie früher. Woher auf einmal dies alles? Wenn die Zeiten gewaltsam laut werden, so kann es niemals fehlen, dass auch die Frauen ihre Stimme vernehmen und ihr gehorchen.
Die Zustände in Bezug auf Erziehung, Bildung und Stellung der Frauen sind noch ganz dieselben geblieben wie sonst, und wir haben noch keine Gewährung dafür, dass der Anteil, welchen die Frauen jetzt an den Zeitereignissen zu nehmen beginnen, nicht wieder wie der, den sie 18153 nahmen, in sein früheres Nichts zurücksinke, sobald die Zeitereignisse minder gewaltig und weltbewegend sind als jetzt. Es ist noch nichts getan für den Unterricht der weiblichen Jugend, es ist den Frauen noch keine selbstständigere Stellung in der Gesellschaft angewiesen als bisher. Noch immer gilt, was schon vor drei Jahren galt: Die Erziehung und Bildung der Frauen stehen mit unseren staatlichen und sozialen Verhältnissen im Widerspruch.
Es wird in unseren Schulen vielleicht alles gelehrt, was der weibliche Verstand bis in sein vierzehntes Jahr fassen kann – aber dann, in einem Alter, in dem alle Geisteskräfte sich erst recht zu entfalten beginnen, in dem wir erst die rechte Liebe zu wissenschaftlichen Interessen fassen, in dem wir erst einsehen können, wie notwendig es sei, sich Kenntnisse zu erwerben, wo wir erst die Fähigkeit gewinnen, nicht alles, was man uns sagt, auf Treu und Glauben blindlings hinzunehmen: In einem solchen Alter wird die weibliche Bildung für vollendet betrachtet. Da mögen nun die Mädchen hingehen und Gesundheit und reinen harmlosen Sinn den Göttern des Tanzes und sinnlichen Vergnügungen opfern (…) – mögen am Piano ihren Fingern eine mechanische Geschicklichkeit erwerben und unter diesen Mühen vergessen, was sie in der Schule gelernt – mögen unter mühevoller und künstlerischer Anfertigung ihres Putzes über dem Sirenengesang der Eitelkeit die sanfte Sprache des Herzens überhören und keine Zeit finden, den Geist mit nützlichen Kenntnissen zu bereichern – mögen es verlorene Zeit nennen, nach den Angelegenheiten des Vaterlandes und der Menschheit zu fragen: Das will alles so der Brauch und die Sitte, und was davon abweicht, nennt die Welt unweiblich.
Müssten sich die Mädchen nur ausbilden, um treffliche Hausfrauen zu werden – es möchte noch angehen! Aber es liegt selten im Plan ihrer Erziehung, sie zu Hausfrauen, sondern vielmehr sie zu Puppen zu erziehen, es wird ihnen nichts um der Sache selbst willen gelehrt, sondern nur, um damit zu glänzen in der Gesellschaft – zu Puppen der Männer werden sie gemacht und sollen doch ihre Gefährtinnen sein. „Die Sucht, bemerkt zu werden“ – „liebloses Urteilen über andere“ – „Halbwisserei“ – „Nachbeterei ohne Selbstdenken“ – dies wirft Ida Frick in Ihrem Buch „Der Frauen Sklaventum und Freiheit“4 mit Recht den jetzigen deutschen Mädchen und Frauen vor und nennt dies die Ursachen der weiblichen „Sklaverei“. Ja, aber diese vier Übel sind nicht die Ursachen unserer Bildung und Stellung, sie sind deren traurige Folgen. Wen man zu einer Puppe ausputzt – ich kann nicht sagen, anzieht – und als solche hinausschickt auf den Markt des Lebens, sich einen Käufer zu suchen, der muss wohl streben, bemerkt zu werden, wenn eben diese Schaustellung Zweck ist – wem man die Interessen für das Allgemeine, Höhere, das große Ganze nimmt, der muss wohl für Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten sich interessieren, wem man es tausendfach erschwert, etwas Ganzes zu lernen, der muss wohl zur Halbwisserei sich flüchten, und wen man niemals denken gelehrt, sondern es stets verwehrt, der kann endlich gar nichts anderes wagen als – nachzubeten.
So suche man das Übel von Grund aus zu heilen, und beginne mit einer veränderten Erziehung der weiblichen Jugend.
Selbständig müssen die deutschen Frauen werden, nur dann werden sie auch fähig sein, ihrer Pflicht, teilzunehmen an den Interessen des Staates, immer und auf die rechte Weise nachzukommen. Diese Selbstständigkeit kann aber nur durch individuelle Bildung befördert werden (…). Die meisten Frauen bleiben Zeit ihres Lebens hindurch – Kinder. Erst leben sie unter steter, ja, stündlicher Aufsicht im Elternhaus und wagen keine anderen Ansichten zu haben als die in der Familie herrschenden; dann werden sie Gattinnen, und lieben sie den Gatten, so ist die Umbildung ihrer früheren Ansichten in die seinen leicht geschehen, gleichviel, ob es ganz entgegengesetzte sind oder nicht; erst urteilten sie im Geist ihrer Eltern, nun urteilen sie im Geist ihres Mannes, sie sprachen erst jenen, nun sprechen sie diesem nach (…).
Die Frau muss fähig sein, selbstständig zu urteilen, oder sie verletzt die menschliche Würde und ihre Weiblichkeit, indem sie zum Papagei wird, der gedankenlos nachspricht, was der Gebieter ihm vorgesprochen. Mit dem selbstständigen Handeln der Frauen steht es ebenso schlimm wie mit ihren Urteilen, es ist eines die notwendige Folge des anderen. (…)
Und Ihr, deutsche Schwestern, die Ihr aufgewacht seid zu dem hellen Tag der Gegenwart, in dem unser ganzes Volk für seine heiligsten Rechte kämpft, vergesst es nie, dass auch an Euch das Vaterland heilige Forderungen hat, und so ruft die Schwestern wach, die noch träumen, und erzieht Eure Mädchen zu würdigen Gefährtinnen eines freien Volkes.
Alles, alles, was nach Freiheit strebt, muss einander heben und tragen – denn die Freiheit ist nur eine! Eine Sonne, die mit ihrem heiligen belebenden Hauch alle Glieder und Poren des Staatskörpers durchdringen muss und die ihm noch gar nicht aufgegangen!
1 Am 12. und 13 August 1845 war es in Leipzig zu Protesten gegen einen Besuch des sächsischen Prinzen Johann, Bruder des sächsischen Königs, gekommen. Das königliche Militär hatte daraufhin das Feuer eröffnet, acht Menschen erschossen und viele verletzt („Leipziger Gemetzel“). Am Folgetag verlangte Robert Blum als Mitglied einer Delegation im Rathaus eine ehrenvolle Bestattung der Toten. Dies wurde verwehrt.
