
MARIE KURZ
Abb.: Deutsches Literaturarchiv Marbach
Die aus einer adeligen Familie stammende Marie Kurz (geb. Freiin von Brunnow) kämpfte in der Revolution von 1848/49 mit der Feder für ein demokratisches Deutschland. In ihren Gedichten sprach sich die Württembergerin nicht nur für die Ideale der Revolution aus, sondern rief die Deutschen auch aktiv zum Freiheitskampf auf. Symbolisch unterstrich die im Volksmund als „rote Marie“ bezeichnete Dichterin ihre Anschauungen auch mit der Niederlegung ihres Adelstitels. Nach der gescheiterten Revolution und einer Anklage wegen Majestätsbeleidigung trat Marie Kurz kaum noch politisch in Erscheinung. Um sie und ihren Mann, den Schriftsteller Hermann Kurz, bildete sich jedoch bald ein Kreis aus Alt-Achtundvierzigern, in dem die demokratischen Ideale weiterhin propagiert wurden.
Marie Kurz (geborenen Freiin von Brunnow) wird am 6. August als Tochter eines Obersts in Ulm geboren.
Umzug der Familie auf ein Landgut bei Esslingen.
Niederlegung ihres Adelstitels und revolutionäres Engagement als Lyrikerin.
Eheschließung mit dem Schriftsteller Hermann Kurz, der sich in der Revolution ebenfalls für die demokratischen Ideale eingesetzt hatte.
Aufgrund eines Gedichts aus der Revolutionszeit wird sie wegen Majestätsbeleidigung angeklagt. Der Prozess endet mit einem Freispruch.
Nach dem Tod ihres Mannes verlässt Marie Kurz Deutschland und lässt sich in Italien nieder.
Tod am 26. Juni im Alter von 84 Jahren.
Nun, da der Sturm der Revolution ausbrach wurden sie [die Philosophen] zurückgedrängt, und auch jenes Weltweh löste sich auf in jubelnde Hoffnung, dass für die Menschheit die Aura der Glückseligkeit angebrochen sei: Zuckererbsen für Jedermann. Es war ein Traum, aber ein wonnevoller Traum, und ich möchte dieses Aufjauchzen der Seele, diesen Wunsch sich im Opfertod für die ringende Menschheit herzugeben, nicht in meinen Erinnerungen missen. Wer jene Zeit nicht erlebt, der kann es auch nicht fassen. Und dass gerade die bedeutendsten, die genialsten Männer der Nation sich in den Sturm der Zeit stürzten, steigerte noch das Erhabene der Bewegung. Natürlich durchdrang der freie Geist nicht nur die politische und religiöse Seite, er wohnte in allen: Zöpfe fielen ab, oder wurden von der Schere der Zeit abgeschnitten. Schranken des Verkehrs zwischen beiden Geschlechtern stürzten ein, und die eingefleischtesten Bürokraten sagten: Jetzt ist keine Reaktion mehr möglich.
Hört rufen Ihr den Hahn? Es ist ein sicheres Zeichen,
Dass wieder will die Nacht, die Dunkle von uns weichen.
Es ist der treue Hahn, des holden Tages Bote,
Die Nacht sie weichet schnell dem hehren Morgenrote,
Und als der gallsche Hahn laut rief im Nachbarslanden,
Ist wieder jenes Volk vom Schlummer auferstanden.
[…]
Germania die so lang im Totenschlaf gelegen,
Germania hebt ihr Haupt dem jungen Tag entgegen,
Ihr Kranz der morsch u. welk die Schläfe ihr umwunden
Ist wieder aufgeblüht aufs Neue in wenig Stunden;
[…]
Du aber deutsches Volk, lass nicht die Zeit verrinnen
Und kämpfe mutig fort, was fehlt noch zu gewinnen.
Das junge Deutschland wird von Freiheitsduft umgeben
Als schönste Blume dann sich kühn zur Sonne haben.
[…]
Mein Deutschland Du so schön, so reich von allen Gaben
Der Wissenschaft und Kunst, du sollst den Platz nun haben,
Der Platz der dir geziemt inmitten anderer Staaten,
Kein Lanzer soll dir mehr an dem Entfalten schaden.
