THEODOR MÖGLING
Abb.: Abgedruckt in: Wilhelm Blos: Die deutsche Revolution. Geschichte der deutschen Bewegung von 1848 und 1849, Stuttgart 1893, S. 191.
Der politische Lebensweg Theodor Möglings war geprägt von den beiden Revolutionen, die er – einmal als ferner Beobachter und einmal als unmittelbarer Teilnehmer – erlebte und die jeweils drastische Auswirkungen auf seine Überzeugungen hatten. Die französische Julirevolution 1830 machte den aus Brackenheim stammenden Pfarrerssohn zum überzeugten Republikaner. Durch seine kritische Haltung wurden ihm fortan einige erhebliche Steine in den Weg gelegt; diese hinderten ihn aber nicht daran, sich auch im monarchischen Staat eine überaus erfolgreiche Existenz aufzubauen. Wegen politischer Betätigung der Universität verwiesen, widmete er sich der Landwirtschaft und wurde bald ein überregional angesehener Seidenbaufachmann. Sein Erfolg führte dazu, dass sich auch die Krone bald um Förderung und Einbeziehung seiner Person bemühte. In den Jahren vor der Revolution blieb Mögling davon überzeugt, dass Veränderungen auf dem Weg der Reform erreichbar seien. Mit dem Ausbruch der Revolution von 1848, die ihn in engen Kontakt mit den badischen Republikanern um Friedrich Hecker und Gustav Struve brachte, wandelte sich seine Haltung jedoch schlagartig. Rasch gelangte Mögling nun zur Überzeugung, dass die Republik allein durch einen bewaffneten Volksaufstand zu erreichen sei. Nach der Beteiligung an mehreren erfolglosen Aufständen wurde er schließlich gefangen genommen und saß bis 1856 in Einzelhaft. Im Anschluss betätigte er sich noch einmal für kurze Zeit publizistisch, erlag aber bereits 1867 einem schweren Hirnleiden.
Theodor Mögling wurde am 2. Dezember 1814 in Brackenheim geboren. Sein Vater war der Pädagoge und spätere evangelische Pfarrer Wilhelm Ludwig Friedrich Mögling.
Bereits mit sechzehn Jahren begann Mögling ein Studium der Medizin in Tübingen. Während des Studiums engagierte er sich in der studentischen Bewegung.
Die Beteiligung an einem studentischen Protest führte zu mehrmonatiger Untersuchungshaft und einem Prozess gegen Mögling. Die Fortsetzung des Studiums wurde ihm vorläufig untersagt.
Ab dem Herbst 1836 besuchte er die Landwirtschaftliche Akademie zu Hohenheim, wo er sich für die Seidenraupenzucht zu interessieren begann. Schon bald erregte er mit Fachpublikationen auf diesem Gebiet größere Aufmerksamkeit.
Das Urteil im seit Jahren gegen ihn laufenden Prozess wurde im Dezember 1837 gefällt. Es lautete auf neun Monate Festungshaft.
Mittlerweile hatte Möglings Erfolg als Seidenfachmann ihm die Gunst der Krone gesichert. Er wurde 1842 als Lehrer nach Hohenheim berufen; vier Jahre später sollte ihm der Titel eines Ökonomierats verliehen werden.
Weniger als ein Jahr vor Ausbruch der Revolution wurde Mögling als – zu diesem Zeitpunkt sehr gemäßigt Oppositioneller – in die Zweite Kammer gewählt.
Nach seiner Enttäuschung über das Verhalten des Vorparlaments nahm Mögling an mehreren bewaffneten Aufständen teil. Nach dem Gefecht bei Waghäusel geriet er schwerverletzt in preußische Gefangenschaft und wurde zunächst zum Tode, dann zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.
Mögling wurde 1856 aus der Einzelhaft entlassen. Zunächst ging er in die Schweiz und widmete sich dem Schreiben seiner 1858 veröffentlichten und in Baden kurz nach Erscheinen untersagten Autobiografie.
In diesem Jahr bereiste Mögling das im Zweiten Unabhängigkeitskrieg steckende Italien. Er verfasste über seine Eindrücke den Reisebericht „Ein Besuch bei Garibaldi im Sommer 1859”.
Nach einem mit multiplen Schlaganfällen verbundenen Hirnleiden verstarb Theodor Mögling am 17. April 1867 in Göppingen.
Giovanna-Beatrice Carlesso
„Es nützt aber alles nichts”, schreibt Theodor Mögling im Dezember 1848 an Emma Herwegh, „die Revolution ist einmal im Zuge, und wird nicht eher stille stehen, als bis unsere Zwecke erreicht sind. Ich wenigstens lasse, solange ich lebe, nicht eher nach.”1
Mögling, der als einziger Württemberger führend an allen drei Erhebungen der badischen Revolution von 1848/49 teilnahm, wurde 1814 in Brackenheim geboren. Er war der zweite Sohn des Pädagogen und Pfarrers Friedrich Mögling, der zu Studienzeiten von einer Auswanderung auf die Südseeinsel Tahiti und von der dortigen Errichtung eines Freistaats geträumt hatte. Den Vater zeichneten Offenheit und Toleranz aus – rückblickend erinnert sich Theodor, dass im elterlichen Haus „Leute aus allen Ständen, Religionsbekenntnissen und politischen Farben” aus- und eingingen, „vom Fürsten bis zum Bettelknaben, vom orthodoxen württembergischen Prälaten bis zum freigeistigen Vikar, vom Minister bis zum Kopisten, vom Generale bis zum einfachen Soldaten”.2 So lernte der Pfarrerssohn schon damals, Menschen – über die sozialen Schranken hinweg – unvoreingenommen zu begegnen. Was Theodors politische Gesinnung anlangte, erwies sich die Julirevolution in Frankreich 1830 als richtungsweisend. Die republikanisch geprägte Erhebung der Pariser Handwerker, Arbeiter und Studenten gegen die Restaurationspolitik Karls X. beeindruckte ihn tief: „Von diesem Zeitpunkt an wurde ich eifriger Republikaner, interessierte mich von nun an für Politik und folgte den Helden des Tages mit ungeteilter Bewunderung.”3 Weiterlesen
Noch nicht 17 Jahre alt, begann Theodor Mögling in Tübingen das Studium der Medizin. Der Vater hatte ihm einen Vorlesungsplan zusammengestellt, an den sich der junge Student zwar hielt, jedoch mit viel größerer Begeisterung Unterricht im Reiten, Fechten und Tanzen nahm. Auch hatte er sich einer Burschenschaft angeschlossen: Er war Mitglied der Tübinger Feuerreiter und nahm 1833 an einem Studentenauflauf teil, woraufhin ihm ein Prozess angehängt wurde. Nach mehrmonatiger Untersuchungshaft kam Theodor gegen eine Kaution frei. Allerdings wurden ihm der Aufenthalt an der Universität sowie das Verlassen Württembergs untersagt, weshalb er sein Medizinstudium nicht fortsetzen konnte. Da ein baldiges Ende des Verfahrens nicht absehbar war, gab Theodor das Universitätsstudium auf und wandte sich der Landwirtschaft zu. Seit Herbst 1836 besuchte er die Landwirtschaftliche Akademie zu Hohenheim, wo er sich für einen weitgehend in Vergessenheit geratenen Erwerbszweig zu interessieren begann: die Seidenraupenzucht. Bald schon machte er mit Beiträgen über den Seidenbau in Fachzeitschriften auf sich aufmerksam. Seine landwirtschaftlichen Studien musste Mögling im Dezember 1837 unterbrechen – jetzt erst hatte man das Urteil in seinem Prozess gefällt und ihn wegen „entfernter Teilnahme an dem Versuch eines die Selbstständigkeit des Staates gefährdenden Aufruhrs” zu neun Monaten Festungshaft auf dem Hohenasperg verurteilt. Mögling verbüßte nicht seine gesamte Strafe auf der Festung; einen Teil der Haftzeit verbrachte er im Rottenburger Kreisgefängnis als „Aufseher über die Seidenrauperei”, die der Oberamtsrichter Ludwig Otto Gmelin dort eingerichtet hatte.
Zu Beginn des Jahres 1838 unternahm Mögling eine Studienreise nach Frankreich, für die ihm der württembergische König auf Empfehlung Gmelins ein Stipendium gewährt hatte. Auf seiner Reise besuchte er den Seidenzuchtspezialisten Camille Beauvais und machte in Paris Bekanntschaft mit Friedrich List, einem der bedeutendsten deutschen Wirtschaftstheoretiker der Zeit – eine Begegnung, die ihn darin bestärkte, sich vermehrt nationalökonomischen Fragen zuzuwenden. Nach seiner Rückkehr aus Frankreich konnte sich Mögling als führender Seidenbaufachmann, weit über die Grenzen Württembergs hinaus, etablieren. 1842 erhielt er einen Ruf als Lehrer nach Hohenheim, vier Jahre später verlieh ihm König Wilhelm I., der seine Tätigkeit mit Wohlwollen verfolgte, den Titel eines Ökonomierats. Mögling sah in der Seidenzucht ein geeignetes Mittel zur Armenbeschäftigung. Dass deren Aufschwung nicht so schnell, wie erhofft, erfolgte, führte er auf die Bürokratie zurück, die er als „Krebsschaden jeder Staatsverfassung” bezeichnete. Die Bekämpfung der „verfluchten Schreiberwirtschaft” war ihm als Abgeordneter ein besonderes Anliegen. Bei den Landtagswahlen im Sommer 1847 war er im Amtsbezirk Tuttlingen in die Zweite Kammer gewählt worden. Als diese im Januar 1848 zusammentrat, schloss sich Mögling einer gemäßigten Partei zwischen Regierung und liberaler Opposition an. Er war Sekretär im Vorstand, wirkte in der Finanzkommission mit und brachte einen Antrag auf Hebung der landwirtschaftlichen und gewerblichen Zustände Württembergs ein. Noch war Mögling davon überzeugt, dass eine Änderung der politischen und ökonomischen Verhältnisse nur auf dem Weg der Reform – Hand in Hand mit dem Volk und der Krone – möglich sei.
Vom 31. März bis 3. April 1848 nahm er am Vorparlament in der Frankfurter Paulskirche teil, das den Zusammentritt der Nationalversammlung vorbereitete. Hier lernte er die badischen Republikaner Friedrich Hecker und Gustav Struve kennen – ein Schlüsselerlebnis, denn nun änderte sich Möglings zuvor auf Reformen bedachte Einstellung grundlegend: Er schloss sich der radikal-demokratischen, republikanischen Bewegung an und unterzeichnete Struves 15-Punkte-Programm, das die „Sicherheit des Eigentums und der Person, Wohlstand, Bildung und Freiheit für alle ohne Unterschied der Geburt, des Standes und des Glaubens” forderte, jedoch von der Mehrheit des Vorparlaments abgelehnt wurde. Nachdem auch Heckers Antrag auf Tagung in Permanenz scheiterte und von der republikanischen Partei keiner in den Fünfzigerausschuss gewählt wurde, verließen Hecker und seine Anhänger die Versammlung. Ebenso Mögling, der – nach Stuttgart zurückgekehrt – in der Tageszeitung Der Beobachter unmittelbar Stellung bezog. Er erklärte, dass er kein Mandat für die württembergische Abgeordnetenkammer mehr annehmen könne, da er die Republik für die einzig richtige Staatsform anerkannt habe. Wenige Tage später machte er sich nach Konstanz auf, wo Hecker den bewaffneten Volksaufstand vorbereitete.
Friedrich Hecker gewann in Mögling einen selbstlosen und treuen Mitstreiter. Mit seiner stattlichen Größe und seiner geradezu „phlegmatischen Ruhe” war der Württemberger eine auffallende Erscheinung. Als Hecker in der Nacht vom 11. zum 12. April im Gasthaus zum Badischen Hof seinen Aufruf an das Volk verfasste, schien es aber dem sonst so ruhigen Mögling nicht schnell genug zu gehen. Sein Freund Franz Sigel erinnert sich: „Hecker ging in großer Aufregung im Zimmer auf und ab, diktierte Mögling die Proklamation, hielt aber oft inne, so daß ihm Mögling zurief: ›Diktier’, Hecker ! Diktier’!‹ als ob die ›Republik‹ davon laufen wollte.”4 Mögling selbst war von seinem Verhalten im April 1848 nicht wenig erstaunt. „Ich muß gestehen”, schreibt er in seinen Memoiren, „ich betrachtete mich selbst mit Verwunderung. Als ich meine Teilnahme an dem ersten republikanischen Aufstand zugesagt hatte, dachte ich natürlich hauptsächlich an eine geistige Teilnahme, ich wollte unsere Partei durch geistige Arbeiten unterstützen, in irgendeinem Dienstzweig mit der Feder arbeiten, an einen sogenannten Freischarenzug hatte ich nimmermehr gedacht. Da die ganze Sache aber eine andere Gestalt angenommen hatte, so besann ich mich nicht lange, sondern zog als Wehrmann der künftigen deutschen Republik mit, da es mir an physischen Mitteln dazu nicht fehlte. Ich hatte plötzlich das Schwert mit der Feder vertauscht.”5 Schon am dritten Tag der Erhebung wählten die Konstanzer Arbeiter, die Kerntruppe des Zuges, Mögling zu ihrem Anführer.
Am Revolutionszug beteiligten sich an die 6.000 Mann, aufgeteilt in drei Kolonnen. Mögling gehörte mit seiner Konstanzer Truppe der Hecker’schen Kolonne an, die am 20. April bei Kandern auf badische und hessische Truppen stieß. Das von Hecker erhoffte Überlaufen der Soldaten blieb aus, und so wurden die in Ausrüstung und Zahl weit unterlegenen Freischärler nach kurzem Kampf geschlagen. Mögling, der die Abteilung des rechten Flügels führte, zeichnete sich bei dem Zusammenstoß durch Unerschrockenheit aus. Als er eine zufällig in das Kampfgeschehen geratene Bauersfrau mit seinem Körper abschirmte, gaben ihm seine Freunde den Kriegsnamen: „die lebendige Barrikade”.
Hecker, der nach der Niederlage seine Sache verloren glaubte, rettete sich in die Schweiz und ging nach Muttenz, wohin ihm der zunächst nach Frankreich geflohene Mögling folgen sollte. Das Scheitern des Aufstands hielt Mögling, der in den folgenden Monaten seine Stellung unter den Republikanern stärken konnte, nicht davon ab, Hecker weiterhin die Treue zu halten: „Auf unsere Erhebung im Frühjahre und auf deinen Namen lasse ich nichts Nachteiliges kommen, darauf kannst du dich verlassen”, versicherte er Hecker wenige Wochen nach dessen Aufbruch nach Amerika im September 1848.6
Mit der Teilnahme an Struves Aufstand, der bereits nach vier Tagen mit der Niederlage bei Staufen am 24. September 1848 endete, verwirkte Mögling sein Asylrecht in der Schweiz und musste nach Frankreich ins Exil. In Straßburg verwaltete er als Statthalter Heckers die ihm von seinem Freund anvertraute Unterstützungskasse der deutschen Exilrepublikaner. Darüber hinaus veröffentlichte er seinen Politischen Katechismus, bestimmt als Leitfaden für Redner in politischen Vereinen, und legte Heckers Rechtfertigungsschrift, in der er selbst mit einem Beitrag vertreten war, neu auf.
Selbst nach dem gescheiterten Septemberputsch hielt Mögling an seinem Glauben an eine Revolution von unten fest und stellte sich bei Ausbruch der Mairevolution 1849 zur Durchsetzung der Reichsverfassung umgehend in den Dienst der Provisorischen Regierung Badens. Als Generalstabshauptmann kommandierte er am 13. Juni bei Schriesheim den rechten Flügel der Badener gegen die Reichstruppen. Am Abend des 15. Juni nahm er das von den Gegnern am Nachmittag eroberte Städtchen Ladenburg wieder ein. Im Gefecht bei Waghäusel am 21. Juni führte Mögling auf Befehl von General Ludwik Mierosławski einen Gegenangriff auf die preußischen Truppen, bei dem er durch eine feindliche Kugel schwer verwundet wurde. Mit zerschmettertem linken Schenkelknochen kam er ins Heidelberger Spital und geriet in preußische Gefangenschaft. Am 19. Oktober stellte man ihn vor das Mannheimer Standgericht.