2 Der Deutschkatholizismus war eine religiös-politische Bewegung der sogenannten Vormärz-Zeit, die in liberaler Opposition zu den feudal-autoritären Zuständen in Staat und Kirche stand.
3 1815 endete Napoleons Herrschaft und wurde die politische Landschaft in Europa neu geordnet.
4 Ida Frick (1808-1893) war eine deutsche Schriftstellerin. Ihr Buch „Der Frauen Sclaventhum und Freiheit. Ein Traum am Hans-Heiling-Felsen. Allen deutschen Frauen und Jungfrauen gewidmet“ erschien 1845.
Und ich bin nichts als ein gefesselt Weib!
Schillers »Jungfrau von Orleans.«
(März 1848)
Es lag ein dumpfer Fluch ob allen Landen,
Ein dumpfer Fluch auf jeder Menschenbrust;
Die Völker schmachteten in schweren Banden,
Wie Hohn klang jedes Wort von Glück und Lust,
Wie Hohn klang, was die Dichterseher sangen
Von neuer Zeiten gold‘nem Morgenrot –
Die Freiheitssonne war ja untergangen
Und alles ringsum nächtlich still und tot.
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Da hab' ich traurig oft zu Nacht gesessen
Im wilden Schmerz, der mich nicht schlafen ließ,
Und konnte nicht die Welt um mich vergessen,
Das Leben nicht, das doch nur Elend wies –
Doch immer hörte ich im Geist die Kunde:
Warum im Dunkeln zweifeln an dem Licht?
Geschrieben steht: »Ihr wisst nicht Tag und Stunde,
Doch kommt der Herr und hält ein Weltgericht.«
Und stark im Glauben und im innern Schauen
Warf ich mich wieder in das Weltgewühl,
Sang stolze Freiheitslieder im Vertrauen:
Bald wird zur Wahrheit, was jetzt nur Gefühl.
Und klagend ob der Zeiten schwer Verschulden
An aller Völker Ehre, Seel' und Leib,
Rief ich im Zorn ob schmählichem Erdulden:
»Und ich bin nichts als ein gefesselt Weib!«
Erfüllt ward, was die Bibelworte sagen:
»Will Gott ein Volk befrein,« spricht der Prophet,
»Wird er mit Blindheit seinen König schlagen« –
Da sehn wir, wie die Freiheit aufersteht.
Der Julikönig stürzt vom Herrschersitze,
Die Marseillaise wird sein Abschied'gruß,
Sein Purpurmantel schmückt als Freiheitsmütze
Das Mal des Sklavenführers Spartakus.
So ist in Frankreich Tag und Stunde kommen,
Die Weltgeschichte hält ihr Weltgericht;
Ein glorreich‘ Volk hat sich sein Recht genommen,
Ein Volk, das nicht allein mit Worten spricht,
Vor dessen Taten alle Throne beben –
Und alle Völker wagen diesen Ruf:
Wir wollen frei, ein Volk von Brüdern leben,
Tot ist die Zeit, die feige Sklaven schuf!
Und jubelvoll ringsum im deutschen Lande
Hallt es von Gleichheit und von Menschenrecht;
Die Herzen lodern auf im Freiheitsbrande;
Zum deutschen Bürger wird der deutsche Knecht;
Das Volk will nicht nach Blut und Aufruhr dürsten
Doch will es ein Gesetz aus eigner Wahl,
Vor dem es selbst sich beugt samt seinen Fürsten,
Was ihm gebührt – das will es allzumal!
Freiheit und Gleichheit in den deutschen Staaten
Und jedes Recht, das man uns vorenthielt,
Um das wir lang' als schwache Kinder baten,
Das man versprach und nimmer doch erfüllt:
Das muss uns heut, das muss uns allen werden!
Es kommt die neue Zeit mit ehrnem Gang,
Mit großem Aug' und mutigen Gebärden
Und einem heiligen Triumphgesang.
Arbeit und Brot! Ihr werdet's nicht vergessen –
Das ist die Losung dieser neuen Zeit!
Gebt dem sein Recht, der keines noch besessen!
Denkt an der Armut, an des Hungers Leid;
Pflegt wohl der Menschenliebe goldne Saaten
Und pflückt der Freiheitsbäume reife Frucht;
Ist dann des Landmanns Ernte auch missraten:
Vom Hungertod wird niemand heimgesucht!
O hohe Zeit! rings flicht man Bürgerkronen
Und feiert schon der Freiheit Ostertag,
Und jauchzt im »Männerstolz vor Königsthronen«,
Weckt auf das Volk, das nicht mehr schlafen mag.
O schöne Zeit! könnt' ich mit Euch erheben
Dies deutsche Land, dass frei es sei und bleib'!
Ich bet' um Segen nur für Euer Streben, –
»Denn ich bin nichts als ein gefesselt Weib!«
»Ists wahr? Ists möglich? klangs von Mund zu Munde!
Wie konnte solche schlimme Tat geschehen?«
So fragend Tausende betroffen stehen
Als man von Wien vernahm die Schreckenskunde.
»Ach es ist wahr!« tönt's jammernd in der Runde,
Zum Opfer wurde Robert Blum ersehen,
Als Märtyrer zum blutgen Tod zu gehen
Dem Volke treu bis zu der letzten Stunde.
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Dem deutschen Volke, das ihm fest vertraute
Das ihn gewählt zu seinen Abgesandten
Weil so wie er es keiner je verstanden.
Und jedes Herz sein Hoffen auf ihm baute!
Und Allen, die wie ich ihn ganz erkannten
Verstummt der Schmerz im dumpfen Jammerlaute.
Die Glocken hallen dumpf am Jahresende,
In diesen schweren unheilvollen Zeiten
Ins Grab die deutsche Freiheit zu geleiten –
Ach! ohne Hoffnung, dass ihr Los sich wende!
Gefängnis, Flucht und Tod – das ist die Spende
Für alle, die dem Vaterland sich weihten,
Dem Volke Recht und Einheit zu erstreiten,
Dass es zu einem Reiche sich verbände!
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Und doch, und doch! – Die Freiheit kann nicht sterben
Ein Volk, das sich so opferfroh gezeigt,
Kann nicht für immer, kann nicht ganz verderben!
Und wenn auch jetzt der Hoffnung Saat verblüht –
Wir säten doch – das Volk wird einst noch erben
Um was wir kämpfen und noch nicht erreicht.
