THEODOR FONTANE
Abb.: Kreidezeichnung von Hermann Karl Kersting, Dresden, 1842/43
Dass Theodor Fontane heute der Weltliteratur zuzuordnen ist, war zu seinen Lebzeiten lange nicht absehbar, obwohl er schon früh mit dem Schreiben begann. 1839 veröffentlicht er seine erste Novelle „Geschwisterliebe“ und sucht als Student die Nähe zum Literaturbetrieb. So wird er Mitglied im literarischen Studentenverein „Herwegh-Club“ in Leipzig, benannt nach Georg Herwegh, der ihm literarisch wie politisch zum Vorbild wird. Ein Erfolg als Schriftsteller bleibt allerdings zunächst aus. Seine Hauptwerke, etwa „Frau Jenny Treibel“ (1892), „Effie Briest“ (1895) oder „Der Stechlin“ (1898), die ihn – neben Theodor Storm, Gustave Flaubert, Charles Dickens oder Leo Tolstoi – zu einem der bedeutendsten Vertreter des literarischen, poetischen Realismus machen, sind allesamt erst in späteren Lebensjahren entstanden.
Viel weniger bekannt ist der junge, der „politische“ Fontane, der sich in kämpferischen Zeitungsartikeln für Freiheit und Demokratie einsetzt. Im Revolutionsjahr 1848 ist er ein glühender Vertreter der durch die Februarrevolution in Paris auch in Deutschland enorm an Auftrieb gewinnenden demokratischen Kräfte, deren kräftigste Stimme sein „Vorbild“ Herwegh ist. Überall in den deutschen Ländern gärt es, natürlich auch in Berlin, wo der 29-Jährige inzwischen als Apotheker arbeitet.
Mehr taumelnd als zielgerichtet gerät er in die am 18. März des Jahres ausbrechenden Barrikadenkämpfe, worüber er in seiner autobiografischen Schrift „Von Zwanzig bis Dreißig“ anschaulich berichtet. Auch wenn er sich später mit dem Kaisertum und dem starren Konservatismus eines „Herrn von Bismarck-Schönhausen“ arrangierte, hielt Fontane an seinen Hauptzielen – staatliche Einheit und demokratische Verfasstheit – weiter fest.
Heinrich Theodor Fontane wird am 30. Dezember in Neuruppin als Sohn des Apothekers Louis Henri Fontane und dessen Frau Emilie geboren. Nach seiner Schulzeit in Neuruppin und Berlin erlernt er den Beruf des Vaters.
Fontane tritt seine erste Stelle als Apothekergehilfe in Burg bei Magdeburg an und bleibt die nächsten Jahre an verschiedenen Orten (Leipzig, Dresden, Berlin) in dem Beruf tätig.
Im März 1847 erhält Fontane seine Approbation als „Apotheker erster Klasse“. Er arbeitet zunächst als Angestellter in der Apotheke „Zum Schwarzen Adler“ am Georgenkirchplatz in Berlin und wechselt 1848 ins Krankenhaus Bethanien, wo er Diakonissen ausbildet.
Fontane publiziert vier radikale Artikel in der „Berliner Zeitungs-Halle“, dem Publikationsorgan des „Centralausschusses der Demokraten Deutschlands". Im März kämpft er als Revolutionär in den sogenannten Barrikadenkämpfen.
Der gelernte Apotheker gibt sein Dasein als „Giftmischer“ auf, um sein Geld fortan als Journalist, Korrespondent, Kritiker und Reiseschriftsteller zu verdienen. Er wird Berlinkorrespondent der radikaldemokratischen „Dresdner Zeitung“.
Nach der niedergeschlagenen Revolution wechselt Fontane gewissermaßen die Seiten und tritt in die Redaktion der „Preußischen (Kreuz-)Zeitung“ ein, einem nationalistischen Regierungsblatt, das ihn 1852 als Korrespondent nach London schickt. Bis 1870 arbeitet er für das Blatt, in dem auch die ersten Artikel über seine Heimatstadt Neuruppin erschienen, woraus 1862 das Buch „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ entsteht.
Ab 1870 schreibt Fontane Theaterkritiken für die liberale „Vossische Zeitung“ und entschließt sich 1876, nicht mehr für eine Zeitung zu schreiben, sondern als freier Schriftsteller zu leben.
1878 erscheint sein Roman „Vor dem Sturm“ in vier Bänden – und in der Folge werden Jahr für Jahr weitere Romane veröffentlicht.
Der Roman „Effi Briest“ erscheint und wird zum meistgelesenen Buch Fontanes – „der erste wirkliche Erfolg, den ich mit einem Roman habe“, freut sich der inzwischen 76-Jährige.
Am 20. September stirbt Theodor Fontane und wird auf dem Friedhof II in Berlin Mitte beerdigt.
Iwan Michelangelo D‘Aprile
Als im Oktober 1896 in der internationalen Literaturzeitschrift Cosmopolis die Erinnerungen des 76jährigen Theodor Fontane an die 1848er Revolution erschienen, die dann auch in seine Autobiographie Von Zwanzig bis Dreißig eingegangen sind, fanden sich im selben Jahrgang der Zeitschrift auch die Revolutionserinnerungen eines seiner alten Freunde aus der vormärzlichen Jugend. Mit dem inzwischen weltweit bekannten und hochangesehenen Oxforder Orientalistik-Professor Max Müller war Fontane in den frühen 1840er Jahren im demokratischen Leipziger Literaturverein „Herwegh Klub“ aktiv gewesen, bevor sich mit der Revolution ihre Wege trennten und Müller wie so viele andere ins englische Exil gegangen war. In seinem Beitrag für Cosmopolis kommt Müller auch auf den alten Leipziger Freund Fontane zu sprechen. Er erinnert sich an ihn als einen humorvollen und vielversprechenden jungen Autor („He was a charming character, a man of great gifts, full of high spirits and inexhaustible good humour”). Allerdings hätte der seinerzeitige Apothekergehilfe in seinem Leben zu viele Existenzkämpfe um das tägliche Einkommen austragen müssen, sonst hätte aus ihm ein zweiter Heine werden können („He might have been another Heine”).1 Weiterlesen
Theodor Fontane
Nur in Freiheit wird man frei
Erschienen am 09.02.2023
Taschenbuch mit Klappen, 192 Seiten
€ (D) 14,– / € (A) 14,40
ISBN 978-3-462-50002-8
Anders als Heinrich Heine, Georg Herwegh, Ferdinand Freiligrath, Louise Otto Peters, Mathilde Anneke, Louise Aston, Fanny Lewald und viele andere wird Theodor Fontane heute in der Regel nicht zu den literarischen Revolutionsheld:innen gezählt. Zu gebrochen erscheint sein Verhältnis zur Revolution, zu widersprüchlich seine politische Position, zu wechselhaft seine Autorenbiographie. Revolutionäres Engagement und gesellschaftskritische Romane stehen neben dem jahrzehntelangen Pressedienst für regierungsnahe und gegenrevolutionäre Zeitungen sowie dem entsprechenden Preußen-Schrifttum. Hinzu kam ein, auch familiär bedingtes strukturkonservatives und staatsfrommes Umfeld (hugenottische Kirche, Adelskreise), das als Auffangnetz bei der Stellen- und Wohnungssuche sowie als Infrastruktur für literarische Großprojekte wie die Wanderungen durch die Mark Brandenburg zum Tragen kam. Was Fontane selbst als ständigen „Eiertanz zwischen allen Stühlen“ beschrieben hat, wurde ihm in der Folge als fehlende politische Zuverlässigkeit ausgelegt – ein Vorwurf, der im Übrigen interessanterweise zuerst in den 1850er Jahren von seinen Vorgesetzten bei der preußischen Pressestelle gegen ihn erhoben wurde. Thomas Manns „unsicherer Kantonist“ ist ebenso fest ins gängige Fontane-Bild eingegangen, wie das notorische „Einerseits und Andererseits“, das dessen Habitus kennzeichne. Die einen monieren seine mangelnde theoretische Durchdringung (er „hätte nur in eine Buchhandlung gehen und sich die Schriften von Marx und Engels kaufen müssen“, beklagte etwa Georg Lukács2). Die anderen tun sein revolutionäres Engagement als bloße Jugendverirrung ab (Fontane war 1848 immerhin knapp 30 Jahre alt), bevor er schnell auf die richtige – d.h. in dieser Sicht, konservativ-preußische – Bahn gekommen sei. Die ironisch-humoristische Darstellung der Revolution in Fontanes Autobiographie deuten sie zur sozusagen letztgültigen Absage des Autors an die eigenen jugendlichen Verfehlungen um.
Weit weniger präsent ist, in welchem Ausmaß Fontane in bedeutenden frühdemokratischen Vereinen, Gruppierungen und Periodika aktiv war, wie sehr er sich während der Revolution engagierte und wie zentral das Revolutionsthema für sein literarisches Werk noch über 1848 hinaus blieb. Dies manifestiert sich in einem umfassenden – hier nur in wenigen Auszügen abgedruckten – Textkorpus, das von Gedichten, Dramenentwürfen, Übersetzungen und literaturhistorischen Abhandlungen bis hin zu Leitartikeln, Zeitungskorrespondenzen und zahlreichen Briefen reicht. Das Meiste davon wurde zu Fontanes Lebzeiten nicht publiziert (zumeist wegen Absagen der Verleger an den seinerzeit noch unbekannten Autor), vieles blieb Entwurf oder findet sich nur im nicht-öffentlichen Medium der Privatkorrespondenz.
Fontanes literarische Laufbahn begann während seiner Apothekengehilfen-Jahre in Leipzig in den Kreisen um die wichtigste deutsche radikaldemokratische Burschenschaft „Kochei“ von Robert Blum und Hermann Kriege. Im zugehörigen „Herwegh-Klub“ sowie der von Robert Binder und Robert Blums Schwager und späteren Paulskirchenabgeordneten Georg Günther herausgegebenen Literaturzeitung Die Eisenbahn schrieb und veröffentlichte Fontane seine ersten Gedichte, aber auch zahlreiche Übersetzungen frühsozialistischer britischer Arbeiterdichtung.
Darunter finden sich Anklagen gegen die buchstäblich als versteinert dargestellten politischen Verhältnisse der Restaurationszeit (Mönch und Ritter, 1841) ebenso wie gegen den preußischen Militarismus. In den Zwei Liedern vom Lederriem (1841/42, unveröff.) wird etwa das spätere Niederschießen der eigenen Bevölkerung durch die preußische Armee während der Revolution schon literarisch vorweggenommen. Aus der Sicht der preußischen Soldaten heißt es hier: „Und wenn einst der Pöbel die Kette zerbricht, / Ob Vater, ob Bruder, das kümmert uns nicht, / Wir stürmen hinein in die feindlichen Glieder / Und stoßen und schlagen und schießen sie nieder.“3
Als komplementäre Kehrseite dieser militaristischen Gewaltverhältnisse wird von Fontane im Gedichtduett Zwei Liberale (1842) mindestens ebenso scharf ein bourgeoiser Liberalismus kritisiert, der sich mit diesen Verhältnissen arrangiert – sei es aus Furcht vor der Polizei (Die Faust in der Tasche), sei es aus Dünkel gegenüber den ebenfalls Freiheitsrechte einfordernden kleinbürgerlichen und proletarischen Klassen wie in Der Befriedigte. Hier wird ein bequemer Bourgeois vorgeführt, der seine Freiheit schon realisiert sieht, wenn er seine Leipziger Zeitung lesen, die Marseillaise pfeifen und sich Karl Rottecks Staatslexikon anschaffen kann, während er sich über weitergehende Forderungen des vermeintlichen Mobs mokiert: „Freiheitseifer, voller Geifer, / Tobt jetzt wie ein Marodeur, / Freiheit will der Scherenschleifer / Wie der Schneider und Friseur.“4
In den Frühlingsliedern (1842) schließlich wird ausgehend von der in Herwegh’schen und Heine’schen Motiven gezeichneten Eiszeit der Restauration („Und sieht die Fürsten weiter spinnen / An unsrer Freiheit Leichentuch“) die Hoffnung auf revolutionären Widerstand unmittelbar zum Ausdruck gebracht: „Und einmal nur das Schwert genommen, / Das gute Schwert in unsre Hand, / Dann muß der Lenz der Freiheit kommen / Und segnen unser Vaterland.“5
An der 1848er Revolution war Fontane dann von den ersten Unruhen in Berlin im Frühjahr 1848 bis zu den letzten Freischärler-Aufgeboten auf längst verlorenem Posten in Schleswig-Holstein im Sommer 1850 in allen Phasen aktiv beteiligt: als Barrikadenkämpfer des 18. März, als Wahlmann für das erste deutsche Parlament der Frankfurter Paulskirche und als Journalist bei zwei der prominentesten frühdemokratischen Zeitungen.
Die Leipziger Herwegh-Klub-Gefährten Hermann Kriege und Georg Günther druckten von August bis November 1848 in der von ihnen im Auftrag des „Zentralausschusses der Demokraten Deutschlands“ herausgegebenen Berliner Zeitungshalle politische Kommentare und Leitartikel Fontanes ab. Gleich mit seinem ersten in der Zeitungshalle veröffentlichten Artikel erzielte Fontane einen journalistischen Achtungserfolg, als er unter dem Titel Preußens Zukunft kurzerhand die Selbstauflösung Preußens als unabdingbare Voraussetzung für die Gründung eines deutschen Nationalstaats diagnostizierte. Da der preußische Staat seit seiner Gründung untrennbar mit der absolutistischen Staatsform der Hohenzollern-Monarchie verbandelt und auch seither ein Staat ohne Nation geblieben sei, sei er mit einer Republikanisierung Deutschlands nicht kompatibel: „Diese Auferstehung Deutschlands wird schwere Opfer kosten. Das schwerste unter allen bringt Preußen. Es stirbt. Jeder andere Staat kann und mag in Deutschland aufgehen; gerade Preußen muss darin untergehen. […] Preußen war eine Lüge, das Licht der Wahrheit bricht an und gibt der Lüge den Tod.“6 Die Alternative sei, wie Fontane in einem Folgeartikel – im historischen Rückblick hellsichtig – prognostizierte, lediglich eine Einheit ohne Freiheit.
Der bis dahin einer breiteren Öffentlichkeit noch völlig unbekannte Autor erlangte mit diesen Thesen nicht nur die Aufmerksamkeit von mehreren deutschen Zeitschriften außerhalb Berlins, die seinen Artikel nachdruckten, sondern erstmals auch von erfahrenen politischen Profis und Diplomaten wie Karl August Varnhagen von Ense. „Ein kleiner, trefflich geschriebener Aufsatz in der ‚Zeitungshalle‘ hier, von Th. Fontane unterschrieben, sagt geradezu, Preußen stirbt, und muss sterben, es soll seinen Tod sogar eigenhändig vollziehen! Dies hat mich sehr ergriffen. Es ist viel Wahres darin“, notierte Varnhagen in seinen Tagebüchern.7 In diese Zeit fällt auch der Plan des renommierten Schriftstellerinnen-Kritiker-Paars Fanny Lewald und Adolph Stahr, einen großen Revolutionsroman zu schreiben – mit Theodor Fontane in der Hauptrolle als republikanischer Held auf der Barrikade.
Im Herbst 1849, als in Preußen die Pressefreiheit längst wieder eingeschränkt worden war, vermittelte Fontanes ebenfalls seit Leipziger „Herwegh-Klub“-Tagen verbundener Jugendfreund Wilhelm Wolfsohn ihm einen Posten als Berlin-Korrespondent der Dresdener Zeitung, dem Organ der sächsischen demokratischen Fortschrittspartei. In seinen zwischen November 1849 und Mai 1850 erschienenen rund 40 Korrespondentenberichten bietet Fontane in einer Mischung aus Reportage, Analyse und Kommentar zeitnahe Informationen und Hintergründe zur gegenrevolutionären Reaktion in Berlin, die sich nun in Polizeiwillkür, Verleumdungskampagnen, politischen Prozessen und gezielten Provokationen manifestiert. „Das Polizeiregiment ist in Blüte. Auflösungen demokratischer Vereine und Ausweisungen missliebiger Persönlichkeiten sind Parole und Losung. […] Es ist eine Schande“, heißt es gleich in Fontanes erstem Korrespondentenbericht.8
Entgegen der offiziellen Propaganda, nach der man lediglich mit notwendigen Maßnahmen auf revolutionären Terror, Schrecken und Gewalt reagiere, gingen diese nach Fontane vor allem von der Regierung und interessierten Adels-Kreisen um die Kreuzzeitung aus. Als „Vogelscheuche des Kommunismus und der Anarchie“ bezeichnet Fontane hingegen die Versuche der Regierung, im Bürgertum die Angst vor der Demokratisierung zu schüren. Während die Bevölkerung aus den 48er März-Ereignissen gelernt habe und sich trotz aller offenen Gewaltakte nicht zu den „von der Reaktion […] herbeigefleht[en]“ Ausschreitungen provozieren ließ, erscheint die Rolle der von Otto von Manteuffel geleiteten, eigentlich für Ruhe und Ordnung zuständigen Polizei pervertiert: „Nicht die kleinste Ruhestörung ist den Anstrengungen der Polizei gestern gelungen“, stellt Fontane zum zweiten Jahrestag der Berliner März-Revolution fest.9 Ironisch verkehrt sind hier die Verhältnisse, nicht Fontanes Satz.
Abgleichen lassen sich Fontanes Korrespondentenberichte der Revolutionsjahre mit seinem privaten Briefwechsel dieser Zeit. Zunehmenden Spannungen war besonders die Freundschaft zu Bernhard von Lepel ausgesetzt. Auch bedingt durch seine Stellung als Gardeoffizier beharrte Lepel auf einem monarchistisch-legitimistischen Standpunkt und verteidigte den Einsatz der Armee zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung. Sarkastisch rechnet ihm Fontane daraufhin die Verbrechen des preußischen Militärs bei der Niederschlagung der Revolutionen in Südwestdeutschland und in den März-Tagen in Berlin vor: „denke an Mainz und die abgehackten Hände ertrinkender Knaben, […] denk an die Schüsse, die man gegen verwundete und geknebelte Gefangene [beim Transport nach Spandau] richtete, […] – an das herrliche Benehmen der Gardemänner gegen todesmutige Freischärler und sage mir dann noch ‚Charakter und Bravheit stecken in der Armee wie nirgends‘. Ja, Charakter steckt drin, aber welcher!“10 Zugleich aber diskutiert Fontane mit Lepel auch sein zu dieser Zeit geplantes literarisches Hauptwerk: ein Drama über die englische Revolution von 1648/49 und die Rolle des damaligen Königs Karl Stuart, in dem Fontane unübersehbare Parallelen zur aktuellen Situation in Preußen zieht. Fontanes Revolutionsdrama blieb unvollendet und ist nur in den ersten Szenen überliefert. Es zeigt aber, wie sehr ihn das Revolutionsthema in dieser Zeit auch literarisch beschäftigt hat.