Wohl bin ich nur ein Weib, vermag Dir nichts zu geben
Als dies mein glühend Herz, mein heißes Freiheitsstreben
Zur Huldigung leg ich wie meine Lieder
Des Standes Vorurteil auf Deinen Altar nieder
Dem Heldenvolk der Magyaren Heil!
Das stolz sich um die Fahne Kossuths schart
Das an der großen Völkerschmach nicht Teil
Das mit dem Schwert sich seinen Knechten wehrt
[…]
Zu rächen gilts die blutige Leich Wien;
Du bist der freien Völker letzter Hort,
So mög aus dir, die Freiheit Saat erblühn,
So pflanz für uns auf ihrem Samen fort.
[…]
Sei du der David, der den Goliath
Den Riesen Östreich zuckend niedermäht,
Der mit dem blutigen Schwert zur Rache naht
Dass Oriflamme singend zu uns weht!
Wenn trägt das Schiff durch blaue Manneswogen?
Wem schwillt von freier Hoffnung kühn das Herz?
Wer kommt vom Land der Freiheit hergezogen?
Und segelt tatenglühend heimatwährts?
Zu spät! zu spät - die Hoffnung hat gelogen,
Der Jubel wandelt sich in Jubelschmerz,
Umflor, umflor die heiligen Trikoloren
O großer Mann, dein Deutschland ist verloren!
[…]
Doch endlich folgen Taten auch den Worten,
Du bist der Priester dann an dem Altar!
Dann ringt aus Nacht u. heiligem Märtyrerblut
Sich froh u. neu die goldne Freiheitsglut!
[…]
Gegangen in den Tod sind sie als Helden,
Als Märtyrer ihr Volk sie nun verehrt!
Herren, Ihr Heuler, kommt um uns zu melden,
Welch Märtyrthum denn eure Sach‘ verklärt?
Oh seht dass schlecht nicht sein kann eine Sache,
für die begeisterungsvoll man geht zum Tod,
O glaubt, glaubet dass ein Tag der Rache
Aufsteigen muss mit blutigem Morgenroth!
Die Weltgeschichte lässt nicht ungebrochen,
Was man zuwider ihren Zeitgeist tut;
Es steigt ein Rächer noch aus jenen Knochen
Es braust und schwillt heran die neue Flut.
Auf! auf! es gilt die Märtyrer zu rächen,
Dem Enkel nicht erst lassen diese Pflicht,
Auf! Kinkels, Möglings Ketten zu zerbrechen
Durch dunkle Nacht dann hell die Sonne bricht.
Auf steigen drei Geister aus Acherons Hein,
Beim germanischen Volk da kehrten sie ein.
„O Volk wo hast du Dein Parlament
Und wo die Freiheit für die du entbrannt?“
Mein Parlament tagt zu Frankfurt am Main,
Und die Freiheit – die liegt auf dem Todtenschrein.
Und als sie traten zur Paulskirche hinein
Da lag sie auf einem schwarz-weißen Schrein
Der erste der schlug den Deckel zurück,
Und schaute sie an mit traurigem Blick.
„Ach dass du fielst in der Fürsten Gewalt
Dir schlug ich Varus im Teut’burgerwald“
Der zweite der deckte ihn wieder zu,
Und kehrt sich ab u. weint dazu.
„Ich biss mich mit Fürsten und Pfaffen herum
Für dich o mein einzig Palladium!“
Der dritte hob ihn wieder empor,
Aus tiefer Wunde sein Blut schoss hervor.
„Dich hab ich geliebt bis zum Märtyrertod
Mein Blut webt Dir neu das Morgenrot!“
Gedichtsammlungen
(Deutsches Literaturarchiv Marbach/ 53.1576)
Die Tagebücher der Marie Kurz geb.von Brunnow
(Deutsches Literaturarchiv Marbach/ 53.1581)
Kurz, Isolde: Meine Mutter, Tübingen 1952.
Slunitschek, Matthias: Eva Maria Kurz, geb. Freiin von Brunnow (1826–1911), genannt die rote Marie. Revolutionserlebnis und Lebensentwurf einer poetischen Aktivistin, in: Akteure eines Umbruchs. Männer und Frauen der Revolution von 1848/49. Bd. 5, hrsg. von Walter Schmidt, Berlin 2016, S. 181–232.
