
LUDWIG BAMBERGER
Abb.: Fotografie von Julius Braatz, 1889
Vorlage: Bamberger, Erinnerungen, Frontispiz
Ludwig Bambergers wechselvolles Leben war durch die Umbrüche seiner Zeit und persönliche Neuorientierungen gekennzeichnet. In der Revolution von 1848/49 wurde er zu einem der profiliertesten demokratischen Redner und Journalisten seiner Heimatstadt Mainz, wo er für eine deutsche Republik eintrat. Gemeinsam mit Franz Zitz stand er an der Spitze eines Freikorps, das der revolutionären Pfalz gegen preußische Interventionstruppen zu Hilfe kam. Im Exil absolvierte er eine Banklehre und wurde ein wohlhabender Bankier. 1867 kehrte er nach Deutschland zurück, wo er zu den prominentesten nationalliberalen Politikern zählte. Er unterstützte Bismarck und wurde sein Berater. Bamberger war die zentrale Persönlichkeit bei der Einführung der Mark, der Gründung der Deutschen Bank und der Gründung der Reichsbank. Die konservative Wende der Reichspolitik führte 1880 zum Bruch mit Bismarck, dessen erbitterter Gegner er wurde. Bamberger schloss sich den Linksliberalen an. Er wurde zum Vertrauten des Kronprinzenpaars, doch der frühe Tod von Kaiser Friedrich III. zerstörte die Hoffnung auf einen liberalen Neuanfang.
Ludwig Bamberger wurde am 22. Juli 1823 in Mainz (Großherzogtum Hessen) in einer jüdischen Familie geboren. Seine Eltern waren der Kaufmann und Bankier August Bamberger und die ebenfalls aus einer Bankiersfamilie stammende Amalia geb. Bischoffsheim.
Beginn des Studiums der Rechtswissenschaften in Gießen, Heidelberg und Göttingen mit Abschluss an der Landesuniversität Gießen. Bamberger befasste sich daneben intensiv mit Politischer Ökonomie und Philosophie.
Bamberger absolvierte den Vorbereitungsdienst für den Justizdienst in Rheinhessen und bestand das Staatsexamen. Juden war jedoch im Großherzogtum Hessen der Staatsdienst verschlossen, und auf eine Advokatur hätte er noch Jahre lang warten müssen.
Nach dem Ausbruch der Revolution wurde Bamberger ein erfolgreicher Volksredner und Journalist. Er war bekennender Republikaner, zeitweise Vorsitzender des Demokratischen Vereins in Mainz und des Demokratischen Turnerbunds sowie kurzzeitig Präsident des zweiten Demokratenkongresses in Berlin. Im Mai 1849 wurde er mit Franz Zitz Kommandant eines Freikorps, das den pfälzischen Aufstand für die Reichsverfassung unterstützte. Angesichts der sich abzeichnenden Niederlage floh Bamberger am 22. Juni 1849 in die Schweiz, dann nach London, wo er eine Banklehre im Bankhaus seines Onkels Bischoffsheim begann. In Abwesenheit wurde er durch ein bayerisches Gericht zum Tod verurteilt.
Bamberger trat als Prokurist in die Filiale von Bischoffsheim und Goldschmidt in Paris ein, ab 1858 war er deren Leiter und wurde auch Mitbegründer der „Banque de Paris et des Pays-Bas“ (Paribas). Bereits 1852 hatte er in Rotterdam Anna Belmont aus Alzey geheiratet.
Vor dem Hintergrund der „Neuen Ära“ in Preußen begann Bamberger wieder seine publizistische Tätigkeit in Deutschland und nahm Verbindung mit dem Deutschen Nationalverein auf.
Nach seiner Amnestierung kehrte er nach Deutschland zurück und wurde 1868 in Mainz für die Nationalliberalen in das Zollparlament gewählt.
1869/70 wirkte Bamberger maßgeblich an der Gründung der Deutsche Bank AG mit und war bis 1872 Mitglied ihres Verwaltungsrates. Bismarck berief Bamberger als Pressebeauftragter und Sachverständiger für die französischen Angelegenheiten während des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 ins Große Hauptquartier.
Bamberger wurde in den Reichstag gewählt und blieb bis 1893 Reichstagsabgeordneter. Er gehörte bis 1878 dem Vorstand der nationalliberalen Fraktion an und war außerdem seit 1870 im Vorstand der Nationalliberalen Partei. Er war maßgeblich an der Schaffung der „Mark“ als einheitlicher Goldwährung und an der Gründung der Reichsbank beteiligt.
Aufgrund der konservativen Wende der Reichsregierung zu einer Schutzzollpolitik kam es zum Bruch mit Bismarck. Bamberger schied mit weiteren Abgeordneten aus der Nationalliberalen Partei aus und bildete die Liberale Vereinigung (auch als Sezession bezeichnet), die 1884 mit der Deutschen Fortschrittspartei zur Deutschen Freisinnigen Partei fusionierte.
Bamberger ließ sich nicht mehr zur Reichstagswahl aufstellen und schied aus der aktiven Politik aus.
Bamberger starb am 14. März 1899 in Berlin.
Prof. Dr. Michael Wettengel
Ludwig Bamberger wurde in Mainz am 22. Juli 1823 als zweiter Sohn unter sechs Geschwistern in einer wohlhabenden rheinhessischen jüdischen Familie geboren. Der Vater August Bamberger war Kaufmann und Bankier, die Mutter Amalia, geborene Bischoffsheim, entstammte einer international tätigen Bankiersfamilie. Bamberger war ein begabter Schüler. 1842 begann er sein Jurastudium an der Universität Gießen und setzte dieses in Heidelberg fort, wo er mit Heinrich Bernhard Oppenheim und Friedrich Kapp lebenslange Freunde fand. Bamberger ging danach an die Universität Göttingen, um schließlich 1845 an der hessen-darmstädtischen Landesuniversität Gießen seine Prüfung abzulegen. Weiterlesen
Neben den Rechtswissenschaften hatte sich Bamberger auch intensiv mit Nationalökonomie und Philosophie befasst, darunter auch sozialistische Schriften studiert, unter anderem von Saint-Simon, Louis Blanc und Pierre-Joseph Proudhon. Bamberger hatte sich als Student radikaldemokratischen Kreisen angeschlossen und lehnte die deutsche Kleinstaaterei ab, die er verantwortlich für viele Fehlentwicklungen machte. Stattdessen befürwortete er einen einheitlichen deutschen Nationalstaat mit republikanischer Verfassung. Schon früh löste sich Bamberger von der jüdischen Religion seiner Herkunft, wie er 1844 in einem Brief an seine Cousine und spätere Ehefrau Anna Belmont aus Alzey zum Ausdruck brachte. Er gehörte jedoch bis zu seinem Lebensende der jüdischen Religionsgemeinschaft an. Die enge Verbindung mit seiner jüdischen Familie war für ihn von zentraler Bedeutung.
Es folgte der Vorbereitungsdienst für den Justizdienst in Rheinhessen, den der „Accessist“ Bamberger 1847 mit dem Staatsexamen abschloss. Juden war jedoch im Großherzogtum Hessen der Staatsdienst verschlossen, und auf eine Advokatur hätte er noch Jahre lang warten müssen. Der Beginn der Revolution im Frühjahr 1848 änderte alles. Bamberger trat als erfolgreicher Volksredner und Journalist auf, zeitweilig als Chefredakteur der „Mainzer Zeitung“. Gemeinsam mit Franz Zitz, der in die Nationalversammlung gewählt wurde, gehörte der „rote Bamberger“ bald zu den führenden Demokraten in Mainz und setzte die Neubildung des Bürgerkomitees durch, wo nun Republikaner die Mehrheit hatten. Sogar die Gruppe um Karl Marx betrachtete die Aufnahme des rührigen Agitators als „für das Bestehen des Bundes [der Kommunisten] in Mainz von großer Wichtigkeit“ (zitiert nach Weber, S. 33); diese kam allerdings nicht zustande.
Bamberger gehörte im Mai 1848 zu den Gründern des „Demokratischen Vereins“ in Mainz, der im Laufe der Revolutionszeit mehr als 2.000 Mitglieder hatte. Er entwarf seine Statuten und war zeitweilig auch Vorsitzender des Vereins, dem sich im Frühjahr 1849 etwa 120 rheinhessische Vereine nach dem Vorortprinzip anschlossen. Bamberger war auch Mitglied des Demokratischen Provinzialdirektoriums für Rheinhessen. Als Delegierter des Mainzer Vereins nahm er im Juni und Oktober 1848 an beiden Demokratenkongressen in Frankfurt und Berlin teil, wo er zeitweise das Präsidium innehatte. Er besaß auch im demokratischen Turnverein eine Führungsrolle und gehörte im Juli 1848 zu den Gründern des „Demokratischen Turnerbunds“, der sich zur „demokratischen Republik“ bekannte. Obgleich ein bekennender Republikaner und Kenner frühsozialistischer Publikationen, bezog Bamberger in der sozialen Frage eine zurückhaltende Position. Er glaubte, dass eine möglichst friedliche Durchsetzung der Republik im Gesamtstaat die Grundlage für gesellschaftliche Reformen bieten würde. Offener als viele demokratische Weggefährten war Bamberger für die politische Teilhabe von Frauen und verlangte eine Beteiligung der Frauen am öffentlichen Leben bei der Fahnenweihe des Turnvereins Mainz im August 1848. Bei Bambergers Haltung mag eine Rolle gespielt haben, dass seine Mutter Amalia stellvertretende Vorsitzende des Mainzer Frauenvereins „Humania“ war. Bamberger diskutierte auch mit der aus Darmstadt stammenden Publizistin und Frauenrechtlerin Louise Dittmar, die auf eine „sociale Reform der Frauen“ hoffte. Dies ging selbst Mitgliedern des Frauenvereins zu weit, und dass Bamberger sich öffentlich mit ihr sehen ließ, war Stadtgespräch.
Die Ablehnung der von der Nationalversammlung beschlossenen Reichsverfassung durch den König von Bayern führte zum Aufstand in der bayerischen Rheinpfalz. Angesichts der bevorstehenden Intervention durch bayerische und preußische Truppen mobilisierten die rheinhessischen Demokraten ein Freikorps mit 1.500 Bewaffneten zur Unterstützung der Aufständischen. Im Mai 1849 wurde Bamberger mit Franz Zitz Kommandant und maßgeblicher Organisator der Truppe, die in die Pfalz abmarschierte. Angesichts der sich abzeichnenden Niederlage floh Bamberger am 22. Juni 1849 in die Schweiz. Zehn Tage zuvor, am 12. Juni 1849, war er noch als Nachrücker für Zitz zum Abgeordneten der Nationalversammlung gewählt worden, die zu diesem Zeitpunkt als Rumpfparlament in Stuttgart tagte. Das Mandat hatte Bamberger nicht mehr antreten können, denn schon am 18. Juni 1849 war die Nationalversammlung aufgelöst worden. In Abwesenheit wurde er zu langjährigen Haftstrafen, von einem bayerischen Gericht 1852 sogar zum Tod verurteilt. Die Erfahrungen der Jahre 1848/49 waren für Bamberger ernüchternd. „Die Deutschen haben ihren Ruf der praktischen Untauglichkeit diesmal in einem schrecklichen Grade bewahrheitet“, schrieb er rückblickend 1849 (Bamberger: Erlebnisse, S. VII). Seinen Glauben an eine Revolution „von unten“ in Deutschland hatte er verloren.
Seinen Plan zur Emigration in die Vereinigten Staaten von Amerika und der Gründung einer Anwaltskanzlei in New York gab Bamberger auf und begann noch im Spätjahr 1849 eine Banklehre im Bankhaus seines Onkels Bischoffsheim in London. Danach arbeitete er in einer Filiale in Antwerpen und gründete 1851 in Rotterdam sein eigenes „Bankhaus L.A. Bamberger“. 1852 heiratete er hier seine Verlobte Anna Belmont. Bamberger trat im Jahr darauf als Prokurist in die Filiale von Bischoffsheim und Goldschmidt in Paris ein, deren Leiter er 1858 wurde. Bamberger war Mitbegründer der „Banque de Paris et des Pays-Bas“ (Paribas) und wurde wohlhabend.