Hintergrundinformationen zu Fontanes Korrespondententätigkeit für die Dresdener Zeitung lassen sich seinem Briefwechsel mit Wilhelm Wolfsohn ablesen. So wurde von der Redaktion im Dezember 1849 ein Artikel Fontanes abgelehnt, in dem dieser das Preußen der Aufklärung unter Friedrich II. zum Rechtsstaat stilisiert, um es der Polizei- und Willkürherrschaft seiner eigenen Gegenwart entgegenzustellen – für eine sächsische Zeitung und ihr Publikum, die alles andere als Aufklärung mit Friedrich II. verbanden, erschien dies nicht passend. Hier scheinen Spannungsverhältnisse zwischen den unterschiedlichen deutschen Partialnationalismen ebenso auf wie Fontanes ambivalente Haltung zu Preußen. Daraus eine Abkehr Fontanes von seinen demokratischen Prinzipien zu konstruieren, wäre aber verfehlt. Nicht nur war es unter deutschen Republikanern ein zeittypisches Argumentationsmuster, das Preußen der Aufklärung zum Gegenbild zur konservativen Reaktionspolitik unter Friedrich Wilhelm IV zu stilisieren: Karl Friedrich Köppen etwa widmete seine „Jubelschrift“ Friedrich der Große und seine Widersacher auf dem Titelblatt seinem „Freunde Karl Heinrich Marx aus Trier“; Ferdinand Freiligrath dichtete in Balladen wie Im Himmel Friedrich den Großen zum Begründer des Republikanismus um. Vor allem aber hat Fontane für die Dresdener Zeitung nach diesem zwischenzeitlichen Konflikt weitaus mehr Korrespondenzberichte geschrieben als zuvor.
Nicht zuletzt verdeutlicht der Briefwechsel mit Lepel und Wolfsohn den quälenden Prozess, in dem Fontane sich angesichts der Niederschlagung der letzten revolutionären Bewegungen durch die preußische Obrigkeit beziehungsweise die von den alten Wiener Ordnungsmächten unterstützten dänischen Truppen in Schleswig-Holstein sowie der eigenen immer bedrückenderen materiellen Not im Spätsommer 1850 schließlich als Pressearbeiter im regierungsamtlichen „Literarischen Bureau“ anwerben ließ. Vorangegangen waren dem vergebliche Bewerbungen des mittellosen Apothekers u.a. als Gartenbausekretär, Hilfsbibliothekar oder Eisenbahnschaffner. Um ein Haar wäre Fontane auch den Weg zehntausender anderer deutscher Achtundvierziger ins Exil gegangen. Lepel teilte er im Mai 1849 mit: „In spätestens 8 Wochen denk‘ ich auf dem Weg nach New-York zu sein“, bevor er diese Pläne dann Ende 1849 doch noch verwarf.11 Fontanes nachrevolutionärer Eintritt in den Regierungsjournalismus, daran lassen die zeitgenössischen Zeugnisse keinen Zweifel, hatte viele Ursachen und war zu allererst durch materielle Not sowie die Abwägung von Berufs- und Subsistenzmöglichkeiten begründet – aber er war alles andere als eine politische Konversion, bei der Fontane mit fliegenden Fahnen und voller Überzeugung die Seiten gewechselt hätte.
Erst von den Zeugnissen der Revolutionszeit aus – und im Wissen um die historischen und biographischen Entwicklungen, die in den 50 Jahren zwischen Ereignis und Erinnerung liegen – lässt sich Fontanes autobiographischer Altersrückblick in Von Zwanzig bis Dreißig angemessen verstehen: nicht als historische Tatsachendarstellung, sondern als vielfach stilisierte Literarisierung voller Auslassungen, Umdeutungen und Anspielungen. Zugleich aber werden so durchaus auch Kontinuitäten erkennbar, die den politischen Fontane jenseits aller Seitenwechsel, Widersprüche und Urteilsenthaltungen kennzeichnen. Nicht lässt sich Fontane im parteipolitischen Sinn auf eine Richtung festlegen – und dies schon gar nicht jenseits der sich während seines Lebens rasant wandelnden Kontexte. Wohl aber finden sich im Altersrückblick Argumentations- und Darstellungsmuster, die schon in Fontanes vormärzlichen Schriften angelegt sind.
Dazu gehört der Vorrang von Empirie und Beobachtung vor einer hochtrabenden Programmatik ebenso wie die sozusagen urdemokratische Intuition, die Bevölkerung mit ihren Bedürfnissen, ihrer Alltagsrationalität, aber auch ihrer Entschlossenheit und ihrem Mut als Subjekt ernstzunehmen und zu Wort kommen zu lassen. So wurde die Revolution des 18. März nach Fontanes Alterserinnerung eben nicht von den „mehr als harmlosen“ Angehörigen der Bourgeoisie durchgekämpft (für die zuallererst Fontane selbst steht, der hier nur als clownesker Taugenichts auftritt), sondern von Handwerkern und Maschinenarbeitern, aus deren Erfahrungsberichten Fontane ausgiebig zitiert. „Lauter ordentliche Leute“, wie Fontane ausdrücklich hinzufügt. Wie schon seinen frühen Gedichten für die Eisenbahn der frühen 1840er Jahre konterkariert Fontane auch 1896 noch den Popanz eines Schreckgespenstes der Revolution und die Angst vor einem rasenden Mob, mit dem das Bürgertum bis weit ins Kaiserreich – und tatsächlich über Fontanes Lebzeiten hinaus – auf Linie gebracht wurde.
Die Kritik am letztlich affirmativen bürgerlichen Liberalismus scheint auch in Fontanes Schilderung der Urwählerversammlung zum ersten deutschen Parlament auf. Nachdem er stundenlang den rhetorisch geschraubten und ins Allgemeine ausschweifenden Reden von Professoren und Akademikern zugehört hatte („ödes wichtigtuerisches Papelwerk“), meldet sich der Wahlmann Fontane und stellt fest, dass er anstatt Alexander von Humboldt seinem Nachbarn Bäcker Roesike die Stimme geben müsse, von dem er zumindest wisse, „dass er ein allgemein geachteter Mann sei und in der ganzen Gegend die besten Semmeln hätte“. Bäcker Roesike statt Alexander von Humboldt – auf eine knappere Formel lässt sich Fontanes schnodderige basisdemokratische Intuition wohl nicht bringen. Heute teilen nicht wenige Historiker:innen zumindest Fontanes Einschätzung, dass es bei einem geringeren Professorenanteil nicht so widerstandslos zur Selbstauflösung des Paulskirchenparlaments schon im Jahr darauf gekommen wäre. Wer hier hingegen historische Frühformen eines heutigen Rechtspopulismus wittert, liegt daneben. „Hoffentlich nach links“ benennt Wahlmann Fontane ausdrücklich sein über die besten Semmeln hinausgehendes politisches credo. Nicht auf Mobbisierung zielt Fontanes Parteinahme für Bäcker, Dienstpersonal und Friseure, sondern auf Anerkennung und Zivilität.
Auch wenn das alles Fontane noch nicht zum demokratischen Vordenker macht, verweist es doch kritisch auf grundlegende Demokratiedefizite des Kaiserreichs, die sich durchaus auf verschiedenen Seiten des politischen Spektrums fanden: dies betrifft zu allererst Bismarcks Cäsarismus, dem die Bevölkerung nur als instrumentalisierbares Stimmvolk galt, dessen Wählerwillen sich jederzeit durch Auflösung des Parlaments rückgängig machen lässt und „wo hinter jedem Wähler erst ein Schutzmann, dann ein Bataillon und dann eine Batterie steht“.12 Fontane steht damit aber ebenso quer zu den dünkelhaften Phantasien kultureller Überlegenheit der Nationalliberalen, mit denen das Bürgertum seine politische Machtlosigkeit im Kaiserreich kompensierte und wo der größte Bevölkerungsanteil (Frauen, Arbeiter:innen) überhaupt nicht vorkam. Schließlich war auch die paternalistische Haltung, mit der selbst wohlmeinende Demokraten die Bevölkerung zu Kindern degradierte, die man überall vor ihrer Verführbarkeit schützen zu müssen glaubte, nicht seine Sache.
Und so endet der Altersrückblick des notorischen, aber durchaus nicht standpunktlosen Skeptikers mit der überraschend optimistischen und geradezu radikaldemokratischen Kalkulation, dass letztlich keine Militärmacht der Welt stark genug sei, den Bevölkerungswillen zu unterdrücken und dass Volksaufstände beim inzwischen erreichten Stand der Zivilisation „jedesmal mit dem Siege der Revolution enden [müssen], weil ein aufständisches Volk, und wenn es nichts hat als seine nackten Hände, schließlich doch notwendig stärker ist, als die wehrhafteste geordnete Macht.“13 1848 war für Fontane – um das Mindeste zu sagen – bis zum Schluss kein erledigtes Thema.
1 Charlotte Jolles: Friedrich Max Müller und Theodor Fontane. Begegnung zweier Lebenswege. In: Charlotte Jolles – ein Leben für Theodor Fontane. Gesammelte Aufsätze und Schriften aus sechs Jahrzehnten. Hg. von Gotthard Erler unter Mitarb. von Helen Chambers. Würzburg: Königshausen & Neumann 2010, S. 140-160, hier S. 141f.
2 Georg Lukács: Der alte Fontane [1951]. In: ders.: Die Grablegung des alten Deutschland. Ausgewählte Schriften I. Reinbek: Rowohlt 1967, S. 120-159, S. 133.
3 Theodor Fontane: Gedichte. 3 Bde. Hg. von Joachim Krueger u. Anita Goltz. 2., durchges. u. erweiterte Aufl. Berlin: Aufbau-Verlag 1995. Bd. 2, S. 269f.
4 Ebd., S. 52.
5 Ebd., S. 294.
6 Theodor Fontane: Werke, Schriften und Briefe. Hrsg. von Walter Keitel u. Helmuth Nürnberger. München: Hanser 1969-1997. Abt. III, Bd. 1, S. 9.
7 Karl August Varnhagen von Ense: Tagebücher. Aus dem Nachlass herausgegeben v. Ludmilla Assing. Bd. 5. Leipzig: Brockhaus 1862. Eintrag v. 31. August 1848, S. 178.
8 Fontane: Werke, Schriften und Briefe (wie Anm. 6), S. 16-70, S. 16.
9 Ebd., S. 62.
10 Theodor Fontane an Bernard von Lepel, 24. September 1848. Theodor Fontane – Bernhard von Lepel. Der Briefwechsel. 2 Bde. Hg. von Gabriele Radecke. Berlin, New York: de Gruyter 2006. Bd. 1, S. 88.
11 Theodor Fontane an Bernhard v. Lepel, 14. Mai 1849. Ebd., S. 103.
12 Theodor Fontane an Friedrich Fontane, 16. Juni 1898. Fontane: Werke, Schriften und Briefe (wie Anm. 6), Abt. IV, Bd. 4, S. 728.
13 Fontane: Der achtzehnte März. In: Cosmopolis. Bd. 4, Nr. 10 (Oktober 1896), S. 248-270, S. 269.
Der Frühling hat des Winters Kette
Gelöst nach altem gutem Brauch;
O, dass er doch zerbrochen hätte
Die Ketten unserer Freiheit auch.
Er nahm das weiße Totenlinnen,
Das die gestorben Erde trug,
Und sieht die Fürsten weiter spinnen
An unsrer Freiheit Leichentuch.
Wird nie der Lenz der Freiheit kommen?
Und werden immer Schnee und Eis
Und nimmer Ketten uns genommen?
Es seufzt mein Herz: wer weiß, wer weiß?!
(Auszug aus: Frühlingslieder, in: Theodor Fontane: Das ist das höchste Glück. Gedichte und Balladen, hrsg. Von Hans-Joachim Simm, marixverlag, 2014)
Preußens Zukunft
Deutschland hat seinen konstitutionellen Kaiser:
Erzherzog Johann ist Reichsverweser.
Es hieße Geist und Streben unserer Zeit verkennen, wenn wir den Entwicklungsausgang unseres Vaterlandes damit beendet glaubten. Dieser Reichsverweser ist ein bloßer Durchgangspunkt, eine Brücke zwischen alter und neuer Zeit, wie unsere Konstitutionen überhaupt. Weiterlesen
1 Die „Berliner Zeitungshalle“, 1846 von Gustav Julius gegründet, war eine tägliche Abendzeitung und unterrichtete ihre Leser über die revolutionären Bewegungen in Europa. Ab 24. März 1848 wurde der Zeitungstitel durch das Motto „Alles für das Volk – Alles durch das Volk“ ergänzt. Im Mai 1849 wurde die Zeitung verboten, Julius entging seiner Verhaftung wegen „Majestätsbeleidigung“ durch Flucht nach London
Was kommen muss, wird kommen.
Die deutschen Stämme werden mehr und mehr erkennen, dass ihre Interessen dieselben sind, die Scheidewände werden fallen mit den Dynastien, und Deutschland wird groß, frei und einig sein.
Die Auferstehung Deutschlands wird schwere Opfer fordern. Das schwerste unter allen bringt Preußen. Es stirbt. Jeder andere Staat kann und mag in Deutschland aufgehen; gerade Preußen muss darin untergehen. Was unsere Zeit so schön charakterisiert, ist Gerechtigkeit gegen jede Nationalität. Die eigene schützen, die fremde achten, das ist Losung und Feldgeschrei. Innerhalb der Nationalitäten aber werden die Stammverschiedenheiten wieder in ihr Recht treten, und diese Rückkehr zum Natürlichen bringt Preußen um seine Existenz.
Bayern, Sachsen, Schwaben, sie werden in Deutschland aufgehen; der großen deutschen Republik werden diese Namen nicht fehlen. Aber eine preußische Republik ist eine Unmöglichkeit; Preußen muss zerfallen. Seine Provinzen gleichen ebenso vielen Eisenstäben, die ohne Anziehungskraft untereinander, nur durch das Tau eines absoluten Willens zusammengehalten werden. Das Tau ist mürbe geworden, es wird zerrissen, und die Eisenstäbe werden folgen, wohin der Magnet der Stammesgleichheit sie zieht.
Preußen war eine Lüge. Das Licht der Wahrheit bricht an und gibt der Lüge den Tod. Mögen Tausende sich erheben und Preußen eine Wahrheit, mich aber einen Lügner nennen, mögen sie in Ermangelung eines anderen Zweifels das Paradepferd unserer glorreichen Geschichte reiten – ich antworte ihnen: das jetzige Preußen hat keine Geschichte. – Was gilt dem Schlesier die Schlacht bei Fehrbellin, was gilt ihm selbst der siebenjährige Krieg mit seinem zweifelhaften Recht? Was gelten dem Sachsen, dem Rheinländer unsere Siege bei Dennewitz und Großbeeren? Die fochten auf feindlicher Seite, als wir den Tempel unseres Ruhms mit Trophäen schmückten.
Vergebens suchen unsere Staatsmänner einen Ausweg, Österreich und Preußen unterliegen der Nemesis der Geschichte; welche Politik wir auch verfolgen mögen, ob eine hochherzig deutsche oder königlich preußische, der Ausgang bleibt derselbe: Das jetzige Preußen hört auf zu sein. Preußen hat nur die Wahl zwischen einem Untergehen in Deutschland oder einem Zusammenschrumpfen auf das Ländergebiet von 1740. Es kann nicht zweifelhaft sein, was schöner wäre: ein solcher Tod oder ein solches Leben. Preußen spricht so gern von seinen Opfern, die es der deutschen Sache gebracht habe; nun denn, so steh es nicht an, auch das letzte, größte zu bringen. Betrachte es sich als ein Mann, und drücke es sich todesmutig die Speere ins Herz, um der Größe des Vaterlandes willen.
Ein Tod kann unsterblicher sein als ein ganzes Leben.
Th. Fontane
Volk der Intelligenz, ist das die Blüte, die Du getrieben? Nein und wieder nein! Dieselben Schmarotzerpflanzen, die stets an Deinem Werke sogen, sie haben sich bis in den Gipfel emporgerankt und dünken sich in eitler Selbstverblendung die Blüte, die sie nicht sind. Aber der göttliche Odem, der unsere Zeit durchweht, ist ihnen Odem des Todes. Weiterlesen
Wie große der Geist da draußen, und wie klein die Geister da drinnen! Ein milder Sommerregen, so zieht die Freiheit durch alle Lande, und hunderttausend durstige Halme richten sich auf und trinken Entzücken; Ihr aber, Ihr kleinen, spannt Eure winzigen Schirmchen und möchtet der Welt den Himmel verschließen.
Was solltet Ihr sein, und was seid Ihr! Auge und Herz des Volkes, voll klaren Blickes und kräftigen Pulsschlags – so sollt‘ es sein; aber Ihr seid nur sein Köder – ein Unglück und eine Lächerlichkeit zugleich. Ihr habt keine Hand, um Saat und Segen auszustreuen, Ihr habt nur Hände zum Beifallklatschen; Ihr habt keinen Fuß, der neuen Zeit den Weg zu bahnen, Ihr habt nur Füße zum Lärmen!
Was ist es, das Euch fehlt? Wohl fehlen die Geister, aber die Begeisterten noch mehr: Es fehlen die Herzen fürs Volk.
