
MALWIDA VON MEYSENBURG
Abb.: Lippische Landesbibliothek
Malwida von Meysenbug wurde am 28. Oktober 1816 als Tochter eines Ministers am Kurfürstlichen Hof in Kassel geboren. Da ihr Vater mit der reaktionären Politik des hessischen Kurfürsten Wilhelm II. identifiziert wurde, musste die Familie im Zuge der Unruhen nach der französischen Julirevolution 1831 flüchten. Trotz dieser negativen Erfahrung sympathisierte Malwida von Meysenbug später mit den Ideen der Revolution, denen sie durch ihre Bekanntschaft mit dem Theologiestudenten und politischen Schriftsteller Theodor Althaus näherkam. Ihre demokratischen Überzeugungen orientierten sich am Leitbild eines demokratischen, freiheitlichen, pazifistischen, international ausgerichteten und emanzipierten Nationalstaats mit gesellschaftspolitischen Veränderungen.
Nach dem Scheitern der Revolution studierte Malwida von Meysenbug an der “Hochschule für das weibliche Geschlecht” in Hamburg, bevor sie ab 1852 ins Exil ging. Hier hielt sie Kontakt mit bedeutenden Persönlichkeiten wie Johanna und Gottfried Kinkel, dem russischen Revolutionär Alexander Herzen oder dem italienischen Freiheitskämpfer Giuseppe Mazzini. Ihren Lebensunterhalt verdiente die sprachbegabte von Meysenbug mit Übersetzungen und als Schriftstellerin. 1869 veröffentlichte sie die „Memoiren einer Idealistin“. Das Werk wurde ein Beststeller und brachte ihr kurz vor ihrem Tod sogar die Nominierung für den Literaturnobelpreis ein. Am 26. April 1903 starb Malwida von Meysenbug in Rom.
Malwida von Meysenbug wird am 28. Oktober 1816 mit dem Namen Amalie Malwida Wilhelmina Tamina Rivalier als Tochter eines Ministers am Kurfürstlichen Hof in Kassel geboren. Sie erhält eine gutbürgerliche Bildung mit Schwerpunkt auf dem Erlernen verschiedener Sprachen.
Erhebung des Vaters, Carl Philipp Rivalier, in den Adelsstand. Auch Malwida trägt von da an den Namen von Meysenburg.
Die Familie muss im Zuge der politischen Unruhen nach der französischen Julirevolution fliehen. Die Mutter zieht nach dem Tod des Vaters mit Malwida und einer ihrer Schwestern nach Detmold. Dort erlangt Malwida Zugang zu oppositionellen politischen Kreisen.
Malwida von Meysenbug beobachtet im März 1848 gemeinsam mit einer Freundin, versteckt hinter einem Vorhang, heimlich das Frankfurter Vorparlament, zu dem keine Frauen zugelassen waren.
Meysenbug besucht von 1850 bis 1852 die neugegründete “Hochschule für das weibliche Geschlecht” in Hamburg.
Nachdem ihr Haus aufgrund ihrer Kontakte zu führenden Demokraten durchsucht wurde und Malwida von Meysenbug eine Verhaftung befürchten muss, emigriert sie nach England.
Malwida von Meysenbug publiziert (anonym) die „Mémoires d´une idéaliste“ in Genf.
Anonyme Publikation der „Memoiren einer Idealistin“ in Deutschland.
Malwida von Meysenbug wird als erste Frau für den Literaturnobelpreis nominiert.
Am 26. April 1903 stirbt Malwida von Meysenbug in Rom.
Ich saß eines Tages auf einer der weißen Klippen, welche eine natürliche Festung um das stolze Albion bilden. Die Wellen des Oceans brachen sich zu meinen Füßen gegen die Felsen dieses Landes der Freiheit und des Exils – für mich sowohl wie für so viele Andere. Ich dachte an mein Vaterland drüben, jenseits der Wogen, an den bittern und schmerzlichen Kampf, durch welchen ich hindurch gegangen war, weil ich mein Leben meinen Überzeugungen gemäß hatte gestalten wollen. Ich dachte auch an den Tag, an welchem die Emancipation der Frau eine vollendete Tatsache sein wird; an welchem sie ohne Widerspruch dasselbe Recht zur Entfaltung aller Fähigkeiten durch Unterricht und Studium haben wird wie der Mann; an welchem sie gleich sein wird mit ihm vor dem Gesetz, und befreit von dem Joch der Unwissenheit, des Aberglaubens, der Frivolität und der Mode.
Da kam mir der Gedanke, die Erinnerungen meines Lebens aufzuschreiben; ein bescheidnes Gemälde einer jener Existenzen unbekannter Pfadfinder, welche den Weg noch in den Schatten der Nacht suchen, wenn eine neue Idee sich Bahn brechen will in der Geschichte, und die, wenn sie nicht als Narren oder Verbrecher behandelt werden, für Idealisten gelten, welche Unmögliches verlangen. Ich beschloss, diese Erinnerungen den glücklicheren Schwestern zu weihen, die, wenn der Tag gekommen sein wird, sich in der freien Luft eines anerkannten Rechts werden entwickeln können. Vielleicht können sie diejenigen, welche noch zweifeln oder zögern, ermutigen, oder wenigstens den andern ihr Glück noch fühlbarer machen.
Dieser Tag scheint mir jetzt zu kommen. Die Idee der Emancipation der Frau erwacht von allen Seiten mit solcher Gewalt, dass sie nichts hinfort mehr wird unterdrücken können. Sie hat unter den Männern großmütige Verteidiger gefunden – viele ausgezeichnete Frauen arbeiten an ihrer Verwirklichung. Diese sind es vorzüglich, welchen ich die nachstehenden Blätter als Zeichen meiner lebhaftesten Sympathie widme.
Bald am Ende meiner Laufbahn angelangt, sehe ich auf diese persönlichen Erlebnisse schon wie von einem andern Planeten herab, aber ich möchte sie noch im Dienste des gemeinsamen Zieles verwenden. Mein Name ist dabei überflüssig, wenn ich nur die Hoffnung mit in das Grab nehme, dass die Frauen aufhören wird, ein Götzenbild, eine Puppe oder eine Sclavin zu sein, und dass sie, als ein bewusstes und freies Wesen, im Verein mit dem Manne an der Vervollkommnung des Lebens in der Familie, der Gesellschaft, dem Staat, in Wissenschaften und Künsten – kurz, an der Verwirklichung des Ideals im Leben der Menschheit arbeiten wird.
Das Land war in großer Aufregung. Die Nachrichten über die Julirevolution waren kurz zuvor aus Frankreich gekommen. Ein elektrischer Strom durchzuckte Europa. Alle Elemente der Unzufriedenheit, die seit lange in den Völkern gärten, wollten an das Licht. Ich hörte zum ersten Mal das Wort: Revolution. […]
Der Fürst und seine Familie zeigten sich den Volksmassen, welche den großen Platz vor dem Schloss bedeckten, auf dem Balkon. Enthusiastische Freudenbezeugungen empfingen sie und steigerten sich bis zum ausgelassenen Jubel, als der Fürst ein zweites Mal auf dem Balkon erschien, umgeben von den Abgesandten des Volkes, unter denen sich die fanatischesten Liberalen befanden, und versprach, was das Volk durch ihren Mund verlangt hatte: eine Constitution.
Mein Vater begab sich nun mit Eifer an die Ausarbeitung derselben. Er entwarf sie auf so breiter und freier Grundlage, wie nur möglich. Aber er war tief gekränkt durch die ungerechten Angriffe, deren Gegenstand er fortwährend trotz seiner reinen Absichten und seines unermüdlichen Eifers war.[…] Weiterlesen
Eines Tages wurde die Stadt alarmiert durch die Nachricht, dass die verhasste Maitresse heimlich auf dem Lustschloss angekommen sei, dass man die Flucht des Fürsten vorbereite, dass man die Arbeit an der Constitution suspendieren wolle, dass man einen Staatsstreich beabsichtige, und was der Gerüchte mehr waren. Das war der Funken, der in die Pulvermine fiel. Im Nu waren die Straßen von tobenden Massen erfüllt, die sich dann, unter der Leitung ihrer Führer, zu einem ungeheuren Zuge ordneten und mit Geschrei und Drohungen der Sommerresidenz zuzogen. […]
Nach einigen Stunden angstvoller Erwartung hörten wir ein Geräusch dem fernen Rauschen des Oceans ähnlich. Bald sahen wir eine dichte, schwarze Masse in der Ferne erscheinen, die sich langsam heranbewegte und die Straße ihrer ganzen Breite nach ausfüllte. Ein Mann von ungewöhnlicher Größe ging voraus und schwang einen dicken Stock in der Hand. Dies war ein Bäcker, welcher das Haupt der Bewegung geworden war. Plötzlich hielt er vor unserem Hause still und mit ihm die ganze Masse, die ihm folgte. Er erhob seinen Stock gegen unsere Fenster und stieß furchtbare Verwünschungen aus. In demselben Augenblick erhoben sich Tausende von Händen und Stöcken und Tausende von Stimmen schrien und brüllten. Kaum dass wir Zeit hatten, uns von den Fenstern zurückzuziehen, so flogen schon große Pflastersteine gegen die Fenster des ersten Stocks und einige erreichten sogar den zweiten Stock, welchen wir bewohnten. Zu gleicher Zeit erfolgten heftige Schläge gegen die Haustür. Mein junger Bruder hatte die Geistesgegenwart gehabt, beim Herannahen der Volkshaufen die Türe zu schließen und die inneren Riegel vorzuschieben. Die wütende Menge wollte die Türe mit Gewalt öffnen, und Gott weiß, welches unser Schicksal gewesen wäre, wenn nicht zu rechter Zeit Hülfe gekommen wäre. Zwei junge Offiziere zu Fuß brachen sich Bahn durch die Menge. Es waren der Erbprinz und sein Adjutant. Sie stellten sich vor unsere Türe und der Prinz richtete einige Worte an die Aufrührer, befahl ihnen auseinander zu gehen und sich zu beruhigen, und versprach, dass ihre gerechten Wünsche gehört und befriedigt werden sollten. Dieser Beweis von Mut machte einen großen Eindruck. Zu gleicher Zeit sah man langsam eine Abtheilung Cavallerie, den gezognen Säbel in der Hand, die Straße herabziehen. Die Massen fingen an sich zu zerstreuen, indem sie immer noch Verwünschungen und Drohungen ausstießen. […]
So endete die lichterfüllte Zeit der ersten Kindheit unter den Donnerschlägen, welche einen großen Teil Europas erschütterten. Die glückliche Sorglosigkeit des ersten kindlichen Alters war vorbei. Ich hatte zum ersten Mal eine große tragische Wirklichkeit sich vor mir auftun sehen, und ich hatte leidenschaftlich Partei genommen in einem Konflikt, der allgemeiner Natur war. Natürlich war es für jetzt noch mein Herz, welches mein Urteil leitete; es verstand sich, dass die, welche ich liebte, Recht haben mussten. Aber mein Blick fing an einen weiteren Horizont zu umfassen. Ich fing an Zeitungen zu lesen und den politischen Ereignissen mit großem Interesse zu folgen. Zwar spielte ich noch mit meinen Puppen, doch fühlte ich mich auf der Schwelle eines neuen Lebens. Ich hatte eine zweite Taufe empfangen durch die Hand der Revolution.