Sein Interesse an der deutschen Politik hatte Bamberger jedoch nie verloren. Er strebte nun eine nationale Einigung „von oben“ an und hoffte auf eine liberal geprägte Verfassung nach der Schaffung des deutschen Nationalstaats unter Führung Preußens. Seine Tätigkeit als Bankier dürfte seine nun hervortretende wirtschaftsliberale Haltung gefördert haben. Nach der Amnestierung kehrte er nach Deutschland zurück. Er wurde 1868 in Mainz für die Nationalliberalen in das Zollparlament gewählt und unterstützte den politischen Kurs des preußischen Ministerpräsidenten Bismarck. 1869/1870 ergriff er gemeinsam mit dem Bankier Adelbert Delbrück die Initiative zur Gründung der „Deutsche Bank AG“, die der Finanzierung des deutschen Außenhandels dienen sollte. Nach Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges berief ihn Bismarck als Pressebeauftragten und Sachverständigen für die französischen Angelegenheiten ins Große Hauptquartier der preußischen Streitkräfte.
Bamberger wurde 1871 in Mainz in den Reichstag gewählt und gehörte ihm bis 1893 an, zuletzt für den Wahlkreis Bingen-Alzey. Er war einer der prominentesten liberalen Politiker und bedeutendsten deutschen Parlamentarier seiner Zeit. Bis 1878 war er Vorstandsmitglied der nationalliberalen Reichstagsfraktion und gehörte seit 1870 dem Vorstand der Nationalliberalen Partei an. Er war der wichtigste Finanzpolitiker im Reichstag, der die Schaffung der neuen deutschen Gemeinschaftswährung 1871/73 maßgeblich gestaltete. Er gilt zurecht als „Vater“ der Mark (Langewiesche, S. 284), die er durch feste Goldparität im internationalen Goldstandard als ein angesehenes Zahlungsmittel etablierte. Und nicht zuletzt war er 1875 der Mitbegründer der Reichsbank als zentrale Notenbank mit Sitz in Berlin. Bamberger arbeitete an der legislativen Ausgestaltung des neuen Reiches im liberalen Sinne mit. Seine Hoffnungen auf eine Parlamentarisierung durch die Stärkung des Reichstags erfüllten sich jedoch nicht. Schon 1870 misstraute er Bismarck, der versuche, „den Parlamentarismus durch die Parlamente zu tödten“ (Bamberger, Vertrauliche Briefe, S. 69).
Über die Einführung hoher Getreidezölle 1879 zum Schutz der heimischen Landwirtschaftsbetriebe kam es zum Bruch zwischen Bamberger und Bismarck. Bamberger trennte sich 1880 mit weiteren Abgeordneten von der nationalliberalen Fraktion und gründete mit ihnen die „Liberale Vereinigung“, die nach einer Schrift Bambergers als „Sezession“ bezeichnet wurde. 1884 fusionierte diese mit der linksliberalen Deutschen Fortschrittspartei zur Deutschen Freisinnigen Partei. Bamberger wurde zu einem der wichtigsten und eloquentesten parlamentarischen Gegner Bismarcks. Er wandte sich insbesondere gegen die Verlängerung des Militäretats und die Schwächung des Reichstags, aber seit 1884 auch gegen die Verlängerung des Sozialistengesetzes. Er fürchtete die Dominanz des Militärs und der traditionellen agrarischen Adelseliten in Deutschland. Die kolonialpolitischen Bestrebungen des Kaiserreichs lehnte er grundsätzlich ab und verwies auf die Unwirtschaftlichkeit von Kolonien, die nicht dem nationalen Interesse dienten. Insbesondere kritisierte er aber die Praxis der Kolonialpolitik.
Mit der konservativen Wende der Reichspolitik ging die Zunahme des rassistisch begründeten Antisemitismus in der Öffentlichkeit einher. Bamberger trat ihm öffentlich entgegen und interpretierte den Antisemitismus als Angriff gegen die Moderne sowie eine Gefährdung der Errungenschaften der Aufklärung und der Grundlagen der Kultur. In seinen privaten Korrespondenzen war Bamberger pessimistisch und erörterte die Möglichkeiten einer Auswanderung.
Bereits seit 1884 wurde Bamberger der vertrauliche Berater des späteren Kaisers Friedrich III. und seiner Gemahlin Victoria, die er in ihrer Gegnerschaft zu Bismarck unterstützte. Die Hoffnungen auf eine Verfassungsreform im Sinne der Parlamentarisierung des Reichs, die Bamberger mit Friedrich III. verband, scheiterten jedoch, als dieser nur wenige Monate nach seiner Thronbesteigung 1888 starb. In seinen letzten Jahren im Reichstag zeichnete sich möglicherweise eine Korrektur seiner Ansichten gegenüber dem Sozialismus ab. Gegenüber Lujo Brentano, den er einst als Kathedersozialisten bekämpft hatte, soll er sogar gesagt haben, „es werde den Liberalen nichts übrigbleiben, als mit den Sozialdemokraten sich zu verbünden“ (zitiert nach Weber, S. 58).
1893 ließ sich Bamberger nicht erneut für den Reichstag aufstellen. Er starb am 14. März 1899 in Berlin.
Zitierte Literatur:
Ludwig Bamberger: Erinnerungen. Hrsg. von Paul Nathan, Berlin 1899.
Ludwig Bamberger: Erlebnisse aus der Pfälzischen Revolution im Mai und Juni 1849, Frankfurt am Main 1849.
Ludwig Bamberger: Vertrauliche Briefe aus dem Zollparlament (1868 – 1869 – 1870), Berlin 1870.
Dieter Langewiesche: Ludwig Bamberger (1823-1899). Der deutsche Nationalstaat – Lebenstraum und Enttäuschung, in: Frank-Walter Steinmeier (Hrsg.): Wegbereiter der deutschen Demokratie. 30 mutige Frauen und Männer 1789-1918, Bonn 2022, S. 279-291.
Marie-Lise Weber: Ludwig Bamberger. Ideologie statt Realpolitik, Stuttgart 1987.
Erster Abschnitt.
Name, Zweck und Mittel des Vereins.
§1.
Der Verein soll die Benennung „Demokratischer Verein“ haben.
§2.
Die wesentliche Aufgabe des Vereins soll in der Verwirklichung der Grundsätze der Volkssouveränität im Staate und in der Gesellschaft bestehen.
§3.
Diese Aufgabe zu lösen, werden als Mittel angenommen – ohne andere auszuschließen:
[…]
Die verflossene Mittwochs-Sitzung des demokratischen Vereins war in jeder Beziehung, sowohl was Belehrung als was geistige Anregung aller Anwesenden betrifft, eine schöne und nützliche zu nennen. Weit entfernt, daß der Vorstand, wie in anderen Vereinen, sich genöthigt sehen sollte, die Mitglieder zu größerer Teilnahme und Tätigkeit aufzufordern, ist der Zudrang zu den Sitzungen so bedeutend, dass bereits die Zahl der Generalversammlungen monatlich um zwei Sonntagssitzungen vermehrt und die auszugebenden Damenkarten auf 100 festgestellt werden mussten. Am letzten Mittwoch war die Nachfrage nach diesen Karten so bedeutend, daß sie schon in der ersten halben Stunde sämtlich vergriffen waren, und zu deren Erlangung eine förmliche Queue gebildet werden mußte. Die Gallerien, zu denen der Zutritt einem Jeden frei steht, sind immer dicht besetzt. Der Vorstand befände sich […] mit nächstem in die verzweifelte Lage versetzt, die Wände des so geräumigen Saales noch um ein Erkleckliches auseinander schieben zu müssen. [….]
In dieser, so wie in den vorhergehenden Sitzungen wurde auf die von gewissen Seiten her so oft wiederholten Vorwürfe, dass es nur einige Wenige seien, die dem Vereine Reden vordeklamirten und die ganze Masse als stummes willfähriges Werkzeug zu ihren ehrgeizigen Plänen benützen, schlagend geantwortet. Wenn für Fragen, wie die in der letzten Zeit verhandelten, ein so reger Eifer, eine so allgemeine Betheiligung sich kund gibt, so muß es selbst dem ehrlichen Gegner klar werden, daß ein Volk, das mit solcher angelegentlichen Sorge um die Mittel seiner weiteren politischen Ausbildung sich bekümmert, jetzt schon auf einer weit höheren Stufe steht, als diejenigen, welche in vornehmer Indolenz über die „Unreife“ und die „Dummheit“ des großen Haufens spötteln.
Verehrte Frauen und Jungfrauen!
Sie überreichen uns eine Fahne, das Sinnbild der Vereinigung und der Standhaftigkeit im Beharren für das Ziel einer solchen Vereinigung. Sie begleiten dieses Geschenk mit Wünschen und Ermunterungen, mit Versicherungen der Sympathie für das, was wir erstreben. Wenn Handlungen in dieser Art und in dieser Weise aufgefaßt, eine hergebrachte Sitte sind, so fordern mich vor allem einige Worte Ihrer verehrten Sprecherin, so fordert mich außerdem die geschichtliche Bedeutung der gegenwärtigen Zeit auf, tiefer hineinzugreifen in das Wesen Ihrer Handlung und einen neuen Sinn in der hergebrachten Form zu suchen. Der Augenblick scheidet sich so durchaus von der vergangen Periode, der Wendepunkt dieses Augenblicks schließt einen so vollständigen Bruch mit der früheren Zeit in sich, daß ich in allem Erscheinenden mehr den Stempel des originellen Geistes der allerneuesten Epoche, als die Spuren der Vergangenheit suchen zu müssen glaube. Ist es doch überhaupt der Charakter dieser gegenwärtigen Epoche, daß ein neuer Geist im alten Gewande herumgeht; ist es doch die augenfällige Eigentümlichkeit der augenblicklichen Gegenwart, angefüllt, durchdrungen zu sein von neuen und großen Gedanken, die noch von der Hülle des Alten umschlossen sind. Sehen Sie doch hin, wie die großen Ideen der Freiheit, der Menschlichkeit unendlich mächtiger als je durch die zivilisierte Welt schreiten von einem Ende zum andern, wie sie alle Köpfe, alle Herzen ergreifen – und sehen Sie, wie wenig in der Äußerlichkeit dieselben Ideen noch entsprechende Form und Geltung gewonnen haben! Der Geist der Epoche ist ein Jüngling, der so rasch sich aus dem Zustand der Kindheit heraus entwickelte, dass er nicht einmal die Zeit fand, das Gewand zu wechseln, dass er noch in der Welt herumläuft, eine hohe Gestalt in verwachsener Tracht. Aber er läßt sich schon ruhig den Spott derer gefallen, welche ihre Ironie gegen diesen Kontrast des inneren Gehaltes und der äußeren Erscheinung wenden, welche den großen Willen, der noch nicht die entsprechende Form erlangen konnte, als eine lächerliche Prätention betrachten. Der große Gedanke – der hohe Jüngling – weiß, dass das Kleid nicht den Mann macht, er wird das passende Gewand zu finden wissen, er wird die Form zerbrechen, aus welcher der Inhalt entwichen ist, und er wird sich die seinige schaffen. Weiterlesen
In der alten Form den neuen Geist zu suchen, dazu fordert mich der Augenblick, dazu fordern mich Ihre eigenen Worte auf. Ich nehme die Fahne, die Sie uns überreichen, nicht bloß als ein Zeichen der Sympathie, das Sie, nur von fern her unser großes Ziel ahnend, zum Andenken, zur Ermunterung überreichen, weil es Ihnen wohlgefäIlt, daß wir Großem nachstreben. Ich nehme sie als das Zeichen eines Bundes, eines dauernden, zum lebendigen Verhältnis sich gestaltenden Bundes, dessen Inhalt ist: die Beteiligung der Frauen am öffentlichen Leben, an der großen menschlichen Bewegung, an der Erringung der höchsten Güter; eines Bundes, dessen Resultat sein wird die Umgestaltung des öffentlichen Lebens aus einem bloß zweckdienlichen und anstrengenden zu einem schönen und heiteren. Nach beiden Seiten hin, nach dem Inhalt, wie nach dem Resultat ist dieser Bund Forderung der Gegenwart, weil Forderung der Vernunft, der Erkenntnis.