Programm (Editorial der ersten Ausgabe)
Die Geschichte aller Zeiten, und die heutige ganz besonders, lehrt, dass diejenigen auch vergessen wurden, welche an sich selbst zu denken vergaßen! – Das schrieb ich im Mai des Jahres 1848 hinaus in die Welt, als ich zunächst meine Worte an die Männer richtete, die sich in Sachsen mit der Frage der Arbeit beschäftigten. Ich mahnte sie damit an die armen Arbeiterinnen, indem ich für meine Schwestern das Wort ergriff, auf dass sie nicht vergessen wurden!
Dieser selbe Erfahrungssatz ist es, welcher mich zur Herausgabe einer Frauen-Zeitung veranlasst. Mitten in den großen Umwälzungen, in denen wir uns alle befinden, werden sich die Frauen vergessen sehen, wenn sie selbst an sich zu denken vergessen! Weiterlesen
Wohl auf denn, meine Schwestern, vereinigt euch mit mir, damit wir nicht zurückbleiben, wo alle und alles um uns und neben uns vorwärtsdrängt und kämpft. Wir wollen auch unser Teil fordern und verdienen an der großen Welt-Erlösung, welche der ganzen Menschheit, deren eine Hälfte wir sind, endlich werden muss.
Wir wollen unser Teil fordern: das Recht, das Rein-Menschliche in uns in freier Entwickelung aller unserer Kräfte auszubilden, und das Recht der Mündigkeit und Selbständigkeit im Staat.
Wir wollen unser Teil verdienen: Wir wollen unsere Kräfte aufbieten, das Werk der Welt-Erlösung zu fördern, zunächst dadurch, dass wir den großen Gedanken der Zukunft: Freiheit und Humanität (was im Grunde zwei gleichbedeutende Worte sind) auszubreiten suchen in allen Kreisen, welche uns zugänglich sind, in den weiteren des größeren Lebens durch die Presse, in den engeren der Familie durch Beispiel, Belehrung und Erziehung. Wir wollen unser Teil aber auch dadurch verdienen, dass wir nicht vereinzelt streben nur jede für sich, sondern vielmehr jede für alle, und dass wir vor allem derer zumeist uns annehmen, welche in Armut, Elend und Unwissenheit vergessen und vernachlässigt schmachten.
Wohl auf, meine Schwestern, helft mir zu diesem Werk! Helft mir für die hier angedeuteten Ideen zunächst durch diese Zeitung wirken! –
Ich meine nun zwar alles gesagt zu haben, was über die Tendenz dieser Zeitung zu sagen ist – aber leider muss ich denen Recht geben, welche mir zuflüstern, umgekehrt von der gewöhnlichen Redensart, »es sei mit dem Positiven nicht genug«: Ich müsse auch noch Negatives hinzufügen – will hier sagen: Ich müsse mich und diese Zeitung vor Missverständnissen schützen. – Nein! ich kann darüber keine Worte machen! Ich berufe mich auf mein Leben, auf mein schriftstellerisches Wirken seit 1843. Wer etwas davon kennt, wird wissen, dass ich nicht zu den sogenannten »Emanzipierten« gehöre, zu denen, welche das Wort »Frauen-Emanzipation« in Misskredit gebracht haben, indem sie das Weib zur Karikatur des Mannes herabwürdigten. Für diejenigen, die noch nichts von mir wissen, möge einstweilen die Versicherung genügen, dass ich eben durch die Tendenz dieser Zeitung dem Irrtum entgegenzuarbeiten hoffe, welcher oft gerade die begabtesten Frauen veranlasste, ihr Streben nach geistiger Freiheit in der Zügellosigkeit der Leidenschaften zu befriedigen. – Man wird also weder mich noch meine mitarbeitenden Schwestern zu diesen »Emanzipierten« werfen können, wohl aber werden wir stolz darauf sein, wenn man uns Nachfolgerinnen jener edlen Jungfrau aus Bethanien nennt, von welcher das leuchtende Vorbild aller Menschen sagte: »Maria hat das bessere Teil erwählt!«
So fordere ich denn hiermit alle gleichgesinnten Schriftstellerinnen und Schriftsteller, welche für die Rechte der Frauen in die Schranken traten, auf, mich bei diesem Unternehmen durch Beiträge zu unterstützen. Ich bitte auch diejenigen meiner Schwestern, die nicht Schriftstellerinnen sind, um Mitteilungen, zunächst die Bedrückten, die armen Arbeiterinnen, auch wenn sie sich nicht geschickt zum stilisierten Schreiben fühlen; ich werde ihre einfachen Äußerungen gern, wenn nötig, verdolmetschen – aber es liegt mir daran, dass gerade ihre Angelegenheiten vor die Öffentlichkeit kommen, so kann ihnen am ersten geholfen werden.
Alle Gesinnungsgleichen lade ich zum recht zahlreichen Abonnement ein, damit das Unternehmen gedeihen könne!