Zum ersten Mal stieg bei meiner Schwester und mir der Gedanke auf, dass Eine von uns gehen und selbst ihr Brot erwerben müsse. Einige der Brüder waren wohl in guten Stellungen, aber es fiel uns nicht ein, von ihnen abhängig werden zu wollen. Wir besprachen schon diesen Punkt, und eine Jede von uns war bereit zu dem Opfer. Ich war fest entschlossen nicht nachzugeben und, wenn es sein müsste, meinen Erbanteil ganz der Mutter zu überlassen und zu gehn. Ich fing ohnehin an zu fühlen, dass ich nicht lange mehr mit denen würde leben können, welche meine heiligsten Überzeugungen für falsch hielten. Aber zu gleicher Zeit stand ich betroffen vor der Frage: „Was tun, um mir mein Brot selbst zu erwerben?“ Weiterlesen
Ich hatte viel gedacht, mehr als die Mehrzahl der Mädchen in meinem Alter; ich hatte viel gelesen. Aber wusste ich eine Sache so gründlich, um darauf meine Unabhängigkeit zu stützen? Hatte ich eine Fachkenntnis irgend einer Art? Ich fühlte das Ungenügende meiner Erziehung mit tiefer Pein. Seit ich die Malerei hatte aufgeben müssen, hatte ich angefangen zu hoffen, dass ich eines Tages etwas würde schreiben können. Ich hatte einige schüchterne Versuche gemacht, kleine Novellen und Aufsätze an Verleger zu schicken, ohne irgend Jemand davon zu sprechen. Mehreres wurde gedruckt, aber nicht bezahlt. Ich wusste nicht, wie man dabei verfahren müsse, ich wagte nicht, bei meinen Familienmitgliedern um Rath zu fragen wegen Sachen, die ihnen missfielen, und so sah ich keine Hoffnung in dieser Richtung.
Während so der Horizont meines Lebens düster und verschleiert war, fing derjenige der Völker an sich aufzuhellen. Die Zeitungen brachten die Nachricht von Bewegungen in Sicilien und Neapel. Der harte und verdummende Despotismus, der auf jenen schönen Ländern lastete, schien plötzlich still zu stehen, und ein neues Leben schien bereit aufzublühen. […]
Eines Tages, als ich von einem einsamen Spaziergang heimkam, fand ich Alles im Hause in größter Aufregung. Die Nachrichten von der Pariser Revolution am 24. Februar waren angekommen! Mein Herz klopfte vor Freude. Die Monarchie gestürzt, die Republik erklärt, ein provisorisches Gouvernement, das einen berühmten Dichter und einen einfachen Arbeiter zu Mitgliedern zählte – es schien ein himmlischer Traum, und war doch Wirklichkeit. Nur wenig Blut war für so hohen Preis vergossen worden, und die großen Losungsworte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! standen wieder auf der Fahne der Bewegung.
Welche Todesqual, mein Glück nicht zeigen zu dürfen, meine Erregung in mein Herz verschließen zu müssen, es zu sehen, dass man um mich her da, wo ich nur Hoffnungen sah, großes Unglück erwartete! Welcher Schmerz, an Blicken und Bemerkungen zu begreifen, dass die Freude, die ich unwillkürlich zeigte, mir als ein schwerer Fehler angerechnet wurde!
Ich schwieg, so viel ich konnte, und gab meinen Gefühlen nur in Briefen an Th… und „die Kleine“ Ausdruck.
Der elektrische Strom verbreitete sich bald in allen Richtungen. Deutschland, welches so fest eingeschlafen schien, erbebte wie von einem unterirdischen Feuer. Die Nachrichten von Wien und Berlin folgten sich rasch. Der Fürst der politischen Finsternis, Metternich, war entflohn! Die Grundlagen des Despotismus schienen überall zu wanken. Die Stütze des Absolutismus, die Militärmacht, schien unvermögend vor der Begeisterung der Völker, die für ihre Rechte aufstanden. Die drei glorreichen Märztage in Berlin bewiesen es. Ein jeder Tag fast wurde durch ein neues, wichtiges Ereignis bezeichnet. Aber wie verschieden war die Auffassung dieser Ereignisse je nach den verschiedenen Anschauungen! Eines Tages z.B. fand ich beim Eintreten in das Wohnzimmer meine Mutter mit der Zeitung in der Hand, und sie rief mir entgegen: „Nun wirst du zufrieden sein: der König von Preußen ist mit der schwarz-roth-goldnen Fahne in der Hand durch die Straßen von Berlin geritten. Was kannst du mehr wünschen?“
Ich erwiderte, dass mir das gar keine Freude mache, und ich war auch eher traurig über diese Maskerade; denn nur der Druck des Augenblicks hatte sie gewaltsam hervorgebracht; sie konnte nicht der Ausdruck der Gesinnung eines Monarchen sein, der, wie allbekannt war, den romantischen Traum der Wiederherstellung feudaler Zustände geträumt hatte. Was ich ersehnte, das waren nicht Gnadengeschenke und königliche Zugeständnisse an das Volk, das war vielmehr das ernste selfgovernment des Volkes selbst, vor dem die Fürsten sich beugen oder verschwinden mussten.
Die Nachricht, dass ein deutsches Vorparlament sich in Frankfurt versammeln werde, erfüllte mich mit namenloser Freude. Die Stadt war in einer grenzenlosen Aufregung. In der Versammlung der freien Gemeinde, die ich schon während des ganzen Winters statt der protestantischen Kirche besucht hatte, stieg der Redner nicht auf die Kanzel, um irgend einer Betrachtung regelrecht zu folgen, sondern sprach am Altar feurige Worte der Begeisterung, indem er die Gemeinde aufforderte, bereit zu sein, einen freudigen Kampf zu kämpfen um die heiligsten Rechte der Menschheit. Draußen hörte man Waffengeklirr, denn die Bürger eilten in das nahe Zeughaus, um sich zu bewaffnen. Mir war todesfreudig zu Mute. Ich hätte gewünscht, dass der Feind draußen vor dem Thor der kleinen Kirche gestanden hätte, und dass wir Alle hinausgezogen wären, Luther´s Choral singend, um für die Freiheit zu kämpfen oder zu sterben. – Das Volk kam aus seinen Höhlen hervor mit dem neugierigen Blick und dem naiven Erstaunen eines Menschen, den man lange Zeit im Dunkeln gehalten, und der den Tag wiedersieht. Ich mischte mich unter die Volkshaufen, welche fortwährend die Straßen füllten. Ich teilte ihre Freude, als man die dreifarbige Fahne auf dem Palais in der Eschenheimer Gasse aufpflanzte, wo der deutsche Bund so lange nicht zum Heile, sondern zum Unheile Deutschlands, getagt hatte. […]
Ich zweifelte nicht, ich sah nur „unverhofft ein ewig Glück auf goldnen Strahlen glänzend niedersteigen.“ Meine persönlichen Kämpfe traten in den Hintergrund vor dem Glück des Vaterlands. Niemals hatte ich Deutschland so heiß geliebt. Noch vor einigen Wochen hatte ich gewünscht, in dem sich erhebenden Italien zu sein. Jetzt hätte ich um keinen Preis von Deutschland weg gemocht; ich fühlte mich mit allmächtigen Liebesbanden daran geknüpft und war überzeugt, dass nirgends die Entwicklung so vollständig und so schön sein würde. […]
Die Notwendigkeit, Frankfurt zu verlassen, war mir wie ein Todesurteil. In einigen Wochen sollte diese Stadt das Centrum der nationalen Entwicklung werden, alle großen Entscheidungen sollten da genommen werden, die besten deutschen Männer sollten sich da versammeln – und ich sollte in einen kleinen Winkel zurückkehren, den der große Lebensstrom nicht einmal berühren würde. Ich fühlte einen grenzenlosen, vernichtenden Schmerz. Ich wusste, dass ich eine große Kraft der Entsagung besaß für Alles, was die Menschen gewöhnlich Glück nennen. Aber dem entsagen, was das geistige Leben fördert – sich ausschließen müssen von den großen Ereignissen des Lebens der Menschheit, von den Eindrücken, welche uns über uns selbst und die Kleinheit der Existenz erheben – das war für mich stets der untragbarste Schmerz und schien mir die wahre Sünde gegen den heiligen Geist. Das große Recht der Individualität an Alles, was ihr nötig ist, um Alles zu werden, was sie werden kann, stellte sich mir in bitterer Klarheit dar. Dass es erlaubt sei jede Autorität zu brechen, um dieses Recht zu erobern, war mir keinem Zweifel mehr unterworfen. Aber leider gehört zu der Erreichung dieser moralischen auch die ökonomische Unabhängigkeit. Bis dahin hatte man die Unabhängigkeit der Frau nur zugestanden, wenn sie Vermögen hatte. Aber die, welche keins hatte, was sollte sie tun? Zum ersten Mal stellte sich in meinen Gedanken die Notwendigkeit der ökonomischen Unabhängigkeit der Frau, durch ihre eignen Anstrengungen, fest. […]
Die Ideen über die Volkserziehung interessierten uns am meisten; wir besprachen sie mit Begeisterung. Die Notwendigkeit, diese Erziehung auch auf die Frauen auszudehnen, wurde mir klar. Dieser Gedanke beschäftigte mich Tag und Nacht. Wie könnte ein Volk sich selbst regenerieren und frei werden, wenn seine eine Hälfte ausgeschlossen wäre von der sorgfältigen, allseitigen Vorbereitung, welche die wahre Freiheit für ein Volk ebensowohl wie für die Individuen verlangt? Wie könnte die Frau, in deren Händen die erste Erziehung des künftigen Staatsbürgers liegt, sein Herz und seinen Geist zur Erkenntnis seiner Pflichten heranbilden, wenn sie selbst sie nicht kennt, wenn sie kein Band zwischen sich und dem Leben ihres Volkes fühlt? Wie könnte der Mann je in vollem Umfang seine Pflicht im öffentlichen Leben tun, wenn ihm daheim am häuslichen Herd nicht ein großes Frauenherz zur Seite stünde, das Theil nimmt an seinen großen Interessen und bereit ist, ihnen, wenn es sein muss, sogar das persönliche Glück zu opfern? […]
Das persönliche Eigentum, die Frucht der Arbeit abzuschaffen, schien mir ungerecht, wo nicht unmöglich. Dass aber das Eigentum mit dem Tode dessen, der es erworben, aufhöre, fand ich vernünftig. Zunächst würde das die ungeheure Macht des Kapitals beschränken und die Eltern zwingen, ihren Kindern eine solche Erziehung zu geben, dass sie durch eigne Anstrengung selbstständig werden könnten. Jedes Individuum würde zur Arbeit greifen müssen, um leben zu können, und damit würde vielen Lastern vorgebeugt werden, die aus der Faulheit in Folge angeerbter Reichtümer entspringen. Je mehr ich diese Idee in mir durchdachte, desto vernünftiger erschien sie mir. […]
Ich begriff jetzt, warum die Priester und ihresgleichen es so leicht haben, das Volk zu trösten. Sie brauchen ihm nur das Paradies hinter den Wolken zu versprechen, das es für ein Leben voll Elend entschädigen soll, wobei ihre Verantwortlichkeit nicht in Gefahr kommt. Die Demokratie aber hatte eine schwerere Aufgabe übernommen. Sie wollte dem Volke die Erde geben, ihm die Möglichkeit schaffen, ein menschenwürdiges Dasein hienieden zu führen. Es war unendlich schwerer, dies neue Evangelium zu predigen, denn hier musste man seine Versprechungen wahr machen. Doch fing das Volk an zu hoffen und zu begreifen, dass ein Tag kommen könne, wo der alte Fluch, den es allein geerbt hatte, gehoben werden könne. […]
Der schönste der Frankfurter Verhandlungen war die über den öffentlichen Unterricht. Was Fichte und andere Patrioten einst verlangt hatten, war erfüllt, ja übertroffen. Ich vergoss Freudentränen, als ich diese Verhandlungen las. Ein Volk von vierzig Millionen Seelen hatte nicht nur durch die Grundrechte die Garantie Alles dessen, was zu einer menschlichen Existenz gehört, erlangt, durch die Annahme der Beschlüsse über den öffentlichen Unterricht erhielt es auch die Garantie eines geistigen Lebens durch das Mittel der Erziehung. Wissenschaften und Künste sollten nicht mehr von den begünstigten Klassen monopolisiert werden; ihr tröstendes Licht sollte in die Hütte des Armen, wie in den Palast des Reichen dringen. Der Unterricht war obligatorisch. Bis zu einem gewissen Alter durften die Kinder nicht zu einer andern Arbeit als der der Schule verwendet werden, damit sie später, wenn auch die Arbeitszeit vernünftig beschränkt sei, am häuslichen Herd die Freude des geistigen Lebens, die ihnen der Unterricht eröffnet hatte, finden könnten – diesen neuen Gast, der überall sich im Kreise der Familien niederlassen und den Stall des Lasttiers in eine Wohnung menschlicher Wesen verwandeln sollte. […]
Die Meinigen, trotzdem sie edel und gut waren, waren fast grausam gegen mich, nur weil ich andere Ansichten hatte, als die ihren, und mit Menschen umging, die ihnen, ihrer Grundsätze wegen, nicht sympathisch waren. Es war die Tyrannei der Familie, die sich in diesem Fall noch auf den bedauernswerten Grundsatz stützte, dass die Frau nicht für sich selbst denken, sondern auf dem Platz, den ihr das Schicksal angewiesen hat, bleiben soll, einerlei ob ihre Individualität dabei untergeht oder nicht. […]
Man wollte mir zeigen, wie weit man mich vom rechten Wege abgewichen fände. Aber weit davon entfernt, auf jenen Weg zurückzukommen, beschäftigte ich mich im Gegenteil immer mehr mit den Gedanken an die Emancipation der Frau, Emancipation von den Vorurteilen, die sie bisher gefesselt hielten, zur ungehemmten Entwicklung ihrer Fähigkeiten und zur freien Ausübung der Vernunft, wie sie dem Manne seit lange gestattet sind. Trotzdem ich in so engen Verhältnissen lebte, so hörte ich doch von mehr als einer weiblichen Individualität, die vom regenerierenden Hauch, der die Welt durchweht hatte, erwacht war und sich von der dreifachen Tyrannei des Dogmas, der Convention und der Familie befreien wollte, um nach ihren Überzeugungen und durch ihre eignen Anstrengungen zu leben. Die deutsche Frau fing an, noch eine andere Bestimmung in sich zu fühlen, als die, bloß eine gute Hausfrau zu sein – ein Titel, den man ihr stets, nicht ohne Beimischung von Geringschätzung, beigelegt hatte, da es heißen sollte, dass sie außerdem nichts sei. Ich fing an, mit „der Kleinen“ Pläne zu machen. Ich wollte, mittelst brieflichen Verkehrs, mich mit den Frauen oder Mädchen, die mit uns gleiche Sympathien hatten, in Verbindung setzen, sie auffordern, andere Gleichgesinnte in ihren Kreisen aufzusuchen und diese zu gleichem Tun zu vermögen. So wollten wir Deutschland wie mit einem Netz einer großen Frauenverbindung überziehen, in der auch die Schwächeren, Zaghaften durch die Gemeinsamkeit Muth fassen sollten. Die bessere Erziehung der Frauen, die Erwerbung verschiedenartiger Kenntnisse zu Erlangung ökonomischer Unabhängigkeit, ein weiteres Feld edler Bestrebungen – das sollte die erste Aufgabe sein, um die Frauen zunächst fähiger zu machen, die Erziehung der Jugend im patriotischen und humanen Sinn in die Hand zu nehmen, und sich an dem großen Werk der nationalen Erziehung, welches so viele große Männer gepredigt hatten, zu beteiligen. Noch sah ich meinen Weg nicht klar, wusste noch nicht wie ich verwirklichen sollte, was sich in meinen Gedanken bewegte, aber ich fühlte, dass das Ziel meines Lebens hinfort sein werde, an der Emancipation der Frau von den engen Grenzen, welche die Gesellschaft ihrer Entwicklung gesteckt hat, und von den Kleinlichkeiten und der Unwissenheit, welche die Folge davon waren, arbeiten zu helfen.