Forderung ist vor allen Dingen, dass das öffentliche Leben die Form des Schönen gewinne, dass es freie Bewegung werde, die an sich selber Wohlgefallen hat. So nur kann es ein Recht haben, zu existieren, so nur kann es seinem Ziele entgegengedeihen. Alles, was auf den Namen einer Verbesserung Anspruch macht, sei es auf dem sozialen, sei es auf dem politischen, dem wissenschaftlichen, dem gewerblichen Gebiete, es kann nur einen Zweck haben: den, das Leben zu verbessern, d.h. das Lebensglück, den Lebensgenuß. Soll es aber diesem Zwecke wahrhaft treu bleiben, so muss es nicht nur in seinem Ziele, sondern auch in seiner Bewegung nach dem Ziele jene Aufgabe erfüllen. Denn, wenn des Lebens Aufgabe das Leben selber ist, der Lebensgenuß ist, so geht an jeden Teil desselben die Forderung, dass er nihct bloß Mittel zu einem anderen Augenblick des Lebens, sondern in sich selber Zweck sei. Je mehr das Leben in allen einzelnen Teilen, in allen Atomen des Daseins seiner Bestimmung entspricht, desto vollkommener ist es; es weicht von dieser ab, so oft es einen Schritt macht, der gar keine Befriedigung in sich selber, sondern nur im folgenden findet. Ein solcher Schritt, ein solcher Augenblick ist herabgewürdigt unter seinen Beruf. Auf der anderen Seite aber verlangt die Ökonomie des Lebens, dass der gegenwärtige Moment den künftigen vorbereite oder sicher stelle. Darum ist es höchste Aufgabe der Kunst zu leben, die überhaupt die Aufgabe des Menschengeschlechts ist, daß eine Form gefunden werde, in welcher jede Bewegung nicht bloß durch das befriedigen darf, was sie erstrebt, also durch das, was ein anderes, ein Späteres ist, sondern durch das, was sie selber ist.
Die Form aber, welche diese Bedingung erfüllt, ist einzig die Form des Schönen, weil nur das Schöne in sich selber Zweck ist. Schönheit, Kunst sind nicht der Hauptsache nach Mittel zum Zweck der Geistesbildung – wie zuweilen gesagt worden ist – sie sind Zweck, d.h. Genuss in sich selber. Das Gute im Leben kann nur zweierlei Gestalt annehmen, die des Schönen oder die des Zweckmäßigen. Das Zweckmäßige findet seine Befriedigung in der Zukunft, das Schöne in der Gegenwart. Wenn das Zweckmäßige schön ist, dann ist die höchste Vollendung des Lebens erreicht. Dann nur hat das Leben einen Sinn. […] Das Leben aber soll Leben sein vom Augenblick an, da es existiert: jeder genieße und keiner, wenn er stirbt, sage: Ich habe falsch spekuliert!
Dieser Zug ist bereits mächtig geworden in dem Jahrhundert. Vor allem drückt er sich aus in der Totalität des Lebens, das ein weltliches geworden, das nicht mehr die Spekulation aufs Jenseits ist. Mehr und mehr arbeitet sich der Gedanke auch in die einzelnen Bestandteile hinein. Vergleichen Sie die Erziehung von heute mit der von ehemals. Das Kind wird von dem Erwachsenen nicht mehr als bloßer Zweck der Zukunft behandelt; die trockene, im starren Zwang dumpfer Schulstubenqualen hantierende Magisterei soll ersetzt werden durch ein System, welches die jungen Kräfte in freies, behagliches, ihnen selber angemessenes Spiel setzt. Denn das Spiel, die unberechnete, freie Bewegung, die sich nach der Lust des Augenblicks erzeugt, ist die Aktion des Schönen. Wir freuen uns am kindlichen Genusse, an der heiteren Anmuth der nicht berechnenden Lust, und wollen, dass der Unterricht, die Ausbildung des Geistes und des Körpers so viel, als möglich diese Form annehme. […]
Dieser Zug nun, neben dem Streben, auch Selbstzweck zu sein, muss ins öffentliche Leben, wenn es Anspruch auf Existenz, wenn es weiter Aussicht auf Erreichung seines Zieles haben soll. Denn es ist nicht nur gerechte Forderung des Augenblicks, seinen Wert in sich zu tragen: es ist auch die höchst mögliche Bürgschaft für die Erreichung des vorgestreckten Zieles, wenn der Weg dahin nicht bloß Mittel, sondern auch Selbstzweck ist. Sehen Sie doch auf die Ökonomie der Natur! Alle ihre großen Zwecke sichert sie durch Triebe, deren Befriedigung zugleich eine Lebensfreude ist.
Es soll also – dies ist das Resultat, welches ich aus allem Gesagten ziehe – es soll das öffentliche Leben, das Ringen der Nation nach Einheit und Freiheit die Form des schönen, harmonischen Lebens, des frei spielenden Triebes annehmen. Zu dem Ende aber muß das öffentliche Leben vor allem seine Wurzel einschlagen in den Boden, auf dem wir mit dem ganzen Reste unserer Existenz stehen, es muß die Weise der gesellschaftlichen Einheit, des Zusammenlebens und Zusammenfühlens beider Geschlechter annehmen.
[…]
Nachdem ich aber so gezeigt zu haben glaube, daß Grundbedingung für das Gedeihen des allgemein menschlichen Strebens die volle Beteiligung der Gesamtheit sei, wird es mir auch erlaubt sein, einen Nebenblick zu werfen auf die fruchtbare Eigentümlichkeit, welche gerade der Charakter des Weibes in diese Gemeinschaft einbringt. Es ist eine psychologische Tatsache, daß die Frau das einmal erfasste Ideal mit überlegener Gewalt festhält und verfolgt, daß sie das Gute viel mehr für erreichbar hält, als der Mann, und dadurch eines höheren und stärkeren Schwunges fähig ist. Es verbindet die Frau mit der Heftigkeit des Glaubens und Strebens die Milde des Charakters, und es ist endlich Zeit, daß die Beschränktheit des Hasses aus der Partei des Volkes wenigstens verschwinde. Die demokratische Bewegung muß alle diejenigen Attribute annehmen, welche sie dereinst als Siegerin zum Gesetz erheben will. Aus dem Gesetze der Demokratie aber wird ereinst die unvernünftige Intoleranz verschwinden, mit welcher der Staat der unfehlbaren Autorität und des legitimen Privilegiums sich umgeben mußte. […] Die Demokratie ist mild und tolerant bis zu dem Grade, daß der Begriff der Toleranz ganz verschwinden muß, weil sein Gegensatz, die Intoleranz, gar nicht mehr gedacht werden kann. Mit diesem Gesetze müssen wir auch unsere Bewegung durchdringen, und der Eintritt des weiblichen Geschlechts wird ein Wesentliches dazu beitragen, daß es geschehe.
Aber, wird man uns sagen, du opferst dabei die Frau mit der ganzen Eigentümlichkeit ihres Naturells, du benutzest sie nur zum Vorteile eines bestimmten Zieles, das ihr keine Entschädigung geben kann, weil das Opfer selber sie zu Grunde richtet, du reißest sie heraus aus dem ihr zugewiesenen Kreise des ihr eigentümlichen, stillen und umschränkten Gefühlslebens. […] Aber ich drehe den Einwurf geradezu herum und kehre ihn gegen diejenigen, welche ihn erheben. Die Anschauungsweise, welche der Frau das einseitige Gefühlsleben zuteilt, ist selber nichts, als der Versuch, sie als Werkzeug der Befriedigung eines Kunstbedürfnisses zu behandeln, in ihr die vollendete Darstellung des Gefühls anzuschauen. […] Aber es kann nicht Bestimmung des Menschen sein, einem andern als bloßes Objekt, sei es auch als künstlerisches, zu dienen. Der enge Kreis, welchen jene Anschauungsweise den Frauen zuteilt, ist das Gebiet, welches ihr nicht von ihrem eigenen Wesen, sondern von einem Herrscher angewiesen ist, gerade so gut wie das enge Gebiet des orientalischen Serails. Die Beschränkung der Weiber auf das Gefühlsleben ist nichts als eine parfümierte Sklaverei, als eine christlich-germanische Serailstheorie. Daß einzelne Charaktere sich in dieser Beschränktheit wohl fühlen, beweist ebenso wenig, als wenn eine türkische Sklavin in ihren Prachtgemächern zufrieden ist. In der Einseitigkeit kann keine Vollendung bestehen, sondern nur in der Harmonie. […]
Ich kann sehr gut begreifen, dass die weibliche Natur früher einen Widerwillen gegen das politische Leben empfinden musste, dass man ihr empfahl, sich davon fern zu halten. Das öffentliche Leben war unschön, weil es gar kein öffentliches war. Das ganze Treiben im Staate war ja bloß die Tätigkeit einer Maschine, die von einzelnen in Bewegung gesetzt, von anderen etwa gehemmt wurde. An die Maschine gehört die Frau allerdings nicht, aber wenn das politische Leben erst die Weise der Volkstümlichkeit, der Massenbewegung, des Denkens und Handelns in Gemeinschaft angenommen hat, mit einem Worte, in der Demokratie, wird es sich auch erhaben, lebendig, gestaltenvoll entwickeln und wahrer Schönheit fähig sein. […] Es versteht sich bei allem, was ich hier gesagt habe, so sehr, daß ich unter einer gleichmäßigen Beteiligung beider Geschlechter am öffentlichen Leben nicht eine gleiche Beteiligung verstehe, daß ich durch eine weitere Erwähnung dieses Vorbehaltes mich lächerlich zu machen fürchten müßte. Wer wird Unterschiede, die in der Natur vorhanden sind, vertilgen wollen? Es wäre das ein überspiritualistischer Versuch, dem ich wohl nicht verfallen werde, den Unterschied der leiblichen Organisation von der geistigen losreißen zu wollen und ihn in der letzteren Beziehung zu leugnen. Beteiligung aller Menschen an allen menschlichen Angelegenheiten, harmonische Ausbildung der menschlichen Anlagen nach allen Richtungen hin, das ist es, was verlangt werden muß: daß jede Person, jede Nation, jedes Geschlecht dies in der Weise tue, wie es seiner Natur gemäß ist, versteht sich von selbst.
Sie überreichen uns heute eine Fahne, Sie bringen uns die Vereinigung, die Beharrlichkeit, das ehrenhafte Streben in der künstlerischen Form zur Anschauung. Thun Sie dies für immer. Treten Sie nicht zurück, nachdem Sie uns ein Zeichen Ihrer Sympathie gegeben haben. Bringen Sie die Schönheit, die Anmut, den freien Spieltrieb des Lebens in das große Streben der Zeit hinein. Unser Bund sei unter dem Zeichen gestiftet, das Sie uns übergeben haben. Wenn dieser Gedanke überall durchgedrungen ist, dann wird die Heiterkeit des antiken Lebens, verbunden mit der Sittlichkeit, der Humanität, dem Gleichheitssinn der modernen Welt zusammen, eine vollendete Gesellschaft gründen, das Ideal der menschlichen Dinge. Sollte dies Ideal aber auch Ideal im schlechten Sinne, d.h. sollte es unerreichbar sein, dies kann uns abhalten, den Weg dahin einzuschlagen; denn indem wir auf schöne Weise dem Guten entgegenstreben, genügen wir allen heiligen Bedürfnissen unserer Natur, erfüllen wir unsere wahre Bestimmung.
Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!
Die Feinde des Volkes und der Freiheit vereinigen sich wieder, um uns zu betrügen und die Freiheit zu vernichten.
Da sie wissen, dass die Demokratie die Hauptbeschützerin der Freiheit ist, so richten sie ihre tückischen Geschosse vor Allem gegen die Demokratie und deren Anhänger.
Sie wollen die Demokraten bei dem Volke verdächtigen, damit das Volk sie verlasse und von der Freiheit selbst verlassen werde.
Freie Männer des Hessenlandes!
Betrachtet vor allem diejenigen, welche jetzt gegen die Demokratie predigen. Wer sind diese Leute? Sind es die Männer, welche zu den Errungenschaften des März mitgewirkt haben? Haben sie sich je ein Recht auf Euer Vertrauen erworben?
Wahrlich! Niemand kann besser, als Ihr selbst, diese Fragen beantworten. Weiterlesen
Waren es denn nicht gerade die heutigen Widersacher der Demokratie, die als Diener der gestürzten Willkührherrschaft Euch so lange den Fuß auf den Nacken gesetzt, die so lange als Mitglieder der privilegirten Klassen den frühern Zustand zu ihren Gunsten ausgebeutet haben? Gerade über sie, die Stützen des Polizeistaates, die sich heute ihrer Freiheitsbestrebungen rühmen, habt Ihr, unsere Freunde, vereint mit uns in den Märztagen den Sieg errungen. Dieser Sieg allein aber, so schön er war, genügt nicht, er muss befestigt und für immer gesichert werden!