Mögling zweifelte nicht daran, dass die badische Regierung Rache an ihm nehmen würde. Weil er nichts mehr zu verlieren glaubte und fest mit der Todesstrafe rechnete, trat er vor seine Ankläger mit aufsehenerregender Unerschrockenheit. Seine Standgerichtsverhandlung hinterließ einen solchen Eindruck, dass darüber sogar eine eigene Publikation erschien.7 Das gegen Mögling wegen „ausgezeichneter Teilnahme am Kampfe” ausgesprochene Todesurteil wurde nachträglich in eine zehnjährige Zuchthausstrafe umgewandelt, wohl um öffentliche Empörung über die Hinrichtung eines Schwerverletzten zu vermeiden. Zudem hatte sich der württembergische König persönlich für den Brackenheimer eingesetzt und dessen Abschiebung nach Amerika beantragt. Mögling, der vor dem Standgericht ersucht hatte, als Kriegsgefangener und nicht, wie die Anklage lautete, als Hochverräter behandelt zu werden, empfand die Begnadigung in Form einer Zuchthausstrafe als tiefe Erniedrigung.
Im Bruchsaler Zuchthaus beschäftigte man den Revolutionär mit Buchbindearbeiten. Nebenbei konnte er sich eigenen Studien widmen, die er mit eiserner Disziplin betrieb. Mögling soll während seiner Gefangenschaft über 400 Bücher gelesen und mehrere Sprachen erlernt haben. Auch im Zuchthaus blieb er seiner Gesinnung treu und galt als unbeugsamer Republikaner. Er verzichtete darauf, eine vorzeitige Haftentlassung zu beantragen, die eine Reueerklärung erfordert hätte. Ebenso wenig profitierte er von der ersten Teilamnestie, die Großherzog Friedrich I. im September 1855 anlässlich seiner Verlobung mit Prinzessin Luise von Preußen angeordnet hatte.
Da sich Mögling für die Einzelhaft entschieden hatte, wurde seine Haftzeit auf sechs Jahre und acht Monate herabgesetzt – seine Freilassung erfolgte am 20. Juni 1856. Während sich viele ehemalige Mitstreiter nach Amerika abgesetzt hatten, stand für Mögling eine Auswanderung außer Frage, hatte er sich doch „den freien Aufenthalt in Europa mit schweren Opfern erkauft”. Außerdem wollte er im Falle einer „politischen Auferstehung Deutschlands” sogleich wieder zur Stelle sein. Noch im Herbst 1856 zog es Mögling in die Schweiz. In der Nähe von Biel hatten deutsche Demokraten eine Gesellschaft zur Ausbeutung Schweizer Torfmoore gegründet; Mögling wurde Mitaktionär und technischer Leiter des Unternehmens. Daneben widmete er sich dem Schreiben seiner Autobiografie, die er 1858 in Solothurn unter dem Titel Briefe an seine Freunde herausgab. Von seinem Buchprojekt und den damit verbundenen Absichten hatte er Hecker bereits im September 1856 erzählt: „Ich werde eine kleine Schrift schreiben, in welcher ich meine Beteiligung an der Revolution und meine Gründe, die mich veranlaßten, so zu handeln, wie ich gehandelt habe, offen darlegen werde. Die möglichst ruhige Haltung, gewissenhafteste Beobachtung der Wahrheit und furchtloser Freimut werden dazu beitragen, den Schimpf und den Schmach unserer Feinde unvertilgbar zu machen.”8 Reaktionäre Kräfte suchten die Verbreitung der Memoiren zu unterbinden. Im Großherzogtum Baden wurde das Buch im November 1858 beschlagnahmt und der Autor wegen „Gefährdung der öffentlichen Ruhe und Ordnung” angeklagt.
1860 gab Theodor Mögling eine weitere Schrift heraus: den Reisebericht Ein Besuch bei Garibaldi im Sommer 1859. Darin schildert der damals 44-Jährige seinen Aufenthalt in Italien während des Zweiten Unabhängigkeitskriegs. In Lecco am Comer See empfing ihn der General mit einer Herzlichkeit, die Mögling tief berührte: „Ich fühlte sogleich, daß ich an Garibaldi einen Mann nach meinem Geschmacke gefunden habe.”9 Der charismatische Freiheitskämpfer war für ihn der Inbegriff des „Mannes der Tat”. In Garibaldis Einsatz für die italienische Einigung – ohne Rücksicht auf das eigene Leben –, erkannte sich Mögling wieder. Ende Juli 1859 kehrte er in die Schweiz und schließlich nach Württemberg zurück, wo er 1861 Maria Luise Saurmann heiratete. Als ihn Ferdinand Lassalle 1863 darum bat, Bevollmächtigter des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins für Schwaben zu werden, lehnte Mögling ab. Er hatte mittlerweile den Trailhof bei Backnang erworben, ein kleines Bauerngut auf den Höhen des Murrhardter Waldes. Mit Frau und Sohn lebte er dort als einfacher Landwirt.
Materielle Sorgen und gesundheitliche Probleme überschatteten dieses letzte landwirtschaftliche Unternehmen. Ein Hirnleiden mit wiederkehrenden Schlaganfällen führte im Mai 1866 zu Möglings Einweisung in die Dr. Landerer’sche Heil- und Pflegeanstalt für Gemüts- und Nervenkranke in Göppingen. Zur Deckung der Anstaltskosten musste das Gut versteigert werden. Während sich Möglings Zustand zunehmend verschlechterte, regte sich jenseits des Atlantiks Solidarität mit dem einstigen Freiheitskämpfer: Demokraten in Amerika bildeten einen „Mögling-Fond”, um ihn und seine mittellos gewordene Familie zu unterstützen. Auch in London formierte sich um Karl Blind und Ferdinand Freiligrath ein Ausschuss, der die in England lebenden Deutschen zu Spenden für Mögling aufforderte. Insgesamt soll so eine Summe von 10.000 Talern zusammengekommen sein.
Geistig umnachtet starb Mögling am 17. April 1867 im Alter von 52 Jahren; am 21. April wurde er in Göppingen beerdigt. Die an seinem Grab versammelten Freunde sahen in ihm einen „Märtyrer der Volkssache”, der wie kein anderer „Hingebung und Mut” bewiesen habe. Carl Mayer, Herausgeber des Beobachters, schreibt in seinem Nachruf: „Er wird aber fortleben unter seinen Landsleuten als der Mann ohne Falsch und ohne Wanken und selbst die deutsche Geschichte wird seinen Namen bewahren als einen der wenigen, die zuerst und mit reiner Hand das Schwert erhoben haben für die deutsche Republik.”10 Doch Mayer sollte sich irren: Theodor Mögling verschwand schon bald aus dem kollektiven Gedächtnis – dem Brackenheimer Revolutionär war es nicht vergönnt, Identifikationsfigur der frühen deutschen Demokratiebewegung zu werden.
1 Zitiert nach Marcel Herwegh (Hg.): 1848. Briefe von und an Georg Herwegh, Paris/Leipzig/München 1896, S. 257.
2 Theodor Mögling: Für Freiheit und Demokratie. Mitteilungen eines 1848er-Revolutionärs, hrsg. von Giovanna-Beatrice Carlesso, Brackenheim 2009, S. 36 (Neuherausgabe von Mögling: Briefe an seine Freunde, Solothurn 1858).
3 Ebd., S. 38.
4 Wilhelm Blos (Hg.): Denkwürdigkeiten des Generals Franz Sigel aus den Jahren 1848 und 1849, Mannheim 1902, S. 24.
5 Mögling: Für Freiheit und Demokratie, S. 91f.
6 Zitiert nach Franz X. Vollmer: Der Hecker-Nachlaß von St. Louis /USA, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 136 (1988), S. 349–415, hier S. 384.
7 Friedrich Lichterfeld: Theodor Mögling vor dem Standgerichte zu Mannheim den 19. October 1849, zur Charakteristik der badischen Standgerichte, Mannheim 1849.
8 Zitiert nach Vollmer: Hecker-Nachlaß, S. 395.
9 Theodor Mögling: Ein Besuch bei Garibaldi im Sommer 1859, Zürich 1860, S. 10.
10 Carl Mayer: Theodor Mögling, in: Der Beobachter vom 29. Mai 1867, S. [3].
„Die Republikaner Deutschlands, fälschlich Anarchisten genannt, haben zu Anfang dieses Jahres gezeigt, dass sie die Einführung einer freien vernunftgemäßen Staatsverfassung nicht für eine bloß sehr entfernt liegende Möglichkeit halten, sondern dass sie entschlossen sind, eine solche Staatsverfassung im Notfall mit den äußersten Mitteln durchzusetzen. Die Republikaner, welche eine Verfassung wollen, nach welcher der Mensch als freies, selbstständiges Wesen seine Geltung hat, sind die entschiedensten Feinde der Monarchisten, weil in der Monarchie oder Alleinherrschaft der Mensch seiner natürlichen Rechte beraubt, bloß als Maschine betrachtet wird, um die Macht einer Familie oder eines Mannes zu sichern. Die Monarchie, durch die Verblendung des Volkes allzu reich ausgestattet, hat es nicht verschmäht, zu den ehrlosesten Mitteln zu greifen, um die Bestrebungen der Republikaner zu verdächtigen und das verratene und betrogene Volk noch länger zu ihren Zwecken zu mißbrauchen, sie hat den Republikanern die eigennützigsten und unedelsten Absichten vorgeworfen und überhaupt nichts gescheut, das Volk zu seinem eigenen Nachteil zu betören. Folgende Zeilen sind niedergeschrieben, um die ehrlose Waffe der Verleumdung, welche so gerne von den Monarchisten gegen die Republikaner gebraucht wird, unschädlich zu machen. Weiterlesen
Erster Teil
Allgemeine Grundsätze
I.
Was ist der Mensch?
Der Mensch ist ein von Natur freies, selbstständiges, vernünftiges Wesen, dem der Trieb zur Geselligkeit angeboren ist. Was ist die Folge dieses Geselligkeitstriebes? Die erste Folge ist die Begründung der Familie, die zweite Folge die Bildung von Gesellschaften.
Was ist die Familie?
Die Familie ist die Vereinigung zweier Menschen verschiedenen Geschlechts zum Zwecke ihrer Fortpflanzung, Erziehung ihrer Kinder und Erwerbung der Mittel, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, letztere bilden das Eigentum.
Was ist die Gesellschaft?
Die Gesellschaft ist eine Vereinigung mehrerer Menschen oder Familien zur Verfolgung gemeinsamer Zwecke.
Was ist der Zweck der Gesellschaft?
Das größtmögliche Glück aller Mitglieder, das gemeinschaftliche Wohl.
II.
Was ist ein Staat?
Ein Staat ist die Vereinigung vieler Menschen oder Familien unter bestimmten Gesetzen zum Schutz für jegliches Eigentum.
Was ist die Grundbedingung eines geordneten Staates?
Freiheit, Ordnung, Achtung des einzelnen Mitgliedes, der Familie und des Eigentums.
Was ist Freiheit?
Freiheit ist das Recht, alles das zu tun, was nicht gegen das natürliche Recht und die Achtung anderer anstoßt.
Was ist Ordnung?
Ordnung ist die Befolgung der durch die Mehrheit der Staatsbürger beschlossenen Gesetze.
Was ist die Achtung des einzelnen Staatsbürgers, der Familie und des Eigentums?
Die Vermeidung alles dessen, was das natürliche Recht des Einzelnen, der Familie und das Eigentum verletzen könnte.
Kann das natürliche Recht des Einzelnen beschränkt werden?
Allerdings, aber nur mit dessen Zustimmung.
Muß das natürliche Recht des Einzelnen beschränkt werden?
In jedem geordneten Staat muß der Einzelne einen Teil seines natürlichen Rechtes hergeben, um desto mehr Schutz für seine übrigen Rechte zu bekommen, denn nur durch das Zusammenwirken vieler zu gegenseitiger Unterstützung entsteht Kraft und Macht. Je weniger natürliche Rechte der Einzelne aufzugeben braucht, um so besser ist die Staatseinrichtung und um so freier ist der Staatsbürger.
III.
Welches ist die beste Staatsform?
Offenbar ist die Staatsform die beste, in welchen die Freiheit, Ordnung, Achtung des einzelnen Mitgliedes, der Familie und des Eigentums am meisten gesichert ist.
Wie heißt man eine solche Staatsform?
Freistaat oder Republik.
Warum ist in dem Freistaat Freiheit, Ordnung, Achtung des Einzelnen, der Familie und des Eigentums am meisten gesichert?
Weil in der Republik alle Gesetze von dem gesamten Volk gemacht werden und es in dessen Vorteil liegt, sich die möglichste Freiheit und Sicherheit zu erhalten.
Wie können denn die Gesetze vom ganzen Volk gemacht werden?
Auf die art, daß alle volljährigen Staatsbürger gleiches Recht haben, bei allen gemeinschaftlichen Angelegenheiten ihre Meinung durch Wort und Tat geltend zu machen.
Zweiter Teil
Die Staatsverfassung
I.
Wie muß der Staat eingerichtet werden, damit er seinem Zweck entspricht?
Die Staatsverfassung muß so beschaffen sein, daß durch sie die Freiheit des einzelnen möglichst wenig beschränkt, dabei Ordnung und Eigentum möglichst gesichert sind.
Wie ist dies am leichtesten möglich?
Durch Gründung selbstständiger Gemeinden.
Was versteht man unter einer selbstständigen Gemeinde?
Gemeinden, welche die Art und Weise ihres Zusammenlebens ohne irgendeine fremde Einmischung unter Befolgung der allgemeinen Gesetze des Staates ordnen, nennt man selbstständig. Solche Gemeinden wählen sich ihre Beamten selbst auf längere oder kürzere Zeit, bestimmen selbst ihre Belohnung und geben ihnen die Anweisung, wie sie die Gemeindeangelegenheiten zu besorgen haben.
II.
Die Mittel der einzelnen kleineren Gemeinden reichen oft nicht aus, um gewisse notwendige Einrichtungen allein zu treffen, was tun sie deshalb?
Es vereinigen sich mehrere gemeinden zu einem Bezirk und treffen gemeinschaftlich die nötigen Einrichtungen, die oft größere Mittel verlangen, zum Beispiel Straßen- und Wasserbauten, Gründung höherer Unterrichtsanstalten etc.
Zur Besorgung der Angelegenheiten des Bezirks sind Beamte nötig, wer ernennt diese?
Natürlich der ganze Bezirk vermittelst Wahlen unter ähnlichen Verhältnissen wie die Gemeindebeamten.
Es ist notwendig, daß die Gemeinden und Bezirke Vertrauen zu ihren Beamten haben, wie bekommen sie das?
Alle Gemeinde- und Bezirksangelegenheiten müssen öffentlich verhandelt werden, zu den Verhandlungen muß jedermann Zutritt haben.
Kann es nicht vorkommen, daß die Beamten einen Beschluß fassen, welcher der Mehrzahl der Gemeinde oder des Bezirks nicht gefällt?
Allerdings kann dies vorkommen.
Was kann dann die Mehrzahl dagegen tun?
Sie kann eine Gemeinde- oder Bezirksversammlung veranlassen und durch Abstimmung den Beschluß ihrer Beamten umstoßen.
III.
Mehrere Bezirke zusammen haben in vielfacher Beziehung gemeinsame Interessen, was tun sie, um diese zu verfolgen?
Sie vereinigen sich, und bilden einen Staat, welcher dann die gemeinsamen Angelegenheiten durch Abgeordnete der einzelnen Bezirke beratet und beschließt.
Wer besorgt die Ausführung der Beschlüsse?
Eine von der Abgeordnetenversammlung gewählte Regierung.
Auf welche Art wird diese Regierung gewählt?
Ganz auf dieselbe art wie die Gemeinde- und Bezirksbehörden, nämlich durch die Mehrheit der Stimmen.
Hat die Regierung bloß die Beschlüsse der Abgeordnetenversammlung auszuführen?
Nicht allein das, sondern sie hat auch Gesetzesentwürfe und Verwaltungsmaßregeln vorzubereiten und diese der Versammlung zur Beurteilung und Genehmigung vorzulegen.
Kann die Regierung selbstständig keine Befehle erlassen?
Nein, jedes Gesetz, jede Verwaltungsmaßregel und jede Verordnung muss zuvor von der Abgeordnetenversammlung genehmigt werden, ehe deren Ausführung stattfinden kann.