Um zehn Uhr Abends begleiteten mich der Demokrat und der brave Tischler, von dem ich früher gesprochen und den man gleich das Vorgefallene hatte wissen lassen, an Bord des Schiffes, wo ich schlafen wollte, da es bei Tagesanbruch abging. Die Beiden blieben bei mir auf dem Deck bis Mitternacht. Über uns schimmerten unzählige Sterne, aber auf der Erde herrschte tiefe Finsternis, wie in dem Geschick des Volkes und des Vaterlands, welches wir liebten. Wir standen da zusammen: der Eine, ein Mann des Gedankens, und der Andere, ein Mann des Volks, Beide tapfere und unerschütterliche Kämpfer, auf der gefangenen Erde zurückbleibend, um ihr Loos zu teilen – und ich, eine schwache Frau, hinausziehend in das Exil, einem ungewissen Schicksal entgegen, einzig aufrecht erhalten von der Kraft, welche reine Überzeugungen und das Bewusstsein, ihnen treu gewesen zu sein, geben. Endlich schlug es Mitternacht und sie mussten das Schiff verlassen. Wir reichten uns die Hände. „Wir werden uns nur wiedersehn, wenn das Vaterland frei ist, sonst sterb´ ich fern von ihm“, sagte ich ihnen. Sie antworteten nicht, sie waren zu bewegt. Aber ich wusste, dass ich in ihrem Herzen leben würde.
Dann dachte ich der Sünden der Erziehung, welche die Menschen – wenigstens die Frauen – fernhält von den großen, befreienden Einflüssen, vom Umgang mit den elementaren Gewalten, mit allem Ursprünglichen, und dadurch das Ursprüngliche in den Menschen selbst vernichtet. Sich den großen Eindrücken mit reiner Liebe hingeben, das macht den Menschen stark und gut. In einsamen Sternennächten mit den Gestirnen Umgang pflegen, kühn in die schwersten Labyrinthe des Gedankens eintreten, den Körper härten im Kampf mit Sturm und Wellen, dem Tod furchtlos in´s Angesicht sehen und ihn verstehend feiern – all das heißt den gewöhnlichen Erziehern Überspannung, Torheit, Tollkühnheit. Aber z. B. auf Bällen im Rasen unschöner, ja unmoralischer Tänze mit gehaltlosen Schwätzern in leichter Kleidung sein Leben gefährden, das heißt rechtmäßige jugendliche Freude. Die Autorität, die solche Vorschriften gibt, heißt die Stimme der Vernunft. Die kleinen Seelen, denen es graut vor Nacht, Sturm und Wellen, die aber im Salon in der künstlichen Atmosphäre des modernen Lebens ihre Kinder lehren, elegante Memmen zu sein wie sie selbst, das sind die weiblichen Wesen par excellence, die wahren Frauen!
Bei solchen Gedanken erfasste mich wieder die alte Leidenschaft des Kampfes. Ich wünschte mir noch Leben, Kraft und Gelegenheit, um Heldenfrauen bilden zu können, die fähig wären, ein Geschlecht aufzuziehen, in dem einst alle sittliche Feigheit, aus der jede andere, die politische und sociale Feigheit, verschwände. Oder sollte der wahre, sittliche Muth ewig nur das Geheimnis einzelner Naturen bleiben? so fragte dann zweifelnd mein Herz. „Nein“, sprach die Hoffnung, „es ist möglich ihn durch die Erziehung in den weitesten Kreisen zu verbreiten und den größeren Teil der Menschheit zur sittlichen Freiheit zu erziehen, die das stärkste Gesetz ist, indem sie die Notwendigkeit einer sittlichen Weltordnung anerkennt, sie schafft und sich ihr aus Überzeugung unterwirft. Dazu aber ist vor allen Dingen nötig, die von keiner Afterbildung, von keiner falschen Convenienz verkrüppelte Originalität der Naturen zu erhalten, die sich selbst das Wesen der Welt aufdeckt und selbst zu genießen weiß. Käme die Erziehung erst dahin, dass wahre Bildung auch zugleich wahrer, ursprünglicher Mensch hieße, so wäre damit mehr getan als mit allen Beglückungstheorien.“
Die Familie darf sich allerdings jene Autorität nicht anmaßen, welche das Individuum in seiner freien, naturgemäßen Entwicklung hemmt, so wenig wie der Staat dies darf. Beide, Staat wie Familie, sollen im Gegenteil das Individuum darin schützen und fördern, sich seiner allereigensten Natur gemäß zu entwickeln. In der Familie im engern, im Staat im weitern Maßstabe sollen dem Individuum die Mittel gereicht werden, zu schöner und freier Bildung zu gelangen. Nie aber dürfen Familie oder Staat der freien Selbstbestimmung des Individuums hindernd oder zwingend in den Weg treten. Ist eine Familie religiös und will sie den unmündigen Kindern eine religiöse Erziehung geben, so ist sie frei, dies zu tun. Aber das selbstständig gewordene Individuum zwingen wollen, bei den anerzogenen Ansichten zu verbleiben, oder es im Widersetzungsfall zu verfolgen, ist Tyrannei. Ebenso kann der Staat Religionsunterricht in seinen Schulen verordnen, aber seine Beamten zwingen in die Kirche zu gehen, ist Despotismus u. s. w. – Eindrücke und Beispiele sollten die Hauptmittel sein, mit denen Familie und Staat auf die Erziehung der Individuen wie der Völker wirken. Den jugendlichen Menschen umgeben mit schönen Eindrücken, ihm vorleuchten mit edlen, erhabenen Beispielen und im Übrigen die Natur ihren Gang mit innerer Notwendigkeit gehen lassen, ohne sie zu stören: das wäre Weisheit.
Zu einem Schluss führten mich jedoch diese Gedanken, nämlich dass wir, die wir alle Idole und falschen Götzen zertrümmert hatten, uns freiwillig einen neuen Götzen geschaffen hatten: das Volk nämlich. Das Volk war der Refrain der demokratischen Phrase geworden, als wenn es ein Wesen höherer Art, eine bisher verkannte Gottheit sei, als wenn von ihm der Inhalt der neuen Weltlehre ausgehn und eine verklärtere Moral an die Stelle der alten gesetzt werden würde. Was die Massen, das sogenannte Volk, in ihrem bisherigen Zustand waren, das hatten wir in den Jahren acht und vierzig und neun und vierzig gesehen. Ein Werkzeug in den Händen geschickter Führer. Was sie mit der Freiheit anzufangen wussten ohne dafür erzogen zu sein, das bewiesen die Plebiscite in Frankreich. Dass in diesen unwissenden brutalen Massen auch schöne menschliche Empfindungen, erhabne Tugenden, rührende Entsagung und Selbstverleugnung vorkommen, dass Talente aller Art dort im Keime vorhanden sein können, wer hätte es leugnen wollen? Worauf kam es also an? Nicht darauf, die rohe Masse, als solche, zur Herrschaft zu erheben, wie die Demokratie es ihr schmeichelnd versprach, sondern die Wege zu öffnen, die Rechte festzustellen, die Institutionen zu gestalten, dass Arbeit und Verdienst für Alle da seien und dass in die dumpfe Öde der Lasttierexistenz der beglückende Strahl wahrer Bildung dringen könne. Dieses tut aber nicht nur nach Unten, sondern auch nach Oben hin Not, um alle Stände zu vereinen zu einem Volk, das sich in freudiger Anerkennung um seine Genien und Heroen schaare und in ihrem segenspendenden Lichte beglückt lebe; wie es denn ja, nachdem Genius selbst, das Größte ist, den Genius zu erkennen und zu lieben.
