
WILHELM ZIMMERMANN
Abb.: Stadtarchiv Stuttgart
Wilhelm Zimmermann lebte und arbeitete Zeit seines Lebens in Württemberg. Vor der dort herrschenden Zensur entzog er sich mit einem Trick: Er schrieb nicht über die Gegenwart, sondern über historische Aufstände des einfachen Volkes gegen den Adel und die Kirche (obwohl er selbst auch als Pfarrer arbeitete), die ihre Freiheit unterdrückten. So auch in seiner dreibändigen „Allgemeinen Geschichte des großen Bauernkrieges“, die heute als die erste fachwissenschaftliche Arbeit zum Bauernkrieg (1525) überhaupt gilt – denn Zimmermann wiederholte darin nicht nur die bereits bekannten Daten, sondern recherchierte das Thema ausführlich in Archiven. Seine Darstellung ist, wie auch der Rest seines Schreibens und Wirkens, geprägt von seinen eigenen politischen Überzeugungen: Die unterdrückten Bürger im 19. Jahrhundert sollten sich auflehnen und für ihre Freiheit und ihre Rechte kämpfen, so wie es die Bauern 300 Jahre zuvor getan hatten. Auch wenn sein Bauernkriegs-Werk aus geschichtswissenschaftlicher Sicht heute überholt ist, bleibt es dennoch eine Pionierarbeit und inspiriert andere in ihren Werken, darunter Friedrich Engels, Gerhard Hauptmann und Käthe Kollwitz.
1848 wird er Abgeordneter der Paulskirche und Teil der radikal-linken Fraktion Donnersberg, wo er sich unter anderem für die Trennung von Staat und Kiche einsetzt, 1849 gehört er zum Stuttgarter Rumpfparlament. Zwei Jahre später schreibt er als Zeitzeuge ein ausführliches, fast tausendseitiges Werk über „Die Deutsche Revolution”.
Balthasar Friedrich Wilhelm Zimmermann wird am 2. Januar in Stuttgart geboren. Als Sohn einer armen Familie scheint sein Weg vorgezeichnet – aber seine Begabung ermöglicht ihm den Besuch des Gymnasiums und des Tübinger Stifts.
Zimmermann heiratet Luise Dizinger, eine Pfarrerstochter.
Nachdem er nach verschiedenen Regelverstößen vom Tübinger Stift verwiesen und sein Theologiestudium nur mit durchwachsenen Noten abgeschlossen hat, wird er bei Ludwig Uhland über Römische Literatur promoviert.
Das kleine Vermögen seiner Frau ermöglicht es ihm, als Journalist und Dichter tätig zu sein. Zusammen mit Eduard Mörike gibt er das „Jahrbuch schwäbischer Dichter und Novellisten“ heraus.
Zimmermann verfasst und veröffentlicht die erste wissenschaftliche Darstellung über den deutschen Bauernkrieg und zeigt darin die Bauern als Kämpfer gegen ihre Unterdrücker und für ihre Freiheit.
Zimmermann wird Professor für Literatur an der Polytechnischen Schule in Stuttgart, Vorgängerin der heutigen Universität Stuttgart. Weil kurz vor seinem Einstand Geschichte aus dem universitären Fächerkanon gestrichen wurde, gibt er darin private Unterrichtsstunden für die Studierenden.
Als Teil der radikal-linken Fraktion Donnersberg wird Zimmermann Abgeordneter der Frankfurter Paulskirche. Er gehört im Jahr darauf zu den Abgeordneten, die dagegen stimmten, Friedrich Wilhelm die Kaiserkrone anzubieten.
In der Endphase der Revolution spricht sich Zimmermann dafür aus, die Revolution, wenn nötig, auch gewaltsam durchzusetzen.
Weil er weiterhin für seine demokratischen Überzeugungen eintritt und – laut einem Unterrichtsbericht – „darauf ausgehe, die Geburtsaristokratie dem Proletariat gehässig und lächerlich darzustellen“, wird er aus dem württembergischen Schuldienst entlassen. Schon in den vorherigen Jahren war er von der Schulaufsichtsbehörde beobachtet und kontrolliert worden.
Zimmermann arbeitet in “Die Deutsche Revolution” die Geschichte der Revolution auf.
Nach seinem Ausscheiden aus dem württembergischen Landtag nimmt er verschiedene Pfarrstellen an und organisiert etwa allgemeine Schulspeisungen – politisch äußerte er sich kaum noch und entwickelt sich zu einem Bewunderer Bismarcks.
Am 22. September stirbt Zimmermann. Auf seinem Grabstein in Owen (Teck) steht ein Zitat aus seinem Gedicht „Bauernkrieg“: Ob auch Welle um Welle sich bricht und / zerstäubt, der Strom geht vorwärts.
Tiberio:
Vernimm: verschworen hat sich, eng verbunden
Der Adel mit der Priesterschaft; erheben
Woll’n wir uns allzumal für unsre Sache.
Die Privilegien der Geistlichkeit,
des Adels angeerbte, tausendjährige
Freiheiten und Gerechtsame woll’n wir,
und kost‘ es, was es wolle, wieder haben.
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Francesco:
Das Recht, das mit Gewalt entrissen ward,
zurückzufordern mit Gewalt, ist recht.
Der Adel mag und soll dies – doch wozu
Das Bündnis mit der Priester hinterlistiger
Raubsücht’ger, intriganter Zunft? Der Schwan
Macht mit dem Raben keinen Bund. Es mag
Das Edle nicht sich dem Unedlen gatten
Ohn‘ einen Nachtteil für die gute Sache.
[…] Euch blieb das Volk, der Bürger redlichstarke,
ehrhafte, wackre Gemeinden. Sie,
die Hartgedrückten, härter weiter als wir,
sie hatten Ursach, uns die Hand zu bieten
zum Kampfe für ihr Recht. Sie durften es
erwarten, dass wir ihnen dazu helfen.
Tiberio:
O, sprich mir nicht vom Volk! Das Volk bleibt Volk
Ein unvernünft’ger Klumpen, zu nichts tauglich,
als wie ein Spielball hin und hergestoßen
von Mächtigern zu werden, bald für diesen
und bald für jenen Zweck. Mit ihm niemals
was anzufangen, weils in seinem Kopf
das ganze Jahr nie Tag wird, und es nie weiß,
wer Freund, wer Feind ihm ist, und wo es ihm
so eigentlich denn fehlt, und was es will.
Francesco:
Missachte nicht das Volk. Vorüber sind
Die Zeiten, wo wir Götter schienen, jenes
Nur winziges Gewürm. Es denkt. In hundert
Und tausend Nächten, wo es schlaflos sich
Der Arbeit hartes Brot mit Tränen weichte
Zur Notdurft für den Tag, da ließen wir
Ihm Zeit zu denken über sich und über
Sein Elend gegenüber uns. Es geht
Ein neuer Geist jetzt durch die Welt. Das Volk
Fängt, dass es Mensch sei, einzugestehen an.
Von allen Orten kommen Zeitungen
Von Schrecken voll. In halb Europa lodert
Der Brand. In England, Frankreich, Niederland
Hat, müde schon des Drucks der Despotie,
das Volk empört sich wider seine Fürsten,
und eingefordert sein urmenschlich Recht.
Was noch bei uns nicht ist, das kann noch werden.
Kurzsichtig wär es, unser Volk verachten,
weil es im Augenblick zu schlafen scheint.
Abend ist es, die Sonne versank, vollbracht ist das Tagwerk,
und es ladet die Ruh heiter zu Liebe und Wein.
Sprecht, warum seid ihr so stumm, am Feierabend so traurig?
Schöne Seelen, warum schweigen die Lieder der Luft?
Blass sind die Rosen der Wangen, verblasst wie der Liebenden Antlitz,
die am Gestade der See Abschied vom Teuersten nahm.
Ja, ich weiß es, ihr Edeln, ich kenne den bitteren Abschied,
der die Herzen euch schwer, düster die Augen eucht macht.
Eine Jungfrau, die ihr geliebt, hat königlich scheidend
Gute Nacht euch – und ihr meinet, auf ewig – gesagt.
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Ich auch sah die Geliebte im sinkenden Strahle der Sonne,
einen unsterblichen Kranz trug sie im dunkeln Gelock.
Strahlender als die Kronen der Erde alle, und Purpur,
unzerstörbar der Zeit, floss um den schimmernden Leib.
Um sie standen die Helden, die Schlachtenübergebliebenen,
wenige Sterne, Gewölk deckte die Andern mit Nacht.
„Lasst uns schlafen, so sprach sie, wir haben vollendet das Tagwerk,
Ich bin verraihen und müd, und es ist Schlafenszeit jetzt.“
Sprach’s und wickelte dichter ins blutigrote Gewand sich,
und wie auf’s Ruhebett hinstreckte zur Erde sie sich.
Und ihr letzteres Wort, es klang, wie des sterbenden Helden –
Aber sie schläft nur, sie ist tot nicht, die Königin schläft.
Und es wird Morgen werden, sie wird erwachen und ausgehn
Aus der Kammer hervor, bräutlich und schöner denn eh.
„Trocknet die Tränen, die Jungfrau schläft, sie ist nicht gestorben,
schweige Getümmel, sie schläft, und ich erwecke sie bald.“
So sprach einst der ewige Totenerwecker, da lachte
Rings der Pöbel, das Volk lacht‘ und verspottete ihn.
Aber er reckte die Hand, und sprach das allmächtige Wort aus,
und das Netze des Schlafes riss, und die Tote erstand.
Sehet die Blumen an des Feldes, dahin ist ihr Frühling
Und ihr Sommer, das Haupt haben sie müde geneigt.
Unter die Erde sind früh sie schlafen gegangen; denn Herbst ist
Worden, der Winter ist schon nahe voll Kälte und Nacht.
Aber der Winter wird weichen dem siegenden Frühling, die Sonne
Wird mit mächtigem Strahl sprengen das eisige Band,
dass es grünet und blüht und sich Alles erneut auf der Erde,
auf der gealterten, Strom, Vogel und Blume und Mensch.
Polenblume, wie blühtest du rosig am Wasser der Weichsel,
die von Bewunderung schwoll, Frühling und Sommer entlang!
Stolzer zogen die Wogen, von deinem Purpur gerötet,
Deine Glorie fern kündend den Töchtern des Meers.
Kühne Riesenblume, an deinem mächtigen Dufte
Hat sich Europa berauscht und die gesittete Welt.
Und auch du bist schlafen gegangen jetzt unter die Erde,
wie die Blumen des Felds, früh vor dem Eise des Nords.
Aber auch dein Lenz kehrt, dem Rufe des Totenerweckers
Wirst du erstehen und hoch schießen zum Himmel empor.
Ja erstehen wirst du neuglänzend, und Blüten und Früchte
Tragen, und glänzend mit dir werden viel Schwertern erstehn,
Kinder aus deinem Samen, den von der sterbenden Blume
Weit der allmächtige Hauch über die Lande verstreut.
Ja, du wirst auferstehn, und viele mit dir, denn die echte
Liebe kann schlummern zur Zeit, aber nicht sterben im Tod.
Ewig ist und unsterblich, wie alle Liebe, wie jedes
Himmelgeborene Kind, Liebe der Freiheit, des Rechts.
