MATHILDE HITZFELD
Eine junge Frau auf den Barrikaden, eine schwarz-rot-goldene Flagge in der Hand, angelehnt an die französische Ikone auf Delacroixs berühmtem Gemälde „Die Freiheit führt das Volk an“ – so wird Mathilde Hitzfeld in der Erinnerungsbildung gerne dargestellt. Ob das der Wahrheit entspricht und ob sie sich tatsächlich aktiv an Barrikadenbau und Kämpfen beteiligt hat, ist heute nicht mehr nachzuweisen. Doch als aktive Kämpferin für Demokratie und Freiheit bleibt sie damals wie heute in Erinnerung. Als gesichert gilt, dass sie am 14. Juni 1849 von einem Kirchturm aus die anrückenden preußischen Truppen entdeckt, die Freischaren warnt und damit vielen das Leben rettet.
Texte, Reden oder Briefe von ihr sind nicht überliefert. Deshalb lernen wir sie und ihr Wirken nur in Berichten über ein „schönes Mädchen“ aus männlicher Perspektive kennen.
(Anna) Mathilde Hitzfeld wird am 31. August in Kirchheimbolanden in ein liberales, politisch und kulturell engagiertes Elternhaus geboren. Ihr Vater, der Arzt Johann Ludwig Hitzfeld, sitzt seit 1848 im Stadtrad der Gemeinde, ihre Mutter Anna Maria Weinkauf arbeitet 1849 in einem Frauenkomitee mit.
Hitzfeld ist die Festrednerin bei der Fahnenweihe der Donnersberger Freischaren am 12. Juni – laut Berichten die erste Frau, die im Ort bei einem solchen Anlass eine Rede hält. In dieser Zeit leitet sie das Frauenkomitee in Kirchheimbolanden, das die Freischärler mit Spenden unterstützt.
Hitzfeld beteiligt sich an den Kämpfen der Freischaren gegen preußische Truppen. Ihre tatsächliche Rolle bei den Kämpfen ist nicht mehr nachvollziehbar.
Hitzfeld zieht nach Heidelberg, um dort als erste Frau ein Medizinstudium zu beginnen. Aufgrund ihrer liberalen Gesinnung wird ihr das Studium nicht ermöglicht. Sie wandert in die USA aus, kehrt aber nach kurzer Zeit wieder in die Heimat zurück.
In Mainz wird Hitzfeld wegen Hochverrats angeklagt. Anklagepunkte sind ihr Aufruf zum Kampf gegen die preußischen Truppen, aber auch der Vorwurf, sie habe die Tür eines Weinkellers aufgebrochen und Fässer für den Bau von Barrikaden aus dem Keller geholt. Sie wird später durch das Amnestiegesetz freigesprochen.
Wegen des Besitzes von verbotenen Schriften wird Hitzfeld in Neustadt verhaftet, kann aber in die USA auswandern. Dort heiratet sie den ebenfalls ausgewanderten Maler Theodor Kaufmann. Das Paar, das zwei Töchter bekommt, lebt zunächst in Armut, bis Kaufmann zu einem angesehenen Historienmaler wird.
Hitzfeld verstirbt in den USA.