Anstatt dem Mündiggewordenen zu geben, was allezeit sein war, spricht man ihm vor: „Du bist noch jung und unerfahren“, und gibt im Abschlagspfennige auf das Gold seines Rechts. Und wer tut es? Ihr, die das Volk als seinen Anwalt schickte, Ihr, die Ihr ihm bürgen solltet für ungeschmälerte Zahlung, Ihr knipst und knapst jetzt mit den Vormündern um die Wette und plappert’s ihnen nach: „Es ist noch zu früh.“
Unsterblichkeit liegt Euch zu Füßen, aber Ihr bückt Euch nicht, sie aufzunehmen. Fordert, was Ihr fordern könnt, und ein Lorbeerblatt fällt auf die schlichteste Stirn. Habt ein warmes Herz, und Ihr tut eine Tat, die Euch zum leuchtenden Vorbild macht. Aber kalt und fühllos, wie Ihr seid, bleibt Ihr stecken im Stand Eurer Mittelmäßigkeit, und Ruhm und Liebe winden Euch keine Kränze.
Volk der Intelligenz, sieh, wie Deine Vertreter sich selbst das Armutszeugnis ihres Geistes schreiben! Sieh, wie sie betteln gehen, bei allen Verfassungen der Welt, und die Paragraphen, gleich bunt gewürfelten Almosen zusammentragen. Wie die Verleger unserer Bilderzeitungen nach englischen und französischen Holzschnitt-Typen jagen, um unser armes Publikum mit schlechten Abdrücken altgewordener Formen zu beglücken, so verschreiben sich unsere Minister und Volksvertreter abgenutzte Gesetzschablonen und übergeben uns ihr mechanisches Gepinsle als eine neue, zeitgeborene Schöpfung, daran das Herz des Volkes sich erquicken soll.
Das Volk ist durstig, Ihr aber reicht ihm den Essigschwamm. Es duldet keinen Hohn und wird sich erheben in gutem Recht und ganzer Kraft. Kennt Ihr die Brücke von Arcole2? Drüben die Stillstandsmänner und ihre Kanonen, hier der Fortschritt und seine Begeisterung. Gleich jenem vollentflammten Korsen ergreift das Volk die Fahne der neuen Zeit, und über Leichen und Trümmer hinweg stürmt es unaufhaltsam zum Sieg.
Th. Fontane
1 Der Artikel richtet sich an eine seit Mai 1848 in Frankfurt tagende (im Dezember 1848 schließlich wieder aufgelöste) Versammlung, die die preußische Verfassung den neuen Gegebenheiten anpassen sollte.
2 Die Brücke von Arcole ist ein berühmtes Bildmotiv jener Zeit, das zeigt, wie Napoleon Bonaparte im November 1796, mit wehender Fahne in der Hand, die Österreicher in der Schlacht von Arcole besiegt.
Wiederholentlich bringen unsere Blätter die Mitteilung, dass der Hof zu Potsdam eine Teilung Preußens in drei gesonderte Staaten ernstlich beabsichtige, und zwar, erfüllt von dem frommen Glauben, dass eine Schwächung der eigenen Kraft das einzige Hindernis bei Erreichung der Kaiserkrone glücklich beseitigen werde. Wir können uns bei diesem abermaligen beabsichtigten Fürstenzuwachs eines Lächelns freilich nicht erwehren, gestehen aber dennoch, dass wir an das Vorhandensein eines solchen Planes ernstlich glauben. Sollten wir uns dennoch irren, so nehmen wir für unseren Glauben eine innere Wahrheit in Anspruch und bezeichnen ihn als im Geiste und Charakter dessen, den wir vorläufig als den Schöpfer dieser Teilungs-Idee zu betrachten haben.1 Weiterlesen
Der ganze Plan ist überraschend, geistreich, romantisch, und es ist nicht schwer, nach dieser Bezeichnung von dem Sohne auf den Vater zu schließen. Das Projekt ist ein kühner Griff, das „va banque“ eines Spielers. Wir sind überzeugt, dass er sein Spiel versteht, dass er die Lage der Karten kennt; wir glauben es – er wird gewinnen.
Aber er wird Alles gewinnen, um Alles zu verlieren – auch seinen Einsatz.
Die Majorität in Frankfurt hat ein doppeltes Gelüst. Sie will einen Kaiser und will einen Hohenzoller. Den Leuten kann geholfen werden. Die Teilung Preußens, oder richtiger das Statthaltern preußischer Prinzen in Königsberg und Köln, ist die aufzuführende Komödie, die auf Augenblicke Schein und Wahrheit durcheinanderwerfen soll. Ein Opfer auf dem Papier soll die eingebüßten Sympathien des deutschen Volkes wieder wachrufen, die Tage des März sollen endlich vergessen und die Burggrafen von Nürnberg die Hohenstaufen unseres Jahrhunderts werden.
So ist der Plan, aber – er kommt zu spät. So gern wir glauben wollen, dass der zukünftige deutsche Kaiser den Forderungen der Zeit aus Klugheit und selbst aus Neigung willfahren würde, wir beharren dabei, auch diese ehrlichste Hingabe käme zu spät. Eine Forderung könnte der Kaiser nicht gewähren, ohne sich selbst zu verneinen, und diese eine Forderung stellt unsere Zeit unwiderruflich. Sie stellt sie bis zur Undankbarkeit gegen den Einzelnen. Das Volk vertraut in gleichem Maße seiner eigenen Kraft, als es angefangen hat, an seinen Fürsten zu verzweifeln. Keine Partei hat unsere Herrscher gestürzt, sie haben sich selbst gerichtet. Falsches Spiel, Blödsinn und Ungeschick haben den Stab über sie gebrochen.
Sie sind tot in der öffentlichen Meinung. Kein Herz des Kaisers Joseph, kein Geist des großen Friedrich, und wirkte beides in einem Manne, wäre mächtig genug, das drohende Verhängnis abzuwenden. Erlösung kam immer, wenn die Zeit erfüllet war, und die Zeit ist erfüllet.
Flüchtiger Glanz einer Kaiserkrone!
Wehende Fahnen, Kränze, Feste –
Welch Schauspiel! Aber doch ein Schauspiel nur.
Jeder folgende Tag würde trotzige Lombarden bringen, ein stolzes Mailand und einen welfischen Löwen – und wo wäre der Barbarosse, die Freiheit und ihren Übermut zu zügeln.
Ein Märchen aus „Tausend und einer Nacht“, so wär‘ es. Ein Traum – die Erhebung, aber Wirklichkeit – der Fall.
Wie König Lear würde der Kaiser heimkehren zu seinen verschenkten Provinzen, aber er fände das Volk mitleidlos, wie Regan und Goneril2. Vergeblich würd‘ er an die Tür seines Lieblingskindes klopfen und sprechen: „Cordelia, öffne Deinem König!“ Auch die Getreuen wären nicht mehr sie selbst. Jener kühne Schritt zum Kaiserthrone, auf Kosten des alten Preußentums, hätte ihm die letzten Herzen der Heimat entfremdet, und was ihm Staffel zu neuem Glanze werden sollte, wär‘ ihm vor der Zeit zur Grube des alten geworden.
Th. Fontane
1 Zeitgenössischen Meldungen zufolge beabsichtigte der König selbst, sein Reich in drei gleich große Gebiete zu teilen. Er selbst wolle das mittlere Reich behalten und weiterhin in Berlin residieren, die anderen beiden Teile sollten sein Bruder (der spätere Kaiser) und Prinz Friedrich Karl von Köln und Königsberg aus unabhängig regieren.
2 Das sind die beiden älteren Töchter König Lears, die sich gegen den Vater wenden und ihn zu entmachten trachten.
Es war, wenn wir nicht irren, am 14. September d. J., als der Abgeordnete Eisenmann „die Einheit Deutschlands um jeden Preis forderte, sei’s auch auf Kosten der Freiheit“. Der ehrenwerte Abgeordnete mochte damals selbst nicht ahnen, wie nahe die Verwirklichung seines Wunsches war. Es kann der berüchtigte Majoritätsbeschluss des Frankfurter Parlaments: der preußische Waffenstillstand mit Dänemark ward ein deutscher, und siehe „die Einheit um jeden Preis“ feierte ihren ersten Triumph. Preußen, d.h. die preußische Regierung, durfte nicht beleidigt werden; ein Bruch mit ihr konnte die Einheit gefährden, und „Einheit um jeden Preis“ war der Leitstern der Versammlung. Weiterlesen
Das Volk knirschte mit den Zähnen über die Beschlüsse seiner Vertreter; die erste Tat des einigen Deutschland, dem Ausland gegenüber, war eine Schandtat – sie schändete die Größe und den Ruhm der Nation. Aber die gefeierte Einheit sollte noch andere Opfer kosten. Der Abgeordnete Eisenmann hatte den Teufel an die Wand gemalt; auch die Freiheit des Volkes musste ihren Zoll entrichten.
Wir fassen hier das Verfahren der Zentralgewalt, den republikanischen Aufständen gegenüber, ins Auge und bezeichnen dies Einschreiten unbedingt als einen Eingriff in die Rechte und Freiheiten kleiner Staaten.
Wer wollte leugnen, dass der Republikanismus, den Struve1 mit dem Schwerte predigte, nicht um der Predigt, sondern um der Sache willen das badensche Volk mit fortgerissen hätte, wenn nicht, wie immer, durch preußische Regimenter der natürliche Gang der Dinge gehemmt worden wäre.
Wenn das Badener Volk – wie jedes Volk – nicht mehr stark genug war, der Republik die Tore zu verschließen, so war es nur schwach, weil es schwach sein wollte. Es focht mit dem Herzen auf feindlicher Seite, und die Republik war in ihrem Recht. Ein Volk lässt sich seine Verfassung, von außen her, aufzwängen. Es hält fest am Alten, auch gegen bessere Überzeugung; aber es nimmt kein Neues an, gegen Wunsch und Willen.
Wir kennen unsere Gegner zu wohl, um nicht eines zwiefachen Einwandes gegen unsere Ausstellungen gewärtig zu sein. Man wird einesteils vorgeben, den Republikanismus im Sinne der Majorität des Landes unterdrückt zu haben, und sich ferner darauf stützen, dass der ganze missglückte Versuch überhaupt als kein dem Boden entwachsenes, sondern als ein fremdes, gewaltsam aufgepfropftes Element zu betrachten ist. Wir übergehen diesen zweiten Einwand als geringfügig, einfach darauf hinweisend, dass es deutsche Männer waren, die ihrer Überzeugung Blut und Leben opferten, und wenden uns vielmehr zur Bekämpfung des Irrtums, als ließe sich’s die Zentralgewalt zu Frankfurt jemals angelegen sein, den Majoritäten der Einzelstaaten gerecht zu werden.
In Altenburg und Sigmaringen spielte das Parlament den Despoten. Hier lag der Wille des Volkes klar ausgesprochen da; aber das Parlament, statt diesen Willen zu achten, setzte ihm den seinigen gegenüber, ließ wie immer marschieren und hemmt gewaltsam die selbständige Entwicklung zweier Staaten.
Wir begreifen dies Verfahren wohl; wir kennen auch die Scheingründe, worauf es sich stützt.
„Hier in Frankfurt“ – so klingt das ewige Lied – „ist die Vertretung aller Einzelstaaten. Jeder Einzelwille mag sich hier geltend machen; sprechen wir ihn heilig, so gilt er – sonst nicht.“ Wohl wäre diese Sprache gerechtfertigt, wenn das einzige Deutschland aus 37 großen und kleinen Provinzen bestände, die samt und sonders ihre Vertretung in Frankfurt, und zwar nur in Frankfurt fänden. Aber das deutsche Parlament ist keine französische Nationalversammlung. Wir haben nicht 37 Provinzen, sondern 37 selbstständige Staaten, Staaten mit einer doppelten Vertretung, einer deutschen und einer heimatlichen.
Will das Frankfurter Parlament es irgendeinem Völkchen vorschreiben, welcher Vertretung es zu vertrauen habe? Will es die Bewohner von Sigmaringen glauben machen, ihre vier Abgeordneten in der Paulskirche, verschwimmend darin wie die Tropfen im Ozean, außerstande vielleicht, sich geltend zu machen – sie wären die eigentliche Repräsentation des Landes? Nein! Welcher gesetzlichen Vertretung das Volk seine Zustimmung gibt, diese Vertretung gilt, und es war ein Akt der Gewalt, den zutage liegenden Willen eines Völkchens wie kindischen Eigensinn zu bestrafen.
Wir haben diesen scheinbar geringfügigen Vorfällen eine ausgedehntere Besprechung gewidmet, weil die Folgerungen, die wir daraus zu ziehen haben, von unberechenbarem Gewicht sind.
Blicken wir auf Wien. Wenn die Volkspartei dort siegreich aus dem Kampf hervorgeht, wenn das lang zurückgehaltene Wort „Republik“ endlich von abertausend Lippen klingt, wird dann das einheitslüsterne, das Gleichmacher-Parlament in Frankfurt mit Wien verfahren wie mit Sigmaringen? Wird es den Mut haben, einem großen, siegreichen Volk zuzurufen: „Hier ist Deine Vertretung!“? Wird es 100.000 Mann Reichstruppen aufbieten und den Bürgerkrieg proklamieren?
Wir wissen nicht, wie es handeln wird, wir wissen nur, wie es konsequenterweise handeln müsste; und dieses Wissen genügt uns, um über diese Einheitspolitik entrüstet den Stab zu brechen.
Dies unerschütterliche Festhalten am Konstitutionalismus, dies Drohen und mit Krieg beziehen, wenn ein ganzes Volk, wie Tell, den Gruß vor diesem Gesslerhut2 verweigert – dies Streben nach Einheit, auf Kosten aller freien Entwicklung, ist ein Fluch, aber kein Segen unseres Landes.
Nein, keine Einheit um jeden Preis, überhaupt kein Streben nach Einheit; sie muss sich geben wie die Liebe – aller Zwang ist ihr Tod. Zur „Freiheit um jeden Preis!“ ihr nachgestrebt, ihr jedes Opfer gebracht – das ist unverändert die Losung des Tages. Dann ist die Zeit nahe, wo kein Schwanken mehr ist, „ob einig oder frei?“, dann werden wir einig sein durch die Freiheit und frei sein durch die Einigkeit.
Th. F.
1 Gustav Struve (1805 – 1870) war, zusammen mit Friedrich Hecker, einer der führenden Köpfe der Badischen Revolution, trat für die Volksbewaffnung ein und beteiligte sich an mehreren gewaltsamen Umsturzversuchen
2 Der Gesslerhut kommt in Friedrich Schillers Drama „Wilhelm Tell“ vor und steht seitdem redensartig als Symbol zur Erzwingung untertänigen Verhaltens.
Gleich nach den Februar-Tagen hatte es überall zu gären angefangen, auch in Berlin. Man hatte hier die alte Wirtschaft satt. Nicht dass man sonderlich unter ihr gelitten hätte, nein, das war es nicht, aber man schämte sich ihrer. Aufs Politische hin angesehen, war in unserem gesamten Leben alles antiquiert, und dabei wurden Anstrengungen gemacht, noch viel weiter zurückliegende Dinge heranzuholen und all dies Gerümpel mit einer Art Heiligenschein zu umgeben, immer unter der Vorgabe, „wahrer Freiheit und gesundem Fortschritt dienen zu wollen“. Dabei wurde beständig auf das „Land der Erbweisheit und der historischen Kontinuität“ verwiesen, wobei man nur über eine Kleinigkeit hinwegsah. In England hatte es immer eine Freiheit gegeben, in Preußen nie; England war in der Magna-Charta-Zeit aufgebaut worden, Preußen in der Zeit des blühendsten Absolutismus, in der Zeit Ludwigs XIV., Karls XII. und Peters des Großen. Vor dieser Zeit staatlicher Gründung, beziehungsweise Zusammenfassung, hatten in den einzelnen Landesteilen allerdings mittelalterlich ständische Verfassungen existiert, auf die man jetzt, vielleicht unter Einschiebung einiger Magnifizenzen, zurückgreifen wollte. Das war dann, so hieß es, etwas „historisch Begründetes“, viel besser als eine „Konstitution“, von der es nach königlichem Ausspruche feststand, dass sie was Lebloses sei, ein bloßes Stück Papier. Alles berührte, wie wenn der Hof und die Personen, die den Hof umstanden, mindestens ein halbes Jahrhundert verschlafen hätten. Wiederherstellung und Erweiterung des „Ständischen“, darum drehte sich alles. In den Provinzialhauptstädten, in denen sich, bis in die neueste Zeit hinein, ein Rest schon erwähnten ständischen Lehens tatsächlich – aber freilich nur schattenhaft – fortgesetzt hatte, sollten nach wie vor die Vertreter des Adels, der Geistlichkeit, der städtischen und ländlichen Körperschaften tagen, und bei bestimmten Gelegenheiten – das war eine Neuerung – hatten dann Erwählte dieser Provinziallandtage zu einem großen „Vereinigten Landtag“ in der Landeshauptstadt zusammenzutreten. Eine solche Vereinigung sämtlicher Provinzialstände konnte, nach Meinung der maßgebenden, das heißt durch den Wunsch und Willen des Königs bestimmten Kreise, dem Volke bewilligt werden; in ihr sah man einerseits die Tradition gewahrt, andererseits – und das war die Hauptsache – dem Königtum seine Macht und sein Ansehen er halten. Weiterlesen
König Friedrich Wilhelm IV. lebte ganz in diesen Vorstellungen. Man kann zugeben, dass in der Sache Methode war, ja mehr, auch ein gut Stück Ehrlichkeit und Wohlwollen, und hätte die ganze Szene hundertunddreißig Jahre früher gespielt – wobei man freilich von der unbequemen Gestalt Friedrich Wilhelms I. abzusehen hat, der wohl nicht dafür zu haben gewesen wäre –, so hätte sich gegen ein solches Zusammenziehen der „Stände“, die zu jener Zeit, wenn auch angekränkelt und eingeengt, doch immerhin noch bei Leben waren, nicht viel sagen lassen. Es gab noch kein preußisches Volk. Unsere ostelbischen Provinzen, aus denen im Wesentlichen das ganze Land bestand, waren Ackerbauprovinzen, und was in ihnen, neben Adel, Heer und Beamtenschaft, noch so umherkroch, etwa vier Millionen Seelen ohne Seele, das zählte nicht mit. Aber von diesem absolutistisch patriarchalischen Zustand der Dinge zu Beginn des vorigen Jahrhunderts war beim Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. nichts mehr vorhanden.