Louise Otto
Die Freiheit ist unteilbar! – Dies ist ein so einfacher Lehrsatz, dass er der erste Artikel in jedem Glaubensbekenntnis sein sollte. Gleichwohl müssen wir es täglich erfahren, dass er noch nicht überall Eingang gefunden, vielmehr nur bei gar wenigen Fleisch und Blut geworden ist. Es meinen viele, sich Freiheitskämpfer nennen zu dürfen, welche doch von dem Ideal der Freiheit mit ihren Gedanken fern sind und nur von einzelnen Freiheiten etwas wissen wollen, für deren Erringung sie sich abmühen. Wieviel z.B. ist in unserem Deutschland besonders nicht für Glaubensfreiheit gekämpft und gelitten worden, wieviel edle Männer und Frauen sind nicht dafür in den Tod gegangen. Sie nannten sich Freiheitskämpfer und wollten doch weiter nichts als die Freiheit, Gott anzubeten und ihm zu dienen, je nach ihrem Bedürfnis. Weiter fragten sie nach nichts. So gibt es heute noch viele – ja, selbst unter den Lichtfreunden und Deutschkatholiken –, welche sich nicht scheuen, selbstgefällig zu erklären, dass ihr Streben nach religiöser Freiheit nichts gemein habe mit dem Streben nach politischer Freiheit, ja, dass sie selbst ohne diese, sobald man ihnen nur eben jene garantiere, ganz zufrieden zu leben vermöchten. Höchstens bringt man diese heute mit der Frage in Verlegenheit, ob sie denn allen Ernstes einen so kindlichen Glauben haben, dass es ihnen nie einfällt zu bedenken, ob ein Staat, der nicht auf den Grundpfeilern der Freiheit ruht, in seinen engherzigen, bevormundenden Institutionen auch wirklich die religiöse Freiheit garantieren könne, davon noch gar nicht zu sprechen, ob er es wolle. Besonders aber meinen diejenigen sich Freiheitskämpfer vor allen anderen nennen zu dürfen, welche nur den politischen Fortschritt im Auge haben und ihm allein dienen. Dazu gehören vor allen die Liberalen vor dem März, die nur nach einzelnen Freiheiten rangen, wie Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit usw., und die man deshalb damals, als wir sogar dieser Güter noch entbehren mussten, für Freiheitshelden hielt. Einige von ihnen, die Beschränkten und Engherzigen, deren Blicke nie über den engen Horizont des Konstitutionalismus hinausgingen, sind auf derselben Stufe stehengeblieben, auf der sie damals standen, und wer vor dem März als Freiheitsmärtyrer dastand, erweist sich jetzt als gutgesinnter Reaktionär. – Andere hingegen von diesen Politikern setzen mit den errungenen einzelnen Freiheiten, wie Pressefreiheit usw., den Kampf um andere einzelne Freiheiten fort, sie kämpfen für die Republik, nehmen sich die Freiheit, den Adel abzuschaffen und sich selbst, die Bourgeoisie, an dessen Stelle zu setzen – aber sie beweisen durch all diese Bestrebungen, dass sie nichts wissen von der einen unteilbaren Freiheit! Und die Sozialisten? Und die soziale Freiheit? Die Sozialisten, welche meinen, ihre Utopien mit Hilfe einer Zwingherrschaft gründen zu können, welche über den politischen Fortschritt geringschätzend lächeln und an die Stelle religiöser Freiheit einen erzwungenen Atheismus setzen wollen – die freilich sind eben so fern von der Erkenntnis des Satzes: Die Freiheit ist unteilbar! Sie kann nicht in dem einen Zustande sein und in dem andern mangeln – die wahre Freiheit ist eben die Gottheit, die man nicht auf dem oder jenem Berge nur anbeten kann, sondern die man verehren und ihr dienen muss und kann allenthalben, wo ihr auch noch kein Tempel errichtet ist. Weiterlesen
Und nun lasst uns einmal fragen, wie viel Männer gibt es denn, welche, wenn sie durchdrungen sind von dem Gedanken, für die Freiheit zu leben und zu sterben, diese eben für alles Volk und alle Menschen erkämpfen wollen? Sie antworten gar leicht zu Tausenden mit Ja! Aber sie denken bei all ihren endlichen Bestrebungen nur an eine Hälfte des Menschengeschlechts - nur an die Männer. Wo sie das Volk meinen, da zählen die Frauen nicht mit.
Aber die Freiheit ist unteilbar! Also freie Männer dürfen keine Sklaven neben sich dulden – also auch keine Sklavinnen. Wir müssen den redlichen Willen oder die Geisteskräfte aller Freiheitskämpfer in Frage stellen, welche nur die Rechte der Männer, aber nicht zugleich auch die der Frauen vertreten. Wir können so wenig wie sie uns selbst zu Bundesgenossinnen haben wollen, sie die Bundesgenossen der Fahnenträger der Freiheit nennen! Sie werden ewig zu dem »Halben« gehören, und wenn sie auch noch so stolz auf ihre entschiedene Gesinnung sein sollten.
»Verbrüderung!« Das Losungswort ist gefallen, »Verbrüderung aller Arbeiter!« Ihr habt es selbst hinausgerufen in die Welt, ihr Arbeiter, und ihr habt es nicht ausgesprochen als eine Phrase, sondern als einen Aufruf, dem die Tat auf dem Fuße folgen soll. Weiterlesen
Da liegen sie vor mir, die Beschlüsse des Berliner Arbeiter-Kongresses, und ich neige mein Haupt voll Ehrerbietung vor dem kleinen Buch. Ich denke an das alte Gleichnis vom Senfkorn, aus dem ein großer Baum erwuchs, der die Lande weithin überschattete und darinnen die Vögel des Himmels nisteten. So möge euer Kongress mit seinen Beschlüssen der Keim sein, aus dem ein lebendiger Freiheitsbaum erwachse, ein Baum, der alle Arbeiter in seinen Schutz nehme, der über alle Lande den Schatten des Friedens breite und aus dessen Zweigen die Triumphgesänge der Freiheit und Liebe hervorschallen!
Der zweite Teil der »Beschlüsse« handelt von der »Selbsthilfe der Arbeiter« und schließt mit dem »§. 29: Von allen diesen Bestimmungen sind die weiblichen Arbeiter nicht ausgeschlossen und genießen unter gleicher Verpflichtung gleiche Rechte.«
Mit diesem habt ihr es ausgesprochen, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind, nach der Gleichheit der Arbeit. Ihr habt mit diesem Paragraphen den ganzen unsinnigen Fluch aufgehoben, der auf der einen Hälfte des Menschengeschlechts liegt: unberechtigt zu sein und unterdrückt von der anderen Hälfte nach dem sogenannten Recht des Stärkeren, welches nichts ist als die rohe Gewalt und also nicht ihr Recht, sondern ihr Unrecht. Arbeiter! Ihr habt damit die anderen Männer beschämt, die Männer der Wissenschaft, des Staats, der Geschäfte usw., welche niemals daran denken, dass neben ihnen noch eine gleich große Zahl menschlicher Wesen existiert, welche auch zur Freiheit und Selbständigkeit geboren sind wie sie, ebenbürtige Wesen. Nur der Wahnsinn alten Vorurteils und die irrtümlichen Anschauungen überwundener Standpunkte der vergangenen Zeit konnten es geschehen lassen, dass ein Mensch den anderen zu seinem Eigentum, seinem Sklaven oder, wenn ihr wollt, seiner Sklavin machte, diese Zeit ist vorüber, ein neuer Tag ist angebrochen.
So bin ich es denn gewiss: Ihr habt es nicht vergessen, dass ihr nicht nur Brüder seid untereinander, sondern dass ihr auch Schwestern habt. Schwestern, die wie ihr leiden unter den Herrenrechten des Geldes, unter der Übermacht des Kapitals, unter dem Druck tyrannischer Arbeitgeber und eines Übermaßes von Konkurrenz; Schwestern, die nicht nur gezwungen sind, ihre Arbeitskraft für einen kargen Lohn, der zum Leben nicht ausreicht, zu verkaufen, sondern die oft nur zu leben vermögen, indem sie sich der Schande preisgeben, den fluchwürdigsten Sündensold zu erwerben.