Kopf an Kopf stand die Menge. […] Das hohe Interesse der Bevölkerung galt nicht nur der Sache selbst, sondern ganz besonders der Person des Festredners, denn diesmal war es eine Dame und zwar Frl. Mathilde Hitzfeld, die Tochter des Bezirksarztes Dr. Hitzfeld, der Hauptmann bei der Bürgerwehr war und ganz besonders hervorragend an der großartigen Bewegung sich beteiligt hatte. Fr. Hitzfeld sollte im Namen der Kirchheimbolander Jungfrauen die von ihnen gestiftete Fahne überreichen. Festredner hatte man schon oft gehört, aber eine Rednerin, das war etwas Neues und auch in der Folgezeit sind nur wenige Kirchheimbolanderinnen den Spuren Mathilde Hitzfelds in diesem Punkte gefolgt. Jetzt rückten die Bürgerwehr mit türkischer Musik, die Festdamen, die Freischaren, die Alzeyer Turner in großer Zahl und vieles Volk auf den Marktplatz ein. Die Festdamen in weißen Kleidern mit schwarz-rot-goldenen Schärpen um die Schultern. […]
[Dann] betrat die jugendliche Rednerin die Tribüne, atemlose Stille trat ein. Aller Augen richtete sich auf die hohe schlanke Mädchengestalt im weißen Kleide, geschmückt mit schwarz-rot-goldener Schärpe und Kokarde, auf das schöne, kühn geschnittene Gesicht, in dem zwei feurige Augen glänzten, und dann begann sie ohne eine Spur von Aufregung. […] Sie sprach mit solchem Feuer, dass die Leute wie gebannt an ihrem Munde hingen. Von Minute zu Minute steigerte sich die Kraft, Kühnheit und leidenschaftliche Eindringlichkeit ihrer Rede und als sie mit einem Hoch auf das große, freie und einige deutsche Vaterland schloss, da wollten die brausenden Rufe der großen Versammlung kein Ende nehmen. Dann nahm sie die Fahne, überreichte sie in einer flammenden Ansprache dem Fahnenträger der hiesigen Freischaren Philipp Berch, einem hochgewachsenen schlanken, jungen Manne und sagte zum Schlusse: „Kehrst Du mit dieser Fahne und mit einem einigen und freien Vaterland zurück, so reiche ich Dir diese Hand!“
Wie eine Fürstin stand sie da, die Versammlung jubelte ihr zu. Der Hauptmann Heinrich Rochotte übernahm die Fahne im Namen der Freischaren, gelobte, sie stets in Ehren zu halten, für sie zu kämpfen und zu sterben und schloss mit einem Hoch auf Fr. Hitzfeld und die Festdamen, in das die große Versammlung donnernd einstimmte.
Kirchheimbolanden, 16. Mai 1849. Wunderbar rasch organisiert sich der aus so vielfachen Bestandteilen zusammengesetzte bewaffnete und unbewaffnete Zuzug der Rheinhessen. Bereits sind sechs Compagnien, eine Arbeiter-Compagnie, eine Pionier-Companie und eine Artillerie Mannschaft vollständig organisiert, einexerziert, bewaffnet und jeden Augenblick kampfgerüstet. Unter den sechs Compangnien zeichnen sich aus:
1) Die Tirailleurs mit Doppelflinten und Hirschfänger, alles geübte Schützen, die bei den Exercitien zeigen, wie das, was man aus Eifer und mit Liebe tut, in Tagen gelernt wird, wozu der Söldling Jahre braucht, 2. Die aus den erprobtesten und zuverlässigsten Mitgliedern des Mainzer Arbeitervereins gebildeten, zwei vollständige bewaffneten Compagnien, Mut und Entschlossenheit zeichnet sie aus, 3) die Büchsenschützen und 4) die aus den Mainzer Turnern gebildeten Musketiere, beide durch gute Haltung, Gewandtheit und Eifer rühmlich. Rührend ist es, wenn der Civilchef Zitz den Compagnien den Eid in folgender Form abnimmt:
„Wir schwören als deutsche Männer, auf unsere Ehre und unser Gewissen, Gehorsam dem Oberbefehl und unseren Führern, Treue der Fahne, - zu kämpfen mit unbeugsamem Mute für die Freiheit und das Vaterland; uns den Kriegsgesetzten und der Disziplin zu unterwerfen und mit Gut und Blut einzustehen für die Einheit und Verfassung Deutschlands, auch im, wie außer dem Dienste stets die Gesetze der Ehre und des Anstandes mit Würde und Männlichkeit zu erfüllen.“
Ich ging mit einem meiner Kameraden fort, und als wir an das […] Haus kamen […], fielen die Kugeln so dicht auf die Dächer, dass wir schnell unter das Tor traten. Als wir wieder herauskamen, marschierten die erste Kompanie Preußens die Amtsstraße herunter, um über das Trippeltreppchen und das rote Türchen den Freischaren im Schlossgarten in den Rücken zu gelangen. „Oh weh, die armen Freischaren“, dachten wir und eilten den Ölberg (heutige Mozartstraße) hinunter an das Haus von Reich. Dort hielt gerade ein Ulanenoffizier und hatte einen gefangenen und verwunderten Freischärler gefesselt an sein Pferd gebunden. Der Freischärler, dem ein großer Fetzen von der rechten Kopfseite herunterhing, wurde von dem Rasierer Siegel verbunden.