Traun, und risst ihr sie aus allen Herzen der Menschen,
auch aus dem letzten, und grübt bergetief ihr sie hinab,
tief sie hinab und tiefer, zum Mittelpunkt der Erde,
kommen würde der Lenz, kommen mit Blüten und Grün.
Und ausschlagen die Erde in Freiheitsblüten, die alten
Gährend sich regen und dreh’n und sich empören zum Kampf
Wider den Despotismus: Denn Freiheit muss werden auf Erden,
Freiheit im Reiche des Geists, Freiheit im Reiche der Welt.
Weine nicht! Wir müssen scheiden,
schwarzes Auge, weine nicht!
Mein Genoss in Schmerz und Freuden,
müssen uns auf lange meiden,
ob dein liebend Herz auch bricht.
Weine nicht! Die Edeln starben,
und das Vaterland ist tot!
Seines Sommers reiche Garben
Auf dem Siegesfeld verdarben,
weine nicht um Deine Not.
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Weine nicht! Mit Blut betauet
Ist der Freiheit frisches Grab,
und in stillem Glücke bauet,
dort der Sklave ruhig schauet
Gott auf ihn und uns herab.
Weine nicht! Vor Meuchelstreichen
Sank‘ des größten Volkes Glanz.
Sterben möcht ich eh, als weichen
Von dem Sarg der teuren bleichen
Leiche meines Vaterlands!
Weine nicht! Der Rache Boten
Zieh‘n wir durch Europas Flur,
nennen nicht die großen Toten,
nicht den Strom, den dunkelroten,
nennen einen Namen nur.
Weine nicht! Wohl schönre Räume
Schau ich, mildres Sonnenlicht.
Blauern Himmel, schön‘re Bäume
Ist’s das Land der Jugendträume,
unsre Liebe Land doch nicht!
Weine nicht! Zwei zarte Tauben,
Weib und Kind lass ich allein.
Wollen sie den Sohn dir rauben,
töte Namen ihm und Glauben,
wirf ihn in den Strom hinein.
Weine nicht! Und tu desgleichen
Treibend fern ins Meer hinein,
werden eure stillen Leichen
aller Welt ein graues Zeichen
und ein blutiger Brief mir sein.
Weine nicht! Es muss geschehen!
Schwarzes Auge, weine nicht!
Lass nach Rache, lass mich gehen!
Diesen Kuss auf Wiedersehen,
wenn der Freiheit Tag anbricht!
Der dem Bauernkrieg inwohnende Geist ist der nämliche Geist, der dritthalbhundert Jahre später das ganze Staatsgebäude Europas erschütterte und umwandelte. 1525 blutete das Volk, 1790 verblutete die Aristokratie. Jeder Schuld folgt ihre Rache, jedem Opfer seine Sühne, jeder Aussaat auf dem Boden des Lebens ihre Frucht.
Exzellenz!
Der ehrerbietigst Unterzeichnete wagt es, an Ew. Exzellenz unmittelbar die Bitte zu richten, wenigen Worten von ihm ein günstiges Gehör schenken, und in dem, was er hiermit tut, Nichts als ein reines Gewissen, Geradheit und Vertrauen finden zu wollen.
Ich bin als Bewerber um die Lehrstelle der Geschichte und deutschen Literatur an der Oberreal- und polytechnischen Schule aufgetreten. Ich kenne die Rücksichten, die eine Regierung zu nehmen hat bei Besetzung einer Lehrstelle der Geschichte an höheren Anstalten. Ich weiß auch, dass oft die Persönlichkeit eines Bewerbers von Andern aus selbstsüchtigen Absichten in ein falsches Licht zu setzen gesucht wird. Aus beiden Gründen möchte ich offen Eurer Exzellenz darlegen dürfen, was nach einer gewissen Seite von mir zu erwarten wäre, wenn mir das Leseamt der Geschichte übertragen würde. Weiterlesen
Ich gelte für freisinnig. Ich bin es, im edeln und reinen Sinne des Wortes, nicht destruktiv, sondern konservativ. Wo ich einzeln geirrt habe und durch Tatsachen eines Besseren überzeugt worden bin, da änderte ich meine einzle Ansicht: andere Änderung, als die, welche von innen heraus unabweisbar sich aufdringt, werden die Grundsätze meines Handelns und Redens nicht erleiden. Ich würde auch von Ew. Exzellenz nicht groß genug denken, wenn ich annehmen wollte, dass Sie einen, der ohne Weiteres einer ihm angenehmen Stelle wegen seine Grundsätze änderte, für das Leseamt der Geschichte passend finden würden, deren Darstellung vor allen Dingen Wahrheitsamt und Lauterkeit fordert.
Meine Freisinnigkeit – alles was ich schrieb, weist es aus – besteht darin, dass ich überall der Wahrheit in der Geschichte nachgehe, und diese ohne Bitterkeit, aber frei, wenn auch mit Schonung, sage, wo und wie ich sie finde. Meiner Ansicht nach entspricht unseren Jahrhunderten und Verhältnissen die konstitutionelle Monarchie am Meisten. Aber nirgends huldige ich ausschließlich einer Theorie, noch diene ich den Zwecken einer Partei. Nie glaubte ich an eine alleinseligmachende Staatsform, oder, dass die Freiheit an eine Gattungsart der Regierung gebunden wäre, sondern da, glaube und lehre ich, wird die meiste Freiheit sein, wo Regierung und Gesetze so weise sind, dass die Würde des Menschen in Allem aufs Höchste geachtet wird. Ich habe immer gelehrt, dass die wahre Freiheit nicht die von der Masse begehrte sei, sondern die, unter deren Licht Jeder mit Allen sich wohl fühlt, weil er seine Menschenwürde üben und bilden kann und sie sicher weiß vor Unrecht von oben und unten, vor Antastung von Seiten der Regierenden wie der Mitbürger. Eben als Geschichtskenner weiß ich, dass unter jeder Staatsform gute Gesetze und treffliche Persönlichkeiten möglich sind und glücklich wirken können, wie umgekehrt schlechte Persönlichkeiten schlecht. Ich habe immer die Praxis höher gehalten als die Theorie, und ich schöpfe meine Theorie aus den Tatsachen der Geschichte. Demagogen erziehe ich nicht, ebensowenig unreife und vorlaute Politiker. Mein eigener Sohn, jetzt im 15. Jahre, hat noch keine Ahnung von Politik durch mich bekommen. Worauf ich ihn allein hinleite, war, dass er lerne, hell sehen und recht handeln. Alles Überspannte und Unreife war mir immer sittlich und ästhetisch zuwider, und ich gebe einem unreifen oder halbreifen Magen nicht schon Speise, die nur dem gereifteren Magen verdaulich ist. Ja gerade, weil ich freisinnig bin, halte ich es für Unrecht, an der Freiheit des Andern, der unentwickelten Jugend politische und religiöse Ansichten künstlich einzuimpfen, sie frühzeitig dafür gewaltsaam abzurichten; und ich gebe, wenn ich Geschichte lehre, den Anderen Nichts als die Tatsachen rein und lauter, welche die Grundlage eines Urteils bilden müssen, und lasse dann an diesen sich von selbst frei die Ansicht entwickeln, ohne ein von außen in die Seele hineingeworfenes Vorurteil, ohne dem Werden der geistigen Freiheit des Andern irgend Zwang anzutun. Meine religiöse Wertanschauung endlich ist die christliche.
Ich möchte Ew. Exzellenz mit Mehr nicht belästigen. Ihr geübter Blick wird hieraus leicht sehen, wie ich amtlich lehren würde. Ob so ein öffentliches Leseamt der Geschichte mir zu übertragen passend sein möchte, dies zu beurteilen, steht zu Ew. Exzellenz.
Möchten Ew. Exzellenz, was ich vertrauensvoll zu schreiben wage, als in edlem Sinn geschrieben aufnehmen, und meiner Bitte ein solches Gehör gönnen, das mich zu besonderem Danke verpflichten würde.
Euer Exzellenz
Ehrererbietigster, untertäniger Diener,
Dr. W. Zimmermann, Helfer
Der Morgen ist gekommen, nach langer dunkler Nacht,
es ist aus langsam Träume das Deutsche Volk erwacht;
All überall ersteht es, ein männlich kühn Geschlecht,
sich wieder zu erringen sein altes gutes Recht.
Und von dem schönen Rheine bis zu dem Märk’schen Sand,
von schneebedeckten Alpen bis an der Nordsee Strand,
durch alle deutschen Gauen ertönt ein stolzes Wort:
„Ein einig freies Deutschland!“ so schallt’s von Ort zu Ort.
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Ihr Fremden nah und ferne, dass Ihr es alle hört:
Kein Fußbreit Deutscher Erde sei Euch fortan gewährt!
Die Losung heißet „Deutschland“, das Banner ist entrollt,
und hoch in Lüften flattert das alte Schwarz-Rot-Gold.
Und ob in Nord und Osten sich rüstet schon der Feind,
ob bald vielleicht im Westen er seine Scharen eint;
es steht die Deutsche Jugend bereit im Waffenglanz
und jauchzet froh entgegen dem nahen Schwertertanz.
O, mit dem äußern Feinde, wie keck er immer droht,
Mit Dänen, Slaven, Franken, da hat’s wohl keine Not.
Doch ach, in Deutschen Landen, den wir erstarrt geglaubt,
der alte bittre Erbfeind, der hebet auch sein Haupt.
Das ist die Deutsche Zwietracht, sie, unser ew’ger Fluch;
Noch ist es ihr des Elends, der Schande nicht genug,
hier sucht sie zu verlocken mit süßem Schmeichelton,
dort reizt sie und erbittert durch Trotz und frechen Hohn.
Mit diesem Feind zu kämpfen, da hilft kein scharfes Schwer,
da ist es nur die Liebe, die hält uns unversehrt:
Die Liebe, die nicht richtet, die Liebe, die vergibt,
die mit dem Deutschen Lande auch jeden Deutschen liebt.
Nicht gilt’s, um zu zertrümmern; auch zu erbau’n ist viel.
Nur Kraft vereint mit Milde die führen hier zum Ziel.
Wohl ist uns Kraft geworden mit kecker Kampfeslust;
O, sende, Gott, auch Milde in jede Deutsche Brust.
Und Ihr, auf die vertrauend das Deutsche Volk wird schau’n,
Ihr, seine besten Söhne, die jetzt das Werk erbau’n,
die schworen, Gut und Leben zu weihen am Altar,
bringt auch die Einzelmeinung als Opfer freudig dar:
Dass, aus vereintem Wirken, dem künftigen Geschlecht
Ein fester Bau erwachse für Freiheit, Licht und Recht;
Dass, ein verjüngter Phönix, aus dieser Zeiten Brand
Ersteh‘ ein großes, freies, ein Deutsches Vaterland.