Die Frau in der Gesellschaft:
Es versteht sich von selbst, dass der inneren Umwälzung des Wesens und der Verhältnisse der Frauen auch die Veränderungen in ihrer bürgerlichen Stellung entsprechen müssen. Die Frau muss vor dem Gesetz vollständig gleich berechtigt sein mit dem Mann; sie muss die unabhängige Verwalterin ihres Vermögens, sie muss als Zeugin vor Gericht gültig sein, kurz, sie muss aller jener Rechte genießen, deren der Mann vor dem Gesetz genießt. Wie sollte der Staat die, welche ihm seine Bürger schenkt, von welcher daher im eigentlichsten Sinne sein Dasein abhängt, nicht dem Manne gleich achten und ehren? Dass dies noch nicht geschieht, ist ein schlimmes Zeugnis davon, wie roh und unvollkommen unsere ganze bürgerliche und staatliche Existenz ist, in welcher noch nicht einmal die Mutter als Staatsbürgerin im vollsten Sinn, d. h. also auch als im Besitz aller bürgerlichen Rechte betrachtet wird. Weiterlesen
Einer meiner sozialistischen Freunde von früher ging sogar, zu einer Zeit, als diese Ansichten unter den Männern noch sehr verpönt waren, so weit, zu behaupten: die Mütter müssten geradezu als Funktionärinnen des Staates angesehen werden, und der Staat habe die Verpflichtung, für sie auf das Ausreichendste zu sorgen, sobald die Verhältnisse ihnen ein hinreichendes Auskommen versagten. Man könne von denen, welche dem Staate Bürger geliefert, nicht noch andere Leistung, z. B. für den Unterhalt der Familie zu sorgen, verlangen. In jedem Falle aber muss eine vernünftig organisierte Gesellschaft jene schmachvollen Gesetze aufheben, welche noch heut zu Tage bestehen: dass der Mann absoluter Herr ist über die Frau wie über eine Sklavin, dass er sie mit Hilfe des Gesetzes zwingen kann, zu ihrer „ehelichen Pflicht“ zurückzukehren, von der sie vielleicht aus tief empörtem, weiblichem Gefühl geschieden ist, dass er Herr ihres ganzen Vermögens ist (wenn nicht ein besonderer Ehekontrakt sie schützt), ja ihr sogar das nach der Trennung von ihr erworbene Geld nehmen kann (wie in England), dass sie bis zum spätesten Alter eines Vormundes bedarf, welcher ihr Vermögen verwaltet und ohne dessen Einwilligung sie über nichts verfügen kann (wie teilweise in der Schweiz), dass sie nicht als Zeugin zugelassen wird, als ob sie weder eines Urteils, noch einer wahrhaftigen Aussage fähig wäre, gleich Blödsinnigen und Unmündigen, wie es im Gesetz heißt; dass es ein ihr verschlossenes Gebiet ist, an den administrativen Angelegenheiten ihres Vaterlandes tätigen Anteil zu nehmen, gerade als ob die Gesetze, von denen ihre eigne und ihrer Kinder Existenz abhängt, sie nicht auf das Tiefste angingen, als ob sie nicht selbst auf das Beste zu sagen wüsste, was den Frauen not tut, was ihnen gut und nützlich ist, was ihr Dasein zu einem wahrhaft edlen erheben kann; endlich dass sie ausgeschlossen ist von den Quellen der Bildung, welche dem Manne zu Gebote stehen, und dass man es für unweiblich hält, Mädchen auf den Bänken der Universitäten sitzen und nach derselben wissenschaftlichen Bildung streben zu sehen, welche den jungen Männern dort geboten wird, während man ihnen das Lesen verderblicher Romane, das Sehen seichter, frivoler, ja unmoralischer Theaterstücke unbedenklich gestattet.
Das Verzeichnis von den Rechten zivilisierter Menschen, welche den Frauen noch untersagt oder versagt sind, wäre noch lang, aber, zum Glück, ist ja das Bewusstsein der Frauen erwacht und sie haben kräftig angefangen, den Kampf für ihre Rechte zu kämpfen; eine neue Art von Amazonen, welche nicht mit den Männern auf dem Schlachtfeld um den traurigen Preis des blutbefleckten Lorbeers ringen, sondern, jenen ebenbürtig, Mitarbeiterinnen am Kulturbau der Menschheit sein wollen.
Von dem möglichen Einfluss der Frauen auf die Politik:
Wenn die Frauen auch politisch emanzipiert würden, d. h. wenn sie, wie es sich gehört, gleiche politische Rechte mit dem Manne hätten, wie viel gute Folgen würde das haben! […]
Wie sollte nun nicht im Kulturleben der Menschheit die Aufgabe auch gleich geteilt werden, und wie sollten nicht mit der Aufgabe auch die Rechte der Frauen zur völligen Gleichstellung mit denen des Mannes kommen müssen? Es ist das eben nur noch eine Frage der Zeit; kommen wird es.
Aber die politischen Rechte? Schon oft ist mir von Seiten der Männer gesagt worden: „Gott, wünschen Sie es doch den Frauen nicht; es ist ja alles so brutal in der Politik, dass es wahrlich keine Freude ist, damit zu tun zu haben, und wenn z. B. zu dem Unsinn, der ohnehin schon in unsern Parlamenten geschwätzt wird, auch noch das Geschwätz von Frauen käme, da wäre es ja gar nicht auszuhalten.“ Weiterlesen
Ach, das ist es gerade! Also haben der bisher von den Männern organisierte Staat und die Politik, welche ausschließlich in ihren Händen war, nicht so goldne Früchte getragen, es ist da alles den Anforderungen wahrer Kultur nicht so entsprechend gewesen, dass wir sagen könnten: dabei bleibe es ora e sempre. Nein, gewiss wenn wir unser staatliches und soziales Leben untersuchen, so erschrecken wir über die Rohheit, die Barbarei, in der wir noch nach allen Seiten hin stecken. […]
Nun, warum sollte es nicht der Probe wert sein, in diese Welt der noch so rohen männlichen Leidenschaften und Gesichtspunkte ein milderndes, versöhnendes Element einzuführen durch die Beteiligung der Frauen? Es hat wohl öfter schon eine Beteiligung der Frauen an der Politik stattgefunden, aber, wie alle Beteiligung von Sklaven, durch unedle Mittel, durch Intrigue und List. Das ist nicht das Rechte. Es versteht sich von selbst, dass auch hier wieder die bessere Erziehung, die vollständigere Bildung der Frau vorangehen muss. Warum sollte es aber außerhalb des Gesichtskreises einer wahrhaft gebildeten Frau liegen, sich mit den öffentlichen Angelegenheiten ihres Vaterlandes und mit den administrativen Einzelheiten des staatlichen Lebens zu beschäftigen? Wenn die Politik mehr und mehr aus den Kabinetten der Fürsten, von den grünen Tischen der Minister und Diplomaten heraustritt in die Öffentlichkeit und, wie sie es sein soll, die Angelegenheit der Völker selbst wird, deren Beauftragte jene nur sind – warum sollten die Frauen sich nicht tätig dafür interessieren, da es ihr Leben und das ihrer Teuersten ebensogut angeht wie das der Männer? Warum sollten sie nicht zunächst mit wählen dürfen, wenn es gilt, die besten Vertreter für die Interessen eines Kreises, einer Provinz, des Staates zu finden? Ihr Urteil über die geistige Befähigung der Männer ist oft ein viel feineres und treffenderes, als das der Männer untereinander. Dazu würden die Frauen einer Menge von Bestechungen, welche jetzt auf die Wähler ausgeübt werden, nicht zugänglich sein, z. B. durch Getränke, durch Geld, Versprechen von Beförderung usw. Man wird einwenden, dass sie dafür den Schmeicheleien, den Bewerbungen, den Liebesversicherungen der Männer desto zugänglicher sein würden. Das wird öfter der Fall sein, aber immer weniger, je gebildeter die Frauen werden, je mehr sie sich selbst achten lernen, und dann – kommen denn etwa bei den Männern keine Missbräuche vor? Wir haben es schon früher gesagt: es kommt nur darauf an, wo die größere Menge ist. […]
Kann denn bei brutaler Handhabung der wichtigsten öffentlichen Fragen die Vernunft und die wirkliche Einsicht das Herrschende sein? Schwerlich. Warum also die humanisierenden Elemente ausschließen? Zudem ist es ja einfache Gerechtigkeit; die Frau ist so gut Staatsbürger wie der Mann. Es muss ihr ebenso viel daran gelegen sein, den würdigsten Vertreter der öffentlichen Interessen, von denen auch das Wohl des einzelnen abhängt, zu finden.
Ferner aber, warum sollten nicht auch Frauen tätigen Teil nehmen am administrativen Leben des Staates, an der Volksvertretung?
Die Gegner stoßen einen Schrei der Entrüstung aus: „Hat denn die Hausfrau, die Mutter nichts besseres zu tun, als in Akten zu wühlen und in Parlamenten unnütze Reden mit anzuhören, oder gar selbst welche zu halten?“ Ja, allerdings; so lange die Hausfrau, die Mutter ihren Pflichten als solche im ausgedehntesten Sinne obliegt, wird sie schwerlich Zeit für jene Beschäftigungen haben. Aber zunächst sind ja nicht alle weiblichen Wesen Hausfrauen und Mütter. Wie viele gibt es, die von Natur mit großen organisatorischen und administrativen Talenten versehen sind und vielmehr an die Spitze großer Gemeinwesen passen, als an die Spitze des Familienlebens; wie viele, welche aus dem einen oder anderen Grunde unverheiratet bleiben und sich nach einer gemeinnützigen Tätigkeit sehnen, weil sie die Fähigkeit dafür in sich fühlen; wie viele endlich, welche ihre Aufgabe als Mütter vollendet, die erwachsenen Kinder in die Welt entlassen haben und noch jung und kräftig genug sind, um auf andere Weise in der Welt zu nützen. Warum sollten diese nicht ebenso gut an der Landesverwaltung teil nehmen wie die Männer? […]
Vor allem wäre zu hoffen, dass der Weltfriede dabei gewinnen würde. Schon ans Egoismus der Liebe würden die Frauen gegen den Krieg eifern, der ihnen die Gatten, die Brüder, die Söhne hinrafft. Aber auch aus anderen Motiven würde die wahrhaft gebildete, edle Frau etwas Höheres anerkennen als das Prinzip der Nationalitäten, welches doch eigentlich nur eine Phrase ist, hinter welcher sich der Völker- oder der Regierungs-Egoismus verbirgt. Sie würde es aufs Stärkste fühlen, dass jenseits jener Grenzen, welche die Nationen scheiden, ebensogut Brüder wohnen wie diesseits, dass es durchaus nicht darauf ankommt in den Völkern die Leidenschaften zu nähren, welche die Menschen sich als Feinde gegenüber stellt, sobald ein Bergzug, ein Strom, oder eine Eroberungslinie sie scheidet; sie würde im Gegenteil betonen, dass es darauf ankommt, den Völkern begreiflich zu machen, wie ihre Interessen solidarisch sind, wie es für aller Wohlfahrt besser ist, sich über die Grenze hinüber freundlich die Hand zu reichen, als das finstere Misstrauen wach zu halten, welches den Menschen vom Menschen scheidet. […]
Nun, für jenes so lange unerfüllt gebliebene Prinzip, dünkt mich, sollten die Frauen einstehen. Ihnen, wenn sie einmal einen legalen Einfluss auf die Politik haben, sollte es obliegen, Versöhnung zu predigen, den edlen Wettkampf der Völker in allen Werken des Friedens, und der Kultur, aber nicht den Kampf, welcher auf blutigen Schlachtfeldern entschieden wird. Für die höchsten Kulturfragen sollten sie eine edle Majorität bilden helfen, sollten gegen Zwangsgesetze protestieren, welche nur ungerechte Schutzmittel des Staates gegen die von ihm selbst verschuldeten Übel sind, sollten vor allem darauf dringen, dass idealisierende Bildungsanstalten geschaffen würden, die dem Volke offen ständen.
Stimmungsbilder, Berlin/Leipzig 1905, Ediert von Alex Hachtman und Taylor Profita, Brigham Young University.
Memoiren einer Idealistin, Band 1, Stuttgart 1876 (anonym).
Memoiren einer Idealistin, Band 2, Stuttgart 1876 (anonym).
Memoiren einer Idealistin, Band 3, Stuttgart 1876 (anonym).
Hering, Sabine: Malwida von Meysenbug. Welch ein Leben! – Welch ein Werk?, in: Jahrbuch der Malwida von Meysenbug-Gesellschaft 1994, Kassel 1994, S. 127‒131.
Wenzel, Cornelia (2024): Malwida von Meysenbug, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv, https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/malwida-von-meysenbug.
Wilde-Stockmeyer, Marlis/Röver, Alfred (Hrsg.): Malwida von Meysenbug – Den eigenen Weg gehen, Kassel 2019.