Da kam Mathilde Hitzfeld, ein schönes und mutiges Mädchen, herbeigeeilt und bat den Offizier: „Geben Sie mir doch den Mann in Pflege. Mein Vater ist der Bezirksarzt Dr. Hitzfeld; er wird sich des Verwundeten annehmen. Sie werden ihn doch sicher nicht weiter mitschleppen wollen.“ Offenbar gefiel dem Offizier das schöne Mädchen; er konnte ja nicht wissen, dass sie eine sehr aktive Teilnehmerin an der revolutionären Bewegung war. Nach kurzem Zaudern sagte er: „Gut, mein Fräulein, nehmen Sie ihn mit. Der Racker hat zwar keine Gnade verdient, denn er hat auf mich geschossen; aber Ihnen zuliebe will ich ihn laufen lassen.“ Mathilde Hitzfeld brachte den Verwundeten in das Haus ihres Vaters, von wo aus er später über die Grenzen entkommen konnte.
Vor einigen Tagen wurde hier die in der bayerischen Pfalz wohlbekannte Freischärlerin Demoiselle Hitzfeld verhaftet. Man soll bei ihr eine ansehnliche Zahl verbotener Schriften gefunden haben. Diese Weibsperson hatte an dem Aufruhr in der Pfalz […] lebhaften Anteiles genommen, war später nach Amerika ausgewandert, aber bald wieder in ihre Heimat zurückgekehrt, um das „geknechtete“ Deutschland zu „befreien“ zu helfen.
Aus New York wird berichtet: Frau Mathilde Kaufmann, die Witwe des verstorbenen Historienmalers Theodor Kaufmann, ist unlängst hier im 80. Jahre ihres Lebens nach kurzer Krankheit verschieden. Mit ihr ist eine markante Persönlichkeit aus Deutschlands tollster Zeit dahingegangen, eine der wenigen Frauen, die damals aktiv in den Kampf der Völker gegen ihre Regierungen eingriffen. Als Tochter des kunstsinnigen Arztes Dr. D. Hitzfeld 1826 in Kirchheimbolanden (Rheinlandpfalz) geboren, genoss Mathilde eine ausgezeichnete Erziehung und sog mit Begeisterung die freiheitlichen Ideen ein, die zu den Ereignissen des Jahres 1848 den Anstoß gaben. Als sich die Armee der Freischärler vor dem Prinzen von Preußen aus der Pfalz ins Badische zurückzog, nahm Fräulein Hitzfeld teil an dem Barrikadenkampfe in Kirchheimbolanden und versuchte mit einer kleinen Schar verwegener Freiheitshelden vergeblich dem Vordringen der Preußen Einhalt zu gebieten. Sie wurde später des Hochverrats bezichtigt, aber freigesprochen. Nach der Revolution wollte das schöne Mädchen in Heidelberg Medizin studieren, doch wurde ihr der Aufenthalt in der Neckarstadt derart verleidet, dass sie nach Amerika auswanderte; hier heiratete sie den Maler und politischen Flüchtling Kaufmann. Viele Jahre lebte sie in Washington, wo sie häufig in diplomatischen Kreisen verkehrte. Bis zu ihrem Tode blieb sie eine Anhängerin jener Ideen, für die einst ihr Mädchenherz geglüht und noch vor wenigen Jahren gab sie ihre Überzeugung ungeschminkten Ausdruck. Auch versäumte sie nicht, alljährlich am Denkmal der 17 hingerichteten Freischärler in ihrer Vaterstadt Kränze und Blumen niederlegen zu lassen.