Dies ist aber nur dann möglich, wenn wir an den Grundsätzen der Demokratie, der Herrschaft des gesammten Volkes, fest halten. Sie ist es, welche jedes einzelne Volk, sowie die ganze Menschheit durch den lebendigen Gedanken der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verbindet. Sie will nicht die Gesetze, sondern nur die Willkühr vernichten. Sie will nicht das Recht, sondern das Vorrecht zerstören.
Sie will den Bürger nicht nur politisch, sondern auch sittlich frei, sie will alle Menschen zu Brüdern machen und sie auf die hohe Stufe der Vollkommenheit empor heben, welche stets die Bürger freier Staaten ausgezeichnet hat.
Können also die Demokraten, die Bekenner so erhabener Grundsätze, jemals wollen, daß alles Bestehende umgestürzt, die Ordnung zerstört oder gar eine allgemeine Teilung vorgenommen werde?
Ist es nicht vielmehr klar, dass unsere Widersacher uns solche Bestrebungen nur vorwerfen, um uns in den Augen unserer Mitbürger zu verdächtigen, und durch Lüge, Zwietracht und Betrug ihre gestürzte Herrschaft wieder aufzurichten?
Brüder! Wir haben die Freiheit mit ihren höchsten und heiligsten Interessen erkannt. Wir haben die Freiheit erobert; wir wollen uns aber auch ihre Früchte sichern, damit wir sie genießen können.
Wir wollen daher vor Allem fest zusammen halten in Kraft und Einigkeit. Wir wollen unverwandten Blickes nach unserm hohen Ziele streben.
Wir wollen, ein stehendes Heer der Freiheit, im heiligen Kampfe für unsere Grundsätze nicht ruhen und nicht rasten und der Sieg der Demokratie wird unausbleiblich sein!
Sie werden es mir danken, daß ich hier der Wahrheit zuerst die Ehre gegeben und das Bekenntnis in unser Festprotokoll niedergelegt habe: die Revolution ist kein Freudenmahl! Wir können noch nicht triumphieren. Ein Ozean von Blutstränen liegt noch zwischen uns und dem neuen Lande der Freiheit. Aber wie wir hier vereint sind, sind wir Männer der Zukunft. Heute feiern wir ein Fest, indem wir, auf die Vergangenheit zurückgehend, im Geiste anknüpfen an jene schöne Zeit der Zukunft, die unsre Enkel erleben werden. Dieses heitre, frohe Mahl, das trotz aller Wahrheit heiter und froh sein soll, es ist der Abglanz einer künftigen Zeit, wo die Sonne der Wahrheit eine Welt erleuchten wird, in der für alle Menschenkinder Platz ist an dem Gastmahl des Lebens.
Als vor einiger Zeit der kaiserliche Reichszankapfel in den Schooß der demokratischen Partei fiel, haben wir die demokratische Diplomatie, welche von der Fraktion Simon von Trier befolgt wurde, angegriffen. Uns gefiel nicht die Hast, mit welcher diese Fraktion sich auf Kaiser und Verfassung stürzte, die Inbrunst und Andacht so zu sagen, mit welcher sie plötzlich die neuen Götter umarmte, die krasse Verleugnung, womit sie sich von allem abwendete. Was nur Manöver sein sollte, hatte zu viel das Ansehen eines Glaubenswechsels. […] Weiterlesen
Wir griffen – wie gesagt – damals die demokratische Diplomatie an; aber es ahnte uns auch selbiger Zeit schon, daß wir sie bald in Schutz zu nehmen haben würden, gegen eine andere demokratische Laune, gegen die Extravaganzen der demokratischen Mauerbrecher. Wenn uns die Geschmeidigkeit Derer, die sich unter Kaiser und Reich beugten, mißfiel, so begriffen wir doch recht gut, wie sie durch das verständigste und ehrenhafteste Raisonnement von der Welt zu ihrem Entschluß gekommen sein konnten. Dagegen die unnahbaren Republikaner, welche noch heute mit ungeheurer Entrüstung dagegen auftreten, daß Einer von republikanischer Farbe sich an dem Kampf für die Verfassung beteilige, uns nicht bloß heillos querköpfig, sondern auch – mögen sie es verzeihen – ein bisschen possierlich vorkommen. Sie haben von vornherein, von dem Schaden, den die Simon’sche Diplomatie stiften konnte, den größten Theil auf sich genommen; denn sie waren es, welche mit einem übertrieben scharfen Urtheil gegen die Diplomatiker, das was voranging, erst recht grell hervorgehoben, und was demoralisirend auf’s Volk einwirken konnte, recht heiß und tief in dessen Seele einbrannten. Das Schlimmste von der republikanischen Kaisertümelei war die Wichtigkeit, welche im Parlament und in der Presse viele Radikale durch ihr Zetergeschrei der Sache beilegten. […]
Es ist ein Jammer, daß wirklich in Deutschland nicht drei Menschen zusammenstehen können. In unserer Politik gibt es Streitigkeiten, von welchen praktische Völker wohl keine Idee haben. Läßt sich was Lächerlicheres denken, als wenn zwei Menschen, die ausgehen, um einen Hasen zu schießen, sich, noch ehe sie das Wild erjagt haben, darüber prügeln, ob es gesotten oder gebraten werden soll? Gleichwohl ist eine solche Prügelei die Hauptbeschäftigung unserer deutschen Demokratie. Während alle Schattierungen der Partei noch unter einer gemeinsamen Knute stehen, während sie insgesamt noch bettelarm sind, haben sie nichts Eifrigeres zu thun, als sich um die Verwendung der Schätze herumzuzanken, welche sie einst als Sieger besitzen werden. Auf allen demokratischen Kongressen, in allen Blättern und Versammlungen spielen diese Zänkereien die erste Rolle, und es ist gewiß schon erlebt worden, daß zwei Demokraten, welche im selben Zuchthause saßen, sich nicht vertragen konnten, weil der eine blutroth und der andere karminrot war. Anderswo entstehen solche Differenzen erst, wenn der Sieg da ist; so lange geht alles zusammen, bei uns will keiner siegen helfen, ehe er weiß, daß genau seine Farbe herauskommt. Das nennt sich dann Charakterfestigkeit und hält sich in seiner eisernen sogenannten Unbeugsamkeit für was sehr Großes. Aber wenn uns diese sogenannte Konsequenz herzlich unpraktisch, so kommt uns der Stolz, der hineingelegt wird, etwas komisch war. Die Vertus farouches, die überjüngferlichen Frauenzimmer, welche wild werden, wenn in ihrer Gegenwart auch nur von Strümpfen gesprochen wird, sind selten schön und glücklich, in der Regel häßlich und sitzen geblieben. Etwas Aehnliches ist es mit der oft berühmten „eisernen Konsequenz“. Ich habe noch selten Menschen von eiserner Konsequenz gesehen, welche mit scharfem Verstande begabt gewesen wären. Die Leute von Grundsätzen par excellence, die Leute, welche nichts Höheres kennen, als bei seiner Meinung bleiben, sind in der Regel nicht von aller Flachköpfigkeit oder Oberflächlichkeit frei. […] Ich meine, es gehört weder Verstand noch Mut dazu, zu sagen: ein für allemal ist mir dasjenige das einzig Richtige, was ich von vornherein dafür gehalten habe, und wenn man nicht für dasselbe in allen seinen Theilen kämpfen will, so bleibe ich zu Hause und schmolle. Diese Kunst kann Jeder. Aber mit dieser Kunst wird es auch nie zu Etwas gebracht werden. Es ist ja ein tagtäglich wiederholter Gemeinplatz, dass es nicht sowohl darauf ankommt, mit welcher Parole, als dass überhaupt der Kampf beginne. Das Übrige wird in der Stille von ein paar Köpfen gemacht. Wer aber erst schwarz auf weiß haben will, dass aus dem Sieg eine demokratisch-soziale Republik ohne Präsident und mit Volksveto etc. etc. hervorgehe, der ist auf dem besten Wege, unter die russische Knute zu kommen. […]
Auch glaube ich, dass man der roteste Republikaner sein und dennoch der Überzeugung sein kann, die benannten in der Verfassung enthaltenen Güter seien ein recht schätzenswerter Besitz. Louis Blanc, den man wohl nicht als eine Autorität der praktischen Revolution, aber um so mehr eben deswegen da anrufen darf, wo es sich um theoretischen Radikalismus handelt, Louis Blanc hat vor 1848 hundertmal erklärt, daß er trotz seiner sozialistischen Grundsätze, vor der Hand unbedingt für den Sieg der bloßen Republik kämpfe. Und wie ist auch was Anderes denkbar?
[…]
Allein zeigt nicht in der Tat, jeder Tag mehr, dass es über alle Maßen schlecht steht? Die jüngsten Ereignisse liefern das Bild einer geharnischten Verschwörung, welche alle europäischen Regierungen zur unerbittlichen Ausrottung aller Spuren der Revolution eingegangen sind. […] Und diesen Thatsachen gegenüber ist die Zeit allerdings da, eine Revolution auf Abschlag zu machen. Das Volk hat auch praktischen Verstand genug, zu fühlen, dass darin nichts weniger als eine Desertion vom Prinzip liegt. Und wenn es irre wird, wenn eine Gefahr für seinen Glauben darin droht, so ist blos das Hochverrathsgeschrei der schmollenden Eisenfresser Schuld daran. Ihr sagt: die Revolution siegt doch zuletzt, und darum wollen wir nur für unsere Prinzipien einstehen. Ich muss gestehen, dass ich nicht Glauben genug an eine allbarmherzige Vorsehung habe, um den Trost zu erübrigen, dass, wenn die asiatisch-europäische Allianz jetzt siegt, eine Revolution für die nächsten Generationen noch möglich bleibt. Ich sehe nicht ein, warum nicht, wenn zu dem Entschluss, mit Feuer und Schwert den Keim der Freiheit zu vertilgen, die Macht hinzukommt, es auszuführen, warum nicht alsdann Europa in russische Barbarei verfallen sollte. Wie die Dinge jetzt stehen, ist die Verfassung allerdings eine Lebensfrage, und es ist gebieterische Pflicht, für dieselbe einzustehen. Das ist so wahr, dass sogar die farouchen Radikalen sich ihr nicht entziehen können. […]
Gesammelte Schriften. 5 Bände, Berlin 1894–1898.
Erinnerungen. Hrsg. von Paul Nathan, Berlin 1899.
Ausgewählte Reden und Aufsätze über Geld- und Bankwesen. Hrsg. von Karl Helfferich, Berlin 1900.
Ernst Feder: Bismarcks großes Spiel. Die geheimen Tagebücher Ludwig Bambergers, Frankfurt am Main 1932.
Eine umfassende Bibliografie von Bambergers Schriften findet sich bei Marie-Lise Weber, S. 286-295.
Theodor Heuss: Bamberger, Ludwig, in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 572–574.
Christian Jansen: Ludwig Bamberger. Mit Dampf und Elektrizität für ein modernes Deutschland, in: Sabine Freitag (Hrsg.): Die Achtundvierziger. Lebensbilder aus der deutschen Revolution 1848/49, München 1998, S. 200-213.
Benedikt Koehler: Ludwig Bamberger. Bankier und Revolutionär, Stuttgart 1999.
Christopher Kopper: Ludwig Bamberger. Vom Revolutionär zum Vater der Goldmark, Berlin 2015.
Dieter Langewiesche: Ludwig Bamberger (1823-1899). Der deutsche Nationalstaat – Lebenstraum und Enttäuschung, in: Frank-Walter Steinmeier (Hrsg.): Wegbereiter der deutschen Demokratie. 30 mutige Frauen und Männer 1789-1918, Bonn 2022, S. 279-291.
Marie-Lise Weber: Ludwig Bamberger. Ideologie statt Realpolitik, Stuttgart 1987.
Rolf Weber: Ludwig Bamberger. Der radikale Republikaner, in: Helmut Bleiber u. a. (Hrsg.): Männer der Revolution von 1848. Band 2, Berlin (Ost) 1987, S. 273–304.
Stanley Zucker: Ludwig Bamberger. German Liberal Politician and Social Critic, 1823-1899, Pittsburgh 1975.
Ders.: Ludwig Bamberger and the Rise of Anti-Semitism in Germany, 1848-1893, in: Central European History 3 (1970), S. 332-352.