Herzliebes Weib! Da liegt der Kaiser! Den König von Preußen haben sie dazu gemacht. Es stimmten: 290 für ihn, 248 erklärten, sie wählen nicht, darunter ich […]. Die Handlung war ohne alle Weihe, es fielen Späße und unendliches Gelächter und Klatschen dazwischen. Damen wurden unmächtig, so voll wars […]. Die Glocken läuten noch, die Kanonen donnern. Morgen wird eine Deputation von 24 Gliedern nach Berlin gehen […]. Als der Präsident die Wahl verkündete, erhoben sich die, die ihn wählten, mit Hoch!, der Kaiser! Die Linke saß lautlos, unbewegt auf ihren Bänken. Da sie sehr lange standen und schrieen, so machte der Kontrast der Sitzenden und Schweigenden wirklich einen tiefen Eindruck auf die ganz stillen Galerien nicht bloß, sondern selbst auf die Erbkaiserlichen. Es zeigte sich hier wie in einem verhängnisvollen Vorbilde in dieser Versammlung der Riss, der in die Nation gemacht war. Von den alten Reichslanden blieben fast alle sitzen […]. Ja, liebes Weib, gemacht ist er, gegessen und getrunken und betoastet und bedeputiert wird er; aber durchführbar ist er nicht. Adieu, Liebe. […] Ich küsse, ich grüße die lieben Kinder, alle, vorab die Lieben Eltern, dein Wilhelm.
Meine Herren! […] Ich gehöre zu Denjenigen, welche, wenn sie eine Verpflichtung übernommen haben, dieser Verpflichtung treu bleiben […]. Je mehr die Fürsten sich von dem Volke und von der deutschen Nation absondern und sich unter sich zusammenschließen, umso mehr müssen die Völker und die Stämme sich zusammenschließen und sich gegenseitig helfen und beistehen […]. Auch ich gehöre zu Denen, die so lange es möglich ist, auf dem friedlichen Wege die Wirren im deutschen Lande ausgleichen mögen; aber wenn es nicht mehr geht, dann schlage ich mich zu dem Großmeister unserer Politik, den unsere Gegner immer in Anwendung bringen, zu dem Satze Machiavellis: „Heilig sind die Waffen, besonders dann, wenn keine andere Hoffnung ist, als die auf die Waffen“. […] Die Reichsverfassung […] muss durchgeführt werden […] ich sage es im Namen der großen Mehrheit und gewiss auch der Freunde der äußersten Linken, zu der ich selbst gehöre.
Nicht allen Staatsumwälzungen gehen Zeichen und Warnungen voraus; es gibt auch politische Donnerschläge aus blauem Himmel, der freilich nur blau ist für Diejenigen, welche kurzsichtig nur das Nächste sehen, und nicht, was hinter den Bergen ist. Die Machthaber in Deutschland hatten sich gewöhnt, das Volk für eine Uhr anzusehen, und für eine Sache ihres Beliebens, den Zeiger daran jetzt etwas vorwärts und dann wieder drei mal so viel rückwärts zu drehen.
In Deutschland gab es zwar seit lange Zeichen und Warnungen genug für den Sehenden; aber die Fürsten hatten es an ihren Höfen sogar eingeführt, dass man ihnen die lautere Wahrheit nicht sagen durfte, selbst von Denen keiner, die darauf beeidigt waren, zwischen Volk und Fürst zu vermitteln, und die dafür die Verantwortlichkeit auf sich genommen hatten. Man hatte ihnen zu lange geschmeichelt, sie hatten sich zu sehr schmeicheln lassen, als dass sie nicht hätten Alles glauben und sich einbilden sollen. Der Kreis ihrer Höflinge und die Damen, denen sie ihre Neigung zuwandten, waren ein die einzigen Quellen, aus denen die Fürsten die Kunde über die Zeitverhältnisse schöpften. Die öffentlichen Blätter, in welchen redliche Männer wahrhaftig sich aussprachen, hatte man klüglich den Fürsten zu verdächtigen gewusst. Die besten wusste man vor ihnen zu verheimlichen; ja es ist Tatsache, und kann erwiesen werden, dass selbst von solchen Blättern, welche täglich durch die Hand des Fürsten gingen, einzelne Beilagen unterschlagen wurden, weil sie die Lage des Volkes und die Heillosigkeit des bisherigen Systems ihm aufgedeckt hätten. Die Bedrückung des öffentlichen Wortes war ohnedies in den letzten Monaten so unverantwortlich frech und zugreifend geworden, dass nicht nur die Gefahr, welche das Aussprechen der Wahrheit bedrohte, manchen freien Mann schüchtern oder schweigsam machte, sondern dass selbst Denen, welche im Dienst der Wahrheit keine Gefahr scheuten, rein unmöglich gemacht wurde, auch nur bescheiden und rücksichtsvoll zu sagen, wie die Dinge und die Personen waren und lagen. Mehr als ein deutscher Fürst war in der Lage Ludwig XIV. “Wann wird ihre Frau entbunden”, fragte der Herrscher einen seiner Höflinge. “Wann es Ew. Majestät gefällig sein wird”, antwortete dieser mit tiefer Verbeugung. So glaubte mancher deutsche Fürst, es komme auf ihn an, ob und wann die Zeit eine neue Geburt vollbringen solle oder nicht.
Aber je weniger die Wahrheit sprechen darf, desto mehr handelt sie im Stillen. Stille Wasser sind tief, gilt auch in der Politik.
Die Umgebung des Königs waren entschiedene Absolutisten, voll Übermut auf ihre militärischen Mittel, voll Verachtung des Volks und seiner Leiter.
Als die Kunden kamen aus den kleineren deutschen Staaten von den Siegen des Volkes, sah man am Berliner Hof hoch herab auf jene Regierungen, die sich vom Volke hatten Zugeständnisse abnötigen lassen. [...] Selbst Metternich hatte nur nach ihrer Ansicht einen Augenblick den Kopf verloren, sonst wäre er nicht verjagt worden. So dachten, so sprachen die Herren am Berliner Hof. Man hatte sich zu lang und zu unverschämt gegenseitig selbst gelobt und loben lassen, so dass man sich groß vorkam, unüberwindlich. Das “herrliche, das unvergleichliche Heer” stand ja jedem Wink bereit und man freute sich am Hofe einmal Gelegenheit zu haben, der Welt zeigen zu können, wie in Berlin das absolute Regiment durch Energie im rechten Augenblick, durch ein paar gut angebrachte Salben jedes Unterfangen des “beschränkten Untertanenverstands” zur Ordnung zu weisen wisse. [...] Weiterlesen
Als die Entsetzen der Nacht wuchsen, als der Kampf die grässlichere Gestalt des Bürgerkriegs annahm, wagte sich eine neue Abordnung der Bürger ins Schloss, der König ließ sie vor; einer früheren war es nicht gelungen vorgelassen zu werden [...].
Als die Abordnung bei dem König eingetreten war, fand sie den König für ihre Bitte im Geringsten nicht geneigt. Das Militär, sprach er, darf nicht aus der Stadt, kann nicht aus der Stadt gezogen werden. Das Militär ist ja auch zum Schutz der Bürger da, und nicht bloß zur Herstellung der Ruhe.
Die Bürger Neumann und Nobiling stellten dem König untertänig die Sachlage dar, sie erkannten klar, dass man im Schloss nicht wusste, wie es in der Stadt stand. Sie beschworen den König flehentlich, unverzüglich den Befehl zum Rückzug der Truppen zu erteilen.
“Das geht nicht!”, fiel der Prinz von Preußen dazwischen.
Die Bürger fragten bescheiden, aber fest, wer es wagen dürfe, sich zwischen Seine Majestät und die Abordnung der Stadtverordneten von Berlin unberufen einzumischen?
Und der König sagte: Seine königliche Hoheit der Prinz hat Recht!
Dann fuhr der König fort: “Ich bin ein mächtiger Herr; meine Truppen werden über die Ruhestörer siegen.”
Majestät, sagte einer der Abgeordneten, worunter auch der Bürgermeister Naunyn, Dunker und Doktor Stieber, ein Sieg für Ew. Majestät käme in diesem Fall einer Niederlage gleich!
“Mein väterliches Herz blutet, sprach der König Friedrich Wilhelm IV. - aber sie wollen es nicht anders.” [...]
Es ist nicht die Rede, versetzte einer der Abgeordneten, von einer Emeute, sondern von einer Revolution, einer Revolution im vollen Sinne des Wortes. Hören Sie es nicht draußen? -
Und die Gewehrsalven knallten, die Geschütze donnerten, die Sturmglocken heulten von allen Türmen, brandrot leuchtete der Himmel, und von Waffengeklirr und wildem Geschrei dröhnte die Stadt. Aber der König und seine Umgebung blieben unbeweglich, und die Abgeordneten gingen hinweg.
Der romantische König hatte keine Vorstellung von der Macht im Volke, nur von seiner königlichen Machtvollkommenheit. Die Zugeständnisse, die er gemacht hatte, reuten ihn gewiss schon Stunden zuvor, ehe der Kampf begonnen hatte. Er war durch und durch ein mittelalterlicher König. Er kannte das Volk, und vollends seine Berliner, nur von der Seite “des angestammten Vertrauens und der Liebe zum Herrscherhause”. [...]
Die Rückkehr der Abgeordneten unter das Volk, das Bekanntwerden ihrer ganz erfolglosen Sendung, steigerte die Wut des Widerstandes. Im alten Berlin, wo es um diese Zeit am schärfsten hergegangen war, war die Hauptwache am Markt überrumpelt, die Wachen an dem Gouvernementshause erstochen, die beiden Posten an der Bank entwaffnet, die Hausvogtei erstürmt gegen 8 Uhr Abends. Nachdem die Kartätschen in den Straßen furchtbar aufgeräumt hatten, ließ erst das Kanonenfeuer nach, dann wurde auch das Kleingewehrfeuer schwächer. [...]
Bei weitem die meisten Kämpfer waren Arbeiter. Wo es an Kugeln mangelte, wurden Eisen- und Zinkstangen aus den Fabriken herbei geholt, zerschnitten und die Stücke in die Gewehre geladen. Kinder, Mädchen, Frauen gossen Kugeln, zerstampftes Glas wurde in das geschmolzene Blei gemischt, und dieses noch warm in die Flinten geladen. Mit jeder Stunde war die Bewaffnung allgemeiner geworden. Das Volk erstürmte in der Nacht die Kaserne des Lehreskadron und die Dragonerkaserne am Halleschen Tor, entwaffnete das Militär und bewaffnete sich mit Waffen aller Art. [...]
Im Schloss hatte die vorrückende Nacht, hatten die Verluste bedeutender Punkte in der Stadt, die das Militär an das Volk verlor, Ahnungen hervorgerufen, es könne wie in Wien oder gar wie in Paris ausgehen. Der König blieb folgerecht in seiner Verblendung: seine militärische Umgebungen hatten ihn aber auch fort und fort über die Lage der Dinge, getäuscht mitten unter den wachsenden Schrecknissen der Nacht. Vielleicht, weil sie sich selbst täuschten und belogen.
Es gab unter der Volkspartei Männer genug, welche sich über die rohen Kräfte, die in der Masse teils schlummerten, teils sich regten, keinen Augenblick täuschten, die nicht in jedem Krawall eine Äußerung des National- und Freiheitsgeistes, nicht in jedem Barrikadenmann einen reinen Helden der Sache oder gar einen einsichtsvollen Patrioten, nicht in jedem ausgesprochenen Unsinn einen politischen Gedanken sahen, und die ein offenes Auge hatten für die Fehler, welche die Volkspartei an sich hatte oder machte.