Aber, wie die Natur zwei verschiedene Geschlechter schuf, so hat sie denselben für diese Verschiedenheit auch verschiedene Wirkungskreise und körperliche Fähigkeiten zugewiesen. Ihr werdet also nicht meinen, dass mir es einfallen könnte, für die Frauen das ganz Gleiche zu fordern wie für die Männer. So wenig, wie eine Frau zur Besetzung eines Staatsamtes sich eignen würde, so wenig wird sie sich auch eignen, ein Schlossermeister oder Schmied zu werden. Ebenso ist nicht zu leugnen, dass, wie jetzt die Sachen stehen, wie die Bildung der Frauen hinter der Bildung der Männer zurückgeblieben, es auch den Frauen schwer werden würde, in gleicher Weise, wie ihr es tut, Assoziationen zu bilden und sich selbst zu helfen.
Es liegt also das Los der Arbeiterinnen mit in eurer Hand, Arbeiter! Sie können sich nicht allein helfen, ihr müsst euch ihrer annehmen und sie wenigstens führen und ihnen bei der Anordnung ihrer eigenen Angelegenheiten hilfreich an die Hand gehen! Ich bin gewiss, dass ihr dies tun werdet, da ihr einmal jenen Paragraphen in eure Beschlüsse aufgenommen und am besten wisst, wie schlimm es um eure Schwestern steht. Wollt ihr mir gestatten, unter euch, wie ich es schon früher getan, die Sache unserer armen Schwestern zu vertreten, so wird es mein Stolz und meine Freude sein, für sie und zu euch zu sprechen als eure treue Schwester.
»Jeder für sich!« Das war der verderbliche, unmenschliche und unchristliche Grundsatz, der lange Zeit die Gesellschaft regierte – sie bis auf den heutigen Tag noch beherrscht – und an den Rand des Verderbens gebracht hat. Wer aber einmal an dem Abgrund steht und ihn vor sich sieht, der wird sich wohl hüten, sich selbst hineinzustürzen oder sich ohne Gegenwehr hineindrängen zu lassen. Er handelt eben auch nach dem Grundsatz: »Jeder für sich!«, er wehrt sich, und so kommt es denn zum Kampf Aller gegen Alle. Damit ist keineswegs ein offener Bürgerkrieg gemeint, sondern der anarchische Zustand der freien Konkurrenz im Großen wie im Kleinen, der in der ganzen langen europäischen »glücklichen« Friedenszeit das Proletariat um Millionen von Seelen vermehrt und das unheimliche Wort Pauperismus geschaffen hat. Was aber diejenigen, welche die gesellschaftlichen Zustände mit aufmerksamem Auge betrachteten, längst in die Welt hinausriefen: dass die einzige Rettung in dem Wahlspruch der Humanität liege: »Alle für Alle!«. Das war lange Zeit ein vergebliches Rufen, weil die Regierungen nichts dulden wollten, das nur einen Zoll breit von der alten Ordnung (oder vielmehr Unordnung) abwich. Jetzt endlich ist das anders geworden, und wenigstens diejenigen, welche am nächsten an dem Abgrund stehen, müssen und werden, um sich und ihre Brüder und Schwestern zu retten, das Prinzip des Verderbens. »Alle gegen Alle und Jeder für sich« aufgeben und fortan Alle für Alle einstehen. Weiterlesen
»Die Assoziation ist frei!« Das war das Zauber-Wort, das in jenem größten März, den wir noch erlebten, die gepressten Herzen der verzweifelnden Arbeiter erleichterte und allen Bedrückten neuen Mut, neue Hoffnung gab. Ja, in der Assoziation liegt auch ihre einzige Rettung – die Rettung der armen Arbeiter und Arbeiterinnen; in der Assoziation liegt ihre ganze Zukunft!
Assoziationen für Alle! Es ist nicht genug, dass die Männer sich assoziieren, auch die Frauen müssen es tun; sie müssen entweder mit den Männern vereint handeln oder, wo die Interessen auseinandergehen, sich unter sich verbinden.
Schon mehrmals habe ich darauf hingewiesen, dass, wie die Arbeiter durch die »Berliner Beschlüsse« und durch die Einsetzung des »Zentralkomitees aller Arbeiter« in Leipzig selbst einen großartigen Anfang zur »Organisation aller Arbeiter« gemacht haben, sie auch darin würdig vorangingen, dass sie das Los der Arbeiterinnen berücksichtigten und ihnen unter gleichen Verhältnissen auch gleiche Rechte zusprechen. So soll den Bezirkskomitees der Arbeiter auch ein Komitee für Arbeiterinnen beigegeben werden. – Es gilt, zur Verwirklichung dieser Beschlüsse wirken zu helfen, und zwar von Seiten der Frauen selbst.
Die für die Stellung der Frauen als Arbeiterinnen wie im bürgerlichen Leben überhaupt gefährlichste Ansicht ist diejenige, welche ihr Los nicht direkt, sondern nur indirekt zu verbessern strebt. Wenn die Männer durch die Assoziation zu besserem und namentlich gesicherterem Verdienst gelangen, so wird natürlich auch das Los ihrer Frauen ein besseres werden – so wäre ihnen indirekt geholfen. Wir lassen uns gern diese indirekte Hilfe für die Gattinnen und unmündigen Töchter gefallen – aber den anderen Frauen, die nicht in diesen Verhältnissen stehen, dem ganzen weiblichen Geschlecht als solchem wäre damit nicht genützt, ja, sie wäre dessen unwürdig. In der neuen Gesellschaft, die wir konstituieren wollen und werden und der wir entgegengereift sind, auch wenn es noch nicht allgemein erkannt wäre, kann nicht mehr das rohe Recht des Stärkeren herrschen, das ein Geschlecht zum Eigentum des anderen gemacht hat, da gibt es nur Brüder und Schwestern, Arbeiter und Arbeiterinnen. Eben deshalb ist es an der Zeit, neben der Organisation der Arbeiter auch die Organisation der Arbeiterinnen vorzunehmen, und zwar diese wie jene auf dem friedlichen Wege der Assoziation. Das ist die direkte Hilfe, welche auch den Frauen gebührt.