Alles hatte sich von Grund aus geändert. Aus den 4 Millionen waren 24 Millionen geworden, und diese 24 Millionen waren keine misera plebs mehr, sondern freie Menschen – wenigstens innerlich –, an denen die die Welt umgestaltenden Ideen der Französischen Revolution nicht spurlos vorübergegangen waren. Der ungeheure Fehler des so klugen und auf seine Art so aufrichtig freisinnigen Königs bestand darin, dass er diesen Wandel der Zeiten nicht begriff und, einer vorgefassten Meinung zuliebe, nur sein Ideal, aber nicht die Ideale seines Volkes verwirklichen wollte. Friedrich Wilhelm IV. handelte, wie wenn er ein Professor gewesen wäre, dem es obgelegen hätte, zwischen dem ethischen Gehalt einer alten landständischen Verfassung und einer modernen Konstitution zu entscheiden, und der nun in dem Alt-Ständischen einen größeren Gehalt an Ethik gefunden. Aber auf solche Feststellungen kam es gar nicht an. Eine Regierung hat nicht das Bessere bez. das Beste zum Ausdruck zu bringen, sondern einzig und allein das, was die Besseren und Besten des Volkes zum Ausdruck gebracht zu sehen wünschen. Diesem Wunsche hat sie nachzugeben, auch wenn sich darin ein Irrtum birgt. Ist die Regierung sehr stark – was sie aber in solchem Falle des Widerstandes gegen den Volkswillen fast nie ist –, so kann sie, länger oder kürzer, ihren Weg gehen, sie wird aber, wenn der Widerstand andauert, schließlich immer unterliegen. Die Schwäche der preußischen Regierung vom Schluss der Befreiungskriege bis zum Ausbruch des Schleswig-Holsteinischen Krieges bestand in dem beständigen sich Auflehnen gegen diesen einfachen Satz, dessen unumstößliche Wahrheit man nicht begreifen wollte. Wenn später Bismarck so phänomenale Triumphe feiern konnte, so geschah es, sein Genie in Ehren, vor allem dadurch, dass er seine stupende Kraft in den Dienst der in der deutschen Volksseele lebendigen Idee stellte.
So wurde das Deutsche Reich aufgerichtet und nur so.
Es schien mir wünschenswert, dies vorauszuschicken, ehe ich mich meiner eigentlichen Aufgabe, der Schilderung der März-Tage, zuwende.
Bis zum dreizehnten war nur eine gewisse Neugier bemerkbar, drin vorwiegend das bekannte witzelnde Wesen der Berliner zum Ausdruck kam; die Leute steckten die Köpfe zusammen. und warteten auf das, was der Tag vielleicht bringen würde. Jeder mutete dem anderen zu, die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Die Welt besteht nun mal nicht aus lauter Helden, und die bürgerliche Welt ist zu freiwilliger Übernahme dieser Rolle besonders unlustig. Als aber die Nachrichten aus Wien eintrafen, fühlte man doch ein Unbehagen darüber, dass nichts so recht in Fluss kommen wollte. Selbst die Bourgeoisie nahm an diesem Empfinden teil. Die „Immer-langsam-Vorans“ waren uns zuvorgekommen, die „Holters“ – nein, das ging doch nicht. Ich wähle, mit gutem Vorbedacht, solche nüchtern prosaisch klingenden Wendungen, da mir sehr wesentlich daran liegt, das, was geschah, keinen Augenblick als mehr erscheinen zu lassen, als es war, aber freilich auch nicht als weniger. Das mit einem Mal in der bürgerlichen Sphäre lebendig werdende Gefühl: „Ach was! wir wollen auch unsere Freiheit haben“, war freilich noch lange nicht dazu angetan, eine Revolution zu machen, aber es unterstützte diese sehr stark, ja entscheidend, als sie schließlich da war. Zwischen denen, die zu guter Letzt die Sache durchfochten, und denen, die mehr oder weniger vergnügt bloß zusahen, war, mit Ausnahme des Couragepunktes, kein allzu großer Unterschied.
Vom dreizehnten bis siebzehnten hatten kleine Straßenkrawalle stattgefunden, alles sehr unbedeutend, nur anstrengend für die Truppen, die, weil beständig alarmiert, einen sehr schweren Dienst hatten. Am achtzehnten früh – Sonnabend – war man in großer Aufregung und, soweit die Bürgerschaft in Betracht kam, freudiger als die Tage vorher gestimmt, weil sich die Nachricht „Alles sei bewilligt“ in der Stadt verbreitet hatte. Wirklich, so war es. Der König hatte dem Andrängen der freisinnigen Minister, Bodelschwingh an der Spitze, nachgegeben und war, nachdem er den Wortlaut der den Wünschen des Volks entgegenkommenden Edikte verschiedenen aus den Provinzen, namentlich aus Rheinland, eingetroffenen Deputationen mitgeteilt hatte, auf dem Balkon des Schlosses erschienen und hier mit Vivats empfangen worden. Der Schlossplatz füllte sich immer mehr mit Menschen, was anfangs nicht auffiel, bald aber dem König ein Missbehagen einflößte, weshalb er zwischen ein und zwei Uhr dem an Stelle des Generals von Pfuel mit dem Kommando der Truppen betrauten General von Prittwitz den Befehl erteilte, die beständig anwachsende Menschenmasse vom Schlossplatz wegzuschaffen. Diesem Befehle Folge gebend, holte General von Prittwitz selbst die Garde-Dragoner herbei und ritt mit ihnen durch die Schlossfreiheit nach dem Schlossplatz. Hier ließ er einschwenken, Front machen und im Schritt den Platz säubern. Da stürzte sich plötzlich die Masse den Dragonern entgegen, fiel ihnen in die Zügel und versuchte den einen oder anderen vom Pferd zu reißen. In diesem für die Truppen bedrohlichen Augenblick brach aus dem mittleren und gleich darauf auch aus dem kleineren Schlossportal – mehr in Nähe der Langen Brücke – eine Tirailleurlinie vor, und seitens dieser fielen ein paar Schüsse. Fast unmittelbar darauf leerte sich der Platz, und die bis dahin vor dem Schloss angesammelte Volksmasse, drin Harmlose und nicht Harmlose ziemlich gleichmäßig vertreten waren, zerstob in ihre Quartiere.
Unter den Harmlosen, ja, ich darf wohl hinzusetzen, mehr als Harmlosen, die sofort davonstürzten, um ihre Person in Sicherheit zu bringen, befand sich auch mein Prinzipal. Er war ein guter Schütze, sogar Jagdgrundinhaber in der Nähe von Berlin, aber „selbst angeschossen zu werden“ war nicht sein Wunsch. Ich sehe noch sein bis zum Komischen verzweifeltes Gesicht, mit dem er bei uns eintraf und nach Erzählung des Hergangs sich dahin resolvierte: „Ja, meine Herren, so was ist noch nicht dagewesen; das ist ja die reine Verhöhnung, alles versprechen und dann schießen lassen, und auf wen? auf uns, auf ganz reputierliche Leute, die Front machen und grüßen, wenn eine Prinzessin vorbeifährt, und die prompt ihre Steuern bezahlen!“ Es war auf dem Hausflur, dass diese Rede gehalten wurde. Wir standen drum herum, und auch die vorzüglichsten Mieter des Hauses hatten sich eingefunden. Dies war, neben andern, ein eine Treppe hoch wohnendes Ehepaar, Kapellmeister St. Aubin und Frau vom Königstädtischen Theater, er ein kleines unbedeutendes Hutzelmännchen, sie, wie die meisten Französinnen von über vierzig, von einer gewissen Stattlichkeit und mit dem Bewusstsein dieser Stattlichkeit über ihr ganzes oberes Embonpoint wegsehend. Beide, wiewohl halbe Fremde, nahmen doch teil an der allgemeinen Aufregung. Der einzige fast Nüchterne war ich. In einem gewissen ästhetischen Empfinden fand ich alles, was ich da eben über die Schlossplatzhergänge gehört hatte, so bourgeoishaft ledern, dass ich mich mehr zum Lachen als zur Empörung gestimmt fühlte. Das war aber nur von kurzer Dauer. Als ich gleich danach auf die Straße trat und die Menschen wie verstört an mir vorüberstürzen sah, wurde mir doch anders zu Sinn. Am meisten Eindruck machten die auf mich, die nicht eigentlich verstört, aber dafür ernst und entschlossen aussahen, als ging es nun an die Arbeit. Ich hielt mich von da ab abseits von meinen Kollegen, die ganz stumpfsinnig dastanden oder sich an Berliner Witzen aufrichteten, während ich ganz im Stillen meine Winkelriedgefühle hatte. Dass ich in Taten sehr hinter diesen Gefühlen zurückblieb, sei hier gleich vorweg ausgesprochen.
Draußen hatte sich das Bild rasch verändert. Die Straße wirkte wie gefegt, und nur an den Ecken war man mit Barrikadenbau beschäftigt, zu welchem Zweck alle herankommenden Wagen und Droschken angehalten und umgestülpt wurden. In meinem Gemüt aber wurden plötzlich allerhand Balladen- und Geschichtsreminiszenzen lebendig, darunter dunkle Vorstellungen von der ungeheuren Macht des Sturmläutens; alles Große, soviel stand mir mit einem Male fest, war durch Sturmläuten eingeleitet worden. Ich lief also, ohne mich lange zu besinnen, auf die nur fünfzig Schritt von uns entfernte Georgenkirche zu, um da mit Sturmläuten zu beginnen. Natürlich war die Kirche zu – protestantische Kirchen sind immer zu –, aber das steigerte nur meinen Eifer und ließ mich Umschau halten nach einem Etwas, womit ich wohl die stark mit Eisen beschlagene, trotzdem aber etwas altersschwach aussehende Tür einrennen könnte. Richtig, da stand ein Holzpfahl, einer von jener Art, wie man sie damals noch auf allen alten und abgelegenen Kirchplätzen fand, um, nachdem man eine Leine von Pfahl zu Pfahl gespannt, Wäsche daran zu trocknen. Ich machte mich also an den Pfahl und nahm auch zu meiner Freude wahr, dass er schief stand und schon stark wackelte; trotzdem – wie manchmal ein Backzahn, den man, weil er wackelt, auch leicht unterschätzt – wollte der Pfahl nicht heraus, und nachdem ich mich ein paar Minuten lang wie wahnsinnig mit ihm abgequält und sozusagen mein bestes Pulver – denn ich kam nachher nicht mehr zu rechter Kraft – an ihm verschossen hatte, musste ich es aufgeben. Mit meinem Debüt als Sturmläuter war ich also gescheitert, soviel stand fest. Aber ach, es folgten noch viele weitere Seheiterungen.
Schweißtriefend kam ich von dem stillen Kirchplatz in die Neue Königstrabe zurück, auf der eben vom Tor her ein Arbeiterhaufen heranrückte, lauter ordentliche Leute, nur um sie herum etliche verdächtige Gestalten. Es war halb wie eine militärische Kolonne, und ohne zu wissen, was sie vorhatte, rangierte ich mich ein und ließ mich mit fortreißen. Es ging über den Alexanderplatz weg auf das Königstädter Theater zu, das alsbald wie im Sturm genommen wurde. Man brach aber nicht von der Front, sondern von der Seite her ein und besetzte hier, während einige, die Bescheid wussten, bis in die Garderoben und Requisitenkammern vordrangen, einen Vorraum, wahrscheinlich eine Pförtnerstube, drin ein Bettstand. Über dem Bett hing eine altmodische silberne Uhr, eine sogenannte PfundUhr, mit dicken Berlocques und großen römischen Zahlen. Einer griff darnach. „Nicht anrühren“, donnerte von hinten her eine Stimme rüber, und ich konnte leicht wahrnehmen, dass es ein Führer war, der da, von seinem Platz aus, nach dem Rechten sah und dafür sorgte, dass das mehr und mehr sich mit einmischende Gesindel nicht aufkomme. Mittlerweile hatten die weiter in den Innenraum eingedrungenen all das gefunden, wonach sie suchten, und in derselben Weise, wie sich beim Hausbau die Steinträger die Steine zuwerfen, wurde nun, von hinten her, alles zu uns herübergereicht: Degen, Speere, Partisanen und vor allem kleine Gewehre, wohl mehrere Dutzend. Wahrscheinlich – denn es gibt nicht viele Stücke, drin moderne Schusswaffen massenhaft zur Verwendung kommen – waren es Karabiner, die man fünfzehn Jahre früher in dem beliebten Lustspiele „Sieben Mädchen in Uniform“ verwandt hatte, hübsche kleine Gewehre mit Bajonett und Lederriemen, die, nachdem sie den theaterfreundlichen, guten alten König Friedrich Wilhelm III. manch liebes Mal erheitert hatten, jetzt, statt bei Lampenlicht, bei vollem Tageslicht in der Welt erschienen, um nun gegen ein total unmodisch gewordenes und dabei, ganz wie ein „altes Stück“, ausschließlich langweilig wirkendes Regiment ins Feld geführt zu werden. Ich war unter den ersten, denen eins dieser Gewehre zufiel, und hatte momentan denn auch den Glauben, dass einer Helden-Laufbahn meinerseits nichts weiter im Wege stehe. Noch eine kurze Weile blieb ich auch in dieser Anschauung. Wieder draußen angekommen, schloss ich mich abermals einem Menschenhaufen an, der sich diesmal unter dem Feldgeschrei „Nun aber Pulver“ zusammengefunden hatte. Wir marschierten auf einen noch halb am Alexanderplatz gelegenen Eckladen los und erhielten von dem Inhaber auch alles, was wir wünschten. Aber wo das Pulver hintun? Ich holte einen alten zitronengelben Handschuh aus meiner Tasche und füllte ihn stopfevoll, so dass die fünf Finger wie gepolstert aussahen. Und nun wollt ich bezahlen. „Bitte, bitte“, sagte der Kaufmann, und ich drang auch nicht weiter in ihn. So fehlte denn meiner Ausrüstung nichts weiter als Kugeln; aber ich hatte vor, wenn sich diese nicht finden sollten, entweder Murmeln oder kleine Geldstücke einzuladen. Und so trat ich denn auch wirklich an unsere Barrikade heran, die sich mittlerweile zwar nicht nach der fortifikatorischen, aber desto mehr nach der pittoresken Seite hin entwickelt hatte. Riesige Kulissen waren aus den Theaterbeständen herangeschleppt worden, und zwei große Berg und Waldlandschaften, wahrscheinlich aus Adlershorst, haben denn auch den ganzen Kampf mit durchgemacht und sind mehrfach durchlöchert worden. Jedenfalls mehr als die Verteidiger, die klüglich nicht hinter der Barrikade, sondern im Schutz der Haustüren standen, aus denen sie, wenn sie ihren Schuss abgeben wollten, hervortraten. Aber das hatte noch gute Wege. Vorläufig befand ich mich noch keinem Feind gegenüber und schritt dazu, wohlgemut, wenn auch in begreiflicher Aufregung, meinen Karabiner zu laden. Ich klemmte zu diesem Behufe das Gewehr zwischen die Knie und befleißigte mich, aus meinem Handschuh sehr ausgiebig Pulver einzuschütten, vielleicht von dem Satze geleitet: „Viel hilft viel“. Als ich so den Lauf halb voll haben mochte, sagte einer, der mir zugesehen hatte: „Na, hören Sie …“ Worte, die gut gemeint und ohne Spott gesprochen waren, aber doch mit einem Mal meiner Heldenlaufbahn ein Ende machten. Ich war bis dahin in einer fieberhaften Erregung gewesen, die mich aller Wirklichkeit, jeder nüchtern verständigen Erwägung entrückt hatte, plötzlich aber – und umso mehr, als ich als gewesener Franz-Grenadier doch wenigstens einen Schimmer vom Soldatenwesen, von Schießen und Bewaffnung hatte – stand alles, was ich bis dahin getan, im Lichte einer traurigen Kinderei vor mir, und der ganze Winkelriedunsinn fiel mir schwer auf die Seele. Dieser Karabiner war verrostet; ob das Feuersteinschloss noch funktionierte, war die Frage, und wenn es funktionierte, so platzte vielleicht der Lauf, auch wenn ich eine richtige Patrone gehabt hätte. Stattdessen schüttete ich da Pulver ein, als ob eine Felswand abgesprengt werden sollte. Lächerlich! Und mit solchem Spielzeug ausgerüstet, nur gefährlich für mich selbst und für meine Umgebung, wollte ich gegen ein Garde-Bataillon anrücken! Ich war unglücklich, dass ich mir das sagen musste, aber war doch zugleich auch wie erlöst, endlich zu voller Erkenntnis meiner Verkehrtheit gekommen zu sein. Das Hochgefühl, bloß zu fallen, um zu fallen, war mir fremd, und ich gratuliere mir noch nachträglich dazu, dass es mir fremd war. Heldentum ist eine wundervolle Sache, so ziemlich das Schönste, was es gibt, aber es muss echt sein. Und zur Echtheit, auch in diesen Dingen, gehört Sinn und Verstand. Fehlt das, so habe ich dem Heldentum gegenüber sehr gemischte Gefühle.
Hier alle Werke Fontanes aufzulisten, würde den Rahmen sprengen. Die im Hanser Verlag erhältliche „Große Brandenburger Ausgabe“ seiner Werke umfasst mehr als 30 Bände. Und die verdienstvolle Fontane-Bibliographie von Wolfgang Rasch, die fortlaufend aktualisiert wird, listet viele Tausend Textveröffentlichungen Theodor Fontanes auf – sie ist unter fontanearchiv.de/fontane-bibliographie abrufbar.
Josef Ettlinger: Theodor Fontane. Biografie, Edition Lebensbilder 2017
Regina Dieterle: Theodor Fontane. Biografie, Carl Hanser Verlag 2018.
Iwan-Michelangelo D’Aprile: Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung, Rowohlt Verlag 2018.
Hans Dieter Zimmermann: Theodor Fontane. Der Romancier Preußens, C. H. Beck 2019.
Edda Ziegler, Gotthard Erler: Theodor Fontane. Lebensraum und Phantasiewelt. Eine Biographie, Aufbau Verlag 2019.