Es fehlte dagegen allerdings auch nicht an demokratischen Führern, welche dem Volke vorredeten, um ihm zu schmeicheln, dass sofort der Schwerpunkt der Herrschaft in den vierten Stand gelegt werden müsse. Der vierte Stand hatte jahrhundertelang durch die höheren Klassen der Gesellschaft gelitten, Unsägliches gelitten, und es ist ein Wunder, dass er nicht mehr dadurch entsittlicht wurde. Die Bewegung fasste den vierten Stand zwar nicht zuerst, aber sie durchschüttelte ihn am meisten, am erweckendsten und Tausend gelüstete es naturgemäß nach dem Augenblick, da der vierte Stand herrschen würde über die anderen Stände. “Jetzt sind wir Herren!” hörten Fürsten und Aristokratie mehr als Ein Mal an diesen Tagen, und mehr als an Einem Ort, aus der Mitte des vierten Standes. [...] Weiterlesen
Die schon seit mehreren Jahren von der Schweiz aus unter die Handwerksburschen und Arbeiter gebrachte, durch kleine Schriften und Vorträge genährte Missachtung nicht tyrannischer Menschensatzungen in der Religion, nicht des geistlosen Aberglaubens, sondern der Religion selbst, die schlechtthinige Gottlosigkeit wurde von Einzelnen jetzt in Deutschland selbst nicht nur unter die Arbeiter, sondern auch unter die Bauern verbreitet, Lehren, wie die: es gebe keinen Gott, die Natur sey Gott, oder auch Jeder selbst sey Gott, die Religion sey Pfaffenlug und Trug, von den Despoten der Erde begünstigt als Mittel zur Unterdrückung. [...] Das Volk auch noch des Rests von religiösen Geiste, der in ihm war, entleeren zu wollen, war einer der größten Fehler, der von einer Seite der Demokratie aus gemacht werden konnte.
Ein zweiter Fehler war, dass die Demokratie großenteils als Proletarier sich kostümierte, ordentlich darauf hielt, die feinere Sitte nicht zu haben oder abzulegen, die höheren Strebungen und Genüsse des Geistes und Das, was die Seele adelt, proletarisch zu missachten, nicht bloß die Aristokratie der Geburt, des Geldes und des Amtes, sondern auch am bewährten Volkmann die Aristokratie des Geistes für unstatthaft zu erklären, die höhere Begabung und Befähigung von jedem Vorzug auszuschließen, ihre Geltendmachung als Anmaßung, als Despotismus zu bekämpfen. [...]
Dieser Fehler, der in so vielen Richtungen wirkte, stieß die mächtigsten Verbündeten jeder nationalen Bewegung vielfach ab, - die Frauen. So sehr das weibliche Geschlecht überall da, wo die Freiheitsbewegung in der Form edler Männlichkeit auftrat, ihr mit Begeisterung und Aufopferung zugetan war, selbst Frauen und Töchter der reaktionärsten Männer: so wnig fand es sich angezogen von dieser selben Bewegung da, wo sie die Narrheit breit zur Schau trug, als wäre Sittenrohheit der echte Republikanismus. [...]
Ein Hauptfehler der Demokratie war weiter, dass die Einflussreichsten, je an ihrem Ort, der Neigung zur Anarchie nicht frühe genug entgegen traten; das Gehenlassen der Massen in der individuellen Freiheit nicht nur zum augenblicklichen Widerstand gegen die Gesetzlichen, sondern zur Verachtung jedes Gesetzes, musste zur natürlichen letzten Folge haben den Widerwillen und das Widerstreben auch gegen die Gesetze, welche die Demokratie sich selbst hab, den Mangel an der in jedem Kampf eines Lagers gegen das andere vor Allem unentbehrlichen Subordination.
Dieser Fehler wirkte um so tiefer im Laufe der Monate, als besonders in der Wahlbewegung für das deutsche Parlament von manchem Bewerber, aus Überzeugung und in gutem Glauben, oder aus Hass gegen die bisher Begünstigten, oder um die Mehrheit zu gewinnen, dem dritten und dem vierten Stand Versprechungen gemacht wurden, welche die nächsten Jahre unmöglich erfüllen konnten, namentlich die Lastenerleichterung in einem Umfang, wie sie selbst die einfache Republik nicht hätte sogleich bringen können, statt dass sie nicht weniger Kosten, wohl aber eine Verwendung der Staatseinnahmen zusagten, die Handel und Gewerbe förderten, dem Volke selbst zu Gute käme und in wenigen Jahren das Volk zu Kräften und zu einem gewissen Wohlstand brächte.
Am Abstoßendsten wirkte zweierlei, so Wenige es auch sind, denen das zur Last fällt: die Koketterie mit dem Revolutionmachen, mit der jakobinischen Blutfahne und dem roten Band im Knopfloch, und zweitens, wenn auch nicht das Hilfesuchen bei Frankreich, doch der Verdacht, in den sich ein Teil setzte, als dächte er daran, an Frankreich sich anzulehnen, gar anzuschließen.
Auch etwas von französischer Frivolität war in die Adern der Demokratie übergegangen. Seit mehr als zwanzig Jahren war ja ein frivoler Geist durch die Höfe der Fürsten, durch die Salons der vornehmen Welt, durch die Säle der Wissenschaft und Kunst, durch den Mittelstand und zuletzt selbst durch den Arbeiterstand, wenn auch durch die beiden letztern nur bis auf einem gewissen Grad, herrschend geworden: so war jetzt auch die Demokratie davon angesteckt; war auch wenig davon in ihr, so war dies Wenige doch zu viel und der Ernst, der in ihr war, war nicht so groß und tief, als ihn die Zeit erforderte, in der Gott zu Gericht saß zuerst über die Sünden der Fürsten und dann über die der Völker.
In dem Geräusch, unter dem die Mitglieder der Nationalversammlung gewählt wurden, in Frankfurt eintrafen und zusammen traten, verschwamm der Fünfzigerausschuss; und das Glockengeläute von allen Türmen der Stadt, und der Kanonendonner, womit der Anfang des Parlaments verkündet ward, am 18. Mai Abends vier Uhr, bezeichneten das Verscheiden des Ausschusses.
Das war eine Bewegung, eine Regsamkeit, ein Freuden- und Hoffnungsschwung, von da, wo der Rhein dem nahen Meere zueilt bis wo auf der wendischen Gränzmark und an der untern Donau die letzten deutschen Laute verklingen, vom Land der Alpen bis zum Belt. Aber am glänzendsten leuchteten die Augen und die Herzen am Main gegen einander, wo, der Paulskirche zu, von allen Gauen Deutschlands und ferner her aus den slawischen Marken diejenigen sich begegneten, welche das Vertrauen des Volkes als seine erprobten treuen Männer gewählt hatten, oder welche sich wenigstens dieses Vertrauens zu bemächtigen gewusst. Die meisten auch von den Letztern waren ergriffen, erregt, mit fort gerissen von dem Geist, der die andern bewegte. [...]
Es war nur natürlich, dass unter den Abgeordneten der deutschen Nation diejenigen gesandt wurden, welche für sie gearbeitet und gelitten hatten. Da waren Namen, in den Herzen alles deutschen Volkes von gutem Klang, und von bösem Klang in den Ohren derer, die am Vaterland gesündigt hatten.
(Auswahl)
Gedichte, Stuttgart 1839 (Erstveröffentlichung 1831).
Masaniello. Trauerspiel in fünf Aufzügen, Stuttgart 1833.
Franziska von Hohenheim. Novelle, 1833.
Der deutsche Kaisersaal, Stuttgart 1833.
Amor’s und Satyr’s. 2 Bände, Stuttgart 1834.
Fürstenliebe. Novelle aus der neueren Geschichte Schwabens, Stuttgart 1834.
Cornelia Boroquia (Novelle), 1834.
Geschichte Württembergs, 1834.
Prinz Eugen, der edle Ritter. Nach größtenteils neuen Quellen, besonders nach des Prinzen hinterlassenen politischen Schriften, Stuttgart 1836.
Die Befreiungskämpfe der Deutschen gegen Napoleon, Stuttgart 1836.
Geschichte Württembergs nach seinen Sagen und Taten. 2 Bände
Erster Band, Stuttgart 1839 (Erstveröffentlichung 1836).
Zweiter Band, Stuttgart 1839 (Erstveröffentlichung 1837).
Geschichte der Hohenstaufen für das Deutsche Volk, Stuttgart 1838.
Allgemeine Geschichte des großen Bauernkriegs. Drei Bände.
Erster Teil, Stuttgart 1841.
Zweiter Teil, Stuttgart 1842.
Dritter Teil, Stuttgart 1843.
Geschichte der prosaischen und poetischen deutschen Nationallitteratur, Stuttgart 1856 (Erstveröffentlichung 1846).
Geschichte der Poesie aller Völker. Für Leser aller Stände, Stuttgart 1847.
Die Geschichte der deutschen Staaten von der Auflösung des Reiches bis auf unsere Tage (Fortführung der beiden ersten, von Johann Georg August Wirth verfassten Bände)
Band 3: 1830–1848, 1850.
Band 4: Die Deutsche Revolution, 1848.
Die deutsche Revolution, Karlsruhe, 1851.
Weltgeschichte für gebildete Jungfrauen, Stuttgart 1854.
Kirchengeschichte, 1854.
Lebensgeschichte der Kirche Jesu Christi, 4 Bände, Stuttgart 1857–1859.
Band 1
Band 2
Band 3
Band 4
Wahre Erzählungen aus der Vaterländischen Geschichte, 1862.
Illustrierte Kriegsgeschichte des Jahres 1866 für das deutsche Volk, Stuttgart 1868.
Der deutsche Heldenkampf 1870–1871, 1871.
Illustrierte Geschichte des deutschen Volkes, Drei Bände, Stuttgart 1873–1877.
Band 1
Band 2
Band 3
Borst, Otto: Die heimlichen Rebellen. Schwabenköpfe aus fünf Jahrhunderten, Stuttgart 1980.
Conrads, Norbert: Wilhelm Zimmermann (1807-1878). Ein Stuttgarter Historiker, Stuttgart 1998.
Haußherr, Hans: Wilhelm Zimmermann als Geschichtsschreiber des Bauernkriegs, in: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte 10 (1951), S. 166-181.
Müller, Roland / Schindling, Anton (Hrsg.): Bauernkrieg und Revolution. Wilhelm Zimmermann, ein Radikaler aus Stuttgart; Symposium zum 200. Geburtstag veranstaltet von der Kommission für Geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, dem Stadtarchiv Stuttgart und dem Verein der Freunde des Historischen Instituts der Universität Stuttgart (Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, Band 100), Stuttgart / Leipzig 2008.
Kitzing, Michael: Wilhelm Zimmermann (1807-1878), Stadtlexikon Stuttgart, Stadtarchiv Stuttgart, 2022.
Voigt, Johannes H.: Geschichte als Lehre für die Mitwelt: zum 100. Todestag des Pfarrers, Schriftstellers und Historikers Wilhelm Zimmermann, in: Beiträge zur Landeskunde (1978), Heft 5, S. 6-10.
Winterhager, Friedrich: Wilhelm Zimmermann. Ein schwäbischer Pfarrer als Historiker des Bauernkrieges, Würzburg 1986.
Winterhager, Friedrich: Wilhelm Zimmermann: Pfarrer, Politiker, Schriftsteller zwischen Romantik und Gründerzeit; Vortrag anlässlich des 200. Geburtstages von Wilhelm Zimmermann im Rathaus der Landeshauptstadt Stuttgart am 2.3.2007. Balthasar Friedrich Wilhelm Zimmermann 2.1.1807-22.9.1878, Hildesheim 2007.