Keine Angabe.
Hummel-Haasis, Gerlinde (Hrsg.): „Schwestern, zerreißt eure Ketten.“ Zeugnisse zur Geschichte der Frauen in der Revolution von 1848/49, München 1982, S. 131f + 134.
Keim, Anton Maria: Kathinka Zitz-Halein und Mathilde Hitzfeld. Frauen zwischen Revolution und Reaktion, in: Lebendiges Rheinland-Pfalz 23, 1986, Heft 2, S. 44-50.
Kremb, Klaus / Dall, Sören: Ausgebremste Zeitenwende 1848/49. Begleitbuch zur Freischaren-Stadt-Tour Kirchheimbolanden (Schriftenreihe der Stadt Kirchheimbolanden, Beiheft 2), Kirchheimbolanden 2024.
Lucae, Konrad: Kirchheimbolanden und der pfälzisch-badische Aufstand 1848-49, Kirchheimbolanden 1979.
Panzer, Marita A. / Plößl, Elisabeth (Hg.): Bayerns Töchter. Frauenporträts aus fünf Jahrhunderten, München 2005, S. 204-208.
Zehender, Anne-Kathrin: Frauen im Vormärz und in der Revolution 1848/49, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte, Band 141/142, 2005/2006, S. 687-700.
Zink, Albert: Freiheitskämpferin Mathilde Hitzfeld. Eine Frau auf den Barrikaden der Kirchheimbolander Freischärler von 1849, in: Pfälzische Heimatblätter, Nr. 5, 1957, S. 89-90.
MATHILDE HITZFELD
Eine junge Frau auf den Barrikaden, eine schwarz-rot-goldene Flagge in der Hand, angelehnt an die französische Ikone auf Delacroixs berühmtem Gemälde „Die Freiheit führt das Volk an“ – so wird Mathilde Hitzfeld in der Erinnerungsbildung gerne dargestellt. Ob das der Wahrheit entspricht und ob sie sich tatsächlich aktiv an Barrikadenbau und Kämpfen beteiligt hat, ist heute nicht mehr nachzuweisen. Doch als aktive Kämpferin für Demokratie und Freiheit bleibt sie damals wie heute in Erinnerung. Als gesichert gilt, dass sie am 14. Juni 1849 von einem Kirchturm aus die anrückenden preußischen Truppen entdeckt, die Freischaren warnt und damit vielen das Leben rettet.
Texte, Reden oder Briefe von ihr sind nicht überliefert. Deshalb lernen wir sie und ihr Wirken nur in Berichten über ein „schönes Mädchen“ aus männlicher Perspektive kennen.
(Anna) Mathilde Hitzfeld wird am 31. August in Kirchheimbolanden in ein liberales, politisch und kulturell engagiertes Elternhaus geboren. Ihr Vater, der Arzt Johann Ludwig Hitzfeld, sitzt seit 1848 im Stadtrad der Gemeinde, ihre Mutter Anna Maria Weinkauf arbeitet 1849 in einem Frauenkomitee mit.
Hitzfeld ist die Festrednerin bei der Fahnenweihe der Donnersberger Freischaren am 12. Juni – laut Berichten die erste Frau, die im Ort bei einem solchen Anlass eine Rede hält. In dieser Zeit leitet sie das Frauenkomitee in Kirchheimbolanden, das die Freischärler mit Spenden unterstützt.
Hitzfeld beteiligt sich an den Kämpfen der Freischaren gegen preußische Truppen. Ihre tatsächliche Rolle bei den Kämpfen ist nicht mehr nachvollziehbar.