THEODOR FONTANE
Dass Theodor Fontane heute der Weltliteratur zuzuordnen ist, war zu seinen Lebzeiten lange nicht absehbar, obwohl er schon früh mit dem Schreiben begann. 1839 veröffentlicht er seine erste Novelle „Geschwisterliebe“ und sucht als Student die Nähe zum Literaturbetrieb. So wird er Mitglied im literarischen Studentenverein „Herwegh-Club“ in Leipzig, benannt nach Georg Herwegh, der ihm literarisch wie politisch zum Vorbild wird. Ein Erfolg als Schriftsteller bleibt allerdings zunächst aus. Seine Hauptwerke, etwa „Frau Jenny Treibel“ (1892), „Effie Briest“ (1895) oder „Der Stechlin“ (1898), die ihn – neben Theodor Storm, Gustave Flaubert, Charles Dickens oder Leo Tolstoi – zu einem der bedeutendsten Vertreter des literarischen, poetischen Realismus machen, sind allesamt erst in späteren Lebensjahren entstanden.
Viel weniger bekannt ist der junge, der „politische“ Fontane, der sich in kämpferischen Zeitungsartikeln für Freiheit und Demokratie einsetzt. Im Revolutionsjahr 1848 ist er ein glühender Vertreter der durch die Februarrevolution in Paris auch in Deutschland enorm an Auftrieb gewinnenden demokratischen Kräfte, deren kräftigste Stimme sein „Vorbild“ Herwegh ist. Überall in den deutschen Ländern gärt es, natürlich auch in Berlin, wo der 29-Jährige inzwischen als Apotheker arbeitet.
Mehr taumelnd als zielgerichtet gerät er in die am 18. März des Jahres ausbrechenden Barrikadenkämpfe, worüber er in seiner autobiografischen Schrift „Von Zwanzig bis Dreißig“ anschaulich berichtet. Auch wenn er sich später mit dem Kaisertum und dem starren Konservatismus eines „Herrn von Bismarck-Schönhausen“ arrangierte, hielt Fontane an seinen Hauptzielen – staatliche Einheit und demokratische Verfasstheit – weiter fest.
Heinrich Theodor Fontane wird am 30. Dezember in Neuruppin als Sohn des Apothekers Louis Henri Fontane und dessen Frau Emilie geboren. Nach seiner Schulzeit in Neuruppin und Berlin erlernt er den Beruf des Vaters.
Fontane tritt seine erste Stelle als Apothekergehilfe in Burg bei Magdeburg an und bleibt die nächsten Jahre an verschiedenen Orten (Leipzig, Dresden, Berlin) in dem Beruf tätig.
Im März 1847 erhält Fontane seine Approbation als „Apotheker erster Klasse“. Er arbeitet zunächst als Angestellter in der Apotheke „Zum Schwarzen Adler“ am Georgenkirchplatz in Berlin und wechselt 1848 ins Krankenhaus Bethanien, wo er Diakonissen ausbildet.
Fontane publiziert vier radikale Artikel in der „Berliner Zeitungs-Halle“, dem Publikationsorgan des „Centralausschusses der Demokraten Deutschlands". Im März kämpft er als Revolutionär in den sogenannten Barrikadenkämpfen.
Der gelernte Apotheker gibt sein Dasein als „Giftmischer“ auf, um sein Geld fortan als Journalist, Korrespondent, Kritiker und Reiseschriftsteller zu verdienen. Er wird Berlinkorrespondent der radikaldemokratischen „Dresdner Zeitung“.
Nach der niedergeschlagenen Revolution wechselt Fontane gewissermaßen die Seiten und tritt in die Redaktion der „Preußischen (Kreuz-)Zeitung“ ein, einem nationalistischen Regierungsblatt, das ihn 1852 als Korrespondent nach London schickt. Bis 1870 arbeitet er für das Blatt, in dem auch die ersten Artikel über seine Heimatstadt Neuruppin erschienen, woraus 1862 das Buch „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ entsteht.
Ab 1870 schreibt Fontane Theaterkritiken für die liberale „Vossische Zeitung“ und entschließt sich 1876, nicht mehr für eine Zeitung zu schreiben, sondern als freier Schriftsteller zu leben.
1878 erscheint sein Roman „Vor dem Sturm“ in vier Bänden – und in der Folge werden Jahr für Jahr weitere Romane veröffentlicht.
Der Roman „Effi Briest“ erscheint und wird zum meistgelesenen Buch Fontanes – „der erste wirkliche Erfolg, den ich mit einem Roman habe“, freut sich der inzwischen 76-Jährige.
Am 20. September stirbt Theodor Fontane und wird auf dem Friedhof II in Berlin Mitte beerdigt.
Iwan Michelangelo D‘Aprile
Als im Oktober 1896 in der internationalen Literaturzeitschrift Cosmopolis die Erinnerungen des 76jährigen Theodor Fontane an die 1848er Revolution erschienen, die dann auch in seine Autobiographie Von Zwanzig bis Dreißig eingegangen sind, fanden sich im selben Jahrgang der Zeitschrift auch die Revolutionserinnerungen eines seiner alten Freunde aus der vormärzlichen Jugend. Mit dem inzwischen weltweit bekannten und hochangesehenen Oxforder Orientalistik-Professor Max Müller war Fontane in den frühen 1840er Jahren im demokratischen Leipziger Literaturverein „Herwegh Klub“ aktiv gewesen, bevor sich mit der Revolution ihre Wege trennten und Müller wie so viele andere ins englische Exil gegangen war. In seinem Beitrag für Cosmopolis kommt Müller auch auf den alten Leipziger Freund Fontane zu sprechen. Er erinnert sich an ihn als einen humorvollen und vielversprechenden jungen Autor („He was a charming character, a man of great gifts, full of high spirits and inexhaustible good humour”). Allerdings hätte der seinerzeitige Apothekergehilfe in seinem Leben zu viele Existenzkämpfe um das tägliche Einkommen austragen müssen, sonst hätte aus ihm ein zweiter Heine werden können („He might have been another Heine”).1 Weiterlesen
Anders als Heinrich Heine, Georg Herwegh, Ferdinand Freiligrath, Louise Otto Peters, Mathilde Anneke, Louise Aston, Fanny Lewald und viele andere wird Theodor Fontane heute in der Regel nicht zu den literarischen Revolutionsheld:innen gezählt. Zu gebrochen erscheint sein Verhältnis zur Revolution, zu widersprüchlich seine politische Position, zu wechselhaft seine Autorenbiographie. Revolutionäres Engagement und gesellschaftskritische Romane stehen neben dem jahrzehntelangen Pressedienst für regierungsnahe und gegenrevolutionäre Zeitungen sowie dem entsprechenden Preußen-Schrifttum. Hinzu kam ein, auch familiär bedingtes strukturkonservatives und staatsfrommes Umfeld (hugenottische Kirche, Adelskreise), das als Auffangnetz bei der Stellen- und Wohnungssuche sowie als Infrastruktur für literarische Großprojekte wie die Wanderungen durch die Mark Brandenburg zum Tragen kam. Was Fontane selbst als ständigen „Eiertanz zwischen allen Stühlen“ beschrieben hat, wurde ihm in der Folge als fehlende politische Zuverlässigkeit ausgelegt – ein Vorwurf, der im Übrigen interessanterweise zuerst in den 1850er Jahren von seinen Vorgesetzten bei der preußischen Pressestelle gegen ihn erhoben wurde. Thomas Manns „unsicherer Kantonist“ ist ebenso fest ins gängige Fontane-Bild eingegangen, wie das notorische „Einerseits und Andererseits“, das dessen Habitus kennzeichne. Die einen monieren seine mangelnde theoretische Durchdringung (er „hätte nur in eine Buchhandlung gehen und sich die Schriften von Marx und Engels kaufen müssen“, beklagte etwa Georg Lukács2). Die anderen tun sein revolutionäres Engagement als bloße Jugendverirrung ab (Fontane war 1848 immerhin knapp 30 Jahre alt), bevor er schnell auf die richtige – d.h. in dieser Sicht, konservativ-preußische – Bahn gekommen sei. Die ironisch-humoristische Darstellung der Revolution in Fontanes Autobiographie deuten sie zur sozusagen letztgültigen Absage des Autors an die eigenen jugendlichen Verfehlungen um.
Weit weniger präsent ist, in welchem Ausmaß Fontane in bedeutenden frühdemokratischen Vereinen, Gruppierungen und Periodika aktiv war, wie sehr er sich während der Revolution engagierte und wie zentral das Revolutionsthema für sein literarisches Werk noch über 1848 hinaus blieb. Dies manifestiert sich in einem umfassenden – hier nur in wenigen Auszügen abgedruckten – Textkorpus, das von Gedichten, Dramenentwürfen, Übersetzungen und literaturhistorischen Abhandlungen bis hin zu Leitartikeln, Zeitungskorrespondenzen und zahlreichen Briefen reicht. Das Meiste davon wurde zu Fontanes Lebzeiten nicht publiziert (zumeist wegen Absagen der Verleger an den seinerzeit noch unbekannten Autor), vieles blieb Entwurf oder findet sich nur im nicht-öffentlichen Medium der Privatkorrespondenz.
Fontanes literarische Laufbahn begann während seiner Apothekengehilfen-Jahre in Leipzig in den Kreisen um die wichtigste deutsche radikaldemokratische Burschenschaft „Kochei“ von Robert Blum und Hermann Kriege. Im zugehörigen „Herwegh-Klub“ sowie der von Robert Binder und Robert Blums Schwager und späteren Paulskirchenabgeordneten Georg Günther herausgegebenen Literaturzeitung Die Eisenbahn schrieb und veröffentlichte Fontane seine ersten Gedichte, aber auch zahlreiche Übersetzungen frühsozialistischer britischer Arbeiterdichtung.
Darunter finden sich Anklagen gegen die buchstäblich als versteinert dargestellten politischen Verhältnisse der Restaurationszeit (Mönch und Ritter, 1841) ebenso wie gegen den preußischen Militarismus. In den Zwei Liedern vom Lederriem (1841/42, unveröff.) wird etwa das spätere Niederschießen der eigenen Bevölkerung durch die preußische Armee während der Revolution schon literarisch vorweggenommen. Aus der Sicht der preußischen Soldaten heißt es hier: „Und wenn einst der Pöbel die Kette zerbricht, / Ob Vater, ob Bruder, das kümmert uns nicht, / Wir stürmen hinein in die feindlichen Glieder / Und stoßen und schlagen und schießen sie nieder.“3
Als komplementäre Kehrseite dieser militaristischen Gewaltverhältnisse wird von Fontane im Gedichtduett Zwei Liberale (1842) mindestens ebenso scharf ein bourgeoiser Liberalismus kritisiert, der sich mit diesen Verhältnissen arrangiert – sei es aus Furcht vor der Polizei (Die Faust in der Tasche), sei es aus Dünkel gegenüber den ebenfalls Freiheitsrechte einfordernden kleinbürgerlichen und proletarischen Klassen wie in Der Befriedigte. Hier wird ein bequemer Bourgeois vorgeführt, der seine Freiheit schon realisiert sieht, wenn er seine Leipziger Zeitung lesen, die Marseillaise pfeifen und sich Karl Rottecks Staatslexikon anschaffen kann, während er sich über weitergehende Forderungen des vermeintlichen Mobs mokiert: „Freiheitseifer, voller Geifer, / Tobt jetzt wie ein Marodeur, / Freiheit will der Scherenschleifer / Wie der Schneider und Friseur.“4
In den Frühlingsliedern (1842) schließlich wird ausgehend von der in Herwegh’schen und Heine’schen Motiven gezeichneten Eiszeit der Restauration („Und sieht die Fürsten weiter spinnen / An unsrer Freiheit Leichentuch“) die Hoffnung auf revolutionären Widerstand unmittelbar zum Ausdruck gebracht: „Und einmal nur das Schwert genommen, / Das gute Schwert in unsre Hand, / Dann muß der Lenz der Freiheit kommen / Und segnen unser Vaterland.“5
An der 1848er Revolution war Fontane dann von den ersten Unruhen in Berlin im Frühjahr 1848 bis zu den letzten Freischärler-Aufgeboten auf längst verlorenem Posten in Schleswig-Holstein im Sommer 1850 in allen Phasen aktiv beteiligt: als Barrikadenkämpfer des 18. März, als Wahlmann für das erste deutsche Parlament der Frankfurter Paulskirche und als Journalist bei zwei der prominentesten frühdemokratischen Zeitungen.
Die Leipziger Herwegh-Klub-Gefährten Hermann Kriege und Georg Günther druckten von August bis November 1848 in der von ihnen im Auftrag des „Zentralausschusses der Demokraten Deutschlands“ herausgegebenen Berliner Zeitungshalle politische Kommentare und Leitartikel Fontanes ab. Gleich mit seinem ersten in der Zeitungshalle veröffentlichten Artikel erzielte Fontane einen journalistischen Achtungserfolg, als er unter dem Titel Preußens Zukunft kurzerhand die Selbstauflösung Preußens als unabdingbare Voraussetzung für die Gründung eines deutschen Nationalstaats diagnostizierte. Da der preußische Staat seit seiner Gründung untrennbar mit der absolutistischen Staatsform der Hohenzollern-Monarchie verbandelt und auch seither ein Staat ohne Nation geblieben sei, sei er mit einer Republikanisierung Deutschlands nicht kompatibel: „Diese Auferstehung Deutschlands wird schwere Opfer kosten. Das schwerste unter allen bringt Preußen. Es stirbt. Jeder andere Staat kann und mag in Deutschland aufgehen; gerade Preußen muss darin untergehen. […] Preußen war eine Lüge, das Licht der Wahrheit bricht an und gibt der Lüge den Tod.“6 Die Alternative sei, wie Fontane in einem Folgeartikel – im historischen Rückblick hellsichtig – prognostizierte, lediglich eine Einheit ohne Freiheit.
Der bis dahin einer breiteren Öffentlichkeit noch völlig unbekannte Autor erlangte mit diesen Thesen nicht nur die Aufmerksamkeit von mehreren deutschen Zeitschriften außerhalb Berlins, die seinen Artikel nachdruckten, sondern erstmals auch von erfahrenen politischen Profis und Diplomaten wie Karl August Varnhagen von Ense. „Ein kleiner, trefflich geschriebener Aufsatz in der ‚Zeitungshalle‘ hier, von Th. Fontane unterschrieben, sagt geradezu, Preußen stirbt, und muss sterben, es soll seinen Tod sogar eigenhändig vollziehen! Dies hat mich sehr ergriffen. Es ist viel Wahres darin“, notierte Varnhagen in seinen Tagebüchern.7 In diese Zeit fällt auch der Plan des renommierten Schriftstellerinnen-Kritiker-Paars Fanny Lewald und Adolph Stahr, einen großen Revolutionsroman zu schreiben – mit Theodor Fontane in der Hauptrolle als republikanischer Held auf der Barrikade.
Im Herbst 1849, als in Preußen die Pressefreiheit längst wieder eingeschränkt worden war, vermittelte Fontanes ebenfalls seit Leipziger „Herwegh-Klub“-Tagen verbundener Jugendfreund Wilhelm Wolfsohn ihm einen Posten als Berlin-Korrespondent der Dresdener Zeitung, dem Organ der sächsischen demokratischen Fortschrittspartei. In seinen zwischen November 1849 und Mai 1850 erschienenen rund 40 Korrespondentenberichten bietet Fontane in einer Mischung aus Reportage, Analyse und Kommentar zeitnahe Informationen und Hintergründe zur gegenrevolutionären Reaktion in Berlin, die sich nun in Polizeiwillkür, Verleumdungskampagnen, politischen Prozessen und gezielten Provokationen manifestiert. „Das Polizeiregiment ist in Blüte. Auflösungen demokratischer Vereine und Ausweisungen missliebiger Persönlichkeiten sind Parole und Losung. […] Es ist eine Schande“, heißt es gleich in Fontanes erstem Korrespondentenbericht.8
Entgegen der offiziellen Propaganda, nach der man lediglich mit notwendigen Maßnahmen auf revolutionären Terror, Schrecken und Gewalt reagiere, gingen diese nach Fontane vor allem von der Regierung und interessierten Adels-Kreisen um die Kreuzzeitung aus. Als „Vogelscheuche des Kommunismus und der Anarchie“ bezeichnet Fontane hingegen die Versuche der Regierung, im Bürgertum die Angst vor der Demokratisierung zu schüren. Während die Bevölkerung aus den 48er März-Ereignissen gelernt habe und sich trotz aller offenen Gewaltakte nicht zu den „von der Reaktion […] herbeigefleht[en]“ Ausschreitungen provozieren ließ, erscheint die Rolle der von Otto von Manteuffel geleiteten, eigentlich für Ruhe und Ordnung zuständigen Polizei pervertiert: „Nicht die kleinste Ruhestörung ist den Anstrengungen der Polizei gestern gelungen“, stellt Fontane zum zweiten Jahrestag der Berliner März-Revolution fest.9 Ironisch verkehrt sind hier die Verhältnisse, nicht Fontanes Satz.
Abgleichen lassen sich Fontanes Korrespondentenberichte der Revolutionsjahre mit seinem privaten Briefwechsel dieser Zeit. Zunehmenden Spannungen war besonders die Freundschaft zu Bernhard von Lepel ausgesetzt. Auch bedingt durch seine Stellung als Gardeoffizier beharrte Lepel auf einem monarchistisch-legitimistischen Standpunkt und verteidigte den Einsatz der Armee zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung. Sarkastisch rechnet ihm Fontane daraufhin die Verbrechen des preußischen Militärs bei der Niederschlagung der Revolutionen in Südwestdeutschland und in den März-Tagen in Berlin vor: „denke an Mainz und die abgehackten Hände ertrinkender Knaben, […] denk an die Schüsse, die man gegen verwundete und geknebelte Gefangene [beim Transport nach Spandau] richtete, […] – an das herrliche Benehmen der Gardemänner gegen todesmutige Freischärler und sage mir dann noch ‚Charakter und Bravheit stecken in der Armee wie nirgends‘. Ja, Charakter steckt drin, aber welcher!“10 Zugleich aber diskutiert Fontane mit Lepel auch sein zu dieser Zeit geplantes literarisches Hauptwerk: ein Drama über die englische Revolution von 1648/49 und die Rolle des damaligen Königs Karl Stuart, in dem Fontane unübersehbare Parallelen zur aktuellen Situation in Preußen zieht. Fontanes Revolutionsdrama blieb unvollendet und ist nur in den ersten Szenen überliefert. Es zeigt aber, wie sehr ihn das Revolutionsthema in dieser Zeit auch literarisch beschäftigt hat.