WILHELM ZIMMERMANN

Abb.: Stadtarchiv Stuttgart
Wilhelm Zimmermann lebte und arbeitete Zeit seines Lebens in Württemberg. Vor der dort herrschenden Zensur entzog er sich mit einem Trick: Er schrieb nicht über die Gegenwart, sondern über historische Aufstände des einfachen Volkes gegen den Adel und die Kirche (obwohl er selbst auch als Pfarrer arbeitete), die ihre Freiheit unterdrückten. So auch in seiner dreibändigen „Allgemeinen Geschichte des großen Bauernkrieges“, die heute als die erste fachwissenschaftliche Arbeit zum Bauernkrieg (1525) überhaupt gilt – denn Zimmermann wiederholte darin nicht nur die bereits bekannten Daten, sondern recherchierte das Thema ausführlich in Archiven. Seine Darstellung ist, wie auch der Rest seines Schreibens und Wirkens, geprägt von seinen eigenen politischen Überzeugungen: Die unterdrückten Bürger im 19. Jahrhundert sollten sich auflehnen und für ihre Freiheit und ihre Rechte kämpfen, so wie es die Bauern 300 Jahre zuvor getan hatten. Auch wenn sein Bauernkriegs-Werk aus geschichtswissenschaftlicher Sicht heute überholt ist, bleibt es dennoch eine Pionierarbeit und inspiriert andere in ihren Werken, darunter Friedrich Engels, Gerhard Hauptmann und Käthe Kollwitz.
1848 wird er Abgeordneter der Paulskirche und Teil der radikal-linken Fraktion Donnersberg, wo er sich unter anderem für die Trennung von Staat und Kiche einsetzt, 1849 gehört er zum Stuttgarter Rumpfparlament. Zwei Jahre später schreibt er als Zeitzeuge ein ausführliches, fast tausendseitiges Werk über „Die Deutsche Revolution”.
Balthasar Friedrich Wilhelm Zimmermann wird am 2. Januar in Stuttgart geboren. Als Sohn einer armen Familie scheint sein Weg vorgezeichnet – aber seine Begabung ermöglicht ihm den Besuch des Gymnasiums und des Tübinger Stifts.
Zimmermann heiratet Luise Dizinger, eine Pfarrerstochter.
Nachdem er nach verschiedenen Regelverstößen vom Tübinger Stift verwiesen und sein Theologiestudium nur mit durchwachsenen Noten abgeschlossen hat, wird er bei Ludwig Uhland über Römische Literatur promoviert.
Das kleine Vermögen seiner Frau ermöglicht es ihm, als Journalist und Dichter tätig zu sein. Zusammen mit Eduard Mörike gibt er das „Jahrbuch schwäbischer Dichter und Novellisten“ heraus.
Zimmermann verfasst und veröffentlicht die erste wissenschaftliche Darstellung über den deutschen Bauernkrieg und zeigt darin die Bauern als Kämpfer gegen ihre Unterdrücker und für ihre Freiheit.
Zimmermann wird Professor für Literatur an der Polytechnischen Schule in Stuttgart, Vorgängerin der heutigen Universität Stuttgart. Weil kurz vor seinem Einstand Geschichte aus dem universitären Fächerkanon gestrichen wurde, gibt er darin private Unterrichtsstunden für die Studierenden.
Als Teil der radikal-linken Fraktion Donnersberg wird Zimmermann Abgeordneter der Frankfurter Paulskirche. Er gehört im Jahr darauf zu den Abgeordneten, die dagegen stimmten, Friedrich Wilhelm die Kaiserkrone anzubieten.
In der Endphase der Revolution spricht sich Zimmermann dafür aus, die Revolution, wenn nötig, auch gewaltsam durchzusetzen.
Weil er weiterhin für seine demokratischen Überzeugungen eintritt und – laut einem Unterrichtsbericht – „darauf ausgehe, die Geburtsaristokratie dem Proletariat gehässig und lächerlich darzustellen“, wird er aus dem württembergischen Schuldienst entlassen. Schon in den vorherigen Jahren war er von der Schulaufsichtsbehörde beobachtet und kontrolliert worden.
Zimmermann arbeitet in “Die Deutsche Revolution” die Geschichte der Revolution auf.
Nach seinem Ausscheiden aus dem württembergischen Landtag nimmt er verschiedene Pfarrstellen an und organisiert etwa allgemeine Schulspeisungen – politisch äußerte er sich kaum noch und entwickelt sich zu einem Bewunderer Bismarcks.
Am 22. September stirbt Zimmermann. Auf seinem Grabstein in Owen (Teck) steht ein Zitat aus seinem Gedicht „Bauernkrieg“: Ob auch Welle um Welle sich bricht und / zerstäubt, der Strom geht vorwärts.
Tiberio:
Vernimm: verschworen hat sich, eng verbunden
Der Adel mit der Priesterschaft; erheben
Woll’n wir uns allzumal für unsre Sache.
Die Privilegien der Geistlichkeit,
des Adels angeerbte, tausendjährige
Freiheiten und Gerechtsame woll’n wir,
und kost‘ es, was es wolle, wieder haben.
Weiterlesen
Francesco:
Das Recht, das mit Gewalt entrissen ward,
zurückzufordern mit Gewalt, ist recht.
Der Adel mag und soll dies – doch wozu
Das Bündnis mit der Priester hinterlistiger
Raubsücht’ger, intriganter Zunft? Der Schwan
Macht mit dem Raben keinen Bund. Es mag
Das Edle nicht sich dem Unedlen gatten
Ohn‘ einen Nachtteil für die gute Sache.
[…] Euch blieb das Volk, der Bürger redlichstarke,
ehrhafte, wackre Gemeinden. Sie,
die Hartgedrückten, härter weiter als wir,
sie hatten Ursach, uns die Hand zu bieten
zum Kampfe für ihr Recht. Sie durften es
erwarten, dass wir ihnen dazu helfen.
Tiberio:
O, sprich mir nicht vom Volk! Das Volk bleibt Volk
Ein unvernünft’ger Klumpen, zu nichts tauglich,
als wie ein Spielball hin und hergestoßen
von Mächtigern zu werden, bald für diesen
und bald für jenen Zweck. Mit ihm niemals
was anzufangen, weils in seinem Kopf
das ganze Jahr nie Tag wird, und es nie weiß,
wer Freund, wer Feind ihm ist, und wo es ihm
so eigentlich denn fehlt, und was es will.
Francesco:
Missachte nicht das Volk. Vorüber sind
Die Zeiten, wo wir Götter schienen, jenes
Nur winziges Gewürm. Es denkt. In hundert
Und tausend Nächten, wo es schlaflos sich
Der Arbeit hartes Brot mit Tränen weichte
Zur Notdurft für den Tag, da ließen wir
Ihm Zeit zu denken über sich und über
Sein Elend gegenüber uns. Es geht
Ein neuer Geist jetzt durch die Welt. Das Volk
Fängt, dass es Mensch sei, einzugestehen an.
Von allen Orten kommen Zeitungen
Von Schrecken voll. In halb Europa lodert
Der Brand. In England, Frankreich, Niederland
Hat, müde schon des Drucks der Despotie,
das Volk empört sich wider seine Fürsten,
und eingefordert sein urmenschlich Recht.
Was noch bei uns nicht ist, das kann noch werden.
Kurzsichtig wär es, unser Volk verachten,
weil es im Augenblick zu schlafen scheint.
Abend ist es, die Sonne versank, vollbracht ist das Tagwerk,
und es ladet die Ruh heiter zu Liebe und Wein.
Sprecht, warum seid ihr so stumm, am Feierabend so traurig?
Schöne Seelen, warum schweigen die Lieder der Luft?
Blass sind die Rosen der Wangen, verblasst wie der Liebenden Antlitz,
die am Gestade der See Abschied vom Teuersten nahm.
Ja, ich weiß es, ihr Edeln, ich kenne den bitteren Abschied,
der die Herzen euch schwer, düster die Augen eucht macht.
Eine Jungfrau, die ihr geliebt, hat königlich scheidend
Gute Nacht euch – und ihr meinet, auf ewig – gesagt.
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Ich auch sah die Geliebte im sinkenden Strahle der Sonne,
einen unsterblichen Kranz trug sie im dunkeln Gelock.
Strahlender als die Kronen der Erde alle, und Purpur,
unzerstörbar der Zeit, floss um den schimmernden Leib.
Um sie standen die Helden, die Schlachtenübergebliebenen,
wenige Sterne, Gewölk deckte die Andern mit Nacht.
„Lasst uns schlafen, so sprach sie, wir haben vollendet das Tagwerk,
Ich bin verraihen und müd, und es ist Schlafenszeit jetzt.“
Sprach’s und wickelte dichter ins blutigrote Gewand sich,
und wie auf’s Ruhebett hinstreckte zur Erde sie sich.
Und ihr letzteres Wort, es klang, wie des sterbenden Helden –
Aber sie schläft nur, sie ist tot nicht, die Königin schläft.
Und es wird Morgen werden, sie wird erwachen und ausgehn
Aus der Kammer hervor, bräutlich und schöner denn eh.
„Trocknet die Tränen, die Jungfrau schläft, sie ist nicht gestorben,
schweige Getümmel, sie schläft, und ich erwecke sie bald.“
So sprach einst der ewige Totenerwecker, da lachte
Rings der Pöbel, das Volk lacht‘ und verspottete ihn.
Aber er reckte die Hand, und sprach das allmächtige Wort aus,
und das Netze des Schlafes riss, und die Tote erstand.
Sehet die Blumen an des Feldes, dahin ist ihr Frühling
Und ihr Sommer, das Haupt haben sie müde geneigt.
Unter die Erde sind früh sie schlafen gegangen; denn Herbst ist
Worden, der Winter ist schon nahe voll Kälte und Nacht.
Aber der Winter wird weichen dem siegenden Frühling, die Sonne
Wird mit mächtigem Strahl sprengen das eisige Band,
dass es grünet und blüht und sich Alles erneut auf der Erde,
auf der gealterten, Strom, Vogel und Blume und Mensch.
Polenblume, wie blühtest du rosig am Wasser der Weichsel,
die von Bewunderung schwoll, Frühling und Sommer entlang!
Stolzer zogen die Wogen, von deinem Purpur gerötet,
Deine Glorie fern kündend den Töchtern des Meers.
Kühne Riesenblume, an deinem mächtigen Dufte
Hat sich Europa berauscht und die gesittete Welt.
Und auch du bist schlafen gegangen jetzt unter die Erde,
wie die Blumen des Felds, früh vor dem Eise des Nords.
Aber auch dein Lenz kehrt, dem Rufe des Totenerweckers
Wirst du erstehen und hoch schießen zum Himmel empor.
Ja erstehen wirst du neuglänzend, und Blüten und Früchte
Tragen, und glänzend mit dir werden viel Schwertern erstehn,
Kinder aus deinem Samen, den von der sterbenden Blume
Weit der allmächtige Hauch über die Lande verstreut.
Ja, du wirst auferstehn, und viele mit dir, denn die echte
Liebe kann schlummern zur Zeit, aber nicht sterben im Tod.
Ewig ist und unsterblich, wie alle Liebe, wie jedes
Himmelgeborene Kind, Liebe der Freiheit, des Rechts.