LUDWIG BAMBERGER

Abb.: Fotografie von Julius Braatz, 1889
Vorlage: Bamberger, Erinnerungen, Frontispiz
Ludwig Bambergers wechselvolles Leben war durch die Umbrüche seiner Zeit und persönliche Neuorientierungen gekennzeichnet. In der Revolution von 1848/49 wurde er zu einem der profiliertesten demokratischen Redner und Journalisten seiner Heimatstadt Mainz, wo er für eine deutsche Republik eintrat. Gemeinsam mit Franz Zitz stand er an der Spitze eines Freikorps, das der revolutionären Pfalz gegen preußische Interventionstruppen zu Hilfe kam. Im Exil absolvierte er eine Banklehre und wurde ein wohlhabender Bankier. 1867 kehrte er nach Deutschland zurück, wo er zu den prominentesten nationalliberalen Politikern zählte. Er unterstützte Bismarck und wurde sein Berater. Bamberger war die zentrale Persönlichkeit bei der Einführung der Mark, der Gründung der Deutschen Bank und der Gründung der Reichsbank. Die konservative Wende der Reichspolitik führte 1880 zum Bruch mit Bismarck, dessen erbitterter Gegner er wurde. Bamberger schloss sich den Linksliberalen an. Er wurde zum Vertrauten des Kronprinzenpaars, doch der frühe Tod von Kaiser Friedrich III. zerstörte die Hoffnung auf einen liberalen Neuanfang.
Ludwig Bamberger wurde am 22. Juli 1823 in Mainz (Großherzogtum Hessen) in einer jüdischen Familie geboren. Seine Eltern waren der Kaufmann und Bankier August Bamberger und die ebenfalls aus einer Bankiersfamilie stammende Amalia geb. Bischoffsheim.
Beginn des Studiums der Rechtswissenschaften in Gießen, Heidelberg und Göttingen mit Abschluss an der Landesuniversität Gießen. Bamberger befasste sich daneben intensiv mit Politischer Ökonomie und Philosophie.
Bamberger absolvierte den Vorbereitungsdienst für den Justizdienst in Rheinhessen und bestand das Staatsexamen. Juden war jedoch im Großherzogtum Hessen der Staatsdienst verschlossen, und auf eine Advokatur hätte er noch Jahre lang warten müssen.
Nach dem Ausbruch der Revolution wurde Bamberger ein erfolgreicher Volksredner und Journalist. Er war bekennender Republikaner, zeitweise Vorsitzender des Demokratischen Vereins in Mainz und des Demokratischen Turnerbunds sowie kurzzeitig Präsident des zweiten Demokratenkongresses in Berlin. Im Mai 1849 wurde er mit Franz Zitz Kommandant eines Freikorps, das den pfälzischen Aufstand für die Reichsverfassung unterstützte. Angesichts der sich abzeichnenden Niederlage floh Bamberger am 22. Juni 1849 in die Schweiz, dann nach London, wo er eine Banklehre im Bankhaus seines Onkels Bischoffsheim begann. In Abwesenheit wurde er durch ein bayerisches Gericht zum Tod verurteilt.
Bamberger trat als Prokurist in die Filiale von Bischoffsheim und Goldschmidt in Paris ein, ab 1858 war er deren Leiter und wurde auch Mitbegründer der „Banque de Paris et des Pays-Bas“ (Paribas). Bereits 1852 hatte er in Rotterdam Anna Belmont aus Alzey geheiratet.
Vor dem Hintergrund der „Neuen Ära“ in Preußen begann Bamberger wieder seine publizistische Tätigkeit in Deutschland und nahm Verbindung mit dem Deutschen Nationalverein auf.
Nach seiner Amnestierung kehrte er nach Deutschland zurück und wurde 1868 in Mainz für die Nationalliberalen in das Zollparlament gewählt.
1869/70 wirkte Bamberger maßgeblich an der Gründung der Deutsche Bank AG mit und war bis 1872 Mitglied ihres Verwaltungsrates. Bismarck berief Bamberger als Pressebeauftragter und Sachverständiger für die französischen Angelegenheiten während des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 ins Große Hauptquartier.
Bamberger wurde in den Reichstag gewählt und blieb bis 1893 Reichstagsabgeordneter. Er gehörte bis 1878 dem Vorstand der nationalliberalen Fraktion an und war außerdem seit 1870 im Vorstand der Nationalliberalen Partei. Er war maßgeblich an der Schaffung der „Mark“ als einheitlicher Goldwährung und an der Gründung der Reichsbank beteiligt.
Aufgrund der konservativen Wende der Reichsregierung zu einer Schutzzollpolitik kam es zum Bruch mit Bismarck. Bamberger schied mit weiteren Abgeordneten aus der Nationalliberalen Partei aus und bildete die Liberale Vereinigung (auch als Sezession bezeichnet), die 1884 mit der Deutschen Fortschrittspartei zur Deutschen Freisinnigen Partei fusionierte.
Bamberger ließ sich nicht mehr zur Reichstagswahl aufstellen und schied aus der aktiven Politik aus.
Prof. Dr. Michael Wettengel
Ludwig Bamberger wurde in Mainz am 22. Juli 1823 als zweiter Sohn unter sechs Geschwistern in einer wohlhabenden rheinhessischen jüdischen Familie geboren. Der Vater August Bamberger war Kaufmann und Bankier, die Mutter Amalia, geborene Bischoffsheim, entstammte einer international tätigen Bankiersfamilie. Bamberger war ein begabter Schüler. 1842 begann er sein Jurastudium an der Universität Gießen und setzte dieses in Heidelberg fort, wo er mit Heinrich Bernhard Oppenheim und Friedrich Kapp lebenslange Freunde fand. Bamberger ging danach an die Universität Göttingen, um schließlich 1845 an der hessen-darmstädtischen Landesuniversität Gießen seine Prüfung abzulegen.
Weiterlesen
Neben den Rechtswissenschaften hatte sich Bamberger auch intensiv mit Nationalökonomie und Philosophie befasst, darunter auch sozialistische Schriften studiert, unter anderem von Saint-Simon, Louis Blanc und Pierre-Joseph Proudhon. Bamberger hatte sich als Student radikaldemokratischen Kreisen angeschlossen und lehnte die deutsche Kleinstaaterei ab, die er verantwortlich für viele Fehlentwicklungen machte. Stattdessen befürwortete er einen einheitlichen deutschen Nationalstaat mit republikanischer Verfassung. Schon früh löste sich Bamberger von der jüdischen Religion seiner Herkunft, wie er 1844 in einem Brief an seine Cousine und spätere Ehefrau Anna Belmont aus Alzey zum Ausdruck brachte. Er gehörte jedoch bis zu seinem Lebensende der jüdischen Religionsgemeinschaft an. Die enge Verbindung mit seiner jüdischen Familie war für ihn von zentraler Bedeutung.
Es folgte der Vorbereitungsdienst für den Justizdienst in Rheinhessen, den der „Accessist“ Bamberger 1847 mit dem Staatsexamen abschloss. Juden war jedoch im Großherzogtum Hessen der Staatsdienst verschlossen, und auf eine Advokatur hätte er noch Jahre lang warten müssen. Der Beginn der Revolution im Frühjahr 1848 änderte alles. Bamberger trat als erfolgreicher Volksredner und Journalist auf, zeitweilig als Chefredakteur der „Mainzer Zeitung“. Gemeinsam mit Franz Zitz, der in die Nationalversammlung gewählt wurde, gehörte der „rote Bamberger“ bald zu den führenden Demokraten in Mainz und setzte die Neubildung des Bürgerkomitees durch, wo nun Republikaner die Mehrheit hatten. Sogar die Gruppe um Karl Marx betrachtete die Aufnahme des rührigen Agitators als „für das Bestehen des Bundes [der Kommunisten] in Mainz von großer Wichtigkeit“ (zitiert nach Weber, S. 33); diese kam allerdings nicht zustande.
Bamberger gehörte im Mai 1848 zu den Gründern des „Demokratischen Vereins“ in Mainz, der im Laufe der Revolutionszeit mehr als 2.000 Mitglieder hatte. Er entwarf seine Statuten und war zeitweilig auch Vorsitzender des Vereins, dem sich im Frühjahr 1849 etwa 120 rheinhessische Vereine nach dem Vorortprinzip anschlossen. Bamberger war auch Mitglied des Demokratischen Provinzialdirektoriums für Rheinhessen. Als Delegierter des Mainzer Vereins nahm er im Juni und Oktober 1848 an beiden Demokratenkongressen in Frankfurt und Berlin teil, wo er zeitweise das Präsidium innehatte. Er besaß auch im demokratischen Turnverein eine Führungsrolle und gehörte im Juli 1848 zu den Gründern des „Demokratischen Turnerbunds“, der sich zur „demokratischen Republik“ bekannte. Obgleich ein bekennender Republikaner und Kenner frühsozialistischer Publikationen, bezog Bamberger in der sozialen Frage eine zurückhaltende Position. Er glaubte, dass eine möglichst friedliche Durchsetzung der Republik im Gesamtstaat die Grundlage für gesellschaftliche Reformen bieten würde. Offener als viele demokratische Weggefährten war Bamberger für die politische Teilhabe von Frauen und verlangte eine Beteiligung der Frauen am öffentlichen Leben bei der Fahnenweihe des Turnvereins Mainz im August 1848. Bei Bambergers Haltung mag eine Rolle gespielt haben, dass seine Mutter Amalia stellvertretende Vorsitzende des Mainzer Frauenvereins „Humania“ war. Bamberger diskutierte auch mit der aus Darmstadt stammenden Publizistin und Frauenrechtlerin Louise Dittmar, die auf eine „sociale Reform der Frauen“ hoffte. Dies ging selbst Mitgliedern des Frauenvereins zu weit, und dass Bamberger sich öffentlich mit ihr sehen ließ, war Stadtgespräch.
Die Ablehnung der von der Nationalversammlung beschlossenen Reichsverfassung durch den König von Bayern führte zum Aufstand in der bayerischen Rheinpfalz. Angesichts der bevorstehenden Intervention durch bayerische und preußische Truppen mobilisierten die rheinhessischen Demokraten ein Freikorps mit 1.500 Bewaffneten zur Unterstützung der Aufständischen. Im Mai 1849 wurde Bamberger mit Franz Zitz Kommandant und maßgeblicher Organisator der Truppe, die in die Pfalz abmarschierte. Angesichts der sich abzeichnenden Niederlage floh Bamberger am 22. Juni 1849 in die Schweiz. Zehn Tage zuvor, am 12. Juni 1849, war er noch als Nachrücker für Zitz zum Abgeordneten der Nationalversammlung gewählt worden, die zu diesem Zeitpunkt als Rumpfparlament in Stuttgart tagte. Das Mandat hatte Bamberger nicht mehr antreten können, denn schon am 18. Juni 1849 war die Nationalversammlung aufgelöst worden. In Abwesenheit wurde er zu langjährigen Haftstrafen, von einem bayerischen Gericht 1852 sogar zum Tod verurteilt. Die Erfahrungen der Jahre 1848/49 waren für Bamberger ernüchternd. „Die Deutschen haben ihren Ruf der praktischen Untauglichkeit diesmal in einem schrecklichen Grade bewahrheitet“, schrieb er rückblickend 1849 (Bamberger: Erlebnisse, S. VII). Seinen Glauben an eine Revolution „von unten“ in Deutschland hatte er verloren.
Seinen Plan zur Emigration in die Vereinigten Staaten von Amerika und der Gründung einer Anwaltskanzlei in New York gab Bamberger auf und begann noch im Spätjahr 1849 eine Banklehre im Bankhaus seines Onkels Bischoffsheim in London. Danach arbeitete er in einer Filiale in Antwerpen und gründete 1851 in Rotterdam sein eigenes „Bankhaus L.A. Bamberger“. 1852 heiratete er hier seine Verlobte Anna Belmont. Bamberger trat im Jahr darauf als Prokurist in die Filiale von Bischoffsheim und Goldschmidt in Paris ein, deren Leiter er 1858 wurde. Bamberger war Mitbegründer der „Banque de Paris et des Pays-Bas“ (Paribas) und wurde wohlhabend.