Wir verhehlen uns die Schwierigkeiten nicht, welche dies Unternehmen bietet – Schwierigkeiten, die tausendmal größer sind als diejenigen, die bei der Organisation der Arbeiter angetroffen werden –, aber wer etwas Gutes ernstlich will, ist noch vor keiner Schwierigkeit zurückgeschreckt, sobald die Möglichkeit gegeben ist, sie, wenn auch nach langen Mühen und Kämpfen, zu überwinden! Nehmen wir diese Unruhe, diesen Kampf nicht auf uns, so bleibt uns dafür nichts als die Gewissheit, dass dann das Los der Arbeiterinnen immer bleiben wird, wie es gewesen: ein Los des Elends und vergeblichen Ringens, ein Los voll steter Quälereien und Demütigungen, daneben immer ganz dicht nur durch einen Schritt getrennt der scheinbar rettende Weg des Verbrechens und der Schande, im besten Falle aber ein Los der Unterdrückung und Abhängigkeit. Wollen wir unseren Schwestern, uns selbst, kein besseres verschaffen, weil es Mühe kosten wird?
Indes die Assoziation der Arbeiter leicht ist, da diese immer bestimmte Korporationen bildeten, als Gesellen und Zunft-Genossen schon immer in einer Art von Verbindung waren, fehlt es für die Assoziation der Arbeiterinnen an jedem solchen Anknüpfungspunkt. Eben deshalb ist sie aber gerade umso nötiger. Die Mädchen haben ihren Verdienst immer nur suchen müssen aufs Geradewohl, ohne sich gehörig auf das vorbereiten zu können, was zu ihrem Erwerb, ihrem Lebensunterhalt dienen sollte. Daher die Klage der Arbeitgebenden und sogenannten »Herrschaften«, dass es unter den arbeit- und dienstsuchenden Mädchen so viele »unbrauchbare« gäbe. Dieser Vorwurf über Unbrauchbarkeit ist zwar oft genug begründet, aber er trifft weniger die Mädchen, denen man ja die Gelegenheit, etwas Brauchbares zu lernen, abschnitt, als vielmehr die gesellschaftlichen Einrichtungen, welche hiervon die Schuld tragen. Der Staat hat den Arbeiterinnen nicht einmal einen Schatten derselben wenigen Rechte gegeben, welche er doch den Arbeitern gewährleistete; der Staat hat sich höchstens um die Dienstmädchen gekümmert und durch Überwachung ihrer Gesinde-Bücher sie der willkürlichen Rache ihrer Herrschaften preisgegeben oder um sie von der Polizei ausweisen zu lassen, wenn sie nicht gleich einen Dienst fanden (…). Was aber fragt der Staat nach dem Elend der Näherinnen, Stickerinnen, Klöpplerinnen etc.? – Nur durch die Assoziation helfen sich die Arbeiter auch allein und ohne die spezielle Mitwirkung des Staats: So mögen die Arbeiterinnen das gleiche versuchen; durch die »Berliner Beschlüsse« sind ihnen die Arbeiter entgegengekommen, nun mögen sie auch das ihrige tun! - In den Städten aber, wo Frauen-Vereine bestehen, wäre es Pflicht derselben, zunächst diese Sache in die Hand zu nehmen!
Vor ziemlich zwei Jahren war es, als ich diese Zeitung gründete und im Programm derselben schrieb: »Die Geschichte aller Zeiten und die heutige ganz besonders lehrt: dass diejenigen auch vergessen wurden, welche an sich selbst zu denken vergaßen.«
»Wohlauf, meine Schwestern, vereinigt euch mit mir, damit wir nicht zurückbleiben, wo alle und alles um uns und neben uns vorwärtsdrängt und kämpft. Wir wollen auch unser Teil fordern und verdienen an der großen Welt-Erlösung, welche der ganzen Menschheit, deren eine Hälfte wir sind, endlich werden muss.«
»Wir wollen unser Teil fordern: das Recht, das Rein-Menschliche, in uns in freier Entwickelung aller unserer Kräfte auszubilden und das Recht der Mündigkeit und Selbständigkeit im Staat.« Weiterlesen
»Wir wollen unser Teil verdienen: Wir wollen unsere Kräfte aufbieten, das Werk der Welt-Erlösung zu fördern, zunächst dadurch, dass wir den großen Gedanken der Zukunft: Freiheit und Humanität (was im Grunde zwei gleichbedeutende Worte sind) auszubreiten suchen in allen Kreisen, welche uns zugänglich sind, in den weitern des größeren Lebens durch die Presse, in den engeren der Familie durch Beispiel, Belehrung und Erziehung. Wir wollen unser Teil aber auch dadurch verdienen, dass wir nicht vereinzelt streben, nur jede für sich, sondern vielmehr jede für alle; und dass wir vor allem derer zumeist uns annehmen, welche in Armut, Elend und Unwissenheit vergessen und vernachlässigt schmachten.«
Zwei Jahrgänge dieser Zeitung liegen dem Publikum zur Beurteilung vor. Es wird ihr das Zeugnis geben müssen, treu an diesem Programm festgehalten zu haben, und die stets wachsende Teilnahme, welche dieselbe durch Abonnenten und Mitarbeiter-Kräfte fand, und zwar fand unter den ungünstigsten Verhältnissen, welche eine demokratische Zeitschrift nur haben konnte (das sächsische Blatt begann im April 1849, die dritte Nr. erschien unterm Belagerungszustand), wird es selbstredend bestätigen, dass dies Programm nicht vergebens geschrieben ward.
Es ist nicht Eitelkeit und Selbstlob: Es ist die Freudigkeit der Erfahrung zweier Jahre, mit der ich heute sagen darf: Die Frauen-Zeitung hat gehalten, was sie versprochen; was sie beabsichtigt und gewollt, hat sie erreicht und bezweckt. Sie hat »dem Reich der Freiheit Bürgerinnen geworben«, sie hat unzählige Frauen aufgeweckt aus ihrem Halbschlummer und angeregt, »ihr Teil zu fordern«, und noch mehr, »ihr Teil zu verdienen«, sie hat vor allem es dahin gebracht, dass nicht mehr nur »jede für sich« strebte, sondern vielmehr »jede für alle«; sie hat es auch dahin gebracht, »dass diejenigen, die nicht vergaßen, an sich selbst zu denken, auch nicht vergessen worden sind«. Die Erfahrungen der letzten Zeit und das neue Preßgesetz selbst bestätigen dies.