Die Regierung ist demnach bloß die Dienerin des Volkes?
Nichts anderes. Daher kommt es auch, dass Regierung und Volk sich nie einander gegenüberstehen, sondern einen Körper zusammen bilden.
IV.
Welche Bürgschaften hat aber das Volk, dass seine Einrichtungen ungefährdet bleiben, dass es nicht von Einzelnen oder von Parteien unterdrückt oder benutzt wird?
1) Die freie Presse ohne Pressegesetz, denn jedes Pressegesetz ist eine Beschränkung. Ein vermittelst der Presse begangenes Vergehen wird nach den gewöhnlichen Gesetzen bestraft.
2) Das unbeschränkte Vereinsrecht. Es muss erlaubt sein, Vereine zu bilden zu Zwecken, welche nicht gesetzlich verboten sind, denn nur in der vollkommen freien Entwicklung liegt das beste Heilmittel aller Verkehrtheiten.
3) Die öffentliche Gerichtsbarkeit mit Geschworenen. Nur wenn das Volk seine Richter selbst wählt und diese öffentlich Recht sprechen müssen, hat das Volk eine Bürgschaft dafür, dass auch wirklich Recht gesprochen wird.
4) Die allgemeine Volksbewaffnung. Ein Volk, welches Mann für Mann die Waffen zu führen versteht und bewaffnet ist, kann sich gegen Eingriffe in sein Recht ganz gut verteidigen. Keine Partei, die nicht die Mehrheit für sich hat, wird es wagen, einen Versuch zur gewaltsamen Durchführung ihrer Absichten zu machen; gewinnt eine Partei aber die Mehrheit für sich, dann braucht sie keine Gewalt, sondern kann ihre Absichten auf friedlichem Wege durchsetzen.
Kann nicht der Fall eintreten, daß die Abgeordneten der Bezirke sich gegen den Sinn ihrer Wähler aussprechen und somit deren Absichten nicht vertreten?
Warum denn nicht, es kommen solche Fälle immer vor.
Welches Recht hat der Bezirk gegenüber von solchen Abgeordneten?
Wenn die Mehrzahl der Wähler es wünscht, so muß der Abgeordnete sein Amt niederlegen und der Bezirk ist zu einer neuen Wahl verpflichtet.
Dritter Teil
Rechte und Pflichten
Hat in einem vernünftigen Staat jeder Mensch gleiches Recht und gleiche Pflichten?
Jawohl, es wäre unvernünftig, bestimmten Menschen mehr Rechte zu geben oder mehr Pflichten aufzuerlegen als anderen, denn von Natur sind alle Menschen gleich.
Welches Recht hat jeder Mensch schon dadurch, daß er in einem vernünftigen Staat geboren oder in einen solchen aufgenommen wird?
Das Recht, sich seinen Lebensunterhalt zu erwerben.
Muss der Staat dafür sorgen, daß jeder Mensch Gelegenheit findet, sich seinen Lebensunterhalt zu erwerben?
Jawohl, dies ist die erste Verpflichtung des Staates.
Wie kann der Staat dieser Verpflichtung am ehesten nachkommen?
Dadurch, dass er für Unterrichtsanstalten sorgt, in welchen jeder Staatsbürger die für seinen Lebensunterhalt notwendigen Kenntnisse sammelt.
Ist der Volksunterricht aber nicht Sache der Gemeinde?
Ja, aber wo die Mittel der Gemeinde, namentlich für sogenannte höhere Unterrichtsanstalten, nicht ausreichen, muß der Bezirk, und wo die Mittel des Bezirks nicht ausreichen, der Staat eintreten und für solche Unterrichtsanstalten sorgen.
Hat irgendein Mitglied des Staates das Recht auf Kosten des Staates zu leben?
Nein, kein Staatsbürger, der sich seinen Lebensunterhalt erwerben kann, hat das Recht auf Kosten der ganzen Gesellschaft zu leben.
Welche Verpflichtung hat aber der Staat?
Für alle diejenigen, welche sich ihren Lebensunterhalt nicht selbst erwerben, mit einem Worte, nicht arbeiten können, muss der Staat sorgen, ferner hat er dafür zu sorgen, dass keinem seiner Bürger die Mittel verkümmert werden, sich seinen Lebensunterhalt zu erwerben.
Welche Pflichten hat aber jeder Staatsbürger?
Für die Erhaltung des Staates nach seinen Kräften beizutragen.”1
1 Abgedr. in: Giovanna-Beatrice Carlesso (Hrsg.): Theodor Mögling. Für Freiheit und Demokratie. Mitteilungen eines 1848er-Revolutionärs, Brackenheim 2009, S. 279–286.
„Die erste Nachricht von der Februarrevolution im Jahre 1848 erregte in ganz Europa bei allen gebildeten Völkern eine ungemeine Aufregung und Freude. Italien hatte seine Revolution vorher schon begonnen, um seine fehlerhaften politischen Zustände zu verbessern. Deutschland hoffte infolge dieser Revolution auch endlich an die Verbesseurng seiner politischen Gestaltung Hand anlegen zu können. Unendliche Missgriffe der zur Herrschaft gekommenen Partei waren aber in Frankreich, Italien und Deutschland die Ursache, dass die um ihre Hoffnungen betrogenen Völker als Endresultat des leider zu leicht gewonnenen Sieges eine vollständige Niederlage und in deren Folge eine noch nie gesehene Reaktion erleben mussten. In Frankreich erhob die Reaktion zuerst wieder das Haupt, indem sie eine ungemeine Tätigkeit darin entwickelte, einzelne unzusammenhängende Erscheinungen gegen die Revolution auszubeuten, und der Bourgeoise vor den Konsequenzen der Revolution bange zu machen. Zu diesem Zwecke war ihr jedes Mittel, besonders die schamloseste Verleumdung durch Broschüren und Flugschriften, willkommen. In Italien und Deutschland befolgten die Reaktionäre das in Frankreich gegebene Beispiel, und ahmten es nur zu geschickt nach; sie trübten das helle Wasser der revolutionären Flut, um im Trüben zu fischen. Weiterlesen
In Frankreich wusste ein Mann, der einen großen Namen trug, mit vieler Schlauheit und da er kein Mittel scheute, auch mit großem Glücke die Verhältnisse zu seinem persönlichen Vorteile auszubeuten und sich an die Spitze der Nation emporzuschwingen. Immer das Gegentheil von dem tuend, was er tun zu wollen öffentlich erklärte, nannte er sich den Friedenskaiser. Die Bourgeoisie, der man eine unsinnige Angst vor der roten Republik, dem Sozialismus und Kommunismus eingejagt hatte, sah in Napoleon den Todfeind dieser Gespenster und jauchzte allen seinen Schreckensmaßregeln Beifäll zu, weil dieselben in ihrem Interesse begangen zu sein schienen. Da in den der Revolution kurz vorhergegangenen Jahren Handel und Gewerbe unter allen zivilisierten Nationen einen ungemeinen Aufschwung genommen und einem großen Teile der Völker reichliche Nahrungsquellen verschafft, dann aber während den politisch aufgeregten Zeiten wieder gestockt hatten, so sehnte sich der größte Teil des Volkes nach Ruhe und hing sich an Napoleon, der die Ruhe herzustellen und aufrechtzuerhalten versprach. Man sah gerne über die Mittel und Wege weg, durch welche er sich auf seinen Posten emporgeschwungen; ja man belobte ihn sogar noch, daß er selbst die verwerflichsten Mittel und Wege nicht gescheut hatte, um nur die Ruhe wiederherzustellen, unter deren Schutze Gewerbe und Handel wieder in Aufschwung zu kommen hofften. Von allen Seiten wurde Napoleon der Retter der Gesellschaft genannt, und um seiner Verdienste willen bis in den Himmel erhoben. Die legitimen Fürsten Europas machten dem Parvenü den Hof, buhlten um seine Gunst, wallfahrteten nach Paris, unterbreiteten ihm als Schiedsrichter ihre Streitigkeiten, holten sich bei seiner Regierung die nötigen Instruktionen. Die gedankenlose Masse, die Börsenmänner und Spinnerkönige, die feilen Zeitungsschreiber jauchzten Beifall. Es war dies ein für jeden Ehrenmann ekelerregendes Schauspiel, ein unwidersprechlicher Beweis, wie sehr eine Gesellschaft durch das übermäßige Vorherrschen der materiellen Interessen herunterkommen kann.
[…]
Als alles gehörig vorbereitet und willige Werkzeuge genug gefunden waren, die in der angegebenen Richtung arbeiteten, ließ Napoleon am 1. Januar 1859 gegen den österreichischen Gesandten bei der Neujahrsgratulation jene bekannten Worte fallen, die allgemein auf Krieg gedeutet wurden. Welche Bestürzung diese Worte in der gesamten Masse der Gewerbe- und Handeltreibenden aller zivilisierten Staaten hervorbrachten, lässt sich nicht beschreiben. Lange wollten diese Leute an die Möglichkeit des Krieges nicht glauben. Man konnte nicht glauben, dass der vermeintliche Retter der Bourgeoisie, die sich so gerne die ‘Gesellschaft’ nennt, so weit gehen werde, durch einen in ihren Augen gänzlich unmotivierten, mutwilligen Krieg den ganzen Gewerbe- und Handelsstand gegen sich aufzubringen. Man wollte also an den Krieg nicht glauben, obgleich alle Anzeichen desselben immer deutlicher hervortraten. Man ließ sich durch die fortwährenden Friedensversicherungen Napoleons täuschen, weil man getäuscht sein wollte. So lange die allgemeine Stimmung in Frankreich gegen den Krieg war, versicherte Napoleon seine Friedensliebe und erklärte, er sei nicht zum Kriege gerüstet und rüste auch nicht. Dagegen wurden alle Mittel angewendet, die öffentliche Stimmung in eine kriegerische umzuwandeln. Je näher der entscheidende Zeitpunkt kam, umso größere Anstrengungen wurden von Seiten der neutralen Mächte gemacht, um den Krieg zu verhindern. Während Napoleon sich nun diesen Bemühungen gegenüber den Schein gab, als seie er ganz friedlich gestimmt, gelang es ihm, Österreich zum Beginn der Feindseligkeiten gegen Piemont zu treiben.
[…]
Während in Deutschland die reaktionäre und katholische Partei früher diesen Menschen ungeachtet seiner vielen Verbrechen bis in den Himmel erhoben, und die Entrüstung wegen des orsinischen Attentats1 nicht stark genug ausdrücken zu können geglaubt hatten, ließen sich nun vielfach Wünsche hören, es möchte sich jemand finden, der diesen Ruhestörer, nämlich Napoleon, auf irgendeine Art aus dem Wege schaffe. Das materielle Interesse der Gesellschaft schien jetzt ebenso durch das Leben Napoleons bedroht, wie es früher durch seinen Tod bedroht war. Die feige, charakterlose Menge hätte nun eine Tat gutgeheißen, welche sie das Jahr zuvor, als der Ruhestörer noch als Retter der Gesellschaft angesehen war, mit der größten Entrüstung als schändliches Verbrechen gebrandmarkt hatte. So ist der feige Philister2 aller Moralität bar und verdammt dieselbe Tat, wenn sie gegen seinen vermeintlichen materiellen Vorteil gerichtet ist, während er sie bis in den Himmel erhebt, wenn sie denselben begünstigt.
Der beginnende Krieg, drohte ein allgemeiner europäischer Kontinentalkrieg zu werden. Die Angst davor war allenthalben ungemein groß, besonders aber in Deutschland. Tiefe Aufregung bemächtigte sich dort aller Klassen des Volkes. Das deutsche Volk fing an, nach Mitteln zur Abwehr der Gefahr sich umzusehen, und kam dadurch zur klaren Erkenntnis seiner mangelhaften politischen Zustände, welche keinen Schutz gewähren konnten. Die Meinungen aber, was zu tun, um die drohenden Übel abzuwenden, liefen weit auseinander. Die gesamte konservative und ultramontane3 Partei wollte, ganz Deutschland solle für Österreich Partei ergreifen, um die napoleonischen Anmaßungen zurückzuweisen; diese Partei wollte, wie man richtig bemerkt hat, Deutschland in einen sichern Krieg stürzen, um einen möglichen zu vermeiden. Diese Leute wussten aber recht gut, was sie mit ihrem Geschrei unter dem nationalen Deckmantel wollten. Sie wollten das österreichische, jedem Fortschritt feindliche System um jeden Preis aufrecht erhalten; hierin handelten sie ganz konsequent, waren aber schlau genug, ihre Bestrebungen durch den Mantel des deutschen Patriotismus, den sie überzuhängen wußten, zu verdecken. Dämit lockten sie auch eine Menge ehrlicher Patrioten und unklarer Gefühlspolitiker in ihr Lager, obgleich der Mantel für Andere Löcher genug hatte. Je unklarer diese Leute nun waren, um so eifriger verfochten sie ihre Meinung und ließen sich sogar hinreißen, ihre sonstigen Parteimitglieder, die in dieser Angelegenheit anders dachten und anders handelten, unlauterer Motive zu beschuldigen. So weit vergaß sich der Parteifanatismus, einen der besten Demokraten, meinen verehrten Freund Vogt, zu beschuldigen, er habe sich an Napoleon verkauft, weil er eine andere Meinung über das in Folge des Krieges von Seiten Deutschlands zu beobachtende Verfahren hatte. Eine große Anzahl anderer, ebenso aufrichtiger deutscher Demokraten in der Schweiz und in Nordamerika teilen die Ansichten Vogts; sollen diese alle durch französisches oder vielmehr napoleonisches Gold bestochen sein? In dem Hasse gegen Napoleon sind wir Demokraten alle einig ohne Unterschied unserer augenblicklich verschiedenen Meinungen über die Bedürfnisse Deutschlands. Ich für meine Person wenigstens stehe in dieser Beziehung hinter keinem zurück, wie die folgenden Blätter beweisen werden und dieselbe Überzeugung hege ich von allen meinen Gesinnungsgenossen.
Wir, meine gleichgesinnten Freunde und ich, stehen auf rein demokratischem Boden. Wir erklärten deshalb unumwunden, die Italiener haben, wie jede andere gebildete Nation, das Recht, nach nationaler Unabhängigkeit und Freiheit zu streben; da sie nun durch lange Unterdrückung heruntergekommen und unkriegerisch geworden sind, sodass sie sich nicht allein von ihren Unterdrückern befreien können, so darf es ihnen niemand verargen, wenn sie sich nach fremder Hilfe umsehen. Gleichgültig ist, von wem sie diese Hülfe verlangen. Die italienischen Besitzungen Österreichs gehören nicht zum deutschen Bund und sind auf den Wunsch Oesterreichs ausdrücklich davon ausgeschlossen worden. Es ist für Deutschland stets ein Unglück gewesen, dass zum deutschen Bunde große Staaten gehören, welche außerdeutsche Besitzungen haben; denn dadurch haben diese Staaten oft ein Interesse, welches dem deutschen Interesse schnurstracks zuwiderläuft, und denselben eine Macht verleiht, welche sie oft gegen das deutsche Interesse geltend machen. Es liegt also im Interesse des deutschen Volkes, dass dieser unnatürliche Zustand aufhöre; der Verlust der italienischen Provinzen von Seiten Österreichs ist daher für Deutschland eher ein Glück, als ein Unglück, und deshalb darf Deutschland um der Erhaltung derselben willen für das Haus Habsburg unter keinen Umständen in einen Krieg gestürzt werden.