MALWIDA VON MEYSENBURG

Abb.: Lippische Landesbibliothek
Malwida von Meysenbug wurde am 28. Oktober 1816 als Tochter eines Ministers am Kurfürstlichen Hof in Kassel geboren. Da ihr Vater mit der reaktionären Politik des hessischen Kurfürsten Wilhelm II. identifiziert wurde, musste die Familie im Zuge der Unruhen nach der französischen Julirevolution 1831 flüchten. Trotz dieser negativen Erfahrung sympathisierte Malwida von Meysenbug später mit den Ideen der Revolution, denen sie durch ihre Bekanntschaft mit dem Theologiestudenten und politischen Schriftsteller Theodor Althaus näherkam. Ihre demokratischen Überzeugungen orientierten sich am Leitbild eines demokratischen, freiheitlichen, pazifistischen, international ausgerichteten und emanzipierten Nationalstaats mit gesellschaftspolitischen Veränderungen.
Nach dem Scheitern der Revolution studierte Malwida von Meysenbug an der “Hochschule für das weibliche Geschlecht” in Hamburg, bevor sie ab 1852 ins Exil ging. Hier hielt sie Kontakt mit bedeutenden Persönlichkeiten wie Johanna und Gottfried Kinkel, dem russischen Revolutionär Alexander Herzen oder dem italienischen Freiheitskämpfer Giuseppe Mazzini. Ihren Lebensunterhalt verdiente die sprachbegabte von Meysenbug mit Übersetzungen und als Schriftstellerin. 1869 veröffentlichte sie die „Memoiren einer Idealistin“. Das Werk wurde ein Beststeller und brachte ihr kurz vor ihrem Tod sogar die Nominierung für den Literaturnobelpreis ein. Am 26. April 1903 starb Malwida von Meysenbug in Rom.
Malwida von Meysenbug wird am 28. Oktober 1816 mit dem Namen Amalie Malwida Wilhelmina Tamina Rivalier als Tochter eines Ministers am Kurfürstlichen Hof in Kassel geboren. Sie erhält eine gutbürgerliche Bildung mit Schwerpunkt auf dem Erlernen verschiedener Sprachen.
Erhebung des Vaters, Carl Philipp Rivalier, in den Adelsstand. Auch Malwida trägt von da an den Namen von Meysenburg.
Die Familie muss im Zuge der politischen Unruhen nach der französischen Julirevolution fliehen. Die Mutter zieht nach dem Tod des Vaters mit Malwida und einer ihrer Schwestern nach Detmold. Dort erlangt Malwida Zugang zu oppositionellen politischen Kreisen.
Malwida von Meysenbug beobachtet im März 1848 gemeinsam mit einer Freundin, versteckt hinter einem Vorhang, heimlich das Frankfurter Vorparlament, zu dem keine Frauen zugelassen waren.
Meysenbug besucht von 1850 bis 1852 die neugegründete “Hochschule für das weibliche Geschlecht” in Hamburg.
Nachdem ihr Haus aufgrund ihrer Kontakte zu führenden Demokraten durchsucht wurde und Malwida von Meysenbug eine Verhaftung befürchten muss, emigriert sie nach England.
Malwida von Meysenbug publiziert (anonym) die „Mémoires d´une idéaliste“ in Genf.
Anonyme Publikation der „Memoiren einer Idealistin“ in Deutschland.
Malwida von Meysenbug wird als erste Frau für den Literaturnobelpreis nominiert.
Am 26. April 1903 stirbt Malwida von Meysenbug in Rom.
Ich saß eines Tages auf einer der weißen Klippen, welche eine natürliche Festung um das stolze Albion bilden. Die Wellen des Oceans brachen sich zu meinen Füßen gegen die Felsen dieses Landes der Freiheit und des Exils – für mich sowohl wie für so viele Andere. Ich dachte an mein Vaterland drüben, jenseits der Wogen, an den bittern und schmerzlichen Kampf, durch welchen ich hindurch gegangen war, weil ich mein Leben meinen Überzeugungen gemäß hatte gestalten wollen. Ich dachte auch an den Tag, an welchem die Emancipation der Frau eine vollendete Tatsache sein wird; an welchem sie ohne Widerspruch dasselbe Recht zur Entfaltung aller Fähigkeiten durch Unterricht und Studium haben wird wie der Mann; an welchem sie gleich sein wird mit ihm vor dem Gesetz, und befreit von dem Joch der Unwissenheit, des Aberglaubens, der Frivolität und der Mode.
Da kam mir der Gedanke, die Erinnerungen meines Lebens aufzuschreiben; ein bescheidnes Gemälde einer jener Existenzen unbekannter Pfadfinder, welche den Weg noch in den Schatten der Nacht suchen, wenn eine neue Idee sich Bahn brechen will in der Geschichte, und die, wenn sie nicht als Narren oder Verbrecher behandelt werden, für Idealisten gelten, welche Unmögliches verlangen. Ich beschloss, diese Erinnerungen den glücklicheren Schwestern zu weihen, die, wenn der Tag gekommen sein wird, sich in der freien Luft eines anerkannten Rechts werden entwickeln können. Vielleicht können sie diejenigen, welche noch zweifeln oder zögern, ermutigen, oder wenigstens den andern ihr Glück noch fühlbarer machen.
Dieser Tag scheint mir jetzt zu kommen. Die Idee der Emancipation der Frau erwacht von allen Seiten mit solcher Gewalt, dass sie nichts hinfort mehr wird unterdrücken können. Sie hat unter den Männern großmütige Verteidiger gefunden – viele ausgezeichnete Frauen arbeiten an ihrer Verwirklichung. Diese sind es vorzüglich, welchen ich die nachstehenden Blätter als Zeichen meiner lebhaftesten Sympathie widme.
Bald am Ende meiner Laufbahn angelangt, sehe ich auf diese persönlichen Erlebnisse schon wie von einem andern Planeten herab, aber ich möchte sie noch im Dienste des gemeinsamen Zieles verwenden. Mein Name ist dabei überflüssig, wenn ich nur die Hoffnung mit in das Grab nehme, dass die Frauen aufhören wird, ein Götzenbild, eine Puppe oder eine Sclavin zu sein, und dass sie, als ein bewusstes und freies Wesen, im Verein mit dem Manne an der Vervollkommnung des Lebens in der Familie, der Gesellschaft, dem Staat, in Wissenschaften und Künsten – kurz, an der Verwirklichung des Ideals im Leben der Menschheit arbeiten wird.
Das Land war in großer Aufregung. Die Nachrichten über die Julirevolution waren kurz zuvor aus Frankreich gekommen. Ein elektrischer Strom durchzuckte Europa. Alle Elemente der Unzufriedenheit, die seit lange in den Völkern gärten, wollten an das Licht. Ich hörte zum ersten Mal das Wort: Revolution. […]
Der Fürst und seine Familie zeigten sich den Volksmassen, welche den großen Platz vor dem Schloss bedeckten, auf dem Balkon. Enthusiastische Freudenbezeugungen empfingen sie und steigerten sich bis zum ausgelassenen Jubel, als der Fürst ein zweites Mal auf dem Balkon erschien, umgeben von den Abgesandten des Volkes, unter denen sich die fanatischesten Liberalen befanden, und versprach, was das Volk durch ihren Mund verlangt hatte: eine Constitution.
Mein Vater begab sich nun mit Eifer an die Ausarbeitung derselben. Er entwarf sie auf so breiter und freier Grundlage, wie nur möglich. Aber er war tief gekränkt durch die ungerechten Angriffe, deren Gegenstand er fortwährend trotz seiner reinen Absichten und seines unermüdlichen Eifers war. […] Weiterlesen
Eines Tages wurde die Stadt alarmiert durch die Nachricht, dass die verhasste Maitresse heimlich auf dem Lustschloss angekommen sei, dass man die Flucht des Fürsten vorbereite, dass man die Arbeit an der Constitution suspendieren wolle, dass man einen Staatsstreich beabsichtige, und was der Gerüchte mehr waren. Das war der Funken, der in die Pulvermine fiel. Im Nu waren die Straßen von tobenden Massen erfüllt, die sich dann, unter der Leitung ihrer Führer, zu einem ungeheuren Zuge ordneten und mit Geschrei und Drohungen der Sommerresidenz zuzogen. […]
Nach einigen Stunden angstvoller Erwartung hörten wir ein Geräusch dem fernen Rauschen des Oceans ähnlich. Bald sahen wir eine dichte, schwarze Masse in der Ferne erscheinen, die sich langsam heranbewegte und die Straße ihrer ganzen Breite nach ausfüllte. Ein Mann von ungewöhnlicher Größe ging voraus und schwang einen dicken Stock in der Hand. Dies war ein Bäcker, welcher das Haupt der Bewegung geworden war. Plötzlich hielt er vor unserem Hause still und mit ihm die ganze Masse, die ihm folgte. Er erhob seinen Stock gegen unsere Fenster und stieß furchtbare Verwünschungen aus. In demselben Augenblick erhoben sich Tausende von Händen und Stöcken und Tausende von Stimmen schrien und brüllten. Kaum dass wir Zeit hatten, uns von den Fenstern zurückzuziehen, so flogen schon große Pflastersteine gegen die Fenster des ersten Stocks und einige erreichten sogar den zweiten Stock, welchen wir bewohnten. Zu gleicher Zeit erfolgten heftige Schläge gegen die Haustür. Mein junger Bruder hatte die Geistesgegenwart gehabt, beim Herannahen der Volkshaufen die Türe zu schließen und die inneren Riegel vorzuschieben. Die wütende Menge wollte die Türe mit Gewalt öffnen, und Gott weiß, welches unser Schicksal gewesen wäre, wenn nicht zu rechter Zeit Hülfe gekommen wäre. Zwei junge Offiziere zu Fuß brachen sich Bahn durch die Menge. Es waren der Erbprinz und sein Adjutant. Sie stellten sich vor unsere Türe und der Prinz richtete einige Worte an die Aufrührer, befahl ihnen auseinander zu gehen und sich zu beruhigen, und versprach, dass ihre gerechten Wünsche gehört und befriedigt werden sollten. Dieser Beweis von Mut machte einen großen Eindruck. Zu gleicher Zeit sah man langsam eine Abtheilung Cavallerie, den gezognen Säbel in der Hand, die Straße herabziehen. Die Massen fingen an sich zu zerstreuen, indem sie immer noch Verwünschungen und Drohungen ausstießen. […]
So endete die lichterfüllte Zeit der ersten Kindheit unter den Donnerschlägen, welche einen großen Teil Europas erschütterten. Die glückliche Sorglosigkeit des ersten kindlichen Alters war vorbei. Ich hatte zum ersten Mal eine große tragische Wirklichkeit sich vor mir auftun sehen, und ich hatte leidenschaftlich Partei genommen in einem Konflikt, der allgemeiner Natur war. Natürlich war es für jetzt noch mein Herz, welches mein Urteil leitete; es verstand sich, dass die, welche ich liebte, Recht haben mussten. Aber mein Blick fing an einen weiteren Horizont zu umfassen. Ich fing an Zeitungen zu lesen und den politischen Ereignissen mit großem Interesse zu folgen. Zwar spielte ich noch mit meinen Puppen, doch fühlte ich mich auf der Schwelle eines neuen Lebens. Ich hatte eine zweite Taufe empfangen durch die Hand der Revolution.