Sein Interesse an der deutschen Politik hatte Bamberger jedoch nie verloren. Er strebte nun eine nationale Einigung „von oben“ an und hoffte auf eine liberal geprägte Verfassung nach der Schaffung des deutschen Nationalstaats unter Führung Preußens. Seine Tätigkeit als Bankier dürfte seine nun hervortretende wirtschaftsliberale Haltung gefördert haben. Nach der Amnestierung kehrte er nach Deutschland zurück. Er wurde 1868 in Mainz für die Nationalliberalen in das Zollparlament gewählt und unterstützte den politischen Kurs des preußischen Ministerpräsidenten Bismarck. 1869/1870 ergriff er gemeinsam mit dem Bankier Adelbert Delbrück die Initiative zur Gründung der „Deutsche Bank AG“, die der Finanzierung des deutschen Außenhandels dienen sollte. Nach Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges berief ihn Bismarck als Pressebeauftragten und Sachverständigen für die französischen Angelegenheiten ins Große Hauptquartier der preußischen Streitkräfte.
Bamberger wurde 1871 in Mainz in den Reichstag gewählt und gehörte ihm bis 1893 an, zuletzt für den Wahlkreis Bingen-Alzey. Er war einer der prominentesten liberalen Politiker und bedeutendsten deutschen Parlamentarier seiner Zeit. Bis 1878 war er Vorstandsmitglied der nationalliberalen Reichstagsfraktion und gehörte seit 1870 dem Vorstand der Nationalliberalen Partei an. Er war der wichtigste Finanzpolitiker im Reichstag, der die Schaffung der neuen deutschen Gemeinschaftswährung 1871/73 maßgeblich gestaltete. Er gilt zurecht als „Vater“ der Mark (Langewiesche, S. 284), die er durch feste Goldparität im internationalen Goldstandard als ein angesehenes Zahlungsmittel etablierte. Und nicht zuletzt war er 1875 der Mitbegründer der Reichsbank als zentrale Notenbank mit Sitz in Berlin. Bamberger arbeitete an der legislativen Ausgestaltung des neuen Reiches im liberalen Sinne mit. Seine Hoffnungen auf eine Parlamentarisierung durch die Stärkung des Reichstags erfüllten sich jedoch nicht. Schon 1870 misstraute er Bismarck, der versuche, „den Parlamentarismus durch die Parlamente zu tödten“ (Bamberger, Vertrauliche Briefe, S. 69).
Über die Einführung hoher Getreidezölle 1879 zum Schutz der heimischen Landwirtschaftsbetriebe kam es zum Bruch zwischen Bamberger und Bismarck. Bamberger trennte sich 1880 mit weiteren Abgeordneten von der nationalliberalen Fraktion und gründete mit ihnen die „Liberale Vereinigung“, die nach einer Schrift Bambergers als „Sezession“ bezeichnet wurde. 1884 fusionierte diese mit der linksliberalen Deutschen Fortschrittspartei zur Deutschen Freisinnigen Partei. Bamberger wurde zu einem der wichtigsten und eloquentesten parlamentarischen Gegner Bismarcks. Er wandte sich insbesondere gegen die Verlängerung des Militäretats und die Schwächung des Reichstags, aber seit 1884 auch gegen die Verlängerung des Sozialistengesetzes. Er fürchtete die Dominanz des Militärs und der traditionellen agrarischen Adelseliten in Deutschland. Die kolonialpolitischen Bestrebungen des Kaiserreichs lehnte er grundsätzlich ab und verwies auf die Unwirtschaftlichkeit von Kolonien, die nicht dem nationalen Interesse dienten. Insbesondere kritisierte er aber die Praxis der Kolonialpolitik.
Mit der konservativen Wende der Reichspolitik ging die Zunahme des rassistisch begründeten Antisemitismus in der Öffentlichkeit einher. Bamberger trat ihm öffentlich entgegen und interpretierte den Antisemitismus als Angriff gegen die Moderne sowie eine Gefährdung der Errungenschaften der Aufklärung und der Grundlagen der Kultur. In seinen privaten Korrespondenzen war Bamberger pessimistisch und erörterte die Möglichkeiten einer Auswanderung.
Bereits seit 1884 wurde Bamberger der vertrauliche Berater des späteren Kaisers Friedrich III. und seiner Gemahlin Victoria, die er in ihrer Gegnerschaft zu Bismarck unterstützte. Die Hoffnungen auf eine Verfassungsreform im Sinne der Parlamentarisierung des Reichs, die Bamberger mit Friedrich III. verband, scheiterten jedoch, als dieser nur wenige Monate nach seiner Thronbesteigung 1888 starb. In seinen letzten Jahren im Reichstag zeichnete sich möglicherweise eine Korrektur seiner Ansichten gegenüber dem Sozialismus ab. Gegenüber Lujo Brentano, den er einst als Kathedersozialisten bekämpft hatte, soll er sogar gesagt haben, „es werde den Liberalen nichts übrigbleiben, als mit den Sozialdemokraten sich zu verbünden“ (zitiert nach Weber, S. 58).
1893 ließ sich Bamberger nicht erneut für den Reichstag aufstellen. Er starb am 14. März 1899 in Berlin.
Zitierte Literatur:
Ludwig Bamberger: Erinnerungen. Hrsg. von Paul Nathan, Berlin 1899.
Ludwig Bamberger: Erlebnisse aus der Pfälzischen Revolution im Mai und Juni 1849, Frankfurt am Main 1849.
Ludwig Bamberger: Vertrauliche Briefe aus dem Zollparlament (1868 – 1869 – 1870), Berlin 1870.
Dieter Langewiesche: Ludwig Bamberger (1823-1899). Der deutsche Nationalstaat – Lebenstraum und Enttäuschung, in: Frank-Walter Steinmeier (Hrsg.): Wegbereiter der deutschen Demokratie. 30 mutige Frauen und Männer 1789-1918, Bonn 2022, S. 279-291.
Marie-Lise Weber: Ludwig Bamberger. Ideologie statt Realpolitik, Stuttgart 1987.
Erster Abschnitt.
Name, Zweck und Mittel des Vereins.
§1.
Der Verein soll die Benennung „Demokratischer Verein“ haben.
§2.
Die wesentliche Aufgabe des Vereins soll in der Verwirklichung der Grundsätze der Volkssouveränität im Staate und in der Gesellschaft bestehen.
§3.
Diese Aufgabe zu lösen, werden als Mittel angenommen – ohne andere auszuschließen:
[…]
Die verflossene Mittwochs-Sitzung des demokratischen Vereins war in jeder Beziehung, sowohl was Belehrung als was geistige Anregung aller Anwesenden betrifft, eine schöne und nützliche zu nennen. Weit entfernt, daß der Vorstand, wie in anderen Vereinen, sich genöthigt sehen sollte, die Mitglieder zu größerer Teilnahme und Tätigkeit aufzufordern, ist der Zudrang zu den Sitzungen so bedeutend, dass bereits die Zahl der Generalversammlungen monatlich um zwei Sonntagssitzungen vermehrt und die auszugebenden Damenkarten auf 100 festgestellt werden mussten. Am letzten Mittwoch war die Nachfrage nach diesen Karten so bedeutend, daß sie schon in der ersten halben Stunde sämtlich vergriffen waren, und zu deren Erlangung eine förmliche Queue gebildet werden mußte. Die Gallerien, zu denen der Zutritt einem Jeden frei steht, sind immer dicht besetzt. Der Vorstand befände sich […] mit nächstem in die verzweifelte Lage versetzt, die Wände des so geräumigen Saales noch um ein Erkleckliches auseinander schieben zu müssen. [….]
In dieser, so wie in den vorhergehenden Sitzungen wurde auf die von gewissen Seiten her so oft wiederholten Vorwürfe, dass es nur einige Wenige seien, die dem Vereine Reden vordeklamirten und die ganze Masse als stummes willfähriges Werkzeug zu ihren ehrgeizigen Plänen benützen, schlagend geantwortet. Wenn für Fragen, wie die in der letzten Zeit verhandelten, ein so reger Eifer, eine so allgemeine Betheiligung sich kund gibt, so muß es selbst dem ehrlichen Gegner klar werden, daß ein Volk, das mit solcher angelegentlichen Sorge um die Mittel seiner weiteren politischen Ausbildung sich bekümmert, jetzt schon auf einer weit höheren Stufe steht, als diejenigen, welche in vornehmer Indolenz über die „Unreife“ und die „Dummheit“ des großen Haufens spötteln.
Verehrte Frauen und Jungfrauen!
Sie überreichen uns eine Fahne, das Sinnbild der Vereinigung und der Standhaftigkeit im Beharren für das Ziel einer solchen Vereinigung. Sie begleiten dieses Geschenk mit Wünschen und Ermunterungen, mit Versicherungen der Sympathie für das, was wir erstreben. Wenn Handlungen in dieser Art und in dieser Weise aufgefaßt, eine hergebrachte Sitte sind, so fordern mich vor allem einige Worte Ihrer verehrten Sprecherin, so fordert mich außerdem die geschichtliche Bedeutung der gegenwärtigen Zeit auf, tiefer hineinzugreifen in das Wesen Ihrer Handlung und einen neuen Sinn in der hergebrachten Form zu suchen. Der Augenblick scheidet sich so durchaus von der vergangen Periode, der Wendepunkt dieses Augenblicks schließt einen so vollständigen Bruch mit der früheren Zeit in sich, daß ich in allem Erscheinenden mehr den Stempel des originellen Geistes der allerneuesten Epoche, als die Spuren der Vergangenheit suchen zu müssen glaube. Ist es doch überhaupt der Charakter dieser gegenwärtigen Epoche, daß ein neuer Geist im alten Gewande herumgeht; ist es doch die augenfällige Eigentümlichkeit der augenblicklichen Gegenwart, angefüllt, durchdrungen zu sein von neuen und großen Gedanken, die noch von der Hülle des Alten umschlossen sind. Sehen Sie doch hin, wie die großen Ideen der Freiheit, der Menschlichkeit unendlich mächtiger als je durch die zivilisierte Welt schreiten von einem Ende zum andern, wie sie alle Köpfe, alle Herzen ergreifen – und sehen Sie, wie wenig in der Äußerlichkeit dieselben Ideen noch entsprechende Form und Geltung gewonnen haben! Der Geist der Epoche ist ein Jüngling, der so rasch sich aus dem Zustand der Kindheit heraus entwickelte, dass er nicht einmal die Zeit fand, das Gewand zu wechseln, dass er noch in der Welt herumläuft, eine hohe Gestalt in verwachsener Tracht. Aber er läßt sich schon ruhig den Spott derer gefallen, welche ihre Ironie gegen diesen Kontrast des inneren Gehaltes und der äußeren Erscheinung wenden, welche den großen Willen, der noch nicht die entsprechende Form erlangen konnte, als eine lächerliche Prätention betrachten. Der große Gedanke – der hohe Jüngling – weiß, dass das Kleid nicht den Mann macht, er wird das passende Gewand zu finden wissen, er wird die Form zerbrechen, aus welcher der Inhalt entwichen ist, und er wird sich die seinige schaffen.
Weiterlesen
In der alten Form den neuen Geist zu suchen, dazu fordert mich der Augenblick, dazu fordern mich Ihre eigenen Worte auf. Ich nehme die Fahne, die Sie uns überreichen, nicht bloß als ein Zeichen der Sympathie, das Sie, nur von fern her unser großes Ziel ahnend, zum Andenken, zur Ermunterung überreichen, weil es Ihnen wohlgefäIlt, daß wir Großem nachstreben. Ich nehme sie als das Zeichen eines Bundes, eines dauernden, zum lebendigen Verhältnis sich gestaltenden Bundes, dessen Inhalt ist: die Beteiligung der Frauen am öffentlichen Leben, an der großen menschlichen Bewegung, an der Erringung der höchsten Güter; eines Bundes, dessen Resultat sein wird die Umgestaltung des öffentlichen Lebens aus einem bloß zweckdienlichen und anstrengenden zu einem schönen und heiteren. Nach beiden Seiten hin, nach dem Inhalt, wie nach dem Resultat ist dieser Bund Forderung der Gegenwart, weil Forderung der Vernunft, der Erkenntnis.