[…]
Es war nun freilich eine höchst traurige Wahrnehmung, daß besonders die kleinern deutschen Staaten Deutschlands so wenig kampfbereit sind, ungeachtet alle Jahre dem Volke ungeheure Summen zu solchen Zwecken abgepresst werden; aber diese fehlerhaften Zustände fielen jedermann so sehr in die Augen, dass die Angst vor dem Kriege eine ungeheure Aufregung hervorrief und alle nach Rettung aus dieser Not flehten. Jetzt kam die Zeit für die wahren und denkenden Patrioten, mit ihren Vorschlägen hervorzutreten und dem Volke zuzurufen: schafft vor allen Dingen eine politische Einheit, schafft einen Zentralpunkt, von dem aus eure Angelegenheiten besorgt werden können, einen Zentralpunkt, der vom Volke geschaffen, nur auf das Volk sich stützend, das wahre Interesse des Volkes im Auge hat und dieses allein verfolgt. Wir, meine gleichgesinnten Freunde und ich, arbeiteten aus allen Kräften in dieser Richtung schriftlich und mündlich, kamen aber damit den Konservativen, den Ultramontanen und selbst den sogenannten Gothaern sehr ungeschickt, weshalb diese daher auch alle Waffen, selbst die schlechtesten, das heißt die der Verleumdung, gegen unsere Bestrebungen wendeten. Die österreichelnden Kriegswüteriche gaben zwar meistens zu, dass das in Österreich herrschende System höchst verwerflich sei, fügten aber auch unmittelbar bei, der jetzige Augenblick sei zu Reformen nicht geeignet; sei der Krieg einmal vorüber und Österreich gerettet, dann könne man erst von Reformen reden und werde dann über Österreich staunen. Es ist dies die alte Geschichte – in Zeiten der Not verspricht man dem Volke, was man nach überstandener Not nie zu halten gedenkt. Will sich das deutsche Volk noch einmal durch so plumpe Lügen fangen lassen?
[…]
Ein Volk, das zur Einsicht der Mangelhaftigkeit seiner politischen Zustände gekommen ist, darf nicht ruhen, ehe es dieselben zum Besseren umgeändert hat, wenn es nicht mit Schimpf und Schande zugrunde gehen will. Da meinen Beobachtungen nach dem gebildeten Teile des deutschen Volkes aller revolutionäre Sinn abhanden gekommen zu sein scheint, so muss es den langsamen Gang der Reform einschlagen. Ob derselbe zu einem ersprießlichen Ziele führen wird, ist mir sehr zweifelhaft; denn wenn man bedenkt, wie viele Mächte, nicht nur einheimische, sondern auch fremde, das größte Interesse dabei haben, daß Deutschland nicht einig werde, so wird man einem konsequenten Republikaner nicht übel nehmen, wenn er seine Zweifel an dem Gelingen einer dauernden Einigung verschiedener Fürstenstaaten ausspricht. Die einzelnen Fürsten haben immer ihre Privatinteressen, die mit dem allgemeinen Interesse gewöhnlich in Widerspruch kommen. Ihnen zuzumuten, ihre Privatinteressen dem öffentlichen hintanzusetzen, wenn sie die Macht haben, das Gegentheil zu tun, ist doch eine gar zu große Naivität. Die Macht, ihre Privatinteressen im Gegensatz zu dem öffentlichen Interesse zu verfolgen, muss den Fürsten also genommen werden. Wie dies aber zu erreichen, weiß ich vom Standpunkte des Reformers nicht zu beantworten. […] Vor 10 Jahren hatten wir Revolution, der revolutionäre Geist war in Südwest-Deutschland wenigstens tief in die Massen des Volkes eingedrungen; dieser wurde durch das Parlament abgeschwächt, dessen ganze Tätigkeit auf Redenhalten und Fassen von Beschlüssen beschränkt war, die unfruchtbar blieben, weil es versäumte, seinen Beschlüssen praktische Geltung zu verschaffen.
So wurde die Revolution vernichtet. So kam es auch, dass die Revolution in das Gegenteil ihres beabsichtigten Zweckes umschlagen musste. Jetzt scheint mir die revolutionäre Idee den früher einflußreichen Leuten ganz abhanden gekommen zu sein. Da aber die politischen Zustände Deutschlands einer Umänderung notwendig bedürfen, wenn unser Vaterland nicht wie Polen zu Grunde gehen soll, so muss man in Ermanglung des Besseren den Weg der Reform betreten; dazu führt aber nur eine allgemeine Volksvertretung, gewählt von dem ganzen Volke. Es hat das Volk zu zeigen, ob es in den verflossenen 10 Jahren etwas gelernt hat, ob es bessere Wahlen zu treffen weiß, als damals, ob es vernünftiger wählt und nicht zu viel Rücksicht nimmt auf die Ungeduld solcher früherer Parlamentsmitglieder, die nichts als ihre seit zehn Jahren verhaltenen Reden an den Mann bringen wollen. Es hängt nämlich jetzt, wie auch früher, mancher die demokratische Fahne heraus, bei dem man bei näherer Nachforschung die reaktionäre in der Tasche findet. Das Volk muss dann aber auch seinen Abgeordneten die Mittel bieten, ihren Beschlüssen praktische Geltung verschaffen zu können. Vor 10 Jahren hatte es oft den Anschein, als sei das Parlament der Endzweck der Bewegung; jetzt aber soll die einheitliche Volksvertretung das Mittel zur politischen und nationalen Einigung werden.”4
1 Der italienische Rechtsanwalt Felice Orsini hatte am 14. Januar 1858 mit Komplizen versucht, Napoleon III. in Paris zu ermorden.
2 Altes Wort für ‘Spießbürger’.
3 Als Ultramontanismus bezeichnete man eine politische Strömung unter deutschen Katholiken, die sich durch konsequente Papsttreue auszeichnete.
4 Theodor Mögling: Ein Besuch bei Garibaldi im Sommer 1859, Zürich 1860, S. I–XII.
„Die erste Nachricht von dem Ausbruche der Revolution wurde in Deutschland von dem zahlreichsten Teile des Volkes mit ungemeinem Beifall aufgenommen. Die ganze alte Gesellschaft wurde dadurch erschüttert, die bevorrechteten Stände sahen einen Sturm herbeikommen, dem sie sich nicht entgegenzustellen wagten, die große Masse des Volkes dagegen sah ein Beispiel vor sich, wie es mit altem Plunder fertig werden könne, und suchte es nachzuahmen. Überall versammelte man sich, besprach seine Angelegenheiten, und stellte seine Forderungen an die Machthaber. Diese gaben meist nach, und versprachen alles Schöne und Gute, wo dagegen Widerstand geleistet wurde, erkämpfte sich das Volk mit Waffengewalt sein Recht. Wien und Berlin sahen Bürgerblut in ihren Straßen fließen, und das Volk leider nur zu leichte Siege erringen. Die rasche und beinahe widerstandslose Nachgiebigkeit der Machthaber besänftigte überall den Unmut des bisher mißhandelten Volkes, es verzieh seinen bisherigen Drängern großmütig, und wurde dafür natürlich schmählich betrogen. Weiterlesen
Gleich beim ersten Beginne der Bewegung waren mehrere in Stuttgart anwesende Mitglieder der Ständeversammlung, darunter auch ich, zusammengetreten, um darüber zu beraten, was unter den gegebenen Umständen von unserer Seite zu tun sei. Darüber wurden schnell alle einig, die Regierung aufzufordern, allen seit Jahren erhobenen begründeten Beschwerden des Volkes rasch abzuhelfen, namentlich den Beschwerden welche der gebildetere Teil des Volkes erhoben hatte und deren Abhilfe stets unter dem Vorwande verweigert worden war, der Bundestag dulde es nicht. Mehrere Beratungen fanden statt, eine Menge Vorschläge wurden gemacht, die bald mehr, bald weniger Beifall fanden. Ich machte namentlich den Vorschlag, von der Regierung die Auflösung der Ständekammer zu verlangen, damit das Volk vermittelst neuer Wahlen Gelegenheit erhalte, seine Wünsche und Forderung entschieden auszusprechen. In ruhigen Zeiten nimmt nämlich das Volk in der Regel nur lauen Anteil an den Abgeordnetenwahlen, lässt sich leicht von den Beamten einen Mann zum Abgeordneten aufschwatzen, dem es in bewegteren Zeiten gewiss keine Stimme geben würde. Die Kammer, welche im Jahre 1847 beisammen war, enthielt nun eine Menge solcher Mitglieder, die teilweise so wenig Vertrauen in ihren Wahlbezirken genossen, dass die Wähler Anträge und Wünsche, welche sie an die Ständeversammlung bringen wollten, nicht den Abgeordneten ihres Bezirkes zur Übergabe zusendeten, sondern denen anderer Bezirke, zu welchen sie mehr Zutrauen hatten. Von mehreren Bezirken waren gleich zu Anfang der Bewegung solche Zusendungen an mich gekommen; mit der Entschuldigung, man wende sich an mich, da der Abgeordnete des Bezirkes kein Vertrauen verdiene. Diese Erscheinungen bestimmten mich, auf sofortige Auflösung der Ständeversammlung anzutragen. Der Antrag wurde natürlich von der großen Mehrheit als zu radikal verworfen, worauf ich in einer der folgenden vertraulichen Versammlungen, wie man diese nicht offiziellen hieß, einen gemäßigteren stellte, welcher dahin ging, die Regierung solle wenigstens dahin wirken, daß der Teil der Abgeordneten, welcher offenbar das Vertrauen seiner Wähler nicht besitze, freiwillig abtrete, um ihren Wählern Gelegenheit zu geben, neue Wahlen vorzunehmen. Dieser Antrag erregte bei einem Teile der Anwesenden ein noch größeres Entsetzen, als mein früherer. Heute bewundere ich freilich meine damalige Naivität, und habe dadurch viel Stoff zum Lachen, zu meiner Entschuldigung möge mir dienen, dass ich mit der großen Masse des Volkes an eine aufrichtige Besserung der Bürokratie glaubte, so wie diese ihre bisherigen Fehler erkannt habe. Von großem Einfluß auf mein Benehmen war auch, daß ich als Abgeordneter geschworen hatte, die Rechte der Krone wie des Volkes zu wahren.
[…]
Die vormärzliche Opposition, endlich ans Ruder gekommen, zeigte sich sehr versöhnlich, und betrachtete sich mit Wohlgefallen. Die Anhänger des alten Systemes waren froh, in ihren früheren Gegnern höchst sanftmütige Leute zu finden, so leichten Kaufes davon gekommen zu sein, und krochen nun mit hündischer Demut vor Leuten, welche sie wenige Wochen vorher noch mit Leidenschaft bekämpft hatten. Als ich bei einer vertraulichen Beratung von den neuen Ministern die sofortige Auflösung der Ständeversammlung wiederholt verlangte, da sie unmöglich mit einer Kammer werden verhandeln können, in welcher sie und ihre Partei stets in der Minderheit gewesen seien, hatte die alte Mehrheit die Schamlosigkeit, zu erklären, sie werde dem neuen Ministerium keine Opposition machen, es vertrage sich dies ganz gut mit ihren Grundsätzen. Ein wahrer Ekel überfiel mich bei dieser Erklärung, ich schämte mich einer solchen Versammlung anzugehören, und als mir infolge dieses Gefühles der Ausruf entfuhr, ein solches Betragen vertrage sich mit meinen Begriffen von Ehrenhaftigkeit nicht, stellten sich diese Leute sogar beleidigt, und der Präsident zeigte Spuren von Entrüstung, worauf ich jedoch ruhig erwiderte, ich habe gesagt, mit meinen Begriffen von Ehrenhaftigkeit, worauf sich alles beruhigte.
[…]
Bei der Reise nach Frankfurt, welche ich in Gesellschaft einer Anzahl Liberaler machte, fiel mir auf, dass diese Leute, welche bisher doch schon eine geschlossene Partei gebildet hatten, sich durchaus nicht klar darüber zu sein schienen, was und auf welchem Wege sie ihren Zweck durch diese Versammlung erreichen wollten. Die soziale Bedeutung der Bewegung hatten nur wenige erkannt, manche wären mit leeren formellen Änderungen der deutschen Bundesverfassung zufrieden gewesen. […] Gleich die erste Sitzung machte den großen Missgriff klar, der bei der Aufforderung zum Beitritt gemacht worden war. Die Versammlung war insofern eine revolutionäre, als sie ohne vorherige Anfrage und Genehmigung irgend einer bestehenden Regierung zusammenberufen war; wenn einzelne Regierungen nachträglich ihre Zustimmung ausgesprochen hatten, so war dies bloß Folge von Angst. Die Zusammensetzung des Vorparlamentes war nun aber der Art, dass die große Mehrzahl, erschrocken über ihre eigene Kühnheit, mit aller Gewalt ihren revolutionären Ursprung vergessen, und sich ihren Regierungen wohlgefällig machen wollten. Daraus allein lassen sich die unsinnigen, einander so oft widersprechenden Beschlüsse dieser Versammlung und das schmähliche Resultat derselben erklären. Auch wir, die Republikaner in der Versammlung, machten unsere Fehler, namentlich den Fehler, dass wir das Unheil, welches dieses Vorparlament stiftete, schon in der zweiten Sitzung einsehend, nicht sofort austraten, um nicht mehr einzutreten.
In der zweiten Sitzung konnte jeder klare Kopf schon einsehen, dass diese Versammlung die ganze Bewegung verderbe, und das Volk der Reaktion in die Arme führe, deshalb wäre es am Platze gewesen, das Vorparlament zu sprengen, und damit die Bewegung, anstatt sie zu hemmen, wieder in Fluss zu bringen. Ich war dieser Ansicht, fand aber zu wenig Unterstützung, um sie zur Ausführung zu bringen. Freilich, als die Versammlung sich so weit vergaß, mit dem allgemein verachteten Bundestage in Verbindung zu treten, da trat unsere Partei aus der Versammlung aus, mit der Erklärung, dass sie es unter ihrer Würde halte, an einer Versammlung teilzunehmen, welche ihre Ehre und die Ehre des Volkes so wenig zu wahren wisse: Aber auch jetzt hätte unserem Austritte die Sprengung der Versammlung folgen sollen, wenn derselbe eine entscheidende Wirkung haben sollte, stattdessen ließ sich unsere Partei beschwatzen, zurückzukehren, und an der Wahl des Fünfziger-Ausschusses sich zu beteiligen. Es war dies die größte Inkonsequenz, welche wir begehen konnten, und ich habe nur die Beruhigung, daß ich gegen den Wiedereintritt sprach, und mich nur aus Parteirücksichten nach erfolgter Abstimmung der Mehrheit, wenn auch mit Widerwillen, fügte. Während dieser Tage hatten einzelne entschiedenere Männer unserer Partei sich darüber verständigt, dass durch das Vorparlament die ganze Bewegung ins Stocken gekommen, ehe nur ein entsprechendes Resultat erzielt war, dass die sogenannten Märzerrungenschaften wie Seifenblasen zergehen, wenn das Volk keine Garantie für deren Aufrechterhaltung habe, dass also die Bewegung wieder in Fluß gebracht werden müsse, solle die ganze Geschichte nicht unter dem Hohngelächter der Reaktion zu Grunde gehen. Wir kamen darin überein, dass das Volk zu den Waffen gerufen werden, und mit den Waffen in der Hand seine neue Verfassung erringen müsse.”2
1 Abgedruckt in: Ob stehendes Soldatenheer. Ob Volkswehr. Zwei Reden im Preußischen Abgeordneten-Hause gehalten am 29. April 1865, Leipzig 1865, S. 3f.
2 Theodor Mögling: Briefe an seine Freunde, Solothurn 1858, S. 51–63.
Politischer Katechismus, Straßburg 1848.
Erlebnisse während der ersten Schilderhebung der deutschen Republikaner im April 1848, in: Hecker, Friedrich: Die Erhebung des Volkes in Baden für die deutsche Republik. Mit Beiträgen von Mögling, Sigel und Kaiser, Basel 1848, S. 77–104.
Briefe an seine Freunde, Solothurn 1858.
Ein Besuch bei Garibaldi im Sommer 1859, Zürich 1860.
Theodor Möglings Tagebuch vom 10. bis 23. April 1848. Ein Beitrag zur Geschichte des republikanischen Aufstands in Baden (herausgegeben von Peter P. Albert), in: Zeitschrift der Gesellschaft für Beförderung der Geschichts-, Altertums- und Volkskunde von Freiburg, dem Breisgau und den angrenzenden Landschaften (Bd. 25), Freiburg 1909, S. 125–146.
Carlesso, Giovanna-Beatrice: Von der Seide zur Muskete, in: Mögling, Theodor: Für Freiheit und Demokratie. Mitteilungen eines 1848er-Revolutionärs, Brackenheim 2009, S. 9–29.
Dvorak, Helge: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft (Bd. 1, Teilbd. 4), Heidelberg 2000, S. 120f.
Lichterfeld, Friedrich (Hg.): Theodor Mögling vor dem Standgerichte zu Mannheim den 19. October 1849. Zur Charakteristik der badischen Standgerichte, Mannheim 1849.
THEODOR MÖGLING
Abb.: Abgedruckt in: Wilhelm Blos: Die deutsche Revolution. Geschichte der deutschen Bewegung von 1848 und 1849, Stuttgart 1893, S. 191.