Traun, und risst ihr sie aus allen Herzen der Menschen,
auch aus dem letzten, und grübt bergetief ihr sie hinab,
tief sie hinab und tiefer, zum Mittelpunkt der Erde,
kommen würde der Lenz, kommen mit Blüten und Grün.
Und ausschlagen die Erde in Freiheitsblüten, die alten
Gährend sich regen und dreh’n und sich empören zum Kampf
Wider den Despotismus: Denn Freiheit muss werden auf Erden,
Freiheit im Reiche des Geists, Freiheit im Reiche der Welt.
Weine nicht! Wir müssen scheiden,
schwarzes Auge, weine nicht!
Mein Genoss in Schmerz und Freuden,
müssen uns auf lange meiden,
ob dein liebend Herz auch bricht.
Weine nicht! Die Edeln starben,
und das Vaterland ist tot!
Seines Sommers reiche Garben
Auf dem Siegesfeld verdarben,
weine nicht um Deine Not.
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Weine nicht! Mit Blut betauet
Ist der Freiheit frisches Grab,
und in stillem Glücke bauet,
dort der Sklave ruhig schauet
Gott auf ihn und uns herab.
Weine nicht! Vor Meuchelstreichen
Sank‘ des größten Volkes Glanz.
Sterben möcht ich eh, als weichen
Von dem Sarg der teuren bleichen
Leiche meines Vaterlands!
Weine nicht! Der Rache Boten
Zieh‘n wir durch Europas Flur,
nennen nicht die großen Toten,
nicht den Strom, den dunkelroten,
nennen einen Namen nur.
Weine nicht! Wohl schönre Räume
Schau ich, mildres Sonnenlicht.
Blauern Himmel, schön‘re Bäume
Ist’s das Land der Jugendträume,
unsre Liebe Land doch nicht!
Weine nicht! Zwei zarte Tauben,
Weib und Kind lass ich allein.
Wollen sie den Sohn dir rauben,
töte Namen ihm und Glauben,
wirf ihn in den Strom hinein.
Weine nicht! Und tu desgleichen
Treibend fern ins Meer hinein,
werden eure stillen Leichen
aller Welt ein graues Zeichen
und ein blutiger Brief mir sein.
Weine nicht! Es muss geschehen!
Schwarzes Auge, weine nicht!
Lass nach Rache, lass mich gehen!
Diesen Kuss auf Wiedersehen,
wenn der Freiheit Tag anbricht!
Der dem Bauernkrieg inwohnende Geist ist der nämliche Geist, der dritthalbhundert Jahre später das ganze Staatsgebäude Europas erschütterte und umwandelte. 1525 blutete das Volk, 1790 verblutete die Aristokratie. Jeder Schuld folgt ihre Rache, jedem Opfer seine Sühne, jeder Aussaat auf dem Boden des Lebens ihre Frucht.
Exzellenz!
Der ehrerbietigst Unterzeichnete wagt es, an Ew. Exzellenz unmittelbar die Bitte zu richten, wenigen Worten von ihm ein günstiges Gehör schenken, und in dem, was er hiermit tut, Nichts als ein reines Gewissen, Geradheit und Vertrauen finden zu wollen.
Ich bin als Bewerber um die Lehrstelle der Geschichte und deutschen Literatur an der Oberreal- und polytechnischen Schule aufgetreten. Ich kenne die Rücksichten, die eine Regierung zu nehmen hat bei Besetzung einer Lehrstelle der Geschichte an höheren Anstalten. Ich weiß auch, dass oft die Persönlichkeit eines Bewerbers von Andern aus selbstsüchtigen Absichten in ein falsches Licht zu setzen gesucht wird. Aus beiden Gründen möchte ich offen Eurer Exzellenz darlegen dürfen, was nach einer gewissen Seite von mir zu erwarten wäre, wenn mir das Leseamt der Geschichte übertragen würde. Weiterlesen
Ich gelte für freisinnig. Ich bin es, im edeln und reinen Sinne des Wortes, nicht destruktiv, sondern konservativ. Wo ich einzeln geirrt habe und durch Tatsachen eines Besseren überzeugt worden bin, da änderte ich meine einzle Ansicht: andere Änderung, als die, welche von innen heraus unabweisbar sich aufdringt, werden die Grundsätze meines Handelns und Redens nicht erleiden. Ich würde auch von Ew. Exzellenz nicht groß genug denken, wenn ich annehmen wollte, dass Sie einen, der ohne Weiteres einer ihm angenehmen Stelle wegen seine Grundsätze änderte, für das Leseamt der Geschichte passend finden würden, deren Darstellung vor allen Dingen Wahrheitsamt und Lauterkeit fordert.
Meine Freisinnigkeit – alles was ich schrieb, weist es aus – besteht darin, dass ich überall der Wahrheit in der Geschichte nachgehe, und diese ohne Bitterkeit, aber frei, wenn auch mit Schonung, sage, wo und wie ich sie finde. Meiner Ansicht nach entspricht unseren Jahrhunderten und Verhältnissen die konstitutionelle Monarchie am Meisten. Aber nirgends huldige ich ausschließlich einer Theorie, noch diene ich den Zwecken einer Partei. Nie glaubte ich an eine alleinseligmachende Staatsform, oder, dass die Freiheit an eine Gattungsart der Regierung gebunden wäre, sondern da, glaube und lehre ich, wird die meiste Freiheit sein, wo Regierung und Gesetze so weise sind, dass die Würde des Menschen in Allem aufs Höchste geachtet wird. Ich habe immer gelehrt, dass die wahre Freiheit nicht die von der Masse begehrte sei, sondern die, unter deren Licht Jeder mit Allen sich wohl fühlt, weil er seine Menschenwürde üben und bilden kann und sie sicher weiß vor Unrecht von oben und unten, vor Antastung von Seiten der Regierenden wie der Mitbürger. Eben als Geschichtskenner weiß ich, dass unter jeder Staatsform gute Gesetze und treffliche Persönlichkeiten möglich sind und glücklich wirken können, wie umgekehrt schlechte Persönlichkeiten schlecht. Ich habe immer die Praxis höher gehalten als die Theorie, und ich schöpfe meine Theorie aus den Tatsachen der Geschichte. Demagogen erziehe ich nicht, ebensowenig unreife und vorlaute Politiker. Mein eigener Sohn, jetzt im 15. Jahre, hat noch keine Ahnung von Politik durch mich bekommen. Worauf ich ihn allein hinleite, war, dass er lerne, hell sehen und recht handeln. Alles Überspannte und Unreife war mir immer sittlich und ästhetisch zuwider, und ich gebe einem unreifen oder halbreifen Magen nicht schon Speise, die nur dem gereifteren Magen verdaulich ist. Ja gerade, weil ich freisinnig bin, halte ich es für Unrecht, an der Freiheit des Andern, der unentwickelten Jugend politische und religiöse Ansichten künstlich einzuimpfen, sie frühzeitig dafür gewaltsaam abzurichten; und ich gebe, wenn ich Geschichte lehre, den Anderen Nichts als die Tatsachen rein und lauter, welche die Grundlage eines Urteils bilden müssen, und lasse dann an diesen sich von selbst frei die Ansicht entwickeln, ohne ein von außen in die Seele hineingeworfenes Vorurteil, ohne dem Werden der geistigen Freiheit des Andern irgend Zwang anzutun. Meine religiöse Wertanschauung endlich ist die christliche.
Ich möchte Ew. Exzellenz mit Mehr nicht belästigen. Ihr geübter Blick wird hieraus leicht sehen, wie ich amtlich lehren würde. Ob so ein öffentliches Leseamt der Geschichte mir zu übertragen passend sein möchte, dies zu beurteilen, steht zu Ew. Exzellenz.
Möchten Ew. Exzellenz, was ich vertrauensvoll zu schreiben wage, als in edlem Sinn geschrieben aufnehmen, und meiner Bitte ein solches Gehör gönnen, das mich zu besonderem Danke verpflichten würde.
Euer Exzellenz
Ehrererbietigster, untertäniger Diener,
Dr. W. Zimmermann, Helfer
Der Morgen ist gekommen, nach langer dunkler Nacht,
es ist aus langsam Träume das Deutsche Volk erwacht;
All überall ersteht es, ein männlich kühn Geschlecht,
sich wieder zu erringen sein altes gutes Recht.
Und von dem schönen Rheine bis zu dem Märk’schen Sand,
von schneebedeckten Alpen bis an der Nordsee Strand,
durch alle deutschen Gauen ertönt ein stolzes Wort:
„Ein einig freies Deutschland!“ so schallt’s von Ort zu Ort.
Weiterlesen
Ihr Fremden nah und ferne, dass Ihr es alle hört:
Kein Fußbreit Deutscher Erde sei Euch fortan gewährt!
Die Losung heißet „Deutschland“, das Banner ist entrollt,
und hoch in Lüften flattert das alte Schwarz-Rot-Gold.
Und ob in Nord und Osten sich rüstet schon der Feind,
ob bald vielleicht im Westen er seine Scharen eint;
es steht die Deutsche Jugend bereit im Waffenglanz
und jauchzet froh entgegen dem nahen Schwertertanz.
O, mit dem äußern Feinde, wie keck er immer droht,
Mit Dänen, Slaven, Franken, da hat’s wohl keine Not.
Doch ach, in Deutschen Landen, den wir erstarrt geglaubt,
der alte bittre Erbfeind, der hebet auch sein Haupt.
Das ist die Deutsche Zwietracht, sie, unser ew’ger Fluch;
Noch ist es ihr des Elends, der Schande nicht genug,
hier sucht sie zu verlocken mit süßem Schmeichelton,
dort reizt sie und erbittert durch Trotz und frechen Hohn.
Mit diesem Feind zu kämpfen, da hilft kein scharfes Schwer,
da ist es nur die Liebe, die hält uns unversehrt:
Die Liebe, die nicht richtet, die Liebe, die vergibt,
die mit dem Deutschen Lande auch jeden Deutschen liebt.
Nicht gilt’s, um zu zertrümmern; auch zu erbau’n ist viel.
Nur Kraft vereint mit Milde die führen hier zum Ziel.
Wohl ist uns Kraft geworden mit kecker Kampfeslust;
O, sende, Gott, auch Milde in jede Deutsche Brust.
Und Ihr, auf die vertrauend das Deutsche Volk wird schau’n,
Ihr, seine besten Söhne, die jetzt das Werk erbau’n,
die schworen, Gut und Leben zu weihen am Altar,
bringt auch die Einzelmeinung als Opfer freudig dar:
Dass, aus vereintem Wirken, dem künftigen Geschlecht
Ein fester Bau erwachse für Freiheit, Licht und Recht;
Dass, ein verjüngter Phönix, aus dieser Zeiten Brand
Ersteh‘ ein großes, freies, ein Deutsches Vaterland.