Forderung ist vor allen Dingen, dass das öffentliche Leben die Form des Schönen gewinne, dass es freie Bewegung werde, die an sich selber Wohlgefallen hat. So nur kann es ein Recht haben, zu existieren, so nur kann es seinem Ziele entgegengedeihen. Alles, was auf den Namen einer Verbesserung Anspruch macht, sei es auf dem sozialen, sei es auf dem politischen, dem wissenschaftlichen, dem gewerblichen Gebiete, es kann nur einen Zweck haben: den, das Leben zu verbessern, d.h. das Lebensglück, den Lebensgenuß. Soll es aber diesem Zwecke wahrhaft treu bleiben, so muss es nicht nur in seinem Ziele, sondern auch in seiner Bewegung nach dem Ziele jene Aufgabe erfüllen. Denn, wenn des Lebens Aufgabe das Leben selber ist, der Lebensgenuß ist, so geht an jeden Teil desselben die Forderung, dass er nihct bloß Mittel zu einem anderen Augenblick des Lebens, sondern in sich selber Zweck sei. Je mehr das Leben in allen einzelnen Teilen, in allen Atomen des Daseins seiner Bestimmung entspricht, desto vollkommener ist es; es weicht von dieser ab, so oft es einen Schritt macht, der gar keine Befriedigung in sich selber, sondern nur im folgenden findet. Ein solcher Schritt, ein solcher Augenblick ist herabgewürdigt unter seinen Beruf. Auf der anderen Seite aber verlangt die Ökonomie des Lebens, dass der gegenwärtige Moment den künftigen vorbereite oder sicher stelle. Darum ist es höchste Aufgabe der Kunst zu leben, die überhaupt die Aufgabe des Menschengeschlechts ist, daß eine Form gefunden werde, in welcher jede Bewegung nicht bloß durch das befriedigen darf, was sie erstrebt, also durch das, was ein anderes, ein Späteres ist, sondern durch das, was sie selber ist.
Die Form aber, welche diese Bedingung erfüllt, ist einzig die Form des Schönen, weil nur das Schöne in sich selber Zweck ist. Schönheit, Kunst sind nicht der Hauptsache nach Mittel zum Zweck der Geistesbildung – wie zuweilen gesagt worden ist – sie sind Zweck, d.h. Genuss in sich selber. Das Gute im Leben kann nur zweierlei Gestalt annehmen, die des Schönen oder die des Zweckmäßigen. Das Zweckmäßige findet seine Befriedigung in der Zukunft, das Schöne in der Gegenwart. Wenn das Zweckmäßige schön ist, dann ist die höchste Vollendung des Lebens erreicht. Dann nur hat das Leben einen Sinn. […] Das Leben aber soll Leben sein vom Augenblick an, da es existiert: jeder genieße und keiner, wenn er stirbt, sage: Ich habe falsch spekuliert!
Dieser Zug ist bereits mächtig geworden in dem Jahrhundert. Vor allem drückt er sich aus in der Totalität des Lebens, das ein weltliches geworden, das nicht mehr die Spekulation aufs Jenseits ist. Mehr und mehr arbeitet sich der Gedanke auch in die einzelnen Bestandteile hinein. Vergleichen Sie die Erziehung von heute mit der von ehemals. Das Kind wird von dem Erwachsenen nicht mehr als bloßer Zweck der Zukunft behandelt; die trockene, im starren Zwang dumpfer Schulstubenqualen hantierende Magisterei soll ersetzt werden durch ein System, welches die jungen Kräfte in freies, behagliches, ihnen selber angemessenes Spiel setzt. Denn das Spiel, die unberechnete, freie Bewegung, die sich nach der Lust des Augenblicks erzeugt, ist die Aktion des Schönen. Wir freuen uns am kindlichen Genusse, an der heiteren Anmuth der nicht berechnenden Lust, und wollen, dass der Unterricht, die Ausbildung des Geistes und des Körpers so viel, als möglich diese Form annehme. […]
Dieser Zug nun, neben dem Streben, auch Selbstzweck zu sein, muss ins öffentliche Leben, wenn es Anspruch auf Existenz, wenn es weiter Aussicht auf Erreichung seines Zieles haben soll. Denn es ist nicht nur gerechte Forderung des Augenblicks, seinen Wert in sich zu tragen: es ist auch die höchst mögliche Bürgschaft für die Erreichung des vorgestreckten Zieles, wenn der Weg dahin nicht bloß Mittel, sondern auch Selbstzweck ist. Sehen Sie doch auf die Ökonomie der Natur! Alle ihre großen Zwecke sichert sie durch Triebe, deren Befriedigung zugleich eine Lebensfreude ist.
Es soll also – dies ist das Resultat, welches ich aus allem Gesagten ziehe – es soll das öffentliche Leben, das Ringen der Nation nach Einheit und Freiheit die Form des schönen, harmonischen Lebens, des frei spielenden Triebes annehmen. Zu dem Ende aber muß das öffentliche Leben vor allem seine Wurzel einschlagen in den Boden, auf dem wir mit dem ganzen Reste unserer Existenz stehen, es muß die Weise der gesellschaftlichen Einheit, des Zusammenlebens und Zusammenfühlens beider Geschlechter annehmen.
[…]
Nachdem ich aber so gezeigt zu haben glaube, daß Grundbedingung für das Gedeihen des allgemein menschlichen Strebens die volle Beteiligung der Gesamtheit sei, wird es mir auch erlaubt sein, einen Nebenblick zu werfen auf die fruchtbare Eigentümlichkeit, welche gerade der Charakter des Weibes in diese Gemeinschaft einbringt. Es ist eine psychologische Tatsache, daß die Frau das einmal erfasste Ideal mit überlegener Gewalt festhält und verfolgt, daß sie das Gute viel mehr für erreichbar hält, als der Mann, und dadurch eines höheren und stärkeren Schwunges fähig ist. Es verbindet die Frau mit der Heftigkeit des Glaubens und Strebens die Milde des Charakters, und es ist endlich Zeit, daß die Beschränktheit des Hasses aus der Partei des Volkes wenigstens verschwinde. Die demokratische Bewegung muß alle diejenigen Attribute annehmen, welche sie dereinst als Siegerin zum Gesetz erheben will. Aus dem Gesetze der Demokratie aber wird ereinst die unvernünftige Intoleranz verschwinden, mit welcher der Staat der unfehlbaren Autorität und des legitimen Privilegiums sich umgeben mußte. […] Die Demokratie ist mild und tolerant bis zu dem Grade, daß der Begriff der Toleranz ganz verschwinden muß, weil sein Gegensatz, die Intoleranz, gar nicht mehr gedacht werden kann. Mit diesem Gesetze müssen wir auch unsere Bewegung durchdringen, und der Eintritt des weiblichen Geschlechts wird ein Wesentliches dazu beitragen, daß es geschehe.
Aber, wird man uns sagen, du opferst dabei die Frau mit der ganzen Eigentümlichkeit ihres Naturells, du benutzest sie nur zum Vorteile eines bestimmten Zieles, das ihr keine Entschädigung geben kann, weil das Opfer selber sie zu Grunde richtet, du reißest sie heraus aus dem ihr zugewiesenen Kreise des ihr eigentümlichen, stillen und umschränkten Gefühlslebens. […] Aber ich drehe den Einwurf geradezu herum und kehre ihn gegen diejenigen, welche ihn erheben. Die Anschauungsweise, welche der Frau das einseitige Gefühlsleben zuteilt, ist selber nichts, als der Versuch, sie als Werkzeug der Befriedigung eines Kunstbedürfnisses zu behandeln, in ihr die vollendete Darstellung des Gefühls anzuschauen. […] Aber es kann nicht Bestimmung des Menschen sein, einem andern als bloßes Objekt, sei es auch als künstlerisches, zu dienen. Der enge Kreis, welchen jene Anschauungsweise den Frauen zuteilt, ist das Gebiet, welches ihr nicht von ihrem eigenen Wesen, sondern von einem Herrscher angewiesen ist, gerade so gut wie das enge Gebiet des orientalischen Serails. Die Beschränkung der Weiber auf das Gefühlsleben ist nichts als eine parfümierte Sklaverei, als eine christlich-germanische Serailstheorie. Daß einzelne Charaktere sich in dieser Beschränktheit wohl fühlen, beweist ebenso wenig, als wenn eine türkische Sklavin in ihren Prachtgemächern zufrieden ist. In der Einseitigkeit kann keine Vollendung bestehen, sondern nur in der Harmonie. […]
Ich kann sehr gut begreifen, dass die weibliche Natur früher einen Widerwillen gegen das politische Leben empfinden musste, dass man ihr empfahl, sich davon fern zu halten. Das öffentliche Leben war unschön, weil es gar kein öffentliches war. Das ganze Treiben im Staate war ja bloß die Tätigkeit einer Maschine, die von einzelnen in Bewegung gesetzt, von anderen etwa gehemmt wurde. An die Maschine gehört die Frau allerdings nicht, aber wenn das politische Leben erst die Weise der Volkstümlichkeit, der Massenbewegung, des Denkens und Handelns in Gemeinschaft angenommen hat, mit einem Worte, in der Demokratie, wird es sich auch erhaben, lebendig, gestaltenvoll entwickeln und wahrer Schönheit fähig sein. […] Es versteht sich bei allem, was ich hier gesagt habe, so sehr, daß ich unter einer gleichmäßigen Beteiligung beider Geschlechter am öffentlichen Leben nicht eine gleiche Beteiligung verstehe, daß ich durch eine weitere Erwähnung dieses Vorbehaltes mich lächerlich zu machen fürchten müßte. Wer wird Unterschiede, die in der Natur vorhanden sind, vertilgen wollen? Es wäre das ein überspiritualistischer Versuch, dem ich wohl nicht verfallen werde, den Unterschied der leiblichen Organisation von der geistigen losreißen zu wollen und ihn in der letzteren Beziehung zu leugnen. Beteiligung aller Menschen an allen menschlichen Angelegenheiten, harmonische Ausbildung der menschlichen Anlagen nach allen Richtungen hin, das ist es, was verlangt werden muß: daß jede Person, jede Nation, jedes Geschlecht dies in der Weise tue, wie es seiner Natur gemäß ist, versteht sich von selbst.
Sie überreichen uns heute eine Fahne, Sie bringen uns die Vereinigung, die Beharrlichkeit, das ehrenhafte Streben in der künstlerischen Form zur Anschauung. Thun Sie dies für immer. Treten Sie nicht zurück, nachdem Sie uns ein Zeichen Ihrer Sympathie gegeben haben. Bringen Sie die Schönheit, die Anmut, den freien Spieltrieb des Lebens in das große Streben der Zeit hinein. Unser Bund sei unter dem Zeichen gestiftet, das Sie uns übergeben haben. Wenn dieser Gedanke überall durchgedrungen ist, dann wird die Heiterkeit des antiken Lebens, verbunden mit der Sittlichkeit, der Humanität, dem Gleichheitssinn der modernen Welt zusammen, eine vollendete Gesellschaft gründen, das Ideal der menschlichen Dinge. Sollte dies Ideal aber auch Ideal im schlechten Sinne, d.h. sollte es unerreichbar sein, dies kann uns abhalten, den Weg dahin einzuschlagen; denn indem wir auf schöne Weise dem Guten entgegenstreben, genügen wir allen heiligen Bedürfnissen unserer Natur, erfüllen wir unsere wahre Bestimmung.
Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!
Die Feinde des Volkes und der Freiheit vereinigen sich wieder, um uns zu betrügen und die Freiheit zu vernichten.
Da sie wissen, daß die Demokratie die Hauptbeschützerin der Freiheit ist, so richten sie ihre tückischen Geschosse vor Allem gegen die Demokratie und deren Anhänger.
Sie wollen die Demokraten bei dem Volke verdächtigen, damit das Volk sie verlasse und von der Freiheit selbst verlassen werde.
Freie Männer des Hessenlandes!
Betrachtet vor allem diejenigen, welche jetzt gegen die Demokratie predigen. Wer sind diese Leute? Sind es die Männer, welche zu den Errungenschaften des März mitgewirkt haben? Haben sie sich je ein Recht auf Euer Vertrauen erworben?
Wahrlich! Niemand kann besser, als Ihr selbst, diese Fragen beantworten.
Weiterlesen
Waren es denn nicht gerade die heutigen Widersacher der Demokratie, die als Diener der gestürzten Willkührherrschaft Euch so lange den Fuß auf den Nacken gesetzt, die so lange als Mitglieder der privilegirten Klassen den frühern Zustand zu ihren Gunsten ausgebeutet haben? Gerade über sie, die Stützen des Polizeistaates, die sich heute ihrer Freiheitsbestrebungen rühmen, habt Ihr, unsere Freunde, vereint mit uns in den Märztagen den Sieg errungen. Dieser Sieg allein aber, so schön er war, genügt nicht, er muss befestigt und für immer gesichert werden!