Der politische Lebensweg Theodor Möglings war geprägt von den beiden Revolutionen, die er – einmal als ferner Beobachter und einmal als unmittelbarer Teilnehmer – erlebte und die jeweils drastische Auswirkungen auf seine Überzeugungen hatten. Die französische Julirevolution 1830 machte den aus Brackenheim stammenden Pfarrerssohn zum überzeugten Republikaner. Durch seine kritische Haltung wurden ihm fortan einige erhebliche Steine in den Weg gelegt; diese hinderten ihn aber nicht daran, sich auch im monarchischen Staat eine überaus erfolgreiche Existenz aufzubauen. Wegen politischer Betätigung der Universität verwiesen, widmete er sich der Landwirtschaft und wurde bald ein überregional angesehener Seidenbaufachmann. Sein Erfolg führte dazu, dass sich auch die Krone bald um Förderung und Einbeziehung seiner Person bemühte. In den Jahren vor der Revolution blieb Mögling davon überzeugt, dass Veränderungen auf dem Weg der Reform erreichbar seien. Mit dem Ausbruch der Revolution von 1848, die ihn in engen Kontakt mit den badischen Republikanern um Friedrich Hecker und Gustav Struve brachte, wandelte sich seine Haltung jedoch schlagartig. Rasch gelangte Mögling nun zur Überzeugung, dass die Republik allein durch einen bewaffneten Volksaufstand zu erreichen sei. Nach der Beteiligung an mehreren erfolglosen Aufständen wurde er schließlich gefangen genommen und saß bis 1856 in Einzelhaft. Im Anschluss betätigte er sich noch einmal für kurze Zeit publizistisch, erlag aber bereits 1867 einem schweren Hirnleiden.
Theodor Mögling wurde am 2. Dezember 1814 in Brackenheim geboren. Sein Vater war der Pädagoge und spätere evangelische Pfarrer Wilhelm Ludwig Friedrich Mögling.
Bereits mit sechzehn Jahren begann Mögling ein Studium der Medizin in Tübingen. Während des Studiums engagierte er sich in der studentischen Bewegung.
Die Beteiligung an einem studentischen Protest führte zu mehrmonatiger Untersuchungshaft und einem Prozess gegen Mögling. Die Fortsetzung des Studiums wurde ihm vorläufig untersagt.
Ab dem Herbst 1836 besuchte er die Landwirtschaftliche Akademie zu Hohenheim, wo er sich für die Seidenraupenzucht zu interessieren begann. Schon bald erregte er mit Fachpublikationen auf diesem Gebiet größere Aufmerksamkeit.
Das Urteil im seit Jahren gegen ihn laufenden Prozess wurde im Dezember 1837 gefällt. Es lautete auf neun Monate Festungshaft.
Mittlerweile hatte Möglings Erfolg als Seidenfachmann ihm die Gunst der Krone gesichert. Er wurde 1842 als Lehrer nach Hohenheim berufen; vier Jahre später sollte ihm der Titel eines Ökonomierats verliehen werden.
Weniger als ein Jahr vor Ausbruch der Revolution wurde Mögling als – zu diesem Zeitpunkt sehr gemäßigt Oppositioneller – in die Zweite Kammer gewählt.
Nach seiner Enttäuschung über das Verhalten des Vorparlaments nahm Mögling an mehreren bewaffneten Aufständen teil. Nach dem Gefecht bei Waghäusel geriet er schwerverletzt in preußische Gefangenschaft und wurde zunächst zum Tode, dann zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.
Mögling wurde 1856 aus der Einzelhaft entlassen. Zunächst ging er in die Schweiz und widmete sich dem Schreiben seiner 1858 veröffentlichten und in Baden kurz nach Erscheinen untersagten Autobiografie.
In diesem Jahr bereiste Mögling das im Zweiten Unabhängigkeitskrieg steckende Italien. Er verfasste über seine Eindrücke den Reisebericht „Ein Besuch bei Garibaldi im Sommer 1859”.
Nach einem mit multiplen Schlaganfällen verbundenen Hirnleiden verstarb Theodor Mögling am 17. April 1867 in Göppingen.
Giovanna-Beatrice Carlesso
„Es nützt aber alles nichts”, schreibt Theodor Mögling im Dezember 1848 an Emma Herwegh, „die Revolution ist einmal im Zuge, und wird nicht eher stille stehen, als bis unsere Zwecke erreicht sind. Ich wenigstens lasse, solange ich lebe, nicht eher nach.”1
Mögling, der als einziger Württemberger führend an allen drei Erhebungen der badischen Revolution von 1848/49 teilnahm, wurde 1814 in Brackenheim geboren. Er war der zweite Sohn des Pädagogen und Pfarrers Friedrich Mögling, der zu Studienzeiten von einer Auswanderung auf die Südseeinsel Tahiti und von der dortigen Errichtung eines Freistaats geträumt hatte. Den Vater zeichneten Offenheit und Toleranz aus – rückblickend erinnert sich Theodor, dass im elterlichen Haus „Leute aus allen Ständen, Religionsbekenntnissen und politischen Farben” aus- und eingingen, „vom Fürsten bis zum Bettelknaben, vom orthodoxen württembergischen Prälaten bis zum freigeistigen Vikar, vom Minister bis zum Kopisten, vom Generale bis zum einfachen Soldaten”.2 So lernte der Pfarrerssohn schon damals, Menschen – über die sozialen Schranken hinweg – unvoreingenommen zu begegnen. Was Theodors politische Gesinnung anlangte, erwies sich die Julirevolution in Frankreich 1830 als richtungsweisend. Die republikanisch geprägte Erhebung der Pariser Handwerker, Arbeiter und Studenten gegen die Restaurationspolitik Karls X. beeindruckte ihn tief: „Von diesem Zeitpunkt an wurde ich eifriger Republikaner, interessierte mich von nun an für Politik und folgte den Helden des Tages mit ungeteilter Bewunderung.”3 Weiterlesen
Noch nicht 17 Jahre alt, begann Theodor Mögling in Tübingen das Studium der Medizin. Der Vater hatte ihm einen Vorlesungsplan zusammengestellt, an den sich der junge Student zwar hielt, jedoch mit viel größerer Begeisterung Unterricht im Reiten, Fechten und Tanzen nahm. Auch hatte er sich einer Burschenschaft angeschlossen: Er war Mitglied der Tübinger Feuerreiter und nahm 1833 an einem Studentenauflauf teil, woraufhin ihm ein Prozess angehängt wurde. Nach mehrmonatiger Untersuchungshaft kam Theodor gegen eine Kaution frei. Allerdings wurden ihm der Aufenthalt an der Universität sowie das Verlassen Württembergs untersagt, weshalb er sein Medizinstudium nicht fortsetzen konnte. Da ein baldiges Ende des Verfahrens nicht absehbar war, gab Theodor das Universitätsstudium auf und wandte sich der Landwirtschaft zu. Seit Herbst 1836 besuchte er die Landwirtschaftliche Akademie zu Hohenheim, wo er sich für einen weitgehend in Vergessenheit geratenen Erwerbszweig zu interessieren begann: die Seidenraupenzucht. Bald schon machte er mit Beiträgen über den Seidenbau in Fachzeitschriften auf sich aufmerksam. Seine landwirtschaftlichen Studien musste Mögling im Dezember 1837 unterbrechen – jetzt erst hatte man das Urteil in seinem Prozess gefällt und ihn wegen „entfernter Teilnahme an dem Versuch eines die Selbstständigkeit des Staates gefährdenden Aufruhrs” zu neun Monaten Festungshaft auf dem Hohenasperg verurteilt. Mögling verbüßte nicht seine gesamte Strafe auf der Festung; einen Teil der Haftzeit verbrachte er im Rottenburger Kreisgefängnis als „Aufseher über die Seidenrauperei”, die der Oberamtsrichter Ludwig Otto Gmelin dort eingerichtet hatte.
Zu Beginn des Jahres 1838 unternahm Mögling eine Studienreise nach Frankreich, für die ihm der württembergische König auf Empfehlung Gmelins ein Stipendium gewährt hatte. Auf seiner Reise besuchte er den Seidenzuchtspezialisten Camille Beauvais und machte in Paris Bekanntschaft mit Friedrich List, einem der bedeutendsten deutschen Wirtschaftstheoretiker der Zeit – eine Begegnung, die ihn darin bestärkte, sich vermehrt nationalökonomischen Fragen zuzuwenden. Nach seiner Rückkehr aus Frankreich konnte sich Mögling als führender Seidenbaufachmann, weit über die Grenzen Württembergs hinaus, etablieren. 1842 erhielt er einen Ruf als Lehrer nach Hohenheim, vier Jahre später verlieh ihm König Wilhelm I., der seine Tätigkeit mit Wohlwollen verfolgte, den Titel eines Ökonomierats. Mögling sah in der Seidenzucht ein geeignetes Mittel zur Armenbeschäftigung. Dass deren Aufschwung nicht so schnell, wie erhofft, erfolgte, führte er auf die Bürokratie zurück, die er als „Krebsschaden jeder Staatsverfassung” bezeichnete. Die Bekämpfung der „verfluchten Schreiberwirtschaft” war ihm als Abgeordneter ein besonderes Anliegen. Bei den Landtagswahlen im Sommer 1847 war er im Amtsbezirk Tuttlingen in die Zweite Kammer gewählt worden. Als diese im Januar 1848 zusammentrat, schloss sich Mögling einer gemäßigten Partei zwischen Regierung und liberaler Opposition an. Er war Sekretär im Vorstand, wirkte in der Finanzkommission mit und brachte einen Antrag auf Hebung der landwirtschaftlichen und gewerblichen Zustände Württembergs ein. Noch war Mögling davon überzeugt, dass eine Änderung der politischen und ökonomischen Verhältnisse nur auf dem Weg der Reform – Hand in Hand mit dem Volk und der Krone – möglich sei.
Vom 31. März bis 3. April 1848 nahm er am Vorparlament in der Frankfurter Paulskirche teil, das den Zusammentritt der Nationalversammlung vorbereitete. Hier lernte er die badischen Republikaner Friedrich Hecker und Gustav Struve kennen – ein Schlüsselerlebnis, denn nun änderte sich Möglings zuvor auf Reformen bedachte Einstellung grundlegend: Er schloss sich der radikal-demokratischen, republikanischen Bewegung an und unterzeichnete Struves 15-Punkte-Programm, das die „Sicherheit des Eigentums und der Person, Wohlstand, Bildung und Freiheit für alle ohne Unterschied der Geburt, des Standes und des Glaubens” forderte, jedoch von der Mehrheit des Vorparlaments abgelehnt wurde. Nachdem auch Heckers Antrag auf Tagung in Permanenz scheiterte und von der republikanischen Partei keiner in den Fünfzigerausschuss gewählt wurde, verließen Hecker und seine Anhänger die Versammlung. Ebenso Mögling, der – nach Stuttgart zurückgekehrt – in der Tageszeitung Der Beobachter unmittelbar Stellung bezog. Er erklärte, dass er kein Mandat für die württembergische Abgeordnetenkammer mehr annehmen könne, da er die Republik für die einzig richtige Staatsform anerkannt habe. Wenige Tage später machte er sich nach Konstanz auf, wo Hecker den bewaffneten Volksaufstand vorbereitete.
Friedrich Hecker gewann in Mögling einen selbstlosen und treuen Mitstreiter. Mit seiner stattlichen Größe und seiner geradezu „phlegmatischen Ruhe” war der Württemberger eine auffallende Erscheinung. Als Hecker in der Nacht vom 11. zum 12. April im Gasthaus zum Badischen Hof seinen Aufruf an das Volk verfasste, schien es aber dem sonst so ruhigen Mögling nicht schnell genug zu gehen. Sein Freund Franz Sigel erinnert sich: „Hecker ging in großer Aufregung im Zimmer auf und ab, diktierte Mögling die Proklamation, hielt aber oft inne, so daß ihm Mögling zurief: ›Diktier’, Hecker ! Diktier’!‹ als ob die ›Republik‹ davon laufen wollte.”4 Mögling selbst war von seinem Verhalten im April 1848 nicht wenig erstaunt. „Ich muß gestehen”, schreibt er in seinen Memoiren, „ich betrachtete mich selbst mit Verwunderung. Als ich meine Teilnahme an dem ersten republikanischen Aufstand zugesagt hatte, dachte ich natürlich hauptsächlich an eine geistige Teilnahme, ich wollte unsere Partei durch geistige Arbeiten unterstützen, in irgendeinem Dienstzweig mit der Feder arbeiten, an einen sogenannten Freischarenzug hatte ich nimmermehr gedacht. Da die ganze Sache aber eine andere Gestalt angenommen hatte, so besann ich mich nicht lange, sondern zog als Wehrmann der künftigen deutschen Republik mit, da es mir an physischen Mitteln dazu nicht fehlte. Ich hatte plötzlich das Schwert mit der Feder vertauscht.”5 Schon am dritten Tag der Erhebung wählten die Konstanzer Arbeiter, die Kerntruppe des Zuges, Mögling zu ihrem Anführer.
Am Revolutionszug beteiligten sich an die 6.000 Mann, aufgeteilt in drei Kolonnen. Mögling gehörte mit seiner Konstanzer Truppe der Hecker’schen Kolonne an, die am 20. April bei Kandern auf badische und hessische Truppen stieß. Das von Hecker erhoffte Überlaufen der Soldaten blieb aus, und so wurden die in Ausrüstung und Zahl weit unterlegenen Freischärler nach kurzem Kampf geschlagen. Mögling, der die Abteilung des rechten Flügels führte, zeichnete sich bei dem Zusammenstoß durch Unerschrockenheit aus. Als er eine zufällig in das Kampfgeschehen geratene Bauersfrau mit seinem Körper abschirmte, gaben ihm seine Freunde den Kriegsnamen: „die lebendige Barrikade”.
Hecker, der nach der Niederlage seine Sache verloren glaubte, rettete sich in die Schweiz und ging nach Muttenz, wohin ihm der zunächst nach Frankreich geflohene Mögling folgen sollte. Das Scheitern des Aufstands hielt Mögling, der in den folgenden Monaten seine Stellung unter den Republikanern stärken konnte, nicht davon ab, Hecker weiterhin die Treue zu halten: „Auf unsere Erhebung im Frühjahre und auf deinen Namen lasse ich nichts Nachteiliges kommen, darauf kannst du dich verlassen”, versicherte er Hecker wenige Wochen nach dessen Aufbruch nach Amerika im September 1848.6
Mit der Teilnahme an Struves Aufstand, der bereits nach vier Tagen mit der Niederlage bei Staufen am 24. September 1848 endete, verwirkte Mögling sein Asylrecht in der Schweiz und musste nach Frankreich ins Exil. In Straßburg verwaltete er als Statthalter Heckers die ihm von seinem Freund anvertraute Unterstützungskasse der deutschen Exilrepublikaner. Darüber hinaus veröffentlichte er seinen Politischen Katechismus, bestimmt als Leitfaden für Redner in politischen Vereinen, und legte Heckers Rechtfertigungsschrift, in der er selbst mit einem Beitrag vertreten war, neu auf.
Selbst nach dem gescheiterten Septemberputsch hielt Mögling an seinem Glauben an eine Revolution von unten fest und stellte sich bei Ausbruch der Mairevolution 1849 zur Durchsetzung der Reichsverfassung umgehend in den Dienst der Provisorischen Regierung Badens. Als Generalstabshauptmann kommandierte er am 13. Juni bei Schriesheim den rechten Flügel der Badener gegen die Reichstruppen. Am Abend des 15. Juni nahm er das von den Gegnern am Nachmittag eroberte Städtchen Ladenburg wieder ein. Im Gefecht bei Waghäusel am 21. Juni führte Mögling auf Befehl von General Ludwik Mierosławski einen Gegenangriff auf die preußischen Truppen, bei dem er durch eine feindliche Kugel schwer verwundet wurde. Mit zerschmettertem linken Schenkelknochen kam er ins Heidelberger Spital und geriet in preußische Gefangenschaft. Am 19. Oktober stellte man ihn vor das Mannheimer Standgericht.