Hitzfeld zieht nach Heidelberg, um dort als erste Frau ein Medizinstudium zu beginnen. Aufgrund ihrer liberalen Gesinnung wird ihr das Studium nicht ermöglicht. Sie wandert in die USA aus, kehrt aber nach kurzer Zeit wieder in die Heimat zurück.
In Mainz wird Hitzfeld wegen Hochverrats angeklagt. Anklagepunkte sind ihr Aufruf zum Kampf gegen die preußischen Truppen, aber auch der Vorwurf, sie habe die Tür eines Weinkellers aufgebrochen und Fässer für den Bau von Barrikaden aus dem Keller geholt. Sie wird später durch das Amnestiegesetz freigesprochen.
Wegen des Besitzes von verbotenen Schriften wird Hitzfeld in Neustadt verhaftet, kann aber in die USA auswandern. Dort heiratet sie den ebenfalls ausgewanderten Maler Theodor Kaufmann. Das Paar, das zwei Töchter bekommt, lebt zunächst in Armut, bis Kaufmann zu einem angesehenen Historienmaler wird.
Hitzfeld verstirbt in den USA.
Kopf an Kopf stand die Menge. […] Das hohe Interesse der Bevölkerung galt nicht nur der Sache selbst, sondern ganz besonders der Person des Festredners, denn diesmal war es eine Dame und zwar Frl. Mathilde Hitzfeld, die Tochter des Bezirksarztes Dr. Hitzfeld, der Hauptmann bei der Bürgerwehr war und ganz besonders hervorragend an der großartigen Bewegung sich beteiligt hatte. Fr. Hitzfeld sollte im Namen der Kirchheimbolander Jungfrauen die von ihnen gestiftete Fahne überreichen. Festredner hatte man schon oft gehört, aber eine Rednerin, das war etwas Neues und auch in der Folgezeit sind nur wenige Kirchheimbolanderinnen den Spuren Mathilde Hitzfelds in diesem Punkte gefolgt. Jetzt rückten die Bürgerwehr mit türkischer Musik, die Festdamen, die Freischaren, die Alzeyer Turner in großer Zahl und vieles Volk auf den Marktplatz ein. Die Festdamen in weißen Kleidern mit schwarz-rot-goldenen Schärpen um die Schultern. […]
[Dann] betrat die jugendliche Rednerin die Tribüne, atemlose Stille trat ein. Aller Augen richtete sich auf die hohe schlanke Mädchengestalt im weißen Kleide, geschmückt mit schwarz-rot-goldener Schärpe und Kokarde, auf das schöne, kühn geschnittene Gesicht, in dem zwei feurige Augen glänzten, und dann begann sie ohne eine Spur von Aufregung. […] Sie sprach mit solchem Feuer, dass die Leute wie gebannt an ihrem Munde hingen. Von Minute zu Minute steigerte sich die Kraft, Kühnheit und leidenschaftliche Eindringlichkeit ihrer Rede und als sie mit einem Hoch auf das große, freie und einige deutsche Vaterland schloss, da wollten die brausenden Rufe der großen Versammlung kein Ende nehmen. Dann nahm sie die Fahne, überreichte sie in einer flammenden Ansprache dem Fahnenträger der hiesigen Freischaren Philipp Berch, einem hochgewachsenen schlanken, jungen Manne und sagte zum Schlusse: „Kehrst Du mit dieser Fahne und mit einem einigen und freien Vaterland zurück, so reiche ich Dir diese Hand!“
Wie eine Fürstin stand sie da, die Versammlung jubelte ihr zu. Der Hauptmann Heinrich Rochotte übernahm die Fahne im Namen der Freischaren, gelobte, sie stets in Ehren zu halten, für sie zu kämpfen und zu sterben und schloss mit einem Hoch auf Fr. Hitzfeld und die Festdamen, in das die große Versammlung donnernd einstimmte.