Weit entfernt von der allgemeinen Ausdrucksweise anderer Gesetze, hebt es § 12. des Preßgesetzes besonders hervor, dass nur »männliche Personen« Redaktionen von Zeitschriften führen dürfen. Es ist also kein Zweifel, dass man an die Frauen diesmal nicht zu denken vergessen hat. Insofern haben wir durch unsere Bestrebungen der letzten Jahre es wirklich dahin gebracht, dass man Rücksichten auf die Frauen nimmt, wie sie früher niemals genommen worden sind. – Als wir vor zwei Jahren unser Programm versendeten, dachten wir freilich bei jener Stelle nur an die Austeilung von Rechten an alle Staatsangehörige, wobei wir nicht vergessen sein wollten; wie jetzt die Sachen stehen, handelt es sich im Gegensatz um Entziehung von Rechten, und von unserem Standpunkt aus ist es jetzt nicht minder ehrenvoll für uns: auch dabei nicht vergessen worden zu sein, als es bei den früheren Verhältnissen, im umgekehrten Fall, das Gleiche gewesen wäre.
Ich bin hier zur Anführung des Grundes gekommen, aus dem ich die Frauen-Zeitung eingehen lassen und heute dies Abschiedswort schreiben muss.
Er ist enthalten in § 12. des Preßgesetz-Entwurfes: »Die verantwortliche Redaktion einer Zeitschrift dürfen nur solche im Königreich Sachsen wohnhafte männliche Personen führen«. Die übrigen Bedingungen der Redaktionsübernahme sind nicht nötig zu wiederholen, diese eine erklärt die Unmöglichkeit des längeren Bestehens einer »Frauen-Zeitung«, da auch »bei der Mitredaktion beteiligte Personen dieselben Eigenschaften haben müssen«. Alle den anderen nachfolgenden Bedingungen zur Fortführung der Redaktion würde ich haben genügen können, auch die Stellung der Kaution würde uns kein Hindernis gewesen sein – aber Frauen sind ein- für allemal nicht mehr zu einer Redaktion zulässig, und so bleibt mir nichts übrig, als samt der Frauen-Zeitung Abschied zu nehmen von ihren Lesern und Leserinnen.
Es fällt mir nicht ein, den Einflüsterungen klügelnder Schmeichler zu glauben, welche mir einreden wollen, man habe (weil eben noch nirgends und durch kein anderes deutsches Preßgesetz den Frauen die Führung von Redaktionen verboten worden) in dem betreffenden sächsischen Preßgesetz-Entwurf auf mich speziell Rücksicht genommen – allein ich kann nicht umhin, darin eine Anerkennung des Wirkens der »Frauen-Zeitung« zu finden, denn ehe sie bestand und ehe die Frauen selbst sich fühlen lernten als Frauen eines Volkes und sich berufen fühlten, seiner Sache zu dienen mit gleicher Begeisterung wie die Männer, wenn auch in anderer Weise, hätte allerdings so leicht kein Gesetz »zur Zügelung und gegen den Missbrauch der Presse« es berücksichtigt, dass diese Schutzwehr auch mit gegen die Frauen aufzurichten sei.
Scheinbar nur in die alte Unmündigkeit zurückgeworfen, sind die Frauen nie für mündiger in den Dingen des Staats erklärt worden als durch diesen Gesetzesparagraphen. Sie werden an Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen gewinnen, was man ihnen jetzt durch Entziehung eines Rechts geraubt hat.
Noch zwar ist jener Preßgesetz-Entwurf nicht als Gesetz publiziert, aber wir haben dies jedenfalls in kürzester Frist zu erwarten, und so hielten wir es für unangemessen, erst ein neues Quartal zu beginnen. Vielleicht aber kann man fragen: Warum, wenn ich auch gezwungen bin, von der Redaktion zurückzutreten, die »Frauen-Zeitung« nicht dennoch forterscheine unter einem zulässigen Redakteur?
Ich bin gewiss, dass wenigstens die Frauen nicht so fragen werden, welche von der Tendenz und den leitenden Prinzipien der »Frauen-Zeitung« durchdrungen sind. Wir wollten und wollen unser Recht uns selbst verschaffen und verdienen – und wir weichen lieber der Gewalt, als dass wir als unmündige Kinder unsere Zuflucht zu einem Schirmherrn nehmen, dessen wir nicht mehr bedürfen. Wir unterwerfen uns freiwillig keinen Oktroyierungen. Wissen wir nun doch, dass die Ideen, welchen unsere Zeitung das Wort geredet, nicht getötet werden können, wie dies arme Blatt – das ja auch selbst, wenn es heute stirbt, vielleicht nicht allzu lange seiner Auferstehung entgegenzuschlummern hat.
Dennoch, obwohl ich diese freudige Gewissheit mit mir nehme, und obwohl ich in diesem augenblicklichen Untergang der Frauen-Zeitung keinen Untergang sehe für die Prinzipien, denen sie diente, kann ich nicht ohne Wehmut, ja, sogar nicht ohne Schmerz dies Abschiedswort schreiben, und darum gestatte man mir, dass ich so lange dabei verweile, wie man Abschied nimmt von einem treuen Gefährten und zugleich, wie von ihm, aus einem ganzen großen lieb gewordenen Kreis scheidet.
Als ich die Zeitung begann, zweifelten viele an dem Gelingen des Unternehmens und andere daran, dass es wirklich ein Bedürfnis sei. Die Zweifel beider haben durch die gemachten Erfahrungen verstummen müssen. Wir begannen zu einer Zeit, wo die Verhältnisse für die demokratische Presse immer ungünstiger wurden, aber wir haben ihnen standgehalten, wir haben unserer Sache Opfer gebracht, aber andere mit uns haben dies auch getan, und wir danken allen, welche unsere Bestrebungen und unsern redlichen Willen unterstützten. Wie sehr aber eine Zeitung wie diese ein Bedürfnis war, dafür bürgt die weite Verbreitung, welche sie erhielt, dafür bürgen unzählige Briefe begeisterter Frauen von nah und fern, die ihre Zustimmung, ihre Freude zu erkennen gaben, dass endlich ein Organ geschaffen sei für ihre Interessen, ein Organ, welches mit ihren höheren Angelegenheiten sich beschäftigte und zugleich ein Band der Vereinigung webe für die gleichen und bisher doch vereinzelten Elemente. Viele unserer besten Schriftsteller und Schriftstellerinnen wendeten ihre Tätigkeit dem Blatte zu und bewiesen durch diese Unterstützung des Unternehmens, wie zeitgemäß dasselbe sei. (…) Korrespondenten und Korrespondentinnen, und zwar in den gesperrt gedruckten Städten regelmäßige, hatten wir in Altenburg, Aarau, Altona, Breslau, Berlin, Braunschweig, böhmische Grenze, Coburg, Chemnitz, Dresden, Erzgebirge, Freiberg, Großstrelitz, Hamburg, Hirschberg, Hanau, Kiel, Königsberg, Leipzig, Lausitz, Mecklenburg, Mainz, Meißen, Marggrabowo, Nancy, New-York, Provinz Preußen, Plauen, Oberschlesien, Rastatt, vom Rhein, Ravendsberg, Straßburg, Schleswig, Wien, Voigtland, Zürich u.a.