Mögling zweifelte nicht daran, dass die badische Regierung Rache an ihm nehmen würde. Weil er nichts mehr zu verlieren glaubte und fest mit der Todesstrafe rechnete, trat er vor seine Ankläger mit aufsehenerregender Unerschrockenheit. Seine Standgerichtsverhandlung hinterließ einen solchen Eindruck, dass darüber sogar eine eigene Publikation erschien.7 Das gegen Mögling wegen „ausgezeichneter Teilnahme am Kampfe” ausgesprochene Todesurteil wurde nachträglich in eine zehnjährige Zuchthausstrafe umgewandelt, wohl um öffentliche Empörung über die Hinrichtung eines Schwerverletzten zu vermeiden. Zudem hatte sich der württembergische König persönlich für den Brackenheimer eingesetzt und dessen Abschiebung nach Amerika beantragt. Mögling, der vor dem Standgericht ersucht hatte, als Kriegsgefangener und nicht, wie die Anklage lautete, als Hochverräter behandelt zu werden, empfand die Begnadigung in Form einer Zuchthausstrafe als tiefe Erniedrigung.
Im Bruchsaler Zuchthaus beschäftigte man den Revolutionär mit Buchbindearbeiten. Nebenbei konnte er sich eigenen Studien widmen, die er mit eiserner Disziplin betrieb. Mögling soll während seiner Gefangenschaft über 400 Bücher gelesen und mehrere Sprachen erlernt haben. Auch im Zuchthaus blieb er seiner Gesinnung treu und galt als unbeugsamer Republikaner. Er verzichtete darauf, eine vorzeitige Haftentlassung zu beantragen, die eine Reueerklärung erfordert hätte. Ebenso wenig profitierte er von der ersten Teilamnestie, die Großherzog Friedrich I. im September 1855 anlässlich seiner Verlobung mit Prinzessin Luise von Preußen angeordnet hatte.
Da sich Mögling für die Einzelhaft entschieden hatte, wurde seine Haftzeit auf sechs Jahre und acht Monate herabgesetzt – seine Freilassung erfolgte am 20. Juni 1856. Während sich viele ehemalige Mitstreiter nach Amerika abgesetzt hatten, stand für Mögling eine Auswanderung außer Frage, hatte er sich doch „den freien Aufenthalt in Europa mit schweren Opfern erkauft”. Außerdem wollte er im Falle einer „politischen Auferstehung Deutschlands” sogleich wieder zur Stelle sein. Noch im Herbst 1856 zog es Mögling in die Schweiz. In der Nähe von Biel hatten deutsche Demokraten eine Gesellschaft zur Ausbeutung Schweizer Torfmoore gegründet; Mögling wurde Mitaktionär und technischer Leiter des Unternehmens. Daneben widmete er sich dem Schreiben seiner Autobiografie, die er 1858 in Solothurn unter dem Titel Briefe an seine Freunde herausgab. Von seinem Buchprojekt und den damit verbundenen Absichten hatte er Hecker bereits im September 1856 erzählt: „Ich werde eine kleine Schrift schreiben, in welcher ich meine Beteiligung an der Revolution und meine Gründe, die mich veranlaßten, so zu handeln, wie ich gehandelt habe, offen darlegen werde. Die möglichst ruhige Haltung, gewissenhafteste Beobachtung der Wahrheit und furchtloser Freimut werden dazu beitragen, den Schimpf und den Schmach unserer Feinde unvertilgbar zu machen.”8 Reaktionäre Kräfte suchten die Verbreitung der Memoiren zu unterbinden. Im Großherzogtum Baden wurde das Buch im November 1858 beschlagnahmt und der Autor wegen „Gefährdung der öffentlichen Ruhe und Ordnung” angeklagt.
1860 gab Theodor Mögling eine weitere Schrift heraus: den Reisebericht Ein Besuch bei Garibaldi im Sommer 1859. Darin schildert der damals 44-Jährige seinen Aufenthalt in Italien während des Zweiten Unabhängigkeitskriegs. In Lecco am Comer See empfing ihn der General mit einer Herzlichkeit, die Mögling tief berührte: „Ich fühlte sogleich, daß ich an Garibaldi einen Mann nach meinem Geschmacke gefunden habe.”9 Der charismatische Freiheitskämpfer war für ihn der Inbegriff des „Mannes der Tat”. In Garibaldis Einsatz für die italienische Einigung – ohne Rücksicht auf das eigene Leben –, erkannte sich Mögling wieder. Ende Juli 1859 kehrte er in die Schweiz und schließlich nach Württemberg zurück, wo er 1861 Maria Luise Saurmann heiratete. Als ihn Ferdinand Lassalle 1863 darum bat, Bevollmächtigter des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins für Schwaben zu werden, lehnte Mögling ab. Er hatte mittlerweile den Trailhof bei Backnang erworben, ein kleines Bauerngut auf den Höhen des Murrhardter Waldes. Mit Frau und Sohn lebte er dort als einfacher Landwirt.
Materielle Sorgen und gesundheitliche Probleme überschatteten dieses letzte landwirtschaftliche Unternehmen. Ein Hirnleiden mit wiederkehrenden Schlaganfällen führte im Mai 1866 zu Möglings Einweisung in die Dr. Landerer’sche Heil- und Pflegeanstalt für Gemüts- und Nervenkranke in Göppingen. Zur Deckung der Anstaltskosten musste das Gut versteigert werden. Während sich Möglings Zustand zunehmend verschlechterte, regte sich jenseits des Atlantiks Solidarität mit dem einstigen Freiheitskämpfer: Demokraten in Amerika bildeten einen „Mögling-Fond”, um ihn und seine mittellos gewordene Familie zu unterstützen. Auch in London formierte sich um Karl Blind und Ferdinand Freiligrath ein Ausschuss, der die in England lebenden Deutschen zu Spenden für Mögling aufforderte. Insgesamt soll so eine Summe von 10.000 Talern zusammengekommen sein.
Geistig umnachtet starb Mögling am 17. April 1867 im Alter von 52 Jahren; am 21. April wurde er in Göppingen beerdigt. Die an seinem Grab versammelten Freunde sahen in ihm einen „Märtyrer der Volkssache”, der wie kein anderer „Hingebung und Mut” bewiesen habe. Carl Mayer, Herausgeber des Beobachters, schreibt in seinem Nachruf: „Er wird aber fortleben unter seinen Landsleuten als der Mann ohne Falsch und ohne Wanken und selbst die deutsche Geschichte wird seinen Namen bewahren als einen der wenigen, die zuerst und mit reiner Hand das Schwert erhoben haben für die deutsche Republik.”10 Doch Mayer sollte sich irren: Theodor Mögling verschwand schon bald aus dem kollektiven Gedächtnis – dem Brackenheimer Revolutionär war es nicht vergönnt, Identifikationsfigur der frühen deutschen Demokratiebewegung zu werden.
1 Zitiert nach Marcel Herwegh (Hg.): 1848. Briefe von und an Georg Herwegh, Paris/Leipzig/München 1896, S. 257.
2 Theodor Mögling: Für Freiheit und Demokratie. Mitteilungen eines 1848er-Revolutionärs, hrsg. von Giovanna-Beatrice Carlesso, Brackenheim 2009, S. 36 (Neuherausgabe von Mögling: Briefe an seine Freunde, Solothurn 1858).
3 Ebd., S. 38.
4 Wilhelm Blos (Hg.): Denkwürdigkeiten des Generals Franz Sigel aus den Jahren 1848 und 1849, Mannheim 1902, S. 24.
5 Mögling: Für Freiheit und Demokratie, S. 91f.
6 Zitiert nach Franz X. Vollmer: Der Hecker-Nachlaß von St. Louis /USA, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 136 (1988), S. 349–415, hier S. 384.
7 Friedrich Lichterfeld: Theodor Mögling vor dem Standgerichte zu Mannheim den 19. October 1849, zur Charakteristik der badischen Standgerichte, Mannheim 1849.
8 Zitiert nach Vollmer: Hecker-Nachlaß, S. 395.
9 Theodor Mögling: Ein Besuch bei Garibaldi im Sommer 1859, Zürich 1860, S. 10.
10 Carl Mayer: Theodor Mögling, in: Der Beobachter vom 29. Mai 1867, S. [3].
„Die Republikaner Deutschlands, fälschlich Anarchisten genannt, haben zu Anfang dieses Jahres gezeigt, dass sie die Einführung einer freien vernunftgemäßen Staatsverfassung nicht für eine bloß sehr entfernt liegende Möglichkeit halten, sondern dass sie entschlossen sind, eine solche Staatsverfassung im Notfall mit den äußersten Mitteln durchzusetzen. Die Republikaner, welche eine Verfassung wollen, nach welcher der Mensch als freies, selbstständiges Wesen seine Geltung hat, sind die entschiedensten Feinde der Monarchisten, weil in der Monarchie oder Alleinherrschaft der Mensch seiner natürlichen Rechte beraubt, bloß als Maschine betrachtet wird, um die Macht einer Familie oder eines Mannes zu sichern. Die Monarchie, durch die Verblendung des Volkes allzu reich ausgestattet, hat es nicht verschmäht, zu den ehrlosesten Mitteln zu greifen, um die Bestrebungen der Republikaner zu verdächtigen und das verratene und betrogene Volk noch länger zu ihren Zwecken zu mißbrauchen, sie hat den Republikanern die eigennützigsten und unedelsten Absichten vorgeworfen und überhaupt nichts gescheut, das Volk zu seinem eigenen Nachteil zu betören. Folgende Zeilen sind niedergeschrieben, um die ehrlose Waffe der Verleumdung, welche so gerne von den Monarchisten gegen die Republikaner gebraucht wird, unschädlich zu machen. Weiterlesen
Erster Teil
Allgemeine Grundsätze
I.
Was ist der Mensch?
Der Mensch ist ein von Natur freies, selbstständiges, vernünftiges Wesen, dem der Trieb zur Geselligkeit angeboren ist. Was ist die Folge dieses Geselligkeitstriebes? Die erste Folge ist die Begründung der Familie, die zweite Folge die Bildung von Gesellschaften.
Was ist die Familie?
Die Familie ist die Vereinigung zweier Menschen verschiedenen Geschlechts zum Zwecke ihrer Fortpflanzung, Erziehung ihrer Kinder und Erwerbung der Mittel, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, letztere bilden das Eigentum.
Was ist die Gesellschaft?
Die Gesellschaft ist eine Vereinigung mehrerer Menschen oder Familien zur Verfolgung gemeinsamer Zwecke.
Was ist der Zweck der Gesellschaft?
Das größtmögliche Glück aller Mitglieder, das gemeinschaftliche Wohl.
II.
Was ist ein Staat?
Ein Staat ist die Vereinigung vieler Menschen oder Familien unter bestimmten Gesetzen zum Schutz für jegliches Eigentum.
Was ist die Grundbedingung eines geordneten Staates?
Freiheit, Ordnung, Achtung des einzelnen Mitgliedes, der Familie und des Eigentums.
Was ist Freiheit?
Freiheit ist das Recht, alles das zu tun, was nicht gegen das natürliche Recht und die Achtung anderer anstoßt.
Was ist Ordnung?
Ordnung ist die Befolgung der durch die Mehrheit der Staatsbürger beschlossenen Gesetze.
Was ist die Achtung des einzelnen Staatsbürgers, der Familie und des Eigentums?
Die Vermeidung alles dessen, was das natürliche Recht des Einzelnen, der Familie und das Eigentum verletzen könnte.
Kann das natürliche Recht des Einzelnen beschränkt werden?
Allerdings, aber nur mit dessen Zustimmung.
Muß das natürliche Recht des Einzelnen beschränkt werden?
In jedem geordneten Staat muß der Einzelne einen Teil seines natürlichen Rechtes hergeben, um desto mehr Schutz für seine übrigen Rechte zu bekommen, denn nur durch das Zusammenwirken vieler zu gegenseitiger Unterstützung entsteht Kraft und Macht. Je weniger natürliche Rechte der Einzelne aufzugeben braucht, um so besser ist die Staatseinrichtung und um so freier ist der Staatsbürger.
III.
Welches ist die beste Staatsform?
Offenbar ist die Staatsform die beste, in welchen die Freiheit, Ordnung, Achtung des einzelnen Mitgliedes, der Familie und des Eigentums am meisten gesichert ist.
Wie heißt man eine solche Staatsform?
Freistaat oder Republik.
Warum ist in dem Freistaat Freiheit, Ordnung, Achtung des Einzelnen, der Familie und des Eigentums am meisten gesichert?
Weil in der Republik alle Gesetze von dem gesamten Volk gemacht werden und es in dessen Vorteil liegt, sich die möglichste Freiheit und Sicherheit zu erhalten.
Wie können denn die Gesetze vom ganzen Volk gemacht werden?
Auf die art, daß alle volljährigen Staatsbürger gleiches Recht haben, bei allen gemeinschaftlichen Angelegenheiten ihre Meinung durch Wort und Tat geltend zu machen.
Zweiter Teil
Die Staatsverfassung
I.
Wie muß der Staat eingerichtet werden, damit er seinem Zweck entspricht?
Die Staatsverfassung muß so beschaffen sein, daß durch sie die Freiheit des einzelnen möglichst wenig beschränkt, dabei Ordnung und Eigentum möglichst gesichert sind.
Wie ist dies am leichtesten möglich?
Durch Gründung selbstständiger Gemeinden.
Was versteht man unter einer selbstständigen Gemeinde?
Gemeinden, welche die Art und Weise ihres Zusammenlebens ohne irgendeine fremde Einmischung unter Befolgung der allgemeinen Gesetze des Staates ordnen, nennt man selbstständig. Solche Gemeinden wählen sich ihre Beamten selbst auf längere oder kürzere Zeit, bestimmen selbst ihre Belohnung und geben ihnen die Anweisung, wie sie die Gemeindeangelegenheiten zu besorgen haben.
II.
Die Mittel der einzelnen kleineren Gemeinden reichen oft nicht aus, um gewisse notwendige Einrichtungen allein zu treffen, was tun sie deshalb?
Es vereinigen sich mehrere gemeinden zu einem Bezirk und treffen gemeinschaftlich die nötigen Einrichtungen, die oft größere Mittel verlangen, zum Beispiel Straßen- und Wasserbauten, Gründung höherer Unterrichtsanstalten etc.
Zur Besorgung der Angelegenheiten des Bezirks sind Beamte nötig, wer ernennt diese?
Natürlich der ganze Bezirk vermittelst Wahlen unter ähnlichen Verhältnissen wie die Gemeindebeamten.
Es ist notwendig, daß die Gemeinden und Bezirke Vertrauen zu ihren Beamten haben, wie bekommen sie das?
Alle Gemeinde- und Bezirksangelegenheiten müssen öffentlich verhandelt werden, zu den Verhandlungen muß jedermann Zutritt haben.
Kann es nicht vorkommen, daß die Beamten einen Beschluß fassen, welcher der Mehrzahl der Gemeinde oder des Bezirks nicht gefällt?
Allerdings kann dies vorkommen.
Was kann dann die Mehrzahl dagegen tun?
Sie kann eine Gemeinde- oder Bezirksversammlung veranlassen und durch Abstimmung den Beschluß ihrer Beamten umstoßen.
III.
Mehrere Bezirke zusammen haben in vielfacher Beziehung gemeinsame Interessen, was tun sie, um diese zu verfolgen?
Sie vereinigen sich, und bilden einen Staat, welcher dann die gemeinsamen Angelegenheiten durch Abgeordnete der einzelnen Bezirke beratet und beschließt.
Wer besorgt die Ausführung der Beschlüsse?
Eine von der Abgeordnetenversammlung gewählte Regierung.
Auf welche Art wird diese Regierung gewählt?
Ganz auf dieselbe art wie die Gemeinde- und Bezirksbehörden, nämlich durch die Mehrheit der Stimmen.
Hat die Regierung bloß die Beschlüsse der Abgeordnetenversammlung auszuführen?
Nicht allein das, sondern sie hat auch Gesetzesentwürfe und Verwaltungsmaßregeln vorzubereiten und diese der Versammlung zur Beurteilung und Genehmigung vorzulegen.
Kann die Regierung selbstständig keine Befehle erlassen?
Nein, jedes Gesetz, jede Verwaltungsmaßregel und jede Verordnung muss zuvor von der Abgeordnetenversammlung genehmigt werden, ehe deren Ausführung stattfinden kann.
Die Regierung ist demnach bloß die Dienerin des Volkes?
Nichts anderes. Daher kommt es auch, dass Regierung und Volk sich nie einander gegenüberstehen, sondern einen Körper zusammen bilden.