Zum ersten Mal stieg bei meiner Schwester und mir der Gedanke auf, dass Eine von uns gehen und selbst ihr Brot erwerben müsse. Einige der Brüder waren wohl in guten Stellungen, aber es fiel uns nicht ein, von ihnen abhängig werden zu wollen. Wir besprachen schon diesen Punkt, und eine Jede von uns war bereit zu dem Opfer. Ich war fest entschlossen nicht nachzugeben und, wenn es sein müsste, meinen Erbanteil ganz der Mutter zu überlassen und zu gehn. Ich fing ohnehin an zu fühlen, dass ich nicht lange mehr mit denen würde leben können, welche meine heiligsten Überzeugungen für falsch hielten. Aber zu gleicher Zeit stand ich betroffen vor der Frage: „Was tun, um mir mein Brot selbst zu erwerben?“ Weiterlesen
Ich hatte viel gedacht, mehr als die Mehrzahl der Mädchen in meinem Alter; ich hatte viel gelesen. Aber wusste ich eine Sache so gründlich, um darauf meine Unabhängigkeit zu stützen? Hatte ich eine Fachkenntnis irgend einer Art? Ich fühlte das Ungenügende meiner Erziehung mit tiefer Pein. Seit ich die Malerei hatte aufgeben müssen, hatte ich angefangen zu hoffen, dass ich eines Tages etwas würde schreiben können. Ich hatte einige schüchterne Versuche gemacht, kleine Novellen und Aufsätze an Verleger zu schicken, ohne irgend Jemand davon zu sprechen. Mehreres wurde gedruckt, aber nicht bezahlt. Ich wusste nicht, wie man dabei verfahren müsse, ich wagte nicht, bei meinen Familienmitgliedern um Rath zu fragen wegen Sachen, die ihnen missfielen, und so sah ich keine Hoffnung in dieser Richtung.
Während so der Horizont meines Lebens düster und verschleiert war, fing derjenige der Völker an sich aufzuhellen. Die Zeitungen brachten die Nachricht von Bewegungen in Sicilien und Neapel. Der harte und verdummende Despotismus, der auf jenen schönen Ländern lastete, schien plötzlich still zu stehen, und ein neues Leben schien bereit aufzublühen. […]
Eines Tages, als ich von einem einsamen Spaziergang heimkam, fand ich Alles im Hause in größter Aufregung. Die Nachrichten von der Pariser Revolution am 24. Februar waren angekommen! Mein Herz klopfte vor Freude. Die Monarchie gestürzt, die Republik erklärt, ein provisorisches Gouvernement, das einen berühmten Dichter und einen einfachen Arbeiter zu Mitgliedern zählte – es schien ein himmlischer Traum, und war doch Wirklichkeit. Nur wenig Blut war für so hohen Preis vergossen worden, und die großen Losungsworte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! standen wieder auf der Fahne der Bewegung.
Welche Todesqual, mein Glück nicht zeigen zu dürfen, meine Erregung in mein Herz verschließen zu müssen, es zu sehen, dass man um mich her da, wo ich nur Hoffnungen sah, großes Unglück erwartete! Welcher Schmerz, an Blicken und Bemerkungen zu begreifen, dass die Freude, die ich unwillkürlich zeigte, mir als ein schwerer Fehler angerechnet wurde!
Ich schwieg, so viel ich konnte, und gab meinen Gefühlen nur in Briefen an Th… und „die Kleine“ Ausdruck.
Der elektrische Strom verbreitete sich bald in allen Richtungen. Deutschland, welches so fest eingeschlafen schien, erbebte wie von einem unterirdischen Feuer. Die Nachrichten von Wien und Berlin folgten sich rasch. Der Fürst der politischen Finsternis, Metternich, war entflohn! Die Grundlagen des Despotismus schienen überall zu wanken. Die Stütze des Absolutismus, die Militärmacht, schien unvermögend vor der Begeisterung der Völker, die für ihre Rechte aufstanden. Die drei glorreichen Märztage in Berlin bewiesen es. Ein jeder Tag fast wurde durch ein neues, wichtiges Ereignis bezeichnet. Aber wie verschieden war die Auffassung dieser Ereignisse je nach den verschiedenen Anschauungen! Eines Tages z.B. fand ich beim Eintreten in das Wohnzimmer meine Mutter mit der Zeitung in der Hand, und sie rief mir entgegen: „Nun wirst du zufrieden sein: der König von Preußen ist mit der schwarz-roth-goldnen Fahne in der Hand durch die Straßen von Berlin geritten. Was kannst du mehr wünschen?“
Ich erwiderte, dass mir das gar keine Freude mache, und ich war auch eher traurig über diese Maskerade; denn nur der Druck des Augenblicks hatte sie gewaltsam hervorgebracht; sie konnte nicht der Ausdruck der Gesinnung eines Monarchen sein, der, wie allbekannt war, den romantischen Traum der Wiederherstellung feudaler Zustände geträumt hatte. Was ich ersehnte, das waren nicht Gnadengeschenke und königliche Zugeständnisse an das Volk, das war vielmehr das ernste selfgovernment des Volkes selbst, vor dem die Fürsten sich beugen oder verschwinden mussten.
Die Nachricht, dass ein deutsches Vorparlament sich in Frankfurt versammeln werde, erfüllte mich mit namenloser Freude. Die Stadt war in einer grenzenlosen Aufregung. In der Versammlung der freien Gemeinde, die ich schon während des ganzen Winters statt der protestantischen Kirche besucht hatte, stieg der Redner nicht auf die Kanzel, um irgend einer Betrachtung regelrecht zu folgen, sondern sprach am Altar feurige Worte der Begeisterung, indem er die Gemeinde aufforderte, bereit zu sein, einen freudigen Kampf zu kämpfen um die heiligsten Rechte der Menschheit. Draußen hörte man Waffengeklirr, denn die Bürger eilten in das nahe Zeughaus, um sich zu bewaffnen. Mir war todesfreudig zu Mute. Ich hätte gewünscht, dass der Feind draußen vor dem Thor der kleinen Kirche gestanden hätte, und dass wir Alle hinausgezogen wären, Luther´s Choral singend, um für die Freiheit zu kämpfen oder zu sterben. – Das Volk kam aus seinen Höhlen hervor mit dem neugierigen Blick und dem naiven Erstaunen eines Menschen, den man lange Zeit im Dunkeln gehalten, und der den Tag wiedersieht. Ich mischte mich unter die Volkshaufen, welche fortwährend die Straßen füllten. Ich teilte ihre Freude, als man die dreifarbige Fahne auf dem Palais in der Eschenheimer Gasse aufpflanzte, wo der deutsche Bund so lange nicht zum Heile, sondern zum Unheile Deutschlands, getagt hatte. […]
Ich zweifelte nicht, ich sah nur „unverhofft ein ewig Glück auf goldnen Strahlen glänzend niedersteigen.“ Meine persönlichen Kämpfe traten in den Hintergrund vor dem Glück des Vaterlands. Niemals hatte ich Deutschland so heiß geliebt. Noch vor einigen Wochen hatte ich gewünscht, in dem sich erhebenden Italien zu sein. Jetzt hätte ich um keinen Preis von Deutschland weg gemocht; ich fühlte mich mit allmächtigen Liebesbanden daran geknüpft und war überzeugt, dass nirgends die Entwicklung so vollständig und so schön sein würde. […]
Die Notwendigkeit, Frankfurt zu verlassen, war mir wie ein Todesurteil. In einigen Wochen sollte diese Stadt das Centrum der nationalen Entwicklung werden, alle großen Entscheidungen sollten da genommen werden, die besten deutschen Männer sollten sich da versammeln – und ich sollte in einen kleinen Winkel zurückkehren, den der große Lebensstrom nicht einmal berühren würde. Ich fühlte einen grenzenlosen, vernichtenden Schmerz. Ich wusste, dass ich eine große Kraft der Entsagung besaß für Alles, was die Menschen gewöhnlich Glück nennen. Aber dem entsagen, was das geistige Leben fördert – sich ausschließen müssen von den großen Ereignissen des Lebens der Menschheit, von den Eindrücken, welche uns über uns selbst und die Kleinheit der Existenz erheben – das war für mich stets der untragbarste Schmerz und schien mir die wahre Sünde gegen den heiligen Geist. Das große Recht der Individualität an Alles, was ihr nötig ist, um Alles zu werden, was sie werden kann, stellte sich mir in bitterer Klarheit dar. Dass es erlaubt sei jede Autorität zu brechen, um dieses Recht zu erobern, war mir keinem Zweifel mehr unterworfen. Aber leider gehört zu der Erreichung dieser moralischen auch die ökonomische Unabhängigkeit. Bis dahin hatte man die Unabhängigkeit der Frau nur zugestanden, wenn sie Vermögen hatte. Aber die, welche keins hatte, was sollte sie tun? Zum ersten Mal stellte sich in meinen Gedanken die Notwendigkeit der ökonomischen Unabhängigkeit der Frau, durch ihre eignen Anstrengungen, fest. […]
Die Ideen über die Volkserziehung interessierten uns am meisten; wir besprachen sie mit Begeisterung. Die Notwendigkeit, diese Erziehung auch auf die Frauen auszudehnen, wurde mir klar. Dieser Gedanke beschäftigte mich Tag und Nacht. Wie könnte ein Volk sich selbst regenerieren und frei werden, wenn seine eine Hälfte ausgeschlossen wäre von der sorgfältigen, allseitigen Vorbereitung, welche die wahre Freiheit für ein Volk ebensowohl wie für die Individuen verlangt? Wie könnte die Frau, in deren Händen die erste Erziehung des künftigen Staatsbürgers liegt, sein Herz und seinen Geist zur Erkenntnis seiner Pflichten heranbilden, wenn sie selbst sie nicht kennt, wenn sie kein Band zwischen sich und dem Leben ihres Volkes fühlt? Wie könnte der Mann je in vollem Umfang seine Pflicht im öffentlichen Leben tun, wenn ihm daheim am häuslichen Herd nicht ein großes Frauenherz zur Seite stünde, das Theil nimmt an seinen großen Interessen und bereit ist, ihnen, wenn es sein muss, sogar das persönliche Glück zu opfern? […]
Das persönliche Eigentum, die Frucht der Arbeit abzuschaffen, schien mir ungerecht, wo nicht unmöglich. Dass aber das Eigentum mit dem Tode dessen, der es erworben, aufhöre, fand ich vernünftig. Zunächst würde das die ungeheure Macht des Kapitals beschränken und die Eltern zwingen, ihren Kindern eine solche Erziehung zu geben, dass sie durch eigne Anstrengung selbstständig werden könnten. Jedes Individuum würde zur Arbeit greifen müssen, um leben zu können, und damit würde vielen Lastern vorgebeugt werden, die aus der Faulheit in Folge angeerbter Reichtümer entspringen. Je mehr ich diese Idee in mir durchdachte, desto vernünftiger erschien sie mir. […]
Ich begriff jetzt, warum die Priester und ihresgleichen es so leicht haben, das Volk zu trösten. Sie brauchen ihm nur das Paradies hinter den Wolken zu versprechen, das es für ein Leben voll Elend entschädigen soll, wobei ihre Verantwortlichkeit nicht in Gefahr kommt. Die Demokratie aber hatte eine schwerere Aufgabe übernommen. Sie wollte dem Volke die Erde geben, ihm die Möglichkeit schaffen, ein menschenwürdiges Dasein hienieden zu führen. Es war unendlich schwerer, dies neue Evangelium zu predigen, denn hier musste man seine Versprechungen wahr machen. Doch fing das Volk an zu hoffen und zu begreifen, dass ein Tag kommen könne, wo der alte Fluch, den es allein geerbt hatte, gehoben werden könne. […]
Der schönste der Frankfurter Verhandlungen war die über den öffentlichen Unterricht. Was Fichte und andere Patrioten einst verlangt hatten, war erfüllt, ja übertroffen. Ich vergoss Freudentränen, als ich diese Verhandlungen las. Ein Volk von vierzig Millionen Seelen hatte nicht nur durch die Grundrechte die Garantie Alles dessen, was zu einer menschlichen Existenz gehört, erlangt, durch die Annahme der Beschlüsse über den öffentlichen Unterricht erhielt es auch die Garantie eines geistigen Lebens durch das Mittel der Erziehung. Wissenschaften und Künste sollten nicht mehr von den begünstigten Klassen monopolisiert werden; ihr tröstendes Licht sollte in die Hütte des Armen, wie in den Palast des Reichen dringen. Der Unterricht war obligatorisch. Bis zu einem gewissen Alter durften die Kinder nicht zu einer andern Arbeit als der der Schule verwendet werden, damit sie später, wenn auch die Arbeitszeit vernünftig beschränkt sei, am häuslichen Herd die Freude des geistigen Lebens, die ihnen der Unterricht eröffnet hatte, finden könnten – diesen neuen Gast, der überall sich im Kreise der Familien niederlassen und den Stall des Lasttiers in eine Wohnung menschlicher Wesen verwandeln sollte. […]
Die Meinigen, trotzdem sie edel und gut waren, waren fast grausam gegen mich, nur weil ich andere Ansichten hatte, als die ihren, und mit Menschen umging, die ihnen, ihrer Grundsätze wegen, nicht sympathisch waren. Es war die Tyrannei der Familie, die sich in diesem Fall noch auf den bedauernswerten Grundsatz stützte, dass die Frau nicht für sich selbst denken, sondern auf dem Platz, den ihr das Schicksal angewiesen hat, bleiben soll, einerlei ob ihre Individualität dabei untergeht oder nicht. […]
Man wollte mir zeigen, wie weit man mich vom rechten Wege abgewichen fände. Aber weit davon entfernt, auf jenen Weg zurückzukommen, beschäftigte ich mich im Gegenteil immer mehr mit den Gedanken an die Emancipation der Frau, Emancipation von den Vorurteilen, die sie bisher gefesselt hielten, zur ungehemmten Entwicklung ihrer Fähigkeiten und zur freien Ausübung der Vernunft, wie sie dem Manne seit lange gestattet sind. Trotzdem ich in so engen Verhältnissen lebte, so hörte ich doch von mehr als einer weiblichen Individualität, die vom regenerierenden Hauch, der die Welt durchweht hatte, erwacht war und sich von der dreifachen Tyrannei des Dogmas, der Convention und der Familie befreien wollte, um nach ihren Überzeugungen und durch ihre eignen Anstrengungen zu leben. Die deutsche Frau fing an, noch eine andere Bestimmung in sich zu fühlen, als die, bloß eine gute Hausfrau zu sein – ein Titel, den man ihr stets, nicht ohne Beimischung von Geringschätzung, beigelegt hatte, da es heißen sollte, dass sie außerdem nichts sei. Ich fing an, mit „der Kleinen“ Pläne zu machen. Ich wollte, mittelst brieflichen Verkehrs, mich mit den Frauen oder Mädchen, die mit uns gleiche Sympathien hatten, in Verbindung setzen, sie auffordern, andere Gleichgesinnte in ihren Kreisen aufzusuchen und diese zu gleichem Tun zu vermögen. So wollten wir Deutschland wie mit einem Netz einer großen Frauenverbindung überziehen, in der auch die Schwächeren, Zaghaften durch die Gemeinsamkeit Muth fassen sollten. Die bessere Erziehung der Frauen, die Erwerbung verschiedenartiger Kenntnisse zu Erlangung ökonomischer Unabhängigkeit, ein weiteres Feld edler Bestrebungen – das sollte die erste Aufgabe sein, um die Frauen zunächst fähiger zu machen, die Erziehung der Jugend im patriotischen und humanen Sinn in die Hand zu nehmen, und sich an dem großen Werk der nationalen Erziehung, welches so viele große Männer gepredigt hatten, zu beteiligen. Noch sah ich meinen Weg nicht klar, wusste noch nicht wie ich verwirklichen sollte, was sich in meinen Gedanken bewegte, aber ich fühlte, dass das Ziel meines Lebens hinfort sein werde, an der Emancipation der Frau von den engen Grenzen, welche die Gesellschaft ihrer Entwicklung gesteckt hat, und von den Kleinlichkeiten und der Unwissenheit, welche die Folge davon waren, arbeiten zu helfen.