Zu scheiden aus diesem Kreis, dessen Mittelpunkt ich bis jetzt war, auseinanderfallen zu sehen, was nicht ohne Müh' geeinigt worden, aufzugeben eine Arbeit, die ziemlich zwei Jahre lang mein größtes Glück war und deren befriedigende Resultate, wo es sich um die Verbreitung und weitere Entwickelung unserer Tendenzen handelte, mich für vieles Trübe entschädigen, was diese traurige Zeit uns allen bietet – ich fühle es heute, wie schwer dies ist. Ich werde aus diesem teuren Kreis meiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Leser und Leserinnen scheiden, aus diesem bewegten Leben der Journalistik zurückkehren in die stumme Einsamkeit, und man wird wenig von mir hören, vielleicht mich vergessen. Aber ich nehme den Trost mit mir, dass ich nach Kräften das beste gewollt und erstrebt und dass der Samen, welchen die »Frauen-Zeitung« ringsum ausgestreut, nicht überall auf dürres Land gefallen ist und aufgehen, keimen und fortblühen wird, wenn die Hand, die ihn streute, auch vergessen ist und keinen neuen hinzufügen kann. Und ich nehme noch etwas mehr mit als diesen Trost: die Hoffnung, dass die Frauen-Zeitung heute nicht für immer begraben wird.
Ich betrachte das heutige Aufhören dieser Zeitschrift eigentlich mehr nur als eine Suspensation. Es ist jetzt in Deutschland, in Sachsen ja beinah alles suspendiert. Warum nicht auch die Frauen-Zeitung? Es werden wieder andere, menschlichere Zeiten kommen, wo diese Suspensierungen aufhören, auch die der Preßfreiheit – dann werden wir wieder an unserem Platz sein. Dann wird die »Frauen-Zeitung« wieder erstehen mit neuer Kraft in dem alten Geiste – und dann wird er nicht mehr gehemmt sein durch Verordnungen, Verbote, Verwarnungen und Konfiskationen, dann werden wir wieder frei sprechen und schreiben dürfen, und wie man jetzt ein Recht uns weigert, das bisher noch niemals in Frage kam, wird man dann keines mehr uns weigern von alle den Rechten, die jetzt vielleicht noch in Frage sind. – Bis dahin, deutsche Schwestern, wollen wir in der Stille wirken im Dienst der Freiheit, der allgemeinen, und darum auch der unseren, wir wollen ihr Bürgerinnen werben im Haus, in der Familie, wir werden es noch überall vermögen, wenn es auch durch die Presse nicht mehr wie vordem geschehen kann. Und wenn dann die Stunde der Erlösung kommt, auf die wir alle warten, so werden wir derselben besser dienen können und würdiger auf sie vorbereitet sein, als wie es vor Jahren der Fall war.
Bis dahin, lebet wohl – auf Wiedersehen!
Die Redaktion
Ludwig der Kellner, Meißen 1842
Kathinka, Leipzig 1844
Die Freunde, Leipzig 1845
Aus der neuen Zeit. Erzählungen, Leipzig 1845
Schloß und Fabrik. Roman, 1846 (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv). Überarbeitete und erweiterte Neuauflage 2021, herausgegeben von der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. Mit einem Vorwort von Godula Kosack und einer Einführung von Gisela Notz, Hentrich & Hentrich Verlag, Leipzig 2021.
Römisch und Deutsch, Leipzig 1847.
Über die Teilnahme der Frauen am Staatsleben, in: Vorwärts. Volkstaschenbuch für das Jahr 1847, hrsg. von Robert Blum, Leipzig 1847, S. 41-62.
Lieder eines deutschen Mädchens, Leipzig 1847.
Ein Bauernsohn, Leipzig 1849 (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv).
Die Kunst und unsere Zeit, Großenhain 1852.
Das Recht der Frauen auf Erwerb, Hamburg (Hoffmann und Campe) 1866; Neudruck als Sonderausgabe der „Sammlung Hofenberg“, Berlin 2015.
Zerstörter Friede. Roman. Jena 1866.
Frauenleben im Deutschen Reich: Erinnerungen aus der Vergangenheit mit Hinweis auf Gegenwart und Zukunft, Leipzig 1876; Nachdruck: Sonderausgabe, Berlin 2015.
Geistliche Fürsten und Herren in Deutschland bis zur Säkularisation 1803 Leipzig 1869.
Die Nachtigall von Werawag (Roman), Freiburg 1887.
Das erste Vierteljahrhundert des Allgemeinen deutschen Frauenvereins, Leipzig 1890.
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten, Leipzig 1893.
Artikel in der „Frauen-Zeitung“: Einzelne Ausgaben der „Frauen-Zeitung“ sind in verschiedenen Archiven zu finden, so z. B. im Berliner Bundesarchiv, in der Staats- und Universitätsbibliothek Dresden oder im FrauenMediaTurm, Köln. Die kompletten Ausgaben lassen sich u. a. im Archiv der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. sowie (auch als Digitalisate) in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (www.slub-dresden.de) einsehen.
Anja Zimmer: Ich habe Licht gebracht!: Louise Otto-Peters. Eine deutsche Revolutionärin. Roman, Sax Verlag 2019.
Ilse Nagelschmidt, Johanna Ludwig (Hrsg.): Louise Otto-Peters. Politische Denkerin und Wegbereiterin der deutschen Frauenbewegung, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden 1996.
Johanna Ludwig, Rita Janek (Hrsg.): Louise Otto-Peters. Literarisches und publizistisches Werk. Katalog zur Ausstellung, Leipziger Universitätsverlag 1995.
Christine Otto: Variationen des „poetischen Tendenzromans“. Das Erzählwerk von Louise Otto-Peters, Pfaffenweiler 1995.
Ruth-Ellen Boetcher Joeres: Die Anfänge der deutschen Frauenbewegung: Louise Otto-Peters, Frankfurt 1983.
Cordula Koepcke: Louise Otto-Peters. Die rote Demokratin. Freiburg 1981.
Ute Gerhard, Elisabeth Hannover-Drück, Romina Schmitter (Hrsg.): „Dem Reich der Freiheit werb’ ich Bürgerinnen“. Die „Frauen-Zeitung“ von Louise Otto, Frankfurt 1979.
Jeanne Berta Semmig: Louise Otto-Peters. Lebensbild einer deutschen Kämpferin. Union Verlag, Berlin 1957.
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