IV.
Welche Bürgschaften hat aber das Volk, dass seine Einrichtungen ungefährdet bleiben, dass es nicht von Einzelnen oder von Parteien unterdrückt oder benutzt wird?
1) Die freie Presse ohne Pressegesetz, denn jedes Pressegesetz ist eine Beschränkung. Ein vermittelst der Presse begangenes Vergehen wird nach den gewöhnlichen Gesetzen bestraft.
2) Das unbeschränkte Vereinsrecht. Es muss erlaubt sein, Vereine zu bilden zu Zwecken, welche nicht gesetzlich verboten sind, denn nur in der vollkommen freien Entwicklung liegt das beste Heilmittel aller Verkehrtheiten.
3) Die öffentliche Gerichtsbarkeit mit Geschworenen. Nur wenn das Volk seine Richter selbst wählt und diese öffentlich Recht sprechen müssen, hat das Volk eine Bürgschaft dafür, dass auch wirklich Recht gesprochen wird.
4) Die allgemeine Volksbewaffnung. Ein Volk, welches Mann für Mann die Waffen zu führen versteht und bewaffnet ist, kann sich gegen Eingriffe in sein Recht ganz gut verteidigen. Keine Partei, die nicht die Mehrheit für sich hat, wird es wagen, einen Versuch zur gewaltsamen Durchführung ihrer Absichten zu machen; gewinnt eine Partei aber die Mehrheit für sich, dann braucht sie keine Gewalt, sondern kann ihre Absichten auf friedlichem Wege durchsetzen.
Kann nicht der Fall eintreten, daß die Abgeordneten der Bezirke sich gegen den Sinn ihrer Wähler aussprechen und somit deren Absichten nicht vertreten?
Warum denn nicht, es kommen solche Fälle immer vor.
Welches Recht hat der Bezirk gegenüber von solchen Abgeordneten?
Wenn die Mehrzahl der Wähler es wünscht, so muß der Abgeordnete sein Amt niederlegen und der Bezirk ist zu einer neuen Wahl verpflichtet.
Dritter Teil
Rechte und Pflichten
Hat in einem vernünftigen Staat jeder Mensch gleiches Recht und gleiche Pflichten?
Jawohl, es wäre unvernünftig, bestimmten Menschen mehr Rechte zu geben oder mehr Pflichten aufzuerlegen als anderen, denn von Natur sind alle Menschen gleich.
Welches Recht hat jeder Mensch schon dadurch, daß er in einem vernünftigen Staat geboren oder in einen solchen aufgenommen wird?
Das Recht, sich seinen Lebensunterhalt zu erwerben.
Muss der Staat dafür sorgen, daß jeder Mensch Gelegenheit findet, sich seinen Lebensunterhalt zu erwerben?
Jawohl, dies ist die erste Verpflichtung des Staates.
Wie kann der Staat dieser Verpflichtung am ehesten nachkommen?
Dadurch, dass er für Unterrichtsanstalten sorgt, in welchen jeder Staatsbürger die für seinen Lebensunterhalt notwendigen Kenntnisse sammelt.
Ist der Volksunterricht aber nicht Sache der Gemeinde?
Ja, aber wo die Mittel der Gemeinde, namentlich für sogenannte höhere Unterrichtsanstalten, nicht ausreichen, muß der Bezirk, und wo die Mittel des Bezirks nicht ausreichen, der Staat eintreten und für solche Unterrichtsanstalten sorgen.
Hat irgendein Mitglied des Staates das Recht auf Kosten des Staates zu leben?
Nein, kein Staatsbürger, der sich seinen Lebensunterhalt erwerben kann, hat das Recht auf Kosten der ganzen Gesellschaft zu leben.
Welche Verpflichtung hat aber der Staat?
Für alle diejenigen, welche sich ihren Lebensunterhalt nicht selbst erwerben, mit einem Worte, nicht arbeiten können, muss der Staat sorgen, ferner hat er dafür zu sorgen, dass keinem seiner Bürger die Mittel verkümmert werden, sich seinen Lebensunterhalt zu erwerben.
Welche Pflichten hat aber jeder Staatsbürger?
Für die Erhaltung des Staates nach seinen Kräften beizutragen.”1
1 Abgedr. in: Giovanna-Beatrice Carlesso (Hrsg.): Theodor Mögling. Für Freiheit und Demokratie. Mitteilungen eines 1848er-Revolutionärs, Brackenheim 2009, S. 279–286.
„Die erste Nachricht von der Februarrevolution im Jahre 1848 erregte in ganz Europa bei allen gebildeten Völkern eine ungemeine Aufregung und Freude. Italien hatte seine Revolution vorher schon begonnen, um seine fehlerhaften politischen Zustände zu verbessern. Deutschland hoffte infolge dieser Revolution auch endlich an die Verbesseurng seiner politischen Gestaltung Hand anlegen zu können. Unendliche Missgriffe der zur Herrschaft gekommenen Partei waren aber in Frankreich, Italien und Deutschland die Ursache, dass die um ihre Hoffnungen betrogenen Völker als Endresultat des leider zu leicht gewonnenen Sieges eine vollständige Niederlage und in deren Folge eine noch nie gesehene Reaktion erleben mussten. In Frankreich erhob die Reaktion zuerst wieder das Haupt, indem sie eine ungemeine Tätigkeit darin entwickelte, einzelne unzusammenhängende Erscheinungen gegen die Revolution auszubeuten, und der Bourgeoise vor den Konsequenzen der Revolution bange zu machen. Zu diesem Zwecke war ihr jedes Mittel, besonders die schamloseste Verleumdung durch Broschüren und Flugschriften, willkommen. In Italien und Deutschland befolgten die Reaktionäre das in Frankreich gegebene Beispiel, und ahmten es nur zu geschickt nach; sie trübten das helle Wasser der revolutionären Flut, um im Trüben zu fischen. Weiterlesen
In Frankreich wusste ein Mann, der einen großen Namen trug, mit vieler Schlauheit und da er kein Mittel scheute, auch mit großem Glücke die Verhältnisse zu seinem persönlichen Vorteile auszubeuten und sich an die Spitze der Nation emporzuschwingen. Immer das Gegentheil von dem tuend, was er tun zu wollen öffentlich erklärte, nannte er sich den Friedenskaiser. Die Bourgeoisie, der man eine unsinnige Angst vor der roten Republik, dem Sozialismus und Kommunismus eingejagt hatte, sah in Napoleon den Todfeind dieser Gespenster und jauchzte allen seinen Schreckensmaßregeln Beifäll zu, weil dieselben in ihrem Interesse begangen zu sein schienen. Da in den der Revolution kurz vorhergegangenen Jahren Handel und Gewerbe unter allen zivilisierten Nationen einen ungemeinen Aufschwung genommen und einem großen Teile der Völker reichliche Nahrungsquellen verschafft, dann aber während den politisch aufgeregten Zeiten wieder gestockt hatten, so sehnte sich der größte Teil des Volkes nach Ruhe und hing sich an Napoleon, der die Ruhe herzustellen und aufrechtzuerhalten versprach. Man sah gerne über die Mittel und Wege weg, durch welche er sich auf seinen Posten emporgeschwungen; ja man belobte ihn sogar noch, daß er selbst die verwerflichsten Mittel und Wege nicht gescheut hatte, um nur die Ruhe wiederherzustellen, unter deren Schutze Gewerbe und Handel wieder in Aufschwung zu kommen hofften. Von allen Seiten wurde Napoleon der Retter der Gesellschaft genannt, und um seiner Verdienste willen bis in den Himmel erhoben. Die legitimen Fürsten Europas machten dem Parvenü den Hof, buhlten um seine Gunst, wallfahrteten nach Paris, unterbreiteten ihm als Schiedsrichter ihre Streitigkeiten, holten sich bei seiner Regierung die nötigen Instruktionen. Die gedankenlose Masse, die Börsenmänner und Spinnerkönige, die feilen Zeitungsschreiber jauchzten Beifall. Es war dies ein für jeden Ehrenmann ekelerregendes Schauspiel, ein unwidersprechlicher Beweis, wie sehr eine Gesellschaft durch das übermäßige Vorherrschen der materiellen Interessen herunterkommen kann.
[…]
Als alles gehörig vorbereitet und willige Werkzeuge genug gefunden waren, die in der angegebenen Richtung arbeiteten, ließ Napoleon am 1. Januar 1859 gegen den österreichischen Gesandten bei der Neujahrsgratulation jene bekannten Worte fallen, die allgemein auf Krieg gedeutet wurden. Welche Bestürzung diese Worte in der gesamten Masse der Gewerbe- und Handeltreibenden aller zivilisierten Staaten hervorbrachten, lässt sich nicht beschreiben. Lange wollten diese Leute an die Möglichkeit des Krieges nicht glauben. Man konnte nicht glauben, dass der vermeintliche Retter der Bourgeoisie, die sich so gerne die ‘Gesellschaft’ nennt, so weit gehen werde, durch einen in ihren Augen gänzlich unmotivierten, mutwilligen Krieg den ganzen Gewerbe- und Handelsstand gegen sich aufzubringen. Man wollte also an den Krieg nicht glauben, obgleich alle Anzeichen desselben immer deutlicher hervortraten. Man ließ sich durch die fortwährenden Friedensversicherungen Napoleons täuschen, weil man getäuscht sein wollte. So lange die allgemeine Stimmung in Frankreich gegen den Krieg war, versicherte Napoleon seine Friedensliebe und erklärte, er sei nicht zum Kriege gerüstet und rüste auch nicht. Dagegen wurden alle Mittel angewendet, die öffentliche Stimmung in eine kriegerische umzuwandeln. Je näher der entscheidende Zeitpunkt kam, umso größere Anstrengungen wurden von Seiten der neutralen Mächte gemacht, um den Krieg zu verhindern. Während Napoleon sich nun diesen Bemühungen gegenüber den Schein gab, als seie er ganz friedlich gestimmt, gelang es ihm, Österreich zum Beginn der Feindseligkeiten gegen Piemont zu treiben.
[…]
Während in Deutschland die reaktionäre und katholische Partei früher diesen Menschen ungeachtet seiner vielen Verbrechen bis in den Himmel erhoben, und die Entrüstung wegen des orsinischen Attentats1 nicht stark genug ausdrücken zu können geglaubt hatten, ließen sich nun vielfach Wünsche hören, es möchte sich jemand finden, der diesen Ruhestörer, nämlich Napoleon, auf irgendeine Art aus dem Wege schaffe. Das materielle Interesse der Gesellschaft schien jetzt ebenso durch das Leben Napoleons bedroht, wie es früher durch seinen Tod bedroht war. Die feige, charakterlose Menge hätte nun eine Tat gutgeheißen, welche sie das Jahr zuvor, als der Ruhestörer noch als Retter der Gesellschaft angesehen war, mit der größten Entrüstung als schändliches Verbrechen gebrandmarkt hatte. So ist der feige Philister2 aller Moralität bar und verdammt dieselbe Tat, wenn sie gegen seinen vermeintlichen materiellen Vorteil gerichtet ist, während er sie bis in den Himmel erhebt, wenn sie denselben begünstigt.
Der beginnende Krieg, drohte ein allgemeiner europäischer Kontinentalkrieg zu werden. Die Angst davor war allenthalben ungemein groß, besonders aber in Deutschland. Tiefe Aufregung bemächtigte sich dort aller Klassen des Volkes. Das deutsche Volk fing an, nach Mitteln zur Abwehr der Gefahr sich umzusehen, und kam dadurch zur klaren Erkenntnis seiner mangelhaften politischen Zustände, welche keinen Schutz gewähren konnten. Die Meinungen aber, was zu tun, um die drohenden Übel abzuwenden, liefen weit auseinander. Die gesamte konservative und ultramontane3 Partei wollte, ganz Deutschland solle für Österreich Partei ergreifen, um die napoleonischen Anmaßungen zurückzuweisen; diese Partei wollte, wie man richtig bemerkt hat, Deutschland in einen sichern Krieg stürzen, um einen möglichen zu vermeiden. Diese Leute wussten aber recht gut, was sie mit ihrem Geschrei unter dem nationalen Deckmantel wollten. Sie wollten das österreichische, jedem Fortschritt feindliche System um jeden Preis aufrecht erhalten; hierin handelten sie ganz konsequent, waren aber schlau genug, ihre Bestrebungen durch den Mantel des deutschen Patriotismus, den sie überzuhängen wußten, zu verdecken. Dämit lockten sie auch eine Menge ehrlicher Patrioten und unklarer Gefühlspolitiker in ihr Lager, obgleich der Mantel für Andere Löcher genug hatte. Je unklarer diese Leute nun waren, um so eifriger verfochten sie ihre Meinung und ließen sich sogar hinreißen, ihre sonstigen Parteimitglieder, die in dieser Angelegenheit anders dachten und anders handelten, unlauterer Motive zu beschuldigen. So weit vergaß sich der Parteifanatismus, einen der besten Demokraten, meinen verehrten Freund Vogt, zu beschuldigen, er habe sich an Napoleon verkauft, weil er eine andere Meinung über das in Folge des Krieges von Seiten Deutschlands zu beobachtende Verfahren hatte. Eine große Anzahl anderer, ebenso aufrichtiger deutscher Demokraten in der Schweiz und in Nordamerika teilen die Ansichten Vogts; sollen diese alle durch französisches oder vielmehr napoleonisches Gold bestochen sein? In dem Hasse gegen Napoleon sind wir Demokraten alle einig ohne Unterschied unserer augenblicklich verschiedenen Meinungen über die Bedürfnisse Deutschlands. Ich für meine Person wenigstens stehe in dieser Beziehung hinter keinem zurück, wie die folgenden Blätter beweisen werden und dieselbe Überzeugung hege ich von allen meinen Gesinnungsgenossen.
Wir, meine gleichgesinnten Freunde und ich, stehen auf rein demokratischem Boden. Wir erklärten deshalb unumwunden, die Italiener haben, wie jede andere gebildete Nation, das Recht, nach nationaler Unabhängigkeit und Freiheit zu streben; da sie nun durch lange Unterdrückung heruntergekommen und unkriegerisch geworden sind, sodass sie sich nicht allein von ihren Unterdrückern befreien können, so darf es ihnen niemand verargen, wenn sie sich nach fremder Hilfe umsehen. Gleichgültig ist, von wem sie diese Hülfe verlangen. Die italienischen Besitzungen Österreichs gehören nicht zum deutschen Bund und sind auf den Wunsch Oesterreichs ausdrücklich davon ausgeschlossen worden. Es ist für Deutschland stets ein Unglück gewesen, dass zum deutschen Bunde große Staaten gehören, welche außerdeutsche Besitzungen haben; denn dadurch haben diese Staaten oft ein Interesse, welches dem deutschen Interesse schnurstracks zuwiderläuft, und denselben eine Macht verleiht, welche sie oft gegen das deutsche Interesse geltend machen. Es liegt also im Interesse des deutschen Volkes, dass dieser unnatürliche Zustand aufhöre; der Verlust der italienischen Provinzen von Seiten Österreichs ist daher für Deutschland eher ein Glück, als ein Unglück, und deshalb darf Deutschland um der Erhaltung derselben willen für das Haus Habsburg unter keinen Umständen in einen Krieg gestürzt werden.
[…]
Es war nun freilich eine höchst traurige Wahrnehmung, daß besonders die kleinern deutschen Staaten Deutschlands so wenig kampfbereit sind, ungeachtet alle Jahre dem Volke ungeheure Summen zu solchen Zwecken abgepresst werden; aber diese fehlerhaften Zustände fielen jedermann so sehr in die Augen, dass die Angst vor dem Kriege eine ungeheure Aufregung hervorrief und alle nach Rettung aus dieser Not flehten. Jetzt kam die Zeit für die wahren und denkenden Patrioten, mit ihren Vorschlägen hervorzutreten und dem Volke zuzurufen: schafft vor allen Dingen eine politische Einheit, schafft einen Zentralpunkt, von dem aus eure Angelegenheiten besorgt werden können, einen Zentralpunkt, der vom Volke geschaffen, nur auf das Volk sich stützend, das wahre Interesse des Volkes im Auge hat und dieses allein verfolgt. Wir, meine gleichgesinnten Freunde und ich, arbeiteten aus allen Kräften in dieser Richtung schriftlich und mündlich, kamen aber damit den Konservativen, den Ultramontanen und selbst den sogenannten Gothaern sehr ungeschickt, weshalb diese daher auch alle Waffen, selbst die schlechtesten, das heißt die der Verleumdung, gegen unsere Bestrebungen wendeten. Die österreichelnden Kriegswüteriche gaben zwar meistens zu, dass das in Österreich herrschende System höchst verwerflich sei, fügten aber auch unmittelbar bei, der jetzige Augenblick sei zu Reformen nicht geeignet; sei der Krieg einmal vorüber und Österreich gerettet, dann könne man erst von Reformen reden und werde dann über Österreich staunen. Es ist dies die alte Geschichte – in Zeiten der Not verspricht man dem Volke, was man nach überstandener Not nie zu halten gedenkt. Will sich das deutsche Volk noch einmal durch so plumpe Lügen fangen lassen?