Herzliebes Weib! Da liegt der Kaiser! Den König von Preußen haben sie dazu gemacht. Es stimmten: 290 für ihn, 248 erklärten, sie wählen nicht, darunter ich […]. Die Handlung war ohne alle Weihe, es fielen Späße und unendliches Gelächter und Klatschen dazwischen. Damen wurden unmächtig, so voll wars […]. Die Glocken läuten noch, die Kanonen donnern. Morgen wird eine Deputation von 24 Gliedern nach Berlin gehen […]. Als der Präsident die Wahl verkündete, erhoben sich die, die ihn wählten, mit Hoch!, der Kaiser! Die Linke saß lautlos, unbewegt auf ihren Bänken. Da sie sehr lange standen und schrieen, so machte der Kontrast der Sitzenden und Schweigenden wirklich einen tiefen Eindruck auf die ganz stillen Galerien nicht bloß, sondern selbst auf die Erbkaiserlichen. Es zeigte sich hier wie in einem verhängnisvollen Vorbilde in dieser Versammlung der Riss, der in die Nation gemacht war. Von den alten Reichslanden blieben fast alle sitzen […]. Ja, liebes Weib, gemacht ist er, gegessen und getrunken und betoastet und bedeputiert wird er; aber durchführbar ist er nicht. Adieu, Liebe. […] Ich küsse, ich grüße die lieben Kinder, alle, vorab die Lieben Eltern, dein Wilhelm.
Meine Herren! […] Ich gehöre zu Denjenigen, welche, wenn sie eine Verpflichtung übernommen haben, dieser Verpflichtung treu bleiben […]. Je mehr die Fürsten sich von dem Volke und von der deutschen Nation absondern und sich unter sich zusammenschließen, umso mehr müssen die Völker und die Stämme sich zusammenschließen und sich gegenseitig helfen und beistehen […]. Auch ich gehöre zu Denen, die so lange es möglich ist, auf dem friedlichen Wege die Wirren im deutschen Lande ausgleichen mögen; aber wenn es nicht mehr geht, dann schlage ich mich zu dem Großmeister unserer Politik, den unsere Gegner immer in Anwendung bringen, zu dem Satze Machiavellis: „Heilig sind die Waffen, besonders dann, wenn keine andere Hoffnung ist, als die auf die Waffen“. […] Die Reichsverfassung […] muss durchgeführt werden […] ich sage es im Namen der großen Mehrheit und gewiss auch der Freunde der äußersten Linken, zu der ich selbst gehöre.
Nicht allen Staatsumwälzungen gehen Zeichen und Warnungen voraus; es gibt auch politische Donnerschläge aus blauem Himmel, der freilich nur blau ist für Diejenigen, welche kurzsichtig nur das Nächste sehen, und nicht, was hinter den Bergen ist. Die Machthaber in Deutschland hatten sich gewöhnt, das Volk für eine Uhr anzusehen, und für eine Sache ihres Beliebens, den Zeiger daran jetzt etwas vorwärts und dann wieder drei mal so viel rückwärts zu drehen.
In Deutschland gab es zwar seit lange Zeichen und Warnungen genug für den Sehenden; aber die Fürsten hatten es an ihren Höfen sogar eingeführt, dass man ihnen die lautere Wahrheit nicht sagen durfte, selbst von Denen keiner, die darauf beeidigt waren, zwischen Volk und Fürst zu vermitteln, und die dafür die Verantwortlichkeit auf sich genommen hatten. Man hatte ihnen zu lange geschmeichelt, sie hatten sich zu sehr schmeicheln lassen, als dass sie nicht hätten Alles glauben und sich einbilden sollen. Der Kreis ihrer Höflinge und die Damen, denen sie ihre Neigung zuwandten, waren ein die einzigen Quellen, aus denen die Fürsten die Kunde über die Zeitverhältnisse schöpften. Die öffentlichen Blätter, in welchen redliche Männer wahrhaftig sich aussprachen, hatte man klüglich den Fürsten zu verdächtigen gewusst. Die besten wusste man vor ihnen zu verheimlichen; ja es ist Tatsache, und kann erwiesen werden, dass selbst von solchen Blättern, welche täglich durch die Hand des Fürsten gingen, einzelne Beilagen unterschlagen wurden, weil sie die Lage des Volkes und die Heillosigkeit des bisherigen Systems ihm aufgedeckt hätten. Die Bedrückung des öffentlichen Wortes war ohnedies in den letzten Monaten so unverantwortlich frech und zugreifend geworden, dass nicht nur die Gefahr, welche das Aussprechen der Wahrheit bedrohte, manchen freien Mann schüchtern oder schweigsam machte, sondern dass selbst Denen, welche im Dienst der Wahrheit keine Gefahr scheuten, rein unmöglich gemacht wurde, auch nur bescheiden und rücksichtsvoll zu sagen, wie die Dinge und die Personen waren und lagen. Mehr als ein deutscher Fürst war in der Lage Ludwig XIV. “Wann wird ihre Frau entbunden”, fragte der Herrscher einen seiner Höflinge. “Wann es Ew. Majestät gefällig sein wird”, antwortete dieser mit tiefer Verbeugung. So glaubte mancher deutsche Fürst, es komme auf ihn an, ob und wann die Zeit eine neue Geburt vollbringen solle oder nicht.
Aber je weniger die Wahrheit sprechen darf, desto mehr handelt sie im Stillen. Stille Wasser sind tief, gilt auch in der Politik.
Die Umgebung des Königs waren entschiedene Absolutisten, voll Übermut auf ihre militärischen Mittel, voll Verachtung des Volks und seiner Leiter.
Als die Kunden kamen aus den kleineren deutschen Staaten von den Siegen des Volkes, sah man am Berliner Hof hoch herab auf jene Regierungen, die sich vom Volke hatten Zugeständnisse abnötigen lassen. [...] Selbst Metternich hatte nur nach ihrer Ansicht einen Augenblick den Kopf verloren, sonst wäre er nicht verjagt worden. So dachten, so sprachen die Herren am Berliner Hof. Man hatte sich zu lang und zu unverschämt gegenseitig selbst gelobt und loben lassen, so dass man sich groß vorkam, unüberwindlich. Das “herrliche, das unvergleichliche Heer” stand ja jedem Wink bereit und man freute sich am Hofe einmal Gelegenheit zu haben, der Welt zeigen zu können, wie in Berlin das absolute Regiment durch Energie im rechten Augenblick, durch ein paar gut angebrachte Salben jedes Unterfangen des “beschränkten Untertanenverstands” zur Ordnung zu weisen wisse. [...] Weiterlesen
Als die Entsetzen der Nacht wuchsen, als der Kampf die grässlichere Gestalt des Bürgerkriegs annahm, wagte sich eine neue Abordnung der Bürger ins Schloss, der König ließ sie vor; einer früheren war es nicht gelungen vorgelassen zu werden [...].
Als die Abordnung bei dem König eingetreten war, fand sie den König für ihre Bitte im Geringsten nicht geneigt. Das Militär, sprach er, darf nicht aus der Stadt, kann nicht aus der Stadt gezogen werden. Das Militär ist ja auch zum Schutz der Bürger da, und nicht bloß zur Herstellung der Ruhe.
Die Bürger Neumann und Nobiling stellten dem König untertänig die Sachlage dar, sie erkannten klar, dass man im Schloss nicht wusste, wie es in der Stadt stand. Sie beschworen den König flehentlich, unverzüglich den Befehl zum Rückzug der Truppen zu erteilen.
“Das geht nicht!”, fiel der Prinz von Preußen dazwischen.
Die Bürger fragten bescheiden, aber fest, wer es wagen dürfe, sich zwischen Seine Majestät und die Abordnung der Stadtverordneten von Berlin unberufen einzumischen?
Und der König sagte: Seine königliche Hoheit der Prinz hat Recht!
Dann fuhr der König fort: “Ich bin ein mächtiger Herr; meine Truppen werden über die Ruhestörer siegen.”
Majestät, sagte einer der Abgeordneten, worunter auch der Bürgermeister Naunyn, Dunker und Doktor Stieber, ein Sieg für Ew. Majestät käme in diesem Fall einer Niederlage gleich!
“Mein väterliches Herz blutet, sprach der König Friedrich Wilhelm IV. - aber sie wollen es nicht anders.” [...]
Es ist nicht die Rede, versetzte einer der Abgeordneten, von einer Emeute, sondern von einer Revolution, einer Revolution im vollen Sinne des Wortes. Hören Sie es nicht draußen? -
Und die Gewehrsalven knallten, die Geschütze donnerten, die Sturmglocken heulten von allen Türmen, brandrot leuchtete der Himmel, und von Waffengeklirr und wildem Geschrei dröhnte die Stadt. Aber der König und seine Umgebung blieben unbeweglich, und die Abgeordneten gingen hinweg.
Der romantische König hatte keine Vorstellung von der Macht im Volke, nur von seiner königlichen Machtvollkommenheit. Die Zugeständnisse, die er gemacht hatte, reuten ihn gewiss schon Stunden zuvor, ehe der Kampf begonnen hatte. Er war durch und durch ein mittelalterlicher König. Er kannte das Volk, und vollends seine Berliner, nur von der Seite “des angestammten Vertrauens und der Liebe zum Herrscherhause”. [...]
Die Rückkehr der Abgeordneten unter das Volk, das Bekanntwerden ihrer ganz erfolglosen Sendung, steigerte die Wut des Widerstandes. Im alten Berlin, wo es um diese Zeit am schärfsten hergegangen war, war die Hauptwache am Markt überrumpelt, die Wachen an dem Gouvernementshause erstochen, die beiden Posten an der Bank entwaffnet, die Hausvogtei erstürmt gegen 8 Uhr Abends. Nachdem die Kartätschen in den Straßen furchtbar aufgeräumt hatten, ließ erst das Kanonenfeuer nach, dann wurde auch das Kleingewehrfeuer schwächer. [...]
Bei weitem die meisten Kämpfer waren Arbeiter. Wo es an Kugeln mangelte, wurden Eisen- und Zinkstangen aus den Fabriken herbei geholt, zerschnitten und die Stücke in die Gewehre geladen. Kinder, Mädchen, Frauen gossen Kugeln, zerstampftes Glas wurde in das geschmolzene Blei gemischt, und dieses noch warm in die Flinten geladen. Mit jeder Stunde war die Bewaffnung allgemeiner geworden. Das Volk erstürmte in der Nacht die Kaserne des Lehreskadron und die Dragonerkaserne am Halleschen Tor, entwaffnete das Militär und bewaffnete sich mit Waffen aller Art. [...]
Im Schloss hatte die vorrückende Nacht, hatten die Verluste bedeutender Punkte in der Stadt, die das Militär an das Volk verlor, Ahnungen hervorgerufen, es könne wie in Wien oder gar wie in Paris ausgehen. Der König blieb folgerecht in seiner Verblendung: seine militärische Umgebungen hatten ihn aber auch fort und fort über die Lage der Dinge, getäuscht mitten unter den wachsenden Schrecknissen der Nacht. Vielleicht, weil sie sich selbst täuschten und belogen.
Es gab unter der Volkspartei Männer genug, welche sich über die rohen Kräfte, die in der Masse teils schlummerten, teils sich regten, keinen Augenblick täuschten, die nicht in jedem Krawall eine Äußerung des National- und Freiheitsgeistes, nicht in jedem Barrikadenmann einen reinen Helden der Sache oder gar einen einsichtsvollen Patrioten, nicht in jedem ausgesprochenen Unsinn einen politischen Gedanken sahen, und die ein offenes Auge hatten für die Fehler, welche die Volkspartei an sich hatte oder machte.