Kirchheimbolanden, 16. Mai 1849. Wunderbar rasch organisiert sich der aus so vielfachen Bestandteilen zusammengesetzte bewaffnete und unbewaffnete Zuzug der Rheinhessen. Bereits sind sechs Compagnien, eine Arbeiter-Compagnie, eine Pionier-Companie und eine Artillerie Mannschaft vollständig organisiert, einexerziert, bewaffnet und jeden Augenblick kampfgerüstet. Unter den sechs Compangnien zeichnen sich aus:
1) Die Tirailleurs mit Doppelflinten und Hirschfänger, alles geübte Schützen, die bei den Exercitien zeigen, wie das, was man aus Eifer und mit Liebe tut, in Tagen gelernt wird, wozu der Söldling Jahre braucht, 2. Die aus den erprobtesten und zuverlässigsten Mitgliedern des Mainzer Arbeitervereins gebildeten, zwei vollständige bewaffneten Compagnien, Mut und Entschlossenheit zeichnet sie aus, 3) die Büchsenschützen und 4) die aus den Mainzer Turnern gebildeten Musketiere, beide durch gute Haltung, Gewandtheit und Eifer rühmlich. Rührend ist es, wenn der Civilchef Zitz den Compagnien den Eid in folgender Form abnimmt:
„Wir schwören als deutsche Männer, auf unsere Ehre und unser Gewissen, Gehorsam dem Oberbefehl und unseren Führern, Treue der Fahne, - zu kämpfen mit unbeugsamem Mute für die Freiheit und das Vaterland; uns den Kriegsgesetzten und der Disziplin zu unterwerfen und mit Gut und Blut einzustehen für die Einheit und Verfassung Deutschlands, auch im, wie außer dem Dienste stets die Gesetze der Ehre und des Anstandes mit Würde und Männlichkeit zu erfüllen.“
Ich ging mit einem meiner Kameraden fort, und als wir an das […] Haus kamen […], fielen die Kugeln so dicht auf die Dächer, dass wir schnell unter das Tor traten. Als wir wieder herauskamen, marschierten die erste Kompanie Preußens die Amtsstraße herunter, um über das Trippeltreppchen und das rote Türchen den Freischaren im Schlossgarten in den Rücken zu gelangen. „Oh weh, die armen Freischaren“, dachten wir und eilten den Ölberg (heutige Mozartstraße) hinunter an das Haus von Reich. Dort hielt gerade ein Ulanenoffizier und hatte einen gefangenen und verwunderten Freischärler gefesselt an sein Pferd gebunden. Der Freischärler, dem ein großer Fetzen von der rechten Kopfseite herunterhing, wurde von dem Rasierer Siegel verbunden.
Da kam Mathilde Hitzfeld, ein schönes und mutiges Mädchen, herbeigeeilt und bat den Offizier: „Geben Sie mir doch den Mann in Pflege. Mein Vater ist der Bezirksarzt Dr. Hitzfeld; er wird sich des Verwundeten annehmen. Sie werden ihn doch sicher nicht weiter mitschleppen wollen.“ Offenbar gefiel dem Offizier das schöne Mädchen; er konnte ja nicht wissen, dass sie eine sehr aktive Teilnehmerin an der revolutionären Bewegung war. Nach kurzem Zaudern sagte er: „Gut, mein Fräulein, nehmen Sie ihn mit. Der Racker hat zwar keine Gnade verdient, denn er hat auf mich geschossen; aber Ihnen zuliebe will ich ihn laufen lassen.“ Mathilde Hitzfeld brachte den Verwundeten in das Haus ihres Vaters, von wo aus er später über die Grenzen entkommen konnte.