MARIE KURZ

Abb.: Deutsches Literaturarchiv Marbach
Die aus einer adeligen Familie stammende Marie Kurz (geb. Freiin von Brunnow) kämpfte in der Revolution von 1848/49 mit der Feder für ein demokratisches Deutschland. In ihren Gedichten sprach sich die Württembergerin nicht nur für die Ideale der Revolution aus, sondern rief die Deutschen auch aktiv zum Freiheitskampf auf. Symbolisch unterstrich die im Volksmund als „rote Marie“ bezeichnete Dichterin ihre Anschauungen auch mit der Niederlegung ihres Adelstitels. Nach der gescheiterten Revolution und einer Anklage wegen Majestätsbeleidigung trat Marie Kurz kaum noch politisch in Erscheinung. Um sie und ihren Mann, den Schriftsteller Hermann Kurz, bildete sich jedoch bald ein Kreis aus Alt-Achtundvierzigern, in dem die demokratischen Ideale weiterhin propagiert wurden.
Marie Kurz (geborenen Freiin von Brunnow) wird am 6. August als Tochter eines Obersts in Ulm geboren.
Umzug der Familie auf ein Landgut bei Esslingen.
Niederlegung ihres Adelstitels und revolutionäres Engagement als Lyrikerin.
Eheschließung mit dem Schriftsteller Hermann Kurz, der sich in der Revolution ebenfalls für die demokratischen Ideale eingesetzt hatte.
Aufgrund eines Gedichts aus der Revolutionszeit wird sie wegen Majestätsbeleidigung angeklagt. Der Prozess endet mit einem Freispruch.
Nach dem Tod ihres Mannes verlässt Marie Kurz Deutschland und lässt sich in Italien nieder.
Tod am 26. Juni im Alter von 84 Jahren.
Nun, da der Sturm der Revolution ausbrach wurden sie [die Philosophen] zurückgedrängt, und auch jenes Weltweh löste sich auf in jubelnde Hoffnung, dass für die Menschheit die Aura der Glückseligkeit angebrochen sei: Zuckererbsen für Jedermann. Es war ein Traum, aber ein wonnevoller Traum, und ich möchte dieses Aufjauchzen der Seele, diesen Wunsch sich im Opfertod für die ringende Menschheit herzugeben, nicht in meinen Erinnerungen missen. Wer jene Zeit nicht erlebt, der kann es auch nicht fassen. Und dass gerade die bedeutendsten, die genialsten Männer der Nation sich in den Sturm der Zeit stürzten, steigerte noch das Erhabene der Bewegung. Natürlich durchdrang der freie Geist nicht nur die politische und religiöse Seite, er wohnte in allen: Zöpfe fielen ab, oder wurden von der Schere der Zeit abgeschnitten. Schranken des Verkehrs zwischen beiden Geschlechtern stürzten ein, und die eingefleischtesten Bürokraten sagten: Jetzt ist keine Reaktion mehr möglich.
Hört rufen Ihr den Hahn? Es ist ein sicheres Zeichen,
Dass wieder will die Nacht, die Dunkle von uns weichen.
Es ist der treue Hahn, des holden Tages Bote,
Die Nacht sie weichet schnell dem hehren Morgenrote,
Und als der gallsche Hahn laut rief im Nachbarslanden,
Ist wieder jenes Volk vom Schlummer auferstanden.
[…]
Germania die so lang im Totenschlaf gelegen,
Germania hebt ihr Haupt dem jungen Tag entgegen,
Ihr Kranz der morsch u. welk die Schläfe ihr umwunden
Ist wieder aufgeblüht aufs Neue in wenig Stunden;
[…]
Du aber deutsches Volk, lass nicht die Zeit verrinnen
Und kämpfe mutig fort, was fehlt noch zu gewinnen.
Das junge Deutschland wird von Freiheitsduft umgeben
Als schönste Blume dann sich kühn zur Sonne haben.
[…]
Mein Deutschland Du so schön, so reich von allen Gaben
Der Wissenschaft und Kunst, du sollst den Platz nun haben,
Der Platz der dir geziemt inmitten anderer Staaten,
Kein Lanzer soll dir mehr an dem Entfalten schaden.