Dies ist aber nur dann möglich, wenn wir an den Grundsätzen der Demokratie, der Herrschaft des gesammten Volkes, fest halten. Sie ist es, welche jedes einzelne Volk, sowie die ganze Menschheit durch den lebendigen Gedanken der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verbindet. Sie will nicht die Gesetze, sondern nur die Willkühr vernichten. Sie will nicht das Recht, sondern das Vorrecht zerstören.
Sie will den Bürger nicht nur politisch, sondern auch sittlich frei, sie will alle Menschen zu Brüdern machen und sie auf die hohe Stufe der Vollkommenheit empor heben, welche stets die Bürger freier Staaten ausgezeichnet hat.
Können also die Demokraten, die Bekenner so erhabener Grundsätze, jemals wollen, daß alles Bestehende umgestürzt, die Ordnung zerstört oder gar eine allgemeine Teilung vorgenommen werde?
Ist es nicht vielmehr klar, dass unsere Widersacher uns solche Bestrebungen nur vorwerfen, um uns in den Augen unserer Mitbürger zu verdächtigen, und durch Lüge, Zwietracht und Betrug ihre gestürzte Herrschaft wieder aufzurichten?
Brüder! Wir haben die Freiheit mit ihren höchsten und heiligsten Interessen erkannt. Wir haben die Freiheit erobert; wir wollen uns aber auch ihre Früchte sichern, damit wir sie genießen können.
Wir wollen daher vor Allem fest zusammen halten in Kraft und Einigkeit. Wir wollen unverwandten Blickes nach unserm hohen Ziele streben.
Wir wollen, ein stehendes Heer der Freiheit, im heiligen Kampfe für unsere Grundsätze nicht ruhen und nicht rasten und der Sieg der Demokratie wird unausbleiblich sein!
Sie werden es mir danken, daß ich hier der Wahrheit zuerst die Ehre gegeben und das Bekenntnis in unser Festprotokoll niedergelegt habe: die Revolution ist kein Freudenmahl! Wir können noch nicht triumphieren. Ein Ozean von Blutstränen liegt noch zwischen uns und dem neuen Lande der Freiheit. Aber wie wir hier vereint sind, sind wir Männer der Zukunft. Heute feiern wir ein Fest, indem wir, auf die Vergangenheit zurückgehend, im Geiste anknüpfen an jene schöne Zeit der Zukunft, die unsre Enkel erleben werden. Dieses heitre, frohe Mahl, das trotz aller Wahrheit heiter und froh sein soll, es ist der Abglanz einer künftigen Zeit, wo die Sonne der Wahrheit eine Welt erleuchten wird, in der für alle Menschenkinder Platz ist an dem Gastmahl des Lebens.
Als vor einiger Zeit der kaiserliche Reichszankapfel in den Schooß der demokratischen Partei fiel, haben wir die demokratische Diplomatie, welche von der Fraktion Simon von Trier befolgt wurde, angegriffen. Uns gefiel nicht die Hast, mit welcher diese Fraktion sich auf Kaiser und Verfassung stürzte, die Inbrunst und Andacht so zu sagen, mit welcher sie plötzlich die neuen Götter umarmte, die krasse Verleugnung, womit sie sich von allem abwendete. Was nur Manöver sein sollte, hatte zu viel das Ansehen eines Glaubenswechsels. […]
Weiterlesen
Wir griffen – wie gesagt – damals die demokratische Diplomatie an; aber es ahnte uns auch selbiger Zeit schon, daß wir sie bald in Schutz zu nehmen haben würden, gegen eine andere demokratische Laune, gegen die Extravaganzen der demokratischen Mauerbrecher. Wenn uns die Geschmeidigkeit Derer, die sich unter Kaiser und Reich beugten, mißfiel, so begriffen wir doch recht gut, wie sie durch das verständigste und ehrenhafteste Raisonnement von der Welt zu ihrem Entschluß gekommen sein konnten. Dagegen die unnahbaren Republikaner, welche noch heute mit ungeheurer Entrüstung dagegen auftreten, daß Einer von republikanischer Farbe sich an dem Kampf für die Verfassung beteilige, uns nicht bloß heillos querköpfig, sondern auch – mögen sie es verzeihen – ein bisschen possierlich vorkommen. Sie haben von vornherein, von dem Schaden, den die Simon’sche Diplomatie stiften konnte, den größten Theil auf sich genommen; denn sie waren es, welche mit einem übertrieben scharfen Urtheil gegen die Diplomatiker, das was voranging, erst recht grell hervorgehoben, und was demoralisirend auf’s Volk einwirken konnte, recht heiß und tief in dessen Seele einbrannten. Das Schlimmste von der republikanischen Kaisertümelei war die Wichtigkeit, welche im Parlament und in der Presse viele Radikale durch ihr Zetergeschrei der Sache beilegten. […]
Es ist ein Jammer, daß wirklich in Deutschland nicht drei Menschen zusammenstehen können. In unserer Politik gibt es Streitigkeiten, von welchen praktische Völker wohl keine Idee haben. Läßt sich was Lächerlicheres denken, als wenn zwei Menschen, die ausgehen, um einen Hasen zu schießen, sich, noch ehe sie das Wild erjagt haben, darüber prügeln, ob es gesotten oder gebraten werden soll? Gleichwohl ist eine solche Prügelei die Hauptbeschäftigung unserer deutschen Demokratie. Während alle Schattierungen der Partei noch unter einer gemeinsamen Knute stehen, während sie insgesamt noch bettelarm sind, haben sie nichts Eifrigeres zu thun, als sich um die Verwendung der Schätze herumzuzanken, welche sie einst als Sieger besitzen werden. Auf allen demokratischen Kongressen, in allen Blättern und Versammlungen spielen diese Zänkereien die erste Rolle, und es ist gewiß schon erlebt worden, daß zwei Demokraten, welche im selben Zuchthause saßen, sich nicht vertragen konnten, weil der eine blutroth und der andere karminrot war. Anderswo entstehen solche Differenzen erst, wenn der Sieg da ist; so lange geht alles zusammen, bei uns will keiner siegen helfen, ehe er weiß, daß genau seine Farbe herauskommt. Das nennt sich dann Charakterfestigkeit und hält sich in seiner eisernen sogenannten Unbeugsamkeit für was sehr Großes. Aber wenn uns diese sogenannte Konsequenz herzlich unpraktisch, so kommt uns der Stolz, der hineingelegt wird, etwas komisch war. Die Vertus farouches, die überjüngferlichen Frauenzimmer, welche wild werden, wenn in ihrer Gegenwart auch nur von Strümpfen gesprochen wird, sind selten schön und glücklich, in der Regel häßlich und sitzen geblieben. Etwas Aehnliches ist es mit der oft berühmten „eisernen Konsequenz“. Ich habe noch selten Menschen von eiserner Konsequenz gesehen, welche mit scharfem Verstande begabt gewesen wären. Die Leute von Grundsätzen par excellence, die Leute, welche nichts Höheres kennen, als bei seiner Meinung bleiben, sind in der Regel nicht von aller Flachköpfigkeit oder Oberflächlichkeit frei. […] Ich meine, es gehört weder Verstand noch Mut dazu, zu sagen: ein für allemal ist mir dasjenige das einzig Richtige, was ich von vornherein dafür gehalten habe, und wenn man nicht für dasselbe in allen seinen Theilen kämpfen will, so bleibe ich zu Hause und schmolle. Diese Kunst kann Jeder. Aber mit dieser Kunst wird es auch nie zu Etwas gebracht werden. Es ist ja ein tagtäglich wiederholter Gemeinplatz, dass es nicht sowohl darauf ankommt, mit welcher Parole, als dass überhaupt der Kampf beginne. Das Übrige wird in der Stille von ein paar Köpfen gemacht. Wer aber erst schwarz auf weiß haben will, dass aus dem Sieg eine demokratisch-soziale Republik ohne Präsident und mit Volksveto etc. etc. hervorgehe, der ist auf dem besten Wege, unter die russische Knute zu kommen. […]
Auch glaube ich, dass man der roteste Republikaner sein und dennoch der Überzeugung sein kann, die benannten in der Verfassung enthaltenen Güter seien ein recht schätzenswerter Besitz. Louis Blanc, den man wohl nicht als eine Autorität der praktischen Revolution, aber um so mehr eben deswegen da anrufen darf, wo es sich um theoretischen Radikalismus handelt, Louis Blanc hat vor 1848 hundertmal erklärt, daß er trotz seiner sozialistischen Grundsätze, vor der Hand unbedingt für den Sieg der bloßen Republik kämpfe. Und wie ist auch was Anderes denkbar?
[…]
Allein zeigt nicht in der Tat, jeder Tag mehr, dass es über alle Maßen schlecht steht? Die jüngsten Ereignisse liefern das Bild einer geharnischten Verschwörung, welche alle europäischen Regierungen zur unerbittlichen Ausrottung aller Spuren der Revolution eingegangen sind. […] Und diesen Thatsachen gegenüber ist die Zeit allerdings da, eine Revolution auf Abschlag zu machen. Das Volk hat auch praktischen Verstand genug, zu fühlen, dass darin nichts weniger als eine Desertion vom Prinzip liegt. Und wenn es irre wird, wenn eine Gefahr für seinen Glauben darin droht, so ist blos das Hochverrathsgeschrei der schmollenden Eisenfresser Schuld daran. Ihr sagt: die Revolution siegt doch zuletzt, und darum wollen wir nur für unsere Prinzipien einstehen. Ich muss gestehen, dass ich nicht Glauben genug an eine allbarmherzige Vorsehung habe, um den Trost zu erübrigen, dass, wenn die asiatisch-europäische Allianz jetzt siegt, eine Revolution für die nächsten Generationen noch möglich bleibt. Ich sehe nicht ein, warum nicht, wenn zu dem Entschluss, mit Feuer und Schwert den Keim der Freiheit zu vertilgen, die Macht hinzukommt, es auszuführen, warum nicht alsdann Europa in russische Barbarei verfallen sollte. Wie die Dinge jetzt stehen, ist die Verfassung allerdings eine Lebensfrage, und es ist gebieterische Pflicht, für dieselbe einzustehen. Das ist so wahr, dass sogar die farouchen Radikalen sich ihr nicht entziehen können. […]
Gesammelte Schriften. 5 Bände, Berlin 1894–1898.
Erinnerungen. Hrsg. von Paul Nathan, Berlin 1899.
Ausgewählte Reden und Aufsätze über Geld- und Bankwesen. Hrsg. von Karl Helfferich, Berlin 1900.
Ernst Feder: Bismarcks großes Spiel. Die geheimen Tagebücher Ludwig Bambergers, Frankfurt am Main 1932.
Eine umfassende Bibliografie von Bambergers Schriften findet sich bei Marie-Lise Weber, S. 286-295.
Theodor Heuss: Bamberger, Ludwig, in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 572–574.
Christian Jansen: Ludwig Bamberger. Mit Dampf und Elektrizität für ein modernes Deutschland, in: Sabine Freitag (Hrsg.): Die Achtundvierziger. Lebensbilder aus der deutschen Revolution 1848/49, München 1998, S. 200-213.
Benedikt Koehler: Ludwig Bamberger. Bankier und Revolutionär, Stuttgart 1999.
Christopher Kopper: Ludwig Bamberger. Vom Revolutionär zum Vater der Goldmark, Berlin 2015.
Dieter Langewiesche: Ludwig Bamberger (1823-1899). Der deutsche Nationalstaat – Lebenstraum und Enttäuschung, in: Frank-Walter Steinmeier (Hrsg.): Wegbereiter der deutschen Demokratie. 30 mutige Frauen und Männer 1789-1918, Bonn 2022, S. 279-291.
Marie-Lise Weber: Ludwig Bamberger. Ideologie statt Realpolitik, Stuttgart 1987.
Rolf Weber: Ludwig Bamberger. Der radikale Republikaner, in: Helmut Bleiber u. a. (Hrsg.): Männer der Revolution von 1848. Band 2, Berlin (Ost) 1987, S. 273–304.
Stanley Zucker: Ludwig Bamberger. German Liberal Politician and Social Critic, 1823-1899, Pittsburgh 1975.
Ders.: Ludwig Bamberger and the Rise of Anti-Semitism in Germany, 1848-1893, in: Central European History 3 (1970), S. 332-352.
Wir nutzen Cookies und ähnliche Technologien, um Geräteinformationen zu speichern und auszuwerten. Mit deiner Zustimmung verarbeiten wir Daten wie Surfverhalten oder eindeutige IDs. Ohne Zustimmung können einige Funktionen eingeschränkt sein.