[…]
Ein Volk, das zur Einsicht der Mangelhaftigkeit seiner politischen Zustände gekommen ist, darf nicht ruhen, ehe es dieselben zum Besseren umgeändert hat, wenn es nicht mit Schimpf und Schande zugrunde gehen will. Da meinen Beobachtungen nach dem gebildeten Teile des deutschen Volkes aller revolutionäre Sinn abhanden gekommen zu sein scheint, so muss es den langsamen Gang der Reform einschlagen. Ob derselbe zu einem ersprießlichen Ziele führen wird, ist mir sehr zweifelhaft; denn wenn man bedenkt, wie viele Mächte, nicht nur einheimische, sondern auch fremde, das größte Interesse dabei haben, daß Deutschland nicht einig werde, so wird man einem konsequenten Republikaner nicht übel nehmen, wenn er seine Zweifel an dem Gelingen einer dauernden Einigung verschiedener Fürstenstaaten ausspricht. Die einzelnen Fürsten haben immer ihre Privatinteressen, die mit dem allgemeinen Interesse gewöhnlich in Widerspruch kommen. Ihnen zuzumuten, ihre Privatinteressen dem öffentlichen hintanzusetzen, wenn sie die Macht haben, das Gegentheil zu tun, ist doch eine gar zu große Naivität. Die Macht, ihre Privatinteressen im Gegensatz zu dem öffentlichen Interesse zu verfolgen, muss den Fürsten also genommen werden. Wie dies aber zu erreichen, weiß ich vom Standpunkte des Reformers nicht zu beantworten. […] Vor 10 Jahren hatten wir Revolution, der revolutionäre Geist war in Südwest-Deutschland wenigstens tief in die Massen des Volkes eingedrungen; dieser wurde durch das Parlament abgeschwächt, dessen ganze Tätigkeit auf Redenhalten und Fassen von Beschlüssen beschränkt war, die unfruchtbar blieben, weil es versäumte, seinen Beschlüssen praktische Geltung zu verschaffen.
So wurde die Revolution vernichtet. So kam es auch, dass die Revolution in das Gegenteil ihres beabsichtigten Zweckes umschlagen musste. Jetzt scheint mir die revolutionäre Idee den früher einflußreichen Leuten ganz abhanden gekommen zu sein. Da aber die politischen Zustände Deutschlands einer Umänderung notwendig bedürfen, wenn unser Vaterland nicht wie Polen zu Grunde gehen soll, so muss man in Ermanglung des Besseren den Weg der Reform betreten; dazu führt aber nur eine allgemeine Volksvertretung, gewählt von dem ganzen Volke. Es hat das Volk zu zeigen, ob es in den verflossenen 10 Jahren etwas gelernt hat, ob es bessere Wahlen zu treffen weiß, als damals, ob es vernünftiger wählt und nicht zu viel Rücksicht nimmt auf die Ungeduld solcher früherer Parlamentsmitglieder, die nichts als ihre seit zehn Jahren verhaltenen Reden an den Mann bringen wollen. Es hängt nämlich jetzt, wie auch früher, mancher die demokratische Fahne heraus, bei dem man bei näherer Nachforschung die reaktionäre in der Tasche findet. Das Volk muss dann aber auch seinen Abgeordneten die Mittel bieten, ihren Beschlüssen praktische Geltung verschaffen zu können. Vor 10 Jahren hatte es oft den Anschein, als sei das Parlament der Endzweck der Bewegung; jetzt aber soll die einheitliche Volksvertretung das Mittel zur politischen und nationalen Einigung werden.”4
1 Der italienische Rechtsanwalt Felice Orsini hatte am 14. Januar 1858 mit Komplizen versucht, Napoleon III. in Paris zu ermorden.
2 Altes Wort für ‘Spießbürger’.
3 Als Ultramontanismus bezeichnete man eine politische Strömung unter deutschen Katholiken, die sich durch konsequente Papsttreue auszeichnete.
4 Theodor Mögling: Ein Besuch bei Garibaldi im Sommer 1859, Zürich 1860, S. I–XII.
„Die erste Nachricht von dem Ausbruche der Revolution wurde in Deutschland von dem zahlreichsten Teile des Volkes mit ungemeinem Beifall aufgenommen. Die ganze alte Gesellschaft wurde dadurch erschüttert, die bevorrechteten Stände sahen einen Sturm herbeikommen, dem sie sich nicht entgegenzustellen wagten, die große Masse des Volkes dagegen sah ein Beispiel vor sich, wie es mit altem Plunder fertig werden könne, und suchte es nachzuahmen. Überall versammelte man sich, besprach seine Angelegenheiten, und stellte seine Forderungen an die Machthaber. Diese gaben meist nach, und versprachen alles Schöne und Gute, wo dagegen Widerstand geleistet wurde, erkämpfte sich das Volk mit Waffengewalt sein Recht. Wien und Berlin sahen Bürgerblut in ihren Straßen fließen, und das Volk leider nur zu leichte Siege erringen. Die rasche und beinahe widerstandslose Nachgiebigkeit der Machthaber besänftigte überall den Unmut des bisher mißhandelten Volkes, es verzieh seinen bisherigen Drängern großmütig, und wurde dafür natürlich schmählich betrogen. Weiterlesen
Gleich beim ersten Beginne der Bewegung waren mehrere in Stuttgart anwesende Mitglieder der Ständeversammlung, darunter auch ich, zusammengetreten, um darüber zu beraten, was unter den gegebenen Umständen von unserer Seite zu tun sei. Darüber wurden schnell alle einig, die Regierung aufzufordern, allen seit Jahren erhobenen begründeten Beschwerden des Volkes rasch abzuhelfen, namentlich den Beschwerden welche der gebildetere Teil des Volkes erhoben hatte und deren Abhilfe stets unter dem Vorwande verweigert worden war, der Bundestag dulde es nicht. Mehrere Beratungen fanden statt, eine Menge Vorschläge wurden gemacht, die bald mehr, bald weniger Beifall fanden. Ich machte namentlich den Vorschlag, von der Regierung die Auflösung der Ständekammer zu verlangen, damit das Volk vermittelst neuer Wahlen Gelegenheit erhalte, seine Wünsche und Forderung entschieden auszusprechen. In ruhigen Zeiten nimmt nämlich das Volk in der Regel nur lauen Anteil an den Abgeordnetenwahlen, lässt sich leicht von den Beamten einen Mann zum Abgeordneten aufschwatzen, dem es in bewegteren Zeiten gewiss keine Stimme geben würde. Die Kammer, welche im Jahre 1847 beisammen war, enthielt nun eine Menge solcher Mitglieder, die teilweise so wenig Vertrauen in ihren Wahlbezirken genossen, dass die Wähler Anträge und Wünsche, welche sie an die Ständeversammlung bringen wollten, nicht den Abgeordneten ihres Bezirkes zur Übergabe zusendeten, sondern denen anderer Bezirke, zu welchen sie mehr Zutrauen hatten. Von mehreren Bezirken waren gleich zu Anfang der Bewegung solche Zusendungen an mich gekommen; mit der Entschuldigung, man wende sich an mich, da der Abgeordnete des Bezirkes kein Vertrauen verdiene. Diese Erscheinungen bestimmten mich, auf sofortige Auflösung der Ständeversammlung anzutragen. Der Antrag wurde natürlich von der großen Mehrheit als zu radikal verworfen, worauf ich in einer der folgenden vertraulichen Versammlungen, wie man diese nicht offiziellen hieß, einen gemäßigteren stellte, welcher dahin ging, die Regierung solle wenigstens dahin wirken, daß der Teil der Abgeordneten, welcher offenbar das Vertrauen seiner Wähler nicht besitze, freiwillig abtrete, um ihren Wählern Gelegenheit zu geben, neue Wahlen vorzunehmen. Dieser Antrag erregte bei einem Teile der Anwesenden ein noch größeres Entsetzen, als mein früherer. Heute bewundere ich freilich meine damalige Naivität, und habe dadurch viel Stoff zum Lachen, zu meiner Entschuldigung möge mir dienen, dass ich mit der großen Masse des Volkes an eine aufrichtige Besserung der Bürokratie glaubte, so wie diese ihre bisherigen Fehler erkannt habe. Von großem Einfluß auf mein Benehmen war auch, daß ich als Abgeordneter geschworen hatte, die Rechte der Krone wie des Volkes zu wahren.
[…]
Die vormärzliche Opposition, endlich ans Ruder gekommen, zeigte sich sehr versöhnlich, und betrachtete sich mit Wohlgefallen. Die Anhänger des alten Systemes waren froh, in ihren früheren Gegnern höchst sanftmütige Leute zu finden, so leichten Kaufes davon gekommen zu sein, und krochen nun mit hündischer Demut vor Leuten, welche sie wenige Wochen vorher noch mit Leidenschaft bekämpft hatten. Als ich bei einer vertraulichen Beratung von den neuen Ministern die sofortige Auflösung der Ständeversammlung wiederholt verlangte, da sie unmöglich mit einer Kammer werden verhandeln können, in welcher sie und ihre Partei stets in der Minderheit gewesen seien, hatte die alte Mehrheit die Schamlosigkeit, zu erklären, sie werde dem neuen Ministerium keine Opposition machen, es vertrage sich dies ganz gut mit ihren Grundsätzen. Ein wahrer Ekel überfiel mich bei dieser Erklärung, ich schämte mich einer solchen Versammlung anzugehören, und als mir infolge dieses Gefühles der Ausruf entfuhr, ein solches Betragen vertrage sich mit meinen Begriffen von Ehrenhaftigkeit nicht, stellten sich diese Leute sogar beleidigt, und der Präsident zeigte Spuren von Entrüstung, worauf ich jedoch ruhig erwiderte, ich habe gesagt, mit meinen Begriffen von Ehrenhaftigkeit, worauf sich alles beruhigte.
[…]
Bei der Reise nach Frankfurt, welche ich in Gesellschaft einer Anzahl Liberaler machte, fiel mir auf, dass diese Leute, welche bisher doch schon eine geschlossene Partei gebildet hatten, sich durchaus nicht klar darüber zu sein schienen, was und auf welchem Wege sie ihren Zweck durch diese Versammlung erreichen wollten. Die soziale Bedeutung der Bewegung hatten nur wenige erkannt, manche wären mit leeren formellen Änderungen der deutschen Bundesverfassung zufrieden gewesen. […] Gleich die erste Sitzung machte den großen Missgriff klar, der bei der Aufforderung zum Beitritt gemacht worden war. Die Versammlung war insofern eine revolutionäre, als sie ohne vorherige Anfrage und Genehmigung irgend einer bestehenden Regierung zusammenberufen war; wenn einzelne Regierungen nachträglich ihre Zustimmung ausgesprochen hatten, so war dies bloß Folge von Angst. Die Zusammensetzung des Vorparlamentes war nun aber der Art, dass die große Mehrzahl, erschrocken über ihre eigene Kühnheit, mit aller Gewalt ihren revolutionären Ursprung vergessen, und sich ihren Regierungen wohlgefällig machen wollten. Daraus allein lassen sich die unsinnigen, einander so oft widersprechenden Beschlüsse dieser Versammlung und das schmähliche Resultat derselben erklären. Auch wir, die Republikaner in der Versammlung, machten unsere Fehler, namentlich den Fehler, dass wir das Unheil, welches dieses Vorparlament stiftete, schon in der zweiten Sitzung einsehend, nicht sofort austraten, um nicht mehr einzutreten.
In der zweiten Sitzung konnte jeder klare Kopf schon einsehen, dass diese Versammlung die ganze Bewegung verderbe, und das Volk der Reaktion in die Arme führe, deshalb wäre es am Platze gewesen, das Vorparlament zu sprengen, und damit die Bewegung, anstatt sie zu hemmen, wieder in Fluss zu bringen. Ich war dieser Ansicht, fand aber zu wenig Unterstützung, um sie zur Ausführung zu bringen. Freilich, als die Versammlung sich so weit vergaß, mit dem allgemein verachteten Bundestage in Verbindung zu treten, da trat unsere Partei aus der Versammlung aus, mit der Erklärung, dass sie es unter ihrer Würde halte, an einer Versammlung teilzunehmen, welche ihre Ehre und die Ehre des Volkes so wenig zu wahren wisse: Aber auch jetzt hätte unserem Austritte die Sprengung der Versammlung folgen sollen, wenn derselbe eine entscheidende Wirkung haben sollte, stattdessen ließ sich unsere Partei beschwatzen, zurückzukehren, und an der Wahl des Fünfziger-Ausschusses sich zu beteiligen. Es war dies die größte Inkonsequenz, welche wir begehen konnten, und ich habe nur die Beruhigung, daß ich gegen den Wiedereintritt sprach, und mich nur aus Parteirücksichten nach erfolgter Abstimmung der Mehrheit, wenn auch mit Widerwillen, fügte. Während dieser Tage hatten einzelne entschiedenere Männer unserer Partei sich darüber verständigt, dass durch das Vorparlament die ganze Bewegung ins Stocken gekommen, ehe nur ein entsprechendes Resultat erzielt war, dass die sogenannten Märzerrungenschaften wie Seifenblasen zergehen, wenn das Volk keine Garantie für deren Aufrechterhaltung habe, dass also die Bewegung wieder in Fluß gebracht werden müsse, solle die ganze Geschichte nicht unter dem Hohngelächter der Reaktion zu Grunde gehen. Wir kamen darin überein, dass das Volk zu den Waffen gerufen werden, und mit den Waffen in der Hand seine neue Verfassung erringen müsse.”2
1 Abgedruckt in: Ob stehendes Soldatenheer. Ob Volkswehr. Zwei Reden im Preußischen Abgeordneten-Hause gehalten am 29. April 1865, Leipzig 1865, S. 3f.
2 Theodor Mögling: Briefe an seine Freunde, Solothurn 1858, S. 51–63.
Politischer Katechismus, Straßburg 1848.
Erlebnisse während der ersten Schilderhebung der deutschen Republikaner im April 1848, in: Hecker, Friedrich: Die Erhebung des Volkes in Baden für die deutsche Republik. Mit Beiträgen von Mögling, Sigel und Kaiser, Basel 1848, S. 77–104.
Briefe an seine Freunde, Solothurn 1858.
Ein Besuch bei Garibaldi im Sommer 1859, Zürich 1860.
Theodor Möglings Tagebuch vom 10. bis 23. April 1848. Ein Beitrag zur Geschichte des republikanischen Aufstands in Baden (herausgegeben von Peter P. Albert), in: Zeitschrift der Gesellschaft für Beförderung der Geschichts-, Altertums- und Volkskunde von Freiburg, dem Breisgau und den angrenzenden Landschaften (Bd. 25), Freiburg 1909, S. 125–146.
Carlesso, Giovanna-Beatrice: Von der Seide zur Muskete, in: Mögling, Theodor: Für Freiheit und Demokratie. Mitteilungen eines 1848er-Revolutionärs, Brackenheim 2009, S. 9–29.
Dvorak, Helge: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft (Bd. 1, Teilbd. 4), Heidelberg 2000, S. 120f.
Lichterfeld, Friedrich (Hg.): Theodor Mögling vor dem Standgerichte zu Mannheim den 19. October 1849. Zur Charakteristik der badischen Standgerichte, Mannheim 1849.
Wir nutzen Cookies und ähnliche Technologien, um Geräteinformationen zu speichern und auszuwerten. Mit deiner Zustimmung verarbeiten wir Daten wie Surfverhalten oder eindeutige IDs. Ohne Zustimmung können einige Funktionen eingeschränkt sein.