Wohl bin ich nur ein Weib, vermag Dir nichts zu geben
Als dies mein glühend Herz, mein heißes Freiheitsstreben
Zur Huldigung leg ich wie meine Lieder
Des Standes Vorurteil auf Deinen Altar nieder
Dem Heldenvolk der Magyaren Heil!
Das stolz sich um die Fahne Kossuths schart
Das an der großen Völkerschmach nicht Teil
Das mit dem Schwert sich seinen Knechten wehrt
[…]
Zu rächen gilts die blutige Leich Wien;
Du bist der freien Völker letzter Hort,
So mög aus dir, die Freiheit Saat erblühn,
So pflanz für uns auf ihrem Samen fort.
[…]
Sei du der David, der den Goliath
Den Riesen Östreich zuckend niedermäht,
Der mit dem blutigen Schwert zur Rache naht
Dass Oriflamme singend zu uns weht!
Wenn trägt das Schiff durch blaue Manneswogen?
Wem schwillt von freier Hoffnung kühn das Herz?
Wer kommt vom Land der Freiheit hergezogen?
Und segelt tatenglühend heimatwährts?
Zu spät! zu spät - die Hoffnung hat gelogen,
Der Jubel wandelt sich in Jubelschmerz,
Umflor, umflor die heiligen Trikoloren
O großer Mann, dein Deutschland ist verloren!
[…]
Doch endlich folgen Taten auch den Worten,
Du bist der Priester dann an dem Altar!
Dann ringt aus Nacht u. heiligem Märtyrerblut
Sich froh u. neu die goldne Freiheitsglut!
[…]
Gegangen in den Tod sind sie als Helden,
Als Märtyrer ihr Volk sie nun verehrt!
Herren, Ihr Heuler, kommt um uns zu melden,
Welch Märtyrthum denn eure Sach‘ verklärt?
Oh seht dass schlecht nicht sein kann eine Sache,
für die begeisterungsvoll man geht zum Tod,
O glaubt, glaubet dass ein Tag der Rache
Aufsteigen muss mit blutigem Morgenroth!
Die Weltgeschichte lässt nicht ungebrochen,
Was man zuwider ihren Zeitgeist tut;
Es steigt ein Rächer noch aus jenen Knochen
Es braust und schwillt heran die neue Flut.
Auf! auf! es gilt die Märtyrer zu rächen,
Dem Enkel nicht erst lassen diese Pflicht,
Auf! Kinkels, Möglings Ketten zu zerbrechen
Durch dunkle Nacht dann hell die Sonne bricht.
Auf steigen drei Geister aus Acherons Hein,
Beim germanischen Volk da kehrten sie ein.
„O Volk wo hast du Dein Parlament
Und wo die Freiheit für die du entbrannt?“
Mein Parlament tagt zu Frankfurt am Main,
Und die Freiheit – die liegt auf dem Todtenschrein.
Und als sie traten zur Paulskirche hinein
Da lag sie auf einem schwarz-weißen Schrein
Der erste der schlug den Deckel zurück,
Und schaute sie an mit traurigem Blick.
„Ach dass du fielst in der Fürsten Gewalt
Dir schlug ich Varus im Teut’burgerwald“
Der zweite der deckte ihn wieder zu,
Und kehrt sich ab u. weint dazu.
„Ich biss mich mit Fürsten und Pfaffen herum
Für dich o mein einzig Palladium!“
Der dritte hob ihn wieder empor,
Aus tiefer Wunde sein Blut schoss hervor.
„Dich hab ich geliebt bis zum Märtyrertod
Mein Blut webt Dir neu das Morgenrot!“
Gedichtsammlungen
(Deutsches Literaturarchiv Marbach/ 53.1576)
Die Tagebücher der Marie Kurz geb.von Brunnow
(Deutsches Literaturarchiv Marbach/ 53.1581)
Kurz, Isolde: Meine Mutter, Tübingen 1952.
Slunitschek, Matthias: Eva Maria Kurz, geb. Freiin von Brunnow (1826–1911), genannt die rote Marie. Revolutionserlebnis und Lebensentwurf einer poetischen Aktivistin, in: Akteure eines Umbruchs. Männer und Frauen der Revolution von 1848/49. Bd. 5, hrsg. von Walter Schmidt, Berlin 2016, S. 181–232.
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