Hintergrundinformationen zu Fontanes Korrespondententätigkeit für die Dresdener Zeitung lassen sich seinem Briefwechsel mit Wilhelm Wolfsohn ablesen. So wurde von der Redaktion im Dezember 1849 ein Artikel Fontanes abgelehnt, in dem dieser das Preußen der Aufklärung unter Friedrich II. zum Rechtsstaat stilisiert, um es der Polizei- und Willkürherrschaft seiner eigenen Gegenwart entgegenzustellen – für eine sächsische Zeitung und ihr Publikum, die alles andere als Aufklärung mit Friedrich II. verbanden, erschien dies nicht passend. Hier scheinen Spannungsverhältnisse zwischen den unterschiedlichen deutschen Partialnationalismen ebenso auf wie Fontanes ambivalente Haltung zu Preußen. Daraus eine Abkehr Fontanes von seinen demokratischen Prinzipien zu konstruieren, wäre aber verfehlt. Nicht nur war es unter deutschen Republikanern ein zeittypisches Argumentationsmuster, das Preußen der Aufklärung zum Gegenbild zur konservativen Reaktionspolitik unter Friedrich Wilhelm IV zu stilisieren: Karl Friedrich Köppen etwa widmete seine „Jubelschrift“ Friedrich der Große und seine Widersacher auf dem Titelblatt seinem „Freunde Karl Heinrich Marx aus Trier“; Ferdinand Freiligrath dichtete in Balladen wie Im Himmel Friedrich den Großen zum Begründer des Republikanismus um. Vor allem aber hat Fontane für die Dresdener Zeitung nach diesem zwischenzeitlichen Konflikt weitaus mehr Korrespondenzberichte geschrieben als zuvor.
Nicht zuletzt verdeutlicht der Briefwechsel mit Lepel und Wolfsohn den quälenden Prozess, in dem Fontane sich angesichts der Niederschlagung der letzten revolutionären Bewegungen durch die preußische Obrigkeit beziehungsweise die von den alten Wiener Ordnungsmächten unterstützten dänischen Truppen in Schleswig-Holstein sowie der eigenen immer bedrückenderen materiellen Not im Spätsommer 1850 schließlich als Pressearbeiter im regierungsamtlichen „Literarischen Bureau“ anwerben ließ. Vorangegangen waren dem vergebliche Bewerbungen des mittellosen Apothekers u.a. als Gartenbausekretär, Hilfsbibliothekar oder Eisenbahnschaffner. Um ein Haar wäre Fontane auch den Weg zehntausender anderer deutscher Achtundvierziger ins Exil gegangen. Lepel teilte er im Mai 1849 mit: „In spätestens 8 Wochen denk‘ ich auf dem Weg nach New-York zu sein“, bevor er diese Pläne dann Ende 1849 doch noch verwarf.11 Fontanes nachrevolutionärer Eintritt in den Regierungsjournalismus, daran lassen die zeitgenössischen Zeugnisse keinen Zweifel, hatte viele Ursachen und war zu allererst durch materielle Not sowie die Abwägung von Berufs- und Subsistenzmöglichkeiten begründet – aber er war alles andere als eine politische Konversion, bei der Fontane mit fliegenden Fahnen und voller Überzeugung die Seiten gewechselt hätte.
Erst von den Zeugnissen der Revolutionszeit aus – und im Wissen um die historischen und biographischen Entwicklungen, die in den 50 Jahren zwischen Ereignis und Erinnerung liegen – lässt sich Fontanes autobiographischer Altersrückblick in Von Zwanzig bis Dreißig angemessen verstehen: nicht als historische Tatsachendarstellung, sondern als vielfach stilisierte Literarisierung voller Auslassungen, Umdeutungen und Anspielungen. Zugleich aber werden so durchaus auch Kontinuitäten erkennbar, die den politischen Fontane jenseits aller Seitenwechsel, Widersprüche und Urteilsenthaltungen kennzeichnen. Nicht lässt sich Fontane im parteipolitischen Sinn auf eine Richtung festlegen – und dies schon gar nicht jenseits der sich während seines Lebens rasant wandelnden Kontexte. Wohl aber finden sich im Altersrückblick Argumentations- und Darstellungsmuster, die schon in Fontanes vormärzlichen Schriften angelegt sind.
Dazu gehört der Vorrang von Empirie und Beobachtung vor einer hochtrabenden Programmatik ebenso wie die sozusagen urdemokratische Intuition, die Bevölkerung mit ihren Bedürfnissen, ihrer Alltagsrationalität, aber auch ihrer Entschlossenheit und ihrem Mut als Subjekt ernstzunehmen und zu Wort kommen zu lassen. So wurde die Revolution des 18. März nach Fontanes Alterserinnerung eben nicht von den „mehr als harmlosen“ Angehörigen der Bourgeoisie durchgekämpft (für die zuallererst Fontane selbst steht, der hier nur als clownesker Taugenichts auftritt), sondern von Handwerkern und Maschinenarbeitern, aus deren Erfahrungsberichten Fontane ausgiebig zitiert. „Lauter ordentliche Leute“, wie Fontane ausdrücklich hinzufügt. Wie schon seinen frühen Gedichten für die Eisenbahn der frühen 1840er Jahre konterkariert Fontane auch 1896 noch den Popanz eines Schreckgespenstes der Revolution und die Angst vor einem rasenden Mob, mit dem das Bürgertum bis weit ins Kaiserreich – und tatsächlich über Fontanes Lebzeiten hinaus – auf Linie gebracht wurde.
Die Kritik am letztlich affirmativen bürgerlichen Liberalismus scheint auch in Fontanes Schilderung der Urwählerversammlung zum ersten deutschen Parlament auf. Nachdem er stundenlang den rhetorisch geschraubten und ins Allgemeine ausschweifenden Reden von Professoren und Akademikern zugehört hatte („ödes wichtigtuerisches Papelwerk“), meldet sich der Wahlmann Fontane und stellt fest, dass er anstatt Alexander von Humboldt seinem Nachbarn Bäcker Roesike die Stimme geben müsse, von dem er zumindest wisse, „dass er ein allgemein geachteter Mann sei und in der ganzen Gegend die besten Semmeln hätte“. Bäcker Roesike statt Alexander von Humboldt – auf eine knappere Formel lässt sich Fontanes schnodderige basisdemokratische Intuition wohl nicht bringen. Heute teilen nicht wenige Historiker:innen zumindest Fontanes Einschätzung, dass es bei einem geringeren Professorenanteil nicht so widerstandslos zur Selbstauflösung des Paulskirchenparlaments schon im Jahr darauf gekommen wäre. Wer hier hingegen historische Frühformen eines heutigen Rechtspopulismus wittert, liegt daneben. „Hoffentlich nach links“ benennt Wahlmann Fontane ausdrücklich sein über die besten Semmeln hinausgehendes politisches credo. Nicht auf Mobbisierung zielt Fontanes Parteinahme für Bäcker, Dienstpersonal und Friseure, sondern auf Anerkennung und Zivilität.
Auch wenn das alles Fontane noch nicht zum demokratischen Vordenker macht, verweist es doch kritisch auf grundlegende Demokratiedefizite des Kaiserreichs, die sich durchaus auf verschiedenen Seiten des politischen Spektrums fanden: dies betrifft zu allererst Bismarcks Cäsarismus, dem die Bevölkerung nur als instrumentalisierbares Stimmvolk galt, dessen Wählerwillen sich jederzeit durch Auflösung des Parlaments rückgängig machen lässt und „wo hinter jedem Wähler erst ein Schutzmann, dann ein Bataillon und dann eine Batterie steht“.12 Fontane steht damit aber ebenso quer zu den dünkelhaften Phantasien kultureller Überlegenheit der Nationalliberalen, mit denen das Bürgertum seine politische Machtlosigkeit im Kaiserreich kompensierte und wo der größte Bevölkerungsanteil (Frauen, Arbeiter:innen) überhaupt nicht vorkam. Schließlich war auch die paternalistische Haltung, mit der selbst wohlmeinende Demokraten die Bevölkerung zu Kindern degradierte, die man überall vor ihrer Verführbarkeit schützen zu müssen glaubte, nicht seine Sache.
Und so endet der Altersrückblick des notorischen, aber durchaus nicht standpunktlosen Skeptikers mit der überraschend optimistischen und geradezu radikaldemokratischen Kalkulation, dass letztlich keine Militärmacht der Welt stark genug sei, den Bevölkerungswillen zu unterdrücken und dass Volksaufstände beim inzwischen erreichten Stand der Zivilisation „jedesmal mit dem Siege der Revolution enden [müssen], weil ein aufständisches Volk, und wenn es nichts hat als seine nackten Hände, schließlich doch notwendig stärker ist, als die wehrhafteste geordnete Macht.“13 1848 war für Fontane – um das Mindeste zu sagen – bis zum Schluss kein erledigtes Thema.
1 Charlotte Jolles: Friedrich Max Müller und Theodor Fontane. Begegnung zweier Lebenswege. In: Charlotte Jolles – ein Leben für Theodor Fontane. Gesammelte Aufsätze und Schriften aus sechs Jahrzehnten. Hg. von Gotthard Erler unter Mitarb. von Helen Chambers. Würzburg: Königshausen & Neumann 2010, S. 140-160, hier S. 141f.
2 Georg Lukács: Der alte Fontane [1951]. In: ders.: Die Grablegung des alten Deutschland. Ausgewählte Schriften I. Reinbek: Rowohlt 1967, S. 120-159, S. 133.
3 Theodor Fontane: Gedichte. 3 Bde. Hg. von Joachim Krueger u. Anita Goltz. 2., durchges. u. erweiterte Aufl. Berlin: Aufbau-Verlag 1995. Bd. 2, S. 269f.
4 Ebd., S. 52.
5 Ebd., S. 294.
6 Theodor Fontane: Werke, Schriften und Briefe. Hrsg. von Walter Keitel u. Helmuth Nürnberger. München: Hanser 1969-1997. Abt. III, Bd. 1, S. 9.
7 Karl August Varnhagen von Ense: Tagebücher. Aus dem Nachlass herausgegeben v. Ludmilla Assing. Bd. 5. Leipzig: Brockhaus 1862. Eintrag v. 31. August 1848, S. 178.
8 Fontane: Werke, Schriften und Briefe (wie Anm. 6), S. 16-70, S. 16.
9 Ebd., S. 62.
10 Theodor Fontane an Bernard von Lepel, 24. September 1848. Theodor Fontane – Bernhard von Lepel. Der Briefwechsel. 2 Bde. Hg. von Gabriele Radecke. Berlin, New York: de Gruyter 2006. Bd. 1, S. 88.
11 Theodor Fontane an Bernhard v. Lepel, 14. Mai 1849. Ebd., S. 103.
12 Theodor Fontane an Friedrich Fontane, 16. Juni 1898. Fontane: Werke, Schriften und Briefe (wie Anm. 6), Abt. IV, Bd. 4, S. 728.
13 Fontane: Der achtzehnte März. In: Cosmopolis. Bd. 4, Nr. 10 (Oktober 1896), S. 248-270, S. 269.
Theodor Fontane
Nur in Freiheit wird man frei
Erschienen am 09.02.2023
Taschenbuch mit Klappen, 192 Seiten
€ (D) 14,– / € (A) 14,40
ISBN 978-3-462-50002-8
Der Frühling hat des Winters Kette
Gelöst nach altem gutem Brauch;
O, dass er doch zerbrochen hätte
Die Ketten unserer Freiheit auch.
Er nahm das weiße Totenlinnen,
Das die gestorben Erde trug,
Und sieht die Fürsten weiter spinnen
An unsrer Freiheit Leichentuch.
Wird nie der Lenz der Freiheit kommen?
Und werden immer Schnee und Eis
Und nimmer Ketten uns genommen?
Es seufzt mein Herz: wer weiß, wer weiß?!
(Auszug aus: Frühlingslieder, in: Theodor Fontane: Das ist das höchste Glück. Gedichte und Balladen, hrsg. Von Hans-Joachim Simm, marixverlag, 2014)
Preußens Zukunft
Deutschland hat seinen konstitutionellen Kaiser:
Erzherzog Johann ist Reichsverweser.
Es hieße Geist und Streben unserer Zeit verkennen, wenn wir den Entwicklungsausgang unseres Vaterlandes damit beendet glaubten. Dieser Reichsverweser ist ein bloßer Durchgangspunkt, eine Brücke zwischen alter und neuer Zeit, wie unsere Konstitutionen überhaupt. Weiterlesen
Was kommen muss, wird kommen.
Die deutschen Stämme werden mehr und mehr erkennen, dass ihre Interessen dieselben sind, die Scheidewände werden fallen mit den Dynastien, und Deutschland wird groß, frei und einig sein.
Die Auferstehung Deutschlands wird schwere Opfer fordern. Das schwerste unter allen bringt Preußen. Es stirbt. Jeder andere Staat kann und mag in Deutschland aufgehen; gerade Preußen muss darin untergehen. Was unsere Zeit so schön charakterisiert, ist Gerechtigkeit gegen jede Nationalität. Die eigene schützen, die fremde achten, das ist Losung und Feldgeschrei. Innerhalb der Nationalitäten aber werden die Stammverschiedenheiten wieder in ihr Recht treten, und diese Rückkehr zum Natürlichen bringt Preußen um seine Existenz.
Bayern, Sachsen, Schwaben, sie werden in Deutschland aufgehen; der großen deutschen Republik werden diese Namen nicht fehlen. Aber eine preußische Republik ist eine Unmöglichkeit; Preußen muss zerfallen. Seine Provinzen gleichen ebenso vielen Eisenstäben, die ohne Anziehungskraft untereinander, nur durch das Tau eines absoluten Willens zusammengehalten werden. Das Tau ist mürbe geworden, es wird zerrissen, und die Eisenstäbe werden folgen, wohin der Magnet der Stammesgleichheit sie zieht.
Preußen war eine Lüge. Das Licht der Wahrheit bricht an und gibt der Lüge den Tod. Mögen Tausende sich erheben und Preußen eine Wahrheit, mich aber einen Lügner nennen, mögen sie in Ermangelung eines anderen Zweifels das Paradepferd unserer glorreichen Geschichte reiten – ich antworte ihnen: das jetzige Preußen hat keine Geschichte. – Was gilt dem Schlesier die Schlacht bei Fehrbellin, was gilt ihm selbst der siebenjährige Krieg mit seinem zweifelhaften Recht? Was gelten dem Sachsen, dem Rheinländer unsere Siege bei Dennewitz und Großbeeren? Die fochten auf feindlicher Seite, als wir den Tempel unseres Ruhms mit Trophäen schmückten.
Vergebens suchen unsere Staatsmänner einen Ausweg, Österreich und Preußen unterliegen der Nemesis der Geschichte; welche Politik wir auch verfolgen mögen, ob eine hochherzig deutsche oder königlich preußische, der Ausgang bleibt derselbe: Das jetzige Preußen hört auf zu sein. Preußen hat nur die Wahl zwischen einem Untergehen in Deutschland oder einem Zusammenschrumpfen auf das Ländergebiet von 1740. Es kann nicht zweifelhaft sein, was schöner wäre: ein solcher Tod oder ein solches Leben. Preußen spricht so gern von seinen Opfern, die es der deutschen Sache gebracht habe; nun denn, so steh es nicht an, auch das letzte, größte zu bringen. Betrachte es sich als ein Mann, und drücke es sich todesmutig die Speere ins Herz, um der Größe des Vaterlandes willen.
Ein Tod kann unsterblicher sein als ein ganzes Leben.
Th. Fontane
1 Die „Berliner Zeitungshalle“, 1846 von Gustav Julius gegründet, war eine tägliche Abendzeitung und unterrichtete ihre Leser über die revolutionären Bewegungen in Europa. Ab 24. März 1848 wurde der Zeitungstitel durch das Motto „Alles für das Volk – Alles durch das Volk“ ergänzt. Im Mai 1849 wurde die Zeitung verboten, Julius entging seiner Verhaftung wegen „Majestätsbeleidigung“ durch Flucht nach London
Volk der Intelligenz, ist das die Blüte, die Du getrieben? Nein und wieder nein! Dieselben Schmarotzerpflanzen, die stets an Deinem Werke sogen, sie haben sich bis in den Gipfel emporgerankt und dünken sich in eitler Selbstverblendung die Blüte, die sie nicht sind. Aber der göttliche Odem, der unsere Zeit durchweht, ist ihnen Odem des Todes. Weiterlesen
Wie große der Geist da draußen, und wie klein die Geister da drinnen! Ein milder Sommerregen, so zieht die Freiheit durch alle Lande, und hunderttausend durstige Halme richten sich auf und trinken Entzücken; Ihr aber, Ihr kleinen, spannt Eure winzigen Schirmchen und möchtet der Welt den Himmel verschließen.
Was solltet Ihr sein, und was seid Ihr! Auge und Herz des Volkes, voll klaren Blickes und kräftigen Pulsschlags – so sollt‘ es sein; aber Ihr seid nur sein Köder – ein Unglück und eine Lächerlichkeit zugleich. Ihr habt keine Hand, um Saat und Segen auszustreuen, Ihr habt nur Hände zum Beifallklatschen; Ihr habt keinen Fuß, der neuen Zeit den Weg zu bahnen, Ihr habt nur Füße zum Lärmen!
Was ist es, das Euch fehlt? Wohl fehlen die Geister, aber die Begeisterten noch mehr: Es fehlen die Herzen fürs Volk.