Vor einigen Tagen wurde hier die in der bayerischen Pfalz wohlbekannte Freischärlerin Demoiselle Hitzfeld verhaftet. Man soll bei ihr eine ansehnliche Zahl verbotener Schriften gefunden haben. Diese Weibsperson hatte an dem Aufruhr in der Pfalz […] lebhaften Anteiles genommen, war später nach Amerika ausgewandert, aber bald wieder in ihre Heimat zurückgekehrt, um das „geknechtete“ Deutschland zu „befreien“ zu helfen.
Aus New York wird berichtet: Frau Mathilde Kaufmann, die Witwe des verstorbenen Historienmalers Theodor Kaufmann, ist unlängst hier im 80. Jahre ihres Lebens nach kurzer Krankheit verschieden. Mit ihr ist eine markante Persönlichkeit aus Deutschlands tollster Zeit dahingegangen, eine der wenigen Frauen, die damals aktiv in den Kampf der Völker gegen ihre Regierungen eingriffen. Als Tochter des kunstsinnigen Arztes Dr. D. Hitzfeld 1826 in Kirchheimbolanden (Rheinlandpfalz) geboren, genoss Mathilde eine ausgezeichnete Erziehung und sog mit Begeisterung die freiheitlichen Ideen ein, die zu den Ereignissen des Jahres 1848 den Anstoß gaben. Als sich die Armee der Freischärler vor dem Prinzen von Preußen aus der Pfalz ins Badische zurückzog, nahm Fräulein Hitzfeld teil an dem Barrikadenkampfe in Kirchheimbolanden und versuchte mit einer kleinen Schar verwegener Freiheitshelden vergeblich dem Vordringen der Preußen Einhalt zu gebieten. Sie wurde später des Hochverrats bezichtigt, aber freigesprochen. Nach der Revolution wollte das schöne Mädchen in Heidelberg Medizin studieren, doch wurde ihr der Aufenthalt in der Neckarstadt derart verleidet, dass sie nach Amerika auswanderte; hier heiratete sie den Maler und politischen Flüchtling Kaufmann. Viele Jahre lebte sie in Washington, wo sie häufig in diplomatischen Kreisen verkehrte. Bis zu ihrem Tode blieb sie eine Anhängerin jener Ideen, für die einst ihr Mädchenherz geglüht und noch vor wenigen Jahren gab sie ihre Überzeugung ungeschminkten Ausdruck. Auch versäumte sie nicht, alljährlich am Denkmal der 17 hingerichteten Freischärler in ihrer Vaterstadt Kränze und Blumen niederlegen zu lassen.
Keine Angabe.
Hummel-Haasis, Gerlinde (Hrsg.): „Schwestern, zerreißt eure Ketten.“ Zeugnisse zur Geschichte der Frauen in der Revolution von 1848/49, München 1982, S. 131f + 134.
Keim, Anton Maria: Kathinka Zitz-Halein und Mathilde Hitzfeld. Frauen zwischen Revolution und Reaktion, in: Lebendiges Rheinland-Pfalz 23, 1986, Heft 2, S. 44-50.
Kremb, Klaus / Dall, Sören: Ausgebremste Zeitenwende 1848/49. Begleitbuch zur Freischaren-Stadt-Tour Kirchheimbolanden (Schriftenreihe der Stadt Kirchheimbolanden, Beiheft 2), Kirchheimbolanden 2024.
Lucae, Konrad: Kirchheimbolanden und der pfälzisch-badische Aufstand 1848-49, Kirchheimbolanden 1979.
Panzer, Marita A. / Plößl, Elisabeth (Hg.): Bayerns Töchter. Frauenporträts aus fünf Jahrhunderten, München 2005, S. 204-208.
Zehender, Anne-Kathrin: Frauen im Vormärz und in der Revolution 1848/49, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte, Band 141/142, 2005/2006, S. 687-700.
Zink, Albert: Freiheitskämpferin Mathilde Hitzfeld. Eine Frau auf den Barrikaden der Kirchheimbolander Freischärler von 1849, in: Pfälzische Heimatblätter, Nr. 5, 1957, S. 89-90.
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