Um zehn Uhr Abends begleiteten mich der Demokrat und der brave Tischler, von dem ich früher gesprochen und den man gleich das Vorgefallene hatte wissen lassen, an Bord des Schiffes, wo ich schlafen wollte, da es bei Tagesanbruch abging. Die Beiden blieben bei mir auf dem Deck bis Mitternacht. Über uns schimmerten unzählige Sterne, aber auf der Erde herrschte tiefe Finsternis, wie in dem Geschick des Volkes und des Vaterlands, welches wir liebten. Wir standen da zusammen: der Eine, ein Mann des Gedankens, und der Andere, ein Mann des Volks, Beide tapfere und unerschütterliche Kämpfer, auf der gefangenen Erde zurückbleibend, um ihr Loos zu teilen – und ich, eine schwache Frau, hinausziehend in das Exil, einem ungewissen Schicksal entgegen, einzig aufrecht erhalten von der Kraft, welche reine Überzeugungen und das Bewusstsein, ihnen treu gewesen zu sein, geben. Endlich schlug es Mitternacht und sie mussten das Schiff verlassen. Wir reichten uns die Hände. „Wir werden uns nur wiedersehn, wenn das Vaterland frei ist, sonst sterb´ ich fern von ihm“, sagte ich ihnen. Sie antworteten nicht, sie waren zu bewegt. Aber ich wusste, dass ich in ihrem Herzen leben würde.
Dann dachte ich der Sünden der Erziehung, welche die Menschen – wenigstens die Frauen – fernhält von den großen, befreienden Einflüssen, vom Umgang mit den elementaren Gewalten, mit allem Ursprünglichen, und dadurch das Ursprüngliche in den Menschen selbst vernichtet. Sich den großen Eindrücken mit reiner Liebe hingeben, das macht den Menschen stark und gut. In einsamen Sternennächten mit den Gestirnen Umgang pflegen, kühn in die schwersten Labyrinthe des Gedankens eintreten, den Körper härten im Kampf mit Sturm und Wellen, dem Tod furchtlos in´s Angesicht sehen und ihn verstehend feiern – all das heißt den gewöhnlichen Erziehern Überspannung, Torheit, Tollkühnheit. Aber z. B. auf Bällen im Rasen unschöner, ja unmoralischer Tänze mit gehaltlosen Schwätzern in leichter Kleidung sein Leben gefährden, das heißt rechtmäßige jugendliche Freude. Die Autorität, die solche Vorschriften gibt, heißt die Stimme der Vernunft. Die kleinen Seelen, denen es graut vor Nacht, Sturm und Wellen, die aber im Salon in der künstlichen Atmosphäre des modernen Lebens ihre Kinder lehren, elegante Memmen zu sein wie sie selbst, das sind die weiblichen Wesen par excellence, die wahren Frauen!
Bei solchen Gedanken erfasste mich wieder die alte Leidenschaft des Kampfes. Ich wünschte mir noch Leben, Kraft und Gelegenheit, um Heldenfrauen bilden zu können, die fähig wären, ein Geschlecht aufzuziehen, in dem einst alle sittliche Feigheit, aus der jede andere, die politische und sociale Feigheit, verschwände. Oder sollte der wahre, sittliche Mut ewig nur das Geheimnis einzelner Naturen bleiben? so fragte dann zweifelnd mein Herz. „Nein“, sprach die Hoffnung, „es ist möglich ihn durch die Erziehung in den weitesten Kreisen zu verbreiten und den größeren Teil der Menschheit zur sittlichen Freiheit zu erziehen, die das stärkste Gesetz ist, indem sie die Notwendigkeit einer sittlichen Weltordnung anerkennt, sie schafft und sich ihr aus Überzeugung unterwirft. Dazu aber ist vor allen Dingen nötig, die von keiner Afterbildung, von keiner falschen Convenienz verkrüppelte Originalität der Naturen zu erhalten, die sich selbst das Wesen der Welt aufdeckt und selbst zu genießen weiß. Käme die Erziehung erst dahin, dass wahre Bildung auch zugleich wahrer, ursprünglicher Mensch hieße, so wäre damit mehr getan als mit allen Beglückungstheorien.“
Die Familie darf sich allerdings jene Autorität nicht anmaßen, welche das Individuum in seiner freien, naturgemäßen Entwicklung hemmt, so wenig wie der Staat dies darf. Beide, Staat wie Familie, sollen im Gegenteil das Individuum darin schützen und fördern, sich seiner allereigensten Natur gemäß zu entwickeln. In der Familie im engern, im Staat im weitern Maßstabe sollen dem Individuum die Mittel gereicht werden, zu schöner und freier Bildung zu gelangen. Nie aber dürfen Familie oder Staat der freien Selbstbestimmung des Individuums hindernd oder zwingend in den Weg treten. Ist eine Familie religiös und will sie den unmündigen Kindern eine religiöse Erziehung geben, so ist sie frei, dies zu tun. Aber das selbstständig gewordene Individuum zwingen wollen, bei den anerzogenen Ansichten zu verbleiben, oder es im Widersetzungsfall zu verfolgen, ist Tyrannei. Ebenso kann der Staat Religionsunterricht in seinen Schulen verordnen, aber seine Beamten zwingen in die Kirche zu gehen, ist Despotismus u. s. w. – Eindrücke und Beispiele sollten die Hauptmittel sein, mit denen Familie und Staat auf die Erziehung der Individuen wie der Völker wirken. Den jugendlichen Menschen umgeben mit schönen Eindrücken, ihm vorleuchten mit edlen, erhabenen Beispielen und im Übrigen die Natur ihren Gang mit innerer Notwendigkeit gehen lassen, ohne sie zu stören: das wäre Weisheit.
Zu einem Schluss führten mich jedoch diese Gedanken, nämlich dass wir, die wir alle Idole und falschen Götzen zertrümmert hatten, uns freiwillig einen neuen Götzen geschaffen hatten: das Volk nämlich. Das Volk war der Refrain der demokratischen Phrase geworden, als wenn es ein Wesen höherer Art, eine bisher verkannte Gottheit sei, als wenn von ihm der Inhalt der neuen Weltlehre ausgehn und eine verklärtere Moral an die Stelle der alten gesetzt werden würde. Was die Massen, das sogenannte Volk, in ihrem bisherigen Zustand waren, das hatten wir in den Jahren acht und vierzig und neun und vierzig gesehen. Ein Werkzeug in den Händen geschickter Führer. Was sie mit der Freiheit anzufangen wussten ohne dafür erzogen zu sein, das bewiesen die Plebiscite in Frankreich. Dass in diesen unwissenden brutalen Massen auch schöne menschliche Empfindungen, erhabne Tugenden, rührende Entsagung und Selbstverleugnung vorkommen, dass Talente aller Art dort im Keime vorhanden sein können, wer hätte es leugnen wollen? Worauf kam es also an? Nicht darauf, die rohe Masse, als solche, zur Herrschaft zu erheben, wie die Demokratie es ihr schmeichelnd versprach, sondern die Wege zu öffnen, die Rechte festzustellen, die Institutionen zu gestalten, dass Arbeit und Verdienst für Alle da seien und dass in die dumpfe Öde der Lasttierexistenz der beglückende Strahl wahrer Bildung dringen könne. Dieses tut aber nicht nur nach Unten, sondern auch nach Oben hin Not, um alle Stände zu vereinen zu einem Volk, das sich in freudiger Anerkennung um seine Genien und Heroen schaare und in ihrem segenspendenden Lichte beglückt lebe; wie es denn ja, nachdem Genius selbst, das Größte ist, den Genius zu erkennen und zu lieben.