Anstatt dem Mündiggewordenen zu geben, was allezeit sein war, spricht man ihm vor: „Du bist noch jung und unerfahren“, und gibt im Abschlagspfennige auf das Gold seines Rechts. Und wer tut es? Ihr, die das Volk als seinen Anwalt schickte, Ihr, die Ihr ihm bürgen solltet für ungeschmälerte Zahlung, Ihr knipst und knapst jetzt mit den Vormündern um die Wette und plappert’s ihnen nach: „Es ist noch zu früh.“
Unsterblichkeit liegt Euch zu Füßen, aber Ihr bückt Euch nicht, sie aufzunehmen. Fordert, was Ihr fordern könnt, und ein Lorbeerblatt fällt auf die schlichteste Stirn. Habt ein warmes Herz, und Ihr tut eine Tat, die Euch zum leuchtenden Vorbild macht. Aber kalt und fühllos, wie Ihr seid, bleibt Ihr stecken im Stand Eurer Mittelmäßigkeit, und Ruhm und Liebe winden Euch keine Kränze.
Volk der Intelligenz, sieh, wie Deine Vertreter sich selbst das Armutszeugnis ihres Geistes schreiben! Sieh, wie sie betteln gehen, bei allen Verfassungen der Welt, und die Paragraphen, gleich bunt gewürfelten Almosen zusammentragen. Wie die Verleger unserer Bilderzeitungen nach englischen und französischen Holzschnitt-Typen jagen, um unser armes Publikum mit schlechten Abdrücken altgewordener Formen zu beglücken, so verschreiben sich unsere Minister und Volksvertreter abgenutzte Gesetzschablonen und übergeben uns ihr mechanisches Gepinsle als eine neue, zeitgeborene Schöpfung, daran das Herz des Volkes sich erquicken soll.
Das Volk ist durstig, Ihr aber reicht ihm den Essigschwamm. Es duldet keinen Hohn und wird sich erheben in gutem Recht und ganzer Kraft. Kennt Ihr die Brücke von Arcole2? Drüben die Stillstandsmänner und ihre Kanonen, hier der Fortschritt und seine Begeisterung. Gleich jenem vollentflammten Korsen ergreift das Volk die Fahne der neuen Zeit, und über Leichen und Trümmer hinweg stürmt es unaufhaltsam zum Sieg.
Th. Fontane
1 Der Artikel richtet sich an eine seit Mai 1848 in Frankfurt tagende (im Dezember 1848 schließlich wieder aufgelöste) Versammlung, die die preußische Verfassung den neuen Gegebenheiten anpassen sollte.
2 Die Brücke von Arcole ist ein berühmtes Bildmotiv jener Zeit, das zeigt, wie Napoleon Bonaparte im November 1796, mit wehender Fahne in der Hand, die Österreicher in der Schlacht von Arcole besiegt.
Wiederholentlich bringen unsere Blätter die Mitteilung, dass der Hof zu Potsdam eine Teilung Preußens in drei gesonderte Staaten ernstlich beabsichtige, und zwar, erfüllt von dem frommen Glauben, dass eine Schwächung der eigenen Kraft das einzige Hindernis bei Erreichung der Kaiserkrone glücklich beseitigen werde. Wir können uns bei diesem abermaligen beabsichtigten Fürstenzuwachs eines Lächelns freilich nicht erwehren, gestehen aber dennoch, dass wir an das Vorhandensein eines solchen Planes ernstlich glauben. Sollten wir uns dennoch irren, so nehmen wir für unseren Glauben eine innere Wahrheit in Anspruch und bezeichnen ihn als im Geiste und Charakter dessen, den wir vorläufig als den Schöpfer dieser Teilungs-Idee zu betrachten haben.1 Weiterlesen
Der ganze Plan ist überraschend, geistreich, romantisch, und es ist nicht schwer, nach dieser Bezeichnung von dem Sohne auf den Vater zu schließen. Das Projekt ist ein kühner Griff, das „va banque“ eines Spielers. Wir sind überzeugt, dass er sein Spiel versteht, dass er die Lage der Karten kennt; wir glauben es – er wird gewinnen.
Aber er wird Alles gewinnen, um Alles zu verlieren – auch seinen Einsatz.
Die Majorität in Frankfurt hat ein doppeltes Gelüst. Sie will einen Kaiser und will einen Hohenzoller. Den Leuten kann geholfen werden. Die Teilung Preußens, oder richtiger das Statthaltern preußischer Prinzen in Königsberg und Köln, ist die aufzuführende Komödie, die auf Augenblicke Schein und Wahrheit durcheinanderwerfen soll. Ein Opfer auf dem Papier soll die eingebüßten Sympathien des deutschen Volkes wieder wachrufen, die Tage des März sollen endlich vergessen und die Burggrafen von Nürnberg die Hohenstaufen unseres Jahrhunderts werden.
So ist der Plan, aber – er kommt zu spät. So gern wir glauben wollen, dass der zukünftige deutsche Kaiser den Forderungen der Zeit aus Klugheit und selbst aus Neigung willfahren würde, wir beharren dabei, auch diese ehrlichste Hingabe käme zu spät. Eine Forderung könnte der Kaiser nicht gewähren, ohne sich selbst zu verneinen, und diese eine Forderung stellt unsere Zeit unwiderruflich. Sie stellt sie bis zur Undankbarkeit gegen den Einzelnen. Das Volk vertraut in gleichem Maße seiner eigenen Kraft, als es angefangen hat, an seinen Fürsten zu verzweifeln. Keine Partei hat unsere Herrscher gestürzt, sie haben sich selbst gerichtet. Falsches Spiel, Blödsinn und Ungeschick haben den Stab über sie gebrochen.
Sie sind tot in der öffentlichen Meinung. Kein Herz des Kaisers Joseph, kein Geist des großen Friedrich, und wirkte beides in einem Manne, wäre mächtig genug, das drohende Verhängnis abzuwenden. Erlösung kam immer, wenn die Zeit erfüllet war, und die Zeit ist erfüllet.
Flüchtiger Glanz einer Kaiserkrone!
Wehende Fahnen, Kränze, Feste –
Welch Schauspiel! Aber doch ein Schauspiel nur.
Jeder folgende Tag würde trotzige Lombarden bringen, ein stolzes Mailand und einen welfischen Löwen – und wo wäre der Barbarosse, die Freiheit und ihren Übermut zu zügeln.
Ein Märchen aus „Tausend und einer Nacht“, so wär‘ es. Ein Traum – die Erhebung, aber Wirklichkeit – der Fall.
Wie König Lear würde der Kaiser heimkehren zu seinen verschenkten Provinzen, aber er fände das Volk mitleidlos, wie Regan und Goneril2. Vergeblich würd‘ er an die Tür seines Lieblingskindes klopfen und sprechen: „Cordelia, öffne Deinem König!“ Auch die Getreuen wären nicht mehr sie selbst. Jener kühne Schritt zum Kaiserthrone, auf Kosten des alten Preußentums, hätte ihm die letzten Herzen der Heimat entfremdet, und was ihm Staffel zu neuem Glanze werden sollte, wär‘ ihm vor der Zeit zur Grube des alten geworden.
Th. Fontane
1 Zeitgenössischen Meldungen zufolge beabsichtigte der König selbst, sein Reich in drei gleich große Gebiete zu teilen. Er selbst wolle das mittlere Reich behalten und weiterhin in Berlin residieren, die anderen beiden Teile sollten sein Bruder (der spätere Kaiser) und Prinz Friedrich Karl von Köln und Königsberg aus unabhängig regieren.
2 Das sind die beiden älteren Töchter König Lears, die sich gegen den Vater wenden und ihn zu entmachten trachten.
Es war, wenn wir nicht irren, am 14. September d. J., als der Abgeordnete Eisenmann „die Einheit Deutschlands um jeden Preis forderte, sei’s auch auf Kosten der Freiheit“. Der ehrenwerte Abgeordnete mochte damals selbst nicht ahnen, wie nahe die Verwirklichung seines Wunsches war. Es kann der berüchtigte Majoritätsbeschluss des Frankfurter Parlaments: der preußische Waffenstillstand mit Dänemark ward ein deutscher, und siehe „die Einheit um jeden Preis“ feierte ihren ersten Triumph. Preußen, d.h. die preußische Regierung, durfte nicht beleidigt werden; ein Bruch mit ihr konnte die Einheit gefährden, und „Einheit um jeden Preis“ war der Leitstern der Versammlung. Weiterlesen
Das Volk knirschte mit den Zähnen über die Beschlüsse seiner Vertreter; die erste Tat des einigen Deutschland, dem Ausland gegenüber, war eine Schandtat – sie schändete die Größe und den Ruhm der Nation. Aber die gefeierte Einheit sollte noch andere Opfer kosten. Der Abgeordnete Eisenmann hatte den Teufel an die Wand gemalt; auch die Freiheit des Volkes musste ihren Zoll entrichten.
Wir fassen hier das Verfahren der Zentralgewalt, den republikanischen Aufständen gegenüber, ins Auge und bezeichnen dies Einschreiten unbedingt als einen Eingriff in die Rechte und Freiheiten kleiner Staaten.
Wer wollte leugnen, dass der Republikanismus, den Struve1 mit dem Schwerte predigte, nicht um der Predigt, sondern um der Sache willen das badensche Volk mit fortgerissen hätte, wenn nicht, wie immer, durch preußische Regimenter der natürliche Gang der Dinge gehemmt worden wäre.
Wenn das Badener Volk – wie jedes Volk – nicht mehr stark genug war, der Republik die Tore zu verschließen, so war es nur schwach, weil es schwach sein wollte. Es focht mit dem Herzen auf feindlicher Seite, und die Republik war in ihrem Recht. Ein Volk lässt sich seine Verfassung, von außen her, aufzwängen. Es hält fest am Alten, auch gegen bessere Überzeugung; aber es nimmt kein Neues an, gegen Wunsch und Willen.
Wir kennen unsere Gegner zu wohl, um nicht eines zwiefachen Einwandes gegen unsere Ausstellungen gewärtig zu sein. Man wird einesteils vorgeben, den Republikanismus im Sinne der Majorität des Landes unterdrückt zu haben, und sich ferner darauf stützen, dass der ganze missglückte Versuch überhaupt als kein dem Boden entwachsenes, sondern als ein fremdes, gewaltsam aufgepfropftes Element zu betrachten ist. Wir übergehen diesen zweiten Einwand als geringfügig, einfach darauf hinweisend, dass es deutsche Männer waren, die ihrer Überzeugung Blut und Leben opferten, und wenden uns vielmehr zur Bekämpfung des Irrtums, als ließe sich’s die Zentralgewalt zu Frankfurt jemals angelegen sein, den Majoritäten der Einzelstaaten gerecht zu werden.
In Altenburg und Sigmaringen spielte das Parlament den Despoten. Hier lag der Wille des Volkes klar ausgesprochen da; aber das Parlament, statt diesen Willen zu achten, setzte ihm den seinigen gegenüber, ließ wie immer marschieren und hemmt gewaltsam die selbständige Entwicklung zweier Staaten.
Wir begreifen dies Verfahren wohl; wir kennen auch die Scheingründe, worauf es sich stützt.
„Hier in Frankfurt“ – so klingt das ewige Lied – „ist die Vertretung aller Einzelstaaten. Jeder Einzelwille mag sich hier geltend machen; sprechen wir ihn heilig, so gilt er – sonst nicht.“ Wohl wäre diese Sprache gerechtfertigt, wenn das einzige Deutschland aus 37 großen und kleinen Provinzen bestände, die samt und sonders ihre Vertretung in Frankfurt, und zwar nur in Frankfurt fänden. Aber das deutsche Parlament ist keine französische Nationalversammlung. Wir haben nicht 37 Provinzen, sondern 37 selbstständige Staaten, Staaten mit einer doppelten Vertretung, einer deutschen und einer heimatlichen.
Will das Frankfurter Parlament es irgendeinem Völkchen vorschreiben, welcher Vertretung es zu vertrauen habe? Will es die Bewohner von Sigmaringen glauben machen, ihre vier Abgeordneten in der Paulskirche, verschwimmend darin wie die Tropfen im Ozean, außerstande vielleicht, sich geltend zu machen – sie wären die eigentliche Repräsentation des Landes? Nein! Welcher gesetzlichen Vertretung das Volk seine Zustimmung gibt, diese Vertretung gilt, und es war ein Akt der Gewalt, den zutage liegenden Willen eines Völkchens wie kindischen Eigensinn zu bestrafen.
Wir haben diesen scheinbar geringfügigen Vorfällen eine ausgedehntere Besprechung gewidmet, weil die Folgerungen, die wir daraus zu ziehen haben, von unberechenbarem Gewicht sind.
Blicken wir auf Wien. Wenn die Volkspartei dort siegreich aus dem Kampf hervorgeht, wenn das lang zurückgehaltene Wort „Republik“ endlich von abertausend Lippen klingt, wird dann das einheitslüsterne, das Gleichmacher-Parlament in Frankfurt mit Wien verfahren wie mit Sigmaringen? Wird es den Mut haben, einem großen, siegreichen Volk zuzurufen: „Hier ist Deine Vertretung!“? Wird es 100.000 Mann Reichstruppen aufbieten und den Bürgerkrieg proklamieren?
Wir wissen nicht, wie es handeln wird, wir wissen nur, wie es konsequenterweise handeln müsste; und dieses Wissen genügt uns, um über diese Einheitspolitik entrüstet den Stab zu brechen.
Dies unerschütterliche Festhalten am Konstitutionalismus, dies Drohen und mit Krieg beziehen, wenn ein ganzes Volk, wie Tell, den Gruß vor diesem Gesslerhut2 verweigert – dies Streben nach Einheit, auf Kosten aller freien Entwicklung, ist ein Fluch, aber kein Segen unseres Landes.
Nein, keine Einheit um jeden Preis, überhaupt kein Streben nach Einheit; sie muss sich geben wie die Liebe – aller Zwang ist ihr Tod. Zur „Freiheit um jeden Preis!“ ihr nachgestrebt, ihr jedes Opfer gebracht – das ist unverändert die Losung des Tages. Dann ist die Zeit nahe, wo kein Schwanken mehr ist, „ob einig oder frei?“, dann werden wir einig sein durch die Freiheit und frei sein durch die Einigkeit.
Th. F.
1 Gustav Struve (1805 – 1870) war, zusammen mit Friedrich Hecker, einer der führenden Köpfe der Badischen Revolution, trat für die Volksbewaffnung ein und beteiligte sich an mehreren gewaltsamen Umsturzversuchen
2 Der Gesslerhut kommt in Friedrich Schillers Drama „Wilhelm Tell“ vor und steht seitdem redensartig als Symbol zur Erzwingung untertänigen Verhaltens.
Gleich nach den Februar-Tagen hatte es überall zu gären angefangen, auch in Berlin. Man hatte hier die alte Wirtschaft satt. Nicht dass man sonderlich unter ihr gelitten hätte, nein, das war es nicht, aber man schämte sich ihrer. Aufs Politische hin angesehen, war in unserem gesamten Leben alles antiquiert, und dabei wurden Anstrengungen gemacht, noch viel weiter zurückliegende Dinge heranzuholen und all dies Gerümpel mit einer Art Heiligenschein zu umgeben, immer unter der Vorgabe, „wahrer Freiheit und gesundem Fortschritt dienen zu wollen“. Dabei wurde beständig auf das „Land der Erbweisheit und der historischen Kontinuität“ verwiesen, wobei man nur über eine Kleinigkeit hinwegsah. In England hatte es immer eine Freiheit gegeben, in Preußen nie; England war in der Magna-Charta-Zeit aufgebaut worden, Preußen in der Zeit des blühendsten Absolutismus, in der Zeit Ludwigs XIV., Karls XII. und Peters des Großen. Vor dieser Zeit staatlicher Gründung, beziehungsweise Zusammenfassung, hatten in den einzelnen Landesteilen allerdings mittelalterlich ständische Verfassungen existiert, auf die man jetzt, vielleicht unter Einschiebung einiger Magnifizenzen, zurückgreifen wollte. Das war dann, so hieß es, etwas „historisch Begründetes“, viel besser als eine „Konstitution“, von der es nach königlichem Ausspruche feststand, dass sie was Lebloses sei, ein bloßes Stück Papier. Alles berührte, wie wenn der Hof und die Personen, die den Hof umstanden, mindestens ein halbes Jahrhundert verschlafen hätten. Wiederherstellung und Erweiterung des „Ständischen“, darum drehte sich alles. In den Provinzialhauptstädten, in denen sich, bis in die neueste Zeit hinein, ein Rest schon erwähnten ständischen Lehens tatsächlich – aber freilich nur schattenhaft – fortgesetzt hatte, sollten nach wie vor die Vertreter des Adels, der Geistlichkeit, der städtischen und ländlichen Körperschaften tagen, und bei bestimmten Gelegenheiten – das war eine Neuerung – hatten dann Erwählte dieser Provinziallandtage zu einem großen „Vereinigten Landtag“ in der Landeshauptstadt zusammenzutreten. Eine solche Vereinigung sämtlicher Provinzialstände konnte, nach Meinung der maßgebenden, das heißt durch den Wunsch und Willen des Königs bestimmten Kreise, dem Volke bewilligt werden; in ihr sah man einerseits die Tradition gewahrt, andererseits – und das war die Hauptsache – dem Königtum seine Macht und sein Ansehen er halten. Weiterlesen
König Friedrich Wilhelm IV. lebte ganz in diesen Vorstellungen. Man kann zugeben, dass in der Sache Methode war, ja mehr, auch ein gut Stück Ehrlichkeit und Wohlwollen, und hätte die ganze Szene hundertunddreißig Jahre früher gespielt – wobei man freilich von der unbequemen Gestalt Friedrich Wilhelms I. abzusehen hat, der wohl nicht dafür zu haben gewesen wäre –, so hätte sich gegen ein solches Zusammenziehen der „Stände“, die zu jener Zeit, wenn auch angekränkelt und eingeengt, doch immerhin noch bei Leben waren, nicht viel sagen lassen. Es gab noch kein preußisches Volk. Unsere ostelbischen Provinzen, aus denen im Wesentlichen das ganze Land bestand, waren Ackerbauprovinzen, und was in ihnen, neben Adel, Heer und Beamtenschaft, noch so umherkroch, etwa vier Millionen Seelen ohne Seele, das zählte nicht mit. Aber von diesem absolutistisch patriarchalischen Zustand der Dinge zu Beginn des vorigen Jahrhunderts war beim Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. nichts mehr vorhanden.