Es fehlte dagegen allerdings auch nicht an demokratischen Führern, welche dem Volke vorredeten, um ihm zu schmeicheln, dass sofort der Schwerpunkt der Herrschaft in den vierten Stand gelegt werden müsse. Der vierte Stand hatte jahrhundertelang durch die höheren Klassen der Gesellschaft gelitten, Unsägliches gelitten, und es ist ein Wunder, dass er nicht mehr dadurch entsittlicht wurde. Die Bewegung fasste den vierten Stand zwar nicht zuerst, aber sie durchschüttelte ihn am meisten, am erweckendsten und Tausend gelüstete es naturgemäß nach dem Augenblick, da der vierte Stand herrschen würde über die anderen Stände. “Jetzt sind wir Herren!” hörten Fürsten und Aristokratie mehr als Ein Mal an diesen Tagen, und mehr als an Einem Ort, aus der Mitte des vierten Standes. [...] Weiterlesen
Die schon seit mehreren Jahren von der Schweiz aus unter die Handwerksburschen und Arbeiter gebrachte, durch kleine Schriften und Vorträge genährte Missachtung nicht tyrannischer Menschensatzungen in der Religion, nicht des geistlosen Aberglaubens, sondern der Religion selbst, die schlechtthinige Gottlosigkeit wurde von Einzelnen jetzt in Deutschland selbst nicht nur unter die Arbeiter, sondern auch unter die Bauern verbreitet, Lehren, wie die: es gebe keinen Gott, die Natur sey Gott, oder auch Jeder selbst sey Gott, die Religion sey Pfaffenlug und Trug, von den Despoten der Erde begünstigt als Mittel zur Unterdrückung. [...] Das Volk auch noch des Rests von religiösen Geiste, der in ihm war, entleeren zu wollen, war einer der größten Fehler, der von einer Seite der Demokratie aus gemacht werden konnte.
Ein zweiter Fehler war, dass die Demokratie großenteils als Proletarier sich kostümierte, ordentlich darauf hielt, die feinere Sitte nicht zu haben oder abzulegen, die höheren Strebungen und Genüsse des Geistes und Das, was die Seele adelt, proletarisch zu missachten, nicht bloß die Aristokratie der Geburt, des Geldes und des Amtes, sondern auch am bewährten Volkmann die Aristokratie des Geistes für unstatthaft zu erklären, die höhere Begabung und Befähigung von jedem Vorzug auszuschließen, ihre Geltendmachung als Anmaßung, als Despotismus zu bekämpfen. [...]
Dieser Fehler, der in so vielen Richtungen wirkte, stieß die mächtigsten Verbündeten jeder nationalen Bewegung vielfach ab, - die Frauen. So sehr das weibliche Geschlecht überall da, wo die Freiheitsbewegung in der Form edler Männlichkeit auftrat, ihr mit Begeisterung und Aufopferung zugetan war, selbst Frauen und Töchter der reaktionärsten Männer: so wnig fand es sich angezogen von dieser selben Bewegung da, wo sie die Narrheit breit zur Schau trug, als wäre Sittenrohheit der echte Republikanismus. [...]
Ein Hauptfehler der Demokratie war weiter, dass die Einflussreichsten, je an ihrem Ort, der Neigung zur Anarchie nicht frühe genug entgegen traten; das Gehenlassen der Massen in der individuellen Freiheit nicht nur zum augenblicklichen Widerstand gegen die Gesetzlichen, sondern zur Verachtung jedes Gesetzes, musste zur natürlichen letzten Folge haben den Widerwillen und das Widerstreben auch gegen die Gesetze, welche die Demokratie sich selbst hab, den Mangel an der in jedem Kampf eines Lagers gegen das andere vor Allem unentbehrlichen Subordination.
Dieser Fehler wirkte um so tiefer im Laufe der Monate, als besonders in der Wahlbewegung für das deutsche Parlament von manchem Bewerber, aus Überzeugung und in gutem Glauben, oder aus Hass gegen die bisher Begünstigten, oder um die Mehrheit zu gewinnen, dem dritten und dem vierten Stand Versprechungen gemacht wurden, welche die nächsten Jahre unmöglich erfüllen konnten, namentlich die Lastenerleichterung in einem Umfang, wie sie selbst die einfache Republik nicht hätte sogleich bringen können, statt dass sie nicht weniger Kosten, wohl aber eine Verwendung der Staatseinnahmen zusagten, die Handel und Gewerbe förderten, dem Volke selbst zu Gute käme und in wenigen Jahren das Volk zu Kräften und zu einem gewissen Wohlstand brächte.
Am Abstoßendsten wirkte zweierlei, so Wenige es auch sind, denen das zur Last fällt: die Koketterie mit dem Revolutionmachen, mit der jakobinischen Blutfahne und dem roten Band im Knopfloch, und zweitens, wenn auch nicht das Hilfesuchen bei Frankreich, doch der Verdacht, in den sich ein Teil setzte, als dächte er daran, an Frankreich sich anzulehnen, gar anzuschließen.
Auch etwas von französischer Frivolität war in die Adern der Demokratie übergegangen. Seit mehr als zwanzig Jahren war ja ein frivoler Geist durch die Höfe der Fürsten, durch die Salons der vornehmen Welt, durch die Säle der Wissenschaft und Kunst, durch den Mittelstand und zuletzt selbst durch den Arbeiterstand, wenn auch durch die beiden letztern nur bis auf einem gewissen Grad, herrschend geworden: so war jetzt auch die Demokratie davon angesteckt; war auch wenig davon in ihr, so war dies Wenige doch zu viel und der Ernst, der in ihr war, war nicht so groß und tief, als ihn die Zeit erforderte, in der Gott zu Gericht saß zuerst über die Sünden der Fürsten und dann über die der Völker.
In dem Geräusch, unter dem die Mitglieder der Nationalversammlung gewählt wurden, in Frankfurt eintrafen und zusammen traten, verschwamm der Fünfzigerausschuss; und das Glockengeläute von allen Türmen der Stadt, und der Kanonendonner, womit der Anfang des Parlaments verkündet ward, am 18. Mai Abends vier Uhr, bezeichneten das Verscheiden des Ausschusses.
Das war eine Bewegung, eine Regsamkeit, ein Freuden- und Hoffnungsschwung, von da, wo der Rhein dem nahen Meere zueilt bis wo auf der wendischen Gränzmark und an der untern Donau die letzten deutschen Laute verklingen, vom Land der Alpen bis zum Belt. Aber am glänzendsten leuchteten die Augen und die Herzen am Main gegen einander, wo, der Paulskirche zu, von allen Gauen Deutschlands und ferner her aus den slawischen Marken diejenigen sich begegneten, welche das Vertrauen des Volkes als seine erprobten treuen Männer gewählt hatten, oder welche sich wenigstens dieses Vertrauens zu bemächtigen gewusst. Die meisten auch von den Letztern waren ergriffen, erregt, mit fort gerissen von dem Geist, der die andern bewegte. [...]
Es war nur natürlich, dass unter den Abgeordneten der deutschen Nation diejenigen gesandt wurden, welche für sie gearbeitet und gelitten hatten. Da waren Namen, in den Herzen alles deutschen Volkes von gutem Klang, und von bösem Klang in den Ohren derer, die am Vaterland gesündigt hatten.
(Auswahl)
Gedichte, Stuttgart 1839 (Erstveröffentlichung 1831).
Masaniello. Trauerspiel in fünf Aufzügen, Stuttgart 1833.
Franziska von Hohenheim. Novelle, 1833.
Der deutsche Kaisersaal, Stuttgart 1833.
Amor’s und Satyr’s. 2 Bände, Stuttgart 1834.
Fürstenliebe. Novelle aus der neueren Geschichte Schwabens, Stuttgart 1834.
Cornelia Boroquia (Novelle), 1834.
Geschichte Württembergs, 1834.
Prinz Eugen, der edle Ritter. Nach größtenteils neuen Quellen, besonders nach des Prinzen hinterlassenen politischen Schriften, Stuttgart 1836.
Die Befreiungskämpfe der Deutschen gegen Napoleon, Stuttgart 1836.
Geschichte Württembergs nach seinen Sagen und Taten. 2 Bände
Erster Band, Stuttgart 1839 (Erstveröffentlichung 1836).
Zweiter Band, Stuttgart 1839 (Erstveröffentlichung 1837).
Geschichte der Hohenstaufen für das Deutsche Volk, Stuttgart 1838.
Allgemeine Geschichte des großen Bauernkriegs. Drei Bände.
Erster Teil, Stuttgart 1841.
Zweiter Teil, Stuttgart 1842.
Dritter Teil, Stuttgart 1843.
Geschichte der prosaischen und poetischen deutschen Nationallitteratur, Stuttgart 1856 (Erstveröffentlichung 1846).
Geschichte der Poesie aller Völker. Für Leser aller Stände, Stuttgart 1847.
Die Geschichte der deutschen Staaten von der Auflösung des Reiches bis auf unsere Tage (Fortführung der beiden ersten, von Johann Georg August Wirth verfassten Bände)
Band 3: 1830–1848, 1850.
Band 4: Die Deutsche Revolution, 1848.
Die deutsche Revolution, Karlsruhe, 1851.
Weltgeschichte für gebildete Jungfrauen, Stuttgart 1854.
Kirchengeschichte, 1854.
Lebensgeschichte der Kirche Jesu Christi, 4 Bände, Stuttgart 1857–1859.
Band 1
Band 2
Band 3
Band 4
Wahre Erzählungen aus der Vaterländischen Geschichte, 1862.
Illustrierte Kriegsgeschichte des Jahres 1866 für das deutsche Volk, Stuttgart 1868.
Der deutsche Heldenkampf 1870–1871, 1871.
Illustrierte Geschichte des deutschen Volkes, Drei Bände, Stuttgart 1873–1877.
Band 1
Band 2
Band 3
Borst, Otto: Die heimlichen Rebellen. Schwabenköpfe aus fünf Jahrhunderten, Stuttgart 1980.
Conrads, Norbert: Wilhelm Zimmermann (1807-1878). Ein Stuttgarter Historiker, Stuttgart 1998.
Haußherr, Hans: Wilhelm Zimmermann als Geschichtsschreiber des Bauernkriegs, in: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte 10 (1951), S. 166-181.
Müller, Roland / Schindling, Anton (Hrsg.): Bauernkrieg und Revolution. Wilhelm Zimmermann, ein Radikaler aus Stuttgart; Symposium zum 200. Geburtstag veranstaltet von der Kommission für Geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, dem Stadtarchiv Stuttgart und dem Verein der Freunde des Historischen Instituts der Universität Stuttgart (Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, Band 100), Stuttgart / Leipzig 2008.
Kitzing, Michael: Wilhelm Zimmermann (1807-1878), Stadtlexikon Stuttgart, Stadtarchiv Stuttgart, 2022.
Voigt, Johannes H.: Geschichte als Lehre für die Mitwelt: zum 100. Todestag des Pfarrers, Schriftstellers und Historikers Wilhelm Zimmermann, in: Beiträge zur Landeskunde (1978), Heft 5, S. 6-10.
Winterhager, Friedrich: Wilhelm Zimmermann. Ein schwäbischer Pfarrer als Historiker des Bauernkrieges, Würzburg 1986.
Winterhager, Friedrich: Wilhelm Zimmermann: Pfarrer, Politiker, Schriftsteller zwischen Romantik und Gründerzeit; Vortrag anlässlich des 200. Geburtstages von Wilhelm Zimmermann im Rathaus der Landeshauptstadt Stuttgart am 2.3.2007. Balthasar Friedrich Wilhelm Zimmermann 2.1.1807-22.9.1878, Hildesheim 2007.
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