Die Frau in der Gesellschaft:
Es versteht sich von selbst, dass der inneren Umwälzung des Wesens und der Verhältnisse der Frauen auch die Veränderungen in ihrer bürgerlichen Stellung entsprechen müssen. Die Frau muss vor dem Gesetz vollständig gleich berechtigt sein mit dem Mann; sie muss die unabhängige Verwalterin ihres Vermögens, sie muss als Zeugin vor Gericht gültig sein, kurz, sie muss aller jener Rechte genießen, deren der Mann vor dem Gesetz genießt. Wie sollte der Staat die, welche ihm seine Bürger schenkt, von welcher daher im eigentlichsten Sinne sein Dasein abhängt, nicht dem Manne gleich achten und ehren? Dass dies noch nicht geschieht, ist ein schlimmes Zeugnis davon, wie roh und unvollkommen unsere ganze bürgerliche und staatliche Existenz ist, in welcher noch nicht einmal die Mutter als Staatsbürgerin im vollsten Sinn, d. h. also auch als im Besitz aller bürgerlichen Rechte betrachtet wird. Weiterlesen
Einer meiner sozialistischen Freunde von früher ging sogar, zu einer Zeit, als diese Ansichten unter den Männern noch sehr verpönt waren, so weit, zu behaupten: die Mütter müssten geradezu als Funktionärinnen des Staates angesehen werden, und der Staat habe die Verpflichtung, für sie auf das Ausreichendste zu sorgen, sobald die Verhältnisse ihnen ein hinreichendes Auskommen versagten. Man könne von denen, welche dem Staate Bürger geliefert, nicht noch andere Leistung, z. B. für den Unterhalt der Familie zu sorgen, verlangen. In jedem Falle aber muss eine vernünftig organisierte Gesellschaft jene schmachvollen Gesetze aufheben, welche noch heut zu Tage bestehen: dass der Mann absoluter Herr ist über die Frau wie über eine Sklavin, dass er sie mit Hilfe des Gesetzes zwingen kann, zu ihrer „ehelichen Pflicht“ zurückzukehren, von der sie vielleicht aus tief empörtem, weiblichem Gefühl geschieden ist, dass er Herr ihres ganzen Vermögens ist (wenn nicht ein besonderer Ehekontrakt sie schützt), ja ihr sogar das nach der Trennung von ihr erworbene Geld nehmen kann (wie in England), dass sie bis zum spätesten Alter eines Vormundes bedarf, welcher ihr Vermögen verwaltet und ohne dessen Einwilligung sie über nichts verfügen kann (wie teilweise in der Schweiz), dass sie nicht als Zeugin zugelassen wird, als ob sie weder eines Urteils, noch einer wahrhaftigen Aussage fähig wäre, gleich Blödsinnigen und Unmündigen, wie es im Gesetz heißt; dass es ein ihr verschlossenes Gebiet ist, an den administrativen Angelegenheiten ihres Vaterlandes tätigen Anteil zu nehmen, gerade als ob die Gesetze, von denen ihre eigne und ihrer Kinder Existenz abhängt, sie nicht auf das Tiefste angingen, als ob sie nicht selbst auf das Beste zu sagen wüsste, was den Frauen not tut, was ihnen gut und nützlich ist, was ihr Dasein zu einem wahrhaft edlen erheben kann; endlich dass sie ausgeschlossen ist von den Quellen der Bildung, welche dem Manne zu Gebote stehen, und dass man es für unweiblich hält, Mädchen auf den Bänken der Universitäten sitzen und nach derselben wissenschaftlichen Bildung streben zu sehen, welche den jungen Männern dort geboten wird, während man ihnen das Lesen verderblicher Romane, das Sehen seichter, frivoler, ja unmoralischer Theaterstücke unbedenklich gestattet.
Das Verzeichnis von den Rechten zivilisierter Menschen, welche den Frauen noch untersagt oder versagt sind, wäre noch lang, aber, zum Glück, ist ja das Bewusstsein der Frauen erwacht und sie haben kräftig angefangen, den Kampf für ihre Rechte zu kämpfen; eine neue Art von Amazonen, welche nicht mit den Männern auf dem Schlachtfeld um den traurigen Preis des blutbefleckten Lorbeers ringen, sondern, jenen ebenbürtig, Mitarbeiterinnen am Kulturbau der Menschheit sein wollen.
Von dem möglichen Einfluss der Frauen auf die Politik:
Wenn die Frauen auch politisch emanzipiert würden, d. h. wenn sie, wie es sich gehört, gleiche politische Rechte mit dem Manne hätten, wie viel gute Folgen würde das haben! […]
Wie sollte nun nicht im Kulturleben der Menschheit die Aufgabe auch gleich geteilt werden, und wie sollten nicht mit der Aufgabe auch die Rechte der Frauen zur völligen Gleichstellung mit denen des Mannes kommen müssen? Es ist das eben nur noch eine Frage der Zeit; kommen wird es.
Aber die politischen Rechte? Schon oft ist mir von Seiten der Männer gesagt worden: „Gott, wünschen Sie es doch den Frauen nicht; es ist ja alles so brutal in der Politik, dass es wahrlich keine Freude ist, damit zu tun zu haben, und wenn z. B. zu dem Unsinn, der ohnehin schon in unsern Parlamenten geschwätzt wird, auch noch das Geschwätz von Frauen käme, da wäre es ja gar nicht auszuhalten.“ Weiterlesen
Ach, das ist es gerade! Also haben der bisher von den Männern organisierte Staat und die Politik, welche ausschließlich in ihren Händen war, nicht so goldne Früchte getragen, es ist da alles den Anforderungen wahrer Kultur nicht so entsprechend gewesen, dass wir sagen könnten: dabei bleibe es ora e sempre. Nein, gewiss wenn wir unser staatliches und soziales Leben untersuchen, so erschrecken wir über die Rohheit, die Barbarei, in der wir noch nach allen Seiten hin stecken. […]
Nun, warum sollte es nicht der Probe wert sein, in diese Welt der noch so rohen männlichen Leidenschaften und Gesichtspunkte ein milderndes, versöhnendes Element einzuführen durch die Beteiligung der Frauen? Es hat wohl öfter schon eine Beteiligung der Frauen an der Politik stattgefunden, aber, wie alle Beteiligung von Sklaven, durch unedle Mittel, durch Intrigue und List. Das ist nicht das Rechte. Es versteht sich von selbst, dass auch hier wieder die bessere Erziehung, die vollständigere Bildung der Frau vorangehen muss. Warum sollte es aber außerhalb des Gesichtskreises einer wahrhaft gebildeten Frau liegen, sich mit den öffentlichen Angelegenheiten ihres Vaterlandes und mit den administrativen Einzelheiten des staatlichen Lebens zu beschäftigen? Wenn die Politik mehr und mehr aus den Kabinetten der Fürsten, von den grünen Tischen der Minister und Diplomaten heraustritt in die Öffentlichkeit und, wie sie es sein soll, die Angelegenheit der Völker selbst wird, deren Beauftragte jene nur sind – warum sollten die Frauen sich nicht tätig dafür interessieren, da es ihr Leben und das ihrer Teuersten ebensogut angeht wie das der Männer? Warum sollten sie nicht zunächst mit wählen dürfen, wenn es gilt, die besten Vertreter für die Interessen eines Kreises, einer Provinz, des Staates zu finden? Ihr Urteil über die geistige Befähigung der Männer ist oft ein viel feineres und treffenderes, als das der Männer untereinander. Dazu würden die Frauen einer Menge von Bestechungen, welche jetzt auf die Wähler ausgeübt werden, nicht zugänglich sein, z. B. durch Getränke, durch Geld, Versprechen von Beförderung usw. Man wird einwenden, dass sie dafür den Schmeicheleien, den Bewerbungen, den Liebesversicherungen der Männer desto zugänglicher sein würden. Das wird öfter der Fall sein, aber immer weniger, je gebildeter die Frauen werden, je mehr sie sich selbst achten lernen, und dann – kommen denn etwa bei den Männern keine Missbräuche vor? Wir haben es schon früher gesagt: es kommt nur darauf an, wo die größere Menge ist. […]
Kann denn bei brutaler Handhabung der wichtigsten öffentlichen Fragen die Vernunft und die wirkliche Einsicht das Herrschende sein? Schwerlich. Warum also die humanisierenden Elemente ausschließen? Zudem ist es ja einfache Gerechtigkeit; die Frau ist so gut Staatsbürger wie der Mann. Es muss ihr ebenso viel daran gelegen sein, den würdigsten Vertreter der öffentlichen Interessen, von denen auch das Wohl des einzelnen abhängt, zu finden.
Ferner aber, warum sollten nicht auch Frauen tätigen Teil nehmen am administrativen Leben des Staates, an der Volksvertretung?
Die Gegner stoßen einen Schrei der Entrüstung aus: „Hat denn die Hausfrau, die Mutter nichts besseres zu tun, als in Akten zu wühlen und in Parlamenten unnütze Reden mit anzuhören, oder gar selbst welche zu halten?“ Ja, allerdings; so lange die Hausfrau, die Mutter ihren Pflichten als solche im ausgedehntesten Sinne obliegt, wird sie schwerlich Zeit für jene Beschäftigungen haben. Aber zunächst sind ja nicht alle weiblichen Wesen Hausfrauen und Mütter. Wie viele gibt es, die von Natur mit großen organisatorischen und administrativen Talenten versehen sind und vielmehr an die Spitze großer Gemeinwesen passen, als an die Spitze des Familienlebens; wie viele, welche aus dem einen oder anderen Grunde unverheiratet bleiben und sich nach einer gemeinnützigen Tätigkeit sehnen, weil sie die Fähigkeit dafür in sich fühlen; wie viele endlich, welche ihre Aufgabe als Mütter vollendet, die erwachsenen Kinder in die Welt entlassen haben und noch jung und kräftig genug sind, um auf andere Weise in der Welt zu nützen. Warum sollten diese nicht ebenso gut an der Landesverwaltung teil nehmen wie die Männer? […]
Vor allem wäre zu hoffen, dass der Weltfriede dabei gewinnen würde. Schon ans Egoismus der Liebe würden die Frauen gegen den Krieg eifern, der ihnen die Gatten, die Brüder, die Söhne hinrafft. Aber auch aus anderen Motiven würde die wahrhaft gebildete, edle Frau etwas Höheres anerkennen als das Prinzip der Nationalitäten, welches doch eigentlich nur eine Phrase ist, hinter welcher sich der Völker- oder der Regierungs-Egoismus verbirgt. Sie würde es aufs Stärkste fühlen, dass jenseits jener Grenzen, welche die Nationen scheiden, ebensogut Brüder wohnen wie diesseits, dass es durchaus nicht darauf ankommt in den Völkern die Leidenschaften zu nähren, welche die Menschen sich als Feinde gegenüber stellt, sobald ein Bergzug, ein Strom, oder eine Eroberungslinie sie scheidet; sie würde im Gegenteil betonen, dass es darauf ankommt, den Völkern begreiflich zu machen, wie ihre Interessen solidarisch sind, wie es für aller Wohlfahrt besser ist, sich über die Grenze hinüber freundlich die Hand zu reichen, als das finstere Misstrauen wach zu halten, welches den Menschen vom Menschen scheidet. […]
Nun, für jenes so lange unerfüllt gebliebene Prinzip, dünkt mich, sollten die Frauen einstehen. Ihnen, wenn sie einmal einen legalen Einfluss auf die Politik haben, sollte es obliegen, Versöhnung zu predigen, den edlen Wettkampf der Völker in allen Werken des Friedens, und der Kultur, aber nicht den Kampf, welcher auf blutigen Schlachtfeldern entschieden wird. Für die höchsten Kulturfragen sollten sie eine edle Majorität bilden helfen, sollten gegen Zwangsgesetze protestieren, welche nur ungerechte Schutzmittel des Staates gegen die von ihm selbst verschuldeten Übel sind, sollten vor allem darauf dringen, dass idealisierende Bildungsanstalten geschaffen würden, die dem Volke offen ständen.
Stimmungsbilder, Berlin/Leipzig 1905, Ediert von Alex Hachtman und Taylor Profita, Brigham Young University.
Memoiren einer Idealistin, Band 1, Stuttgart 1876 (anonym).
Memoiren einer Idealistin, Band 2, Stuttgart 1876 (anonym).
Memoiren einer Idealistin, Band 3, Stuttgart 1876 (anonym).
Hering, Sabine: Malwida von Meysenbug. Welch ein Leben! – Welch ein Werk?, in: Jahrbuch der Malwida von Meysenbug-Gesellschaft 1994, Kassel 1994, S. 127‒131.
Wenzel, Cornelia (2024): Malwida von Meysenbug, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv, https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/malwida-von-meysenbug.
Wilde-Stockmeyer, Marlis/Röver, Alfred (Hrsg.): Malwida von Meysenbug – Den eigenen Weg gehen, Kassel 2019.
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