Alles hatte sich von Grund aus geändert. Aus den 4 Millionen waren 24 Millionen geworden, und diese 24 Millionen waren keine misera plebs mehr, sondern freie Menschen – wenigstens innerlich –, an denen die die Welt umgestaltenden Ideen der Französischen Revolution nicht spurlos vorübergegangen waren. Der ungeheure Fehler des so klugen und auf seine Art so aufrichtig freisinnigen Königs bestand darin, dass er diesen Wandel der Zeiten nicht begriff und, einer vorgefassten Meinung zuliebe, nur sein Ideal, aber nicht die Ideale seines Volkes verwirklichen wollte. Friedrich Wilhelm IV. handelte, wie wenn er ein Professor gewesen wäre, dem es obgelegen hätte, zwischen dem ethischen Gehalt einer alten landständischen Verfassung und einer modernen Konstitution zu entscheiden, und der nun in dem Alt-Ständischen einen größeren Gehalt an Ethik gefunden. Aber auf solche Feststellungen kam es gar nicht an. Eine Regierung hat nicht das Bessere bez. das Beste zum Ausdruck zu bringen, sondern einzig und allein das, was die Besseren und Besten des Volkes zum Ausdruck gebracht zu sehen wünschen. Diesem Wunsche hat sie nachzugeben, auch wenn sich darin ein Irrtum birgt. Ist die Regierung sehr stark – was sie aber in solchem Falle des Widerstandes gegen den Volkswillen fast nie ist –, so kann sie, länger oder kürzer, ihren Weg gehen, sie wird aber, wenn der Widerstand andauert, schließlich immer unterliegen. Die Schwäche der preußischen Regierung vom Schluss der Befreiungskriege bis zum Ausbruch des Schleswig-Holsteinischen Krieges bestand in dem beständigen sich Auflehnen gegen diesen einfachen Satz, dessen unumstößliche Wahrheit man nicht begreifen wollte. Wenn später Bismarck so phänomenale Triumphe feiern konnte, so geschah es, sein Genie in Ehren, vor allem dadurch, dass er seine stupende Kraft in den Dienst der in der deutschen Volksseele lebendigen Idee stellte.
So wurde das Deutsche Reich aufgerichtet und nur so.
Es schien mir wünschenswert, dies vorauszuschicken, ehe ich mich meiner eigentlichen Aufgabe, der Schilderung der März-Tage, zuwende.
Bis zum dreizehnten war nur eine gewisse Neugier bemerkbar, drin vorwiegend das bekannte witzelnde Wesen der Berliner zum Ausdruck kam; die Leute steckten die Köpfe zusammen. und warteten auf das, was der Tag vielleicht bringen würde. Jeder mutete dem anderen zu, die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Die Welt besteht nun mal nicht aus lauter Helden, und die bürgerliche Welt ist zu freiwilliger Übernahme dieser Rolle besonders unlustig. Als aber die Nachrichten aus Wien eintrafen, fühlte man doch ein Unbehagen darüber, dass nichts so recht in Fluss kommen wollte. Selbst die Bourgeoisie nahm an diesem Empfinden teil. Die „Immer-langsam-Vorans“ waren uns zuvorgekommen, die „Holters“ – nein, das ging doch nicht. Ich wähle, mit gutem Vorbedacht, solche nüchtern prosaisch klingenden Wendungen, da mir sehr wesentlich daran liegt, das, was geschah, keinen Augenblick als mehr erscheinen zu lassen, als es war, aber freilich auch nicht als weniger. Das mit einem Mal in der bürgerlichen Sphäre lebendig werdende Gefühl: „Ach was! wir wollen auch unsere Freiheit haben“, war freilich noch lange nicht dazu angetan, eine Revolution zu machen, aber es unterstützte diese sehr stark, ja entscheidend, als sie schließlich da war. Zwischen denen, die zu guter Letzt die Sache durchfochten, und denen, die mehr oder weniger vergnügt bloß zusahen, war, mit Ausnahme des Couragepunktes, kein allzu großer Unterschied.
Vom dreizehnten bis siebzehnten hatten kleine Straßenkrawalle stattgefunden, alles sehr unbedeutend, nur anstrengend für die Truppen, die, weil beständig alarmiert, einen sehr schweren Dienst hatten. Am achtzehnten früh – Sonnabend – war man in großer Aufregung und, soweit die Bürgerschaft in Betracht kam, freudiger als die Tage vorher gestimmt, weil sich die Nachricht „Alles sei bewilligt“ in der Stadt verbreitet hatte. Wirklich, so war es. Der König hatte dem Andrängen der freisinnigen Minister, Bodelschwingh an der Spitze, nachgegeben und war, nachdem er den Wortlaut der den Wünschen des Volks entgegenkommenden Edikte verschiedenen aus den Provinzen, namentlich aus Rheinland, eingetroffenen Deputationen mitgeteilt hatte, auf dem Balkon des Schlosses erschienen und hier mit Vivats empfangen worden. Der Schlossplatz füllte sich immer mehr mit Menschen, was anfangs nicht auffiel, bald aber dem König ein Missbehagen einflößte, weshalb er zwischen ein und zwei Uhr dem an Stelle des Generals von Pfuel mit dem Kommando der Truppen betrauten General von Prittwitz den Befehl erteilte, die beständig anwachsende Menschenmasse vom Schlossplatz wegzuschaffen. Diesem Befehle Folge gebend, holte General von Prittwitz selbst die Garde-Dragoner herbei und ritt mit ihnen durch die Schlossfreiheit nach dem Schlossplatz. Hier ließ er einschwenken, Front machen und im Schritt den Platz säubern. Da stürzte sich plötzlich die Masse den Dragonern entgegen, fiel ihnen in die Zügel und versuchte den einen oder anderen vom Pferd zu reißen. In diesem für die Truppen bedrohlichen Augenblick brach aus dem mittleren und gleich darauf auch aus dem kleineren Schlossportal – mehr in Nähe der Langen Brücke – eine Tirailleurlinie vor, und seitens dieser fielen ein paar Schüsse. Fast unmittelbar darauf leerte sich der Platz, und die bis dahin vor dem Schloss angesammelte Volksmasse, drin Harmlose und nicht Harmlose ziemlich gleichmäßig vertreten waren, zerstob in ihre Quartiere.
Unter den Harmlosen, ja, ich darf wohl hinzusetzen, mehr als Harmlosen, die sofort davonstürzten, um ihre Person in Sicherheit zu bringen, befand sich auch mein Prinzipal. Er war ein guter Schütze, sogar Jagdgrundinhaber in der Nähe von Berlin, aber „selbst angeschossen zu werden“ war nicht sein Wunsch. Ich sehe noch sein bis zum Komischen verzweifeltes Gesicht, mit dem er bei uns eintraf und nach Erzählung des Hergangs sich dahin resolvierte: „Ja, meine Herren, so was ist noch nicht dagewesen; das ist ja die reine Verhöhnung, alles versprechen und dann schießen lassen, und auf wen? auf uns, auf ganz reputierliche Leute, die Front machen und grüßen, wenn eine Prinzessin vorbeifährt, und die prompt ihre Steuern bezahlen!“ Es war auf dem Hausflur, dass diese Rede gehalten wurde. Wir standen drum herum, und auch die vorzüglichsten Mieter des Hauses hatten sich eingefunden. Dies war, neben andern, ein eine Treppe hoch wohnendes Ehepaar, Kapellmeister St. Aubin und Frau vom Königstädtischen Theater, er ein kleines unbedeutendes Hutzelmännchen, sie, wie die meisten Französinnen von über vierzig, von einer gewissen Stattlichkeit und mit dem Bewusstsein dieser Stattlichkeit über ihr ganzes oberes Embonpoint wegsehend. Beide, wiewohl halbe Fremde, nahmen doch teil an der allgemeinen Aufregung. Der einzige fast Nüchterne war ich. In einem gewissen ästhetischen Empfinden fand ich alles, was ich da eben über die Schlossplatzhergänge gehört hatte, so bourgeoishaft ledern, dass ich mich mehr zum Lachen als zur Empörung gestimmt fühlte. Das war aber nur von kurzer Dauer. Als ich gleich danach auf die Straße trat und die Menschen wie verstört an mir vorüberstürzen sah, wurde mir doch anders zu Sinn. Am meisten Eindruck machten die auf mich, die nicht eigentlich verstört, aber dafür ernst und entschlossen aussahen, als ging es nun an die Arbeit. Ich hielt mich von da ab abseits von meinen Kollegen, die ganz stumpfsinnig dastanden oder sich an Berliner Witzen aufrichteten, während ich ganz im Stillen meine Winkelriedgefühle hatte. Dass ich in Taten sehr hinter diesen Gefühlen zurückblieb, sei hier gleich vorweg ausgesprochen.
Draußen hatte sich das Bild rasch verändert. Die Straße wirkte wie gefegt, und nur an den Ecken war man mit Barrikadenbau beschäftigt, zu welchem Zweck alle herankommenden Wagen und Droschken angehalten und umgestülpt wurden. In meinem Gemüt aber wurden plötzlich allerhand Balladen- und Geschichtsreminiszenzen lebendig, darunter dunkle Vorstellungen von der ungeheuren Macht des Sturmläutens; alles Große, soviel stand mir mit einem Male fest, war durch Sturmläuten eingeleitet worden. Ich lief also, ohne mich lange zu besinnen, auf die nur fünfzig Schritt von uns entfernte Georgenkirche zu, um da mit Sturmläuten zu beginnen. Natürlich war die Kirche zu – protestantische Kirchen sind immer zu –, aber das steigerte nur meinen Eifer und ließ mich Umschau halten nach einem Etwas, womit ich wohl die stark mit Eisen beschlagene, trotzdem aber etwas altersschwach aussehende Tür einrennen könnte. Richtig, da stand ein Holzpfahl, einer von jener Art, wie man sie damals noch auf allen alten und abgelegenen Kirchplätzen fand, um, nachdem man eine Leine von Pfahl zu Pfahl gespannt, Wäsche daran zu trocknen. Ich machte mich also an den Pfahl und nahm auch zu meiner Freude wahr, dass er schief stand und schon stark wackelte; trotzdem – wie manchmal ein Backzahn, den man, weil er wackelt, auch leicht unterschätzt – wollte der Pfahl nicht heraus, und nachdem ich mich ein paar Minuten lang wie wahnsinnig mit ihm abgequält und sozusagen mein bestes Pulver – denn ich kam nachher nicht mehr zu rechter Kraft – an ihm verschossen hatte, musste ich es aufgeben. Mit meinem Debüt als Sturmläuter war ich also gescheitert, soviel stand fest. Aber ach, es folgten noch viele weitere Seheiterungen.
Schweißtriefend kam ich von dem stillen Kirchplatz in die Neue Königstrabe zurück, auf der eben vom Tor her ein Arbeiterhaufen heranrückte, lauter ordentliche Leute, nur um sie herum etliche verdächtige Gestalten. Es war halb wie eine militärische Kolonne, und ohne zu wissen, was sie vorhatte, rangierte ich mich ein und ließ mich mit fortreißen. Es ging über den Alexanderplatz weg auf das Königstädter Theater zu, das alsbald wie im Sturm genommen wurde. Man brach aber nicht von der Front, sondern von der Seite her ein und besetzte hier, während einige, die Bescheid wussten, bis in die Garderoben und Requisitenkammern vordrangen, einen Vorraum, wahrscheinlich eine Pförtnerstube, drin ein Bettstand. Über dem Bett hing eine altmodische silberne Uhr, eine sogenannte PfundUhr, mit dicken Berlocques und großen römischen Zahlen. Einer griff darnach. „Nicht anrühren“, donnerte von hinten her eine Stimme rüber, und ich konnte leicht wahrnehmen, dass es ein Führer war, der da, von seinem Platz aus, nach dem Rechten sah und dafür sorgte, dass das mehr und mehr sich mit einmischende Gesindel nicht aufkomme. Mittlerweile hatten die weiter in den Innenraum eingedrungenen all das gefunden, wonach sie suchten, und in derselben Weise, wie sich beim Hausbau die Steinträger die Steine zuwerfen, wurde nun, von hinten her, alles zu uns herübergereicht: Degen, Speere, Partisanen und vor allem kleine Gewehre, wohl mehrere Dutzend. Wahrscheinlich – denn es gibt nicht viele Stücke, drin moderne Schusswaffen massenhaft zur Verwendung kommen – waren es Karabiner, die man fünfzehn Jahre früher in dem beliebten Lustspiele „Sieben Mädchen in Uniform“ verwandt hatte, hübsche kleine Gewehre mit Bajonett und Lederriemen, die, nachdem sie den theaterfreundlichen, guten alten König Friedrich Wilhelm III. manch liebes Mal erheitert hatten, jetzt, statt bei Lampenlicht, bei vollem Tageslicht in der Welt erschienen, um nun gegen ein total unmodisch gewordenes und dabei, ganz wie ein „altes Stück“, ausschließlich langweilig wirkendes Regiment ins Feld geführt zu werden. Ich war unter den ersten, denen eins dieser Gewehre zufiel, und hatte momentan denn auch den Glauben, dass einer Helden-Laufbahn meinerseits nichts weiter im Wege stehe. Noch eine kurze Weile blieb ich auch in dieser Anschauung. Wieder draußen angekommen, schloss ich mich abermals einem Menschenhaufen an, der sich diesmal unter dem Feldgeschrei „Nun aber Pulver“ zusammengefunden hatte. Wir marschierten auf einen noch halb am Alexanderplatz gelegenen Eckladen los und erhielten von dem Inhaber auch alles, was wir wünschten. Aber wo das Pulver hintun? Ich holte einen alten zitronengelben Handschuh aus meiner Tasche und füllte ihn stopfevoll, so dass die fünf Finger wie gepolstert aussahen. Und nun wollt ich bezahlen. „Bitte, bitte“, sagte der Kaufmann, und ich drang auch nicht weiter in ihn. So fehlte denn meiner Ausrüstung nichts weiter als Kugeln; aber ich hatte vor, wenn sich diese nicht finden sollten, entweder Murmeln oder kleine Geldstücke einzuladen. Und so trat ich denn auch wirklich an unsere Barrikade heran, die sich mittlerweile zwar nicht nach der fortifikatorischen, aber desto mehr nach der pittoresken Seite hin entwickelt hatte. Riesige Kulissen waren aus den Theaterbeständen herangeschleppt worden, und zwei große Berg und Waldlandschaften, wahrscheinlich aus Adlershorst, haben denn auch den ganzen Kampf mit durchgemacht und sind mehrfach durchlöchert worden. Jedenfalls mehr als die Verteidiger, die klüglich nicht hinter der Barrikade, sondern im Schutz der Haustüren standen, aus denen sie, wenn sie ihren Schuss abgeben wollten, hervortraten. Aber das hatte noch gute Wege. Vorläufig befand ich mich noch keinem Feind gegenüber und schritt dazu, wohlgemut, wenn auch in begreiflicher Aufregung, meinen Karabiner zu laden. Ich klemmte zu diesem Behufe das Gewehr zwischen die Knie und befleißigte mich, aus meinem Handschuh sehr ausgiebig Pulver einzuschütten, vielleicht von dem Satze geleitet: „Viel hilft viel“. Als ich so den Lauf halb voll haben mochte, sagte einer, der mir zugesehen hatte: „Na, hören Sie …“ Worte, die gut gemeint und ohne Spott gesprochen waren, aber doch mit einem Mal meiner Heldenlaufbahn ein Ende machten. Ich war bis dahin in einer fieberhaften Erregung gewesen, die mich aller Wirklichkeit, jeder nüchtern verständigen Erwägung entrückt hatte, plötzlich aber – und umso mehr, als ich als gewesener Franz-Grenadier doch wenigstens einen Schimmer vom Soldatenwesen, von Schießen und Bewaffnung hatte – stand alles, was ich bis dahin getan, im Lichte einer traurigen Kinderei vor mir, und der ganze Winkelriedunsinn fiel mir schwer auf die Seele. Dieser Karabiner war verrostet; ob das Feuersteinschloss noch funktionierte, war die Frage, und wenn es funktionierte, so platzte vielleicht der Lauf, auch wenn ich eine richtige Patrone gehabt hätte. Stattdessen schüttete ich da Pulver ein, als ob eine Felswand abgesprengt werden sollte. Lächerlich! Und mit solchem Spielzeug ausgerüstet, nur gefährlich für mich selbst und für meine Umgebung, wollte ich gegen ein Garde-Bataillon anrücken! Ich war unglücklich, dass ich mir das sagen musste, aber war doch zugleich auch wie erlöst, endlich zu voller Erkenntnis meiner Verkehrtheit gekommen zu sein. Das Hochgefühl, bloß zu fallen, um zu fallen, war mir fremd, und ich gratuliere mir noch nachträglich dazu, dass es mir fremd war. Heldentum ist eine wundervolle Sache, so ziemlich das Schönste, was es gibt, aber es muss echt sein. Und zur Echtheit, auch in diesen Dingen, gehört Sinn und Verstand. Fehlt das, so habe ich dem Heldentum gegenüber sehr gemischte Gefühle.
Hier alle Werke Fontanes aufzulisten, würde den Rahmen sprengen. Die im Hanser Verlag erhältliche „Große Brandenburger Ausgabe“ seiner Werke umfasst mehr als 30 Bände. Und die verdienstvolle Fontane-Bibliographie von Wolfgang Rasch, die fortlaufend aktualisiert wird, listet viele Tausend Textveröffentlichungen Theodor Fontanes auf – sie ist unter fontanearchiv.de/fontane-bibliographie abrufbar.
Josef Ettlinger: Theodor Fontane. Biografie, Edition Lebensbilder 2017
Regina Dieterle: Theodor Fontane. Biografie, Carl Hanser Verlag 2018.
Iwan-Michelangelo D’Aprile: Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung, Rowohlt Verlag 2018.
Hans Dieter Zimmermann: Theodor Fontane. Der Romancier Preußens, C. H. Beck 2019.
Edda Ziegler, Gotthard Erler: Theodor Fontane. Lebensraum und Phantasiewelt. Eine Biographie, Aufbau Verlag 2019.
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